Beispiellektorat Dezember 2015

Ein Engel für Familie Seraphim

 

(Bella (6 Jahre) bringt die gehbehinderte Zilja (8) im Bollerwagen zu einem Bach, wo angeblich Babys zu finden sind.)

„Zilja, was war das?“

„Vielleicht ein Baby?“, sagt Zilja, lacht kurz auf und legt die beiden Hände auf den Mund.

„Wo?!“

„Dort. Sei jetzt still! Lauf schnell zum Wasser!“

Bella rennt los.

Oberhalb des Bachs, genau dort, wo vor kurzem das rätselhafte Licht aufleuchtete, schaukelt jetzt ein geflochtenes Körbchen in der Luft.

„Wie kann ich es fassen? Zilja, hilf mir, sonst ist es weg!“

Zilja kann nicht aufstehen und Bella helfen. Sie sieht, wie die Kleine gefährlich nah ans Wasser kommt. Voller Ungeduld. Ihr linker Fuß streift gefährlich über die moosbedeckten Steine. Sie rutscht aus.

Platsch!

Die Miniaturlandschaft im Bach erwacht aus dem Winterschlaf, und das Wasser wird schlammschmutzig.

„Zilja!“

„Bella!“

„Hilfe!“

Bella verschwindet für einen kurzen Moment komplett unter dem Wasser, doch sie stellt sich im Strom auf. Ihre Kleidung ist schwer, schmutzig und nass.

Zilja im Bollerwagen erschauert:

„Das habe ich befürchtet! Wie kommen wir jetzt nach Hause? Kann Bella sich alleine helfen? Sie wird gleich frieren! Was habe ich bloß gemacht!“

Währenddessen macht Bella mutige tapsige Schritte im Wasser Richtung Körbchen. Sie tritt auf glitschige Steine, versucht, schneller zu gehen. Zu Mitte hin wird der Bach etwas tiefer, Bella muss das letzte Stück zum Körbchen rudern. Endlich steht sie davor und streckt ihre Hände danach hoch. Sie hat´s!

Ganz vorsichtig zieht Bella es an sich.

„Geschafft!“

Zilja atmet erleichtert aus. War sie aufgeregt, während Bella im Bach nach dem mysteriösen Körbchen fischte!

„Das Körbchen ist schwer“, ruft Bella Zilja zu. „Da ist eine Decke und noch etwas drin. Ich zeige es dir gleich!“

Die glückliche Bella stampft zum Ufer, ihr Schatz mit beiden Händen an die Brust gepresst.

Sie passt nicht auf und rutscht zum zweiten Mal aus. Sie fällt nach hinten der Länge nach ins Wasser. Auch das Körbchen taucht unter.

Zilja am Ufer schreit entsetzlich. Ihr wird gleichzeitig bange um ihre abenteuerlustige unselige Schwester und um das Wesen, das sich eventuell im Körbchen befindet. Sie schreit weiter, weil Bella nicht an die Wasseroberfläche kommt.

Sie ist weg.

Vielleicht bereits ertrunken!

Tot! Nein! Nein! Nein!

Sie springt beinahe aus dem Bollerwagen raus.

„Be-e-e-e-lla!“

„La- la- la!“, schallt es aus dem Wald.

„Be-e-e-e-lla! Hilfe, Bella ist ertrunken! Hilfe!“

„Ilfe – Ilfe- fe- fe- fe!“, wiederholt der Wald.

Ilfe? Zilja ist still. Hat das Echo „Ilfe“ gesagt oder war das „Elfe“?

Eine Elfe oder … ein Engel! Die könnten sofort helfen! Aber gibt es sie? Die gibt es nicht! Zumindest nicht in unserem Dorf und hier, am Bach auch nicht!

„Hilfe!“

Zilja schaut hinunter zum Bach, zu der Stelle, wo sie Bella zum letzten Mal gesehen hat.

