Er fühlte, dass er ahnte, was er denken würde

Kommissar Umständlich sah, dass der Killer seine Pistole zog. Er ahnte, dass er schießen würde. Er hörte den Knall des Schusses. Er spürte, wie die Kugel ihn ins Herz traf. Er dachte, das ist das Ende und fühlte, dass er das bedauerte.

Solche Texte erhalte ich immer wieder. Okay, ich gebe zu, dieses Beispiel ist übertrieben. Nichtsdestotrotz betonen viele Autoren, wer etwas sieht, fühlt, hört, denkt, statt einfach zu konstatieren:

Der Killer zog seine Pistole und schoss. Die Kugel riss Kommissar Umständlich zu Boden. Weil er sich darauf konzentriert hatte, was er sah, ahnte, hörte, statt sich in Deckung zu werfen.

Wenn Sie aus der Sicht einer Figur schreiben, müssen Sie nicht jedesmal betonen, dass sie etwas sieht, wenn etwas auftaucht. Denn wer, bitteschön, sollte sonst die Pistole sehen? Der liebe Gott?

Ritter Langsam sah, dass hinter dem Wald ein Bauernhaus stand. Er hörte Pferde wiehern, Hühner gackern und fühlte plötzlich Regen, der, so dachte er, gerade eingesetzt haben musste …

Da wird die Betonung darauf gelegt, dass der Ritter sieht, hört, fühlt, denkt. Nicht auf das, was er sieht: Das Bauernhaus. Obendrein verlassen Sie die Perspektive Ihrer Figur. Die denkt nämlich garantiert nicht: Ich sehe, dass da hinten ein Bauernhaus steht. Sondern weniger kompliziert: Dahinten steht ein Bauernhaus.

Besser, kürzer und weniger langsam:

Hinter dem Wald stand ein Bauernhaus. Pferde wieherten, Hühner gackerten und dann setzte der Regen ein.

Dass der Ritter das sieht, hört, fühlt, davon wird der Leser nämlich ausgehen. Es sei denn, wir haben einen blinden und tauben Ritter vor uns.

Natürlich kommt es auf die Dosis an. Einmal: »Er sah …« auf zehn Seiten wird niemand stören. Zehnmal auf einer Seite aber schon.

Wie immer gibt es Ausnahmen. Plötzlich sah er das Bauernhaus, da sollte man das »sah« nicht streichen – denn hier ist es wichtig, weil der Ritter es bisher übersehen hat.

Das gilt generell. Selbstverständliches müssen Sie nicht erwähnen. Ungewöhnliches aber schon. Und die Hauptsache gehört in den Hauptsatz. Wenn das nicht das Sehen, Hören, Fühlen ist, dann streichen Sie das.

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Er fühlte, dass er ahnte, was er denken würde

Kopp Verlag enthüllt – Erde ist eine Scheibe

Endlich wagt jemand gegen die Lüge aufzutreten, dass die Erde eine Kugel sei. Eine Lüge, die gekaufte Wissenschaftler der grünrotversifften Mafia seit Jahrhunderten predigen. Und jeden, der dagegen opponiert, beschimpfen, terrorisieren, ausgrenzen. Soweit ist Deutschland gekommen.

Nein, dass die Erde eine Kugel sei, gehört nicht zu Deutschland! Und diesen widerlichen kranken Hirnen, die das behaupten, wird von vorne und hinten das Geld hineingeschoben. Während den besorgten Bürger, die an der Erdscheibe von Nebra festhalten, alle Forschungsgelder gestrichen wurden, sie werden verlacht und verboten.

Doch der Kopp-Verlag lässt sich nicht einschüchtern. Er wagt es als einziger, die Wahrheit herauszubringen gegen eine Mauer von Lügen! Heute wird die erste Auflage von „Scheiben für immer“ ausgeliefert.

„Die Erde ist eine Scheibe“, erklärte heute der Verlagschef. „Und wir lassen uns die Scheibe nicht verbieten, auch wenn rotgründversiffte Kulturfotzen uns beschimpfen und von den Kulturpreisen ausschließen.

