Franzi – Beispiellektorat Juni 2016

Freitag, 22. Juli 2016 – Prolog

Franzi ist ein Schäferhund; genauer gesagt, ein zwar stammbaumloser, aber allem Anschein nach reinrassiger Deutscher Schäferhund.

Allerdings war die Rassefrage Herrl und Frauerl herzlich gleichgültig, als sie den Welpen vor einigen Wochen im TierQuarTier Wien abholten; das Pärchen suchte einfach ein neues, liebenswertes Haustier, nachdem ihr bisheriger Begleiter im gesegneten Alter von 17 Jahren den Weg allen Hundefleisches gegangen war.

Nicht ganz so gleichgültig dagegen dürfte die Rasse einem anderen Akteur sein, der an dieser Stelle noch nicht näher vorgestellt werden soll. Er taucht – fürs Erste – ohnehin nur sehr kurz auf; momentan ist er noch außer Sicht. Somit kann sich Franzis Herrl im Schatten einer Eiche dem Plausch mit einer anderen Hundehalterin widmen, während beider Tiere – der Schäferhund und ein etwa gleich großer Terrier-Sonstwas-Mix – kläffend durchs flache Wasser tollen.

„Grad erst Sieben“, bemerkt der Mann mit einem Blick auf seine Uhr. „Wohl etwas früh für Frau Stadler. Die letzten Tage, da traf ich sie sonst immer hier am Kaiserwasser, aber da war’s meist schon gegen Acht. Dabei sollt für ihren Hund die morgendliche Frische doch auch angenehmer sein, mit all dem Fell und so. Selbst vorhin, als ich losging, da waren’s schon 25 Grad!“

Die Frau blickt ihn betroffen an: „Haben’s das noch nicht gehört, Herr Travnicek? Schrecklich, was ihr passiert ist. Das arme, arme Hündchen …“

„Hündchen ist gut: Das Hunderl war noch blader als sein Frauerl! Jumbo hieß er, nicht wahr? Nichts für ungut, aber … Was ist denn passiert?“

„Der arme Jumbo … Sie war vorgestern mit ihm in der Hundezone drüben am Angelibad; Sie kennen’s bestimmt; ich führe da meine Paula auch äußerln, ab und an, nur abends, oder frühmorgens, wenn da weniger von den großen Hunden unterwegs sind und so … Jedenfalls: Jumbo ging ins Wasser; macht er sonst wohl selten, eher nie, meinte Frau Stadler, aber an dem Tag, es war Nachmittag, wieder wohl 35 Grad, eher mehr …“

„Weiß schon; wird dort kaum anders gewesen sein als hier!“

„Natürlich, natürlich. Jedenfalls, das Hunderl ging ins Wasser, Frau Stadler blieb am Ufer, sah ihm zu, und plötzlich … Das arme Tier klatscht ins Wasser, versinkt, verschwindet – und taucht nicht mehr auf.“

Jetzt ist doch das Interesse des Mannes geweckt: „Einfach so? Nun, vielleicht ein Hitzschlag, der Schock. … Passiert ja jedes Jahr auch ein paar Badenden; man springt überhitzt ins kalte Wasser … Das ist natürlich ein Schreck, aber wenn der Hund nicht lange litt, nicht wie unsere Fritzi zuletzt … Hat sie ihn dann gleich zur EBS gebracht?“

„Zur was?“

„Sie wissen schon, der Wiener Tierservice am Alberner Hafen. Die holen tote Hunde auch gratis ab, aber bei Fritzi, da haben Cordula und ich sie ganz bewusst selber dort hin gebracht. Ein letzter Abschied, nach all den Jahren …“

„Nein, nein; das war ja das Seltsame: Frau Stadler meinte, sie ist dann zwar sofort ins Wasser gegangen, hat gesucht, zuerst an der gleichen Stelle, dann ringsum, aber vergeblich: Keine Spur! Dabei war’s ja wahrlich kein kleines Tier.“

