Marken und Namen in Romanen

Darf man Markennamen in Romanen verwenden, reale Cafés und Hotels benennen? Immer wieder taucht diese Frage in Foren auf.

Kurz gesagt: Öffentliche Firmen und Marken dürfen Sie nennen. Ihr Held darf im Café Sonnenschein sich einen Sunshine-Becher bestellen, im BMW fahren, sich mit Tempo-Taschentüchern die Nase schneuzen und Jacobs Kaffee in seiner Kaffeemaschine verwenden. Ob das sinnvoll ist, ist eine andere Frage, doch dazu später.

Natürlich kann Ihr Held auch einem Qualopago TI fahren, mit der nichtexistenten Marke sind Sie ganz auf der sicheren Seite.

Vorsicht bei geschäftsschädigenden Behauptungen

Etwas anderes ist es mit Behauptungen, die negativ oder geschäftsschädigend sind. Wenn Sie behaupten, dass beim BMW die Gangschaltung nach einem Jahr immer ausgetauscht werden muss, dann müssten Sie es im Zweifelfall beweisen können.

Wenn die Autofirma im Roman eigene Profikiller beschäftigt, sollten Sie also lieber den Qualopago als Markennamen wählen. BMW-Killer würden in München sicher nicht auf ungeteilte Begeisterung stoßen 🙂

Ihrem Helden darf aber der Kaffee bei McDonald oder im Café Sonnenschein nicht schmecken. Das wäre eine (zulässige) Meinungsäußerung. Auch Romanhelden haben Meinungsfreiheit.

Wenn Sie allerdings behaupten würden, in den Hamburgern würden Kakerlaken verwendet, wäre es eine Tatsachenbehauptung und zwar eine geschäftsschädigende. Das müssten Sie also beweisen können. Doch auch da gilt: Allgemein bekannte und bewiesene negative Dinge dürfen Sie benennen. »Der Zeuge war so glaubwürdig wie ein VW-Abgastest« würde wenig Risiko bergen, denn VW wird kaum so dämlich sein, deshalb Klage zu erheben, dem Buch PR zu verschaffen und am Ende den Prozess zu verlieren, was dann auch noch durch die ganze Presse gehen würde.

Wann Marken- oder Firmennamen verwenden?

Dass Sie die Namen verwenden dürfen, heißt natürlich noch lange nicht, dass es sinnvoll ist. Wenn sich Ihr Held nicht in gewöhnliche Taschentücher schneuzt, sondern immer in die Tempo-Superluxus-Superweich-Schneuzer, geraten Sie schnell in den Verdacht der Schleichwerbung.

Mein Tipp: Wo es nicht nötig ist, lassen Sie die Markennamen weg.

Und wann ist es nötig?

Namen von Cafés, Firmen, Straßen können einem Roman Atmosphäre verschaffen. Der spezielle Bikertreff im Industrieviertel, das bekannte Café am Markt, das kleine portugiesische Lokal ganz versteckt in einer schmalen Gasse, all das sorgt für Lokalkolorit. Scheuen Sie sich also nicht, diese Namen für Ihren Roman zu verwenden.

Fragen kostet nichts

Nachfragen können Sie natürlich immer. Auch Starbucks wird Ihnen die Verwendung des Namens genehmigen (aber nicht im Titel). Große Konzerne wird das aber anschließend nicht weiter interessieren.

Bei lokalen Cafés und Firmen sieht das anders aus. Die sind nicht durch öffentliche PR verwöhnt. Wenn Sie dem Café Sonnenschein anschließend ein Exemplar des Buches mit einigen netten Worten schenken, kann es sein, dass fortan das Buch im Café steht und beworben wird. Mit etwas Glück lässt sich sogar eine Lesung arrangieren. Also keine Hemmung, auch mal nachzufragen. Dann sind Sie auf der sicheren Seite und gewinnen vielleicht neue Fans.