Wieviele Wissenschaftler der Scheibentheorie haben einen Wissenschaftspreis erhalten? Keine! Wieviele Künstler der Scheibentheorie haben Literaturpreise erhalten? Keiner!

Das beweist ja hinlänglich, wie die Lügenpresse, die Kulturfotzen und frustrierte Feministinnen an Kugeln festhalten. Wir sagen : Hinweg damit! Das gehört nicht zu Deutschland. Deutschland ist seit Jahrtausenden ein Scheibenland, wie Nebra beweist!“

Schon am ersten Tag konnten mehr als 50.000 Exemplare von „Scheiben für immer“ verkauft werden. Die AfD Parteileitung gab eine Presseerklärung heraus und fordert im Parteiprogramm in Zukunft die Forschungsgelder nur noch für Scheibentheoretiker zur Verfügung zu stellen und die aufwändigen, aber nutzlosen Forschungen zur Kugeltheorie umgehend zu streichen.

Und Pegida fordert: „Keinen Cent mehr für die gekauften Wissenschaftler der Kugeltheorie!“

„Die empörten Reaktionen auf dieses Buch zeigen, wie nötig es war“, sagte der AfD-Pressesprecher. „Und dass es in der Schule nicht besprochen wird, beweist, dass es die Anhänger der politischen Korrektheit alles tun, um unabhängige Meinungen zu verbieten.“

PS: Das ist Satire. Aber die Formulierungen im Text stammen aus FB Postings und aus Kopp Werbung.

Kopp Verlag enthüllt – Erde ist eine Scheibe

Zehn Dinge, die jeder Autor über Schreibregeln wissen sollte

»Wenn Sie ein Adjektiv treffen, bringen Sie es um«, meinte Mark Twain und begründete damit eine der bekanntesten Schreibregeln. Clemenceau stimmte ihm zu: »Bevor Sie ein Adjektiv verwenden, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es wirklich nötig ist«.

Dagegen schrieb Rudyard Kipling in »Puck«: „Was für ein dicker, bunter, glucksender Tropf doch ein Fasan ist“. Gleich drei Adjektive hintereinander. Und keins würde ich streichen.

Also alles Unsinn? Besser nicht auf Schreibregeln hören, wenn sich Nobelpreisträger auch nicht danach richten?

Was Schreibregeln sind (und was nicht), das möchte ich in diesem Blogbeitrag darstellen.

Schreibregeln sind keine Gesetze

Keine Schreibpolizei kommt, wenn Sie sich nicht an die Schreibregeln halten. Sie erhalten auch keinen Bußgeldbescheid des Kultusministers. Für jede Schreibregel, die ich kenne, weiß ich Beispiele aus der Literatur, die sie übertreten hat. In Deutschland versteht man unter Regel gerne etwas, das auf jeden Fall eingehalten werden muss. Wenn das nicht der Fall ist, gehört die Regel auf den Abfallhaufen.

Was für ein Unsinn. Höflichkeitsregeln sind nützlich, Sie erleichtern das Zusammenleben. Aber manchmal muss man sie übertreten und Tacheles reden. Sind die Höflichkeitsregeln deshalb Unfug? Nein!

Nicht anders ist es bei den Schreibregeln. Sie sind Empfehlungen, sie beruhen (wenn sinnvoll) auf den Erfahrungen unzähliger Autoren und Lektoren. Aber sie sind kein Zwangskorsett, sondern Empfehlungen.

Auf die Wirkung kommt es an

Geschichten sollen die Leser berühren, fesseln, sie die Welt durch andere Perspektiven erleben lassen. Können sie das, ist es gut. Können sie es nicht, ist das schlecht.

Wenn ich einen Text lese, prüfe ich nicht, ob er die Schreibregeln erfüllt. Ich prüfe, ob er mich packt. Tut er das, darf er alle Regeln brechen. Tut er das nicht, ist es Zeit, die Werkzeugkiste aufzuklappen und die Schreibregeln herauszuholen.
Denn dafür sind die Schreibregeln da.

