Überarbeitung und Lektorat: Emotionen

Bereits auf den ersten Seiten eines Manuskripts fällt mir auf, ob es Emotionen weckt. Denn das entscheidet darüber, ob Leserinnen und Leser das Buch überhaupt lesen werden. Ob eine Geschichte spannend ist, hängt davon ab, ob sie Emotionen weckt. Geschichten, die die Leserinnen kalt lassen, werden nicht gekauft.

Und beim Lektorat merkt man bei solchen Texten: Da fehlt ein Gewürz: Emotion. Doch wie kann man nachwürzen?

Das Wichtigste bei den Emotionen: Der Leser muss Gefühle entwickeln, nicht der Autor.

Emotionen nicht behaupten, sondern zeigen

Und was weckt Gefühle? Menschen interessieren sich für andere Menschen. Wenn etwas Menschen passiert, die man gern hat, dann fiebert man mit.

„Manfred hatte Angst.“

Immer wieder lese ich solche Sätze in den Lektoratstexten. Da behauptet die Autorin ein Gefühl. Weckt das Gefühle beim Leser? Nein.

Warum nicht? Weil wir nicht wissen, was Manfred Angst macht. Weil der Autor das Gefühl behauptet, uns aber nicht zeigt.

Wie überarbeitet man Stellen im Manuskript, an denen Gefühle nur behauptet werden?

Lassen Sie etwas passieren. Verwandeln Sie die Autorenbehauptung in eine konkrete Szene, möglichst anschaulich.

„Die Tür flog auf. Ein maskierter Mann richtete seine Pistole auf Manfred.“

Jetzt kann jeder Leser nachvollziehen, dass Manfred Angst hat, Sie müssen es gar nicht mehr schreiben.

Eine Person wählen, nicht viele

„Der Heeresbericht meldet heute heftige, verlustreiche Kämpfe im Gebiet der südlichen Westfront.“

Das ist noch sehr allgemein. Natürlich wissen wir, dass da viele gefallen sind. Aber viel eindrücklicher ist es, das Schicksal eines einzigen Soldaten zu schildern. Erich Maria Remarque hat die Gräuel des ersten Weltkriegs in „Im Westen nichts Neues“ anhand eines Soldaten gezeigt. Und das ist sehr viel eindrücklicher, weckt viel mehr Gefühle als das Schicksal ganzer Armeen.

Tiere, Alien, Technik vermenschlichen

Und was ist mit Tieren, Alien, Natur, Technik? Verwandeln Sie sie in lebende Wesen. Zeigen Sie sie, als wären sie lebendig.

„Der Berg war im Winter gefährlich, das wusste Manfred.“

Das ist recht abstrakt. Besser wirkt es so:

„Der Berg grollte. Spuckte Schnee in die Luft.“

Allgemeines am Schluss

Dürfen Sie nie Gefühle benennen? Doch, manchmal kann das nützlich sein. Aber eine wichtige Faustregel dafür lautet:

Erst die konkrete Szene. Dann die allgemeine Zusammenfassung.

„Der Berg grollte. Spuckte Schnee in die Luft. Manfred bekam Angst.“

Hier wissen die Leserinnen, warum Manfred Angst bekam. Und ahnen, jetzt wird es gleich schlimm werden.

Natürlich kann man auch den letzten Satz noch anschaulicher formulieren:

„Der Berg grollte. Spuckte Schnee in die Luft. Manfred schauderte und beschleunigte seine Schritte.“

Damit bauen Sie das Gefühl in eine Handlung ein (er beschleunigte seine Schritte).

Also: Achten Sie bei der Überarbeitung auf Stellen, in denen Gefühle nur behauptet werden. Und überarbeiten Sie sie so, dass die Szenen den Leser die Gefühle erleben lassen.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Klappentext, Pitch und anderes Getier
Wie Sie aus einem spannenden Buch einen spannenden Klappentext schneidern

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Überarbeitung und Lektorat: Emotionen

Üerarbeitung und Lektorat: Der Giersch

Gärtner hassen Giersch. Der überwuchert alles. Und schön sieht er auch nicht aus. Den Giersch wird man im Garten kaum wieder los. Ihn auszureißen ist so wirkungsvoll, wie ihn zum Tee einzuladen. Er kümmert sich nicht darum. All die Pflanzen, die er brutal überwuchert, würden Auge und Seele vielmehr erfreuen.