Weitergehende Links:

https://l.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fwww.autorenforum.de%2Fexperten%2F30-verlagswesen%2F1002-ist-es-erlaubt-markennamen-in-einem-buch-zu-nennen&h=ATMIY5jQP0xIgbHRyANJpqFtxLMCy-oBpKWrj9o59KF2v4yxY4vqwMLp1ZC9O-4qnN3xGa5MOPhLpydxl0XPDnnRnUzhFoVo5hqO_Dtwz3JlVMPycs66dqq-dmh8PTbMQ2HGJKIRr6MX

http://montsegur.de/ipb-forum/index.php/topic/12030-verwendung-von-markennamen-im-roman/

http://www.marken-recht.de/markenrecht_forum/showthread.php?t=580

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Marken und Namen in Romanen

Die sieben häufigsten Irrtümer über Lektorate

Ein gutes Lektorat eines Manuskripts kostet eine vierstellige Summe. Autorinnen und Autoren sind eher selten Millionäre. Und es ist unwahrscheinlich, dass das erste Buch diese Summe wieder hereinspielt.

Kein Wunder, dass diese Frage immer wieder von Selfpublishern diskutiert wird. Auch Autoren, die in Verlagen veröffentlichen wollen, stellt sich die Frage: Buche ich erst mal ein Lektorat, weil das die Chancen erhöht, eine Agentur oder einen Verlag zu finden?

Ich habe mittlerweile hunderte, wenn nicht gar tausende von Autoren beraten, lektoriert, gecoacht, habe Bücher übers Schreiben verfasst und an unzähligen Diskussionen in Foren teilgenommen. Und immer wieder wird diese Frage diskutiert. Und immer wieder tauchen die gleichen Irrtümer auf.

1. Lektorat ist das Lektorat eines Manuskripts

Das ist der häufigste Irrtum nicht nur von Nachwuchsautoren. Klar, wenn ein Verlag ein Manuskript angekauft hat, muss der ganze Text auf einmal lektoriert werden.
Das ist aber nicht generell so. Autoren können die ersten Seiten lektorieren lassen. Schon aus einem Beispiellektorat können sie eine Menge lernen. Wo sie sehen, was ihre Stärken sind und ihre Schwächen. Woran sie arbeiten müssen.
Auch Verlage arbeiten so: Sie verlangen eine Leseprobe der ersten Seiten. Und ein Exposé, also eine Beschreibung der Handlung. Danach schätzen sie ein, wo der Autor steht, ob der Text veröffentlichungsreif ist und Leser finden könnte. Erst dann gibt es einen Vertrag.
Manchmal lassen Verlage ein Lektoratsgutachten erstellen. Ein Lektor liest das ganze Manuskript und beurteilt es. Was müsste überarbeitet werden, was sind die Stärken, was die Schwächen des Textes. Aber er lektoriert den Text nicht, korrigiert also keine Fehler. Deshalb ist ein Lektoratsgutachten sehr viel preisgünstiger.

All das können auch Nachwuchsautoren tun. Ihre ersten Seiten von einem Lektor begutachten lassen, der Änderungen, Korrekturen vorschlägt, einem sagt, wo man steht. Oder ein Exposé erstellen, das Personen und Handlung der Geschichte beschreibt und das mit einem Lektor diskutieren.

2. Lektorat korrigiert Rechtschreibung, Grammatik und Stil

Ein Lektor muss auch die Dramaturgie, die Personen, den Aufbau beurteilen. Das ist oft noch wichtiger als Rechtschreibung, Grammatik und Stil. Denn wenn die Dramaturgie nicht stimmt, der Spannungsbogen durchhängt, die Personen blaß bleiben, dann wird niemand das Buch lesen wollen.

In dem Fall hilft auch die beste Rechtschreibung, der geschliffenste Stil nicht mehr.

Woraus folgt, dass als Erstes die Dramaturgie und die Personen einer Geschichte überarbeitet werden. Auch wenn ihr eure Geschichte überarbeitet, ist diese Reihenfolge sinnvoll:

  1. Personen und Dramaturgie
  2. Stil
  3. Rechtschreibung und Grammatik

3. Nur ein professioneller Lektor kann ein Manuskript bearbeiten

Testleser, Workshops mit erfahrenen Autoren, Diskussionen in Foren: Es gibt unzählige Möglichkeiten, an Texten zu arbeiten und die eigenen Fähigkeiten zu schulen. Guten Kuchen kann man auch im eigenen Backofen backen. Wer allerdings professionell Kuchen backen möchte, der muss sich die entsprechenden Maschinen anschaffen. Dann reicht der private Backofen nicht mehr.

Und wer professionell schreiben will, muss für seine Manuskripte ein professionelles Lektorat kaufen.

