Selfpublishing – der Bolzplatz der Nation?

Vor meinem alten Büro lag ein Bolzplatz. Ich bin kein Fußballfan, aber habe immer mal wieder gerne hinausgeschaut und die Jugendlichen beobachtet, die dort kickten. Das Niveau war natürlich nicht Bundesliga. Trotzdem eine Abwechslung, um auf andere Gedanken zu kommen.

Auf dem Bolzplatz darf jeder. Das Niveau ist dementsprechend. Von ganz schlecht bis zum Nachwuchstalent. Ob einer von ihnen tatsächlich heute in der Bundesliga spielt, weiß ich nicht. Jedenfalls haben viele Profifußballer ihre ersten Torschüsse auf den Bolzplätzen dieser Welt abgezogen.

Damit wären wir beim Selfpublishing. Auch dort darf jeder, auch dort gibt es viele schlechte Schüsse, verpatzte Abgaben, Dribbling, das nicht unbedingt das Attribut „beispielhaft“ verdient.

Weswegen Kulturredakteure gerne voller Sorge die Literatur in Gefahr wähnen. Alles nur Schrott, Klischee, nicht realistisch, eskapistisch und was es an Verdammenswertem sonst noch gibt. Erstaunlich?

Nein, die Aussagen sind alt, damit wird seit über hundert Jahren das verdammt, das nicht „literarisch“ ist. Erstaunlich ist, dass sich so viele Selfpublisher dagegen wehren. Dabei ist es selbstverständlich: Wenn jeder darf, dann dürfen auch die, deren Können zu wünschen übrig lässt, schließlich ist das der Vorteil der Sache. Hier darf jeder Erfahrungen sammeln.

Selfpublishing habe die Nachfolge der Groschenhefte angetreten, heißt es oft. Das ist richtig, all das, was früher in Heftromanen zu finden war, findet sich heute im Selfpublishing. Auch die Groschenhefte wurden verteufelt.

Sagt ihnen Dashiell Hammett etwas? Chandler? Simenon?

Alle begannen ihre Karriere bei Groschenheften. Heute sitzen sie im Literaturhimmel und Literaturwissenschaftler forschen darüber, wie diese die Buchwelt beeinflusst haben.

Crime Noir wäre ohne Groschenhefte gar nicht möglich gewesen.

Groschenhefte, die bösen, haben die amerikanische, ach was, die Weltliteratur befruchtet. Allen Kassandrarufen von Literaturredakteuren zum Trotz.

Also, liebe Literaturredakteure, steckt den warnenden Zeigefinger wieder ein. Und liebe Selfpublisher, seid nicht gleich beleidigt, wenn jemand sagt, dass es jede Menge Schrott im Selfpublishing Markt gibt. Natürlich gibt es das  Gab es auch bei den Groschenheften. Aber ohne den Schrott hätte es auch die Perlen nicht gegeben, müsste die Welt auf Crime Noir und manches andere verzichten.

Ohne Bolzplätze wäre die Bundesliga nicht besser, sondern schlechter. Weswegen kein Fußballer sich über Bolzplätze und die mangelnde Qualität der Spieler dort aufregt. Fußballer sind halt intelligent. Ich hoffe, die Literaten eifern ihnen nach.

Ich habe nichts dagegen, wenn Ihr diesen Blog teilt, verlinkt, weiter empfehlt. Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

Impressum Homepage Hans Peter Roentgen

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Selfpublishing – der Bolzplatz der Nation?

4 Gedanken zu “Selfpublishing – der Bolzplatz der Nation?

  1. Hat dies auf Nike Leonhard – Fantasy und Historisches rebloggt und kommentierte:
    Schöner Beitrag zum Thema Selfpublishing und Qualität. Man hätte auch den Buchdruck an sich oder das Zeitungswesen als Beispiel nehmen können. Immer gab es Menschen die davor warnten, wo wir denn hinkämen, wenn alle … Nun, genau da sind wir gelandet.
    Aber das Beispiel mit dem Bolzplatz finde ich viel eingängiger. Und das, obwohl ich mir überhaupt nichts aus Fußball mache.

    Gefällt 3 Personen

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