Subtext: die Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben

Wir alle erleben es täglich: Jemand sagt etwas und wir interpretieren das, was gesagt wurde. Schließlich sagen Menschen oft nicht das, was sie denken. Das, was interessant ist, steht dann zwischen den Zeilen. Das gilt besonders für Geschichten. Und ganz besonders für Witze.

Der Mann kommt nach Hause, findet seine Frau mit der Nase im Kochbuch. „Warum liest du Kochbücher? Du kannst eh nicht Kochen!“
„Du siehst ja auch Sexfilme!“

Vielleicht ist dieser Witz nicht der absolute Knaller, aber er zeigt sehr schön, dass das, was wichtig ist, nicht gesagt wird. Dennoch versteht jede Leserin, jeder Leser, was gemeint ist. Gerade aus der Differenz zwischen dem, was dort steht und dem, was gemeint ist, entsteht die Pointe im Kopf des Zuhörers oder der Leserin.

Humor arbeitet immer mit Subtext. Wer einen Witz erklärt, sagt, was gemeint ist, verdirbt ihn. Nichts ist tödlicher für Humor, als alles zu erklären.

Das ist bei Geschichten ebenso. Dialoge, in denen die Figuren alles erklären, sind langweilig. Krimis arbeiten oft mit Subtext, mit verschlüsselten Hinweisen auf den Täter: Erst am Schluss wird klar, was schon am Anfang zwischen den Zeilen stand.

Aber das Gesagte gilt nicht nur für Krimis oder Thriller. Dialoge wirken immer besser, wenn sie einen Subtext haben, wenn nicht alles ausgesprochen wird, sondern viel den LeserInnen überlassen bleibt, die kombinieren müssen – und dürfen.

Natürlich setzt Subtext voraus, dass die LeserInnen erschließen können, was zwischen den Zeilen steht. Obigen Witz würde ein Steinzeitmensch nicht verstehen. Weil er weder Kochbücher noch Sexfilme kennt.

Die Eisberg-Methode

Gute Texte zeigen nicht alles, der Text enthält nur einen kleinen Teil der Geschichte. Der Rest bleibt unsichtbar, das ist das, was die Leserin, der Leser erschließen darf. Ernest Hemingway, Literaturnobelpreisträger und Autor von „Der alte Mann und das Meer“, war ein Meister des Subtextes. Er nannte diese Art zu erzählen die „Eisberg-Methode“.

Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.

Von Antoine de Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“), ebenfalls kein erfolgloser Autor, stammt der Satz: „Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann!“,

NachwuchsautorInnen wollen oft alles erklären und damit sicherstellen, dass die LeserInnen die Szene genau so erleben, wie sie sich diese vorgestellt haben. Dass sie genau die Gefühle haben, die der Autor, die Autorin vorgesehen hat. Solche Erklärungen verhindern Subtext.

Sie müssen Ihre LeserInnen nicht an die Leine legen. Lassen Sie sie frei. Ja, sie werden dann die Szene vielleicht anders interpretieren, als Sie sich das gedacht haben. Und was ist daran schlimm? Sie wollen Ihre LeserInnen packen und das können Sie nur, wenn Sie Ihnen Freiräume bieten.

Subtext bietet Rätsel

Gute Bücher lassen sich also interpretieren. Sie müssen sogar interpretiert werden. Oft ist das, was nicht im Text steht, sogar wichtiger als das, was darin steht.

„James Bond hatte Angst“, wäre ein Satz, der wenig Raum für Interpretationen böte.

„James Bond trat von einem Fuß auf den anderen und kaute an seinem Fingernagel“ hingegen sagt uns nicht, was mit Bond los ist. Dieser Satz zeigt nur, wie er reagiert. Warum er so reagiert, welche Gefühle ihn dazu bringen, das müssen die LeserInnen sich erschließen. Ist es Angst? Ist er nervös? Natürlich ließe sich der Subtext hier noch erweitern:

„Geht es Ihnen nicht gut?“, wird Bond gefragt. Woraufhin er „Mir geht es blendend!“ erwidert und weiter von einem Fuß auf den anderen tritt.

Woraus die LeserInnen folgern würden: Bond will verbergen, dass er nervös oder ängstlich ist – aber seine Körpersprache verrät ihn. Was außerdem den Schluss zuließe, dass er ein dilettantischer Spion ist.

Subtext bezieht sich immer auf die LeserInnen, die ihn entschlüsseln dürfen. Wer in seinem Roman keinen Subtext hat, der bietet seinen LeserInnen ein Kreuzworträtsel, das bereits ausgefüllt worden ist.

Niemand interessiert sich für ausgefüllte Kreuzworträtsel.

Subtext ist das Gegenteil von Wissenschaft

In der Schule lernen wir, wissenschaftlich zu denken, zu abstrahieren.; viel mehr, als vor hundert oder gar zweihundert Jahren. Und deshalb lernen wir auch, alles auszuformulieren. Ein juristischer Vertrag sollte keinen Raum für Interpretationen bieten. Ein wissenschaftlicher Artikel sollte nicht offen lassen, was gemeint ist.

