Was dem Lektorat auffällt: Genreerwartungen

Anatomie eines Mörder

Der Hackklotz blutete. Mitten im Roten steckte die Axt, Schneide und Schaft blutverspritzt. Entsetzt starrte er in sein Rechenheft. Über seine Hausaufgabe ergoss sich ein roter Fluss.

Verboten! Verboten“, kreischte die Mutter, dann lachte sie schrill.

Er fuhr herum. Niemand war da und die Tür zu seinem Kinderzimmer war geschlossen. Das passierte ihm öfter, denn die Stimmen in ihm waren mächtig. So war das auch, wenn das Brennen in seiner Brust zu stark wurde. Dann fuhr es in seine Finger und er kritzelte wie besessen diese Bilder aus seinem Kopf. Das Entsetzlichste sah man nicht, denn in ihm klaffte ein Loch. Ein schreckliches Loch, aus dem alles quoll, was an ihm falsch war.

Feuer und Blut, Feuer und Blut.

Mit bebenden Händen trennte er das Blatt vom Heftfaden und verbarg das böse Bild im Müll, unter einer Schicht Asche.

Deal, hatte Bella, seine neue Tischnachbarin, gesagt. Der Deal war, dass sie ihn auf der Farm besuchen durfte. Am Nachmittag. Die Mutter hatte es erlaubt, obwohl sie Fremde auf dem Hof hasste.

Bella ist meine Freundin, hatte er behauptet. In Wahrheit kannte er die Neue erst heute Morgen. Sie war von der Lehrerin der Klasse vorgestellt und aufgefordert worden, sich einen Platz zu suchen. Den hämischen Bemerkungen seiner Mitschüler zum Trotz hatte sich Bella neben ihn gesetzt.

In der Pause war sie ihm nachgeschlichen. So war es zu dem Deal gekommen: Er hatte die Hälfte ihres Salamibrotes bekommen, dafür durfte ihn Bella auf der Farm besuchen.

Er hatte nicht gewagt, nein zu sagen. Jetzt schwankte er zwischen Angst und zittriger Aufregung. Außer den Roten, seinen Kater hatte er keine Freunde. Seine Mutter wäre eine Hexe, behaupteten die Kinder aus seiner Klasse, und auch er wäre krank im Kopf. Deshalb war jeder Tag, an dem er nicht verprügelt wurde, ein guter Tag. Doch davon gab es wenige.

Wahrscheinlich kam Bella gar nicht.

Doch er irrte sich.

Pünktlich bog Bella auf einem rostigen, zu großen Fahrrad auf den Hof ein. Seine Mutter hatte Kuchen gebacken. Bella krümelte keine Schokolade auf den sauber geschruppten Tisch und schlürfte nicht.

Du weißt, wie man sich benimmt“, sagte die Mutter und es klang anerkennend.

Alles ging gut, bis sich Bella, ohne zu fragen, ein zweites Kuchenstück nahm. Noch dazu ein besonders großes. Eisige Finger fuhren seinen Rücken hinunter und seine Nackenhaut zog sich zusammen. Wusste Bella denn nicht, dass Gier Sünde war? Seine Mutter saß kerzengerade da. Bald würden aus ihrem Mund Worte wie Schlangen herauszischen, Litaneien von Reue und Buße. Die Mutter presste die Lippen zusammen, bis sie einem harten Strich glichen, doch sie schwieg.

Nach dem Kuchen wollte Bella alles sehen, sogar den Bretterverschlag für die Hühner. Fasziniert von diesem seltsamen Mädchen achtete er nicht darauf, dass Bella das Tor zum Gehege offenließ. Die Hühner flatterten so eilig durch das geöffnete Gatter, als hätten sie nur auf diesen Augenblick gewartet.

Die Mutter würde sich schrecklich aufregen. Sie würde ihn und Bella in den Keller zerren oder zum … Nein, das nicht! Das nicht!

Die Hühner! Wir müssen die Hühner fangen“, schluchzte er und hasste sich für die Tränen, die ihm über die Wangen liefen.

Unter das aufgeregte Gackern der Hennen mischte sich das Geschrei des Hahns.

Seid leise, bitte, bitte.“

Er starrte zum Haupthaus hinüber. Alles blieb ruhig, vielleicht war die Mutter auf dem Feld.

Er rannte einer braunen Henne hinterher. Sie plusterte ihre Unterfedern auf und es kam ihm vor, als würde sie ihn auslachen, dann verschwand sie gackernd unter einem Leiterwagen.

Ich hab eine.“ Bella stand keuchend vor ihm, eine der Schwarzen an ihre Brust gepresst.

Es sind zwölf“, wimmerte er. „Zwölf!“

Heul nicht“, sagte sie streng, dann rannte sie mit der Henne zum Gehege und warf die Schwarze über den Zaun.

Dass Bella so wenig Angst hatte, beruhigte ihn ein wenig. „Das Gatter!“, rief er ihr nach.

