Romantitel finden

Das Manuskript ist fertig. Doch wie soll das neue Baby heißen? Die Titelsuche hat schon manchen Autor zur Verzweiflung gebracht. Hier gibt es ein paar Tipps.

Brainstorming – das Hirn stürmen lassen

Brainstorming kommt, wie so vieles, aus den USA. Mit Brainstorming sollen neue Ideen gefunden werden.

Das Prinzip ist einfach: Erst mal alles akzeptieren, was einem einfällt, damit der innere Kritiker nicht gleich alles totschlägt mit dem Ruf: »Das geht gar nicht.«

In der ersten Phase ist also Kritik tabu. Der innere Kritiker darf ins Café gehen, jetzt hat er nichts zu tun, egal, ob Sie als Einzelner oder in einer Gruppe brainstormen. Die erste Phase dient dazu, möglichst viele Titel zu finden, egal wie gut oder schlecht sie sind. Und es gibt zahlreiche Möglichkeiten, auf Ideen zu kommen.

Lassen Sie sich ruhig Zeit. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut und ein guter Titel braucht mehr als zehn Minuten Brainstorming. Schlafen Sie erst einmal über die Liste möglicher Titel, bevor Sie sie bewerten.

Erfolgreiche Titel

Ein Blick in die Bestsellerlisten und die Filmlisten lohnt immer. Welche Titel gibt es da? Was spricht Sie an? Natürlich können Sie nicht einfach Titel kopieren, das verbietet schon der Titelschutz, dazu später.

Aber Sie können Titel abwandeln. »Es war einmal in Amerika«, wie wäre es mit »Es war einmal in Buxtehude«? Nein, jetzt nicht sagen: »Was für ein Quatsch«. Wir finden Ideen, sind in den Hirnstürmen, das ist kein Klima für Kritiker.

»Die Säulen der Erde«, wie wäre es mit »Die Wolken in Hamburg«? Oder »Was Hamburg trägt«? Oder »Einstürzende Säulen der Welt«?

Spinnen Sie einfach alles aus, was Ihnen einfällt.

Werbesprüche

Auch Werbesprüche eignen sich als Vorbild. »Das weißeste Weiß meines Lebens«, wie wäre es mit »Das röteste Blut meines Lebens«? Oder aus »IPhone – fast zu schnell, um wahr zu sein« wird »Fast zu tot, um wahr zu sein«. Vielleicht auch »Zu verliebt, um wahr zu sein«? Noch einmal: Wir suchen Titel, bewerten werden wir sie später.

Gegensätze

Gegensätze eignen sich hervorragend als Titel. »Krieg und Frieden«, »Liebe und Hass«, »Der Mond ist unsere Sonne«, »Ein Lied von Eis und Feuer«. Auch damit kann man hervorragend spielen.

Sprichwörter und Redensarten

Auch Sprichwörter, die jeder kennt, bieten sich an. »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr«. Wie wäre es mit »Was Hänschen nicht lernt …«? Oder » … lernt Hans nimmermehr«?

»Dame, König, As, Spion« verwendet die bekannten Spielkarten im Deutschen. Der englische Originaltitel verwendet einen englischen Spruch: »Tinker, Tailor, Soldier, Spy«. Beides spielt in der Geschichte eine zentrale Rolle.

Einprägsame Formulierungen

»Die Stunde des Jägers« gibt es in unendlich vielen Varianten. »Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin«, »In Zeiten des abnehmenden Lichts« sind einprägsame Titel, die in Erinnerung bleiben.

Titel kombinieren

Man kann Titel auch kombinieren. »In Zeiten des kalten Feuers« oder »Böse Mädchen und gute Jäger«. Wie gesagt: Am Anfang werden die Titel nicht bewertet, da kommt es darauf an, möglichst viele zu finden.

Titel bewerten

Wenn Sie eine lange Liste möglicher Titel haben, gehts an die Bewertung. Und wonach bewertet man die Titel?

Emotionen und Assoziationen

Das Wichtigste sind die Emotionen, die ein Titel weckt. Nicht irgendwelche, sondern genau die, die zum Buch passen. Wichtig ist auch, welche Assoziationen der Titel weckt. Ein Titel, der die Assoziation eines Liebesromans weckt, ist für Science Fiction weniger geeignet.

Der Titel sollte die gleichen Emotionen ansprechen, die das Buch anspricht. »Leberknödelblues« ist gut für einen witzigen Text, der in Bayern spielt, aber nicht für einen Hardboiled-Krimi in Hamburg.
»Schuld und Sühne« weckt Emotionen, »Verbrechen und Strafe« wie es in der neueren Übersetzung heißt, nicht. Das englische »Crime and punishment« hat wiederum Emotionen. »Übertretung und Zurechtweisung«, eine andere Übersetzung, klingt ebenfalls blass im Deutschen.

Achten Sie auf die Emotionen und welcher Titel die beste Wirkung hat.

