Richtig würzen mit Adjektiven und Adverbien

Adjektive (Eigenschaftsworte) und Adverbien (Umstandsworte) haben einen schlechten Ruf. „Wenn Sie ein Adjektiv treffen, bringen Sie es um“, riet Mark Twain AutorInnen. Und der Verleger und spätere französische Ministerpräsident Clemenceau verlangte von seinen Journalisten: „Bevor Sie ein Adjektiv hinschreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist.“ Beide hatten erlebt, was Lektoren auch heute feststellen: Adjektive sind beliebt und werden vor allem von Anfängern zu häufig benutzt.

Sollten AutorInnen also lieber gar keine Adjektive verwenden? Nein, aber sie sollten es damit halten, wie mit Gewürzen. Ohne sie schmeckt jedes Essen fad, aber überreichlich eingesetzt, machen sie es ungenießbar.

Das Gefühl für Adjektive schärfen

Wie entscheidet der geplagte Autor, welches Gewürz nötig ist? Die Fantasy-Autorin Ursula K. LeGuin hat in ihrem Buch „Kleiner Autorenworkshop“ eine gute Übung vorgestellt: Nehmen Sie eine Seite aus Ihrem Text. Drucken Sie sie aus. Dann streichen Sie sämtliche Adjektive auf der Seite. Drucken Sie diese neue Seite ebenfalls aus. Legen Sie beide Seiten nebeneinander und lesen Sie beide.

Meist entdecken Sie schnell, welche Adjektive Sie wirklich brauchen und welche Sie besser streichen. Diese Übung können Sie immer wieder machen, sie schärft die Sinne und gibt Ihnen im Laufe der Zeit ein sicheres Gefühl dafür, welches Adjektiv passt und welches nicht. Diese Übung können Sie ebenfalls auf Adverbien anwenden.

Es gibt aber noch weitere Möglichkeiten, die richtige Dosis und die richtigen Adjektive zu wählen. Denn nicht alle Adjektive sind gleich. Einige sollten mit großer Vorsicht verwendet werden:die wertenden Adjektive etwa.

Wertende Adjektive weglassen

Wertende Adjektive sind bei Anfängern beliebt. „Stefan war ein böser Mensch.“ Würden Sie einen Roman weiterlesen wollen, der mit diesem Satz anfängt? Ich nicht. – Warum ist das so?

Erstens, weil das eine Behauptung des Autors ist, die der Leser glauben kann oder nicht. Denn dass Stefan böse ist, wird ihm nicht gezeigt.

Zweitens nehmen solche Behauptungen den LeserInnen das Vergnügen, Stefan selbst einzuschätzen.Geschichten sind immer auch Rätsel, die LeserInnen möchten eigene Schlüsse ziehen, selbst die Geschichte interpretieren. Wer seinen LeserInnen alles vorkaut, verliert sie schnell.

Drittens ist dieser Satz statisch. Es passiert nichts. Einen Beitrag für ein Lexikon, den darf man statisch schreiben, Geschichten aber müssen sich bewegen; Handlung und Dialog treiben sie voran, Behauptungen des Autors bremsen sie.

Was tun? Das Adjektiv „böse“ einfach zu streichen, würde wenig helfen.

Anschauliche Substantive wählen

Dass Adjektive so beliebt sind, liegt auch daran, dass sie das Leben erleichtern. Schreiben AutorInnen „ein böser Mensch“, müssen sie nicht nach der treffenden Bezeichnung suchen. Doch was bedeutet „böser Mensch“? Schließlich gibt es mehrere Milliarden von Menschen – und auch in Romanen sind sie nicht gerade selten. Das Substantiv sagt wenig aus und das Adjektiv nicht mehr.

Suchen Sie also lieber nach einem treffenderen Substantiv. Ist Stefan ein Mörder, Filou, Betrüger, Sadist, Nazi, Verräter, Blender, Mafiosi? Dann bräuchten Sie gar kein Adjektiv mehr. Nehmen Sie das genau passende Wort, nicht seinen Cousin – auch dieser Rat stammt von Mark Twain – sprechen Sie von einem „Kampfhund“ und nicht von einem „gefährlichen Tier“.