„Weiß Gott nicht. Nun ja, die Alte Donau ist schon recht trüb.“

„Aber das Wasser dort war nur knietief, meinte Frau Stadler, und so tief kann man allemal schauen, sogar hier, am Kaiserwasser. Vielleicht hat die Strömung den armen Hund erfasst, ihn weggetragen …“

„Strömung? Das mag zwar ‚Alte Donau’ heißen, aber Sie wissen schon, dass das eigentlich ein Binnensee ist, nicht wahr? Wo soll da so was wie Strömung herkommen?“

„Tja, ich weiß auch nicht; was könnte sonst … Paula! Paula, hör auf zu kläffen! Was hat denn der Hund?“

Darauf dreht sich auch der Mann wieder zum Wasser um: „Wen verbellt sie denn da? Was … Und wo ist Franzi?“

„War Ihr Hunderl nicht eben noch da?“

„Ja, sicher; ich hörte ihn doch eben noch. Vor ein paar Minuten oder so … Franzi! Komm her, Franzi! Wo bist du?“

„Paula, komm aus dem Wasser raus! Bei Fuß, Paula!“

Herrl und Frauerl treten ans Ufer, doch keines der beiden Tiere gehorcht: Paula steht weiter mit steil aufgerichteter Rute zum Ufer hin im wadentiefen Wasser und bellt, und ein zweiter Hund ist weit und breit nicht zu sehen.

Lektorat

Zwei Hunde, Franzi und Paula, tollen in der alten Donau, die Besitzer unterhalten sich, es ist heiß. Das Herrle von Franzi erzählt, dass hier vor kurzem ein Hund im Wasser verschwunden ist. Spurlos. Nicht mal die Leiche hat man gefunden.

Und dann ist plötzlich auch Franzi fort. Und Paula bellt wie verrückt.

Der Anfang

Möglichst spät in die Szene springen, möglichst früh wieder raus, so lautet eine Regel amerikanischer Drehbuch- und Spannungsautoren. Halten Sie sich nicht mit Vorgeschichte auf, denn das langweilt den Leser. Er will wissen, was passiert. Vorgeschichte kann man – so sie überhaupt nötig ist – später einfügen.

Sollte „Franzi“ also besser mit dem Gespräch zwischen den beiden Hundehaltern beginnen? Statt mit der Vorgeschichte, warum der Stammbaum den Besitzern egal ist, und der Andeutung, dass es da jemanden gibt, der sich sehr dafür interessiert?

Schreibregeln und wann sie nützen

Ein Arzt muss wissen, welche Medizin gegen welche Krankheiten hilft – und wann man sie besser nicht verschreiben sollte. Er muss also wissen, welche Wirkung sie hat.

Nicht anders ist es beim Schreiben. Ein Autor muss wissen, welche Wirkung die Schreibregeln haben, wann sie nützlich sind und wann nicht.

„Möglichst spät in die Szene, möglichst früh raus“, das beschleunigt das Tempo. Wirft den Leser sofort ins kalte Wasser der Ereignisse. Zieht ihn in die Geschichte. Das hat sich bei Spannungsliteratur bewährt. Thriller – jedenfalls die erfolgreichen – beginnen deshalb gerne mit einer Actionszene, lassen sofort etwas passieren, halten sich nicht damit auf, dem Leser etwas über das Umfeld oder die Personen zu erzählen.

Aber ist die obige Geschichte ein Thriller?

Sie hat ein Spannungselement, gar kein Zweifel. Hunde verschwinden einfach in der alten Donau. Niemand findet eine Leiche, keiner weiß, wohin sie verschwunden sind.

Witz und Distanz

Aber die Geschichte hat auch Witz. Sie erzählt mit Augenzwinkern über Hundehalter, für die ihr Hund das Zentrum ihrer Welt ist. Das findet sich in der Vorrede, das findet sich im Dialog. Der ist übrigens auf den Punkt gebracht, wir erhalten eine gute Vorstellung der beiden Hundehalter, die sich unterhalten.

