Regiokrimis – der Untergang des Abendlandes?

Wieder einmal steht er vor der Tür. Der Untergang der Literatur. Diesmal in Form von Regiokrimis, das böse R-Wort, das so gar nicht PC ist. Und Literaturredakteure warnen.

Literaturkritiker sind konservativ. Ultrakonservativ. Was der Kritiker nicht kennt, das liest er nicht. Und natürlich liest er keine Regiokrimis. Denn die sind die Bad Banks des Buchmarktes.  Erinnern Sie sich? Die Bad Banks haben die die Bankenkrise verursacht. Und die Regiokrimis? Sind der Grund für die Literaturkrise. Der Untergang der Literatur ist gewiss, gebietet man ihnen nicht Einhalt.

Und wieder lese ich, was schon gegen Fantasy, gegen Märchen, gegen Genrebücher von Kulturredakteuren ins Feld geführt wurde.

Okay, viele Regiokrimis nutzen Klischees. Aber auf der nach oben offenen Klischeeskala kann die Empörung gestandener Kritiker die Regiokrimis locker toppen.

Wissen Sie was?

Keiner dieser Literaten konnte mir bisher beantworten, warum der Regiokrimi so furchtbar, furchtbar gefährlich ist.

Verlage lieben es, Regiokrimis auf ihre Romane zu stempeln. Egal ob es um Serienmörder geht, um Landhauskrimis, in denen nette Leute andere nette Leute umbringen oder um den hardboiled Ermittler, der durch Posemuckel statt durch Los Angeles streift. Regiokrimis sind Nischenbelletristik. In Potsdam findet man keine über Freiburg und in Freiburg keine, die in Rostock spielen.

Ginge es nach den Redakteuren, dürfte ich nur die „seriösen“, die „literarischen“ Krimis lesen. Die von Friedrich Ani, Oliver Bottini oder Simone Buchholz. Ich gestehe, ich lese gerne Friedrich Ani, aber auch Sebastian Fitzek. Damit bin ich bei Literaten untendurch. Mich nehmen sie nicht mehr ernst.

Ein Blick in die Geschichte verrät, welche Autoren und Genres angeblich alle schon die seriöse Literatur gefährdet haben:

– Dashiell Hammett, Raymond Chandler und Krimis allgemein in den Fünfzigern

– Comics in den Sechzigern

– Michael Ende und Märchen in den Siebzigern

– Stephen King und Horror in den Achtzigern

– Harry Potter und die Fantasy zu Beginn des Jahrtausends

Allen wurde das Gleiche vorgeworfen: Eskapismus, fehlender Gesellschaftsbezug, nur aus Geldgier schnell heruntergeschrieben …

Nun ja: Ist der Ruf erst ruiniert, liest sich’s gänzlich ungeniert. Abwechslungsreiches Essen soll am gesündesten sein. Abwechslungsreiches Lesen ist es auch, finde ich.

Ich habe sogar Westernhefte gelesen. Damals lag meine Mutter im Sterben und in ihrem Heim gab es diese Hefte. Wenn die Realität genügend Probleme bietet, kann Eskapismus das Leben sehr, sehr erleichtern. Der Wilde Westen mit seinen Pistoleros, Siedlern und Indianern hat mich für kurze Zeit aus meinen Sorgen gerissen. Ich werde nie wieder ein böses Wort über Groschenhefte sagen.

„Das ist doch alles dasselbe“, lautet eines der beliebtesten Vorurteile über all diese bösen Hefte. Ja, es gab Hefte, die ich nach wenigen Seiten wieder weglegen musste. Da waren langweilige Cowboys drin, die langweilige Konflikte mit anderen langweiligen Cowboys ausfochten. Geschichten so vorhersehbar wie Nebel im November.

Und dann gab es die anderen, deren Autoren mich begeistert haben. Weil sie ihre Konflikte aus der Zeit und den Personen entwickelten.

Auch unter den Regiokrimis gibt es genügend schlecht geschriebene. Darunter welche, in denen die Straßennamen das einzig Regionale sind. So mancher Autor möchte Hannibal Lecter in Hintertupfingen wiederauferstehen lassen. Aber vergisst, dass es nicht die brutalen Morde waren, die Das Schweigen der Lämmer weltberühmt machten. Sondern die faszinierende Figur Hannibal „The Cannibal“.

Sagen Sie niemals einem Literaten, sein Buch sei ein Regiokrimi. Sie erhalten sofort eine vehemente Gegendarstellung des Autors. Kein Witz, ist mir tatsächlich passiert. Von einem erfolgreichen, angesehenem Autor, bei dem man eigentlich vermuten könnte, dass er wichtigeres zu tun hätte.

Kennen Sie die Ems? Nein? Dann sollten Sie den Regiokrimi Emsgrab  lesen. Nein, er ist nicht literarisch wertvoll, auch die Sprache wird seinem Autor keinen Preis einbringen. Aber er bettet seine Handlung in die Region ein. Die Ems wird nämlich ständig ausgebaggert. Weil dort riesige Kreuzfahrtschiffe fahren sollen.

