Klappentext: Beispiellektorat März 2016

„Miras Welt“

(aus Tempest 3/2016)

Melissa sieht ihr Leben zerbrechen: Ihr Freund gibt ihr den Laufpass und sie verliert die Wohnung. Auch in ihrer Redaktion ziehen dunkle Wolken auf.
Obwohl sie mit allem völlig überfordert ist, besucht sie Mira Mertens im Rahmen einer Reportage über altes Heilwissen. Die weißhaarige Dame bewirtet sie mit warmen Kokosbällchen, Gewürzkaffee und lädt sie in „Gottes Gästezimmer“ ein.
Melissa entdeckt dort eine Familienchronik und taucht tief in die Vergangenheit ihrer Wirtin ein. Sie nimmt Anteil am Tod eines Kindes und tiefer Trauer. Aber sie erfährt auch, wie Mira mit Hilfe der Engel zu neuer Lebensfreude fand und für andere Menschen zur Lichtbringerin wurde.
MIRAS WELT spinnt einen feinen Kokon um zeitlose Freundschaft, Liebe und tiefe Spiritualität.
MIRAS WELT lädt den Leser ein, Herzenswärme und Zuversicht zu tanken.

(Klappentext zu dem Roman: http://www.amazon.de/dp/1511549769)

Lektorat

Ein Klappentext soll den Leser verführen, aber auch auf das Buch einstimmen. Er soll potentielle Leser anlocken.Das Erste, was Leser von einem Roman sehen, sind das Cover und der Titel. Weckt das Interesse, dreht man das Buch um (in der Buchhandlung) oder klickt den Klappentext an (im Internet).

Und wie im Text selbst ist der erste Satz wichtig. Der soll dem Leser verraten, um welche Art von Roman es sich handelt und was das Besondere daran ist. Sprich: Warum sollte der Leser es kaufen und lesen? Der erste Satz muss also eine erste Orientierung geben. Ist es ein Krimi, eine Liebesgeschichte, ein hochliterarisches Werk? Je nachdem werden potentielle Leser es weglegen (wenn das Genre nicht ihres ist) oder weiterlesen (falls das Genre stimmt und die Geschichte interessant wirkt).

Was sagt uns dieser erste Satz: „Melissa sieht ihr Leben zerbrechen.“?Leider sehr wenig. Wir wissen, dass es um eine Frau geht, die einen schweren Schicksalsschlag erleidet. Aber das kann viel bedeuten. Vielleicht ein Liebesroman, sie findet danach endlich Mr Right? Oder zeitgenössischer Roman?

Übrigens: Wieso sagt der Hauptsatz, dass Melissa „sieht“? Ist das wirklich die Hauptsache?Oft werden solche Sätze „Sie sah …“ in Texten formuliert, die ich erhalte. Aber das wirklich Wichtige ist nicht, dass jemand „etwas sieht“, sondern es ist das, was er sieht. Besser wäre in diesem Fall: „Melissas Leben zerbricht.“

Danach wird aufgelistet, was das genau heißt: Ihr Freund verlässt sie, sie verliert die Wohnung, und auch am Arbeitsplatz ziehen dunkle Wolken auf. Das ist eine gute Aufzählung, die einen genaueren Einblick geben, was da zerbricht.

          Der Pitch

Zurück zum ersten Satz: „Melissa sieht ihr Leben zerbrechen“. Der erste Satz in einem Klappentext hat die Funktion eines Pitchs. Wenn der Autor gefragt wird: „Was ist das für ein Roman?“, gibt der Pitch eine erste kurze Antwort.

Bekannt ist das auch als „Fahrstuhl-Pitch“: Ein Autor trifft zufällig im Fahrstuhl auf einen Verleger und hat genau drei Stockwerke Zeit, ihm sein Manuskript schmackhaft zu machen.Einen Pitch benötigen aber auch Selfpublisher. Ein Selfpublisher trifft im Fahrstuhl auf eine Gruppe potentieller Leser und hat genau drei Stockwerke Zeit, sie auf sein Buch neugierig zu machen. Was sagen Sie, lieber Autor? „Mein Roman ist zu komplex, das kann ich nicht kurz erklären?“Falsch. Egal ob Verleger oder Leser, die anderen werden den Fahrstuhl verlassen und Autor und Werk umgehend vergessen.Ich kenne das Werk nicht, das dieser Klappentext bewerben soll. Doch ich empfehle, einen eindrücklicheren ersten Satz zu wählen. Einen, mit dem der Autor auch an anderer Stelle das Buch bewerben kann, kurz, knapp und einprägsam.