Sätze in Bewegung bringen

Noch besser ist oft: Bringen Sie Sätze in Bewegung. Verwenden Sie Verben, nicht wertende Adjektive. „Stefan hätte sofort seine Großmutter verkauft, hätte man ihm nur genug Geld geboten“ wird keinen Literaturpreis erringen, ist aber deutlich besser geeignet, LeserInnen zu fesseln. Dass Stefan böse ist, dürfen wir aus diesem Satz schlussfolgern. Gleichzeitig bietet er genug Raum für Vermutungen: Wird Stefan sich ändern? Gibt es etwas, das er auch für Geld nicht hergeben würde? Leserinnen lieben offene Fragen, Leser lieben es, eigene Schlüsse zu ziehen.

Doppelungen vermeiden

Schon in der Schule wurden wir vor weißen Schimmeln und schwarzen Rappen gewarnt. Zu recht. Viele Adjektive sind überflüssig, weil sie noch einmal sagen, was man dem Substantiv schon entnehmen kann. Doch: Nicht immer sind diese Tautologien sofort ersichtlich. „Ein scharfes Messer“ oder: „ein schneller Sportwagen“ wären solche Beispiele. Dabei benötigen weder „Messer“ noch „Sportwagen“ das Adjektiv, denn die LeserInnen erwarten, dass das Messer scharf ist und der Sportwagen schnell. Anders ist es, wenn das Messer stumpf und der Sportwagen langsam ist, weil ein sehr altes Modell. Dann dürfen Sie zum Adjektiv greifen, denn nun hat es eine Funktion.

Doppelt, fast schon dreifach gemoppelt ist auch folgender Text:

„Du Idiot!“, schrie er wütend.

Da haben wir jetzt ein Adverb, das überflüssig ist. Erstens sagt „Du Idiot“ bereits, dass der Sprecher nicht gerade in freundlicher Stimmung ist. Das „schrie“ betont das nochmals. Und „wütend“ fügt nun wirklich keine weitere Information hinzu. Anders sieht es mit folgendem Satz aus:

„Du Idiot!“, sagte er lachend.

Hier hat das Adjektiv eine Funktion, weil es den LeserInnen mitteilt, dass der Sprecher den Ausruf keineswegs böse meint.

Merke: Adjektive und Adverbien, die ungewöhnliche Eigenschaften bezeichnen, würzen einen Text. Adjektive, die das Übliche betonen, lassen ihn fade schmecken.

Informative, beschreibende Adjektive nutzen

Der Kommissar entdeckt, dass zur Tatzeit ein schwarzer Geländewagen am Tatort stand. Kurz darauf bemerkt er einen schwarzen Geländewagen mit dem Mann am Steuer, der angeblich gar nicht am Tatort war. Könnten Sie das Adjektiv „schwarz“ streichen?

Natürlich nicht. Schwarz wertet nicht, es sagt uns auch nichts, was bereits im Substantiv steht (denn es gibt auch rote, weiße und manch andere Geländewagen). Beschreibende Adjektive, die zusätzliche Informationen geben, sind unverzichtbar. Jedenfalls dann, wenn sie für die Handlung wichtig sind. Oder wenn sie ein konkretes Bild im Kopf entstehen lassen. Was heißt, dass Sie zwar die Farbe des Geländewagen benennen sollten, aber nicht die Farbe jedes Gegenstandes im Büro des Kommissars. Ob die Tastatur seines Computers schwarz, weiß oder beige ist, das müssen Sie den LeserInnen nicht mitteilen.

Sparsam dosieren

Zu viele Adjektive sind der Geschichte Tod. Eine große, dunkel gekleidete, unheimliche Frau wirkt leider blass und eben nicht unheimlich, weil die LeserInnen nicht erleben durften, was an ihr unheimlich ist.

Mehr als ein Adjektiv pro Substantiv sollten Sie nicht verwenden, sonst schwächen die Adjektive sich gegenseitig ab. Entscheiden Sie sich: Was ist die wichtigste Eigenschaft, die Sie hervorheben wollen? Nur dieses Adjektiv oder Adverb übernehmen Sie.

Generell gilt bei Beschreibungen: Weniger ist mehr. Beschreiben Sie nicht die gesamte Wohnung, sondern die Dinge, die bezeichnend für diesen Ort sind und die Bilder in der Fantasie wecken. Könnte man im Schlafzimmer vom Fußboden essen oder liegt dort noch die Unterhose von vorgestern herum?

Nach persönlichem Geschmack würzen

Viele Menschen lieben Kümmel auf dem Schweinebraten. Ich nicht. So verhält es sich auch mit manchen Adjetkiven: Wie man ihren Einsatz beurteilt, ist Geschmackssache.

