Ich möchte, dass die Leser Spaß am Text haben

Julia Hanauer hat als Lektorin für die Fischer Schatzinsel gearbeitet und lektoriert heute freiberuflich Kinder- und Jugendbücher.

Hans Peter Roentgen: Du lektorierst Kinder- und Jugendbücher. Arbeitest du auch für andere Genres? Und was machst du in so einem Lektorat?

Julia Hanauer: Ich lektoriere ausschließlich Kinder- und Jugendbücher, das ist mein Fachgebiet. Aber auch innerhalb dieses Fachgebietes gibt es verschiedene Genres: Bilderbücher, Krimis, Liebesgeschichten, Sachbücher … Mein Lektorat zielt immer darauf ab, dass die Leser Spaß am jeweiligen Text haben. Ich tue alles, was nötig ist, um das zu erreichen.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines solchen Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

JH: Ich lese zunächst dein Exposé und schaue, ob es einen ordentlichen Handlungsverlauf, einen guten Spannungsbogen gibt. Sind die Figuren glaubwürdig und sympathisch, eignet sich der Protagonist als Identifikationsfigur? Sind Sprache und Inhalt der Zielgruppe angemessen? Wenn alles passt, drucke ich mir den Text aus und mache einen ersten Lektoratsdurchgang mit dem Bleistift. Dann gebe ich meine Korrekturen, Änderungsvorschläge und Kommentare in die Datei ein – im Modus „Korrekturen verfolgen“. Anschließend nehme ich in einer weiteren Datei alle Korrekturen an und prüfe, ob mir der lektorierte Text gefällt. Wenn ja, schicke ich dir beide Dateien und bitte dich, alle Korrekturen anzunehmen, mit denen du einverstanden bist – und über die anderen reden wir. Am Ende haben wir einen Text, der uns beiden gefällt und der Zielgruppe auch.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

JH: Ich lektoriere rund ums Kinder- oder Jugendbuch alles. Auch Exposés und Klappentexte und auch mal eine Vita oder ein Verlagsanschreiben. Bei längeren Texten mache ich immer erst ein Probelektorat, damit der Kunde sehen kann, was er im restlichen Text eventuell noch selbst verbessern kann – und auch, damit er meine Arbeitsweise kennenlernt.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

JH: Oftmals haben Autoren, die neu im Kinderbuchbereich sind, ihre Zielgruppe nicht klar vor Augen – dann stimmen häufig Inhalt und Sprache nicht überein.

Meist sind auch die Dialoge nicht umgangssprachlich genug, sondern eher steif und hölzern, die Sprache passt nicht zur Person.

Immer wieder schreibe ich auch an den Rand „Show don’t tell!“ Die Gefühle dürfen nicht erzählt werden, sie müssen spürbar gemacht werden, damit der Leser sie mitfühlen kann – im Bauch, in den Füßen, im Herzen.

HPR: Bietest du auch Coaching an?

JH: Da ich mich am liebsten mit sprachlichen Details, dem Klang eines Textes und dem Lesefluss beschäftige, arbeite ich gerne an Texten, die schon eine gewisse Qualität aufweisen. Wenn ich merke, dass ein Autor sich noch nie mit Dramaturgie, Figurenentwicklung und Dialogführung beschäftigt hat, dann gebe ich ihm dazu gerne ein paar Hinweise, mache eine Erstberatung. Aber Coaching biete ich eigentlich nicht an.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

JH: Es gibt viele Kunden, die alle oder fast alle Änderungen übernehmen – aber es gibt natürlich auch welche, die das nicht wollen und ich erwarte das selbstverständlich auch nicht. Der Autor ist der Künstler, es ist sein Buch, er entscheidet. Eventuell muss er aber dann damit leben, dass ich als Lektorin nicht im Impressum genannt werden will …

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

JH: Ich mag Buchstaben, mit Zahlen hab ich’s nicht so. Aber da ich meist gute Gründe für meine Änderungsvorschläge haben, werden diese auch größtenteils angenommen.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

JH: Dann erkläre ich ihm noch einmal, wo ich das Problem sehe – lenke sein Augenmerk weg von sich selbst, hin zum jungen Leser. Denn für den soll der Text ja sein.