Schreibregeln sind Werkzeuge

In Deutschland muss man Gesetze befolgen, Regeln einhalten und danach wird die Arbeit beurteilt. Wir haben eine Vergangenheit als Obrigkeitsstaat. Doch es gibt keine Obrigkeit mehr, die beurteilt, was man schreiben darf und was nicht. Zum Glück.

Schreibregeln sind Werkzeuge. Eigentlich wäre »Schreibwerkzeug« der bessere Begriff, aber ich möchte nicht die babylonische Sprachverwirrung im Schreiben vermehren. Der Begriff Schreibregel hat sich durchgesetzt.

Die Schreibregeln sind die Rohrzange der Autoren. Funktioniert der Wasserhahn, lässt man die Zange im Werkzeugkoffer und der Koffer bleibt zu. Tropft allerdings der Wasserhahn, dann wird es Zeit, die Werkzeuge herauszuholen.

Wenn eine Geschichte durchhängt, dann ist es Zeit, den Werkzeugkasten mit den Schreibregeln auszupacken. Und die Spannungsschrauben anzuziehen. Andreas Eschbach hat solche Spannungsschrauben beschrieben.

Jeder Autor sollte die wichtigsten Schreibregeln kennen

Auch beim Schreiben gibt es typische Anfängerfehler. Infodump, Personen von außen betrachten, Überfülle von nichtssagenden Adjektiven, Dialoge, die grammatikalisch korrekt sind und genau deshalb holpern, Rückblenden, die erzählen, wann der Held entwöhnt wurde, und …, und …, und…

Die meisten Schreibregeln befassen sich mit diesen Anfängerfehlern.Sie benennen die üblichen Probleme, die dazu führen können, dass ein Text nicht packt.

Schreibregeln gehören in die Überarbeitung

Es gibt nichts Schlimmeres, als während der Erstfassung an die Schreibregeln zu denken. Schreibregeln gehören zur Vernunft, Geschichten benötigen Fantasie und Intuition. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, ob sie alle Schreibregeln einhalten, wenn Sie die Erstfassung schreiben. Überlassen Sie beim Schreiben Ihrem inneren Kind die Führung.

Dann kommt die Überarbeitung. Jetzt ist der innere Zensor gefragt, die Vernunft übernimmt die Herrschaft. Und die klappt den Werkzeugkasten auf, wenn was nicht stimmt.

Schreibregeln hemmen nicht die künstlerische Freiheit

Das ist der häufigste Vorwurf gegen die Schreibregeln. Sie würden die künstlerische Freiheit behindern und immer gleiche Romane hervorrufen.

Meist kommt der Vorwurf von Leuten, deren Kunst noch sehr am Anfang steht. Nein, wer die Schreibregeln mißachtet, weil er sie nicht kennt und es nicht besser kann, ist deshalb noch kein großer Künstler.

Weil sie bei der Überarbeitung so nützlich sind, sollte jeder Autor sie kennen und wissen, wie man sie anwendet. Das bedeutet nicht, dass er sie immer und überall anwenden muss. Wenn ich weiß, wie ich eine Rohrzange verwende, heißt das noch lange nicht, dass ich alle Arbeiten mit der Rohrzange erledigen muss. Schließlich gibt es auch einen Hammer. Der ist für Nägel geeigneter. Und wenn alles in Ordnung ist, brauche ich weder Hammer noch Rohrzange.

Schreibregeln haben Gründe und Autoren sollten die kennen

Schreibregeln sind geronnene Erfahrung von Autoren. Dass Mark Twain vor Adjektiven warnte, hatte Gründe. Ein Übermaß von Adjektiven (vor allem von nichtssagenden) bremst Texte, lässt die Spannung erlahmen.

Auch eine zweite Regel von Mark Twain hat seinen Grund: »Verwende das genau passende Wort und nicht seinen Cousin«. Der Grund dürfte jedem einleuchten.

Nur wenn Sie die Gründe der Schreibregeln kennen, können Sie richtigen Gebrauch von ihnen machen.

