Die Geschichte ausgraben

Einen Plot entwickeln

Jeder, der schon einmal einen Roman schreiben wollte, kennt das. Plötzlich hat man eine faszinierende Figur, einen spannenden Hintergrund oder eine Plotidee. Doch der Teufel steckt im Detail. Irgendwann kommt der Moment der Verzweiflung.

Die Idee führt nirgendwo hin, oder der Held bleibt blass. Die Autorin spürt dies und müht sich ab, aus der Idee einen tragfähigen Plot und aus der Klischeefigur einen lebendigen Menschen zu machen. Leider gelingt es nicht. Was tun?

Vor diesem Problem standen schon viele. Und ich kenne eine Methode, die weiterhelfen kann. Mehr zufällig haben wir bei der Phönixgruppe 2002 daraus eine Methode entwickelt, um einen tragfähigen Plot und lebendige Figuren zu schaffen: Die Ideen einer Autorin werden von den anderen zu Asche verbrannt, damit nur übrigbleibt, was Substanz hat. Und daraus kann sie ihren Text bauen. In vielen, vielen Gruppen und Workshops habe ich seitdem erlebt, wie wirkungsvoll diese Arbeitsweise ist. Und erst kürzlich hat mich die Autorin Jana Franke noch einmal daran erinnert.

Der Phönix aus der Asche

Es geht darum, die Struktur hinter den Texten deutlich zu machen, zu entwickeln. Folglich tragen die Autoren keine fertigen Texte, keine fertigen Exposés ihrer Romanen vor, sondern erzählen einfach, was sie von ihrer Figur und dem Plot wissen. Formulieren einen ersten Entwurf. Oft ist das nicht viel, chaotisch fast immer, auf jeden Fall ist es kein fertiges Konzept. An dieser Stelle ist der innere Zensor der schlimmste Feind eines Autors. Er will Perfektion. Aber der erste Entwurf ist immer Scheiße, dieses Hemingway Wort kann man gar nicht oft genug wiederholen.

Sie treffen sich also mit Kollegen. Und müssen den Mut haben, eine grobe Idee vorzustellen. Die anderen klopfen Ihre Idee ab. Nerven Sie mit Fragen. Geben Anregungen. Und Sie werden feststellen, das beflügelt Ihre Phantasie. Es verbrennt die unvollkommene erste Fassung. Aus der Asche entsteht das Konzept einer guten Geschichte.

Was alles passieren kann

Ein berühmter König, sein Waffenbruder und General, der den Autor fasziniert. Der König ist genial, siegt in zahlreichen Schlachten. Auch wenn ihm zahlreiche Gegner ans Leder wollen und die Situation hoffnungslos aussieht, kann er sich jedes Mal durchsetzen.

Der Waffenbruder heiratet seine Jugendliebe. Der König ist kein Weinstein, aber auch kein Kostverächter. Er stellt der Frau seines Waffenbruders nach.
Der Autor zählt die Taten des Königs auf.

»Das klingt nach einer Biografie«, sagt jemand. »Willst du eine Biografie schreiben?«

Nein, will der Autor nicht. »Eigentlich interessiert mich die Dreiecksgeschichte. Aber ich krieg es nicht hin, das zu einem Plot, einem Exposé zu entwickeln.«

»Vielleicht ist der König gar nicht die Hauptperson?«, fragt jemand. »Versuch mal, die Geschichte aus der Perspektive der Frau zu erzählen.«

Pling macht es. Der Autor setzt wieder an, erzählt aus der Perspektive der Frau und plötzlich hat die Geschichte eine ganz andere Spannung. Denn für die Frau steht viel mehr auf dem Spiel als für den König.

Orks und Menschen

Eine Autorin stellt eine Halborkin vor mit einem Orkvater und einer Menschenmutter. Es hat wenig Sinn, ihr zu sagen: „Orks und Menschen können sich nicht mischen, weil sie verschiedene Arten sind.“ Aber die Teilnehmer können und sollen der Autorin Fragen zu ihrer Person stellen.

Stellt Sie sich vor, die Figur steht vor Ihnen und Sie haben ein kleines Hämmerchen, mit dem Sie sie abklopfen, prüfen könnt, nicht um sie zu zerstören, sondern um festzustellen, wo es Hohlstellen gibt. Wie diese Hohlstellen gefüllt werden, muss die Autorin bestimmen. Die Frage: „Sind in der Welt deiner Geschichte Menschen und Orks verschiedene Rassen, aber von derselben Art?“ ist so eine Stelle, auf die Sie klopfen und die hohl klingt.

Möglicherweise fällt der Autorin ein: „Verdammt, nein, die Frau kann keinen Orkvater haben!“. Dann muss sie das ändern. Oder sie stellt fest: „Gute Frage, ja, in meiner Welt sind Orks und Menschen nur verschiedene Rassen, und es gibt folglich Mischlinge“. Auch damit legt die Autorin sich bezüglich ihrer Person und deren Geschichte fest, und das führt dazu, dass die Figur runder wird.

Natürlich sind in der Sitzung auch Anmerkungen und Vorschläge erlaubt und erwünscht.

„Die Halborkin soll im Laufe der Geschichte zu einer hervorragenden Söldnerin werden“, erzählt die Autorin.

„Wo ist sie aufgewachsen?“, fragt jemand.

