„Yog’tze“, Kapitel 1

[Der Prolog zu dieser Geschichte wurde im letzten Beispiellektorat vorgestellt]

Etwas reißt ihn aus dem Schlaf. Das Gefühl, unsanft geweckt worden zu sein, umhüllt seinen Körper wie eine kratzige Decke. Er lässt seine Hand auf den Nachttisch patschen. Er tastet nach dem Lichtschalter und knipst die kleine Leselampe an. Seine Finger tasten weiter, bis er den Wecker findet. Das Gesicht im Kissen vergraben, wagt er einen halben Blick in die Realität. Es ist 04:28 Uhr. Das Telefon schrillt. Wer in drei Namen Gottes ruft um diese Zeit an?

»Geh schon ran«, hört er eine Stimme neben sich. Seine Frau klingt, als würde eine Single zu langsam abgespielt werden. »Sonst werde ich noch wach.« Margot hat die Decke bis zu den Ohren gezogen. Ihr Kopf ist tief in ihren Daunen versenkt, so dass er nur ihre blonden Locken sehen kann. Er wischt sich mit der Hand durch sein Gesicht. Es fühlt sich taub an.

»Aber du bist doch schon wach.«

»Richtig wach«, leiert Margot. Sie dreht sich zur Seite und zieht die Decke weiter über ihren Kopf, bis ihr Ohr bedeckt ist. Sie schmatzt. Das macht sie immer, wenn sie kurz davor ist, einzuschlafen. Kurz darauf verwandeln sich die gleichmäßigen Atemzüge in ein leises Schnarchen. Er schüttelt den Kopf. Beneidenswert. Er gähnt, als er seine Decke zurückschlägt. So langsam nervt ihn das Schrillen des Telefons. Bevor er in die Pantoffeln aus Cord schlüpft, schaut er noch einmal zu seiner Frau. Wirklich beneidenswert. Er bleibt auf der Bettkante sitzen, vergräbt seine Stirn in den Händen. Das Telefon ruft unerbittlich. Er saugt die heizungswarme Luft des Schlafzimmers ein und atmet tief aus. Es hilft ja nichts. Er steht auf und schlurft aus dem Zimmer. Im Flur knipst er das Licht an. Das Telefon steht unten, direkt neben der Haustür. Wieder gähnt er. Plötzlich schlägt sein Herz schneller. Seine Müdigkeit gleitet ihm wie ein nasser Mantel von den Schultern. Ein Anruf um diese Zeit kann nur eins bedeuten. Er krallt sich am Geländer fest, als er die Stufen hinunter hechtet. Die letzten beiden Stufen springt er. Das Telefon schrillt. Er streckt die Hand nach dem Hörer aus, reißt ihn von der Gabel. Als er aber die Hörmuschel an sein Ohr führt, hört er einen langen und tiefen Ton. Der Anrufer muss kurz vorher aufgelegt haben. Verdammter Mist. Er starrt den Telefonhörer an, als könnte das grüne Kunststoffteil etwas dafür. Dann legt er den Hörer zurück auf die Gabel. Er lässt sich auf den gepolsterten Hocker nieder, der neben dem Telefontisch steht, kaut an seiner Unterlippe, reißt den Hörer von der Gabel und beginnt die Wählscheibe zu drehen. Nach der Vorwahl hört er auf. Was ist, wenn sie es nicht waren? Würde er sich da nicht lächerlich machen? Als ein Gründgens hat er schließlich einen Ruf zu verlieren. Aber wer sonst könnte es gewesen sein? Um die Uhrzeit. Das Schrillen des Telefons zerreißt wieder die Stille. Er greift wieder nach dem Hörer. »Horst Gründgens.«

»Na endlich.« Die Stimme, die aus dem Lautsprecher dringt, hört sich an, als würde der Mann 60 Camel ohne am Tag rauchen. Was er wahrscheinlich auch macht. »Venghaus hier. Wir haben einen Kalten.«

Einen Kalten? Horst kräuselt seine Stirn. Venghaus macht einen tiefen Lungenzug. Das Knistern des Tabaks dringt durch die Telefonleitung. Erst als Venghaus den Rauch offensichtlich wieder ausatmet, antwortet Horst. »Sie meinen, es gibt einen Mordfall?«