Wiedererkennung

Ihren Titel sollten die Interessenten natürlich sofort wiedererkennen und möglichst im Gedächtnis behalten. Deshalb eignen sich einprägsame Formulierungen so gut als Romantitel, selbst wenn sie länger sind. »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« bleibt trotz der Länge im Gedächtnis, weil er etwas Unerwartetes beschreibt. »Der Fünfzehnjährige, der aus dem Fenster stieg« bleibt längst nicht so gut haften. Und auch nicht alle die Nachdichtungen im Stile von »Der Lehrer, der in den Kastanienbaum stieg«. Wenn Sie einen Titel wählen, der sich an einen bekannten anlehnt, dann sollte er sich gleichzeitig unterscheiden und überraschen. »Vier Seiten für ein Halleluja« spielen auf Bud Spencer und Terence Hill an.

Orte

Orte, die im Roman vorkommen, sind ebenfalls gut, wenn sie Emotionen wecken. »Ein Haus in der Toskana«, »Entscheidung am Matterhorn« oder »Nebel vor Norderney«. Auch hier ist es wichtig, dass man darauf achtet, welche Emotionen ein Titel weckt. »Nebel vor Starnberg« hat sicher nicht die gleiche Wirkung wie »Nebel vor Norderney« und »Das Licht der Provence« hat eine andere Wirkung als »das Licht Grönlands«

Gegenstände

Gibt es einen Gegenstand in Ihrem Roman, der immer wieder eine Rolle spielt? »Die Säulen der Erde« war ein guter Titel, schließlich ging es um Kathedralenbau. »Das Parfüm« desgleichen, denn darum ging es in dem Buch.

Personen

Bekannte Personennamen aus Ihrer Geschichte, aber auch historische Namen eignen sich ebenfalls, z.B. »Napoleon ist an allem schuld«. Auch hier sollte man auf die Emotionen und Assoziationen achten. »Die Buddenbrooks« wecken die Vorstellung eines Familienromans in Norddeutschland. Man kann Namen auch mit Eigenschaften kombinieren: »Der talentierte Mr. Ripley«. Auch hier zählen die Nuancen. »Der kluge Mr. Ripley« wirkt nicht so gut.

Auch die Namen sollten ungewöhnlich sein. »Elisabeth Meier« eignet sich vermutlich nicht.

Sätze aus dem Manuskript

Gibt es besonders eindrückliche Sätze in Ihrem Text? Auch die können eine gute Vorlage für Titel bilden.

Klang und Poesie

Sprechen Sie einen Titel laut aus. Wie klingt er? Hat er Poesie, Rhythmus, Alliteration? »Nebel vor Norderney« ist eine Alliteration mit Vokalen, die den Rhythmus stützen. »Nebel vor Borkum« klingt nicht ganz so gut. Und »Nebel vor Wanne-Eickel« passt gar nicht. Dagegen könnte »Die Morde von Wanne-Eickel« wirken, weil der Ort die Assoziation »bieder« weckt. Ein Ort, in dem es bestenfalls Taschendiebstähle, aber keine interessanten Morde geben kann. Ich weiß, ein Vorurteil, aber auch damit muss man rechnen.

»Der Name der Rose«, »Der alte Mann und das Meer« sind poetische Titel, »Die Liebe in den Zeiten der Cholera« ebenfalls, da wirkt zusätzlich der Gegensatz »Liebe« und »Cholera«.

Genre

Natürlich muss der Titel zum Genre passen. Vergleichen Sie Ihren Titel mit anderen aus Ihrem Genre. Fragen Sie Leser Ihres Genres, ob Ihr Titel sie reizen würde, das Buch anzusehen.

Pitch

»Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg«, ist gleichzeitig der Pitch des Romans. Ein kurzer, knackiger Pitch kann einen wunderbaren Titel geben. »Ein Kampf um Rom« und »Games of Thrones« sind solche Titel. Für den Pitch siehe auch: https://hproentgen.wordpress.com/2018/02/09/sieben-pitchtypen-fuer-autoren/

Testen

Probieren geht über studieren. Bereits im Brainstorming lohnt es sich, mit anderen das Hirn auf Trab zu bringen. Und wenn Sie einen Titel haben, stellen Sie ihn einigen Testlesern vor. Was würden diese von einem Roman mit diesem Titel erwarten?

Der große Titel

Die besten Titel fallen einem ganz unerwartet ein. Titel, bei denen man sofort weiß: Das ist es! Sie fallen einem unter der Dusche ein, in der S-Bahn, beim Salat putzen. Schreiben Sie sie sofort auf, der Salat kann warten. Deshalb lohnt es sich, sich mit der Titelsuche Zeit zu lassen. Solche großen Titel sind ein Geschenk, man darf darauf hoffen, aber nicht immer klappt es.
»Harry Potter« hat auch für einen Bestseller gereicht. Und hat viele Briten angesprochen, denn es gibt die berühmte Kinderbuchautorin Miss Potter, die die Geschichten um »Peter Hase« geschrieben hat. Den Namen kennen die meisten Briten. Auch solche Assoziationen sind nützlich.

