Die wunderbare Vermehrung der Partizipien

Er griff nach der vor dem Bett verknüllt liegenden Hose.

Solche Partizip-Konstruktionen sind in den letzten Jahren im Deutschen zur Mode geworden. Ich weiß nicht, in wie vielen Manuskripten ich bereits derartige Formulierungen gelesen habe. Dabei lässt sich das weiteleganter und einfacher sagen:

Er griff nach seiner verknüllten Hose

Oder, wenn wichtig wäre, dass die Hose vor dem Bett liegt:

Er griff nach seiner Hose, die vor dem Bett lag.

wahlweise auch:

Er griff nach seiner Hose vor dem Bett.

Leider finden sich solche Konstruktionen mittlerweile auch in veröffentlichten Büchern – egal, ob von Selfpublishern oder Verlagen.

Partizipien im Lateinischen wirken elegant. Wer – wie ich – noch ein humanistisches Gymnasium mit ausführlichem Lateinunterricht besucht hat , erkennt Lateinlehrer meist nach dem ersten Satz. An den ausgefeilten Partizipialkonstruktionen in den deutschen Texten mit lateinischer Grammatik.Heute dürfte eher das Englische an der wundersamen Vermehrung der Partizipien schuld sein. Und die Bequemlichkeit. Mit Partizipien lassen sich schnell noch zusätzliche Informationen in einen Satz packen, ohne dass man sich lange Gedanken machen muss:

Ohne die bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten eines Blickes zu würdigen

Da wird die Information reingequetscht, dass die Toten bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind. „Partizipkonstruktionen“ sind das Mittel der Wahl, um den Leserinnen und Lesern unnütze Details mitzuteilen. Denn wie viele Tote verbrennen schon so, dass man sie auf Anhieb wiedererkennt?

Hier noch ein Beispiel:

Im Gang knieten drei Menschen mit auf den Rücken gefesselten Händen.

Klingt das elegant? Dabei lässt sich auch dieser Satz leicht verbessern:

Im Gang knieten drei Menschen, die Hände auf den Rücken gefesselt .

Die Beispiele zeigen ein Problem, das Partizipien im Deutschen mit sich bringen können. Das Deutsche verwendet Artikel. Und wenn ich eine umfangreichere Information in eine Partizipkonstruktion setze, dann werden der Artikel und das dazu gehörige Substantiv weit auseinandergerissen:

Die mit schwarzen Gesichtern versehenen und zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten

Sagen Sie nicht, sowas würde niemand schreiben. Mir flattern täglich Texte auf den Schreibtisch, die das Gegenteil beweisen. Ein weiteres Beispiel:

Ihre mit Klappern und Klirren verbundene Betriebsamkeit in der Küche versprach ein baldiges, wenn auch karges Frühstück.

Da stehen fünf Wörter zwischen dem Artikel und dem dazugehörenden Substantiv.

Ach ja, haben Sie es gemerkt? Ich habe selbst eine „Partizipkonstruktion“ verwendet: „das dazugehörende Substantiv“. Aber ich habe mich auf ein Partizip beschränkt und nicht noch weitere Infos dazugepackt. „Das sich mit zusätzlichen Infos aufblähende dazugehörende Substantiv“ wäre eine problematische Formulierung. Übrigens lässt sich auch unser Frühstücksbeispiel leicht verbessern:

In der Küche klapperten Teller, klirrte Besteck und versprachen ein baldiges, wenn auch karges Frühstück .

Vorteil: Durch die aktiven Verben wirkt der Satz nicht nur dynamischer, liest sich auch leichter.

W arum sind Partizipien problematisch?

Einen Grund habe ich bereits genannt: Wenn die Konstruktion aus mehreren Wörtern besteht, leidet die Verständlichkeit, weil zwischen Artikel und dazugehörigem Wort eine Menge Infos eingeklemmt werden. Die Leserinnen und Leser müssen verklemmte Konstruktionen entschlüsseln.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass als Partizipien gerne Wörter verwendet werden, die Hilfsverben ähneln. Zum Beispiel „die vor dem Bett liegende Hose“. Oder: „Das bereits vor Stunden begonnene Kochen des Mittagsessens.“

Oft haben die Partizipien wenig oder gar keine Aussagekraft. Das Mittagessen kochte bereits seit Stunden und die Hose vor dem Bett sind eleganter und auch verständlicher.

Der dritte Grund folgt aus dem Zweiten. Diese Konstruktionen blähen den Text auf, er gibt sich wichtiger, als er ist. Wirkt pompöser. Viele Partizipien gehören zu den Füllwörtern und lassen sich ersatzlos streichen.

Mit Partizipien können Sie eine „wundervolle“ Bürokratensprache produzieren:

Die hier gemeldete, und unter dem Spitznamen Rotkäppchen allseits bekannte Person, mit einem rot gefärbten, auf dem Kopf getragenem Kleidungsstück

ist eine Sprache, mit der Sie alle, die Bücher schätzen und viel lesen, davon abhalten können, Ihre mit viel Mühe erstellten Werke zu genießen.

In einem Polizeibericht wäre eine derartige Aufzählung sinnvoll, dort muss alles erwähnt werden. In einer Geschichte ist sie Gift.

Die Dosis macht das Gift

Also lieber gar keine Partizipien verwenden? Bei Schreibregeln kommt es immer auch auf die Dosis an. Kontrollieren Sie einfach, wie viele Partizipien Sie verwenden. Nehmen Sie zwei Seiten aus Ihren Texten und streichen Sie jedes Partizip an. Wie viele sind es? Eins pro Seite? Oder eins pro Satz?

Verwenden Sie mehr als ein oder zwei Wörter zwischen Artikel und Substantiv? Ausufernde Wortungetüme sollten Sie ausdünnen. Entweder durch Relativsätze – da dürfen Sie dann ausführlicher schreiben – oder Sie überführen das Partizip in eine aktive Verbform.

Ihr Hans Peter Roentgen

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Partizip
http://www.mein-deutschbuch.de/lernen.php?menu_id=69

Aus: Federwelt April 2016

PS: *In der Fachliteratur spricht man von „Partizipialkonstruktionen“, ich habe den Begriff „Partizipkonstruktionen“ gewählt,

 

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