Nicht anders ist es bei manchen beliebten Nebensatz-Konstruktionen. Sie vermehren sich, ohne dass es Autoren bewusst wird. Wenn ich die erste Als-Konstruktion in einem Text auf Seite eins lese, weiß ich, dass sie unterirdisch weiter wuchert und sehr bald neue Triebe austreiben wird.

Als der Wecker klingelte, wachte ich auf. Während ich aufstand, schlug ich die Decke zurück, da sie mich störte.

Da gibt es gleich drei literarische Gierschkonstruktionen. Einmal eingeführt, blühen sie überall auf. Und das ist das tödliche Gift: Eine Als-Konstruktion auf fünf Seiten würde niemandem auffallen. Aber fünf davon hintereinander, die einen Abschnitt einleiten, nerven auch die sanftmütigste Leserin. Wer will denn auch jede Menge Giersch im Garten haben? Oder ein Buch lesen, in dem jeder Abschnitt so beginnt: „Als ich dies tat, passierte jenes.“?

Als ich in die Dusche stieg, schaltete ich das Warmwasser ein.

Damit soll eine zeitliche Folge betont werden. Die Frage ist: Ist das nötig? In den allermeisten Fällen nicht.

Ich stieg in die Dusche und schaltete das Wasser ein.

Das ist einfacher und obendrein verständlicher. Dass beides zeitlich hintereinander folgt, kann sich der Leser denken. Und ich wette mit Ihnen, dass Sie bald danach wieder eine Konstruktion mit „als“ oder „während“ oder „da“ verwenden. Wer sich einmal angewöhnt hat, immer die zeitliche Reihenfolge oder Gleichzeitigkeit zu betonen, wiederholt das schnell wieder. Die Texte wimmeln dann von literarischem Giersch und überwuchern Ihre Texte, die dadurch bald gleichförmig wirken.

Während ich dies schreibe, denke ich daran, wie unschön es ist, immer ‚während‘ zu verwenden.

Einfacher: „Immer während zu verwenden, ist ziemlich unschön.“ Und macht eine Menge Arbeit, weil man alle diese literarischen Unkräuter bei der Überarbeitung mühsam ausrupfen muss.

Unkraut wächst vor allem auf überdüngtem Boden. Die Düngung erfolgt durch den Glauben der Autoren, dass sie alles erzählen müssten, und zwar in genauer zeitlicher Reihenfolge. Auch fortlaufende logische Begründungen mit „da“ wirken ähnlich.

Da der Wecker klingelt, wache ich auf. Während ich zur Dusche gehe, gähne ich. Als ich die Dusche betrete, drehe ich den Hahn auf. Während das Wasser aus der Dusche läuft, seife ich mir die Haare ein. Als ich die Haare eingeseift habe, spüle ich sie aus. Während ich mir die Haare trockne, plane ich meinen Tag. Als ich aus der Dusche trete, ist auch der gutwilligste Leser endgültig entschlafen. Während ich glaubte, ein Meisterwerk zu schreiben, habe ich meine Leserinnen verloren, da ich sie eingeschläfert habe.

Giersch ist allerorten – und furchtbar langweilig.

Schreiben Sie einfach, das ist eine der wichtigsten Regeln des Schreibens. Lassen Sie den Wecker klingeln, und wachen Sie auf. Damit der literarische Giersch gar nicht erst Wurzeln schlagen kann.

Üerarbeitung und Lektorat: Der Giersch

Überarbeitung und Lektorat: Spannung

Spannung zwingt den Leser, die Leserin dazu, weiterzulesen. Hat der Text keine Spannung, klappt die Leserin ihn zu. Und der Leser auch.
Zwar klappe ich als Lektor den Text nicht zu und maile: „Scheiße, taugt nichts“. Aber ich überlege, wie man mehr Spannung in den Text bringen kann. Dafür gibt es zum Glück einige Techniken.


