Der Pitch

Der Pitch bringt die Geschichte auf den Punkt

Der Begriff ‚Pitch’ kommt wie so vieles aus Amerika. Sie treffen zufällig einen Literaturagenten im Fahrstuhl und haben genau eine Minute Zeit, ihm Ihre Geschichte vorzustellen. Bevor er aussteigt, müssen Sie ihn überzeugt haben.

Das ist die Theorie. Ich kenne viele veröffentlichte Autoren, aber keinen, der im Fahrstuhl seinen Verleger getroffen hat. Das ist die Praxis.

Der Pitch ist dennoch nicht nutzlos, ganz im Gegenteil. Denn auch ohne Fahrstuhl müssen Sie Leser oder Agenten erst mal neugierig auf Ihre Geschichte machen. Ganz egal, ob Sie Selfpublisher werden wollen oder Verlagsautor, Sie benötigen einen Pitch.

Der Pitch ist der Hook, der Angelhaken, der den Leser lockt, sich die Geschichte näher anzusehen. Im Klappentext ist er der erste Satz, der entscheidet, ob der Leser das Buch weglegt oder den ganzen Klappentext liest.

Wenn Sie sich bei einem Literaturagenten oder Verlag bewerben, entscheidet der Pitch im Anschreiben, ob der Agent überhaupt einen zweiten Blick auf Ihr Projekt wirft.

Wenn Sie Journalisten, Bloggern oder Buchhändler für Ihr Buch interessieren wollen, ist der Pitch der Fuß in der Tür, der Ihnen den Eintritt verschafft – oder eben auch nicht.

Natürlich kauft niemand ein Buch allein aufgrund des genialen Pitchs. Ein Pitch ist kein Wundermittel. Er ist ein kondensiertes Exposé. Er sagt, was das Besondere an Ihrem Projekt ist.

Das Thema ist kein Pitch

Ihre Geschichte handelt von einer Amour fou, will darstellen, welche Folgen so eine verhängnisvolle Liebe hat? Das wäre das Thema. Aber das Thema ist kein Pitch. Das sollten Sie nie verwechseln.

Das Thema ist statisch. Themen sind außerdem abstrakt. Beides sind Eigenschaften, die ihrem Pitch nicht guttun.

Der Pitch sollte lebendig, aktiv formuliert sein.

Meine Geschichte handelt von dem Drang nach Wissen und dem Wunsch nach Leben.

Dieser Satz beschreibt das Thema.

Ein alternder Wissenschaftler verkauft seine Seele dem Teufel, damit der ihm junge Mädchen verschafft  wäre aktiver, anschaulicher und deshalb eher als Pitch geeignet.

Show, don’t tell

Kurz und anschaulich soll ein Pitch sein. Und nicht nur leeres Werbeversprechen.

Das ist die berührende Liebesgeschichte von Helga, die ihre große Liebe findet. Eine Geschichte voller Emotionen, Tragik und Liebe!

 Wenn ich so etwas lese, denke ich, dass die Geschichte nicht berührt, keine Emotionen hat und die Tragik behauptet wird. Warum? Weil das auf jede beliebige Liebesgeschichte zutrifft. Weil sich nirgendwo etwas findet, das diese Behauptungen belegt. Weil das Buch vermutlich genauso 08/15, genauso langweilig wie dieser Pitch ist. Ein Pitch muss konkret sein.

Den Widerstandskämpfer Rick hat seine Geliebten beim Einmarsch der Deutschen in Paris verlassen, jetzt hockt er zynisch und verbittert in seinem Café in Casablanca. Da betritt die Ex das Café – am Arm eines anderen Mannes.

 Das allein ist kein Beweis, dass die Geschichte gut ist oder sich verkaufen lässt. Aber es wäre zumindest interessant genug, dass es sich lohnen könnte, einen zweiten Blick auf das Buch zu werfen – das ‚Casablanca’ heißt.

Im Pitch soll man nichts über das Wie sagen. Nicht, wie gut der Stil ist, nicht wie spannend die Verwicklungen. Da geht es nur ums Was. Und »Show, don’t tell« gilt auch hier.

Beispiele

Filme haben oft gute Pitchs. Zum Beispiel:

Ein einzelgängerischer Taxifahrer in New York steigert sich in den missionarischen Wahn, seine Stadt in nächtlichen Kreuzzügen mit tödlicher Selbstjustiz von Schmutz und Gewalt zu befreien.

Das wäre ein Pitch für „Taxidriver“. Er gibt uns eine Vorstellung davon, was uns in der Geschichte erwartet – und klingt das nicht vielversprechend?

Noch kürzer wäre dieser:

Sie brachte eine kleine Stadt auf die Beine und zwang ein großes Unternehmen in die Knie.