„In einem Dorf, sie war Außenseiterin, alle haben sie gemieden.“

„Gab es keine Person in ihrer Jugend, die sie geliebt hat, bestärkt hat?“

„Mhm, eigentlich nicht.“

„Woher hat sie dann das Selbstvertrauen, das nötig ist, um Kämpfe siegreich zu bestehen?“

Wieder eine Frage. Nicht die Behauptung: „Du musst eine Bezugsperson für das Kind haben“. Denn das muss die Autorin entscheiden. Entweder sie beschließt, nein, es gab keine, und überlegt sich, wie das Kind trotzdem zu einer selbstbewussten Söldnerin aufwachsen konnte. Vielleicht fällt ihr auch ein, dass es bei einem Schafhirten abseits vom Dorf aufwuchs. Der hatte keine eigenen Kinder, ist gestorben, als sie erst zwölf war, aber er hing an ihr und hat ihr einiges beigebracht. »Und war in seiner Jugend Söldner?«, schlägt eine Teilnehmerin vor.

Pling hat es wieder gemacht. Die Frage hat der Autorin einen Einfall geliefert. Gut möglich, dass dieser Einfall gar nicht im endgültigen Text auftaucht, dass nur in Anspielungen darauf verwiesen wird. Für die Geschichte ist es auch nicht wichtig. Für die Autorin, die ihre Heldin kennen lernen muss, schon.

Drei Ebenen

„Daniel, ein fünfzehnjähriger Junge, erzählt sich SF-Geschichten, in denen er als Kapitän eines Raumkreuzers ganze gegnerische Flotten besiegt. Außerdem hört er Stimmen.“ Ein anderer Autor, eine andere Geschichte, ein anderer Protagonist.

„Die Stimmen gehören zu den Besatzungsmitgliedern?“

„Nein, die Stimmen sind von zwei Personen aus einer Raumstation. Diese Stimmen sind unabhängig von Daniels eigenen Geschichten.“

„Dann gibt es also drei Ebenen: Daniel und seine Realität, Daniels Geschichten und die beiden Stimmen, die zu ihm sprechen?“

„Ja.“

Diskussion darüber, ob drei Ebenen nicht zu viel sind.

„Warum können die beiden Stimmen nicht aus Daniels Geschichte stammen?“

„Die Personen seiner Geschichte kann Daniel steuern. Aber die Stimmen kann er nicht steuern. Außerdem leben sie gar nicht in Daniels Raumkreuzer.“

»Was für eine Bedeutung haben die Stimmen für Daniel?«

»Daniel hat nur seinen Vater, der ist Alkoholiker. Die Stimmen geben im Ratschläge in wichtigen Situationen.«

„Könnten es Personen aus den Geschichten sein, die sich selbständig gemacht haben?“

Ooops macht es beim Autor. Seine Stimmen sind Personen aus Daniels Geschichte, aber jetzt lassen sie sich nicht mehr steuern. Sie sind lebendig geworden, haben ihre eigenen Geschichte und leben nicht mehr auf dem 08/15-Raumschlachtkreuzer. Jetzt hat der Autor nur noch zwei Ebenen, seine Personen haben eine neue Beziehung zueinander gewonnen, und es ist dennoch die Geschichte des Autors geblieben.

Die Wahl des Autors

Es hat wenig Sinn, einem Autor zu sagen: „Das müsstest du so und so machen.“ Denn welche Geschichte wie erzählt wird, bestimmt einzig und allein der Autor. Aber Fragen und Anregungen en masse, die muss er sich schon gefallen lassen.

Welche Antworten der Autor auf die Fragen, Anregungen und Vorschläge gibt, was er daraus macht, das liegt in seiner Wahl. Aber er sollte im eigenen Interesse Antworten geben, denn er wird feststellen, dass er damit überraschende Dinge über seine Personen und deren Geschichte lernen wird.

Der Ablauf des Verhörs

So ein Verhör ist für den Autor Stress pur. „Verdammt, die machen meine Geschichte kaputt, warum wollen die so viel von mir wissen?“ Oft haben die anderen das Gefühl, dass der Autor – vor allem beim ersten Verhör – sehr unwillig reagiert und man ihm alles aus der Nase ziehen muss. Das sollte man nicht persönlich nehmen, diese Reaktion ist völlig normal. Der Bau einer Geschichte ist eben auch Knochenarbeit.

Natürlich dürfen auch die Autoren Fragen stellen. Es ist keine Schande, zu sagen, dass man nicht weiterkommt – und wenn es durch den Aufschrei der Autorin geschieht: „Ich brauche einen Höhepunkt. Gebt mir einen Höhepunkt!“

Einige Voraussetzungen müssen natürlich gegeben sein. Die Runde sollte nicht mehr als zehn Personen umfassen. Die Teilnehmer sollten einander vertrauen. Niedermachen gilt nicht. Hier werden chaotische Texte vorgestellt, von den Teilnehmern zerlegt, um die brauchbaren Teile zu finden, aus denen ein guter Text entstehen könnte.

Und man sollte sich Zeit lassen. Eine Stunde kann es dauern, vielleicht auch zwei pro Text. Am Anfang ist es für alle mühsam. Bald werden sie feststellen, dass es immer besser klappt, dass den Teilnehmern mehr Fragen einfallen, mehr Anregungen. Dem Autor wird es leichter fallen, zu sortieren: Was übernehme ich? Was passt in die Geschichte, die ich erzählen will? Was ist überhaupt die Geschichte, die ich erzählen will? – oft ist das der schwierigste Teil der Aufgabe.

Darum lohnt sich die gemeinsame Arbeit an Ideen.  Es kommt darauf an, aus der Scheiße des ersten Entwurfs Gold zu gewinnen. Deshalb bin ich ein Fan solcher Gruppen. Deshalb moderiere ich Workshops.

Literatur: Drei Seiten für ein Exposé
Zwölf Dinge, die jeder Autor über Exposés wissen sollte

Workshop: Exposé und Pitch

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3 Gedanken zu “Die Geschichte ausgraben

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