Beispiellektorat Januar 2016

Freunde

1.

Dienstag, 15. Mai 2012

Morgen wirst du es zugeben, meine Liebe. Morgen ist es so weit. Der Tag der Wahrheit. Der Tag der Abrechnung. Endlich! Nach 25 Jahren.

Und ich dachte, wir wären so etwas wie Freunde gewesen? Vielleicht nicht gerade „beste“ Freunde. Aber doch irgendwie nahe dran.

Erinnerst du dich noch an den „flotten Vierer“ mit den Jungs von der juristischen Fakultät? Niemandem haben wir davon erzählt. Haben es genossen und geschwiegen, wie Männer!

Oder dein Betrugsversuch im ersten Jahr? Ich wollte dein Wörterbuch in der Prüfung benutzen und sah sie, die vielen kleinen Wörter zwischen den Zeilen. Ich habe geschwiegen.

Und du? Warst du verschwiegen?

Ich werde dich ein bisschen erschrecken. Nur drei Tropfen Erdnussöl, so schlimm kann das ja nicht werden! Dein Hals wird zuschwellen, und du wirst Angst bekommen, und dann frag ich dich noch mal. Ob du meine Post geöffnet hast.

Und du wirst mir antworten!

2.

Kriminaloberkommissar Karsten Kleiber überlegte kurz und zog dann die Laufschuhe an. Er trat aus dem Grundstück und zog das Gartentürchen ins Schloss. Im Vorgarten des Nachbarhauses richtete sich Inge Angermaier aus dem Blumenbeet auf. „Hallo Karsten, na, gehst du laufen?“

Kleiber warf sich die Tasche über die Schulter, winkte kurz und rief: „Nein, muss nur schnell dienstlich zum See.“

Der Ermittler mochte die alte Dame von nebenan. Sie brachte ihm ab und zu ein Stück ihres sensationellen Kirschkuchens rüber, dafür half er ihr, Gardinen aufzuhängen. Und ganz nebenbei hatte er nicht nur einmal von ihrer Lebensweisheit profitiert.

Als das Handy nach Dienstschluss klingelte und die Leitstelle ihm mitteilte, dass am Bergwitzsee eine Tote auf ihn wartete, da dachte er zuerst an einen Badeunfall. Zufällig wohnte er in diesem Dorf am See, deshalb war er bei derartigen Anlässen meistens der Erste vor Ort. Er hatte schon die eine oder andere Wasserleiche gesehen. Doch diesmal rief man ihn nicht an den Badestrand, auch nicht zum Tauchclub, sondern zum Rastplatz Hoffmannshöhe.

 Als Kleiber an der Hoffmannshöhe ankam, traf aus der entgegengesetzten Richtung Polizeihauptmeister Schröter ein. Schröter schniefte, nahm seine Mütze vom Kopf und wischte mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

„Na, du bist wohl um den ganzen See gelaufen?“ Kleiber konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ich war doch noch nie hier! Mein Dienstfahrzeug steht am Badestrand.“

„Du solltest mal den Bergwitz-Triathlon mitmachen, dann kennst du dich rund um den See auch besser aus. Und …“ Kleiber schaute auf den Bauchansatz, der sich über Schröters Gürtel unter dem Hemd abzeichnete.

Der Kollege zuckte nur mit den Schultern, alle auf dem Revier kannten seine Einstellung zu Sport. Er zitierte gerne Churchill in eigener Abwandlung: „Du nennst es Sport – ich nenn es Mord.“

Schröter zog sein Notizbuch aus der Tasche. „Soll ich dann schon mal die Personalien aufnehmen?“

„Ja, tu das. Und stell bitte schon mal die Handtasche der Toten sicher. Ich habe gerade mit dem Notarzt telefoniert – er vermutet einen anaphylaktischen Schock, die Tote hatte eine Erdnuss-Allergie. Wenn die Jungs von der Spurensicherung auftauchen, dann sollen sie die Reste der Lebensmittel mit ins Labor nehmen und auf Erdnussrückstände untersuchen lassen.“

„Geht in Ordnung.“

Kleiber stieg die kleine Anhöhe zum Rastplatz empor. Hier, am südwestlichen Ufer des Bergwitzsees, direkt am Rundwanderweg, lag die „Hoffmannshöhe“. Inmitten eines Birkenwäldchens war ein nach allen Seiten offener Unterstand aus Kiefernstämmen errichtet worden. In der rustikalen Sitzgruppe fand ein gutes Dutzend Leute Platz. Normalerweise ließen sich hier Ausflügler zu einem Picknick nieder, holten die Thermoskannen und Stullenpakete aus den Rucksäcken. Auch der Kommissar hatte hier schon oft gesessen und den sensationellen Ausblick auf den See genossen. Und selten allein.