Ich bin nicht blöd!“ Bella zeigte ihm einen Vogel, verschloss das Tor und versuchte eine der Gefleckten Richtung Gehege zu scheuchen.

Die heilige Mutter Gottes half zur Mutter, doch der Herr Jesus war ein Junge. Vielleicht half er zu ihm. Wie Bella. Seine neue Freundin verschwand auf der Jagd nach der Gefleckten hinter der Scheune.

Er kroch unter den Leiterwagen. Die Braune kauerte mit eingezogenem Kopf neben einer gebrochenen Speiche, er packte sie mit beiden Händen und zog sie zu sich.

Eine harte Hand hielt sein Bein fest. Die Mutter! Der Herr Jesus hatte nicht geholfen. Unsanft zerrte ihn die Mutter unter dem Leiterwagen hervor.

Steh auf“, sagte sie und ihre leise Stimme ließ ihn erstarren.

Wer schreit, hat unrecht“, behauptete die Mutter. Sie meinte damit meistens den Vater, der oft brüllte und immer im Unrecht war.

Seine Augen brannten, doch er würde nicht weinen. Weinen war schlimmer als schreien. Es war Feigheit vor dem Herrn und der Heiligen Jungfrau Maria.

Er stand auf. Der Schlag auf seine Wange riss ihn fast von den Beinen. Noch immer umklammerte er die Henne. Auch kein Schluchzen. Schluchzen war Schwäche. Herr Jesus war von bösem Pack ans Kreuz genagelt worden und hatte keine Träne vergossen. Er würgte an dem Kloß in seinem Hals und schluckte hart. Es tat weh, da sein Hals furchtbar eng war.

Gib mir das Vieh!“, befahl die Mutter.

Doch es ging nicht, er konnte nicht loslassen. Im Gegenteil, er drückte die Braune so fest gegen seine Brust, dass sie nicht einmal mehr zappelte.

Seine Mutter packte die Henne am Hals und entriss sie ihm. Es knackste. Die Braune öffnete den Schnabel und ihre Augen glotzten schrecklich tot.

Steif wie ein Stück Holz stand er da und starrte auf die Henne, die zuerst noch zappelte und dann schlaff in der Hand der Mutter hing. Die Braune war tot.

Seine Schuld, seine Schuld.

Die Knie schlotterten ihm und schlugen aneinander. Die Mutter hatte den Blick. Grausame, blaue Augen aus Eis. Hexenblick, flüsterten die Stimmen seiner Mitschüler in seinem Kopf.

Ich wollte sie nicht umbringen! Ich schwör’s!“

Sie stieß ihn gegen die Brust und er taumelte gegen den Leiterwagen.

Wer hat die Hühner rausgelassen?“, zischte sie.

Es war ihre Schlangenstimme.

Ich, wollte er sagen, doch es kam kein Ton aus seinem Mund. Er ballte die Fäuste. „Ich“, krächzte er.

Lüg nicht!“

Der Schlag gegen seinen Kopf warf ihn zu Boden.

Benommen schüttelte er den Kopf. Sie hatte mit der Faust zugeschlagen. Das passierte nicht oft. Wegen der Flecken und der Schule.

Wer?“ Ihre Stimme schnitt seinen Kopf in Scheiben.

Es gab keinen anderen Besuch als Bella, doch sie würde keine Ruhe geben, bis er es sagte. „Bella“, schluchzte er. „Bella.“

Die Mutter packte ihn an den Haaren und zog ihn hoch. „Sag, dass ich sie nie mehr hier sehen will. Sonst …“, und das sagte sie ganz leise, „kommt sie auf den Hackklotz.“

Nicht Bella! Nicht Bella, schrie es in ihm.

Rotes Blut. Schwarzes Blut. Es rann vom Hackklotz über den Boden, bis zu …

Lektorat

Ein Junge sieht rot, hört Stimmen und lebt mit einer übergriffigen Mutter zusammen, die unter religiösen Wahnvorstellungen leidet. Wie immer die Frage: Ist es spannend?

Ganz sicher. Allerdings nicht für alle Leser. Bei einer Diskussion des Textes im Berliner Lektorat sagte die Hälfte der Anwesenden: „Ich würde nicht weiterlesen, das ist mir zu viel Horror.“ Würde der Text ab der Stelle beginnen, wo Bella auftaucht, würden sie auf jeden Fall weiterlesen.

Genre und Lesererwartungen

Nicht jeder Leser, nicht jede Leserin liest alles. Gerade Horror ist für viele nicht ertragbar, andere lesen gerne solche Geschichten.

Und hier haben wir einen ersten Teil, der sichtlich Horror ist. Und einen zweiten, der eine bedrückende Familienszene beschreibt, aber nicht im Horrorgenre. Wenn Sie mit dem ersten Teil beginnen, werden Sie die Leser abschrecken, die keinen Horror lesen wollen oder können. Wenn Sie eine Horrorgeschichte schreiben wollen, ist das nicht weiter schlimm. Dann ist die Geschichte ja für Leser von Horror gedacht, und es ist nur folgerichtig, wenn andere Leser sie nicht lesen.