Titelschutz

Titel genießen Titelschutz, haben also ein Urheberrecht. Allerdings nur, wenn sie ein eigenes Schöpfungsniveau haben. »Liebe« dürfte kaum unter Titelschutz fallen. Wichtig ist, dass eine Verwechslungsgefahr ausgeschlossen ist. »Der Neunundneunzigjährige, der aus dem Fenster stieg« würde angefochten werden. Näheres finden Sie unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Titelschutz

Und jetzt lassen Sie Ihr Hirn frei, damit es möglichst viele einprägsame Titel brainstormen möge!

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Autoren, lasst einen Film ablaufen!

Viele Texte, die ich erhalte, sind gute Geschichten. Und wirken dennoch nicht, sondern reizen eher zum Gähnen. Weil die Autorinnen und Autoren einen Fehler machen. Sie wollen ihre Geschichte so schreiben, dass im Kopf des Lesers genau derselbe Film entsteht, der beim Autor läuft. Es kommt aber nicht darauf an, dass der Film beim Autor abläuft, sondern bei der Leserin, und ihr ihr eigener Film zugestanden wird. Das wird durch zu faktengenaues Nacherzählen des eigenen Kopfkinos eben nicht erreicht.

Geschichtenerzählen ist etwas anderes als Nacherzählen. Wichtig ist es, so zu erzählen, dass im Kopf der Leser ein Film abläuft. Es nützt nichts, wenn der Film im Kopf des Autors abläuft und dann versucht wird, den Film 1:1 auf den Leser zu übertragen. – Das ist so spannend wie ein ausgefülltes Kreuzworträtsel.

Den Film erzeugen

Der Autor muss den Leserinnen und Lesern die Bilder liefern, aus denen sie selbst den Film drehen. Beim klassischen Krimi ist das klar: Der Autor liefert Indizien, falsche und richtige Spuren, und der Leser hat das Vergnügen, daraus den Tathergang und damit den Film zu erstellen. Mit vielen falschen Versuchen – nicht jedes Puzzlestück gehört dahin, wo der Leser es beim ersten Versuch einbaut.

Der Anfang startet den richtigen Film

Der Anfang ist wichtig, das weiß jede Autorin. Er stimmt den Leser auf das ein, was kommen wird, hilft ihm, die Geschichte in einen Film zu verwandeln.

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“ stimmt den Leser auf einen Familienroman ein und entsprechend wird er die Bilder in den Film integrieren (Anna Karenina, Lew Tolstoj).

Der Streifenwagen zog leicht nach rechts“ stimmt auf einen Krimi ein mit knappen und kurzen Stil (Der Coyote wartete, Tony Hillerman)

„Show don`t Tell“ liefert die Bilder

Allgemeine Aussagen und Wertungen liefern keine Bilder. „Der Hund sah gefährlich aus“, was soll die Leserin da für Bilder erzeugen? „Ein Kampfhund“ ist viel eindrücklicher und liefert ein Bild, das der Leser in seinen Film einbauen kann.

Nacherzählen ist ein Filmkiller

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“, lässt Shakespeare Julia sagen, und der Zuhörer ahnt, dass es doch die Lerche sein wird. Das weckt Bilder von Gefahr. Shakespeare schreibt aber nicht: „Dann trennten sie sich, denn es wurde hell.“ Das wäre Shakespeares Autorenstimme, nicht die von Julia.

Der Autor hält den Mund

Wenn die Erzählerin ihre eigene Geschichte kommentiert, nimmt sie dem Leser die Freude, den Film abzuspielen. Sie schreibt ihm vor, wie der Film ablaufen soll. Leser merken sofort, wenn der Autor etwas kommentiert, statt Bilder für den Leserfilm zu liefern.

Die Erzählstimme

Die Erzählstimme erzählt die Geschichte. Wichtig: Die Erzählstimme ist nicht die Stimme des Autors, sondern die Stimme, die die Geschichte erzählt. Mit ihrem Ton, ihrem Stil bestimmt sie das Feeling des Films, den der Leser dreht.

Schon zehn Minuten nach drei und noch keine Spur von Colin. Nick ließ den Basketball auf dem Asphalt aufschlagen, fing ihn einmal mit der rechten, dann mit der linken, dann wieder mit der rechten Hand auf“ (Erebos, U.Poznanski). Wenn die Heldin eine Sechzehnjährige ist, sollte die Erzählstimme entsprechend klingen, um den Film zu starten. Wenn stattdessen die Stimme des sechzigjährigen Autors durchklingt, funktioniert der Filmaufbau nicht: „Nick war ein sechzehnjähriger Schüler, der ungeduldig war und auf seinen Freund Colin wartete, damit er mit ihm Basketball spielen konnte“.

Der Flow, der den Film erzeugt

„Flow“ ist ein Begriff aus der Psychologie, das Flow-Konzept bezieht sich, kurz gesagt, auf das positive Erleben bei der Ausübung von Tätigkeiten. Flow ist das, was man empfindet, wenn man komplett in einer Tätigkeit aufgeht. Und genau das ist beim Lesen wichtig. Der Leser soll in der Geschichte und in seinem eigenen Film aufgehen.