Das ist „Erin Brockovitch“ mit Julia Roberts.

Hier kommt die schlechte Nachricht: Ihr erster Pitch wird nicht annähernd so gut sein. Er wird grottig klingen. Pitchen ist eine Kunst für sich. Und ich kann nur immer wieder Hemingway zitieren: »Der erste Entwurf ist immer Scheiße«.

Die gute Nachricht: Auch Pitchen lässt sich lernen. Und auch aus langweiligen Entwürfen lassen sich glitzernde Edelsteine schleifen.

Zwölf Lösungen

Wie kommt man dann einem guten Pitch? Eine bewährte Methode ist Brainstorming. Schreiben Sie so schnell wie möglich zwölf verschiedene Sätze über Ihr Projekt auf. Bewerten Sie sie nicht, schreiben Sie einfach. Erlauben Sie es sich, auch den größten Stuss zu formulieren. Schicken Sie Ihren inneren Zensor ins Café, dort darf er die Druckfehler in der Zeitung anstreichen. Im Moment steht er nur im Weg herum und bremst Ihre Kreativität.

Haben Sie zwölf Lösungen? Dann lassen Sie sie erst einmal stehen. Gehen Sie spazieren, trinken Sie Tee, putzen Sie endlich mal wieder die Wohnung.

Fertig? Dann können Sie sich jetzt die Lösungen ansehen. Welche sprechen Sie an. Nein, nicht bewerten. »So was kann ich doch nicht schreiben« ist kein Argument. Es geht um die Wirkung. Welcher Satz hat das gewisse Etwas.

Sie können auch zwei Sätze kombinieren.

Polieren

Polieren Sie Ihren Pitch. Feilen Sie daran. Erinnern Sie sich an das Beispiel mit Julia? Polieren wir diesen Satz. Was ist das Problem?
Das ist die berührende Liebesgeschichte von Helga, die ihre große Liebe findet. Eine Geschichte voller Emotionen, Tragik und Liebe!
Dieser Satz ist viel zu allgemein. Was ist das Besondere an Julias Geschichte? Vielleicht:

Julia verliebt sich in Romeo, doch der stammt aus einer strenggläubigen muslimischen Familie und Julias Eltern sind Anhänger der AfD.

Da können Sie sich die Behauptung sparen, dass es eine Geschichte voller Emotionen, Tragik und Liebe wäre. Das schlussfolgert der Leser. Merke: Der Pitch sollte das Besondere herausstellen und deshalb konkret sein.

Womit beginnt die Geschichte

Das, was Ihre Geschichte in Gang setzt, liefert oft auch einen guten Pitch. Der alternde Faust steht auf kleinen Mädchen und verschreibt seine Seele dem Teufel, um neuen Stoff zu bekommen. Ein Hundertjährige steigt aus dem Fenster und verschwindet.

Der Hundertjährige ist ein gutes Beispiel dafür, dass manchmal schon der Titel einen guten Pitch ergibt.

Der Konflikt

Auch der Grundkonflikt Ihrer Geschichte kann einen hervorragenden Pitch liefern.

Meine Helden lieben sich, aber die Eltern sind dagegen.

Das wäre der Grundkonflikt von Romeo und Julia. Er gilt allerdings für sämtliche Varianten, für Shakespeares Original, für Romeo und Julia in einem Schweizer Dorf wie auch für Romeo und Julia in der Bronx. Der Pitch sollte aber anschaulicher werden. Erinnern Sie sich noch an mein Beispiel oben:

Julia verliebt sich in Romeo, doch der stammt aus einer strenggläubiger muslimischen Familie und Julias Eltern sind Anhänger der AfD …

Das ist die anschauliche Variante des Julia und Romeo Konflikts.

Testen

Wenn Sie einen Pitch haben, den Sie für gut halten, testen Sie ihn. Erzählen Sie ihn anderen Autoren, Lesern, Freunden und Bekannten. Sind Sie sich nicht sicher, können Sie auch zwei Varianten zur Auswahl stellen und fragen: Welche lockt mehr zum Lesen?

Also ran an den Speck! Pitchen Sie Ihre Geschichte! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

Fazit:

Ein Pitch beschreibt ein Buch in einem, maximal zwei Sätzen. Er soll Interesse für das Buch wecken, deshalb kurz, knapp und prägnant das Besondere der Geschichte herausstellen.

Workshop Exposé und Pitch, 21.1.2017

Dieser Artikel ist eine überarbeiteter Text aus dem Schreibratgeber:
Drei Seiten für ein Exposé

Advertisements
Der Pitch

2 Gedanken zu “Der Pitch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s