Erzählperspektive, Distanz und Kameraeinstellung

Vier Kameraeinstellungen für Ihren Roman

In jedem Schreibratgeber finden sich die verschiedenen Perspektiven. Ich-Erzähler, Erzähler dritte Person, auktoriale Erzählung.

Vergessen wird oft die Distanz. Gerne wird das mit der Perspektive vermischt, die Ich-Perspektive wird als nah, der allwissende Erzähler als distanziert geschildert.

Aber stimmt das? Im Film gibt es die Kameraeinstellung, die die Distanz zu Personen und Ereignissen festlegt. Und diese Distanz ist auch bei Büchern wichtig. Wie beim Film können Sie die Totale wählen, die Halbtotale, die Nähe und ganz nah. Und zwar unabhängig von der gewählten Erzählperspektive.

Legolas erreicht die Bergkuppe und sieht die lang gesuchte Goldene Stadt unten im Tal, den Fluss, die Boote, die darauf fahren, die Felder, die gerade abgeerntet werden, die Ochsenkarren, die zum Markt durch die Stadttore fahren, die Kathedrale, deren Turm aus dem Häusermeer hervorragt, die Berge im Hintergrund, von denen einige verschneit sind.

Kameraeinstellung: Totale. Große Distanz.

Legolas steigt von der Bergkuppe hinab ins Tal, glücklich, dass er sein Ziel erreicht hat. Der Weg wird zu einem Hohlweg, zu beiden Seiten geht es steil bergauf. Von der Goldenen Stadt ist nichts mehr zu sehen.

Kamera: Halbtotale. Die Distanz ist geringer.

Als er um eine Ecke biegt, bricht ein Büffel aus dem Wald. Eine massige Gestalt, er scharrt mit den Hufen, kleine rote Augen starren ihn böse an.

Kamera und Distanz: Nah.

Das Tier stürmt auf ihn zu, er sieht nur noch die spitzen Hörner.

Kamera und Distanz: Ganz nah (Tunnelblick)

Die Kamera ist jetzt ganz nah, Legolas hat den Tunnelblick, nimmt nur noch die spitzen Hörner wahr.

In allen vier Beispielen bleibt die Erzählperspektive gleich. Personale dritte Person. Die Kameraeinstellung und die Distanz ändern sich aber, von Totale über Halbtotale zu Nah. Diese Kameraeinstellungen sind unabhängig von der Erzählperspektive. Auch ein Ich-Erzähler kann die Totale nutzen, auch ein allwissender Erzähler die Naheinstellung.

Wenn Sie die obigen Beispiele als Ich-Erzählung schreiben, können Sie trotzdem die gleichen Kameraeinstellungen verwenden. Und auch ein allwissender Erzähler kann die Kamera ganz nah auf die Hörner des Stiers zoomen lassen.

Ändern Sie einmal obige Beispiele in eine Ich-Perspektive. Dann in die eines allwissenden Erzählers.

Unterschied zwischen Erzählperspektive und Kameraeinstellung

Unten in der Hütte neben dem Tempel saß Balrog und wartete seit vier Wochen auf Legolas‘ Ankunft. Seine Arthritis plagte ihn.

Passt das zu obigen Beispielen? Von der Kameraeinstellung her geht es. Aber was ist mit der Erzählperspektive? Die Beispiele sind personale dritte Person, der Leser sieht durch Legolas Augen. Unmöglich kann aber Legolas durch die Wände der Hütte sehen.

Womit wir bei einem wichtigen Unterschied zwischen Erzählperspektive und Kameraeinstellung wären. Die Erzählperspektive sollte sich während eines Kapitels oder einer Szene nicht ändern. In der Regel wird ein Roman in einer Erzählperspektive geschrieben, eine Erzählhaltung durchgehalten.

Ganz anders die Kameraeinstellung. Ein Roman, der durchgängig in der Totale erzählt, würde den Leser genauso langweilen, wie ein Film mit nur einer Kameraeinstellung.

Gibt es eine Möglichkeit, obigen Balrog doch noch in den Text zu integrieren, ohne die Erzählperspektive zu wechseln?

Ja.

Wenn Legolas zu Beginn seiner Reise erfahren hätte: In der Hütte neben dem Tempel wartet der alte, arthritische Balrog auf dich. Beeil dich. Dann wäre der Balrog Absatz ein Bild aus Legolas Vorstellung, geistiges Tele sozusagen.

Oder der ganze Text wird von einem allwissenden Erzähler erzählt, der alles weiß und natürlich auch, wie sehr Balrog seine Arthritis schmerzt. Schließlich hat der sein ganzes Leben in den Minen von Moria verbracht.

Nehmen Sie einen Absatz aus Ihren Texten und schreiben sie ihn erst in Totale, dann in Halbtotale, dann Nah, ganz nah. Was ändert sich dabei? Wie wirken die verschiedenen Kameraeinstellungen?

