Beispiellektorat Februar 2016

Tattoo

Ihre Haut brannte wie Feuer, wo man ihr ein Tattoo gestochen hatte. Ihre Augen waren blind vor Tränen, die sie um ihren verschwundenen Vater weinte. Und vor grenzenloser Enttäuschung, weil er sie verraten hatte.

»Ich schmeiß die Schule hin und heirate meine Dealer.« Juna sah ihren Vater angriffslustig an.

»Wie schön für dich, Liebes.« gab er zurück, ohne den Blick von seinem Brief zu wenden. Es geht doch nichts über Eltern, die zuhören. Juna lehnte sich lässig auf ihrem Stuhl zurück, riss Bröckchen von ihrem Brot und bewarf ihn damit. Als sie den Brief traf, schaute er auf und sah sie wortlos an, auf seiner Oberlippe hatten sich kleine Schweißtröpfchen gebildet. »Hallo? Ich bin jetzt für ein Jahr weg. In Amerika, schon vergessen? Ab übermorgen sitzt du allein beim Abendessen. Lies dann.« Sie ließ sich mit einem Ruck nach vorn fallen, nahm das Flugticket vom Tisch, wedelte damit vor seiner Nase und grinste ihren Vater an.

Ein Jahr Amerika. Und nicht irgendwo in einem staubigen Winkel hinter dem letzten Coyotenbau, nein, ein Jahr Kalifornien, Los Angeles bei Gasteltern, die so reich waren, dass ihr Haus als Sehenswürdigkeit in Reiseführern auftauchte. Sie würde alle Stars kennenlernen, auf die angesagtesten Partys gehen und, wer weiß, vielleicht sogar eine Statistenrolle in ihrer Lieblingsserie bekommen. All das hatte ihr ihre künftige Gastmutter in Aussicht gestellt, die ihr regelmäßig mailte.

Seit ihr Vater Christian ihr von dem Austauschprogramm erzählt hatte und auch noch gleich die Anmeldung mit ihr ausfüllte, war sie Feuer und Flamme gewesen. Jugendliche aus der ganzen Welt sollten die Chance bekommen, Hollywood und seine Stars kennenzulernen. Obwohl niemand sonst je davon gehört hatte. Es gab nicht einen einzigen Bericht darüber im Internet. Ihre Mitschüler fragten zwar, woher sie die Unterlagen hatten, aber das konnte sie ihnen nicht sagen. Ihr Vater meinte, das sei doch egal, sie hätte eh den letzten freien Platz bekommen. Bingo, Jackpot, sechs Richtige. Alles auf einmal! Die Schulleitung hatte nur sehr zögerlich zugestimmt, aber Christian war sehr überzeugend aufgetreten und trug schließlich die Verantwortung für sie. Gut, dass sie mit ihm allein lebte und niemand sonst reinreden konnte. Mit so einem Vater brauchte man keine Mutter. Schon gar keine, die einen als Baby mitsamt Schwester verließ, um nach Indien auszuwandern. Mit Christian verstand sie sich super, und wenn er mal anderer Meinung war, wusste sie, wie sie ihn um den Finder wickeln konnte. Meistens jedenfalls. Wenn er mal zu Hause war.

Christian seufzte tief und versuchte ein schiefes Lächeln. »Entschuldige Liebes. Hast du alles gepackt?« Juna verdrehte die Augen. »Sag mal, bist du blind oder was?« Sie tat seit Wochen nichts anderes. Koffer einpacken, wieder auspacken, den Inhalt ihres Kleiderschranks im ganzen Haus verteilen, mit ihrer besten Freundin Mia jedes Teil diskutieren und dann verzweifeln. Nach einem Notkauf von zwei viel zu teuren Jeans, die selbst ihrem flachen Hintern eine Form gaben, ging es ihr schon ein bisschen besser. Den Rest erledigten ein paar T-Shirts, die ein künftiges Bauchnabelpiercing gut zur Geltung bringen würden, und Mörderhighheels, die ihr Vater keinesfalls in diesem Leben zu Gesicht bekommen durfte. Aber ihre Gastfamilie sollte sich schließlich nicht mit ihr schämen.

