Friedrich Schiller erzählt über den Krieg in Irak und Syrien

Friedrich Schiller ist lange tot. Ab und zu quält er Schüler im Deutschunterricht, aber der coole neue Schriftsteller ist er nun wirklich nicht.

Und dann kam er nach Bagdad. Die Schriftstellerin und Regisseurin Astrid Vehstedt hatte Kontakt zu einer Gruppe Iraker gefunden, die in Bagdad einen Kulturinstitut aufbauen, das Bait Tarkib. Eine Woche traf man sich in Bagdad und studierte eine Aufführung ein. »Die Eroberung von Magdeburg« aus Schillers »Geschichte des dreißigjährigen Kriegs«.

Entstanden ist eine zehnminütige Aufführung, ein Film der Aufführung, dem man ansieht, dass er nicht mit professionellen Kameras, Schnitttechnik und all dem bearbeitet wurde, was wir heute von Filmen erwarten. Aber gerade dadurch wirkt der Film.

Denn plötzlich wird Schiller lebendig. Sein Text über die Kriegsgräuel im dreißigjährigen Krieg könnte genausogut die Gräuel aus Irak, Syrien und dem IS beschreiben. Die jungen Iraker hatten all das erlebt, was Schiller beschreibt. In jeder Familie gibt es Personen, die von Anschlägen getötet wurden, zwischen die Fronten gerieten oder sich verstecken mussten. Wie jener Geiger, der sich über ein Jahr in Mossul in einem Kellerloch lebte, nachdem der IS Mossul erobert hatte. Musiker gelten für radikale Islamisten als unislamisch, sind vom Glauben abgefallen und müssen getötet werden. Als er nach draußen kam, hielt er seine Hände der Sonne entgegen. Damit sie endlich wieder Licht fühlen konnten.

Der Dreißigjährige Krieg in Deutschland gleicht dem Krieg im Nahen Osten erschreckend. Religionskrieg einerseits, Großmächte, die sich einmischen und schon lange weiß niemand mehr genau, wer hier gegen wen und warum kämpft. Entfesselte Soldateska, die keine Hemmungen mehr kennt.

Wie in Magdeburg.

Eine Stadt, Bagdad, in der jeder nur möglichst schnell durch die Straßen eilt, weil es überall Gefahren gibt, jederzeit eine Bombe hochgehen kann. Eine Stadt, in der Astrid Vehstedt sich nur unter Begleitung eines Sicherheitsdiensts bewegen konnte. Zu groß die Gefahr von Entführungen und schlimmerem.

»Ich guck mir keine Nachrichten mehr an«, sagte einer der Schauspieler. Er halte das nicht mehr aus.

Eine Aufführung, die im Gedächtnis bleibt. Ein Text, der daran erinnert, dass Deutschland und der Irak viel näher sind, als mancher vermuten mag. Und ein toter Dichter, der plötzlich sehr, sehr lebendig ist.

Danke an Astrid Vehstedt, die in Blossin auf der VS Tagung darüber berichtet hat.

Links

Die Regisseurin Astrid Vehstedt:
http://www.astrid-vehstedt-neu.de

Links zu Bait Tarkib, dem Kulturinstitut in Bagdad:

https://www.democracyendowment.eu/we-support/tarkib-baghdad-contemporary-arts-institute-ngo/

https://www.youtube.com/watch?v=30jn_UL_41c&index=1&list=PLztQEPG2rHOTwcnoZ3wYatPKqfUPmkDRb&t=0s

Die Kunst des Erzählens, Bericht über den Workshop in Bagdad:

https://www.goethe.de/ins/iq/de/kul/mag/21138794.html

Mit den Augen von Inana: Lyrik und Kurzprosa zeitgenössischer Autorinnen aus dem Irak

PS: Im Moment läuft ein Antrag, um das Projekt fortzuführen. Wir können nur hoffen, dass er genehmigt wird. Der Film ist leider noch nicht im Netz zu sehen, weil auch dafür ein Antrag auf Förderung läuft.

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