Mit der spannendsten Szene beginnen


Welche Szene, welche Absätze in dem Text wecken am ehesten Spannung? Das ist oft gerade nicht die erste Szene oder der erste Absatz. Sie können Ihre Geschichte allein dadurch verbessern, in dem Sie alles davor streichen. Werfen Sie den Leser ins Wasser, „So spät wie möglich einsteigen, so früh wie möglich wieder raus“ ist eine sehr hilfreiche Schreibregel.
Der Grund ist einfach: Wer sich zum Schreiben hinsetzt, schreibt sich oft erst mal warm. Und kommt erst danach zu einer spannenden Szene. Beim Hausbau wird erst das Gerüst aufgebaut. Dann beginnt der eigentliche Bau. Wenn der steht, bricht man das Gerüst ab.
Machen Sie es mit Ihrem Text auch so. Streichen Sie die Absätze, mit denen Sie sich erst einmal warmgeschrieben haben. Vielleicht können Sie sie verändert später nutzen? Bewahren Sie sie also auf.


Die Kamera-Distanz

Erinnern Sie sich an spannende Filmszenen. Wie wird dort standardmäßig Spannung aufgebaut?
Erst sehen Sie alles durch die Totale. Damit der Leser weiß, wo er sich befindet.. Dann fährt die Kamera auf die Personen zu, Halbtotale. Dann Nahaufnahme. Und im spannendsten Moment ist die Kamera ganz dicht dran an der Hauptfigur. Die Heldin hat den Tunnelblick und die Leser ebenfalls. Nur noch ein Detail ist wichtig.

Legolas erreichte die Passhöhe, kahl und felsig, immer noch mit Eis bedeckt.
Unten lag das Tal mit der goldenen Stadt, deren Paläste bis hier hoch blitzen.
Plötzlich brüllte etwas auf. Ein riesiges Mammut sprang aus den Felsen auf ihn zu.
Die spitzen Zähne funkelten in der Sonne und das war alles, was Legolas noch sehen konnte
.

Das ist jetzt der Standardaufbau. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Filmsessel und sehen Ihre eigene Szene auf der Leinwand. Wie können Sie mit Distanzwechsel und abschließendem Tunnelblick die Spannung steigern?
Natürlich ist diese Reihenfolge nicht in Stein gemeißelt, aber hilft, wenn die Spannung fehlt, weil die Kamera-Distanz in Ihrer Szene nicht stimmt.
Übung 1
Nehmen Sie Ihr Lieblingsbuch aus dem Schrank. Schauen Sie sich eine spannende Szene darin an. Und schreiben Sie auf, wie dort die Distanz verläüft. Markieren Sie die Stellen mit T (Totale), HT (Halbtotale), N (Nahaufnahme).
Übung 2
Nehmen Sie sich eine Ihrer Szenen vor, die nicht so spannend ist. Markieren Sie auch dort die Kamera-Distanz.
Dann variieren Sie die Kamera-Distanz. Wie ändert sich in der Wirkung? Legen Sie beide Fassungen Testlesern vor. Wie beurteilen diese die unterschiedlichen Fassungen?


Verwandeln Sie sich in die Hauptperson

Hängen Sie sich ein Bild des Schauspielers an den Bildschirm, der die Hauptperson am besten spielen könnte. Notfalls setzen Sie eine Maske auf. Tun Sie alles, damit Sie ganz mit der Person verschmelzen.
Dann schreiben Sie, was diese Person, die Sie jetzt sind, sieht, denkt, erlebt. Was nehmen Sie wahr?
Wenn Sie Legolas sind, werden Sie, sobald das Mammut erscheint, nur noch Augen für dieses Ungeheuer haben. Nicht die bunten Blumen am Wegesrand bewundern, auch nicht die Kritzeleien, die frühere Besucher in die Felsen geritzt haben.