(https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/klassenzimmer/welche-rolle-spielt-flow-bei-der-leselust-von-jugendlichen-17183026.html)

Die Zielgruppe und das Genre

An wen richtet sich der Film? Das bestimmt auch, was erzählt werden muss, damit der Film ablaufen kann. Einem Science-Fiction-Leser muss man nicht sagen, was eine Zeitreise ist. Einem Leser von Historienromanen nicht, wer Karl der Große war. Aber in einem historischen Roman um eine Schuhmacherin muss klar werden, wie damals Schuhe gefertigt wurden. Ein Roman, der in der U-Bahn gelesen werden kann, braucht klarere Bilder als ein literarischer Roman, den man am Wochenende liest.

Aber auch hier gilt: Bitte nicht mit der Stimme des Autors erzählen, sondern mit passender Erzählstimme, und „Show, don´t tell“ nicht vergessen.

Jede Leserin baut einen anderen Film

Das wird viele Autoren betrüben. Ein gutes Buch kann der Leserin nicht vorschreiben, wie ihr Film aussieht, den sie sich aufgrund der Geschichte aufbaut. Je nach individuellen Hintergründen, Erfahrungen und Lebensumständen drehen Leserinnen eigene Filme. Bücher, die ihnen die Sicht des Autors einhämmern wollen, die keinen Spielraum lassen, sind Puzzles, die die Autorin bereits zusammengesetzt hat, damit jeder Leser ihre Sicht übernimmt. Leider (oder Gott sei Dank) sind sie nicht spannender als ausgefüllte Kreuzworträtsel.

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Lektoratsbeispiele

Wollt ihr eure ersten vier Seiten kostenlos lektorieren lassen?

Dann schickt sie an Lektoratsbeispiele.de. In Zusammenarbeit mit dem Selfpublisher-Verband wird der Text von vielen unterschiedlichen Lektorinnen und Lektoren lektoriert, um zu zeigen, was Lektorat kann, wie es Texte verbessert und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es gibt.

Jeder, der möchte, kann seinen unveröffentlichten Romananfang einreichen, max. 7000 Anschläge. Aus den Einreichungen wird einer durch Zufallswahl bestimmt, das richtet sich nicht nach der Qualität der Texte. Die Lektorate und der Ursprungstext werden von http://www.lektoratbeispiele.de anonym veröffentlicht.

Die Texte bitte im Word-Format (DOC, DOCX, RTF) senden an:
texte@lektoratsbeispiele.de

Die Autorin bzw. der Autor des ausgewählten Textes erhält das Recht, alle Verbesserungsvorschläge, Änderungen und Anmerkungen für seinen Text zu verwenden. Im Gegenzug gibt sie oder er den teilnehmenden Lektorinnen und Lektoren das Recht, diesen Text samt Lektorat auf der Seite Lektoratsbeispiele.de und ihren eigenen Seiten zu veröffentlichen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmern entstehen keinerlei Kosten, sie erhalten auch keine Gelder für ihre Lektorate oder den lektorierten Text.

Hans Peter Roentgen
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Lektoratsbeispiele

12 Dinge über Dialoge, die Autoren wissen sollten

Dialoge können fesseln, aber auch langweilig sein. Hier finden Sie 12 Tipps, wie Sie spannende Dialoge schreiben können.

Ein Dialog ist ein Ping-Pong Spiel

Sie kennen Ping-Pong, auch Tischtennis genannt? Der Ball fliegt zwischen den Spielern hin und her, und je besser die Spieler, desto schneller der Ballwechsel.

So funktioniert auch ein guter Dialog. Die Sätze fliegen zwischen den Kontrahenten hin und her. Unnötige Erklärungen, langatmiges Formulieren führen dazu, dass der Dialog im Aus landet, sprich: Er wird nicht mehr gelesen.

Halten Sie sich das Ping-Pong-Spiel immer vor Augen, wenn Sie einen Dialog schreiben oder korrigieren. Sehen sie sich gute Dialogszenen im Film an, und lesen Sie solche.

Kurze Sätze, keine komplexe Grammatik

Es gibt Langweiler, die endlos reden. Aber wen interessiert das, was sie sagen? Spannende Dialoge haben kurze Sätze, kaum Nebensätze, meist nur Hauptsätze. Auch in der Realität spricht kaum jemand wie Thomas Mann. Es sei denn, es handelt sich um einen Philosophieprofessor, der seine Zuhörer langweilt.

Besser sind die Schmetterbälle, schnell hin und her, und beide Spieler wollen gewinnen. Auch im Dialog wollen die Sprecher gewinnen. Mit langsamen, hoch geschlagenen Bällen geht das nicht.

Konflikt, kein Small Talk

Small Talk ist im wahren Leben ungeheuer wichtig. Man versichert sich, dass man auf der gleichen Wellenlänge liegt, dass man sich schätzt, dass man höflich ist. Im Roman geht es jedoch nicht um Höflichkeit und auch nicht um politische Korrektheit.