Schreibregeln legen nicht fest, wie gut ein Text ist

Nein, die Qualität eines Textes hängt NICHT davon ab, ob er alle Schreibregeln befolgt. Auch nicht, ob er den Regeln gehorcht, nach denen manche Kulturredakteure entscheiden, ob ein Text »literarisch wertvoll« ist.

Wer die Qualität eines Textes danach beurteilt, wie viele Adjektive er pro Seite enthält, ist auf dem Holzweg. Deshalb hat ein guter Lektor auch keine Tabelle bei der Arbeit neben sich liegen, auf der er ankreuzt, ob die Regeln befolgt werden. Weniger als 3 Adjektive pro Seite: Toller Text. Mehr als zehn: Grottig.

Was aber jeder Lektor nutzt: Die Kenntnis darüber, mit welchen Regeln man korrekturbedürftige Stellen verbessern kann.

Schreibregeln gehen guten Autoren in Fleisch und Blut über

Amerikanische Schreibcoaches sagen: Erst muss man den Autoren die Regeln beibringen. Dann sie zu vergessen.
Je öfter Sie bei der Überarbeitung bestimmte Schreibregeln benutzen, desto schneller werden Sie Ihnen in Fleisch und Blut übergehen. Alte Hasen müssen nicht lange überlegen, wenn sie Dialoge schreiben. Sie bauen automatisch einen Konflikt auf, halten die Dialoge kurz. Anfänger lernen das bei der Überarbeitung.

Grammatikregeln sind ebenfalls keine Gesetze

Auch wenn mich jetzt Deutschlehrer und Kulturredakteure kreuzigen:  Grammatikregeln dürfen übertreten werden. In Dialogen ist die buchstabengetreue Befolgung aller Grammatikregeln meist hinderlich. Gibt viele Gründe, warum ein Autor an bestimmten Stellen die Grammatik Grammatik sein lassen sollte.

Das heißt natürlich nicht, dass er die Grammatik nicht kennen sollte. Aber er muss wissen, wann er sie befolgen sollte – und wann nicht. Das ist nicht anders als bei den Schreibregeln. Manchmal gilt das sogar bei der Rechtschreibung. Ze do Rock hat das in »Fom Winde verfeelt« bewiesen. Auch hier gilt allerdings: Schreibfehler aus Unkenntnis sind kein Zeichen hoher Kunst.

Sol Stein, der Autor des Standardwerks »Über das Schreiben«, hat es kurz und treffend formuliert:

Jeder Autor muss irgendwann lernen, wann er die Regeln einhalten sollte und wann er sie brechen muss.

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Zehn Dinge, die jeder Autor über Schreibregeln wissen sollte

Richtig würzen mit Adjektiven und Adverbien

Adjektive (Eigenschaftsworte) und Adverbien (Umstandsworte) haben einen schlechten Ruf. „Wenn Sie ein Adjektiv treffen, bringen Sie es um“, riet Mark Twain AutorInnen. Und der Verleger und spätere französische Ministerpräsident Clemenceau verlangte von seinen Journalisten: „Bevor Sie ein Adjektiv hinschreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist.“ Beide hatten erlebt, was Lektoren auch heute feststellen: Adjektive sind beliebt und werden vor allem von Anfängern zu häufig benutzt.

Sollten AutorInnen also lieber gar keine Adjektive verwenden? Nein, aber sie sollten es damit halten, wie mit Gewürzen. Ohne sie schmeckt jedes Essen fad, aber überreichlich eingesetzt, machen sie es ungenießbar.

Das Gefühl für Adjektive schärfen

Wie entscheidet der geplagte Autor, welches Gewürz nötig ist? Die Fantasy-Autorin Ursula K. LeGuin hat in ihrem Buch „Kleiner Autorenworkshop“ eine gute Übung vorgestellt: Nehmen Sie eine Seite aus Ihrem Text. Drucken Sie sie aus. Dann streichen Sie sämtliche Adjektive auf der Seite. Drucken Sie diese neue Seite ebenfalls aus. Legen Sie beide Seiten nebeneinander und lesen Sie beide.