Venghaus lacht. Es klingt, als würde das Lachen über ein Reibeisen kratzen. »So einfach ist das nicht, Gründgensspross.«

Horst knirscht mit den Zähnen. Er umklammert den Telefonhörer so fest, dass die Kunststoffteile aneinanderknacken. »Irgendwelche Details?«

»Sie kommen besser her. Die Sache ist …« Venghaus murmelt etwas, als würde er nach einem Wort suchen. Dazwischen mischt sich Tabakknistern. »Die Sache ist ziemlich mysteriös.«

»Was meinen Sie damit?«

»Kommen Sie einfach her. Ich habe schon einen Streifenwagen zu Ihnen geschickt. Der dürfte in fünf Minuten da sein.«

»Ich brauche aber etwas mehr Zeit.«

Wieder dieses Reibeisenlachen. »Dann beeilen Sie sich besser.« Venghaus legt auf. Horst wirft den Hörer auf die Gabel. »Arschloch.«

Lektorat

 

Wie immer die Frage: Ist das spannend? Und diesmal auch gleich die zweite: Passt es zu dem Prolog, den wir im letzten Tempest analysiert haben?

Ich würde beide Fragen bejahen. Aber der Text enthält auch noch ein paar weitere interessante Details, die ich zuerst anschauen möchte.

         Informationsmanagement

 

Jede Geschichte hat ein „Informationsmanagement“. Dabei geht es darum, wann der Autor welche Informationen streut, wann er etwas andeutet und wann er es auflöst. Und, ganz wichtig: welche Informationen der Leser verstehen kann, ohne dass der Autor sie erläutern muss.

Was verbinden Sie mit dem Namen „Gründgens“, der der Hauptfigur so wichtig ist? Ich verbinde damit „Gustav Gründgens“, den genialen Schauspieler, der zwischen den Zwanziger und Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so berühmt war. Aber ich bin über sechzig. Weiß das auch ein Zwanzig- oder Dreißigjähriger? Ich glaube nicht. Im obigem Text wird nichts darüber gesagt. Außer, dass Horst stolz darauf ist, ein „Gründgens“, ein Nachfahre oder Verwandter, zu sein.

Muss man das nicht erklären? Einen Satz einschieben, um dem Leser, der Gustav Gründgens nicht kennt, einen Hinweis zu geben? Damit alle Leser auf dem gleichen Wissensstand sind?

Im Sachbuch wäre das nötig. Im Roman nicht unbedingt. Denn was hier wichtig ist: Horst ist stolz auf seine Abstammung. Sein Telefonpartner nimmt sie nicht ganz ernst. Was es damit auf sich hat, warum und ob das wichtig werden wird, das erfahren wir später. Dem Leser wird ein Häppchen Information vorgeworfen, das den Appetit anregen soll. Aufs Weiterlesen. Deshalb würde ich hier keine zusätzlichen Erläuterungen einfügen. Später, dort, wo es wichtig ist, wo es Folgen für die Handlung hat, kann man es einflechten. Am besten, der Leser erfährt es durch Handlung, nicht durch Erklärungen des Autors oder gar durch einen Infodump, der uns alles über Gustav Gründgens aufzählt und den Leser sanft entschlafen lässt.

„Säen und Ernten“ nennt sich diese Technik. Der Autor erzählt seine Handlung, es geschieht etwas, das offen bleibt. Später wird es wichtig, und der Leser erinnert sich.

Ach übrigens, wann spielt die Geschichte? Was glauben Sie?

Im Text ist die Rede von einem grünen Telefon mit Wählscheibe, das fest angeschlossen ist. Das heißt, wir sind wenigstens 30 Jahre in der Vergangenheit. Aber auch nicht viel mehr, denn die Post hatte damals das Fernsprechmonopol. Nur sie durfte Telefone anschließen und verkaufen. Und es dauerte einige Zeit, bis sich der gelbe Riese dazu durchgerungen hatte, farbige Telefone zu verkaufen.

