Zwölf Dinge, die jeder Autor über Rückblenden wissen sollte

Was ist eine Rückblende (Flashback)

Eine Rückblende springt aus der aktuellen Erzählzeit zurück, um dem Leser eine Szene, Ereignisse oder Infos aus der Zeit vor der Erzählzeit zu vermitteln. Nach der Rückblende springt sie zurück in die Erzählzeit.

Es gibt auch die Möglichkeit, mehrere Erzählstränge in unterschiedlichen Zeiten ablaufen zu lassen und in verschiedenen Kapiteln diese Erzählstränge in unterschiedlichen Zeiten zu erzählen. Das sind aber keine Rückblenden.

Rückblenden als Infodump

Wenn mir Autorinnen oder Autoren Texte zuschicken, die auf den ersten Seiten Rückblenden enthalten, freue ich mich. Sie machen wenig Arbeit, ich muss sie nur streichen. In aller Regel wird der Text dadurch spannender.

Das hat seinen Grund. Textstellen, die den Leserinnen etwas erklären, langweilen schnell. Weil der Autor oder die Autorin sie eingefügt hat, um dem Leser etwas über die Vorgeschichte mitzuteilen. Passiert das auf den ersten Seiten, interessieren sich Leser nicht dafür. Noch kennen sie die Personen und den Konflikt nicht. Solche Rückblenden stören.

Machen Sie einen einfachen Test: Streichen Sie alle Rückblenden auf den ersten dreißig Seiten und drucken beide Fassungen aus, die mit und die ohne Rückblenden. Oft sehen Sie dann schon, welche Sie wirklich benötigen.

Oder zeigen Sie sie Freunden und fragen, welche Fassung ihnen besser gefällt.

Rückblenden dürfen nicht auffallen

Manchmal allerdings können Rückblenden auch nützlich sein. Ich habe in meinem Bücherregal in den Romanen bekannter Autorinnen und Autoren geblättert und war erstaunt, wie oft dort Rückblenden stehen.

Was unterscheidet diese Rückblenden von denen, die ich streiche?

Ganz einfach: Sie fallen nicht als Rückblenden auf.

Sehen Sie sich folgendes Beispiel am Romananfang an. Würden Sie es so stehen lassen? Oder überarbeiten?

Hauptkommissar Florian betrachtete die Leiche, der Kopf war halb abgeschnitten, die Zunge blau angelaufen, das T-Shirt zerrissen.
Der Hauptkommissar erinnerte sich an den Morgen. Sie hatten ihn angerufen, als er am Frühstückstisch gesessen hatte und gerade seiner Frau versprochen hatte, dass er heute Abend mit ihr ins Kino gehen würde. Wie immer hatte er sein Croissant mit Butter bestrichen und hatte den Kaffee ebenfalls wie jeden Morgen zur Hälfte mit heißer Milch gemischt. Er hatte sich die Aprikosenmarmelade seiner Schwiegermutter gegriffen und sie aufgedreht, was nicht einfach gewesen war, die Schwiegermutter sorgte immer dafür, dass die Verschlüsse der Marmelade, die sie jeden Sommer einkochte, stets fest zugemacht waren, damit die Marmelade nicht Schimmel ansetzen würde. Als er das Messer in die Marmelade getaucht hatte, klingelte das Telefon und er hatte geahnt, dass er heute kein Frühstück bekommen haben würde.

Der Kommissar seufzte und wandte sich erneut der Leiche zu.

 Dieses Beispiel vereint gleich mehrere häufige Fehler bei Rückblenden.

Ein bisschen zu früh ist auch daneben

Die Rückblende kommt viel zu früh, noch wissen wir gar nichts über den Hauptkommissar Florian und seine Schwiegermutter dürfte die Leser auch nur mäßig interessieren. Hier werden Informationen vermittelt, die an der Stelle für die Geschichte irrelevant sind.

Plusquamperfekt nur am Anfang und Schluss einer Rückblende

Außerdem erzählt die Rückblende im Plusquamperfekt. Die vielen »hatte« und »war gewesen« wirken holprig, obendrein erinnern sie den Leser ständig daran, dass wir uns nicht in der Erzählzeit befinden, sondern in einer Rückblende. Nicht gut.

Lassen Sie den ersten oder die ersten zwei Sätze im Plusquamperfekt. Danach weiß der Leser, dass sich die Erzählzeit geändert hat und sie können in der normalen Vergangenheit erzählen. Ihre Geschichte wirkt dann unmittelbarer.

Am Morgen hatten ihn die Kollegen angerufen. Er saß gerade am Frühstückstisch und wollte sein Croissant genießen …

Keine holprigen Überleitungen

Und »der Hauptkommissar erinnerte sich an den Morgen« ist auch nicht die eleganteste Form der Überleitung, sondern ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Leserschaft: Vorsicht, jetzt verlassen wir die eigentliche Geschichte.

Noch weniger geeignet sind Formulierungen wie: »Der Hauptkommissar rekapitulierte, wie …«

Rückblenden auflösen

Sie können Rückblenden auflösen, wenn Sie das, was in der Rückblende wichtig ist, in die Szene durch Handlung oder durch Dialog deutlich machen.

Hauptkommissar Florian betrachtete die Leiche, der Kopf war halb abgeschnitten, die Zunge blau angelaufen, das T-Shirt zerrissen. Sein Magen knurrte und erinnerte ihn daran, dass er vom Frühstückstisch zur Leiche gerufen worden war, als er gerade den ersten Bissen vom Croissant zu sich nehmen wollte.
Der Kommissar seufzte.

