Klappentextlektorat: Alptraum Traumgewicht

Albtraum Traumgewicht: Mein Weg aus dem Dickicht von Familie, Essstörung, Psychiatrie und Therapie

Eine junge Frau erzählt

von ihrer Krankheit Magersucht,
von Depressionen,
psychiatrischen Kliniken,
betreuten Wohngemeinschaften
und vielen Therapien.

Sie beschreibt ihre familiären Verflechtungen und Belastungen:

ihre eigene hohe Begabung,
schwere Krankheiten, Trennungen und Tod.

Sie stellt sich Fragen:

Warum ich? Was hat mich krank gemacht?
Welcher Weg führt aus dem Todeshunger
zurück ins Leben?
Wer bin ich ohne Magersucht?

Mein Albtraum beginnt zu verblassen …

Lektorat

Essstörungen nehmen zu. Zeitungen, Fernsehen und Heidi Klum gaukeln uns vor, dass nur superschlanke Menschen liebenswert sind. Dicksein ist Pfui. Wobei heute schon als »dick« gilt, wer Normalgewicht aufweisen kann.

Kein Wunder, dass immer mehr Mädchen (und mittlerweile auch Jungen) an Essstörungen leiden. Das Thema ist aktuell. Und hier berichtet eine der Betroffenen, so ein Buch interessiert viele.

Wenn es gut gemacht ist. Wenn der Klappentext Interesse weckt. Der Titel weckt das auf jeden Fall: »Alptraum Traumgewicht«. Warum? Weil er genau das Dilemma beschreibt: Der Traum vom schönen Körper. Und dass dieser Traum zum Alptraum werden kann.

Die Dreier-Regel

Kennen Sie Churchills Ausspruch, als er 1940 zum Premierminister gewählt wurde? »Ich kann Ihnen nur Blut, Schweiß und Tränen versprechen«, so wird er oft zitiert. Die Situation Großbritanniens war verzweifelt. Hitlers Truppen bedrohten Europa. Viele zweifelten, dass man ihnen Widerstand leisten könnte.

Aber Churchill hat diesen Satz so nie gesagt. In Wirklichkeit sagte er: »Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“ (engl. „Blood, toil, tears and sweat“). Warum hat sich dann die andere Fassung durchgesetzt?

Weil man es leichter behält und weil es einem menschlichen Bedürfnis entspricht. Die Zahl Drei ist magisch. Wer etwas aufzählt, hat mehr Erfolg, wenn man diese Dreieinheit verwendet. Vier Dinge aufzuzählen ist nicht so eindrücklich.

»Mein Weg aus dem Dickicht von Familie, Essstörung, Psychiatrie und Therapie«, auch da sollte man besser der Dreier-Regel folgen.

Also: »Mein Weg aus dem Dickicht von Familie, Essstörung und Psychiatrie.« Zumal das vierte Element (Therapie) nichts Neues hinzufügt.

Konkrete Details

Der Klappentext soll den Leser locken, das Buch zu kaufen. Deshalb muss er ihm sagen, was für ein Buch es ist. Natürlich darf man übertreiben, wird das Buch in den tollsten Farben schildern, sagen, dass es etwas ganz Besonderes ist. Aber Marketing hin oder her: Der Klappentext muss dem Leser einen Eindruck vermitteln, was es für ein Buch ist. Ein Buch, dessen Klappentext einen superspannenden Thriller ankündigt, muss ein Thriller sein. Ist es eine Liebesgeschichte, kann die so gut sein, wie sie will, der Leser ist enttäuscht. Das ist so, als wenn man im Restaurant eine Pizza Napoli bestellt und bekommt Mousse au Chocolate. Ganz egal, wie toll die Mousse ist – der Kunde wird nicht erfreut sein.

Was verspricht uns dieser Titel? Eine Lebensgeschichte einer Frau, die viel mitgemacht hat. Magersucht, Psychiatrie, familiäre Probleme. Eine Menge Fragen: »Warum ich? Was hat mich krank gemacht? Welcher Weg führt aus dem Todeshunger zurück ins Leben?« Viele Stationen auf dem Weg aus der Magersucht: »Depression, Klinik, Wohngemeinschaft«.

Und ein Ausblick, dass am Ende der Albtraum verblasst.

Was sagt der Klappentext über die Frau? Dass sie ein schwieriges Leben hatte. Das ist sehr allgemein. Wie soll sich der Leser das vorstellen? Ein Klappentext soll ja auch Emotionen ansprechen, er soll etwas Besonderes versprechen. Hier finden sich nur allgemeine Sätze. Magersucht haben viele, was ist der besondere Weg dieser Frau?

