Überarbeitung und Lektorat: Vampir-Verben I

Verben, auch Tätigkeitsworte genannt, sind toll. Sie sorgen für das Tempo in der Geschichte, erhöhen die Spannung, lassen einen Film im Leser ablaufen.

007 legte den Gang ein, gab Vollgas, der Aston Martin raste auf das Tor zu, das zersplitterte. Die Bösewichte schrien empört auf und schüttelten ihre Fäuste. Vergeblich. Der Aston Martin schoss die Straße hinab der Freiheit entgegen.

Mit weniger Verben würde das längst nicht so wirken:

Die Steigerung der Gaszufuhr durch den bevollmächtigten Agenten führte zur schnellen Beschleunigung des Wagens und in der Folge wurde eine grundlegende Zerstörung des Tores und eine Möglichkeit der Flucht erreicht.

Soweit, so gut. Aber gilt das auch für alle Verben?
Mitnichten. Es gibt Verben, die unanschaulich sind. Zum Beispiel oben „wurde erreicht“. Und es gibt Hilfsverben (werden, haben, etc.)

Außerdem gibt es Vampir-Verben. Vampir-Verben treten zusammen mit anderen auf und saugen ihnen die Kraft aus.

007 begann, den Gang einzulegen, versuchte, Vollgas zu geben …

Die gleiche Tätigkeit wird durch zwei Verben bestimmt, eins davon wenig anschaulich, das aber für sich die zentrale Stellung verlangt und dem anderen die Lebendigkeit aussaugt. Natürlich muss 007 „beginnen“, „versuchen“. Aber müssen Sie das jedes Mal erwähnen? Viel eindrücklicher, wenn einfach das aktivere, das anschaulichere Verb die Handlung festlegt.
In der ersten Fassung eines Romans verwendet jeder solche Vampir-Verben. Da beginnt der Morgen zu dämmern, der Held fängt an zu laufen, der Bösewicht beginnt seine Intrigen zu spinnen und versucht sie in die Tat umzusetzen.
Deshalb sind Überarbeitung und Lektorat so wichtig. Dort streichen Sie alle Vampir-Verben. Die Delete-Taste hilft hervorragend gegen Vampire. Und Sie werden feststellen: Allein dadurch wirkt ihr Text lebendiger, aktiver, lässt im Leser einen Film ablaufen.
Und was sind die üblichen Verdächtigen, auf die Sie bei der Überarbeitung achten sollten? Hier stelle ich die Wichtigsten vor:

Beginnen

Er begann zu laufen.

Laufen ist ein inhaltlich starkes Verb, das Bilder wecken kann. Beginnen ist schwach, irgendwann beginnt natürlich alles. Aber muss man das auch sagen? Besser: Er lief los.
Dann kann „beginnen“ nicht mehr beginnen, dem Verb „laufen“ das Blut auszusaugen.

Anfangen

„Anfangen“ ist der Cousin von „beginnen“. Auch „anfangen“ können Sie bei der Überarbeitung anfangen zu streichen Oder besser gesagt: Streichen Sie es.

Versuchen

Er versuchte, den Wagen zu starten. Der Motor sprang an, der Wagen fuhr an.

Versuchen Sie besser, ohne Versuchen auszukommen: Er startete den Wagen, der Motor sprang an …
Wie bei allen Vampir-Verben gibt es Stellen, da sind diese Verben dennoch nützlich.
Er versuchte, den Motor zu starten. Doch der röchelte nur.
Da schwächt „versuchen“ das Verb „starten“ zurecht. Hier passt es, dem Verb „starten“ die Kraft zu nehmen.

Bekommen

Ich bekam eine Gänsehaut, die mir den Rücken hinab lief.
Warum nicht gleich: Eine Gänsehaut lief mir den Rücken hinab.

Spüren

Er spürte, dass sich sein Herzschlag beschleunigte.
Auch da saugt das Vampir-Verb „spüren“ die Kraft aus dem beschleunigten Herzschlag. „Spüren“ steht im Hauptsatz, ist also das Wichtigste. Und schwächt das wirklich Wichtige: den beschleunigten Herzschlag.
Sein Herzschlag beschleunigte sich, das hat mehr Blut und Leben.

Scheinen

Alles schien sich zu verändern und das Licht schien zu erlöschen.

Fassen Sie Mut, liebe Autorin, lieber Autor. In der ersten Fassung weiß man noch nicht sicher, was passiert, da verwendet man gerne »scheinen«. Bei der Überarbeitung sollten Sie klar sagen, was Sache ist. Erlischt das Licht oder erlischt es nicht? Wenn Sie es nicht wissen, wer dann? Solche Konstruktionen scheinen dem Leser ein Zeichen dafür zu sein, dass der Autor sich nicht festlegen will.
Das Licht erlosch langsam, alles veränderte sich, da wird der Szene nicht das Blut ausgesaugt, sie bleibt lebendig.

Befinden

Er befand sich in einem Wald voller Gefahren.
Die Reise befand sich in der kritischen Phase.

Da wird zwar keinem Verb das Blut ausgesagt, besonders lebendig klingt der Satz dennoch nicht. »Befinden« ist ein statisches Verb, erinnert an Beamtendeutsch.

Immer wieder knackten Zweige und ließen ihn zusammenfahren. Gab es hier Schneelöwen? hat mehr Blut als im Wald befindliche Gefahren.
Der Täter befand sich in alkoholisiertem Zustand kann sich in einem Polizeibericht befinden, in einem spannenden Roman sollte der Autor aktiver formulieren.

Der Täter wankte, er hatte dem Eisbier mehr zugesprochen, als gut für ihn war, klingt doch etwas lebendiger.

Vampire zu streichen, kann zur Gewohnheit werden

Vampir-Verben zu verbessern ist einfach. Und Sie werden bald feststellen, dass Sie in der Überarbeitung beginnen werden, „beginnen“ & Co. automatisch zu streichen. Das wird schnell zu einem Reflex, der Ihre Texte ohne viel Arbeit besser macht. Und nach kurzer Zeit werden Sie auch in der ersten Fassung viel weniger Blut durch Vampire verlieren.
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Überarbeitung und Lektorat: Vampir-Verben I

2 Gedanken zu “Überarbeitung und Lektorat: Vampir-Verben I

  1. Warum nicht gleich: Eine Gänsehaut lief mir den Rücken hinab.

    Weil das nicht geht. Ein Schauer kann einem das Rückgrat oder den Rücken hinunterlaufen. Die Gänsehaut nicht, ich finde Gänsehaut statisch. Man hat sie, bekommt sie, oder auch nicht, aber sie läuft nirgendwohin. Guter Artikel, aber unglücklich gewähltes Beispiel.

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    1. Danke für den Hinweis.
      Ich war mir jetzt nicht mehr sicher und habe gegoogelt. Ohne viel Erfolg, außer dass der Duden umgangsprachlich eine Gänsehaut den Rücken hinablaufen lässt.
      Ganz wortwörtlich ist es sicher nicht zu verstehen, die Haare auf dem Rücken stellen sich auf, die Haut verändert sich. Ob sie sich überall gleichzeitig verändert, oder den Rücken hinablaufen kann, dazu habe ich nichts gefunden.
      Schauer würde ich genauso wie Gänsehaut sehen: die Haare im Rücken stellen sich auf, die Haut verändert sich.
      Insofern sehe ich da keinen Unterschied, ich denke, das ist eher etwas persönliche Ansichtssache.

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