Rückblenden, die Kür

Nach den Grundlagen möchte ich hier Beispiele erfolgreiche Autorinnen und Autoren vorstellen und zeigen, wie diese Rückblenden in ihre Texten eingebaut haben. Schauen wir uns erst mal eine Fassung an, die ich geschrieben habe.

Der tote Mann

Leigh betrieb ein kleines Restaurant in London, das er von seinen Eltern übernommen hatte. Jetzt war Feierabend und er sah sich um. Er blickte auf den Fußboden und erinnerte sich an die Ereignisse von vor fünf Tagen.

Damals war dieser Mann wieder gekommen. Er kam regelmäßig, das erste Mal vor zwei Jahren und wollte Geld von Leigh. Schutzgeld, das Leigh zahlen sollte. Leigh zahlte, als der Mann ihn an die Ereignisse im Chinarestaurant erinnerte. Die Beträge wurden größer und Leigh musste seinen Plan, ein zweites Restaurant zu eröffnen, begraben.

Vor fünf Tagen kam es zum Eklat. In einer Auseinandersetzung hatte er den Mann erschlagen und unter dem gerade renoviert werdenden Fußboden in Beton eingegossen und die Dielen darüber gelegt.
Seitdem war er ruhiger.

Diese Fassung ist ziemlich langweilig. Sie beginnt damit, dass Leigh sich umdreht und erinnert. »Sich umdrehen« sorgt nicht gerade für Spannung und »erinnern« ist auch nicht die eleganteste Form, eine Rückblende einzuleiten.

Noch gibt es auch gar keine Frage, warum eine Rückblende nötig ist. Und spannend ist die Erzählung in der Rückblende auch nicht. Doch auch den schlechtesten Text kann man verbessern. Wie hat Zoe Beck das gelöst?

Die Lieferantin

(c) Zoe Beck

»Leigh hatte schon fünf Tage nichts mehr von dem Mann unter seinem Fußboden gehört. Langsam glaubte er, sich entspannen zu können. Er hatte sich schon sehr lange nicht mehr entspannen können, was an diesem Mann lag. Besonders in den letzten Monaten war sein Leben durch ihn höchst unangenehm gewesen, und nun war Leigh ehrlich gesagt froh, dass sich dieser Zustand offenbar zum Besseren verändern würde. Auch wenn es die erste Zeit, nachdem der Mann unter seinen Fußboden geraten war, nicht danach ausgesehen hatte. Aber seit fünf Tagen war Ruhe. Endlich.

Morgens war Leigh der Erste in seinem Restaurant und nachts der Letzte. Unter seinen Eltern war es ein traditionelles englisches Pub gewesen.«

Welche Technik wird hier angewandt?

Die gleiche Geschichte wurde aus der Sicht von Leigh erzählt. Und statt etwas zu behaupten, hat die Autorin den Leser es erleben lassen. Sie schildert das, was Leight durch den Kopf geht. Und der spürt Erleichterung. Wegen des Manns unter dem Fußboden. Aber er überlegt nicht, wie der unter den Fußboden gekommen ist (das weiß er). Weswegen sich beim Lesen sofort die Frage stellt: Was hat es mit dem Mann auf sich?

Die Autorin springt hin und zurück. Die Zwiebelschalenmethode. Wie bei einer Zwiebel wird nach und nach die Vorgeschichte entblättert. Wir erfahren von dem Mann unter dem Fußboden, aber nicht, wie er dort hingekommen ist und was er dort macht.. Obwohl jede Leserin und jeder Leser so seine Verdachtsmomente haben dürfte.

Am Anfang springt die Autorin immer von der Erzählzeit in die Zeit vor fünf Tagen zurück. Deshalb der Wechsel zwischen Vergangenheit und Plusquamperfekt.

Dann kommt eine Rückblende in die Geschichte von Leighs Restaurant, das Erwähnung in Gourmet- und Reisemagazinen fand, als er es von den Eltern übernahm. Noch immer nichts über den Mann unter dem Fußboden, aber diese Frage hält uns bei der Stange.

Erst dann springt Zoe Beck wir zu dem Mann zurück.

»Sie haben es aber sehr schön hier«, hatte der Mann gesagt, damals, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Er trug einen dunklen Anzug, nicht besonders teuer, aber auch kein billiges Ding, dazu eine Aktentasche, unauffälliges Schwarz, ebenfalls nicht besonders teuer, aber auch nicht zu billig.

Die Rückblende springt in die Szene, als der Mann zum ersten Mal auftritt. Dann bleibt sie in dieser Erzählzeit, deshalb fährt der Text nach dem ersten Satz nicht im Plusquamperfekt fort.

Und ohne Rückblende?