Die Pointe

Spannung funktioniert ähnlich wie Witz. Es genügt nicht, dass man den Witz kennt, man muss ihn auch erzählen können. Es kommt weniger auf das „Was“ an, sondern auf das „Wie“. Manche Autorinnen können selbst eine Telefonliste in eine spannende Lektüre verwandeln und es gibt Erzähler, die mit den ältesten Kamellen Lachsalven ernten.
Witze soll man nicht erklären, sondern direkt auf die Pointe hinsteuern. Das gilt auch für Szenen und Geschichten.
Übung 3
Erzählen Sie die Szene von Aufgabe 1 mit eigenen Worten nach. MusikerInnen lernen dadurch, dass sie bekannte Musikstücke nachspielen, Maler kopieren die Werke anderer, Schachspielerinnen spielen die großen Partien der Meister nach. Warum nicht auch Autoren?

Wann ist ein Text spannend?


Wenn der Leser (oder Zuhörer) unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Wenn die Leserin nicht auf die Toilette geht, bis die Blase fast platzt und sie das Buch mitnimmt. Dann ist ein Buch spannend.
Was heißt: Spannung ist ein Leserphänomen. Der Leser, nicht die Autorin empfindet die Spannung. Deshalb ist es so wichtig, sein Publikum zu kennen. Wenn der Leser nicht mitgeht, dann ist der Text eben nicht spannend.

Der Leser entscheidet

Kurz gesagt, ob eine Geschichte spannend ist, entscheidet der Leser, nicht der Autor und schon gar nicht Literaturwissenschaftler. Wichtig ist allein, ob der Leser „am Ball“ bleibt. Leser sind Masochisten, sie wollen, dass die Autorin sie fesselt und auf die Folter spannt.
Und die spannendsten Szenen sind oft die, bei denen sich die Autorin fragt: Darf ich das überhaupt schreiben? Was werden die Nachbarn denken? Was die Literaturkritik
Ein Autor muss den Mut haben, sich auszuziehen. Wer sich nicht nackt zeigen mag, sollte vom Schreiben wie vom Sex die Finger lassen.

Spannungstypen


Es gibt verschiedene Arten von Spannung:

  • das Rätsel – who did it?
  • Suspense der Leser weiß etwas, dass die Figuren nicht wissen: Unter dem Tisch, an dem die Helden sitzen, liegt eine Bombe, die in zehn Minuten losgeht. „Haut ab“, schreit der Leser, doch niemand hört sein Rufen.
  • Identifikation mit einer Figur, der Leser fiebert, leidet und fühlt mit der Romanfigur mit.

Andreas Eschbachs Spannungslupe


Der Bestellerautor Andreas Eschbach hat Anfang dieses Jahrtausends eine Spannungslupe entwickelt, um Spannung zu erzeugen. Sechs wichtige Eigenschaften machen Spannung aus:

  • Der Leser muss im Ungewissen bleiben. Wenn er Erwartungen aufbaut, denkt, aha, so läuft das, fällt er aus dem Text und klappt das Buch womöglich zu. Folglich sollte es mehrere mögliche Alternativen geben und unklar sein, wie es weitergeht.
  • Der Leser muss orientiert sein, ihm muss klar sein, wo er sich befindet und was passiert – aber nicht klar, wie es weitergeht.
  • Die Geschichte sollte glaubwürdig sein und sinnlich geschildert werden.
  • Der Text sollte sich flüssig lesen lassen und die gewählten Stilmittel sollten zum Text passen.
  • Der Leser sollte einer Figur nahe sein und deren Gefühle intensiv spüren, der Blickwinkel der Figur mit steigender Spannung schrumpfen (Tunnelblick).
  • Der Text sollte ahnen lassen, das da noch etwas kommt – aber nicht was (die Ruhe vor dem Sturm).

Prüfen Sie Ihre Texte anhand dieser sechs Kriterien und erhöhen so die Spannung.
Und wie in der Medizin der alte Satz gilt: „Wer heilt, hat recht“, gilt für die Spannung: „Wer fesselt, schreibt spannend“. Der Autor darf alles – solange er den Leser fesselt.


Spannend Schreiben ist oft schnelles Schreiben


Mitreißende Romane werden oft schnell geschrieben. Simenon konnte einen Roman in elf Tagen schreiben, Stephan King sagt, dass er für seine – wesentlich dickeren Texte – nie mehr als drei Monate braucht, weil er sonst den Text verliert.
Die Autoren tauchen in ihre Figuren ein, sie sind die Figuren, handeln wie diese (Simenon soll seine Frau einmal in einer solchen Phase geohrfeigt haben). Konsalik war bekannt dafür, dass er seine Romane „herunterhaute“ – und die Überarbeitung seiner Lektorin überließ.