Literatur ist ganz anders. Dort gilt das Gegenteil. Lassen Sie Ihren Lesern Raum für Interpretationen, erklären Sie nicht alles, fordern Sie Ihre Leser und Leserinnen.

Subtext muss verständlich sein

Literarische Anspielungen wirken nur auf LeserInnen, die diese auch kennen.

„Walters Schlagfertigkeit bewegte sich in der Epsilon-Umgebung von Null“ dürfte nur Mathematikern erlauben, den Subtext zu verstehen. (Die Epsilon-Umgebung ist die kleinstmögliche Umgebung von Null.)

Nicht jeder Subtext muss verstanden werden

Kennen Sie den Film „Madagaskar“? In einer Szene fragen die Zootiere verzweifelt: „Gibt es hier Menschen?“ Denn sie kommen in der Wildnis nicht zurecht, sie brauchen Menschen, die sie füttern und pflegen.

„Sicher gibt es die“, antwortet der König der Affen und führt sie zu einem abgestürzten Flugzeug und einem toten Piloten, der mit seinem Fallschirm an einem Baum baumelt.

Gute Szene. Kinder lieben sie. Sie enthält bereits einen Subtext, denn die Tiere fragen nach lebenden Menschen (sagen das aber nicht). Und sie birgt für literarisch Gebildete noch einen weiteren Subtext. Der tote Pilot im Baum, das abgestürzte Flugzeug, das ist ein Bild aus dem Buch „Der Herr der Fliegen“. Man muss das nicht wissen, um „Madagaskar“ zu genießen. Aber für den, der es weiß, ist es ein zusätzliches Bonbon.

Zensur und Subtext

In Zeiten der Zensur ist Subtext lebenswichtig. Er erlaubt es, Dinge anzudeuten, die eigentlich nicht ausgesprochen werden dürfen. Sex und Politik eignet sich ganz besonders für Subtexte.

Zweiter Weltkrieg, ein Mann betritt einen Laden in Berlin. „Haben Sie Zucker?“
„Nein!“
„Verdammt, nichts gibt es mehr! Und alles wegen dem einen! Haben Sie Milch?“
„Nein!“
„Verdammt, nichts gibt es mehr! Und alles wegen dem einen!“
Ein systemtreuer Volksgenosse ruft die Polizei. Der Mann wird verhaftet.
„Das sind ja ganz schlimme Reden. Wen meinten Sie denn?“
„Natürlich Churchill!“
„So, so, Churchill? Nun gut, Sie können gehen.“
Der Mann steht auf und geht. An der Tür dreht er sich nochmal um:„Ach übrigens, Herr Kommissar, an wen dachten Sie denn?“

Und wie kommt man zu einem Subtext?

Es gibt keinen Königsweg dazu, keine garantiert wirkende Methode. Fragt man erfolgreiche AutorInnen, kommt meist die Antwort: „Das mach ich nach Gefühl.“ Also ist „Subtexten“ etwas, was man entweder kann oder nicht kann?

Nicht ganz. Wie alles, kann man sein Gefühl für Subtext trainieren.

Fragen Sie sich, was Ihre Figur auf gar keinen Fall sagen will. Und dann lassen Sie eine andere Person im Dialog genau das ansprechen.

Übung

Der Chef hat ein Buch geschrieben. Er fragt seine Sekretärin, wie sie das Buch findet. Die Sekretärin hat es nicht gelesen, aber das kann sie ihrem Chef nicht sagen. Also wird sie sich winden, versuchen, sich um die Antwort zu drücken.

Schreiben Sie die Szene!

aus Federwelt 12/2015

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Subtext: die Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben

4 Gedanken zu “Subtext: die Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben

  1. Toller Text (sowohl mit viel „sub“ wie „trans“ 🙂 ), meinen herzlichen Dank! Ich finde besonders schwierig wie wichtig den Punkt „Subtext im Dialog“ – ein geschriebenes Gespräch ohne diesen Subtext klingt immer langweilig.
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

  2. Vor kurzem, als ich die Serie „Sherlock“ anschaute ist mir in einer Episode etwas ähnliches aufgefallen wie mit der „Flugzeugszene aus Herr der Fliegen“. Es war die Szene in der Sonderfolge, in der Mary Watson von Mrs. Hudson eine Karte überreicht wurde. Als Absender war nur ein ‚M‘ auf der Rückseite. Dieses kleine Detail war beinahe der Höhepunkt der Episode, was nicht heisst, dass die Episode nicht auch sonst gut gewesen wäre. 😉

    Guter Artikel, hat mir sehr gefallen und mir auch ein bisschen den Druck genommen, „literarisch“ schreiben und Subtext verstecken zu müssen. Und Entspannung kann mir als Anfänger sicher gut tun. Das Projekt „Buch“ ist schon einschüchternd genug.

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  3. Mareike Wirts schreibt:

    Guter Artikel, danke. Sowas merke ich meist beim Überarbeiten und dann wird gnadenlos gestrichen.

    Den albern sexistischen Witz am Anfang könnten Sie aber gern durch einen anderen ersetzen …

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