 „Guten Tag!“

Hallo!“

Wie geht es dir?“

Gut. Und dir?“

Auch gut. Weißt du schon, die CoronaInfektionszahlen sind schon wieder gestiegen.“
„Ja, habe ich gerade gelesen. Finde ich furchtbar. Und du?“

Schrecklich.“

 Damit gewinnt man keine Leser und kein Ping-Pong-Spiel. Was unterscheidet die Ziele, die Weltsicht der Sprecher? Das liefert Ihnen die Chance, gute Matchbälle zu schlagen.

 „Die Coronazahlen sind …“

Du mit deinen Coronazahlen! Die sollten Corona einfach laufen lassen.“
„Und deine Oma soll dran sterben?“

Die ist sowieso schon halb tot und überlebt das Jahr nicht!“

 Nicht gerade angenehme Zeitgenossen, die hier sprechen. Aber angenehme Zeitgenossen machen keinen spannenden Roman. Warum sonst werden die Krimis mit fiesen Mördern haufenweise gelesen?

Jeder spricht anders

Jeder hat eine Herkunft, eine andere Ausbildung, individuelle Ziele und Wünsche. Und jeder Sprecher hat dementsprechend eine unverwechselbare Sprache. Beim BKA analysiert man Erpresserbriefe und andere Texte, um sie anhand der Sprache zuzuordnen. Mittlerweile gibt es eigene Sprachprofiler dafür.

Ein bedächtiger Mensch spricht anders als ein Draufgänger, ein Hauptschüler anders als ein Uni-Absolvent, ein Bayer anders als ein Uckermärker. Nutzen Sie das. Lassen Sie nicht alle in Ihrem Tonfall sprechen, dem Tonfall der Autorin. Verwandeln Sie sich in die Dialogpartner. Was sind das für Menschen? Wie würden sie reden? Schüchtern drum herumreden? Direkt und knapp? 

Zwischen den Zeilen findet sich das Wesentliche

Was für ein Mann ist Kapitän Renault?“, fragt die junge Bulgarin in Casablanca.

Wie jeder Mann, nur etwas mehr“, antwortet Rick.

 Das, was wichtig ist, wird hier nicht mit Worten gesagt, sondern ergibt sich aus dem Kontext. Er ist ständig hinter Frauen her, steht zwischen den Zeilen. Ein Schürzenjäger. Aber davon findet sich kein Wort im Text. Vieles im Dialog wird nicht ausgesprochen. Und dadurch wirkt es viel eindrücklicher. „Kapitän Renault ist ein Schürzenjäger und denkt immer an Sex“, das wäre sehr viel weniger spannend.

Du bist nicht Gott.“

An irgend jemand muss man sich doch ein Beispiel nehmen.“

 Dieser Dialog aus einem Woody-Allen-Film sagt auch nicht direkt in Worten, was gemeint ist. Der eine wirft dem anderen vor, dass er sich für unfehlbar hält, und der andere kontert. Vergleichen Sie das einmal mit dem folgenden Dialog: 

Du glaubst, du weißt alles besser. Mich nervt das immer, da kriege ich ein schlechtes Gefühl, wenn du mich ständig korrigierst.“

Da irrst du dich, ich will dich nicht korrigieren, ich weiß, dass man das im Gespräch nicht tun soll und beherzige diese Erkenntnis.“ 

Was würden Ihre Dialogsprecher auf gar keinen Fall direkt sagen? Und wie würden sie es umschreiben?

Sparsam mit Körpersprache

Gerne werden im Dialog Aktionen der Sprecher beschrieben, um den Dialog zu unterstreichen, und um Dinge anzuzeigen, die nicht im Dialogtext stehen. Das kann sehr wirkungsvoll sein, aber Sie sollten es mit Vorsicht einsetzen. Viel hilft auch hier nicht viel, weniger ist oft mehr.

Die Körpersprache sollte auch wirklich Bedeutung haben. Wenn sich der Sprecher zehnmal über die Glatze streicht, verpufft die Wirkung, und es bremst das Tempo.

Das geht schief.“ Der Finanzcontroller kratzte sich an der Nase.
„Wir haben dafür keine Kapazitäten“, sagte der Personalleiter und strich sich über die Glatze.
„Das Programm funktioniert noch nicht einwandfrei.“ Der Entwicklungschef fuhr sich übers Haar.

Wir führen es morgen auf der Messe vor“, bestimmte der Direktor und schaute ernst in die Runde.

Gerade das In-die-Runde-Schauen ist sehr beliebt, sagt aber wenig aus. Wählen Sie eine aussagekräftigere Körpersprache. 

Das geht schief.“ Der Finanzcontroller knackte mit den Knöcheln.
„Verdammt noch mal, wir haben dafür keine Kapazitäten!“, sagte der Personalleiter.
„Das Programm hat mehr Fehler als ein Straßenköter Flöhe“, sagte der Entwicklungsleiter.

Der Direktor nahm seine Brille ab und faltete sie sorgfältig auf dem Tisch zusammen. „Wir führen es morgen auf der Messe vor“, bestimmte er. 

