Amazon, die Abrechnung nach Seiten und der Untergang des Abendlandes

Amazon bezahlt die Autoren nicht mehr pro Buch, sondern pro gelesener Seite. So ging es durch die Presse und die Empörung war groß. Zwar stimmte das so nicht, Amazon bezahlt nur in seiner Flatrate die Autoren pro gelesener Seite. Und auch das gilt nur für die Selfpublisher.
Aber die Empörung über die Datensammelwut des Internetriesen aus Seattle war dennoch nicht ganz unberechtigt. Selbst wenn es nicht neu ist, dass die E-Book-Reader schon lange speichern, wer wann was liest. Jeder Reader merkt sich, wo der Leser aufgehört hat zu lesen. Und seit die Reader, egal ob Amazons Kindle oder der Tolino, die Daten in der Cloud ablegen, wird es noch einfacher für die Firmen, diese Daten zu gewinnen und auszuwerten. Die Seitenabrechnung von Amazon hat uns nur erneut daran erinnert, welche Daten und welche Informationsmengen den Betreibern da zur Verfügung stehen.
Über den Abrechnungsmodus selbst kann man unterschiedlicher Meinung sein. Bisher konnten Verfasser kurzer Texte mit Amazons Flatrate mehr verdienen als mit dem Verkauf. Während die Verfasser langer Texte eher Nachteile haben. Jetzt ändert sich das, entsprechend steigen die ersten Selfpublisher mit Kurztexten aus und andere steigen ein. Die Verlagsautoren betrifft das alles nicht, dort gibt es ganz andere Probleme. Dass sie nämlich oft von den Verlagen ungefragt in die Flatrates bei Amazon oder Skoobe eingestellt werden und dort deutlich weniger verdienen als beim Verkauf.

Daten sind Goldgruben. Sie erlauben es, Kunden und Kaufgewohnheiten zu erforschen, sollen voraussagen, welche Produkte, welche Eigenschaften sich verkaufen werden und welche nicht.
In der Literatur kann das verheerend wirken.

Wollen Sie nur noch Bücher lesen, die am Reißbrett anhand der Lesegewohnheiten entworfen werden? Paßgerecht zugeschnittene Literatur?

Nicht dass es das nicht schon längst gegeben hat. Vom geplanten Bestseller träumen Verlagskaufleute schon lange. Verlage wollten die Autoren schon immer gerne in die Richtung steuern, die ihrer Meinung nach marktgängig ist. Jetzt allerdings könnten sie bald eine Fülle von Daten an der Hand haben, die ihnen weit bessere Möglichkeiten dafür bieten. Man muss nicht mal die Daten von Amazon kaufen. Schon die Analyse in den E-Book-Readern, wer wann wo welche Anmerkungen gemacht hat, lässt Rückschlüsse darauf zu, bis wohin gelesen wurde. Der Wissenschaftler Jordan Ellenberg hat das gemacht.
Noch viel beunruhigender ist ein anderer Aspekt. Wer in den Fünfzigern in einem Dorf, einer Kleinstadt, selbst in einem übersichtlichen Großstadtviertel wohnte, wusste es: Jeder kennt jeden, jeder weiß alles über jeden. Manchmal glaube ich, dass uns das Internet, Facebook und all die sozialen Netze wieder in diese Zeit zurückversetzen. Damals musste man zur Kirche gehen, brav die Kirchensteuer zahlen, selbst wenn man nicht an Gott glaubte. Und egal, wie haarsträubend die Predigt des Pfarrers war, aufmerksames Zuhören war angesagt. Wer die falschen Bücher in der Stadtbibliothek auslieh oder im Regal stehen hatte, konnte schnell in den Verdacht kommen, ein Kommunist oder Homo zu sein. Beides war existenzgefährdend.

Datenschutz ist keine Spinnerei weltfremder Liberaler

Man muss nicht gleich die Datensammelwut von Gestapo, KGB und Stasi bemühen, selbst die Fünfziger Jahre zeigen, wie wichtig er ist. Jaron Lanier hat das im Interview beleuchtet. Ich halte Jeff Bezos nicht für einen geldgierigen Teufel, vemutlich ist er sogar ein netter Mensch, schätzt Bücher und glaubt, das Gottesgeschenk für den Buchmarkt zu sein.
Nur heißt das leider nicht, dass Amazons Datensammlungen nicht beunruhigend sind. Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut. Amazon, Facebook und Google haben mittlerweile sehr viel Macht angehäuft.

Noch etwas fällt mir auf. Zwar wird landauf, landab über Amazon geschimpft. Alle empören sich über die Datensammelwut des Giganten. Und alle, so scheint es, sind überzeugt, dass sie wehrlos sind, hilflos, dass Unmutsäußerungen das einzige sei, was möglich ist.
Ist es das? Sind wir wirklich wehrlos? Immerhin funktioniert die Buchplanung am Reißbrett nur, wenn wir auch so lesen, wie am Reißbrett geplant.