Die Dynamik des Schreibens fördert die Spannung.


Während dieser „wahnhaften“ Phase ist der innere Lektor ausgesperrt. Er darf später korrigieren. Ob guter oder schlechter Stil spielt jetzt keine Rolle, jetzt geht es um die Figuren und ihre Geschichten. Mancher Autor veröffentlicht solche Schreibergüsse unkorrigiert, im Glauben, sie seien ohne Überarbeitung besonders authentisch. Doch das stimmt nicht und ich rate jedem davon ab.


Resüme


Ob etwas spannend ist, entscheidet die Leserin oder der Leser. Und wie beim Witz sollte nichts erklärt werden.

Links:

Spannung – der Unterleib der Literatur
Hans Peter Roentgen, ISBN 978-3-734735325,
https://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1/

Andreas Eschbachs über die Überarbeitung:
http://www.andreaseschbach.de/schreiben/10punkte/10punkte.html

Distanz im Film:
https://filmpuls.info/einstellungen-einstellungsgroesse-bildausschnitt/


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Überarbeitung und Lektorat: Spannung

Überarbeitung und Lektorat: Vampir-Verben II

Der Mensch sieht nicht nur, er kann riechen, schmecken, hören und tasten. All das können Autorinnen nutzen und Autoren auch. Vor allem die ungewöhnlichen Sinnesempfinden sind hilfreich, um im Leser einen Film ablaufen zu lassen. Wer nicht nur kleine, verfallene Häuser wahrnimmt, sondern auch den Geruch nach abgestandenem Urin, ein trauriges Lied aus einem Keller hört, den Verfall schmeckt, die rauen bröckelnden Ziegeln tastet, holt den Leser in die Geschichte.

Vampire der Sinne.

Nur leider gibt es auch hier Vampir-Verben. Die die eigentlichen Wahrnehmungen in den Nebensatz vertreiben, ihnen das Blut aussaugen und im Hauptsatz in den Vordergrund schieben, wer etwas wahrnimmt, ist nicht gut.

Hauptsatz und Hauptsache

007 sah, dass ein Auto auf ihn zuraste

Hauptsatz und damit Hauptsache ist: Er sah etwas. Das ließe sich natürlich noch verschärfen: 007 sah mit seinen Augen, dass …
In der Erstfassung fallen solche Formulierungen nicht auf. In der Überarbeitung und dem Lektorat können Sie den Hauptsatz streichen und die wesentlich Aussagen in Vordergrund schieben:

Ein Auto raste auf 007 zu

Distanz und Perspektive

Schreiben Sie, was passiert, statt wer es wahrnimmt, Dann ist der Leser direkt in der Szene, minimale Distanz. Die Perspektive ist die von 007.

007 sah, dass ein Auto auf ihn zuraste, da haben wir große Distanz, der Hauptsatz, dass er etwas sah, hat sich zwischen das Ereignis und den Leser geschoben. Auch die Perspektive hat sich verändert. Jetzt erzählt uns der Autor, was passiert: 007 sah etwas. Niemand denkt:

Ich sehe, dass ein Auto auf mich zurast.

Das gilt für alle Sinne.

007 roch, dass es im Gang nach alter Pisse stank.

Hier wird zur Hauptsache, dass 007 etwas roch. Was verrät uns der Nebensatz, der deshalb den konkreten Geruch zur Nebensache macht.

Im Gang stank es nach alter Pisse.

Auch für´s Hören, Schmecke, Fühlen gilt dies. Wenn Sie die Sinne direkt benennen, schaffen Sie Distanz. Und erklären als Autor den Leserinnen, dass da etwas wahrgenommen wird. Statt ihnen zu zeigen, was da wahrgenommen wird.

007 hörte, dass Gesang aus dem Keller. → Im Keller sang eine Frau.

007 fühlte, dass die Ziegel unter seinen Händen bröckelten. → Die Ziegel unter seinen Händen bröckelten.

Und wann Wahrnehmung benennen?