Mit einem tiefen Seufzer stand ihr Vater auf und begann den Tisch abzuräumen. Juna versuchte heimlich den Brief zu schnappen. Mit einer überraschend schnellen, heftigen Bewegung riss ihn Christian aus ihren Händen. »Nix da. Auch Väter haben Geheimnisse. Trinkst du ein Glas Wein zum Abschied mit mir?« Juna sah ihn perplex an. Alkohol war bisher ein Tabu. » Echt jetzt? Wein? Kein Milchfläschchen? Wann hast du denn mitbekommen, dass ich schon 16 bin?« »Seit du meinen Rasierer mitbenutzt.« Sie grinsten sich an, fast wie immer, und gingen durch die Glastür im Wohnzimmer auf die Terrasse. Juna ließ sich auf eine Holzbank mit bunten Kissen fallen, während Christian, mit lautem Gestöhne und übertriebenen Verrenkungen, die Flasche entkorkte. Der Abend war mild und duftete nach Holunderblüten. Aus dem einen Nachbarhaus klang das Jammern einer gequälten Geige, aus dem Garten des anderen das gleichmäßige Brummen eines Rasenmähers. Junas Magen krampfte sich ein wenig zusammen. Sie sah ihren Vater an. Seine für diese Wohngegend zu langen Haare, sein offenes weißes Leinenhemd, warme braune Augen mit den tausend Fältchen drumherum, die aber heute nicht mit seinem Mund lächelten. Sie schluckte. Heimweh, obwohl sie noch gar nicht weg war. Hastig spülte sie die trüben Gedanken mit einem großen Schluck hinunter. Der Wein brannte in ihrer Kehle. Wie konnte ihr Vater das bittere Zeug nur jeden Abend trinken? »Und? Kommst du mich Weihnachten besuchen?« fragte sie. »Wenn es sich einrichten lässt, bestimmt.« antwortete er und knibbelte kleine Bröckchen aus dem Korken. Natürlich. Vermutlich ging seine Arbeit mal wieder vor. »In Amiland gibt es doch auch coole Outdoorläden, total abgefahrene, mit Kletterwänden und Kältekammern. Die könntest du doch abklappern und deren Ideen klauen.« »Kältekammern?« »Ja, um die warmen Jacken auszupro… » Es klingelte an der Tür und ihr Vater schrak zusammen als ob er das Geräusch noch nie gehört hätte. Juna runzelte die Stirn und hielt ihn am Ärmel fest. »Ey, nicht vergessen, das ist unser letzter Abend.« Ihr war ein bisschen schwindelig und in ihren Ohren rauschte es. Sie konnte die leise, aber ärgerliche Stimme ihres Vaters hören und sah dann, dass ein Besucher ins Wohnzimmer kam, der auf ihn einredete. Sie nahm einen weiteren Schluck gegen die Enttäuschung und die Wut, die in ihr hochstiegen. Den letzten Abend wollte sie nicht mit einem Fremden verbringen. Der Besucher kam auf die Terrasse und begrüßte sie. Sie nahm ihn wie durch einen Nebelschleier wahr. Ein alter Mann mit einem grauen Bart, der sie an Saruman aus dem Herrn der Ringe erinnerte. Er lächelte sie an und sagte etwas, das sie nicht verstand. Der Garten drehte sich um sie, und sie war plötzlich furchtbar müde. Ohne sich zu verabschieden, wankte sie in ihr Zimmer und fiel auf ihr Bett. Ganz weit weg hörte sie Christian mit dem Besucher streiten. Sie wurden lauter, ihr Vater schrie irgendwas, etwas ging zu Bruch, aber bevor sie sich Sorgen machen konnte, war sie eingeschlafen.

Juna wurde wach, ihre Zunge eine längst verstorbene Maus, in ihrem Schädel eine Armee hämmernder Zwerge. Sie wollte die Sonne ausknipsen und die Vögel erwürgen. Wie spät war es? Sie musste doch zum Flughafen. »Papa!« krächzte sie. Totenstille in der Wohnung. Die verklebten Augen mühsam eine Spalt breit öffnend, so dass das Ziffernblatt der Uhr erfasst werden konnte. Mit einem Ruck war sie hellwach! Zwei Uhr! Nachts? Dann wäre es dunkel. Mittags! War der Wecker stehengeblieben? Der Sekundenzeiger kroch stetig vorwärts. Ihr Flieger war seit zwei Stunden in der Luft. Ohne sie. »Papa? Christian?« ihre Stimme wurde schrill, und obwohl sich ihr Mageninhalt Richtung Mund bewegte, stand sie auf und stolperte die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Vor ihren Augen ein Schlachtfeld, das Sofa lag umgekippt im Raum, Scherben auf dem Boden, der Regalinhalt im Raum verteilt und dazwischen Blut. Blut auf dem Teppich und dem Sessel, an der Tür und dem Schrank. Juna stand wie versteinert im Raum. Wieder krampfte sich ihr Magen zusammen, und die Luft blieb ihr weg. Ihre Haut kribbelte unangenehm. »Raus!« schrie ihr Hirn, »Aufs Klo!« rief ihr Magen, »Papa.« flüsterte ihr Mund. Sie rannte ins Bad, stieß sich am Türrahmen. Bei jeder Bewegung tat ihre Schulter weh, als ob sie eine Sonnenbrand hätte. Die Haut spannte, und eine Million Ameisen krabbelten darauf herum. Vor dem großen Spiegel drehte sie sich um, zog an ihrem Hemd und starrte mit verrenktem Hals ungläubig auf ihr Schulterblatt. Dort prangte eine verschnörkelte Zeichnung, die entfernt an ein A erinnerte. Teilweise war nur der Umriss zu sehen, teilweise war es tiefblau ausgefüllt und mit feinen Linien verziert. Die Haut um die Linien war stark gerötet und glänzte, da sie mit irgendetwas eingecremt war. Hektisch benetzte Juna eine Waschlappen und versuchte die Linien wegzuwischen, gab aber schnell auf und sah der Tatsache ins Auge: Sie hatte ein Tattoo.

