Die Zielgruppe

Die Zielgruppe – das unbekannte Wesen

Selfpublishing-Ratgeber empfehlen Autoren, immer die »Zielgruppe« im Auge zu behalten. Verlage und Agenten wollen in Bewerbungen eine genaue Beschreibung der »Zielgruppe«. Doch darüber, wie man die Zielgruppe definiert, schweigen sich beide aus.

Niemand sagt den geplagten Autoren: Wie bestimme ich denn meine Zielgruppe?

Ich berate Autoren, diskutiere mit ihnen ihre Exposés. Aber ich habe noch keinen Autor erlebt, der mir eine klare Zielgruppe für sein Werk nennen konnte. Meist heißt es: »Zielgruppe sind Leser spannender Bücher zwischen 20 und 80«. Wäre »Stüdienrätinnen zwischen 30 und 50« eine bessere Zielgruppe?

Es gibt unzählige erfolgreiche Bestseller, die von zahllosen Verlagen abgelehnt wurden, weil es für das Werk angeblich keine Zielgruppe gab. Oder die Zielgruppe zu klein wäre.

Erst vor kurzem habe ich eine Veranstaltung mit der Bestsellerautorin Elisabeth Herrmann besucht. Fünfzig Verlage hatten ihr erstes Werk abgelehnt, weil es dafür keine Zielgruppe gab. Radiostationen und Zeitungen lehnten das Thema ebenfalls ab. Zum Glück für den Buchmarkt (und für die Leser) fand sich dann doch noch ein Verlag. Das Thema waren Kinder, die im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiterinnen in Haushalten arbeiten mussten.

Als eine gewisse J. Rowlings einen Roman einreichte, der als »Harry Potter« Literaturgeschichte schreiben sollte, wurde auch der mehrfach abgelehnt. Weil es dafür keine Zielgruppe gab. Zehnjährige Jungen (die Zielgruppe) lesen nicht und schon gar keine dicken Bücher.

Selbst Fachleute mit jahre- oder jahrzehntelangen Erfahrungen tun sich mit der Bestimmung der Zielgruppe hart. Wie sollen dann Nachwuchsautoren diese ominöse Zielgruppe korrekt bestimmen? Wissen, was diese Zielgruppe lesen will? Wenn es nicht mal die Fachleute genau einschätzen können?

Ich kenne viele erfolgreiche Autorinnen und Autoren, habe viele interviewt. Aber ich kenne keinen, der auf eine Zielgruppe hin schreibt. Trotzdem haben erfolgreiche Autoren meist eine genaue Vorstellung von ihren Fans und deren Vorlieben.

Es gibt ein paar Tipps, wie man diese ominöse Zielgruppe bestimmen kann.

Die Einfachste: Gehen Sie mal in Buchläden oder im Internet auf die Seiten der Online-Buchläden. Wie sind dort die Bücher geordnet? Wie findet die Zielgruppe ihre Ziele?

Ganz sicher nicht nach »Bücher für 35-45jährige erfolgreiche Frauen«. Diese Zielgruppenbestimmung mag bei Kleidung funktionieren, nicht aber bei Romanen. Bücher werden nach Genres unterteilt und in den Genres nach Subgenres. Jede Buchhandlung, egal ob Laden oder Internet, macht das so.

»Liebesgeschichten« finden sie dort und da findet die Zielgruppe der Leserinnen von Liebesgeschichten ihren Stoff, unterteilt in »erotische Liebesgeschichten«, »historische Liebesgeschichten« und manches mehr.

Zielgruppen bestimmen sich auf dem Buchmarkt durch Genres. Natürlich hat jedes Genre auch bestimmte Leser. »Erotische Liebesgeschichten« zum Beispiel junge Frauen (und angeblich alte Männer ;-)).

Wenn Sie ein klares Genre und Subgenre benennen können, dann haben Sie Ihre Zielgruppe.

Wer ein übriges tun will, kann angeben: »Für Leser von Stephen King«. Oder: »Für Leser von J. Rowlings«. Darüber mokieren sich zwar viele – »Der Autor ahmt den berühmten Kollegen nach« – aber jeder Lektor und jeder Leser hat damit eine ungefähre Vorstellung, um welche Sorte Buch es sich handelt.

Ein weiterer Ratschlag, der gerne genannt wird: Wählen Sie die Zielgruppe aus, bevor Sie zu schreiben anfangen. Am besten eine, die sich gut verkauft.

Stimmt das? Nein. Wenn ich alles über Jeans weiß und welche Jeans junge Frauen am liebsten tragen, kann ich noch lange keine erfolgreichen Jeans für junge Frauen schneidern. Dazu gehört zum einen die Fähigkeit, Jeans zu entwerfen, zuzuschneiden und zu vermarkten. Zum zweiten sollten mich Jeans interessieren.