Die Reiter beginnen mit Reitstunden in einer Reitschule. Dort lernen sie erst mal die Grundgangarten, wie sie mit dem Pferd mitgehen und ihm nicht in den Rücken fallen und dass die Zügel nicht dazu dienen, sich festzuhalten. Hohe Schule kommt später. Und auch ein teures Dressurpferd kauft man sich erst, wenn man die S-Dressur beherrscht und auf Turnieren auftreten kann.

Nicht anders ist es beim Schreiben. Auch dort dauert es einige Zeit, bis aus dem Hobbyschreiber ein professioneller Autor wird.

4. Um zu lektorieren, muss man das ganze Manuskript lesen

Erfahrene Fußballtrainer sehen nach fünf Minuten, was ein Fußballspieler kann und auf welchem Niveau er ist. Erfahrenen Lektoren geht es genauso.

Nicht anders als im Fußball, beim Reiten, bei der Musik gibt es typische Anfängerfehler. Die ein erfahrener Coach sofort sieht. Betrachtet ein Autor seine Personen nur von außen, schreibt ihnen Eigenschaften zu, statt den Leser diese erleben zu lassen (Tell statt Show), sieht ein professioneller Lektor das auf den ersten Seiten. Und kann das dem Autor sagen, ihm zeigen, wie er es besser machen kann.

Um zu sehen, dass die Dialoge noch holpern, muss ich nicht 500 Seiten holpernder Dialoge lesen. Dazu reichen die ersten Seiten. Das spart dem Autor Geld und mir Nerven.

Und auch Dramaturgie und Personen lassen sich schon aus einem Exposé und Leseprobe beurteilen.

5. Lektorat ist für Bücher

Natürlich soll ein Lektorat ein Manuskript verbessern. Noch wichtiger ist allerdings die Verbesserung des Autors. Aus einem Lektorat kann ein Autor eine Menge lernen. Gerade am Anfang ist das wichtig.

Kein Reiter ist nach zehn Reitstunden reif für die S-Dressur. Das erste Tor öffnet niemandem die Tür zur Bundesliga.

Und das erste vollendete Buch ist ein wundervolles Erlebnis für jeden Autor. Aber kein Beweis, dass er alles weiß, was fürs Schreiben wichtig ist.

6. Man kann alles auf einmal lektorieren

Wer alles auf einmal korrigieren möchte, verzettelt sich. Konzentriert euch auf eine Sache. Wer die Handlung seiner Geschichte überprüft, kann sich nicht gleichzeitig auf die Rechtschreibung konzentrieren.

Obendrein ist nicht jeder Lektor auch ein guter Korrektor. Es gibt geniale Korrektoren, die mit einem Blick die Fehler auf einer Seite erkennen können. Die alten Bleisetzer in den Zeitungsredaktionen waren darin genial. Ich habe mal einem eine dichtbeschriebene Seite in die Hand gedrückt. Er warf einen kurzen Blick drauf, deutete dann auf eine Stelle ziemlich weit unten und sagte: »Da ist ein Fehler.«

Aber er sagte auch: »Fragen Sie mich nicht, was drinsteht.«

Dass Lektorat und Korrektorat unterschiedliche Dinge sind, hat seine Gründe.

7. Literatur- oder Germanistikstudium befähigt zum Lektor

Das Studium der Literatur oder Germanistik ist spannend, kann sinnvoll sein. Aber es befähigt sowenig zum Lektorieren, wie ein Physikstudium dazu befähigt, Autos zu reparieren.

Gute Lektoren erkennt man daran, wie sie arbeiten. Und das sieht man an Beispiellektoraten auf ihren Seiten. An Empfehlungen anderer Autoren.

Woran erkennt man einen guten Lektor?

Selfpublishing und Lektorat

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Die sieben häufigsten Irrtümer über Lektorate

Ich habe mich beleidigt!

Bisher war ich ja naiv. Ich ahnte nicht, welche furchtbaren Beleidigungen dem Gehege meiner Zähne regelmäßig entfleuchten. Doch die Ritter der politischen Korrektheit haben mich jetzt aufgeklärt. Benutze dieses schlimme Wort nie mehr, rufen sie mir zu. Tue Buße, denn du bist ein schlimmer Mensch und schürst Vorurteile!

Ich muss es gestehen. Es hilft nichts. Ich bin Dia …

Um Gottes Willen Nein! Jetzt hätte ich es beinahe gesagt! Das schlimme, das verwerfliche Wort! Dabei ist es, nun ja, etwas, das man verschweigen sollte! Unbedingt!