Lektorat

Juna ist fast sechzehn und geht als Austauschschülerin nach Hollywood. Sie lebt mit ihrem Vater allein zusammen, die Mutter ist vor vielen Jahren nach Indien abgehauen. Der Vater ist ein Workaholic, doch die Tochter stört das nicht so sehr, solange sie ihren Papa um den Finger wickeln kann. Das Austauschprogramm ist im Internet nicht präsent, doch das beunruhigt Juna nicht.

         Informationen vermitteln

Woher weiß ich das alles? Dass der Vater Workaholic ist, zum Beispiel? Dass die Mutter nach Indien verschwand?

Nicht dadurch, dass der Autor es uns direkt sagt. „Junas Vater war Workaholic“, dieser Satz findet sich im Text nicht. Ich weiß es, weil es mir die Handlung und der Dialog der Geschichte verraten. Der Vater liest einen Brief, Juna will seine Aufmerksamkeit und sagt: »Ich schmeiß die Schule hin und heirate meine Dealer.«

Eltern werden solche Ankündigungen eher selten beifällig kommentieren. Doch: »Wie schön für dich, Liebes«, beantwortet der Vater Junas Satz, den er offensichtlich nicht gehört hat. Aber das wird uns Lesern nicht gesagt. Das erschließen wir aus dem, was und wie die beiden reden und wie sie reagieren.

Diese Technik sollten Sie sich genau ansehen. Sie wird auch an anderer Stelle geschickt eingesetzt.

Was passiert hier eigentlich? Zum einen erzählt uns nicht der Autor die Geschichte.

„Junas Vater hatte Junas Satz nicht zugehört, sondern war in seinen Brief vertieft.“ Das würde nicht Juna denken, das würde uns der Autor mitteilen. Und das erlebe ich immer wieder bei Texten von Anfängern. Sie betrachten die Szene von außen, sie schauen auf die Figuren und teilen uns mit, was diese tun und denken. Sie stellen Behauptungen über ihre Geschichte auf, wollen sie dem Leser erklären.

Leider sind Texte, in denen uns der Autor die Geschichte erklärt, in aller Regel langweilig. Sorry for that. Das sicherste Mittel, um Leser abzuschrecken. Denn die wollen nicht die Geschichte erklärt bekommen. Sie wollen sie erleben.

Weniger Distanz und die Personen lebendig werden lassen: Das ist die Lösung für solche Probleme. Vergessen Sie, was Sie über Ihre Geschichte wissen. Erklären Sie das auf keinen Fall dem Leser. Sondern erzählen Sie aus der Figur. Versetzen Sie sich in sie: Was würde die Figur denken, tun? Damit sind Sie dicht an den Ereignissen und geben dem Leser die Möglichkeit, die Figur zu erleben und sich mit ihr zu identifizieren. „Show, don’t tell“, heißt das in der Fachsprache. Zeigen, nicht behaupten.

Wenn ein Autor seine Geschichte von außen erzählt, ist das in der Regel ein Hinweis darauf, dass er seine Figuren noch nicht richtig kennt. Aber es sind die Figuren, die eine Geschichte lebendig werden lassen. Wenn in Ihren Texten dieses Problem auftaucht, hilft nur: Verwandeln Sie sich in die Figur, und schreiben Sie die Szene neu. Meist verbessert sich auch der Stil, sobald der Autor aus der Figur erzählt.