Hier springt der Text nur ganz kurz in die Vergangenheit. Dass es ein Rücksprung ist, fällt dem Leser gar nicht auf.

Keine Rückblende ohne Frage

Im ersten Beispiel lässt der Autor den Kommissar »sich erinnern«. Im zweiten knurrt der Magen. Der Halbsatz mit dem fehlenden Frühstück beantwortet die Frage, warum dem Kommissar der Magen knurrt.

Achten Sie darauf, dass Ihre Rückblende Fragen beantwortet, die sich aus der Geschichte ergeben. Und nicht dort steht, weil Sie als Autorin oder Autor dem Leser unbedingt etwas mitteilen wollen.

Nehmen wir ein zweites Beispiel für eine Rückblende ganz am Anfang eines Romans. Was finden Sie daran gelungen, was nicht gelungen. Wie könnten Sie diese Rückblende auflösen?

Hauptkommissar Florian radelte ihn strömendem Regen zum Präsidium.

Er fuhr immer Rad und während ihm das Wasser seine Schuhe durchnässte, die nicht durch das Regencape geschützt wurden, rekapitulierte er, warum er nicht mehr Auto fuhr.

Vor drei Jahren war mit seinem Sohn Karl im Auto zum Abschlussball der Tanzstunde gefahren. Er schaute den jungen Leuten zu und erinnerte sich an die eigene Jugend, die er in den letzten Jahren mit immer größer gewordener Nostalgie zu betrachten pflegte. Die Musik stimmte ihn traurig und deshalb gönnte er sich mehrere Gläser Sekt. Obwohl er wusste, dass er, wenn er mit dem Alkohol anfangen würde, schnell mit dem Trinken weitermachen würde. Das tat er immer. Eigentlich ahnte er schon lange, dass er ein Alkoholproblem hatte, aber schob diese Erkenntnis immer schnell beiseite.

Und als er sich hinter das Steuer seines Wagens setzte, hatte er alle Bedenken beiseite geschoben und war mit seinem Sohn losgefahren. Der schaute ihn fragend von der Seite an und er ignorierte den Blick.

Dann geschah es. In einer Kurve war Glatteis, der Wagen kam ins Rutschen und prallte gegen einen Baum. Sein Sohn hatte sich nicht angeschnallt, er hatte das auch nicht kontrolliert und nach drei Tagen im Koma starb Michael.

Seitdem fuhr Florian nur noch Fahrrad.

Wichtige Rückblenden häppchenweise erzählen

Die Rückblende im Beispiel 2 erzählt eine ganze Menge über den Helden der Geschichte. Sie erklärt alles, jetzt weiß jede Leserin und auch jeder Leser, dass der Kommissar seinen Sohn verloren hat, sich deswegen Vorwürfe macht und deswegen nicht mehr Auto fährt.

Die Rückblende beantwortet die Frage, warum der Kommissar durch den strömenden Regen radelt, statt mit dem Auto zu fahren. So weit, so gut. Weniger gut ist es, dass es alle Details beantwortet und keine Fragen offen lässt. Spannung entsteht nicht durch Wissen. Sondern durch offene Fragen. Der Tod des Sohnes ist einschneidend für den Kommissar.

Also erklären Sie nicht alles, sondern achten darauf, dass die Rückblende etwas über den Kommissar verrät, aber gleichzeitig neue Fragen aufwirft.

Hauptkommissar Florian radelte ihn strömendem Regen zum Präsidium. An dem Laternenpfahl schloss er sein Fahrrad an, seine Schuhe quietschten vor Nässe. Dann betrat er das Gebäude.

Sein Kollege Meier – mit trockenen Schuhen, die die Benutzung der Tiefgarage anzeigten – begrüßte ihn mit Kopfschütteln.

»Mensch, wann wirst du endlich begreifen, dass Fahrradfahren deinen Sohn auch nicht mehr lebendig macht?«, fragte er.

Florian antwortete nicht, sondern ging zum Aufzug und öffnete die Tür.

Dialog statt Rückblende

Hier wird die Information nicht durch eine Rückblende vermittelt, sondern durch den Dialog. Es wird nicht alles erzählt, aber genug angedeutet, dass der Leser weiß: Da war was.
Der Text liefert eine Antwort auf die Frage: Warum radelt er durch strömenden Regen und gleichzeitig wirft er eine neue Frage auf: Was war damals mit dem Sohn?

Vorteile einer Rückblende:

– Die Rückblende erzählt, warum eine Person so handelt, wie sie handelt, indem die Ereignisse der Vergangenheit erzählt werden, die sie geprägt haben.
– die Rückblende kann etwas über Geschichte und Hintergrund einer historischen Epoche oder eines Landes.
– die Rückblende kann ein Ereignis schildern, das dem Leser bisher aus Spannungsgründen vorenthalten wurde.

Nachteile

– die Rückblende bremst den Erzählfluss, weil sie statt voranzugehen, zurückgeht
– viele Rückblenden dienen dazu, dem Leser etwas zu erklären
– auf den ersten Seiten kennt der Leser die Figuren noch nicht, er fragt sich noch nicht, warum eine Person so geworden ist, wie sie ist.
Im nächsten Beitrag werde ich einige Beispiele von Rückblenden bekannten Autoren vorstellen – und warum und wie diese funktionieren.

Fortsetzung: Rückblenden – die Kür

Literatur: Sol Stein, über das Schreiben, Autorenhausverlag

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