Ist das möglich? Die Stelle ist in ein bläuliches Licht eingetaucht! Langsam kommt etwas Dunkles, Langgestrecktes an die Oberfläche. Zilja erkennt die Farbe von Bellas Pelzmantel. Und ihr Gesicht. Bella kommt immer höher.

Jetzt hängt sie überm Wasser und hält immer noch das Körbchen in den Händen! Das Körbchen leuchtet blau. Oder täuscht sich Zilja?

Ihr wird es unheimlich. Am besten würde sie zu Bella laufen. Oder einfach weg von diesem unheimlichen Ort! Aber … Zilja kann nicht weg. Sie sitzt entsetzt im Bollerwagen und schaut hastig zur Seite.

Zwischen den moosbewachsenen Bäumen ist plötzlich eine Gestalt im dunklen Gewand zu sehen. Diese kommt immer näher.

„Wer ist das? Ein Mensch? Was macht er hier?“

Zilja stockt der Atem.

Sie schaut wieder zu Bella über dem Bach. Diese schwebt langsam aufs Ufer zu.

Vor Ausweglosigkeit legt Zilja ihre Hände aufs Gesicht und fängt an zu weinen.

Sie spürt eine Hand auf ihrer Schulter.

Sie öffnet die Augen:

„Papa? Du?“

Dann wirft sie einen Blick zum Bach.

„Bella, du lebst!“

Papa ist hoch aufgeregt: „Wie meinst du es, sie lebt? Jetzt erzählt mir, was ihr hier macht!“

Er schaut die beiden Mädchen abwechselnd an.

Bella läuft mit dem Körbchen vor der Brust zu Zilja und Papa. Dabei plappert sie forsch und unbesorgt los:

„Schau, Papa, wir haben etwas gefunden. Ein Körbchen. Toll, nicht?“ Sie hält ächzend das Körbchen dem Papa vor die Nase.

„Hast du das gefunden? …Was ist hier überhaupt los?“

Papa ist verwirrt.

Bella dagegen strahlt:

„Das Körbchen ist jetzt viel schwerer als am Bach.“

Ihr fällt es fast aus den Händen.

„Hoppla!“ Papa nimmt Bella das Körbchen ab.

In diesem Moment bewegt sich etwas darin. Es kommen glucksende Geräusche.

Alle erstarren und dann:

„Ah! Ein Baby!“

„Bitte seid leise, wir erschrecken das … das Baby!“, mahnt Papa sie und fügt leise hinzu, als ob er mit sich selbst spräche: „Ein Baby? Ein Baby. Aber … wie sagen wir es Mama?“

Erst jetzt merkt Zilja, dass Bellas Hose und der Pelz trocken sind. Wie kann das sein? Ist sie überhaupt in den Bach gefallen? Hat Zilja das womöglich geträumt?

Währenddessen hebt Bella vorsichtig das zarte Babydeckchen hoch und eine Faust streckt sich ihr entgegen.

„Wow, ich bin ganz von den Socken! Das Baby ist winzig. Und hat schönes Krausehaar. Und eine schokoladene Haut, so zart! Und es riecht nach Roggenbrot!“, stellt Bella triumphierend fest.

Zilja kann aus dem Bollerwagen heraus nicht viel sehen. Papa deckt das Baby kurz auf und zeigt es Zilja. Er schnuppert daran:

„Tatsächlich, es riecht nach Roggenbrot, wenn man es im alten Ofen backt, nach sauberer Bettwäsche und nach etwas Wunderbarem … So. Was machen wir jetzt? Wir haben ein fremdes Baby, ein schwarzes Baby ohne Mutter.“

„Das hat geschwebt überm Wasser“, betont Bella.

„Das macht die Sache nicht leichter. Los, wir nehmen es zu uns nach Hause.“

Lektorat

Zwei Mädchen ziehen los, zu einem Bach, an dem angeblich Babys auftauchen. Eines der beiden, Zilja, ist gehbehindert, sitzt in einem Bollerwagen und kann nicht laufen. Und dann entdecken die beiden ein Körbchen, das über dem Bach schwebt, Bella will es holen, fällt in den Bach und ertrinkt beinahe. Doch es gelingt ihr, das Körbchen zu fassen und zum Ufer zu zerren. Leider fällt sie wieder und taucht mit dem Körbchen im Wasser unter. Zum Glück kommt eine gute Fee und rettet beide, und Bella ist nicht mal nass.