Allerdings könnte die Geschichte auch für Leser von Familiengeschichten interessant sein. Denn der zweite Teil mit Bella ist zwar heftig, aber kein Horror.

Fazit: In solchen Fällen gibt es kein richtig oder falsch. Der Autor muss entscheiden, was er erzählen will. Eine Horrorgeschichte? Dann sollte der Anfang stehenbleiben. Eine bedrückende Familiengeschichte? Dann würde ich mit Bella beginnen.

In beiden Fällen wird der Leser auf die Geschichte eingestimmt und darauf, was ihn erwartet.

Namen nennen

Wir erfahren am Anfang nicht den Namen des Jungen. Wenn es sich nicht um einen distanzierten, literarischen Text handelt, ist es gut, den Namen einzuführen. Denn damit identifiziert sich der Leser leichter mit der Person. Vielleicht so:

Der Hackklotz blutete. Mitten im Roten steckte die Axt, Schneide und Schaft blutverspritzt. Entsetzt starrte Werner in sein Rechenheft. Über seine Hausaufgabe ergoss sich ein roter Fluss.

Im weiteren Verlauf können Sie „er“ oder „sie“ sagen. Eine allzu häufig wiederholte Namensnennung stört nur beim Lesen. Das erlebe ich bei vielen Texten, die den Namen in jedem zweiten Satz wiederholen.

Nennen müssen Sie ihn, wenn Verwechslungsgefahr besteht oder gar ein „er“ sich auf eine andere Person beziehen würde.

Wer schreit, hat unrecht“, behauptete die Mutter. Sie meinte damit meistens den Vater, der oft brüllte und immer im Unrecht war.

Seine Augen brannten, doch er würde nicht weinen. Weinen war schlimmer als schreien.

Wessen Augen brennen? Die des Vaters oder die des Jungen? Natürlich sind die des Jungen gemeint, das ergibt sich aus dem Zusammenhang. Doch um der Lesbarkeit willen wäre es gut, hier „Werners Augen“ zu schreiben. Ein weiterer Grund, warum der Name möglichst früh eingeführt werden sollte.

Wie baut die Geschichte Spannung auf?

Indem sie „Show, don’t tell“ beachtet, keine Behauptungen des Autors aufstellt, sondern dem Leser die Dinge anhand der Handlung zeigt. Zeigen, nicht behaupten.

Sie besteht nicht aus Aussagen des Autors im Stile von:

Werners Mutter war eine fanatische Christin, die ihren Sohn mit Körperstrafen bedachte, den Glauben als Erziehungsmittel benutzte und dem Jungen einbläute, dass er wertlos sei.

Stattdessen lässt die Geschichte den Leser das selbst schlussfolgern.

Alles ging gut, bis sich Bella, ohne zu fragen, ein zweites Kuchenstück nahm. Noch dazu ein besonders großes. Eisige Finger fuhren seinen Rücken hinunter und seine Nackenhaut zog sich zusammen. Wusste Bella denn nicht, dass Gier Sünde war? Seine Mutter saß kerzengerade da. Bald würden aus ihrem Mund Worte wie Schlangen herauszischen, Litaneien von Reue und Buße. Die Mutter presste die Lippen zusammen, bis sie einem harten Strich glichen, doch sie schwieg.

So lässt der Text dem Leser die Freiheit, selbst Rückschlüsse zu ziehen, statt ihm vorzuschreiben, wie er die Szene zu interpretieren hat.

Handlung statt Statik

Viele Prologe, die ich erhalte, sind statisch. Der Autor teilt uns etwas mit, aber es geschieht nichts.

Aber Geschichten leben davon, dass etwas passiert. Das muss nichts Großartiges sein, aber es sollte etwas sein. Hier sind das die Hühner-Szene und die Szene am Tisch, als Bella zum zweiten Kuchenstück greift und das bei dem Jungen Panik auslöst, denn er weiß: Für seine Mutter ist das Gier und absolut verwerflich.

Und der Autor lässt dem Jungen die Freiheit. Er schreibt die Gedanken auf, die der Junge in dieser Situation hat. Er folgt ihm, kommentiert nicht, interpretiert nicht. Er bleibt in der persönlichen Perspektive des Jungen.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für die Kolumne „Was dem Lektorat auffällt“ vorschlagen.

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Was dem Lektorat auffällt: Genreerwartungen

Ein Gedanke zu “Was dem Lektorat auffällt: Genreerwartungen

  1. Ingrid J. Poljak schreibt:

    >Außer den Roten, seinen Kater hatte er keine Freunde.<
    Ich würde stattdessen vorschlagen: Außer dem Roten, seinem Kater, hatte er keine Freunde.
    LG

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