Witz und Humor arbeiten gerne mit der Distanz. Wir schauen von außen auf die Szene, amüsieren uns über die Akteure. Erkennen uns selbst mit unseren Schwächen darin wieder. Daher kann eine derartige Einleitung für einen humorvollen Text passen.

Hat es Ihnen gefallen, diese Einleitung zu lesen? Ich bin im Zweifel. Sie vermittelt einen Eindruck, welche Geschichte wir vor uns haben. Eine, die langsam vorangeht, die die Distanz zu den Personen hält. Die mit Witz erzählt, mit Augenzwinkern über die menschlichen Schwächen der Hundehalter.

Gleichzeitig ist manches auch bemüht, etwa »nachdem ihr bisheriger Begleiter im gesegneten Alter von 17 Jahren den Weg allen Hundefleisches gegangen war«. Da soll zwar Witz entstehen durch eine ungewohnte Wortwahl für eine bekannte Formel (den Weg alles Irdischen). Aber es klingt gewollt, konstruiert. Und gerade, wenn man humorvoll schreiben will, müssen Wortwahl und Pointe sitzen. Passt es nicht ganz, stört es den Leser. Und das ist hier der Fall.

Das gilt auch für die Vorankündigung, dass es jemand Dritten gibt, dem die Rasse ganz und gar nicht egal ist. Da wird dem Leser etwas mitgeteilt, etwas erklärt, was später passieren wird. Im Spannungsroman ein grober Schnitzer, den die wenigsten Leser verzeihen. Denn mit solchen Vorankündigungen – lieber Leser, da wird bald etwas furchtbar Spannendes passieren und ein furchtbarer Bösewicht lauert hier im Verborgenen –, mit solchen Vorankündigungen steigert man nicht die Spannung, sondern würgt sie ab. In witzigen Texten geht das – wenn es Witz hat. Und da bedarf es in diesem Absatz noch einiger Nacharbeit.

Erzählstimme und Art der Geschichte

Der Anfang eines Romans legt auch die Art der Geschichte fest. Witzige Hundegeschichte mit Spannung? Knallharter Thriller? Dazu dient auch die Erzählstimme, die passen muss und die im Text durchgehalten werden sollte. Und ich glaube, das ist das Problem dieses Textes – er kann sich nicht zwischen Thriller und Witz entscheiden. Der Leser merkt das und ist verwirrt.

Geschichten verschlimmbesssern

Geschichten, die noch sehr roh, unfertig sind, lassen sich leicht verbessern. Meist sieht man auf den ersten Blick, woran der Text krankt, und kann einen Vorschlag machen, wie man ihn verbessern könnte.

Hat eine Geschichte bereits ein gewisses Niveau erreicht, wird es schwierig. Manchmal steht man zwischen Scylla und Charybdis, weiß nicht so recht: Soll ich das stehen lassen oder abändern? Bei guten Geschichten läuft ein Lektor immer Gefahr, die Geschichte zu verschlimmbessern. Im Fall von „Franzi“: Soll man direkt in das Gespräch der Hundehalter springen oder die Vorrede stehen lassen? Soll man in Richtung Thriller verbessern oder in Richtung witzige Hundegeschichte mit Spannung?

Übung

Wie sähe die Geschichte aus, wenn das Rätsel der verschwindenden Hunde das Thema wäre, es sich also um einen klassischen Thriller handeln würde?

Schreiben Sie die Szene einmal um. Lassen Sie das Augenzwinkern weg, es soll eine Szene werden, in der sie direkt personal erzählen, die Szene durch die Augen des Herrli von Franzi erleben.

Schreiben lernt man durchs Ausprobieren. Nur so erlebt man, welche Wirkung welche Techniken und Schreibregeln haben. Probieren Sie immer mal unterschiedliche Möglichkeiten aus. Gehen Sie nicht davon aus, dass es eine und nur eine Möglichkeit gibt, eine Geschichte zu erzählen.

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

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