Schon 1997 konnte man aus den Daten vergangener Buchkäufe einiges erschließen:

      1. Zehnjährige lesen keine Bücher mit mehr als 120, 150 Seiten.

 

      2. Jungen lesen keine Bücher von Autorinnen und überhaupt nur wenig.

 

      3. Wenn der Held eine Heldin ist, fördert das den Verkauf, schließlich sind Mädchen die Kunden der Kinderbücher.

 

    4. Fantasy verkauft sich nur in kleinen Stückzahlen.

Eine gewisse Joanne K Rowling, die damals niemand kannte, kümmerte sich einen Dreck darum, entwarf ihr Werk nicht nach den Marketingregeln vergangener Buchkäufe. Harry Potter wurde zum Welterfolg.

Ich weiß, ich weiß, liebe Autorinnen und Autoren. So ein Erfolg geschieht einmal in fünf Jahren. Andere Bücher, die sich nicht an den Lesegewohnheiten orientierten, floppten. Das Risiko ist hoch. Wer sich an den Daten orientiert, was Leser bisher gelesen haben, wählt die sichere Seite. Das wird in Zukunft zunehmen. Je mehr Daten über Lesegewohnheiten durch Reader und deren Betreiber erhoben werden, desto höher wird der Druck werden.
Autoren wollen schließlich leben, Croissant zum Frühstück, eine große Wohnung mit Balkon, schön Essen gehen, wer will das nicht. Und sich am Lesergeschmack und Lesegewohnheiten zu orientieren, da ist man auf der sicheren Seite. Me-Too Strategie nennt man das.

Wir alle schimpfen auf die neoliberalen Ideen

Bankenkrise, nur noch Kommerz, kennen wir ja. Aber wir alle sind überzeugt, dass wir uns diesem Prokrustesbett anpassen müssen.

Müssen wir das? Zumindest ab und zu könnten wir den großen Datensammlern eine Nase drehen, etwas anderes schreiben. Und vor allem etwas anderes lesen.
Um einmal auch Positives über die digitalen Konzerne zu vermelden. Mark Zuckerberg, der Chef von Facebook, empfiehlt seit neuestem Bücher. Nein, nicht die gängigen Bestseller. Sondern eher unbekannte Werke. Nichts gegen Bestsellerlisten. Aber niemand verbietet uns, auch mal anderes zu lesen. Niemand kann uns zwingen, immer das gleiche zu lesen, immer das gleiche zu schreiben. Amazon hat uns nicht nur seine Datenkrake beschert. Sondern auch ganz neue Möglichkeiten des Veröffentlichens. Wir müssen es nur nutzen.
Auf den Buchmesse in Frankfurt und Leipzig habe ich die Vorträge in den Selfpublisherforen verfolgt. 90% behandelten das Marketing und wie man sich verkauft. Nichts dagegen, wie oben erwähnt, ich gehe auch gern essen, ich weiß, dass ich Miete zahlen muss, dass es darum geht, zu verkaufen, verkaufen, verkaufen. Aber ich finde es schade, wie sehr wir Autoren und Leser uns auch gängeln lassen.

1965 erschien ein Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe“

Nur 5% aller Jugendlichen studierten damals, Mädchen, Kinder aus dem ländlichen Raum, Arbeiterkinder hatten wenig Chancen, dazu zu gehören. Der Autor Georg Picht war sehr skeptisch, dass man das ändern könne. Der frühere Freiburger Asta Vorsitzende Ignaz Bender sah das anders. Er wollte den VdS, den Verband der Studentenschaften zu einer Demonstration am 1. Juli aufrufen. Viele sagten: Hoffnungslos, darunter der Spiegel(!) und der spätere Berliner Oberbürgermeister Diepgen. Stundenten interessieren sich für Mensapreise, aber sonst nichts. Da kriegen wir nicht mal 10.000 zusammen.
Am 1. Juli 1965 gingen 100.000 Studenten, 40% aller damaligen Studenten, auf die Strasse, alle Medien berichteten, in der Folge gab es viele Diskussion und Aktionen, darunter „Student aufs Land“. Sie setzten eine Entwicklung in Gang, die die Bundesrepublik prägen sollte. Auch wenn heute nicht alles ideal im deutschen Bildungssystem ist, so hoffnungslos schwarz wie mancher es malte, war es nicht. Und mittlerweile studieren mehr Frauen an der Uni als Männer.

