Absätze: Wann, Wie, Warum?

Die Hälfte der Texte, die ich zur Korrektur bekomme, hat zu wenig Absätze. Und die Lust zum Lesen nimmt ab, weil eine vernünftige, lesefreundliche Struktur fehlt.

Dabei ist es gar nicht so schwierig. Denn es gibt es ein paar Faustregeln. Natürlich sind die nicht in Stein gemeißelt und dienen, wie die Zeichensetzung auch, der einfacheren Lesbarkeit.

Die Faustregeln:

Absätze werden gemacht:
   Wenn der Sprecher wechselt
   Wenn die Perspektive wechselt
   Vor und nach Flashbacks
   Wenn eine Beschreibung endet und die Handlung einsetzt
   Wenn eine neue Person die Bühne betritt

Wozu Absätze?

Absätze sind wie Sätze, Szenen und Kapitel Gliederungsmöglichkeiten. In der Regel enthält ein Absatz mehrere Sätze und eine Szene mehrere Absätze. Eigentlich ist das selbstverständlich, aber wenn Sie wüssten, was ich schon alles in Texten erlebt habe!

Dabei ist der Absatz als Gliederungselement noch viel wichtiger als der Satz und bietet auch weit mehr Möglichkeiten, als die Lesbarkeit sicher zu stellen. Denn Absätze bestimmen Rhythmus und Tempo eines Textes. Sie sind ein ganz wesentliches Element, das den Stil festlegt.

Nehmen Sie sich mal verschiedene Bücher aus Ihrem Regal, schlagen Sie sie an beliebiger Stelle auf und schauen Sie sich an, wie auf diesen beiden Seiten die Absätze verteilt sind.

Wann soll man Absätze machen?

Auf jeden Fall, wenn der Sprecher wechselt.

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“ Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen. „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich. „Ich war das.“, antwortete der Esel.

Das ist einfach schwierig zu lesen und noch schwieriger zu verstehen. Aber ein Absatz hinter dem jeweiligen Sprecherwechsel und schon ist es einfach viel klarer:

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“

Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen. „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich.

„Ich war das“, antwortete der Esel.

Wohlgemerkt, hier steht kein Absatz nach „Es war niemand zu sehen“. Denn das, was folgt, sagt immer noch Josef. Ein Absatz ist hier nicht nötig.

Machen Sie einmal das Experiment, den Text mit und ohne Absatz zu lesen. Was ändert sich dann am Rhythmus, an der Stimmung des Textes? Welche Fassung würden Sie vorziehen?

Wie beim Sprecherwechsel gehört ein Absatz natürlich immer dorthin, wo die Perspektive oder Handlung wechselt und insbesondere, wenn der Text von einer Beschreibung zur Handlung übergeht.

Die Burg glänzte schwarz, als wäre sie frisch lackiert worden. Der Burgfried ragte so hoch, dass er die Wolken am Bauch kitzeln konnte. Das Tor war verschlossen und verriegelt, die Zugbrücke hochgezogen.

Plötzlich öffnete sich ein Fenster und ein hölzerner Kuckuck schnellte heraus.

Was wäre, wenn man das alles in einem Absatz schreiben würde?

Ganz einfach: Dann würde der Kuckuck längst nicht so überraschend kommen. Mit Absätzen nimmt man auch eine Betonung vor. Generell sollte ein Absatz natürlich überall erfolgen, wo etwas Neues im Text erscheint. Absätze gliedern einen Text und damit die Gedanken, die Erzählung der Autoren.

Wirkung von Absätzen

Je mehr Absätze ein Text hat, desto „aktiver“, „einfacher“ und „temporeicher“ wirkt er. Deshalb haben Actionszenen und Dialoge meist sehr viele Absätze, im Extremfall sogar mit nur einem Satz.

Er rammte den Rückwärtsgang rein.
Stieß zurück, erster Gang, Vollgas.

Die Reifen drehten durch. Fassten endlich.
Das Tor zersplitterte und sie waren durch.

Umgekehrt wirken Texte mit wenigen Absätzen eher „ruhig“ oder „schwierig“. Logischerweise haben Beschreibungen, philosophische Erörterungen etc. auch durchaus mal Absätze mit einer halben Seite. Mehr würde ich einem Leser nur in begründeten Ausnahmefällen zumuten.

Warnung

Bei vielen Wettbewerben gibt es eine Seitenbegrenzung. Bei Überschreitung liegt die Versuchung nahe, einfach Absätze wegzulassen und so den Text auf die Begrenzung zu kürzen.