Auf der als Tischplatte dienenden Bohle erblickte er gebräunte Beine, die aus einer türkisfarbenen Caprihose ragten. Die weiße Bluse der Frau war bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, ihre Augen geschlossen.

‚Mein Gott’, dachte Kleiber, ‚die haben die Tote einfach auf den Tisch des Rastplatzes gelegt. Hier werde ich nie wieder etwas essen!’

Hinter dem Kopf der Toten standen zwei leere Wodkaflaschen, die auf Kleiber wie Hörner wirkten, außerdem Pappteller, Becher und Tassen. In den Tupperdosen langweilten sich zwei Löffel Kartoffelsalat neben einem Gewürzgürkchen.

Lektorat

Eine Ich-Erzählerin plant etwas mit Erdnussöl. Und ein Kommissar wird zu einer Leiche gerufen, der Notarzt vermutet eine Erdnussallergie.

Offene Fragen

Ein Krimi, das erste Kapitel erzählt anschaulich von einer Freundschaft, deren Zustand nicht mehr ganz so innig ist. Eigentlich ein Prolog, denn dieser innere Monolog findet vor dem Mord statt. Er ist gut geschrieben, weil er anschauliche Details liefert, uns ein erstes Bild von den Freundinnen liefert und gleichzeitig Fragen aufwirft: Welche offene Frage steht zwischen den Freundinnen? Und wie wird es mit dem Erdnussöl ausgehen? Denn die Andeutungen lassen vermuten, dass die Freundin eine Erdnussallergie hat, und das will die Ich-Erzählerin ausnutzen:

Ich werde dich ein bisschen erschrecken. Nur drei Tropfen Erdnussöl, so schlimm kann das ja nicht werden! Dein Hals wird zuschwellen, und du wirst Angst bekommen, und dann frag ich dich noch mal. Ob du meine Post geöffnet hast.

Da wird etwas zu viel verraten. Sie müssen natürlich etwas in einem Text andeuten (in unserem Fall: das Erdnussöl), damit der Leser sich Fragen stellt, wissen will, wie es weitergeht. Aber nie mehr als unbedingt nötig, lassen Sie immer genügend offen. In diesem Fall wäre es besser, zu kürzen:

Ich werde dich ein bisschen erschrecken. Nur drei Tropfen Erdnussöl, und dann frag ich dich noch mal. Ob du meine Post geöffnet hast.

Die Folgen des Erdnussöls werden so nicht ausgewalzt, dem Leser wird nicht verraten: Aha, die Freundin hat eine Erdnussallergie, und ihr Hals wird zuschwellen. Sondern nur: Sie wird drei Tropfen Erdnussöl bekommen – aber alles andere bleibt offen. Natürlich wird der Leser auch in dieser Textversion ahnen, dass es um Erdnussallergie geht. Aber der Autor sagt es ihm nicht. Offene Fragen treiben Ihre Geschichte voran, daran sollten sich Autoren immer erinnern.

Rückblenden

Rückblenden am Anfang eines Textes sind problematisch. Weil sie gerne verwendet werden, um dem Leser die Vorgeschichte zu erklären. Aber Erklärungen treiben eine Geschichte nicht voran.

Das ist der Grund, warum die Rückblenden im Kapitel eins funktionieren. Sie erklären nicht alles, sie sind kurze Flashbacks, die ein Licht auf die beiden Freundinnen werfen. Ein flotter Vierer, ein Betrugsversuch: Ganz sicher keine Studentinnen, die sich an Regeln und Normen halten.

Da nicht weiter erklärt wird, was es mit dem flotten Vierer oder dem Betrug auf sich hat, weckt der Text natürlich Neugierde. Der Leser hofft, dass er im Laufe des Romans mehr über diesen flotten Vierer erfahren wird. Weshalb er weiterlesen muss. Sex sells.