Natürlich sind sehen, riechen, hören, keine sinnlosen Wörter. Wenn die Wahrnehmung die Hauptsache ist, dann ist es sinnvoll, sie auch zu benennen.

007 sah NICHT, dass ein Auto heranraste. Oder: 007 sah nicht das heranrasende Auto.

Hier können Sie „sehen“ nicht streichen.

Plötzlich hörte er Gesang aus dem Keller. Auch können Sie das „hören“ nicht streichen, weil es die Hauptsache ist.

Die Dosis macht das Gift

Gefährlich sind die Vampir-Verben der Wahrnehmung, weil sie sich schnell vermehren. Wer immer betont, dass jemand etwas sieht, hat schnell eine ganze Menge von Sätzen der Art. „Sie sah, dass …“

Sie sah, dass die Tulpen im Garten blühten. Sie roch, dass der Flieder duftete. Sie fühlte die milde Luft, die über ihre Wangen strich. Sie hörte die Amseln singen.

Damit schaffen Sie nicht nur Distanz, sondern auch Langeweile mit Sätzen, die alle mit „Sie + wahrnehmen“ anfangen.

Die Tulpen blühten im Garten, der Flieder duftete, milde Luft strich über ihre Wangen und die Amseln sangen.

Natürlich ließe sich das auch noch etwas anschaulicher erzählen, aber besser als sie hörte, er sah, sie roch, er fühlte, sie schmeckte ist es allemal.

Weniger ist mehr

Generell sollten Sie sich bei der Überarbeitung überlegen, was wirklich nötig ist , um die Leser in die Geschichte zu ziehen. Und was schafft Distanz, weil es überflüssig ist und den Leserinnen erzählt, was sie sowieso wissen. Eine Geschichte lebt davon, dass der Autor nicht alles vorkaut. Das wäre ein ausgefülltes Kreuzworträtsel und interessiert niemanden. Lassen Sie den Lesern Raum, den sie füllen können.

Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann. (Antoine de Saint-Exupery, Verfasser von „Der kleine Prinz“)

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Überarbeitung und Lektorat: Vampir-Verben II

Überarbeitung und Lektorat: Vampir-Verben I

Verben, auch Tätigkeitsworte genannt, sind toll. Sie sorgen für das Tempo in der Geschichte, erhöhen die Spannung, lassen einen Film im Leser ablaufen.

007 legte den Gang ein, gab Vollgas, der Aston Martin raste auf das Tor zu, das zersplitterte. Die Bösewichte schrien empört auf und schüttelten ihre Fäuste. Vergeblich. Der Aston Martin schoss die Straße hinab der Freiheit entgegen.

Mit weniger Verben würde das längst nicht so wirken:

Die Steigerung der Gaszufuhr durch den bevollmächtigten Agenten führte zur schnellen Beschleunigung des Wagens und in der Folge wurde eine grundlegende Zerstörung des Tores und eine Möglichkeit der Flucht erreicht.

Soweit, so gut. Aber gilt das auch für alle Verben?
Mitnichten. Es gibt Verben, die unanschaulich sind. Zum Beispiel oben „wurde erreicht“. Und es gibt Hilfsverben (werden, haben, etc.)

Außerdem gibt es Vampir-Verben. Vampir-Verben treten zusammen mit anderen auf und saugen ihnen die Kraft aus.

007 begann, den Gang einzulegen, versuchte, Vollgas zu geben …

Die gleiche Tätigkeit wird durch zwei Verben bestimmt, eins davon wenig anschaulich, das aber für sich die zentrale Stellung verlangt und dem anderen die Lebendigkeit aussaugt. Natürlich muss 007 „beginnen“, „versuchen“. Aber müssen Sie das jedes Mal erwähnen? Viel eindrücklicher, wenn einfach das aktivere, das anschaulichere Verb die Handlung festlegt.
In der ersten Fassung eines Romans verwendet jeder solche Vampir-Verben. Da beginnt der Morgen zu dämmern, der Held fängt an zu laufen, der Bösewicht beginnt seine Intrigen zu spinnen und versucht sie in die Tat umzusetzen.
Deshalb sind Überarbeitung und Lektorat so wichtig. Dort streichen Sie alle Vampir-Verben. Die Delete-Taste hilft hervorragend gegen Vampire. Und Sie werden feststellen: Allein dadurch wirkt ihr Text lebendiger, aktiver, lässt im Leser einen Film ablaufen.
Und was sind die üblichen Verdächtigen, auf die Sie bei der Überarbeitung achten sollten? Hier stelle ich die Wichtigsten vor:

Beginnen

Er begann zu laufen.