Ich kaufe meine immer in den Sonderangeboten, wenn eine Alte verschlissen ist. Jeans interessieren mich nicht, ich kann nicht nähen, ich kann nicht entwerfen. Welche Chancen habe ich, erfolgreicher Jeansproduzent zu werden? Selbst wenn ich alle Marktuntersuchungen bezüglich Jeans lesen würde?

Richtig. Keine.

Genauso ist es mit Autoren und ihren Zielgruppen. Jeder Autor, der liest, ist bereits Mitglied einer Zielgruppe. Wer gerne Krimis liest, gehört zur Zielgruppe der Krimileser. Wer vor allem Hochliteratur goutiert, gehört zur Zielgruppe der Hochliteraturleser. Ein begeisterter Krimileser kennt die Zielgruppe der Krimileser. Diskutiert mit anderen über Krimis. Verschenkt sie, redet darüber.

Wer gar nicht liest, gehört nicht zur Zielgruppe der Buchleser. Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand, der noch nie Fußball gespielt hat, einen Profi-Vertrag vom Fußballverein bekommt? Genauso wahrscheinlich ist es, dass ein Nichtleser erfolgreicher Autor wird. Oder dass ein Modemuffel eine erfolgreiche Modemarke kreiert.

Das gilt auch für die Genres. Wer ausschließlich Wildwestromane liest, wird keine erfolgreichen literarischen Romane schreiben und auch keine erfolgreiche Liebesgeschichte. Das gilt auch umgekehrt. Wer nur Hochliteratur liest, kann vielleicht einen erfolgreichen literarischen Roman verfassen. Aber keinen Thriller. Wer nicht für seinen Roman brennt, für den werden die Leser auch nicht brennen. So einfach ist das. Und so kompliziert.

Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, war ein begeisterter Leser von Science Fiction und Sachbüchern und ist mit einer Schriftstellerin verheiratet. Der Apple Gründer Steve Jobs liebte Musik.

Wundert Sie es, dass heute Apple in der Musik und Amazon bei Büchern fast schon eine Monopolstellung haben? Dass Amazon zwar auch bei Musik versucht, Fuß zu fassen, Apple bei Büchern, das aber nur bedingt gelingt?

Das gilt auch für den Satz: Behalte beim Schreiben deine Zielgruppe im Auge. Wie behalten Sie zum Beispiel die Zielgruppe der Liebesromanleserinnen im Blick, wenn Sie keine Liebesromane lesen?

Stephen King schreibt für seine Frau. Er hat sie beim Schreiben vor Augen. Sie ist Teil seiner Zielgruppe. Aber es ist viel einfacher, für eine Person zu schreiben, die man gut kennt. Schwieriger für eine ganze Gruppe, da wird es schnell anonym.

Ähnliches empfiehlt Ingermanson in »How to Write an Novel Using the Snowflake Method«. Er empfiehlt, beim Schreiben eine möglichst kleine Zielgruppe zu wählen. Rowlings hat zehnjährige Jungen gewählt. Die tatsächliche Zielgruppe, die das Buch liest, ist viel größer, aber so diffus, dass sie dem Autor beim Schreiben nicht weiterhilft. Stellen Sie sich also beim Schreiben eine Person vor, für die sie schreiben. Oder eine möglichst einheitliche, kleine Gruppe von Personen.
Gerne wird auch empfohlen: Schreiben Sie ein Buch, das sie selbst auch gerne lesen würden. Kein schlechter Vorschlag. Sie sind Teil einer Zielgruppe. Wenn Sie ein Buch schreiben, das Sie gerne lesen würden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das auch viele andere aus Ihrer Zielgruppe wollen.

Wichtig es ist, seine Zielgruppe nicht nur zu kennen, sondern auch Mitglied von ihr zu sein. Nur so kann man deren Vorlieben und Wünsche wirklich gut kennen. Denn dann sind es auch die eigenen Wünsche und Vorlieben.

Wenn euch dieser Artikel gefallen habt, freue ich mich, wenn Ihr ihn teilt, verlinkt, oder weiter empfehlt. Und wenn Ihr anderer Meinung seid scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder ihn zu kommentieren!

Literatur zum Thema

Stephen King, Das Leben und das Schreiben
Ingermanson, How to Write an Novel Using the Snowflake Method
Hans Peter Roentgen, Drei Seiten für ein Exposé

Kunden und Zielgruppe, http://www.boersenverein.de/de/385107
Buchmarkt 2014, http://www.buchmesse.de/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2014/buchmarkt_deutschland_buch_und_buchhandel_in_zahlen_2014_deutsch.pdf_45274.pdf
Definition Zielgruppe, https://de.wikipedia.org/wiki/Zielgruppe

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