Wollen Sie wissen, was es heißt, wenn man einen kleinen Fluss ständig ausbaggert? Emsgrab verrät es. Ein Beispiel für einen Regiokrimi, der keine literarischen Meriten hat, aber im Gedächtnis bleibt. Weil er eine Geschichte erzählt, die so, mit allen regionalen Problemen, nur an diesem Ort spielen kann.

Ähnlich Simone Buchholz. Erst hat sie bei Droemer Knaur veröffentlicht. Knaur hat Revolverheld mit Ein Hamburg Krimi untertitelt. Die nächsten Krimis bekamen dieses Label ebenfalls. Damit waren sie Regio und pfui.

Dann ist die Autorin mit der gleichen Ermittlerin und Blaue Nacht zu Suhrkamp gegangen. Suhrkamp ist Literatur, kann natürlich keine Regiokrimis veröffentlichen. Der Aufdruck Hamburg Krimi verschwand. Und siehe da, der Krimi wurde ernst genommen, konnte sogar ganz oben auf der Krimibestenliste erscheinen.

Waren die Hamburg-Krimis davor wirklich so schlecht? Ach was, damit hat die Autorin sich ihren Namen auf dem Buchmarkt erschrieben. Chandler und Hammett haben in Groschenheften ihr Handwerk gelernt. Wir brauchen die „bösen Bücher“. So, wie die Bundesliga die Kreisliga braucht.

Ach ja, an Auschwitz sind die Regios auch irgendwie beteiligt. Mancher scheut vor keinem Klischee zurück, wenn es darum geht, die Fahne der wahren Literatur hochzuhalten.

Die Liste der Vorwürfe umfasst noch viele weitere. Ich weiß nicht, woher diese Verbissenheit der Redakteure kommt. Ist das so was wie der Markenhype bei Jugendlichen? Es muss unbedingt Nike sein? Weil es nur um die Marke geht, nur darum, intelligent und gebildet zu erscheinen?

Das absurdeste Beispiel lieferte eine Kulturredakteurin, die Blaue Nacht besprechen musste. Und ein großes Problem hatte. Sie fand das Buch gut. Aber hatte die Autorin nicht Regiokrimis veröffentlicht? Dann kann sie nicht gut sein.
Wer suchet, der findet, wusste schon die Bibel. Die Redakteurin fand dann auch eine Lösung für den furchtbaren Konflikt. Und die ging so.

  1. Blaue Nacht ist ein gutes Buch
  2. Regiokrimis sind schlechte Bücher

Also schloss sie messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf und folglich Blaue Nacht kein Regiokrimi ist, denn es ist ja gut. In der Logik nennt man sowas einen Zirkelschluss, beliebt bei Leuten, denen die Argumente ausgegangen sind.

Trash und Hochliteratur haben sich immer gegenseitig befruchtet. Ohne den Literaten James Joyce sähe die Unterhaltungsliteratur heute anders aus und die Black Mask Hefte  und BatmanComics haben die Hochliteratur genauso verändert.

Die Klischees über Regiokrimis helfen niemandem. Sie sind so inhaltsleer wie die Spammails, die mir einen größeren Penis und Millionengewinne versprechen. Seit fünfzehn Jahren bedrohen die Regiokrimis die Krimiliteratur, seit noch mehr Jahren prophezeien Literaturredakteure den Untergang des Abendlandes durch Schmutz und Schund.

Also, liebe Redakteure, kriegt euch wieder ein: Beurteilt Bücher nicht danach, was der Verlag auf das Cover gedruckt hat und zu welchem Genre sie gehören. »You Can’t Judge a Book By the Cover«, sang Bo Didley 1962. Der Satz ist immer noch richtig.

 aus der Federwelt Dezember 2017

Links:

 _gohlis_ueber_regionalkrimis.625436.html

http://www.leda-verlag.de/resources/Herbst2013.pdf

www.boersenblatt.net/artikel-deutscher_krimi_preis_2017.1279090.html

http://krimiblog.blogspot.de/2016/06/die-telefonische-mordsberatung-der.html

www.culturmag.de/crimemag/markt-und-totschlag-2

www.culturmag.de/crimemag/markt-totschlag-der-regionalkrimi-continued/21907

www.tagesspiegel.de/kultur/regionalkrimis-jedem-kaff-sein-krimi/14470162.html

www.zeit.de/1963/33/kriminalroman-gestern-und-heute/komplettansicht

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Regiokrimis – der Untergang des Abendlandes?

3 Gedanken zu “Regiokrimis – der Untergang des Abendlandes?

  1. Manfred Rieken schreibt:

    Dem Artikel kann man grundsätzlich nicht widersprechen. Leider gibt es zu viele Regionalkrimis, die grottenschlecht geschrieben sind. Daher kommt wohl der schlechte Ruf.

    Gefällt mir

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