Natürlich ließe sich die Geschichte ganz ohne Rückblende erzählen. Dann würde der Text mit dem ersten Auftreten des Mannes beginnen, fortfahren mit der Schutzgelderpressung und der Höhepunkt wäre die Szene, in der er unter dem Fußboden landet.

Ein klassischer Spannungsbogen.

Wäre das besser?

Beides wäre möglich. Der klassische Spannungsbogen würde sich für einen klassischen Krimi eignen oder für einen Actionthriller.

Doch »Die Lieferantin« ist weder das eine noch das andere. Zoe Beck entwickelt ihre Geschichte langsam und die Personen spielen die Hauptrolle. Hinzu kommt die Prise schwarzen Humors in ihrer Fassung. Humor, vor allem schwarzer, ist auch ein Spannungselement, das zum Weiterlesen verlocken kann.

Der Schakal

(C) Frederick Forsythe

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung eines französischen Oberstleutnants durch ein französisches Erschießungskommando Anfang der Sechziger. Erst nach der Szene steht, was der Grund für die Hinrichtung war. Die Hinrichtung diente der Abschreckung.

Mit der Hinrichtung des Offiziers als des Chefs eines organisierten Geheimbundes ehemaliger Armeeangehöriger, die dem Präsidenten der Republik nach dem Leben trachteten, sollte weiteren Anschlägen auf den Präsidenten ein Ende gemacht werden. Die Ironie des Schicksals wollte es jedoch, dass sie einen neuen Anfang setzte. Um aber davon zu berichten, muss zuvor erklärt werden, wie es dazu kam, dass an jenem frühen Märzmorgen im Hof des südöstlich von Paris gelegenem Militärgefängnis ein von Schüssen durchsiebter Leichnam in den Fesseln, die ihn an den Pfahl banden, zusammensank …
Und erst danach wird die Vorgeschichte erzählt und welche Ereignisse dazu führten, dass der Offizier zum Tode verurteilt wurde:
Die Sonne war endlich hinter die Mauern des Palastes gesunken und die länger werdenden Schatten, die jetzt über den Innenhof krochen, brachten eine willkommene Linderung. Am heißesten Tag des Jahres betrug die Temperatur in Paris um 19 Uhr noch dreiundzwanzig Grad Celsius. Überall in der vor Hitze verschmachtenden Stadt verstauten Familienväter ihre nörgelnden Ehefrauen und greinenden Kinder in Automobile und Zugabteile, um mit ihnen das Wochenende auf dem Land zu verbringen. Es war der 22. August 1962, der Tag, an dem der Präsident der Republik, Charles de Gaulle, auf Beschluss einer Handvoll Männer, die sich außerhalb der Stadtgrenzen bereithielten, sterben sollte.

Hier geht der Autor nach einer dramatischen Erschießung ruhig in die Rückblende über. Und jeder Leser merkt sofort, dass der Text etliche Jahrzehnte alt ist, aus einer Zeit stammt, als Männer in der Familie das Sagen hatten und Frauen nur noch das Quengeln übrig blieb.

Trotzdem ist die Stimmung im sommerlichen Paris gut und anschaulich beschrieben. Danach zieht der Autor wieder das Tempo an. Ein OAS Kommando führt einen Anschlag auf den französischen Präsidenten de Gaulle durch. Der scheitert. Der französische Geheimdienst kann den Anschlag aufklären, die Täter festnehmen und der Anführer, eben dieser Oberstleutnant, wird zum Tode durch Erschießen verurteilt. Der Offizier glaubt nicht, dass französische Soldaten auf ihn feuern werden.

Danach springt die Geschichte nochmals in eine Rückblende, schildert, wie die OAS (die Geheimorganisation der algerisch-französischen Armee) in Algerien einen Staatsstreich plante und warum dieser scheiterte.

Der Aufbau ist also: 1. die Hinrichtung, 2. eine kurze, ruhige Zwischenszene aus Paris und 3. der Beginn der Rückblende auf die Ereignisse des 22. Augusts.

Dann folgen die weiteren Ereignisse nach der Hinrichtung. Der Chef der OAS wird nach dem Todesurteil vom Geheimdienst aus Deutschland verschleppt. Die Kommandostrukturen der OAS sind durch Spitzel unterwandert, die Anhänger der OAS geben die Hoffnung auf.

Die Regierung glaubt, sie habe ihr Ziel erreicht.

Sein Stellvertreter übernimmt das Kommando. Und jetzt kommt eine Vorausdeutung am Schluss des ersten Kapitels.