Meist entdecken Sie schnell, welche Adjektive Sie wirklich brauchen und welche Sie besser streichen. Diese Übung können Sie immer wieder machen, sie schärft die Sinne und gibt Ihnen im Laufe der Zeit ein sicheres Gefühl dafür, welches Adjektiv passt und welches nicht. Diese Übung können Sie ebenfalls auf Adverbien anwenden.

Es gibt aber noch weitere Möglichkeiten, die richtige Dosis und die richtigen Adjektive zu wählen. Denn nicht alle Adjektive sind gleich. Einige sollten mit großer Vorsicht verwendet werden:die wertenden Adjektive etwa.

Wertende Adjektive weglassen

Wertende Adjektive sind bei Anfängern beliebt. „Stefan war ein böser Mensch.“ Würden Sie einen Roman weiterlesen wollen, der mit diesem Satz anfängt? Ich nicht. – Warum ist das so?

Erstens, weil das eine Behauptung des Autors ist, die der Leser glauben kann oder nicht. Denn dass Stefan böse ist, wird ihm nicht gezeigt.

Zweitens nehmen solche Behauptungen den LeserInnen das Vergnügen, Stefan selbst einzuschätzen.Geschichten sind immer auch Rätsel, die LeserInnen möchten eigene Schlüsse ziehen, selbst die Geschichte interpretieren. Wer seinen LeserInnen alles vorkaut, verliert sie schnell.

Drittens ist dieser Satz statisch. Es passiert nichts. Einen Beitrag für ein Lexikon, den darf man statisch schreiben, Geschichten aber müssen sich bewegen; Handlung und Dialog treiben sie voran, Behauptungen des Autors bremsen sie.

Was tun? Das Adjektiv „böse“ einfach zu streichen, würde wenig helfen.

Anschauliche Substantive wählen

Dass Adjektive so beliebt sind, liegt auch daran, dass sie das Leben erleichtern. Schreiben AutorInnen „ein böser Mensch“, müssen sie nicht nach der treffenden Bezeichnung suchen. Doch was bedeutet „böser Mensch“? Schließlich gibt es mehrere Milliarden von Menschen – und auch in Romanen sind sie nicht gerade selten. Das Substantiv sagt wenig aus und das Adjektiv nicht mehr.

Suchen Sie also lieber nach einem treffenderen Substantiv. Ist Stefan ein Mörder, Filou, Betrüger, Sadist, Nazi, Verräter, Blender, Mafiosi? Dann bräuchten Sie gar kein Adjektiv mehr. Nehmen Sie das genau passende Wort, nicht seinen Cousin – auch dieser Rat stammt von Mark Twain – sprechen Sie von einem „Kampfhund“ und nicht von einem „gefährlichen Tier“.

Sätze in Bewegung bringen

Noch besser ist oft: Bringen Sie Sätze in Bewegung. Verwenden Sie Verben, nicht wertende Adjektive. „Stefan hätte sofort seine Großmutter verkauft, hätte man ihm nur genug Geld geboten“ wird keinen Literaturpreis erringen, ist aber deutlich besser geeignet, LeserInnen zu fesseln. Dass Stefan böse ist, dürfen wir aus diesem Satz schlussfolgern. Gleichzeitig bietet er genug Raum für Vermutungen: Wird Stefan sich ändern? Gibt es etwas, das er auch für Geld nicht hergeben würde? Leserinnen lieben offene Fragen, Leser lieben es, eigene Schlüsse zu ziehen.

Doppelungen vermeiden

Schon in der Schule wurden wir vor weißen Schimmeln und schwarzen Rappen gewarnt. Zu recht. Viele Adjektive sind überflüssig, weil sie noch einmal sagen, was man dem Substantiv schon entnehmen kann. Doch: Nicht immer sind diese Tautologien sofort ersichtlich. „Ein scharfes Messer“ oder: „ein schneller Sportwagen“ wären solche Beispiele. Dabei benötigen weder „Messer“ noch „Sportwagen“ das Adjektiv, denn die LeserInnen erwarten, dass das Messer scharf ist und der Sportwagen schnell. Anders ist es, wenn das Messer stumpf und der Sportwagen langsam ist, weil ein sehr altes Modell. Dann dürfen Sie zum Adjektiv greifen, denn nun hat es eine Funktion.