Jetzt sind es nur noch zwei körpersprachliche Elemente, die dafür aber eindeutiger sind. Und ein Teil dessen, was im ersten Beispiel über Körpersprache ausgedrückt wird, steht jetzt im Dialogtext. Dass der Personalleiter und der Entwicklungschef gar nicht glücklich sind, ergibt sich aus dem, was sie sagen, da benötigt man keine Körpersprache. Und dass der Boss die Brille abnimmt und auf den Tisch legt, zeigt deutlich, dass das sein letztes Wort ist.

Sagte sie, sagte er“ – das reicht

Im Dialog wird oft der Sprecher genannt (sagte der Vater, rief der Bulle), in der Fachsprache heißen diese Hinweise „Inquits“.  Das sind formelhafte Elemente, um den Sprecher zu bezeichnen. Leserinnen nehmen sie als Formeln wahr, die festlegen, wer spricht. Deshalb müssen Sie sich nicht mühsam Synonyme suchen (flüsterte er, wisperte sie, antwortete er, grollte sie).

Sie können auch in einem langen Dialog bei „sagte sie / er“ bleiben. Weil das Formeln sind, stört die Wiederholung hier nicht.

Sparsam mit Inquits

Sie müssen nicht jeden Dialogabschnitt mit einem Inquit abschließen. Wenn klar ist, wer spricht, könnten Sie „sagte sie“ weglassen und nur manchmal erwähnen, wer der Sprecher ist. Der Dialog wird dadurch schneller und knapper. Hier ein Beispieldialog zwischen Mutter und pubertierendem Sohn. 

Du bleibst hier“, sagte seine Mutter.

Du hast mir nichts zu befehlen.“

Du willst dich nur zusaufen wie letzten Abend.“

Ich treff mich mit Freunden! Wir machen Hausaufgaben.“

Die garantiert viel Alkohol enthalten, möchte ich wetten.“ 

Hier ist immer klar, wer spricht. Das wird auch dadurch sichergestellt, dass Mutter und Sohn ganz unterschiedliche Ziele und Motive haben, also eine Verwechslung gar nicht möglich ist (siehe Punkt 4 oben).

Dreifach gemoppelt ist zweimal zu viel

Du Arschloch!“, schrie er wütend.

In diesem kurzen Abschnitt wird dreimal dasselbe gesagt, nämlich, dass der Sprecher wütend ist. Vertrauen Sie Ihren Lesern, sie werden automatisch begreifen, dass der Sprecher auf 180 ist. Es reicht „Du Arschloch!“. Gerade bei emotional aufgeladenen Szenen wirkt ein knapper Dialog besser, da er Tempo hat und die angespannte Situation besser erleben lässt.

Ein guter Dialog ist einer, in dem der Text bereits Stimmung und Emotion des Sprechers verrät. Aber wie immer gibt es Ausnahmen.

„Du Idiot“, sagte er lachend.

Da kann man auf das Adjektiv nicht verzichten, weil „Idiot“ hier keine Beleidigung ist, sondern eine Frotzelei unter Freunden.

Unvollständige Sätze

Woran erkennt man, dass zwei Menschen streiten? Nicht nur an der Lautstärke, sondern auch daran, dass sie einander nicht ausreden lassen. Und dass die Sätze kürzer werden, je emotionaler der Streit wird. Nehmen wir mal eine Meinungsverschiedenheit zwischen einem Mafiaboss und seinem Killer. 

Ich möchte keine Nonne erschießen, das geht gegen mein Gewissen“, sagte der Killer.

Joe, das ist keine Nonne, das ist Susan aus dem Nachtclub“, erwiderte der Boss. „Also tu deine Pflicht und drück ab.“

Ich werde in der Hölle landen deswegen und meine Mutter unglücklich machen.“
„Du hast so viele umgelegt, dann kannst du die jetzt auch töten.“

Aber Boss, das ist eine Nonne, und meine Mutter wollte immer, dass ich Nonnen ehre und beschütze, das steht auch im Beichtbrevier, das ich habe.“

Wenn du es beichtest, wird dir jede Schuld erlassen, so steht es im kanonischen Recht §47 über die Beichte und die Vergebung.“ 

Ganz klar, niemand würde in so einer Situation so reden. Erinnern Sie sich an das Ping-Pong-Spiel? Heftige Szenen benötigen ein schnelles Spiel. 

Ich kann keine Nonne …“

Das ist keine Nonne, das ist Susan.“

Aber das Habit …“

Drück endlich ab!“ 

Ach ja, das ist auch so ein Dialog, in dem Sie gar keine Inquit-Formeln benötigen. 

Dialekt im Dialog

Dialekt kann einen Sprecher identifizieren. Ein Bayer spricht anders ein Berliner. Und heute haben viele Gebildete jeden Dialekt abgelegt, auch das ist ein Kennzeichen.

Nur leider gibt es ein Problem: Wenn Sie jemanden richtiges Niederbayrisch reden lassen, werden sich alle Nicht-Bayern schwer tun, es zu verstehen. Sie müssen erst mal die Sprache übersetzen und können nicht der Geschichte folgen.