»In einem kleinen Hotelzimmer in Österreich setzte sie eine Kette von Überlegungen und Aktionen in Gang, die General de Gaulle in größere Lebensgefahr bringen sollte, als je zuvor in seiner gesamten militärischen und politischen Laufbahn.«

Jede der Szenen und Abschnitte setzt mit der Beantwortung einer Frage ein und stellt am Ende eine neue Frage. Und die Frage am Ende des ersten Kapitels ist ein Cliffhanger. Welche größere Gefahr entsteht nach der Hinrichtung, als der französische Geheimdienst glaubt, er habe alles im Griff und die OAS zerschlagen?

Der Beginn des zweiten Kapitel beantwortet diese Frage. Der bisherige Stellvertreter wird neuer Chef der OAS. Er wird kurz in seinem neuem Amt vorgestellt. Politisch genauso verbohrt wie der Vorgänger, aber taktisch ein Genie.

Jetzt kommt wieder eine Rückblende. Die Karriere des Stellvertreters, der sich 1940 als junger Mann den freien Franzosen unter de Gaulle anschließt, im Zweiten Weltkrieg kämpft, im französischen Vietnamkrieg, im Algerienkrieg, ein glühender Anhänger de Gaulle.

Bis er erfährt, dass de Gaulle tatsächlich mit der algerischen Befreiungsbewegung FNL Verhandlungen aufgenommen hat und Algerien in die Unabhängigkeit entlassen will.

Jetzt hasst er de Gaulle. Und er wird sein Ziel nicht aufgeben, ihn umzubringen.

In diesem Romananfang erklärt uns der Autor nicht die Personen mit Hilfe der Rückblende. Die Rückblenden beantworten Fragen und sorgen selbst für Spannung.

Die Alternative

Auch hier könnte man die Geschichte chronologisch erzählen. Erst der Anschlag auf de Gaulle, dann die Hinrichtung, die Verfolgung der OAS durch den Geheimdienst, dann die Entführung des Chefs der OAS.

Das Balg, Rückblende

Der folgende Text ist in dem Stil geschrieben, in dem ich viele Rückblenden erhalte:

Tommy war vierzig, aber hasste seinen Vater immer noch. Und seine Tante. Der Vater war tot, die Tante nicht. Immer hielt sie ihm vor, dass er ein unausstehliches Kind gewesen war.

Tommy hatte sie schon oft darauf hingewiesen, dass er so oft eine Strafe abgekriegt hatte, wie niemand sonst. Sein Vater wollte ihm Disziplin beibringen, er haute ihm den Teller weg, bevor er einen Bissen essen konnte, wenn er sich seiner Meinung nach daneben benahm. Er hatte ihn hungern lassen, ließ ihn nichts essen, um sein Ziel zu erreichen, ihm Disziplin beizubringen. Tommy hatte ihn gehasst. Er hatte sich gewünscht, dass er tot wäre.

Sein Wunsch wurde ihm schließlich erfüllt.

Wie kann man diese Rückblende in die Gegenwart auflösen? Sol Stein weiß es, er hat in seinem Buch »Über das Schreiben« ein Kapitel Rückblende, das ich jedem empfehle, der mehr über Rückblenden wissen will.

Und dort sieht die gleiche Geschichte sehr viel interessanter aus und benötigt keine langweilige Rückblende mehr.

»Du warst ein unausstehliches Kind, Tommy, ein Balg im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Na hör mal, wenn du so oft deine Strafe abkriegst wie ich …«

»Dein alter Herr hat dir Disziplin beigebracht.«

»Indem er mir den Teller weggehauen hat, bevor ich einen Bissen essen konnte.«

»Er hat sein Ziel doch erreicht, oder nicht?«

»Er hat mich verhungern lassen. Was er erreicht hat, war, dass ich Hunger hatte und er mich nicht essen ließ. Ich habe ihn gehasst. Ich habe mir gewünscht, er wäre tot.«

»Dein Wunsch hat sich schließlich erfüllt, nicht?«

(C) Sol Stein, über das Schreiben, S 230

Was erfahren wir hier?

 

  1. Tommy hatte eine unglückliche Kindheit
    2. Die Tante ist der Meinung, dass es Tommys Schuld war
    3. Tommy wurde vom Vater mit Essensentzug bestraft
    5. Deshalb hasste er seinen Vater und wünschte ihm den Tod

Trotz all dieser Infos ist es kein Infodump und benötigt auch keine Rückblende, um dem Leser Infos zu vermitteln, von denen der Autor glaubt, der Leser müsse sie wissen.

Übung

Suchen Sie in ihrem Bücherschrank Bücher, die Sie sehr schätzen. Verwenden diese am Anfang Rückblenden? Falls ja, wie geschieht das.

Und sehen Sie sich dann Bücher, die Sie nicht so gut finden aus. Wie gehen diese mit Rückblenden um?

Zwölf Dinge, die jeder Autor über Rückblenden wissen sollte

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