Aber ich beharre nicht auf meinen Änderungen. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, ein Lektorat ist ja etwas sehr Subjektives.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

JH: Nein, das ist noch nie passiert. Aber es gibt Texte (oder auch Kunden), die mag ich vom Ton her nicht – da lehne ich den Auftrag dann von Anfang an ab. Manche Kunden entscheiden sich vielleicht nach dem Probelektorat lieber für eine andere Lektorin, das ist absolut okay. Bei einem Lektorat muss es schon passen zwischen Autor und Lektor.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

JH: Ich bekomme tatsächlich viele Texte, die (noch) nicht das Niveau für ein Lektorat haben, wo deutlich zu spüren ist, dass dem Autor einfach das Handwerkszeug fehlt. Dann sage ich das ehrlich und weise ihn darauf hin, wo die Schwächen liegen. Ich bin dabei oft sehr direkt, aber die Kunden sind fast alle sehr dankbar für diese offene Rückmeldung.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

JH: Ich möchte, dass die Leser Spaß bei der Lektüre haben. Die Geschichte muss in irgendeiner Form spannend sein. Es braucht greifbare, runde Figuren und authentische Dialoge. Ich achte auf eine der Zielgruppe angemessene Sprache, den Stil, den Lesefluss und natürlich auch auf Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung. Wobei Letzteres nicht mein Schwerpunkt ist – ein ordentliches Korrektorat sollte nach einem Lektorat immer noch erfolgen.

HPR: Kannst du das an einem Beispiel ausführen?

JH: Ich achte zum Beispiel darauf, dass nicht alle Sätze gleich aufgebaut sind, streiche Wortwiederholungen, prüfe, ob Fremdwörter sich aus dem Zusammenhang erschließen lassen. Wenn eine Figur auf der ersten Seite als schüchtern beschrieben wird, aber drei Seiten weiter jemanden anschnauzt – dann mache ich einen Kommentar dazu. Ich streiche auch Sätze wie „Er war nervös und unsicher.“ oder „Sie war unglaublich glücklich.“ Da kommt nix rüber. Der Autor muss mit körperlichen Empfindungen, mit Mimik und Gestik arbeiten. Wie fühlt sich die Nervosität oder das Glück im Körper an? Kaut der Nervöse an den Nägeln oder wippt mit den Füßen? Jubelt die Glückliche laut, springt sie in die Luft? Die Leser brauchen Bilder!

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

JH: Da ich selbst gerne die ungefähren Preise kenne, bevor ich eine Dienstleistung anfrage, gebe ich auf meiner Webseite Preise an. Für eine Normseite liegt der Preis meist zwischen 8 und 10 Euro, je nach Qualität des Textes. Manchmal rechne ich auch nach Arbeitsstunden ab oder gebe einen Pauschalpreis an – das aber erst, wenn ich ein Exposé und eine Leseprobe gesehen habe und den Arbeitsaufwand einschätzen kann.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

JH: Das kann ich so nicht sagen, zumal ich vor allem kürzere Geschichten bearbeite.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektorin geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

JH: Das lief bei mir tatsächlich ganz nach Plan. In der 9. Klasse habe ich ein Praktikum im Kinderbuchlektorat des S. Fischer Verlags gemacht (das war ein Preis für meine besonders leidenschaftliche Teilnahme an einer Kinderbuchjury) – von da an stand mein Berufswunsch fest. Ich habe den Deutsch-Leistungskurs gewählt, Germanistik (mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendbuchforschung) studiert und schließlich ein Praktikum und ein Volontariat in verschiedenen Verlagen gemacht. Anschließend wurde ich bei Fischer Schatzinsel als Lektorin angestellt. Nach der Geburt meines Sohnes habe ich mich dann selbstständig gemacht – eine Entscheidung, die ich nie bereut habe.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

JH: Eine Autorin, deren Texte ich gerne mag und die ich von ihren ersten Schreibversuchen bis zu ihrer ersten Veröffentlichung begleitet habe, ist Stefanie Neeb. Der S. Fischer Verlag hat ihr Jugendbuch „Und wer rettet mich?“ herausgebracht und bald erscheint ein weiteres Werk von ihr in einem anderen Kinder- und Jugendbuchverlag – als Spitzentitel!

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

Julia Hanauers Homepage   aus tempest 12/19
Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum  Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Ich möchte, dass die Leser Spaß am Text haben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s