Amazon markierte 2014 die Bücher der Bonniergruppe und von Hachette als „Lieferfrist 8-12 Tage“ und entfernte sie aus den „Kunden haben auch gekauft“ und anderen Listen. Das Geschrei unter den Autoren war verständlicherweise groß, zahlreiche Artikel erschienen, nicht jeder von Sachkenntniss getrübt. Aber als Nina George, Elke Pistor und ich eine Unterschriftenliste aller Autoren gegen diese Amazon-Aktion vorschlugen, sagten alle: „Zwecklos, damit wischen die sich den Arsch ab“. Ganz offensichtlich war in den Köpfen die Übermacht der Konzerne unverrückbar, der Untergang des Abendlandes gewiss. Doch dass man etwas dagegen unternehmen könne, schien vielen unvorstellbar.
Dabei waren die Folgen absehbar. Wäre Amazon mit dieser Aktion erfolgreich gewesen, hätten andere Firmen dieses Modell übernommen. Womöglich wäre irgendwann ein Finanzmanager des Spiegels auf die glorreiche Idee gekommen, von den Verlagen entsprechend große Anzeigen zu verlangen – schließlich nützt die Bestsellerliste auch den Verlagen! – und sie hätten Ullstein aus der Liste ausgeschlossen, bis die mehr Anzeigen schalten. Auch andere Firmen wären versucht gewesen, dieses Modell zu kopieren.
Die Unterschriftenliste kam zustande. Sie erreichte ihr Ziel, Amazon soviel Ärger wie möglich zu machen, um etwaige Wiederholungstaten zu verhindern. Amazons Ruf hat die Aktion nicht gefördert, sein Marktanteil im Buchbereich ging zurück.
So mancher derer, die sie vorab für unnütz erklärt hatten, hat dann doch unterschrieben. Ich will niemanden nachträglich von dem Inhalt überzeugen. Aber davon, dass wir nicht lauthals den Untergang des Abendlandes beklagen müssen, in der festen Überzeugen, doch nichts tun zu können. Außer zu klagen. Manchmal habe ich das Gefühlt, dass einige laut die Übel des Neoliberalismus und des Kapitalismus beklagen und glauben, irgendwann werde ein Raumschiff mit lieben, netten Aliens kommen, eine tolle Gesellschaftsform im Schlepptau und dann leben wir im Paradies. Liebe Leute, ich fürchte, ich glaube nicht nur nicht an Gott, sondern auch nicht an dieses Wunder.

Wer verbietet unserer Phantasie, auch mal was anderes zu tun?

Der vorauseilende Gehorsam für all die neoliberalen Grundsätze in unserem Kopf ist oft der Täter.
Die Digitalisierung hat uns eine Menge Vorteile beschert. Meinen Kontakt zu Facebookfreunden will ich nicht mehr missen, die Möglichkeit, morgens am Schreibtisch zu recherchieren und Artikel zu lesen, auch nicht. Sie hat uns aber auch eine Menge Probleme beschert, die Datenkraken und der Verlust der Privatsphäre gehören dazu. Die Gesetzgebung ist bis heute diesen Veränderungen nicht nachgekommen. Das wird uns die nächsten Jahrzehnte beschäftigen, so, wie das 19. und 20. Jahrhundert durch die Auseinandersetzung mit Arbeitsbedingungen und sozialem Elend geprägt wurde. Mittlerweile ist Kinderarbeit verboten, es gibt Arbeitsschutzgesetze.
Eines können wir sehr wohl tun. Nämlich nicht dem Diktat: „Das wollen Leser lesen“ zu folgen. Egal, ob es uns Verlagslektoren vorbeten oder Amazon. Und egal, mit wievielen Datensätzen es untermauert wird. Wir müssen nicht immer das Gleiche schreiben. Wir müssen nicht immer das Gleiche lesen. Wir können den vorauseilenden Gehorsam in unseren Köpfen abschalten, der uns mit vielen Datensätzen zu immer Gleichem bewegen will. Keine noch so eloquente Rede von neoliberalen Marketing-Experten kann uns daran hindern.
Wolf Biermann sang über die DDR, die auch mit endlos vielen Datensätzen ihre Unzerstörbarkeit wahren wollte:

[…]
Mensch, wir sind stärker als Ratten und Drachen –
und hattens vergessen und immer gewußt …

 

 

In diesem Sinne

Ihr Hans Peter Roentgen

PS: Ich bin nicht so prominent, wie Mark Zuckerberg: Aber ein Buch kann ich Ihnen nennen, von dem viele aufgrund ihrer Analysen des Leseverhaltens gesagt haben, sowas wolle keiner lesen und das jahrzehntelang deshalb nicht veröffentlicht wurde: „Die Bauchtänzerin“. Das wäre doch mal ein guter Anfang, die Voraussagen der Datenkraken ins Leere laufen zu lassen, finden Sie nicht?

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