Was braucht es, damit die Botschaft ihr Ziel erreicht?

Silja von Rauchhaupt lektoriert Marketingtexte und Sachbücher und berät Selfpublisherinnen bei ihren Buchkonzepten, Klappentexten und Recherchen. Und sie ist stellvertretende Vorsitzende des Verbandes freier Lektorinnen und Lektoren (vfll).

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

Silja von Rauchhaupt: Als Lektorin bearbeite ich vorwiegend Sachbücher und Marketingtexte. Bevor ich anfange zu lektorieren, ermittle ich erst einmal den Bedarf meines Kunden, zum Beispiel: Für welchen Zweck ist das Buch oder der Text geschrieben? Wer ist die Zielgruppe? Was braucht es, damit die Botschaft ihr Ziel erreicht? Was wünscht sich der Autor oder die Marketingabteilung vom Ergebnis? Je nachdem, wie die Fragen beantwortet werden und wie der Ausgangstext beschaffen ist, geht es dann mehr um strukturelle Arbeit oder sprachliches Feilen, um die Anpassung des Stils, des Tons oder auch um das Einbauen von didaktischen Elementen wie Übungen, Kernsätze und dergleichen. Wie der Arbeitsprozess ist, richtet sich ebenfalls nach dem Kunden und dem jeweiligen Projekt.

HPR: Welche Eigenschaften sind deiner Meinung besonders wichtig, um Texte zu lektorieren?

SvR: Eine fundierte Sprachkenntnis ist Grundvoraussetzung. Und damit meine ich nicht nur Orthografie, sondern auch stilistisches Know-how. In Bereich Sachbuch sind Kenntnisse über Leseverhalten, über Didaktik und die jeweilige Zielgruppe sehr hilfreich. Wichtig ist auch ein Sinn für logische Argumentation und Struktur.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf deines Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

SvR: Ich würde aufgrund deines Textes mit dir das Konzept für ein Lektorat besprechen. Nach einer genauen Bedarfsermittlung würde ich dir dann ein passendes Angebot zuschicken. Angenommen du nimmst das Angebot an, klären wir noch Details zum Arbeitsprozess. Dann würde meine eigentliche Arbeit, das Lektorieren, beginnen. Haben wir nur einen Durchgang ausgemacht, schicke ich dir deinen Text mit meinen Kommentaren und/oder Vorschlägen im Änderungsmodus zu. Ist ein zweiter Durchgang Teil meines Angebots, sehe ich den Text nach deiner Bearbeitung noch einmal durch. Ein zweiter Durchgang ist meist zu empfehlen, denn beim Überarbeiten von Texten schleichen sich schnell Ungereimtheiten ein. In manchen Fällen empfehle ich auch ein externes Schlusskorrektorat.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

SvR: Manuskriptgutachten für Verlage gehören nicht zu meinem Angebot. Im Rahmen einer Autorenberatung biete ich auch Hilfe bei Exposés an. Das kommt aber relativ selten vor. Häufig kommt es dagegen vor, dass ich Klappentexte, Autorentexte und Werbetexte für meine Kunden schreibe.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe eines Lektorats?

SvR: Mir ist es wichtig, meine Kunden dabei zu unterstützen, in ihren Vorhaben erfolgreich zu sein. Als Lektorin helfe ich dabei, Texte zu strukturieren und sprachlich zu feilen, bis sie das erreichen, was sie erreichen sollen. Die Zufriedenheit und der Erfolg meiner Kunden ist für mich das wichtigste Ergebnis.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

SvR: Du meinst konkrete Beispiele sprachlicher Art? Jeder Text ist anders, jedes Projekt ist anders, aber natürlich gibt es Herausforderungen, die immer wieder in anderer Form auftreten. In Sachtexten begegnet mir häufig der berühmte Bandwurmsatz, Schachtelsatz oder Klammersatz. Meine Techniken, solche Sätze auf elegante Weise gut lesbar zu machen, wachsen kontinuierlich an und funktionieren teilweise schon fast automatisch. In Marketingtexten dagegen stelle ich mich immer wieder den Adjektiven. Adjektive, vor allem gehäuft verwendet, können jeden noch so starken Satz schwächen. Hier ist Streichen oft die beste Lösung.

HPR: Auf deiner Homepage bietest du auch Beratung von Selfpublishern an. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

SvR: Das ist sehr unterschiedlich. Der Prozess eines Buches ist komplex und es gibt verschiedene Hürden, die zu bewältigen sind. Die einen suchen eine Schreibberatung, weil sie gerade feststecken. In diesem Fall biete ich ein individuelles Schreibcoaching an, das auf motivierende Weise Strategien vermittelt, um die Schreibkrise zu überwinden. Es kann aber auch darum gehen, wie das Buch am besten veröffentlicht werden soll. Dann zeige ich Möglichkeiten auf und helfe, den richtigen Weg zu finden. Anderen stehe ich bei der Bildrecherche zu Seite oder bei der Suche nach einem Layout für das Cover oder den Buchsatz.

HPR: Du bietest auch Lektorat von Klappentexten an, wie läuft das ab?