Zurück zu der Tattoo-Geschichte. Woher weiß ich, dass die Mutter nach Indien gegangen ist? Nicht durch den Satz: „Junas Mutter ging nach Indien, als sie noch ein Baby war.“ Das wäre ein Satz, den uns der Autor sagt. Eine Behauptung, „tell“. Aber der Autor löst das Problem anders:

„Mit so einem Vater brauchte man keine Mutter. Schon gar keine, die einen als Baby mitsamt Schwester verließ, um nach Indien auszuwandern.“

Juna spricht mit ihrem Vater, und zugleich hören wir ihre Gedanken. So könnte eine Fünfzehnjährige reden. Hier spricht Juna zu uns, nicht der Autor. Wir erhalten einen Eindruck von ihrer Gedankenwelt, sie wird lebendig. Obendrein wecken solche Sätze Assoziationen, die eine Autorenbehauptung niemals erreichen würde. Die Mutter ist nach Indien, aber Juna vermisst sie nicht. So denkt sie.

Stimmt das wirklich? Vermutlich nicht ganz, aber der Autor lässt das offen. Das ist „show“. Es wird uns gezeigt, nicht behauptet. Lässt uns Raum, uns unsere eigenen Gedanken über das Mädchen und ihre Welt zu machen.

         Bröckchentechnik

Und was erfahren wir über dieses Austauschprogramm mit Hollywood? Als Erstes, welche Wünsche und Träume Juna damit verbindet. Stars, Glamour und vielleicht eine Filmrolle. Wir erleben auch das direkt aus Juna Gedanken. Der Autor statuiert keine Behauptungen über die Situation. Er zeigt uns Juna und überlässt es uns, daraus Rückschlüsse zu ziehen.

Denn niemand kennt dieses Austauschprogramm. Auch das erfahren wir aus Junas Gedanken. Die uns verraten: Ein wenig unwohl ist ihr dabei schon, aber sie schiebt die Bedenken beiseite; ihr Papa hat das arrangiert, und dem vertraut sie. Wir Leser vertrauen ihm an dieser Stelle nicht mehr so richtig. Aber wir wissen es nicht genau. Diese Unsicherheit erhöht die Spannung. Deshalb töten Autorenbehauptungen Spannung. Weil sie feststellen: So ist die Situation. Und dem Leser keinen Raum geben, es ihm nicht ermöglichen, eigene Schlüsse zu ziehen.

Nach und nach wird das Austauschprogramm immer fragwürdiger. Nicht durch Behauptungen, sondern durch das, was geschieht. Der Vater seufzt. Er, der sich sonst gerne von der Tochter bestimmen lässt, reißt ihr den Brief aus der Hand. Was mag darin stehen? Etwas, das die Tochter nicht wissen darf, folgert der Leser. Die Spannungsschraube wird angezogen.

Dann als Ausgleich das Angebot des Weins. Was den Leser kaum beruhigen dürfte. Die Tochter ist natürlich begeistert, wie es die meisten Fünfzehnjährigen sein würden. Und übersieht deshalb, was wir Leser sehr wohl wahrnehmen. Irgendwas stimmt da nicht.

Und dann der Wein. Der schmeckt bitter. Wieder etwas Bedrohliches, nicht sehr bedrohlich, eher unterschwellig, kaum wahrnehmbar, aber umso wirksamer. Dass Alkohol beim ersten Genuss nicht so richtig schmeckt, ist normal. Aber bitter?

Ein weiteres Detail, als sie ihren Vater ansieht: „Warme braune Augen mit den tausend Fältchen drumherum, die aber heute nicht mit seinem Mund lächelten.“ Seltsam, gerade hat er doch noch einen Witz gemacht?

Dann klingelt es, und der Vater schreckt zusammen. Wieder etwas Bedrohliches. Nicht alles auf einmal, zwischendurch passieren harmlose Dinge. Aber eben immer wieder kleine Details, die den Leser in Besorgnis versetzen und damit die Spannungsschraube anziehen.

Bis die Tochter nach wenigen Schlucken ausgeknockt ins Bett verschwindet und unten Streit mit dem geheimnisvollen Besucher ausbricht. Als sie erwacht, ist der Flieger fort und sie hat ein Tattoo.

         Absätze

Der Text ist zwar durch Absätze gegliedert. Aber innerhalb der Absätze stehen die Redebeiträge sowohl von Tochter wie Vater.

