Er fühlte, dass er ahnte, was er denken würde

Kommissar Umständlich sah, dass der Killer seine Pistole zog. Er ahnte, dass er schießen würde. Er hörte den Knall des Schusses. Er spürte, wie die Kugel ihn ins Herz traf. Er dachte, das ist das Ende und fühlte, dass er das bedauerte.

Solche Texte erhalte ich immer wieder. Okay, ich gebe zu, dieses Beispiel ist übertrieben. Nichtsdestotrotz betonen viele Autoren, wer etwas sieht, fühlt, hört, denkt, statt einfach zu konstatieren:

Der Killer zog seine Pistole und schoss. Die Kugel riss Kommissar Umständlich zu Boden. Weil er sich darauf konzentriert hatte, was er sah, ahnte, hörte, statt sich in Deckung zu werfen.

Wenn Sie aus der Sicht einer Figur schreiben, müssen Sie nicht jedesmal betonen, dass sie etwas sieht, wenn etwas auftaucht. Denn wer, bitteschön, sollte sonst die Pistole sehen? Der liebe Gott?

Ritter Langsam sah, dass hinter dem Wald ein Bauernhaus stand. Er hörte Pferde wiehern, Hühner gackern und fühlte plötzlich Regen, der, so dachte er, gerade eingesetzt haben musste …

Da wird die Betonung darauf gelegt, dass der Ritter sieht, hört, fühlt, denkt. Nicht auf das, was er sieht: Das Bauernhaus. Obendrein verlassen Sie die Perspektive Ihrer Figur. Die denkt nämlich garantiert nicht: Ich sehe, dass da hinten ein Bauernhaus steht. Sondern weniger kompliziert: Dahinten steht ein Bauernhaus.

Besser, kürzer und weniger langsam:

Hinter dem Wald stand ein Bauernhaus. Pferde wieherten, Hühner gackerten und dann setzte der Regen ein.

Dass der Ritter das sieht, hört, fühlt, davon wird der Leser nämlich ausgehen. Es sei denn, wir haben einen blinden und tauben Ritter vor uns.

Natürlich kommt es auf die Dosis an. Einmal: »Er sah …« auf zehn Seiten wird niemand stören. Zehnmal auf einer Seite aber schon.

Wie immer gibt es Ausnahmen. Plötzlich sah er das Bauernhaus, da sollte man das »sah« nicht streichen – denn hier ist es wichtig, weil der Ritter es bisher übersehen hat.

Das gilt generell. Selbstverständliches müssen Sie nicht erwähnen. Ungewöhnliches aber schon. Und die Hauptsache gehört in den Hauptsatz. Wenn das nicht das Sehen, Hören, Fühlen ist, dann streichen Sie das.

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

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2 Gedanken zu “Er fühlte, dass er ahnte, was er denken würde

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