Die Geschichte verspricht Spannung, wenn man sich diese Struktur ansieht. Aber sie ist nicht spannend. Warum?

Weil ich die Geschichte nicht glaube. Geschichten dürfen unwahrscheinlich sein, unrealistisch, Zauberei, Magie und Körbchen mit kleinen Babys enthalten. Alles kein Problem. Aber der Leser muss es glauben. Er muss sich mit den Personen identifizieren können, die Personen müssen so reden, wie diese Personen reden würden, und nicht wie der Autor möchte, dass sie reden.

In Personen leben

„Das habe ich befürchtet! Wie kommen wir jetzt nach Hause? Kann Bella sich alleine helfen? Sie wird gleich frieren! Was habe ich bloß gemacht!“

Mit wem redet Zilja hier? Nicht mit Bella, sie spricht nämlich über Bella. „Kann Bella sich alleine helfen?“, sagt sie, nicht: „Kannst du dir alleine helfen, Bella?“ Obendrein ist klar, dass Zilja nicht aufstehen kann, also Bella gar nicht helfen kann.

Versetzen sie sich in die Lage von Zilja. Was könnte sie in dieser Situation sagen? Sicher nicht: „Das habe ich befürchtet! Wie kommen wir jetzt nach Hause? Kann Bella sich alleine helfen?“ Das sagt der Autor, der damit den jungen Lesern die Fragen vorspricht, die sie sich stellen sollen. Aber auch junge Leser sind nicht dumm. Sie wollen selbst die Fragen stellen. Aufgabe des Autors ist es nicht, dem Leser die Fragen vorzuformulieren. Sondern die Geschichte so zu erzählen, dass der Leser sich fragt: „Wie kommt Bella da jetzt wieder raus?“ Das geschieht ja im folgenden Absatz:

Währenddessen macht Bella mutige tapsige Schritte im Wasser Richtung Körbchen. Sie tritt auf glitschige Steine, versucht, schneller zu gehen. Zu Mitte hin wird der Bach etwas tiefer, Bella muss das letzte Stück zum Körbchen rudern. Endlich steht sie davor und streckt ihre Hände danach hoch. Sie hat´s!

Ich würde das „Währenddessen“ streichen, also: „Bella macht tapsige Schritte in Richtung Körbchen. Sie tritt auf glitschige Steine …“

Und lassen Sie es ruhig dramatischer werden. Denn Bella ist im Bach, die Steine sind glitschig, der Bach hat eine Strömung, wird in der Mitte tiefer. Also wird es nicht so einfach sein.

Das, was da passiert, bestimmt auch, was Zilja sagen würde. Vielleicht: „Komm raus!“ Denn Bella ist bereits gestürzt. Sie rutscht immer wieder auf den Steinen aus. Beim nächsten Sturz wird das Wasser sie fortreißen. Obendrein hat sie schwere, nasse Kleidung an. Dass Zilja möchte, dass sie zurückkommt, wird jeder Leser glaubhaft finden. Und sich fragen: „Wie kommen die beiden aus dieser Situation wieder heraus?“ Aber das soll sich der Leser fragen, das sollte der Autor nicht über den Mund Ziljas dem Leser vorkauen.

Und Bella? Bella wird nicht auf Zilja hören. Sie will das Körbchen haben, ihr ist es egal, dass sie ausrutscht, dass ihr die nassen Kleider am Leib hängen und sie behindern. Dass sie, wenn sie wieder ins Wasser stürzt, gar nicht richtig schwimmen kann. Sie kennt nur ein Ziel: das Körbchen.