Früher habe ich vor dem Essen Zucker gemessen. Blutzucker. Um zu wissen, wieviel Insulin ich spritzen muss. Sah ich fragende Blicke von anderen, habe ich gesagt: „Ich bin Dia xxxxxxxx“.

Das war natürlich falsch, grundfalsch und beleidigend. Richtig sollte ich sagen: „Ich bin ein Mensch mit Diabetes“.. Noch besser wäre es, gar nichts zu sagen. Bereiten wir den Mantel des Schweigens über Dinge, die unangenehm sein könnten.

Na gut, ich riskier es. Einmal. Wird danach nie wieder vorkommen. Versprochen. „Diabetiker“ ist das schlimme, das furchtbare Wort, das alle beleidigt. Womit ich nicht nur mich selbst beleidigt habe, sondern alle die, die unter der gleichen Krankheit leiden, gleich mit. So die neueste Sprachregelung der politisch Korrekten, die am liebsten alles unter den Teppich neuer Wortschöpfungen kehren wollen.

Ich gestehe: Bisher habe ich mich auch „Autor“ genannt. Statt „Mensch, der mit Wörtern hantiert“. Habe „lektoriert“, statt „menschliche Tätigkeiten mit der Verbesserung nicht ganz gelungener Formulierungen“ zu vollbringen.

Also, liebe Leserinnen und Leser (Entschuldigung: Liebe Menschen mit lesender Tätigkeit), vergessen Sie meine früheren Worte. Sie sollen nicht gesagt sein und hinfort gibt es nur noch Menschen mit unterschiedlichen Tätigkeiten. Seid umschlungen Millionen!

Euer Hans Peter Roentgen

PS: Die Dia …, äh, die Menschen mit Diabetes sind gar nicht so begeistert von dieser Sprachregelung. In einer Umfrage fanden ca 75% die alte, nicht korrekte Bezeichnung besser. Aber haben sich die Ritter der Korrektheit je darum gekümmert, was die Betroffenen selbst meinen?

Ich habe mich beleidigt!

Die Zielgruppe

Die Zielgruppe – das unbekannte Wesen

Selfpublishing-Ratgeber empfehlen Autoren, immer die »Zielgruppe« im Auge zu behalten. Verlage und Agenten wollen in Bewerbungen eine genaue Beschreibung der »Zielgruppe«. Doch darüber, wie man die Zielgruppe definiert, schweigen sich beide aus.

Niemand sagt den geplagten Autoren: Wie bestimme ich denn meine Zielgruppe?

Ich berate Autoren, diskutiere mit ihnen ihre Exposés. Aber ich habe noch keinen Autor erlebt, der mir eine klare Zielgruppe für sein Werk nennen konnte. Meist heißt es: »Zielgruppe sind Leser spannender Bücher zwischen 20 und 80«. Wäre »Stüdienrätinnen zwischen 30 und 50« eine bessere Zielgruppe?

Es gibt unzählige erfolgreiche Bestseller, die von zahllosen Verlagen abgelehnt wurden, weil es für das Werk angeblich keine Zielgruppe gab. Oder die Zielgruppe zu klein wäre.

Erst vor kurzem habe ich eine Veranstaltung mit der Bestsellerautorin Elisabeth Herrmann besucht. Fünfzig Verlage hatten ihr erstes Werk abgelehnt, weil es dafür keine Zielgruppe gab. Radiostationen und Zeitungen lehnten das Thema ebenfalls ab. Zum Glück für den Buchmarkt (und für die Leser) fand sich dann doch noch ein Verlag. Das Thema waren Kinder, die im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiterinnen in Haushalten arbeiten mussten.

Als eine gewisse J. Rowlings einen Roman einreichte, der als »Harry Potter« Literaturgeschichte schreiben sollte, wurde auch der mehrfach abgelehnt. Weil es dafür keine Zielgruppe gab. Zehnjährige Jungen (die Zielgruppe) lesen nicht und schon gar keine dicken Bücher.

Selbst Fachleute mit jahre- oder jahrzehntelangen Erfahrungen tun sich mit der Bestimmung der Zielgruppe hart. Wie sollen dann Nachwuchsautoren diese ominöse Zielgruppe korrekt bestimmen? Wissen, was diese Zielgruppe lesen will? Wenn es nicht mal die Fachleute genau einschätzen können?