SvR: Lektorat von Klappentexten biete ich an, häufiger ist aber, dass ich damit beauftragt werde, welche zu schreiben. In diesem Fall mache ich nach einer Bedarfsanalyse einen Textvorschlag, den ich nach den Wünschen des Autors oder der Autorin abändere, bis das Ergebnis rund ist und auch den Anforderungen an einem Klappentext entspricht. Es geht ja nicht um ein paar nette Zeilen, sondern um einen verkaufsfördernden Marketingtext, der auch die richtigen Schlagworte enthält, damit das Buch gefunden wird.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

SvR: Meine Einstellung dabei ist ganz einfach: Mein Kunde entscheidet, es ist sein Buch. Wenn er mit einem Vorschlag nicht einverstanden ist, kann ich sehr gut damit leben.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

SvR: Ich führe keine Statistik dazu, das wäre aber sicher interessant. Für mich zählt, dass meine Kunden mit meiner Arbeit zufrieden sind und mit meinen Vorschlägen grundsätzlich etwas anfangen können. Bisher habe ich immer gutes Feedback bekommen und ich hoffe auch, dass das so bleibt. Wenn genau abgesprochen wurde, wie die Bearbeitung aussehen soll, also eine eingehende Bedarfsanalyse stattgefunden hat, ist es unwahrscheinlich, dass die Bearbeitung völlig verfehlt ist.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

SvR: Wie gesagt, das ist für mich kein Problem, solange der Kunde insgesamt etwas mit meiner Bearbeitung anfangen kann. Vorschläge sind dazu gedacht, entweder angenommen oder abgelehnt zu werden. Manchmal ergeben sich auch gute Gespräche darüber, wie man eine Stelle verbessern kann, und wir kommen gemeinsam auf eine noch bessere Lösung.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

SvR: Du meinst, wenn einem Kunden ein Vorschlag nicht gefällt? Dann passiert gar nichts, dann wird es eben anders gemacht, als ich es vorgeschlagen habe und das ist gut so. Wenn im Laufe der Bearbeitung irgendwelche Probleme auftauchen, ist es wichtig, es direkt anzusprechen. Das gilt nicht nur für die Kundenbeziehung, sondern für jede Beziehung, finde ich.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

SvR: Wenn ich in der Bedarfsermittlung, also in den ersten Gesprächen und bei der ersten Sichtung des Textes – feststelle, dassein sehr hoher Arbeitsaufwand nötig wäre, um den Text den Erwartungen gemäß zu bearbeiten, sage ich dem Interessenten, mit welchen Kosten das verbunden ist. Ich kläre ihn darüber auf, dass es günstiger wäre, den Text selber noch einmal gut zu überarbeiten. Gerne gebe ich auch Tipps dazu. Manche Texte sind einfach noch nicht so weit, dass sie ins Lektorat können. Gänzlich unprofessionell geschriebene Texte bekomme ich selten angeboten.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

SvR: Ja, das ist ein wichtiges Thema. Im Unternehmensbereich und als Texterin lege ich meinen Kalkulationen die Arbeitsstunde zugrunde. Für Lektorate im Bereich Buch ist es oft auch die Manuskriptnormseite oder Standardseite, allerdings habe ich auch hier die Arbeitsstunde im Kopf. Es geht also immer darum, wie arbeitsintensiv das Projekt ist und wie viel Zeit die Bearbeitung kostet.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

SvR: Das ist sehr unterschiedlich und reicht von 50 Arbeitsstunden bis zu weit über 100 – je nach dem, was zu tun ist.

HPR: Muss deiner Meinung nach ein Lektor selbst erfolgreich Bücher veröffentlicht haben?

SvR: Ich arbeite als Texterin und habe auch als freie Journalistin gearbeitet. Ein Buch habe ich im Auftrag eines Kunden selbst verfasst, andere habe ich im Rahmen meines Angebots „Lektorat PLUS“ teilweise selbst geschrieben. Durch diese Erfahrungen kann ich mich gut in meine Autorinnen und Autoren hineinversetzen und Lösungsmöglichkeiten für Herausforderungen beim Schreiben und Veröffentlichen aufzeigen.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektor geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

SvR: Ich habe Literaturwissenschaft mit dem Ziel studiert, Lektorin zu werden. Im Laufe meines Studiums hatte ich auch Jobs in Verlagen, doch dann entdeckte ich die Fotografie. Sie begeisterte mich dermaßen, dass ich nach meinem Abschluss eine Stelle in der Bildagentur Getty Images annahm, zunächst als Bilddokumentarin, dann als Abteilungsleiterin. Nach einer Familienphase habe ich dann meinen alten Traum verwirklicht, als Lektorin zu arbeiten: erst für einen medizinischen Fachverlag, dann für mehrere Auftraggeber. Inzwischen ist Wirtschaft und Business ein weiterer, wichtiger Themenschwerpunkt geworden. Dazu arbeite ich als Texterin für Unternehmen.

HPR: Welche mittlerweile veröffentlichten Texte aus deinen Lektoraten würdest du besonders empfehlen?

SvR: Für Unternehmen interessant ist sicherlich das Buch über Intranets von Martin Seibert. Es steckt voller Insiderwissen und wertvoller Ratschläge: Das Social Intranet. https://www.amazon.de/dp/B087HNV9GS/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&dchild=1&keywords=Martin+Seibert&qid=1587986008&sr=8-2 Wer Goethe liebt, den wird sicher Dietlinde Küppers intelligentes und unterhaltsames Buch Goethes Verhältnis zur Musik begeistern: https://tredition.de/autoren/dietlinde-kuepper-28611/goethes-verhaeltnis-zur-musik-hardcover-121165/. Für ein breites Publikum empfehle ich das berührende Buch der Palliativschwester Ivana Seger über ihren Therapiehund Emma: Emma hilft.https://www.emmahilft.de/

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

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