NEIN! Das sollten Sie nie, nie, nie tun. Denn dadurch verliert Ihr Text so viel, dass die Chancen auf den Nullpunkt schwinden. Ein Text mit ungenügender Gliederung, mit zu wenig Absätzen wirkt dilettantisch. Da kann die Geschichte selbst noch so gut sein.

Lieber sich überlegen: Welchen Teil der Erzählung könnte man ganz weglassen?

Womit wir bei der „chronischen Absatzscheu“ wären, der viele Autorinnen und Autoren erliegen. Man kann natürlich auf die Lektoren hoffen. Ich halte das für keine gute Idee. Denn Absätze sind ein wichtiges Stilmittel und das sollte kein Autor aus der Hand geben.

Stephen King

Stephen King sagt in »Das Leben und das Schreiben«:

Ich bin der Meinung, dass nicht der Satz, sondern der Absatz die kleinste Einheit eines Textes darstellt, in der Kohärenz entsteht und Wörter die Chance haben, über sich hinauszuwachsen. Wenn es Zeit wird, das Tempo zu erhöhen, geschieht das auf Absatzebene. (S151).

Und dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

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Absätze: Wann, Wie, Warum?

4 Gedanken zu “Absätze: Wann, Wie, Warum?

  1. Toll.

    Kurz.

    Super.

    LG Rupi – –

    Wilhelm Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi Autor & Journalist, DJV Hünefeldzeile 18 D-12247 Berlin-Steglitz Telefon: +49 172 3930060 http://www.RuprechtFrieling.de Pflichtinformationen gemäß Artikel 13 DSGVO Im Falle des Erstkontakts sind wir gemäß Art. 12, 13 DSGVO verpflichtet, Ihnen folgende datenschutzrechtliche Pflichtinformationen zur Verfügung zu stellen: Wenn Sie uns per E-Mail kontaktieren, verarbeiten wir Ihre personenbezogenen Daten nur, soweit an der Verarbeitung ein berechtigtes Interesse besteht (Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO), Sie in die Datenverarbeitung eingewilligt haben (Art. 6 Abs. 1 lit. a DSGVO), die Verarbeitung für die Anbahnung, Begründung, inhaltliche Ausgestaltung oder Änderung eines Rechtsverhältnisses zwischen Ihnen und uns erforderlich sind (Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO) oder eine sonstige Rechtsnorm die Verarbeitung gestattet. Ihre personenbezogenen Daten verbleiben bei uns, bis Sie uns zur Löschung auffordern, Ihre Einwilligung zur Speicherung widerrufen oder der Zweck für die Datenspeicherung entfällt (z. B. nach abgeschlossener Bearbeitung Ihres Anliegens). Zwingende gesetzliche Bestimmungen – insbesondere steuer- und handelsrechtliche Aufbewahrungsfristen – bleiben unberührt. Sie haben jederzeit das Recht, unentgeltlich Auskunft über Herkunft, Empfänger und Zweck Ihrer gespeicherten personenbezogenen Daten zu erhalten. Ihnen steht außerdem ein Recht auf Widerspruch, auf Datenübertragbarkeit und ein Beschwerderecht bei der zuständigen Aufsichtsbehörde zu. Ferner können Sie die Berichtigung, die Löschung und unter bestimmten Umständen die Einschränkung der Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten verlangen.

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  2. Das ist gut zusammengefasst und ich würde es sofort unterschreiben.

    Es dürfen jedoch auch nicht zu viele Absätze sein. In der letzten Zeit lese ich immer wieder mal Texte, in denen es der Autor bzw. die Autorin besonders gut zu meinen scheint und praktisch nach jedem Satz einen Absatz macht. Das ist – meiner Meinung nach – fast genauso schlecht zu lesen, weil der Absatz vollkommen seine Wirkung verliert.

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  3. Yvonne Falk schreibt:

    Ich finde es grenzwertig, bei jedem Sprecherwechsel, einen Absatz zu setzen.
    Einen Zeilenumbruch auf alle Fälle.
    Bei zu vielen Absätzen habe ich immer das Gefühl, das eben der Effekt, den man dadurch erzielen möchte, verloren geht.
    Was also bewitkt ein wohlgesetzter Zeilenumbruch und was ist der Unterschied zum Absatz?

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    1. Ein Absatz wird mit einem Absatzwechsel beendet. Wahlweise kann man auch einen Zeilenumbruch benutzen, für obigen Artikel sind beide gleichwertig. Absatzwechsel oder Zeilenumbruch sind aber für den Satz und die Formatierung wichtig.

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