Auch das werden jüngere Leser nicht so genau wissen. Aber dass dieses Telefon kein Telefon der Jetztzeit ist, dürfte jedem Leser klar sein. Wir befinden uns also in der Vergangenheit. Mehr muss man an dieser Stelle noch nicht erfahren. Geschichten sind wie Zwiebeln. Nach und nach schält sich Schale für Schale ab und gibt das Geheimnis preis.

         Verfremdungen

 

Was fällt an dem Text noch auf? Ist es ein klassischer Krimi-Einstieg, wie Sie sie kennen?

Ja und Nein. Ja, es gibt einen Anruf, ein Mord ist geschehen, und der Held wird zum Tatort gerufen.

Aber üblicherweise ist es der Kommissar, der den Ruf zur Aktion erhält. Ist Horst Gründgens ein Kripobeamter? Ich vermute nicht. Denn der Anrufer klingt nicht so, als ob er einen Kollegen alarmiert. Andererseits, wen würde man sonst zum Tatort rufen? Ich weiß es nicht. Wenn ich es wissen will, muss ich weiterlesen. Ein Krimi-Einstieg, der sich einerseits an die Standarderöffnung hält, aber andererseits mit ungewöhnlichen Elementen aufwartet, wirft Fragen auf. Und verlockt zum Weiterlesen.

         Namen und Personen

 

Erinnern Sie sich, wann Sie den Namen des Protagonisten im Text erfahren haben?

Sehr spät. Anfänglich wird nur von „er“ gesprochen. Der dritte und vierte Satz beginnen mit „er“. Den Namen der Ehefrau erfahren wir viel schneller: Margot.

Was hat das für Folgen, wenn Sie dem Helden keinen Namen geben? Er wirkt distanziert, wenig lebendig. Anonym eben. Die Figur bleibt undeutlich.

In literarischen Texten kann das wirken, wenn dieser Effekt gewünscht ist. Aber auch dort ist es oft Manierismus, der Autor möchte sich seine Person vom Leibe halten. Entweder, weil er sie selbst noch nicht so gut kennt. Oder weil ihn die Nähe beunruhigt.

In Krimis oder anderen Genreromanen ist das keine gute Idee. Die Person verschwimmt im Anonymen, der Leser nimmt sie nur im Nebel war. Und in diesem Text sehe ich keinen Grund, den Namen nicht im ersten Absatz zu nennen. Eventuell nur „Horst“, dann würde „Gründgens“ erst später offenbart. Oder gleich: „Etwas reißt Horst Gründgens aus dem Schlaf.“ Setzen Sie diesen Namen in den Anfang ein, und lesen Sie dann den Text noch mal. Was hat sich verändert? Die Person ist dem Leser jetzt näher.

         Tempo

 

Auffällig ist die lange Zeit, die Horst Gründgens herumtrödelt, obwohl er mittlerweile wach geworden sein dürfte. Aber nichts beunruhigt ihn. Und dann, ganz plötzlich, fällt es ihm auf den letzten Treppenstufen ein.

Wenn das so wichtig ist, dann ist das ziemlich spät und sehr unvermittelt. Da könnte man sich das Tempo noch einmal genau ansehen, mit Horst mitgehen und erleben, wann ihm der Gedanke kommt, dass es wichtig sein könnte. Und wie er wann reagiert.

         Der Prolog

 

Im letzten Tempest hatte ich den Prolog besprochen. Und die Frage offengelassen, ob er zu dem Text passt. Was meinen Sie? Passt der Prolog mit den Chinesen, mit der Erkenntnis, dass die Person sterben wird, zu diesem ersten Kapitel?

Ich finde ja. Auch der Einstieg des ersten Kapitels enthält keine große Action. Aber er wirft Fragen auf. Und er bietet einige gute Beschreibungen, gibt also wie der Prolog eine Erzählstimme vor. Wir ahnen, worauf wir uns bei diesem Roman einlassen werden.

Nicht jedem gefällt dieser Stil. In der Diskussion um den Prolog hatte sich gezeigt: Einigen gefällt das. Anderen nicht.