Verwenden Sie also nur einzelne Wörter oder Satzwendungen im Dialog, die den Leser daran erinnern: Das ist der Bayer, das der Berliner. Gerade grammatikalische Konstruktionen sind typisch für Dialekte.  

Das geht nicht, weil das ist verboten.“ (Umgangssprache)
„Das ist dem Chef sein Steckenpferd.“ (Ruhrgebiets-Genitiv)
 

Gleiches gilt, wenn Sie Menschen sprechen lassen, die eine andere Muttersprache haben und nur gebrochen Deutsch reden. Auch da sollte man nicht übertreiben. Und notfalls jemanden um Rat fragen, der den Dialekt sprechen kann oder Muttersprachler der fremden ist. Denn es ist nicht so einfach, einen Deutschtürken reden zu lassen, wenn man selbst gar kein Türkisch kann und nicht weiß, welche typischen Formulierungen jemand aus diesem Sprachkreis benutzt.

Und bitte, bitte, bleiben Sie dabei. Jemanden erst gebrochen Deutsch sprechen zu lassen, der dann in perfektem Hochdeutsch fortfährt, das fällt auf. Passiert übrigens immer wieder Erpressern, die ihre Briefe abfassen, als wären sie Türken, dann aber die Geldübergabe in perfektem Deutsch formulieren. Da freut sich der Sprachprofiler!

Dialoge testen

Lesen sie sich Ihre Texte laut vor. Sie werden erstaunt sein, wie viele Stolpersteine und unglückliche Formulierungen Sie dabei entdecken. Noch besser: Lassen Sie ihn sich von einem Freund vorlesen. Es gibt auch Sprechprogramme, die Texte vorlesen. Da diese keine Betonungen verwenden, fallen unglücklich formulierte Stellen dabei besonders auf.

Wenn Sie unsicher sind, testen Sie einfach mehrere Fassungen. Streichen Sie zum Beispiel auf einer Seite alle Inquits (sagte er, sagte sie), und legen Sie beide Seiten nebeneinander. Sie werden schnell sehen, welche Sie benötigen und welche nicht.

Die Methode funktioniert für alle Tipps, die ich genannt habe. Einen Tipp umsetzen und den Text überarbeiten – und dann beide Fassungen nebeneinanderlegen. Das schärft Ihr Bewusstsein dafür, was nötig ist und was nicht.

Wenn Sie noch nicht viel Erfahrung damit haben, Dialoge zu überarbeiten, dann ändern Sie nicht gleich alles, sondern nur eine Sache, damit deutlicher wird, wie diese Änderung wirkt. Und dann lesen Sie sich Ihren Text laut vor.

Und gerade habe ich ein faszinierendes Beispiel für Dialoge gesehen. Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ verfilmt von der BBC. Das Werk ist über 200 Jahre alt, aber Austen zeigt, wie man auch aus nichtssagenden Dialogen der besseren Gesellschaft Spannung herausholen kann, in dem man das, was nicht gesagt wird, hinter den Worten hervorscheinen lässt.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

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12 Dinge über Dialoge, die Autoren wissen sollten

Sieben Tipps für spannende Beschreibungen

Wie beschreibe ich Landschaften, Gebäude und Historie? Beschreibungen können tückisch sein, sie bremsen den Lesefluss. Lektorinnen streichen sie gerne. Aber sie sind notwendig, vor allem in Fantasy und historischen Romanen.

Ich möchte Ihnen hier ein paar Tricks verraten, wie Sie spannende Beschreibungen schreiben können, die Leser nicht überblättern.

1. Was wissen die Leser bereits?

Vermeiden Sie Beschreibungen, die den Leserinnen nichts Neues verraten.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Die Häuser sahen alle gleich aus, mit Balkons und kleinen Vorgärten und Garage. Sie hatten Dachfenster, um den Raum möglichst optimal auszunutzen, und der Garten dahinter hatte eine kleine Hütte für Werkzeug und eine Verandatür …“

Jeder kennt typische Vorortsiedlungen. Wenn Sie obiges Beispiel über eine halbe Seite ausdehnen, haben Sie gute Chancen, dass Leserinnen es überblättern. Oder, falls Sie viele solche Beschreibungen einbauen, dass sie das Buch zuklappen.