          Wo beginnt die Geschichte?

Der nächste Absatz schildert, was der Beginn der Geschichte ist. Im Krimi wäre es ein Mord, hier ist es ein Besuch bei einer alten Dame:

Obwohl sie mit allem völlig überfordert ist, besucht sie Mira Mertens im Rahmen einer Reportage über altes Heilwissen. Die weißhaarige Dame bewirtet sie mit warmen Kokosbällchen, Gewürzkaffee und lädt sie in ‚Gottes Gästezimmer‘ ein.

Gibt Ihnen das eine Vorstellung? Kokosplätzchen, Gewürzkaffee und „Gottes Gästezimmer“? Ja, wir entwickeln ein erstes Bild von dem Treffen und der Frau. Denn auch im Klappentext gilt: Show, don’t tell. Schreib anschaulich.Den ersten Satz würde ich umformulieren:

Im Rahmen einer Reportage über altes Heilwissen besucht sie Mira Mertens, obwohl sie mit allem überfordert ist.

          Anschaulich schreiben

Der nächste Absatz bleibt blass:

Melissa entdeckt dort eine Familienchronik und taucht tief in die Vergangenheit ihrer Wirtin ein. Sie nimmt Anteil am Tod eines Kindes und tiefer Trauer. Aber sie erfährt auch, wie Mira mit Hilfe der Engel zu neuer Lebensfreude fand und für andere Menschen zur Lichtbringerin wurde.

Das klingt ein wenig, als würde sie auf eigene Faust das Zimmer und die Wohnung durchsuchen und zufällig eine Familienchronik entdecken. Gemeint ist vermutlich, dass die Wirtin ihr diese Chronik zeigt. Das würde ich dann auch so schreiben.

Und was heißt: „Sie nimmt Anteil am Tod eines Kindes.“?In der Chronik wird offenbar der Tod eines Kindes der Wirtin geschildert. Nur sagt uns „Tod eines Kindes“ wenig. Wie ist es gestorben? Das sollte hier stehen. „Ein betrunkener Fahrer überfuhr ihr Kind, als es fünf war …“Wenn das dort steht, wird der Leser die tiefe Trauer mitempfinden können. Im Moment wird sie nur behauptet.

Ach ja, was ist eigentlich das Besondere an Mira? Im Moment ist sie eine nette, alte Dame, die in ihrem Leben viel erlebt hat und deshalb einer jungen Frau Trost spenden kann. Das sagt der Absatz mit den Kokosplätzchen. Doch das allein deutet noch keine Geschichte an.

Wenn Heldinnen etwas erfahren …

Dann erfährt Melissa etwas. Dass jemand etwas erfährt, das lese ich – genau wie „Sie sieht …“ – häufig in Texten. Und ich rate von solchen Konstruktionen ab. Sie klingen statisch, das Hauptaugenmerk liegt darauf, dass die Heldin „etwas erfährt“ oder „etwas sieht“. Aktiver wäre hier besser:

Doch Mira fand mit Hilfe der Engel zu neuer Lebensfreude und wurde für andere Menschen zur Lichtbringerin.

Damit endet der Klappentext, danach kommt eine Zusammenfassung. Natürlich schlussfolgern wir: Mira wird auch Melissa helfen können, ihre Trauer zu überwinden und wieder neues Lebensglück zu gewinnen. Das dürfte der Inhalt des Romans sein, und deshalb wird das auch nicht genannt. Den Schluss in einem Klappentext zu verraten, ist schließlich keine gute Idee.