Doppelt, fast schon dreifach gemoppelt ist auch folgender Text:

„Du Idiot!“, schrie er wütend.

Da haben wir jetzt ein Adverb, das überflüssig ist. Erstens sagt „Du Idiot“ bereits, dass der Sprecher nicht gerade in freundlicher Stimmung ist. Das „schrie“ betont das nochmals. Und „wütend“ fügt nun wirklich keine weitere Information hinzu. Anders sieht es mit folgendem Satz aus:

„Du Idiot!“, sagte er lachend.

Hier hat das Adjektiv eine Funktion, weil es den LeserInnen mitteilt, dass der Sprecher den Ausruf keineswegs böse meint.

Merke: Adjektive und Adverbien, die ungewöhnliche Eigenschaften bezeichnen, würzen einen Text. Adjektive, die das Übliche betonen, lassen ihn fade schmecken.

Informative, beschreibende Adjektive nutzen

Der Kommissar entdeckt, dass zur Tatzeit ein schwarzer Geländewagen am Tatort stand. Kurz darauf bemerkt er einen schwarzen Geländewagen mit dem Mann am Steuer, der angeblich gar nicht am Tatort war. Könnten Sie das Adjektiv „schwarz“ streichen?

Natürlich nicht. Schwarz wertet nicht, es sagt uns auch nichts, was bereits im Substantiv steht (denn es gibt auch rote, weiße und manch andere Geländewagen). Beschreibende Adjektive, die zusätzliche Informationen geben, sind unverzichtbar. Jedenfalls dann, wenn sie für die Handlung wichtig sind. Oder wenn sie ein konkretes Bild im Kopf entstehen lassen. Was heißt, dass Sie zwar die Farbe des Geländewagen benennen sollten, aber nicht die Farbe jedes Gegenstandes im Büro des Kommissars. Ob die Tastatur seines Computers schwarz, weiß oder beige ist, das müssen Sie den LeserInnen nicht mitteilen.

Sparsam dosieren

Zu viele Adjektive sind der Geschichte Tod. Eine große, dunkel gekleidete, unheimliche Frau wirkt leider blass und eben nicht unheimlich, weil die LeserInnen nicht erleben durften, was an ihr unheimlich ist.

Mehr als ein Adjektiv pro Substantiv sollten Sie nicht verwenden, sonst schwächen die Adjektive sich gegenseitig ab. Entscheiden Sie sich: Was ist die wichtigste Eigenschaft, die Sie hervorheben wollen? Nur dieses Adjektiv oder Adverb übernehmen Sie.

Generell gilt bei Beschreibungen: Weniger ist mehr. Beschreiben Sie nicht die gesamte Wohnung, sondern die Dinge, die bezeichnend für diesen Ort sind und die Bilder in der Fantasie wecken. Könnte man im Schlafzimmer vom Fußboden essen oder liegt dort noch die Unterhose von vorgestern herum?

Nach persönlichem Geschmack würzen

Viele Menschen lieben Kümmel auf dem Schweinebraten. Ich nicht. So verhält es sich auch mit manchen Adjetkiven: Wie man ihren Einsatz beurteilt, ist Geschmackssache.

Müssen Sie die Haarfarbe Ihres Helden erwähnen? Manche AutorInnen tun es, manche nennen die Haarfarbe jeder auftretenden Person. Andere beschreiben ihre Figuren gar nicht, sondern überlassen es den LeserInnen, sich deren Aussehen selbst zu entwerfen. Auch LeserInnen unterscheiden sich in diesem Punkt. Der eine möchte eine ausführliche Beschreibung des Helden, der andere reagiert darauf genervt.