Ganz anders in Kapitel zwei. Von den ersten vier Absätzen sind zwei Rückblenden. Die erste erzählt von der Lebensweisheit und dem Kirschkuchen einer Nachbarin, der zweite, dass der Kommissar im Dorf wohnt und zu einer Leiche gerufen wurde:

Der Ermittler mochte die alte Dame von nebenan. Sie brachte ihm ab und zu ein Stück ihres sensationellen Kirschkuchens rüber, dafür half er ihr, Gardinen aufzuhängen. Und ganz nebenbei hatte er nicht nur einmal von ihrer Lebensweisheit profitiert.

Als das Handy nach Dienstschluss klingelte und die Leitstelle ihm mitteilte, dass am Bergwitzsee eine Tote auf ihn wartete, da dachte er zuerst an einen Badeunfall. Zufällig wohnte er in diesem Dorf am See, deshalb war er bei derartigen Anlässen meistens der Erste vor Ort. Er hatte schon die eine oder andere Wasserleiche gesehen. Doch diesmal rief man ihn nicht an den Badestrand, auch nicht zum Tauchclub, sondern zum Rastplatz Hoffmannshöhe.

Aber der Kirschkuchen wirft keine Fragen auf, und die genaue Beschreibung von Handyklingeln und Wohnort des Kommissars auch nicht. Den Kirschkuchen kann man streichen und die Örtlichkeit sehr viel besser in der Jetztzeit erzählen, statt den Leser in die Rückblende zu führen. Vielleicht so:

Die Leitstelle hatte ihn zu einer Toten am Bergwitzsee gerufen. Kein Badeunfall, nicht am Strand oder beim Tauchklub, sondern auf dem Rastplatz Hoffmannshöhe.

Ein wenig Rückblende ist immer noch im Text („Die Leitstelle hatte ihn gerufen“), aber jetzt ist es nur noch ein Halbsatz. Und all die Informationen, wo er wohnt und wie es bei anderen Leichen war, das kann man später erzählen. Noch ist das irrelevant.

Dann kommt Kleiber zum Tatort und trifft den Kollegen Schröter. Und wieder wird uns viel erklärt über Schröter, der Sport für Mord hält. Wirft das Fragen auf? Nein. Müssen wir das wissen? Vielleicht später, aber dann sollte es spannender erzählt werden und die Geschichte vorantreiben. Hier kann man den mörderischen Sport streichen und Schröter einfach seinen Schweiß wegwischen lassen.

Dialoge

„Soll ich dann schon mal die Personalien aufnehmen?

„Ja, tu das. Und stell bitte schon mal die Handtasche der Toten sicher. Ich habe gerade mit dem Notarzt telefoniert – er vermutet einen anaphylaktischen Schock, die Tote hatte eine Erdnuss-Allergie. Wenn die Jungs von der Spurensicherung auftauchen, dann sollen sie die Reste der Lebensmittel mit ins Labor nehmen und auf Erdnussrückstände untersuchen lassen.“

Dialoge sollten kurz sein, knackig. Am besten ein Satz, mehr als drei Sätze sind in der Regel zu viel des Guten. Und komplexe Satzkonstruktionen wirken unnatürlich, weil Menschen in Dialogen einfache Sprache bevorzugen. Auch hier erfahren wir zu viel. Besser:

„Soll ich dann schon mal die Personalien aufnehmen?“

„Ja, tu das. Und stell die Handtasche der Toten sicher. Die Jungs von der Spurensicherung sollen die Reste der Lebensmittel mit ins Labor nehmen und untersuchen lassen. Der Notarzt vermutet einen anaphylaktischen Schock.“

Der Notarzt kann zwar einen anaphylaktischen Schock vermuten, aber woher weiß er sicher, dass die Tote eine Erdnussallergie hatte? Auch hier gilt: Verraten Sie gerade so viel, dass der Leser neugierig wird. Und würde der Notarzt wirklich bereits wieder fort sein? Die Leiche wurde ja erst vor kurzer Zeit gefunden.