Man könnte es aber als Frage formulieren, z. B.:„Wird auch Melissa ihre Lebensfreude zurückgewinnen?“

          Der Schluss

Am Schluss fasst der Klappentext Thema und Art des Romans zusammen:

MIRAS WELT spinnt einen feinen Kokon um zeitlose Freundschaft, Liebe und tiefe Spiritualität. MIRAS WELT lädt den Leser ein, Herzenswärme und Zuversicht zu tanken.

Keine schlechte Idee. Nur geschieht es zweimal, in zwei Sätzen, die sich gegenseitig schwächen. Weniger ist oft mehr, und hier gilt das besonders. Wenn Sie das Gleiche zweimal sagen, wird es nicht eindrücklicher, sondern schwächer. Der erste Satz ist der eindrücklichere, den würde ich als Abschluss stehen lassen, den zweiten würde ich streichen.

          Namen

Achten Sie einmal auf die Namen. Sie fangen alle mit »M« an: Mira, Melissa, Mertens. Ich würde die Namen unterschiedlicher machen, sonst verwechseln die Leser die Figuren leicht.

          Verlagsbewerbung und Selfpublishing

Gerne sagen Selfpublisher, dass sie ja zum Glück keinen Pitch und kein Exposé benötigen – anders  als die Autoren, die über Verlage veröffentlichen wollen. Aber das stimmt nicht. Selfpublisher benötigen genau wie Verlagsautoren einen Pitch. Und sie brauchen einen kurzen Werbetext, der Appetit auf das Buch macht. Bei einer Verlagsbewerbung wäre das ein Kurzexposé von einer Viertel- oder einer halben Seite, das im Unterschied zum längeren Exposé den Schluss nicht verrät. Und ein gutes Exposé liefert oft die Vorlage für den späteren Klappentext.

          Zusammenfassung

Ein Klappentext benötigt:
— einen Pitch
— zwei oder drei Absätze, die schildern, wo die Geschichte beginnt
— einen abschließenden Satz über Thema und Art des Buches

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Klappentext: Beispiellektorat März 2016

2 Gedanken zu “Klappentext: Beispiellektorat März 2016

  1. Ich bin mit meinen Klappentexten und mit dem aktuellen ebenso nicht zufrieden, aber die Hinweise in diesem Artikel helfen mir mir nur sehr wenig. : Johanna bekommt einen Platz an der Surfakademie und darf für ein Jahr die Kailua Highschool besuchen. Für sie heißt es nun: Auf nach Hawaii! Für Jungs hatte sie bisher wenig Zeit, jetzt wohnt sie gleich mit vier Exemplaren dieser Spezies und mit drei Mädchen zusammen unter einem Dach. Gute Aussichten für sie, Sommer, Sonne, Strand und blaues Wasser zu genießen und Freundschaften zu knüpfen. Doch kaum angekommen, begegnen ihr Arroganz, Eifersucht und Konkurrenzdenken.
    Kimberly will zwischen Abitur und Studium für sechs Monate nach Hawaii zum Ausspannen, mit Jungs flirten, ein wenig jobben, bevor das Lernen sie wieder voll beanspruchen wird.
    Immer wieder begegnen sich die Mädchen und plötzlich wird alles ganz anders …

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  2. mondregenbogen schreibt:

    Lieber H. P. Roentgen,

    ich bedanke mich für die Zeit und Aufmerksamkeit, die Sie meinem Klappentext zu „Miras Welt, Engelshauch und Kaffeeduft“ gewidmet haben.
    Ihre Anmerkungen sind sehr interessant für mich.

    Übrigens hat Melissa in der Tat in schlafloser Nacht einen Stapel Zeitschriften bei ihrer Gastgeberin Mira Mertens durchwühlt und fand dabei besagtes Buch „Lebenslicht“, geschrieben von Mira, das vom Krebstod des autistischen Jungen erzählt. Insofern lagen Sie mit ihrer Vermutung falsch. 😉

    Momentan erfreut sich dieses Buch guter Aufmerksamkeit und ich erhalte viel positives Feedback.
    Ich habe es – neben dem Unterhaltungsaspekt – geschrieben, um Trauernden zu helfen.

    herzliche Grüße
    Marlies Lüer

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