Ich kenne viele erfolgreiche Autorinnen und Autoren, habe viele interviewt. Aber ich kenne keinen, der auf eine Zielgruppe hin schreibt. Trotzdem haben erfolgreiche Autoren meist eine genaue Vorstellung von ihren Fans und deren Vorlieben.

Es gibt ein paar Tipps, wie man diese ominöse Zielgruppe bestimmen kann.

Die Einfachste: Gehen Sie mal in Buchläden oder im Internet auf die Seiten der Online-Buchläden. Wie sind dort die Bücher geordnet? Wie findet die Zielgruppe ihre Ziele?

Ganz sicher nicht nach »Bücher für 35-45jährige erfolgreiche Frauen«. Diese Zielgruppenbestimmung mag bei Kleidung funktionieren, nicht aber bei Romanen. Bücher werden nach Genres unterteilt und in den Genres nach Subgenres. Jede Buchhandlung, egal ob Laden oder Internet, macht das so.

»Liebesgeschichten« finden sie dort und da findet die Zielgruppe der Leserinnen von Liebesgeschichten ihren Stoff, unterteilt in »erotische Liebesgeschichten«, »historische Liebesgeschichten« und manches mehr.

Zielgruppen bestimmen sich auf dem Buchmarkt durch Genres. Natürlich hat jedes Genre auch bestimmte Leser. »Erotische Liebesgeschichten« zum Beispiel junge Frauen (und angeblich alte Männer ;-)).

Wenn Sie ein klares Genre und Subgenre benennen können, dann haben Sie Ihre Zielgruppe.

Wer ein übriges tun will, kann angeben: »Für Leser von Stephen King«. Oder: »Für Leser von J. Rowlings«. Darüber mokieren sich zwar viele – »Der Autor ahmt den berühmten Kollegen nach« – aber jeder Lektor und jeder Leser hat damit eine ungefähre Vorstellung, um welche Sorte Buch es sich handelt.

Ein weiterer Ratschlag, der gerne genannt wird: Wählen Sie die Zielgruppe aus, bevor Sie zu schreiben anfangen. Am besten eine, die sich gut verkauft.

Stimmt das? Nein. Wenn ich alles über Jeans weiß und welche Jeans junge Frauen am liebsten tragen, kann ich noch lange keine erfolgreichen Jeans für junge Frauen schneidern. Dazu gehört zum einen die Fähigkeit, Jeans zu entwerfen, zuzuschneiden und zu vermarkten. Zum zweiten sollten mich Jeans interessieren.

Ich kaufe meine immer in den Sonderangeboten, wenn eine Alte verschlissen ist. Jeans interessieren mich nicht, ich kann nicht nähen, ich kann nicht entwerfen. Welche Chancen habe ich, erfolgreicher Jeansproduzent zu werden? Selbst wenn ich alle Marktuntersuchungen bezüglich Jeans lesen würde?

Richtig. Keine.

Genauso ist es mit Autoren und ihren Zielgruppen. Jeder Autor, der liest, ist bereits Mitglied einer Zielgruppe. Wer gerne Krimis liest, gehört zur Zielgruppe der Krimileser. Wer vor allem Hochliteratur goutiert, gehört zur Zielgruppe der Hochliteraturleser. Ein begeisterter Krimileser kennt die Zielgruppe der Krimileser. Diskutiert mit anderen über Krimis. Verschenkt sie, redet darüber.

Wer gar nicht liest, gehört nicht zur Zielgruppe der Buchleser. Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand, der noch nie Fußball gespielt hat, einen Profi-Vertrag vom Fußballverein bekommt? Genauso wahrscheinlich ist es, dass ein Nichtleser erfolgreicher Autor wird. Oder dass ein Modemuffel eine erfolgreiche Modemarke kreiert.

Das gilt auch für die Genres. Wer ausschließlich Wildwestromane liest, wird keine erfolgreichen literarischen Romane schreiben und auch keine erfolgreiche Liebesgeschichte. Das gilt auch umgekehrt. Wer nur Hochliteratur liest, kann vielleicht einen erfolgreichen literarischen Roman verfassen. Aber keinen Thriller. Wer nicht für seinen Roman brennt, für den werden die Leser auch nicht brennen. So einfach ist das. Und so kompliziert.

Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, war ein begeisterter Leser von Science Fiction und Sachbüchern und ist mit einer Schriftstellerin verheiratet. Der Apple Gründer Steve Jobs liebte Musik.

Wundert Sie es, dass heute Apple in der Musik und Amazon bei Büchern fast schon eine Monopolstellung haben? Dass Amazon zwar auch bei Musik versucht, Fuß zu fassen, Apple bei Büchern, das aber nur bedingt gelingt?

Das gilt auch für den Satz: Behalte beim Schreiben deine Zielgruppe im Auge. Wie behalten Sie zum Beispiel die Zielgruppe der Liebesromanleserinnen im Blick, wenn Sie keine Liebesromane lesen?

Stephen King schreibt für seine Frau. Er hat sie beim Schreiben vor Augen. Sie ist Teil seiner Zielgruppe. Aber es ist viel einfacher, für eine Person zu schreiben, die man gut kennt. Schwieriger für eine ganze Gruppe, da wird es schnell anonym.

Ähnliches empfiehlt Ingermanson in »How to Write an Novel Using the Snowflake Method«. Er empfiehlt, beim Schreiben eine möglichst kleine Zielgruppe zu wählen. Rowlings hat zehnjährige Jungen gewählt. Die tatsächliche Zielgruppe, die das Buch liest, ist viel größer, aber so diffus, dass sie dem Autor beim Schreiben nicht weiterhilft. Stellen Sie sich also beim Schreiben eine Person vor, für die sie schreiben. Oder eine möglichst einheitliche, kleine Gruppe von Personen.
Gerne wird auch empfohlen: Schreiben Sie ein Buch, das sie selbst auch gerne lesen würden. Kein schlechter Vorschlag. Sie sind Teil einer Zielgruppe. Wenn Sie ein Buch schreiben, das Sie gerne lesen würden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das auch viele andere aus Ihrer Zielgruppe wollen.

Wichtig es ist, seine Zielgruppe nicht nur zu kennen, sondern auch Mitglied von ihr zu sein. Nur so kann man deren Vorlieben und Wünsche wirklich gut kennen. Denn dann sind es auch die eigenen Wünsche und Vorlieben.

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Literatur zum Thema

Stephen King, Das Leben und das Schreiben
Ingermanson, How to Write an Novel Using the Snowflake Method
Hans Peter Roentgen, Drei Seiten für ein Exposé

Kunden und Zielgruppe, http://www.boersenverein.de/de/385107
Buchmarkt 2014, http://www.buchmesse.de/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2014/buchmarkt_deutschland_buch_und_buchhandel_in_zahlen_2014_deutsch.pdf_45274.pdf
Definition Zielgruppe, https://de.wikipedia.org/wiki/Zielgruppe

Die Zielgruppe

Workshops und Seminare für Autoren

Workshops und Seminare sind immer wieder gut. Man lernt neue Kolleginnen und Kollegen kennen, kann über die eigenen Texte und die der anderen reden, hat einen erfahrenen Autor oder Lektor als Moderator, der die Diskussion leitet. Und last, but not least: So schön auch das virtuelle Internet ist, manchmal geht doch nichts über reale Treffen.

Solche Seminare sind wahre Motivationsschübe. Danach gehen viele der Teilnehmer mit ganz neuem Schwung an ihre Projekte.

Ich habe eine Liste solcher Workshops und Seminare erstellt. Die Auswahl ist rein subjektiv, ich habe vor allem solche ausgewählt, an denen ich teilgenommen habe oder von denen mir andere berichtet haben.

Bundesakademie Wolfenbüttel

Die Bundesakademie Wolfenbüttel bei Hannover ist Urgestein der Schreibworkshops, sie ist seit über fünfzehn Jahren auf diesem Gebiet aktiv und bietet zahlreiche Kurse mit bekannten Autoren und Lektoren an. Das Themenangebot ist breit gefächert, im Preis ist die Unterkunft und die Verpflegung in einem alten wunderbar restaurierten Fabrikgebäude enthalten. Andreas Eschbach hat dort 2000-2007 jedes Jahr ein Seminar gehalten, aus dem etliche erfolgreiche Bestsellerautoren hervorgegangen sind.

Edition Oberkassel

Der Verleger und Autor Detlev Knut bietet zahlreiche Seminare in Düsseldorf mit bekannten Lektorinnen und Autoren an. Die Termine werden zusammen mit den Teilnehmern festgelegt.