Wechsel der Einstellung

Sie können eine ganze Szene in der Totalen erzählen, aber in der Regel wird die Szene dann nicht mehr spannend sein.

Ich muss das wissen, es ist einer meiner häufigsten Fehler. Die Folge: Alles klingt distanziert, zwar kann der Leser alles miterleben, aber es interessiert ihn wenig. Er schaut auf die Szene, wie ein Wissenschaftler auf einen Ameisenhaufen. Was kümmert ihn schon die einzelne Ameise? Aber durch diese Distanz kann er natürlich auch Gesetzmäßigkeiten erkennen.

Doch Geschichten sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sie handeln grade von Einzelschicksalen, lassen den Leser mit einer Person mitkämpfen, mitlieben, mitschwitzen. In der Regel ändert sich die Distanz während einer Szene. Meist beginnen Szenen mit der Totalen, damit der Leser weiß, wo er ist, gehen in die Halbtotale über, um dann beim Höhepunkt in der Naheinstellung zu enden.

Welche Kameraeinstellung benutzen Sie am häufigsten? Nehmen Sie einen längeren Text aus einem Buch und schreiben Sie neben die Absätze „T“, „H“ oder „N“ je nachdem, welche Kameraeinstellung verwandt wird, wie groß die Distanz zu den Ereignissen ist.

Spannungsbogen

Was uns auf einen weiteren Punkt bringt. Die Spannung in einem Roman wie auch in einer Szene sollte einen Bogen bilden, sie sollte sich langsam aufbauen, den Höhepunkt erreichen und dann auslaufen. Je näher dieser Höhepunkt kommt, desto näher kommt auch die Kamera, desto enger wird der Winkel, desto mehr wird die Romanfigur den „Tunnelblick“ bekommen, nur noch das wahrnehmen, was wichtig ist.

Vielleicht erreicht der Held die Bergkuppe, sieht die langgesuchte Goldene Stadt vor sich, betrachtet die Landschaft und die Stadt, geht langsam den Weg hinab, nimmt immer noch viel wahr, aber nicht mehr alles, da ist ein Hohlweg, der die Sicht einschränkt und ein Räuber springt hinter einem Baum hervor. Wenn der Autor alles in der Totale schildert, wird es nicht spannend.

Deshalb sollte man alle Möglichkeiten beherrschen.

Die Kameraeinstellung hat viel mit dem Spannungsbogen zu tun, der Höhepunkt ist oft mit einer Nahaufnahme verbunden. Das können Sie auch nutzen, um den Leser irrezuführen.

Angeregtes Gespräch am Kamin in der Bibliothek von Schloss Wolfenweiler (Kamera: Totale). Lord Voldemort erzählt Aragorn von seinem Verdacht, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehe (Halbtotale). Leises Quietschen, die Klinke der Tür senkt sich langsam, ganz langsam (Nah). Jeder erwartet, dass jetzt Graf Dracula auftritt.

„Wünschen die Herrschaften den Tee hier oder im Salon?“, klingt die Stimme des alten, treuen Werwolfs, der schon den Großvater Lord Voldemorts bedient hat.

Noch etwas können Sie mit Kameraeinstellung erreichen: Sie zeigen nur ein Detail und vermitteln damit dem Leser das ganze Bild. In Hitchcocks Psycho sieht der Leser nur das Messer und dann die blutige Hand, die die Fliesen entlang rutscht und doch ist es eine der spannendsten Szenen, die ich kenne. Mit der Nahaufnahme (Tunnelblick!) zeigen Sie immer nur ein Ausschnitt des Ganzen und überlassen den Rest der Phantasie des Lesers. Pars pro Toto.

Warum Perspektive und Distanz oft verwechselt wird

Wenn Sie noch kein abgebrühter Bestsellerautor sind, werden sie bei der Ich-Perspektive automatisch näher an Personen und Ereignisse zoomen. Und beim allwisssenden Erzähler eine große Distanz wählen.

Das passiert jedem und jeder Lektor kennt diesen Effekt. Wenn Sie in Ihren Texten zu distanziert schreiben, lohnt es sich, einmal in die Ich-Perspektive zu wechseln, um näher an die Personen heranzukommen. Umschreiben können Sie die Perspektive später immer noch. Aber Sie haben dann eine andere Distanz im Text gewonnen.
Übrigens gibt es für die Kameraeinstellung noch ein paar weitere Möglichkeiten, zum Beispiel Froschperspektive oder Vogelperspektive. Beides gehört zur Kameraeinstellung und hat mit der Erzählperspektive nichts zu tun. Spielen Sie einfach mal mit Distanz, Kameraeinstellung und Ihrer Erzählperspektive.

Mehr zu den Erzählperspektiven finden Sie hier:
https://hproentgen.wordpress.com/2017/04/23/alles-was-autoren-ueber-perspektiven-wissen-muessen/

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