Laufen ist ein inhaltlich starkes Verb, das Bilder wecken kann. Beginnen ist schwach, irgendwann beginnt natürlich alles. Aber muss man das auch sagen? Besser: Er lief los.
Dann kann „beginnen“ nicht mehr beginnen, dem Verb „laufen“ das Blut auszusaugen.

Anfangen

„Anfangen“ ist der Cousin von „beginnen“. Auch „anfangen“ können Sie bei der Überarbeitung anfangen zu streichen Oder besser gesagt: Streichen Sie es.

Versuchen

Er versuchte, den Wagen zu starten. Der Motor sprang an, der Wagen fuhr an.

Versuchen Sie besser, ohne Versuchen auszukommen: Er startete den Wagen, der Motor sprang an …
Wie bei allen Vampir-Verben gibt es Stellen, da sind diese Verben dennoch nützlich.
Er versuchte, den Motor zu starten. Doch der röchelte nur.
Da schwächt „versuchen“ das Verb „starten“ zurecht. Hier passt es, dem Verb „starten“ die Kraft zu nehmen.

Bekommen

Ich bekam eine Gänsehaut, die mir den Rücken hinab lief.
Warum nicht gleich: Eine Gänsehaut lief mir den Rücken hinab.

Spüren

Er spürte, dass sich sein Herzschlag beschleunigte.
Auch da saugt das Vampir-Verb „spüren“ die Kraft aus dem beschleunigten Herzschlag. „Spüren“ steht im Hauptsatz, ist also das Wichtigste. Und schwächt das wirklich Wichtige: den beschleunigten Herzschlag.
Sein Herzschlag beschleunigte sich, das hat mehr Blut und Leben.

Scheinen

Alles schien sich zu verändern und das Licht schien zu erlöschen.

Fassen Sie Mut, liebe Autorin, lieber Autor. In der ersten Fassung weiß man noch nicht sicher, was passiert, da verwendet man gerne »scheinen«. Bei der Überarbeitung sollten Sie klar sagen, was Sache ist. Erlischt das Licht oder erlischt es nicht? Wenn Sie es nicht wissen, wer dann? Solche Konstruktionen scheinen dem Leser ein Zeichen dafür zu sein, dass der Autor sich nicht festlegen will.
Das Licht erlosch langsam, alles veränderte sich, da wird der Szene nicht das Blut ausgesaugt, sie bleibt lebendig.

Befinden

Er befand sich in einem Wald voller Gefahren.
Die Reise befand sich in der kritischen Phase.

Da wird zwar keinem Verb das Blut ausgesagt, besonders lebendig klingt der Satz dennoch nicht. »Befinden« ist ein statisches Verb, erinnert an Beamtendeutsch.

Immer wieder knackten Zweige und ließen ihn zusammenfahren. Gab es hier Schneelöwen? hat mehr Blut als im Wald befindliche Gefahren.
Der Täter befand sich in alkoholisiertem Zustand kann sich in einem Polizeibericht befinden, in einem spannenden Roman sollte der Autor aktiver formulieren.

Der Täter wankte, er hatte dem Eisbier mehr zugesprochen, als gut für ihn war, klingt doch etwas lebendiger.

Vampire zu streichen, kann zur Gewohnheit werden

Vampir-Verben zu verbessern ist einfach. Und Sie werden bald feststellen, dass Sie in der Überarbeitung beginnen werden, „beginnen“ & Co. automatisch zu streichen. Das wird schnell zu einem Reflex, der Ihre Texte ohne viel Arbeit besser macht. Und nach kurzer Zeit werden Sie auch in der ersten Fassung viel weniger Blut durch Vampire verlieren.
Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Blog beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es zu kommentieren!

Was dem Lektorat auffällt
Was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

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