Müssen Romanfiguren sympathisch sein?

Protagonisten sollten sympathisch sein, das wird oft gefordert und findet sich auch in vielen Schreibratgebern.

Ich bezweifle das. Sie müssen faszinieren. Der nette Nachbar von nebenan taugt selten zum guten Protagonisten.

Jeder kennt Hannibal Lecter, Graf Dracula und Frankenstein. Aber wie hießen nochmal die freundlichen Protagonisten? So gut wie alle assoziieren unter »Frankenstein« das Monster, dabei ist das der Name des Protagonisten.

»Vom Winde verweht« mag rassistisch sein. Die Protagonistin Scarlett ist nicht gerade die nette Frau von nebenan. Stellt dem Mann ihrer besten Freundin nach, heiratet jemanden wegen 300 Dollar, ist knallharte und eiskalte Geschäftsfrau, heiratet einen Anderen, der sie liebt und lässt ihn am langen Arm verhungern. Trotzdem fasziniert Scarlett die Leser.

Ja, alle Leser wünschen sich sympathische Protagonisten. Aber Autoren müssen nicht Leserwünsche erfüllen, sondern sollten Leser fesseln.

Und das gelingt oft besser dadurch, dass man Leserwünsche nicht erfüllt.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Kneipe und kommen dort in ein Gespräch mit einem schrägen Typen. Kein Neonazi, doch politisch korrekt ist das auch nicht, was er erzählt. Aber interessant. Und vielleicht beunruhigend? So dass Sie auf dem Nachhauseweg darauf achten, dass Ihnen niemand folgt?

Vergessen werden Sie das Gespräch nicht. Das sind Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Und darum geht es in Geschichten. Um lebendige Figuren, die dem Leser imponieren.

Natürlich wollen alle Leser, dass Romeo und Julia zusammenkommen. Shakespeare hat den Leserwunsch nicht erfüllt. Deshalb wurde das Stück zum Hit. Und George R. R. Martin lässt eine ganze Phalanx von Figuren auftreten, die man lieber nicht in der Nachbarschaft haben möchte. Damit möchte ich nicht sagen, dass Figuren unsympathisch sein sollten. Aber imponieren, leben müssen sie.

Wenn sich Leser darüber beklagen, dass Protagonisten nicht sympathisch sind, hat das oft eine andere Ursache: Die Figuren sind nicht rund. Sprich: Sie sind blass, bleiben nicht im Gedächtnis.

»Ich bin auch der Ansicht, dass sympathisch keine wesentliche Eigenschaft für Hauptfiguren ist, schon gar nicht nett«, sagte der Bestseller Autor Andreas Eschbach im Montsegur-Forum.

Und die Autorin Christa S. Lotz (Die Köchin und der Kardinal, Tod am schwarzen Fluss und andere) schrieb im gleichen Forum: »Den Mörder Grenouille (das Parfüm) begleitet man fieberhaft bei seinen grauenhaften Morden. Sympathisch ist er weiß Gott nicht, und doch will man unbedingt wissen, ob er seinen Häschern entkommen wird. Auch in dem Buch Ein untadeliger Mann, das ich gerade mit Begeisterung gelesen habe, enthüllen sich im Lauf der Zeit immer tadelnswertere Dinge bis zum Schlimmsten, ohne dass ich in einer Rezension jemals schreiben würde: Der ist aber unsympathisch! Ich glaube, zwei Dinge sind dazu nötig (neben einer gut geschriebenen Geschichte): Der Protagonist möchte etwas unbedingt erreichen, und ich als Leserin will unbedingt wissen, ob er es schafft – eine lebenslange und/oder starke Leidenschaft wie auch bei dem alten Mann und dem Meer.

Dann muss ich das Verhalten verstehen können, also wissen, warum derjenige so handelt. Dann kann einer auch im Nachhinein schlecht dastehen, ohne dass man es ihm übel nimmt.«

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum  Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Müssen Romanfiguren sympathisch sein?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s