Womit wir einen klassischen Konflikt hätten, der obendrein sehr glaubhaft ist: Zilja bangt um Bella und will, dass sie rauskommt. Bella will nicht aus dem Wasser, sondern das Körbchen holen. Vielleicht hört man aus dem Körbchen ein Weinen? Ein Baby, das unglücklich ist? Das wird Bella erst recht anfeuern, das Körbchen auf jeden Fall zu bergen.

Die Angst des Autors vor dem Stoff

Ach ja, warum ist das Baby erst ganz zum Schluss im Körbchen? Warum nicht von Anfang an? Ich glaube, ich kenne den Grund. Wenn es bereits jetzt im Körbchen ist, wird es zusammen mit Bella ins Wasser stürzen. Klar, dass jeder Autor davor Angst hat. Das Baby wird ertrinken! Da wählt man den leichteren Ausweg: Das Baby materialisiert sich erst, als es die Gefahr vorbei ist.

Wählen Sie nie den leichteren Weg, wenn Sie eine Geschichte erzählen. Ja, Bella stürzt erneut in den Fluss, das schwere Körbchen hat sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Das Schlimmstmögliche ist passiert. Das Baby wird ertrinken, heult der Leser auf. Gut!

Ein Autor ist nicht das Rote Kreuz. Ganz im Gegenteil, wenn er spannend erzählen will, muss er das Schlimmstmögliche geschehen lassen. Wenn es glaubhaft ist. Und hier ist das nicht nur glaubhaft, sondern sehr wahrscheinlich.

Also lassen Sie es passieren. Natürlich wollen Sie das Baby nicht ertrinken lassen. In einer Kindergeschichte wäre das auch keine gute Idee. Aber darüber, wie es trotzdem glaubhaft gerettet wird, kann man sich später den Kopf zerbrechen. Lassen Sie es also erst mal ins Wasser fallen.

Magie

Dann kommt die Magie nochmals ins Spiel. Beim ersten Mal schwebt ein Körbchen über dem Bach. Da ist Magie im Spiel. Jetzt, beim zweiten Mal, kommt wieder Magie ins Spiel und rettet Bella. Und das ist zu viel Magie. Sie dürfen Magie in Geschichten, vor allem in Kindergeschichten, durchaus verwenden. Aber die Magie muss einer Logik folgen. Vor allem darf sie nicht einfach dem Autor die Arbeit erleichtern. Und ein Baby retten.

So was nennt man in der Fachsprache „Deus ex Machina“. Der Gott aus der (Theater-)Maschine. Ratlose Autoren haben früher gerne Götter eingesetzt, um ihre Helden aus schwierigen Situationen zu retten. Aber auch in früheren Zeiten wusste jeder, dass das ein fauler Zauber war. Ein bequemer Ausweg für den Autor.

Erinnern Sie sich an Kindermärchen? Wie hoffnungslos Hänsel und Gretel in Bedrängnis kommen? Die böse Hexe setzt Hänsel gefangen, und kein blaues Licht befreit ihn. Sondern die List von Gretel, die sich eine Rettung einfallen lässt, die Hexe in den Ofen stößt und Hänsel befreit.

Lassen Sie Bella wie Gretel das Problem lösen, ohne blaues Licht. Spuckend kommt sie wieder an die Oberfläche, hält das Körbchen fest umklammert, immer darauf bedacht, dass es nicht wieder ins Wasser fällt. Und schließlich erreicht sie das Ufer.

Da kommt Papa, und er weiß, wie man Babys behandelt, die Wasser geschluckt haben …

Fazit: Die Idee der Geschichte ist gut. Jetzt muss sie nur noch spannend geschrieben werden. Verwandeln Sie sich in die Mädchen, beschreiben Sie sie nicht von außen, sondern lassen Sie sie agieren und sprechen, wie die beiden eben handeln und sprechen würden. Und ersparen Sie ihnen nichts, retten Sie sie nicht durch blaue Lichter, sondern lassen Sie Bella zur Heldin werden, die sich und das Baby rettet. Dann wird es eine spannende Geschichte.

Und wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

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