Beschreibungen

Beschreibungen sollten kurz und anschaulich sein. Wie sieht es mit dieser aus:

Kleiber stieg die kleine Anhöhe zum Rastplatz empor. Hier, am südwestlichen Ufer des Bergwitzsees, direkt am Rundwanderweg, lag die ‚Hoffmannshöhe‘. Inmitten eines Birkenwäldchens war ein nach allen Seiten offener Unterstand aus Kiefernstämmen errichtet worden. In der rustikalen Sitzgruppe fand ein gutes Dutzend Leute Platz. Normalerweise ließen sich hier Ausflügler zu einem Picknick nieder, holten die Thermoskannen und Stullenpakete aus den Rucksäcken. Auch der Kommissar hatte hier schon oft gesessen und den sensationellen Ausblick auf den See genossen. Und selten allein.

Streichen? Nein, aber ich würde es kürzen. „Ein nach allen Seiten offener Unterstand“ ist eine unschöne Konstruktion. Der Artikel „ein“ und das Substantiv „Unterstand“ werden durch eine nebensatzähnliche Konstruktion getrennt. Die ist obendrein unnötig: Dass ein Unterstand nach allen (oder den meisten) Seiten offen ist, muss man nicht extra erwähnen, und es spielt in der Szene auch keine Rolle.

„Normalerweise ließen sich hier Ausflüger zu einem Picknick nieder“, das klingt ebenfalls umständlich, und „normalerweise“ ist ein Füllwort. Die genaue Ortsbestimmung „südwestliches Ufer“ braucht man ebenfalls nicht, zwei Ortsbestimmungen (Rundwanderweg, südwestliches Ufer) sind zu viel. Und was ist ein „sensationeller Ausblick“? Dass der Hügel einen schönen Ausblick bietet, ist klar, aber um die Zugspitze dürfte es sich dennoch nicht handeln. Besser also:

Kleiber stieg die kleine Anhöhe zum Rastplatz empor. Hier, direkt am Rundwanderweg, lag die „Hoffmannshöhe“. Inmitten eines Birkenwäldchens war ein Unterstand aus Kiefernstämmen errichtet worden. Ausflügler ließen sich dort zu einem Picknick nieder, holten die Thermoskannen und Stullenpakete aus den Rucksäcken. Auch Kleiber hatte hier oft gesessen und den Ausblick genossen. Selten allein.

Partizipialkonstruktionen

Auf der als Tischplatte dienenden Bohle erblickte er gebräunte Beine, die aus einer türkisfarbenen Caprihose ragten.

In den letzten Jahren sind Partizipialkonstruktionen wie „die als Tischplatte dienende Bohle“ zu einer Mode geworden. Im Englischen und im Latein können solche Konstruktionen elegant wirken. Im Deutschen klingen sie meist unbeholfen. Vor allem, wenn sie einen Nebensatz ersetzen sollen und der Autor noch schnell weitere Infos hineinpackt, die eigentlich überflüssig sind. Auch hier werden der Artikel und das Substantiv durch eine aufgeblähte Konstruktion getrennt. Warum nicht einfacher: „Auf der Tischplatte …“? Oder, falls es wirklich wichtig ist, dass die Tischplatte eine Bohle ist: „Auf der Bohle, die als Tischplatte diente …“?

Dann kommt der Hauptsatz, der uns mitteilt, dass Kleiber gebräunte Beine sieht. Ist es wirklich die Hauptsache in diesem Satz, dass Kleiber etwas sieht? Besser:

Auf der Tischplatte ragten gebräunte Beine aus einer türkisfarbenen Caprihose.

Dass Kleiber diese Beine sieht, dürfte dem Leser klar sein. Und so vereinfacht wirkt der Satz auch sehr viel aktiver als die ursprüngliche Fassung.

Mein Gott, dachte Kleiber, die haben die Tote einfach auf den Tisch des Rastplatzes gelegt. Hier werde ich nie wieder etwas essen!

Auch hier lässt sich etwas kürzen, damit es straffer und eindrücklicher wird:

Mein Gott, dachte Kleiber, hier werde ich nie wieder etwas essen!

Schön dann die folgende Beschreibung:

Hinter dem Kopf der Toten standen zwei leere Wodkaflaschen, die auf Kleiber wie Hörner wirkten, außerdem Pappteller, Becher und Tassen. In den Tupperdosen langweilten sich zwei Löffel Kartoffelsalat neben einem Gewürzgürkchen.

Das ist eine Beschreibung, die durch die ungewöhnlichen Vergleiche Bilder weckt. Wir sehen die Szenerie vor uns.

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