Aber Romane, die jedem gefallen, gibt es nicht. Selbst absolute Bestseller wie „Harry Potter“ oder literarische Highlights wie „Die Blechtrommel“ haben auf Amazon Verrisse erhalten. Erfolgreiche Bücher haben eins gemeinsam: Sie spalten. Sie finden begeisterte Anhänger, aber ebenso entschiedene Ablehnung. Ein Grund, warum sich Autoren nicht über Verrisse ärgern sollten. Leicht gesagt, ich weiß. Jeder Verriss ist hart. Aber schlimmer als jeder Verriss sind Rezensionen im Stil: „Ganz nett.“ Bücher, gegen die man nichts sagen kann, außer, dass man sie sofort vergisst.

         Originelle Bilder

 

Wir sollen neue Bilder und Metaphern wählen, das finden Sie als Forderung in allen Schreibratgebern. Aber auch Deutschlehrer, Literaten und Germanisten sagen das – einer der wenigen Fälle, in denen sich beide Gruppen einig sind.

Wie jede Schreibregel hat auch diese Nebenwirkungen. Ja, originelle Bilder und Metaphern sind gut, besser als abgenutzte Klischees. Aber die Dosis macht das Gift. Zu viel eingesetzt, wirkt der Text schnell maniriert. Zu viele Klischees, und der Text wirkt altbacken. Die Dosis macht das Gift.

Ganz ohne Klischees kommt wohl kaum ein Text aus. Manchmal läuft einem eben ein Schauer den Rücken hinab, ist der Held grün hinter den Ohren, der Wagen eine lahme Ente. Die Mischung machts. Folgen zu viele ungewöhnliche Formulierungen aufeinander, können sie den Leser aus dem Text werfen, und ihre Wirkung hebt sich gegenseitig auf. Wenn Sie zwischen den neuen Bildern Raum lassen, wirken sie besser, bleiben eher im Gedächtnis.

Und neue Bilder und Metaphern können stören. Wenn sie nicht passen. Wenn sie zu ungewöhnlich sind.

Logisch allerdings müssen sie nicht sein, auch wenn das oft gefordert wird. „Seine Müdigkeit gleitet ihm wie ein nasser Mantel von den Schultern“, das ist logisch nicht korrekt, ein nasser Mantel gleitet nicht leichter von den Schultern als ein trockener. Man muss erst mal aus den Ärmeln schlüpfen, sonst klappt das mit dem Hinabgleiten nicht, selbst wenn der Mantel klitschnass ist. In diesem Falle würde er sogar eher haften als ein trockener. Aber es kommt hier nicht auf die Logik an, sondern auf die Wirkung. Ich würde den nassen Mantel stehen lassen. Doch das ist eine Einschätzung, die von Leser zu Leser unterschiedlich sein dürfte.

Das Gefühl, unsanft geweckt worden zu sein, umhüllt seinen Körper wie eine kratzige Decke“, da hat mich dagegen die kratzige Decke gestört und keine Bilder geweckt.

Welche ungewöhnlichen Bilder würden Sie stehen lassen, welche streichen? Das ist eine gute Gelegenheit, ihren Stil zu trainieren. Ich habe einige aufgelistet:

„Das Gefühl unsanft geweckt worden zu sein, umhüllt seinen Körper wie eine kratzige Decke“

„… wagt er einen halben Blick in die Realität“
„Seine Frau klingt, als würde eine Single zu langsam abgespielt werden.“
„… vergräbt seine Stirn in den Händen“
„Er saugt die heizungswarme Luft des Schlafzimmers ein“
„Seine Müdigkeit gleitet ihm wie ein nasser Mantel von den Schultern“
„Die Stimme, die aus dem Lautsprecher dringt, hört sich an, als würde der Mann 60 Camel ohne am Tag rauchen“
„Es klingt, als würde das Lachen über ein Reibeisen kratzen.“

Sie sehen aber auch aus dem Text, dass ungewöhnliche Bilder einem Text Spannung verleihen können. Ich würde deshalb die meisten stehen lassen, nur die Vielzahl etwas beschneiden. Denn neue Bilder, gut gewählt und eingesetzt, würzen einen Text und können aus einem faden Allerweltseintopf ein würziges Gericht zaubern.

Und wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

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