2. Mit den Gefühlen des Helden verbinden

Lassen Sie den Leser erleben, was der Protagonist fühlt. Was fällt ihm ein, wenn er den Ort sieht? Das beschreibt ihn viel nachdrücklicher als eine Aufzählung.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Eine typische Vorortsiedlung, die Häuser sahen alle gleich aus, und Kommissar Gronninger schauderte. Die nächste Kneipe war vermutlich zwei Kilometer entfernt und der Bus fuhr nur jede halbe Stunde. Wenn überhaupt.
Aber Killer John würde sich hier wohlfühlen. Er würde seinen Charme sprühen lassen, die Nachbarn würden ihn zu Grillpartys einladen, die Frauen über seine Witze lachen und die Männer ihn mit finsteren Blicken bedenken.“

3. Handlung beschreibt am besten

Statt einfach Elemente des Umfelds aufzuzählen, ist es viel wirkungsvoller, wenn der Ort aus der Handlung heraus beschrieben wird.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Vor dem Haus bremste Harry, und Kommissar Gronninger sprang aus dem Wagen, bevor er zum Stehen gekommen war. Er machte sich nicht die Mühe, das Gartentor zu öffnen, sondern setzte mit einem Sprung über den ortsüblichen Gartenzahn, rannte durch das Tulpenbeet, die Pistole in der Hand, und lockte so die Oma des Nachbarn ans Dachgeschossfenster, die laut keifend verkündete, sie würde die Polizei rufen, das sei hier eine ordentliche Siedlung und kein Problemviertel.“

4. Kein Lexikonartikel

Beschreibungen, die sich wie Lexikonartikel lesen und alles, aber auch alles aufzählen, sind ein sicheres Mittel, um Leserinnen zu vergraulen.

„Conan ging auf das Tor zu, der Wächter versperrte ihm den Zutritt mit gezückter Hellebarde. Die Hellebarden trugen die Wächter seit der Regierungszeit Alfons des XXI., der die Wache mit dem Privileg ausstattete, mit Schwert und Hellebarde auch im Schloss aufzutreten. Das Schloss wurde von dessen Urgroßvater Alfons dem XVIII. erbaut und der Großvater renovierte es im Tudorstil, was dem Vater Alfons dem XX. nicht gefiel, weshalb er den rechten Flügel abreißen ließ und dort einen Neubau im Remagostil erstellen ließ, der aber so teuer wurde, dass er die Steuern erhöhen musste, was zur ‚Steuerrevolte‘ führte, in der der Neubau abgefackelt wurde …“

5. Aktiv statt Passiv

Gerade Beschreibungen sollten aktiv sein. Also nicht: „Vor ihm befand sich ein Tulpenfeld, rechts ein Teich mit Seerosen, dahinter lag das Bauernhaus. Der Rauch wurde durch ein Feuer im Hof erzeugt und Holz schien von darum herumstehenden Männern ins Feuer geworfen zu werden.“

„befinden, liegen“ und ähnliche statische Verben sowie Passivkonstruktionen bremsen das Tempo. Besser sind Aktiv und aktive Verben.

„Das Tulpenfeld leuchtete in der Abendsonne, im Teich daneben eröffneten die Frösche ihr Konzert, und vor dem Bauernhof flackerte und qualmte ein Feuer, und zwei Männer warfen immer neue Scheite in die Flammen.“

6. Bedeutung erzählen

Einfache Aufzählungen vergisst der Leser schnell wieder. Deshalb ist es besser, wenn klar wird, warum bestimmte Dinge wichtig sind.

Sie galoppierten über die Ebene, der Fähnrich voran. Sie hielten auf eine Wiese mit Blaugras zu. Es wiegte sich im Winterwind, schillerte und leuchtete und war in Garminica überall anzutreffen.

Aber warum ist es wichtig, das in der Geschichte zu beschreiben?

Sie galoppierten über die Ebene, der Fähnrich voran. Plötzlich parierte er sein Pferd durch, das empört schnaubte. Die beiden Besucher hielten neben ihm an.

„Was ist?“, fragte Fred.

„Blaugras.“ Der Fähnrich zeigte nach vorne. Gras wiegte sich im Winterwind, aber es leuchtete nicht grün, sondern im schillernden Blau.

„Na und?“, sagte Fred

„Wir haben Winter. Im Winter kannst du dich damit rasieren, so scharf sind die Kanten. Wenn wir hineinreiten, zerschneidet es den Pferden Hufe und Beine.“

„Wir müssen zurück?“

Der Fähnrich nickte und riss sein Pferd herum.
Doch dann sahen sie am Horizont die Verfolger schnell näherkommen.

Hier hat das Blaugras eine Bedeutung für die Handlung bekommen. Dinge, die keine Bedeutung haben, sollte man in aller Regel streichen.

7. Wann Beschreibungen überarbeiten?

Wenn Sie Ihre Erstfassung geschrieben haben, ist es immer eine gute Idee, die Beschreibungen in Ihrem Werk zu kontrollieren. Welche sind langatmig, welche passiv, welche sind für den Roman irrelevant und damit überflüssig?

Andreas Eschbach schreibt immer wieder Bücher, die ausführliche Schilderungen enthalten. Zum Beispiel „Der Nobelpreis“. Er beschreibt die Zeremonie der Verleihung, die Wahl der Preisträger und vieles mehr über den Nobelpreis. Trotzdem ist es nicht langweilig, denn seine Schilderungen sind aktiv („Dann betritt der König den Saal“) und behandeln detailliert etwas, was die meisten Leserinnen so nicht wissen, was aber alle interessiert.

Wer wissen möchte, wie man Ereignisse, Zeremonien und Beschreibungen baut, die die Leser fesseln, statt zu langweilen, sollte dieses Buch lesen.

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