Die Dosis macht das Gift

Ich weiß, ich bin manchmal ein Besserwisser. Aber gibt es nicht immer etwas einzuwenden? Und als Lektor hat man Einwendungen, da gibt es immer etwas zu mosern. Das gehört zum Beruf.

Aber merken Sie etwas? Und fällt Ihnen etwas auf?

Falls nicht, lesen Sie sich die Sätze nochmals durch.

Ich liebe die Worte „aber“ und „und“, vor allem am Satzanfang. Ich bin eben ein geborener Pessimist und mir fällt immer etwas auf, sodass ich den Autoren sagen kann: „Aber so geht es nicht. Und das muss man ändern.“

Jeder hat so seine speziellen Worte, die er in reicher Fülle über die Erstfassung ausgießt. Dabei hat „Aber“ und „Und“ auch am Satzanfang durchaus seine Berechtigung. Doch schon Paracelsus wusste 1538: „Die Dosis macht das Gift.“

Das gilt auch für das Schreiben. Egal, was ihre Lieblingsworte sind, Sie werden in der ersten Fassung zu viele davon benutzen. Deshalb sollte man sie kennen. Papyrus bietet in der Dokumentenstatistik den nützlichen Punkt „Worthäufigkeit“. Was soll ich sagen? In meinem neuesten Projekt steht „und“ an erster Stelle, 675 mal findet es ich im Text. „Aber“ folgt bald danach, ABER nur 173 Mal. Die Dosis macht …

Ich werde deshalb nicht alle „und“ und „aber“ in der Überarbeitung streichen. Doch ich werde sie ausdünnen. Und darauf achten, welche überhaupt einen Sinn haben. „Aber“ steht für einen Gegensatz. »Aber etwas ist nicht so, wie vorher behauptet.« Wenn es keinen Gegensatz gibt, dann gibt es auch keinen Platz für ein aber. Nicht mal für einen Pessimisten wie mich, der immer etwas einzuwenden hat.

Häufige Wörter verraten immer auch etwas über den, der sie gerne verwendet. Weiter nicht schlimm, wir alle haben unsere Besonderheiten. UND wir Autoren haben besonders viele. ABER wir sollten sie kennen. UND auf ein angemessenes Maß zurückschneiden. Damit sie nicht alles überwuchern.

Gehören sie zu den Fans von „anscheinend“, „scheinbar“, „fast“, „ungefähr“? Weil Sie genau sein wollen und der Satz „1.000 Soldaten lagerten in Ebene“ Ihnen nicht aus der Tastatur fließen will? Wer weiß schließlich, ob es wirklich genau 1.000 waren, könnten ja auch nur 999 oder vielleicht auch 1001 gewesen sein? Besser, Sie sichern sich ab. Vielleicht waren es auch nur „fast“ 1.000 Soldaten? Oder „anscheinend“ 1.000?

Man sollte seine Schwächen kennen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Tag.

Ihr Hans Peter Roentgen

 

Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder zu kommentieren!

Aber denken Sie daran: die Dosis … 😉


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

 

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