Wie ausführlich Beschreibungen sein müssen, ist aber nicht nur Geschmackssache, sondern hängt auch vom Genre ab. Der „hardboiled“ Detektiv darf sich mit wenigen Beschreibungen und Adjektiven durch die Geschichte kämpfen, die Helden im Liebesroman erfordern genauere Beschreibungen und damit mehr Adjektive. Ein rheinischer Sauerbraten verlangt auch nach anderen Gewürzenals ein indisches Currygericht.

Den eigenen Geschmack schulen

Sprachpuristen möchten möglichst alle Adjektive streichen. „Die Grünen ziehen sich einige liberale Zähne“ titelte die FAZ – und prompt erhob die Welt den Zeigefinger: Das sei Adjektivmissbrauch, weil Zähne nicht liberal sein können.

Sprachpuristen reagieren sehr empfindlich auf ungewöhnliche Sprachspiele. Nur bezieht sich der Titel nicht auf reale Zähne, sondern auf Programmpunkte und daher passt das Adjektiv dann doch. Seien Sie also vorsichtig mit Adjektiven in ungewohnten Zusammenhängen; aber lassen Sie sich nicht von Puristen das Würzen Ihrer Texte verbieten.

Und natürlich gibt es die hohe Schule des Schreibens; Könner dürfen gegen Regeln verstoßen: „Was für ein dicker, bunter, glucksender Tropf doch ein Fasan ist“, lässt der Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling eine seiner Figuren in „Puck“ sagen und da würde ich kein Adjektiv streichen. Der Trick dabei: Verwende anschauliche Substantive (Tropf) statt allgemeine (Tiere). Und wähle eine Eigenschaft, die LeserInnen nicht sofort und automatisch mit Fasanen verbinden. Obendrein findet sich vor diesem Satz und auch danach keine derartige Adjektivhäufung, weswegen der Fasan glucksend seine Wirkung erzielt.

So hingegen ginge es nicht: „Fasane sind schwere, farbige, nervig schreiende Tiere.“

Füllwörter meiden

Habe ich jetzt die Adverbien vergessen? Nein, denn alles, was Sie hier gelesen haben, gilt auch für Adverbien. Hinzu kommt: Adverbien sind beliebte Füllwörter. Ob Sie plötzlich anscheinend Ihre Texte ein wenig abschwächen wollen oder sich scheinbar über die „optimalste“ Wirkung nicht sicher sind – fassen Sie sich baldmöglichst ein Herz und kontrollieren Sie genau, welche angesagten Füllwörter Sie gerne und häufig benutzen. Und dann: Streichen Sie sie! Wie viel heiße Luft in Form von Füllwörtern Ihr Text enthält, können Sie hier prüfen lassen: lassen www.blablameter.de.

Das Wichtigste in Kürze:

Trainieren Sie Ihr Gefühl für Adjektive und Adverbien.
Verwenden Sie wertende Adjektive gar nicht oder nur sehr sparsam.
Nutzen Sie nur Adjektive und Adverbien, die Ihren LeserInnen wichtige Informationen zum Verständnis der Geschichte liefern oder konkrete Bilder, die diese bereichern.
Sagen Sie lieber „der Karpfen“ als „der großmäulige Fisch“.
Streichen Sie alle Adjektive, die Ihren LeserInnen nichts Neues sagen.

Literaturtipps

Stephan Waldscheidt: Adjektive – gut oder böse?,  Amazon E-Book,  0,99 Euro
Ursula K. Le Guin: Kleiner Autorenworkshop, Autorenhaus Verlag; 14,90 Euro
Roy Peter Clark: Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben, Autorenhaus Verlag; 19,80 Euro
Hans Peter Roentgen: Vier Seiten für ein Halleluja, Sieben Verlag; 12,90 Euro

Dieser Artikel stammt aus der Textküche der Federwelt 2014, in jeder Ausgabe wird dort ein Thema besprochen und an Beispielszenen gezeigt, wie man es verbessern kann.

Ich habe nichts dagegen, wenn Ihr diesen Blog teilt, verlinkt, weiter empfehlt. Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollt, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

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