Müssen Sie die Haarfarbe Ihres Helden erwähnen? Manche AutorInnen tun es, manche nennen die Haarfarbe jeder auftretenden Person. Andere beschreiben ihre Figuren gar nicht, sondern überlassen es den LeserInnen, sich deren Aussehen selbst zu entwerfen. Auch LeserInnen unterscheiden sich in diesem Punkt. Der eine möchte eine ausführliche Beschreibung des Helden, der andere reagiert darauf genervt.

Wie ausführlich Beschreibungen sein müssen, ist aber nicht nur Geschmackssache, sondern hängt auch vom Genre ab. Der „hardboiled“ Detektiv darf sich mit wenigen Beschreibungen und Adjektiven durch die Geschichte kämpfen, die Helden im Liebesroman erfordern genauere Beschreibungen und damit mehr Adjektive. Ein rheinischer Sauerbraten verlangt auch nach anderen Gewürzenals ein indisches Currygericht.

Den eigenen Geschmack schulen

Sprachpuristen möchten möglichst alle Adjektive streichen. „Die Grünen ziehen sich einige liberale Zähne“ titelte die FAZ – und prompt erhob die Welt den Zeigefinger: Das sei Adjektivmissbrauch, weil Zähne nicht liberal sein können.

Sprachpuristen reagieren sehr empfindlich auf ungewöhnliche Sprachspiele. Nur bezieht sich der Titel nicht auf reale Zähne, sondern auf Programmpunkte und daher passt das Adjektiv dann doch. Seien Sie also vorsichtig mit Adjektiven in ungewohnten Zusammenhängen; aber lassen Sie sich nicht von Puristen das Würzen Ihrer Texte verbieten.

Und natürlich gibt es die hohe Schule des Schreibens; Könner dürfen gegen Regeln verstoßen: „Was für ein dicker, bunter, glucksender Tropf doch ein Fasan ist“, lässt der Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling eine seiner Figuren in „Puck“ sagen und da würde ich kein Adjektiv streichen. Der Trick dabei: Verwende anschauliche Substantive (Tropf) statt allgemeine (Tiere). Und wähle eine Eigenschaft, die LeserInnen nicht sofort und automatisch mit Fasanen verbinden. Obendrein findet sich vor diesem Satz und auch danach keine derartige Adjektivhäufung, weswegen der Fasan glucksend seine Wirkung erzielt.

So hingegen ginge es nicht: „Fasane sind schwere, farbige, nervig schreiende Tiere.“

Füllwörter meiden

Habe ich jetzt die Adverbien vergessen? Nein, denn alles, was Sie hier gelesen haben, gilt auch für Adverbien. Hinzu kommt: Adverbien sind beliebte Füllwörter. Ob Sie plötzlich anscheinend Ihre Texte ein wenig abschwächen wollen oder sich scheinbar über die „optimalste“ Wirkung nicht sicher sind – fassen Sie sich baldmöglichst ein Herz und kontrollieren Sie genau, welche angesagten Füllwörter Sie gerne und häufig benutzen. Und dann: Streichen Sie sie! Wie viel heiße Luft in Form von Füllwörtern Ihr Text enthält, können Sie hier prüfen lassen: lassen www.blablameter.de.

Das Wichtigste in Kürze:

Trainieren Sie Ihr Gefühl für Adjektive und Adverbien.
Verwenden Sie wertende Adjektive gar nicht oder nur sehr sparsam.
Nutzen Sie nur Adjektive und Adverbien, die Ihren LeserInnen wichtige Informationen zum Verständnis der Geschichte liefern oder konkrete Bilder, die diese bereichern.
Sagen Sie lieber „der Karpfen“ als „der großmäulige Fisch“.
Streichen Sie alle Adjektive, die Ihren LeserInnen nichts Neues sagen.

Literaturtipps

Stephan Waldscheidt: Adjektive – gut oder böse?,  Amazon E-Book,  0,99 Euro
Ursula K. Le Guin: Kleiner Autorenworkshop, Autorenhaus Verlag; 14,90 Euro
Roy Peter Clark: Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben, Autorenhaus Verlag; 19,80 Euro
Hans Peter Roentgen: Vier Seiten für ein Halleluja, Sieben Verlag; 12,90 Euro

Dieser Artikel stammt aus der Textküche der Federwelt 2014, in jeder Ausgabe wird dort ein Thema besprochen und an Beispielszenen gezeigt, wie man es verbessern kann.

Ich habe nichts dagegen, wenn Ihr diesen Blog teilt, verlinkt, weiter empfehlt. Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollt, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

Impressum Homepage Hans Peter Roentgen

 

 

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