Als sie nur noch 35 kg wiegt, bricht sie auf der Straße zusammen und fällt drei Tage ins Koma.

Das wäre ein Ereignis, das dem Leser eine Vorstellung gibt, was die Frau durchgemacht hat. Denken Sie beim Klappentext daran: Der Klappentext sollte nicht nur allgemein das Thema des Buches benennen. Ein kurzer konkreter Ausblick auf eine eindrückliche Szene vermittelt dem Leser, was ihn erwartet. Und weckt Emotionen.

Was wollen Sie erzählen?

Wer spricht in diesem Klappentext? Fällt Ihnen da etwas auf?

Richtig, einmal spricht die Autorin zu uns: »Mein Weg aus …«, »Warum ich …«, »Mein Alptraum …«

Aber gleichzeitig spricht eine dritte Person über das Buch und die Frau: »Eine junge Frau erzählt …« Dritte Person.

Zwei Möglichkeiten gibt es, über Essstörungen zu schreiben. Einmal den sehr persönlicher Bericht einer Betroffenen. Da ist die Ich-Perspektive sinnvoll. Und dann den allgemeineren Text über Magersucht, der dem Leser auch viel Allgemeines über Essstörungen verrät. Was ist besser?

Es gibt kein Besser. Immer wieder werden absolute Leitsätze darüber veröffentlicht, wie man ein Buch schreiben muss, das sich verkauft. Aber wer sich erfolgreiche Bücher ansieht, stellt schnell fest, dass sie keineswegs so einheitlich sind, wie uns Marketing-Fachleute immer weismachen wollen.

Nur muss man sich entscheiden. Ein Buch über Essstörungen von einem Fachmann sollte auch verschiedene Beispielfälle enthalten. Ist aber etwas anderes als das Buch einer Frau, die das erlebt hat und die ihren besonderen Weg durch die Magersucht beschreibt.

Das sollte der Klappentext auch darstellen. Ich würde entweder beim »Ich« bleiben oder in der dritten Person. Aber nicht zwischen beiden wechseln.

»Betroffenheitsliteratur«, so lästern viele über persönliche Lebensgeschichten. Kein Zweifel, viele solcher Geschichten dienen nur der Autorin dazu, ihr Leben auszubreiten. Ähnlich einer Kneipenbekanntschaft, die man nicht rechtzeitig hat bremsen können und die einen nun endlos zutextet mit allen Details einer Lebensgeschichte, die niemand interessiert. Das ist die große Gefahr der persönlichen Geschichte einer Betroffenen. Dass sie nicht auswählen kann, was den Leser fesselt, interessiert, sondern davon ausgeht, dass ihr Leben die allerinteressanteste aller Lebensgeschichten bietet.

Das Gegenteil ist das Buch eines Wissenschaftlers, das ausführlich in endlosen unverständlichen Sätzen alles über den Gegenstand erzählen. Auch viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass alles, was sie selbst interessiert, auch alle anderen Menschen interessieren müsste.

Beide Varianten haben ihre Gefahren. Ganz egal, welche Variante Sie wählen: Sie müssen an Ihre Leser denken. Wie können Sie sie fesseln?

Weniger ist mehr

Lesen Sie sich noch einmal den Abschnitt mit den Fragen durch:

Sie stellt sich Fragen:

Warum ich? Was hat mich krank gemacht?
Welcher Weg führt aus dem Todeshunger zurück ins Leben?
Wer bin ich ohne Magersucht?

Würde Sie dieser Abschnitt verleiten, das Buch in die Hand zu nehmen? Die Leseprobe im Netz aufzuschlagen? Vermutlich nicht.

Dabei sind offene Fragen der Stoff, aus dem Spannung gewirkt wird. Wer war der Mörder? Nur sind in unserem Beispiel die Fragen nicht die, die sich der Leser stellt. Sondern die, die sich die Autorin stellt. Und das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Die Leser schlagen ein Buch auf, wenn der Klappentext Fragen stellt, die sie als Leser interessieren.

Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Eine Vielzahl von Fragen wirkt erschlagend. Besser eine zentrale Frage des Buches in den Mittelpunkt stellen. »Kann sie nach vielen gescheiterten Therapien den Weg zurück in ein normales Leben finden?«, das wäre eine solche Frage.

Zusammenfassung

Dieser Klappentext sollte konkret werden, Beispiele nennen, die den Leser interessieren. Er sollte sich auf die Hauptsache konzentrieren, sich nicht in Details verzetteln.

Ihr Hans Peter Roentgen

 

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

 

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