Tun Sie das nicht. Die Lesbarkeit steigert sich enorm, wenn sie bei jedem Sprecherwechsel einen neuen Absatz beginnen. Gleiches gilt auch, wenn die handelnde Person wechselt oder Zeit oder Ort sich verändern. Den zweiten Absatz sollte man besser so schreiben:

»Ich schmeiß die Schule hin und heirate meine Dealer.« Juna sah ihren Vater angriffslustig an.

»Wie schön für dich, Liebes«, gab er zurück, ohne den Blick von seinem Brief zu wenden.

Es geht doch nichts über Eltern, die zuhören. Juna lehnte sich lässig auf ihrem Stuhl zurück, riss Bröckchen von ihrem Brot und bewarf ihn damit. Als sie den Brief traf, schaute er auf und sah sie wortlos an, auf seiner Oberlippe hatten sich kleine Schweißtröpfchen gebildet.

»Hallo? Ich bin jetzt für ein Jahr weg. In Amerika, schon vergessen? Ab übermorgen sitzt du allein beim Abendessen. Lies dann.« Sie ließ sich mit einem Ruck nach vorn fallen, nahm das Flugticket vom Tisch, wedelte damit vor seiner Nase und grinste ihren Vater an.

Absätze werden unterschätzt, sagt Stephen King. Und er hat recht. Sie sind wichtige Gliederungsmöglichkeiten, die ein Autor nutzen sollte. Hier finden Sie einen Artikel über Absätze: http://www.hanspeterroentgen.de/der-absatz.html

         Zeichensetzung in Dialogen

Stimmt im folgenden Text die Zeichensetzung?

»Ich schmeiß die Schule hin und heirate meine Dealer.« Juna sah ihren Vater angriffslustig an. »Wie schön für dich, Liebes.« gab er zurück, ohne den Blick von seinem Brief zu wenden.

Der erste Dialogsatz mit dem Dealer endet mit einem Punkt vor den Anführungszeichen. Zu Recht, denn danach beginnt ein neuer Satz. Den zweite Dialogsatz – „Wie schön für dich, Liebes“ – dürfen Sie aber nicht mit einem Punkt abschließen, denn danach geht der Satz weiter: „gab er zurück“. Hier müssen Sie mit einem Komma abschließen, und zwar hinter den Anführungszeichen:

»Wie schön für dich, Liebes«, gab er zurück.

Der Anfang

Schauen Sie sich noch mal den Anfang an:

Ihre Haut brannte wie Feuer, wo man ihr ein Tattoo gestochen hatte. Ihre Augen waren blind vor Tränen, die sie um ihren verschwundenen Vater weinte. Und vor grenzenloser Enttäuschung, weil er sie verraten hatte.

Was fällt Ihnen auf? Was ist der Unterschied zu dem Rest des Textes?

Die Erzählstimme. Der Rest des Textes erzählt mit der Stimme einer fast Sechszehnjährigen. Die ersten drei Sätze nicht. Die sind in der Stimme des Prologs eines Thrillers gehalten. Unheilvoll, drohend, ein wenig andeuten: »verschwundener Vater«, »grenzenloser Enttäuschung«.

Solche Anfänge sind durchaus genreüblich. Aber ist in diesem Fall das auch nötig?
Ich finde nicht und würde direkt mit der Aussage Junas beginnen: »Ich schmeiß die Schule hin und heirate meine Dealer«. Weil das ein so eindrücklicher Satz ist, der den Leser sofort fesselt, mehr als die genreüblichen ersten drei Sätze, die davor stehen.

Aber die Geschmäcker sind verschieden. Viele Leser mögen einen derartigen Vorspann, Wenn Sie Zweifel haben, welcher Anfang besser ist, drucken Sie einfach beide Versionen aus. Den mit dem üblichen Vorspann und den, der mit Juna und ihrer Dealer-Aussage beginnt.

Und legen beide Testlesern aus dem Genre vor, fragen Sie sie: welcher Anfang würde dich eher zum Weiterlesen locken? Natürlich nicht verraten, welchen der Autor selbst besser findet. Auf manche Fragen gibt es eben keine so eindeutige Antwort. Dann muss man  experimentieren.

         Übung

Zum Schluss noch eine Übung für Sie: Lesen Sie sich den Text noch einmal genau durch. Schreiben Sie nach jedem Absatz auf, was Sie aus dem Absatz erfahren. Für jedes Infobröckchen einen Satz. So können Sie verfolgen, wie geschickt der Autor seine Informationen enthüllt wie die Schalen einer Zwiebel. Und keine dieser Informationen behauptet er, sondern wir Leser erschließen es aus den Ereignissen und Junas Gedanken.

 

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Beispiellektorat Februar 2016

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