Ideenreich – der Kreativhof

Bietet Kurse an mit Sina Beerwald, Thomas Finn, Markus Heitz, Boris Koch und anderen. Ort: Buchholz, nahe Hamburg.

Nordkolleg Rendsburg

Bietet in Schleswig Holstein eine Fülle von Seminaren an

Romanmentoren

Die Autorin Kathrin Lange hat eine Autorenfortbildung gegründet, sie wurde durch »Plotten für Chaoten« bekannt. Orte: Frankfurt und Hannover

Schreibfluss

Die Schreibschule der Autorin Jurenka Jurk am Bodensee.

Schreib&Weise

Seit vielen Jahren gibt die Autorin Diana Hillebrand in München Schreibkurse. Sie hat auch den Schreibratgeber »Heute schon geschrieben?« verfasst.

Textmanufaktur

Der Verleger und Lektor André Hille hat diese Akademie gegründet, die mittlerweile Kurse an verschiedenen Standorten anbietet.

Akademie für Autoren

Die Lektorin Maria Koettnitz hat lange Jahre für verschiedene Verlage gearbeitet, war Verlagsleiterin bei Patmos und gründete die Akademie für Autoren.

Autorentreffen

Ursula Schmidt Spreer organisiert einmal im Jahr zu Christi Himmelfahrt ein Autorentreffen mit vielen Vorträgen. Davor und danach finden auch Workshops statt.

Ich selbst gebe auch Schreibworkshops, meiner Meinung nach sind das natürlich die aller- allerbesten von allen. Aber Väter können höchst selten objektiv über ihre Kinder urteilen, deshalb hier nur der Link:
http://www.hanspeterroentgen.de/workshops/

Workshops und Seminare für Autoren

Wie Verlage zu Autoren kommen

Was haben Ursula Poznanski, Wulf Dorn und Andreas Gruber gemeinsam? Richtig, alle drei standen dieses Jahr auf der Shortlist der zehn Finalisten der Krimipreise der diesjährigen Criminale. Und ich kenne sie von früher. Als sie noch keine Verlagsverträge hatten.

Verlage bieten Nachwuchsautoren keine Chance? Um in einem Verlag unterzukommen, muss man Beziehungen haben? Verlage sind nicht an neuen Ideen interessiert?

Das glauben viele. Das habe ich damals auch geglaubt. Als ich die drei kennenlernte. Das war 2000-2005 in den Workshops von Andreas Eschbach und Klaus Frick in der Bundesakademie Wolfenbüttel.

Denken Sie jetzt, dass Andreas Eschbach den dreien die Verlagsverträge verschafft hat? Ein Beispiel für Beziehungen?

Falsch. Nach den Workshops hatte keiner der Teilnehmer (es waren jeweils 15) einen Verlagsvertrag. Der Durchbruch kam 2010. Ursula Poznanskis „Erebos“ fand da nicht nur einen Verlag, sondern wurde ins Englische und so ziemlich jede andere europäische Sprache übersetzt und gewann viele Preise. Dieses Jahr gewann sie den  Hansjörg-Martin-Preis auf der Criminale mit „Layers“.

Wulf Dorns Bücher wurden ebenfalls in unzählige Sprachen übersetzt. Er hat Stephen King auf seinem einzigen Deutschlandauftritt moderiert. Auch Andreas Gruber hat mittlerweile zahlreiche Erfolge aufzuweisen.

Viele andere Teilnehmer bei Andreas Eschbachs Workshops haben mittlerweile ebenfalls Verlagsverträge. Das gilt auch für zahlreiche weitere Autoren, die ich auf unzähligen Workshops und Autorentreffen kennengelernt habe, bevor sie einen Verlag gefunden hatten. Mittlerweile habe ich schon die Übersicht verloren, wie viele das sind. Fünfzig sicherlich.

Ich hatte mich geirrt. Verlage geben Nachwuchsautoren durchaus Chancen.

Aber es dauert. Dass jemand mit dem ersten Manuskript einen Treffer landet, ist ungewöhnlich. Nicht sonderlich erstaunlich, auch Fußballer bekommen selten nach dem ersten erzielten Tor einen Bundesligavertrag.

Wie kommen also Verlage zu Autoren oder wie kommen Autoren zu Verlagsverträgen? Es gibt einige Möglichkeiten, nicht alle sind gleich erfolgsversprechen.

  1. Unverlangte Manuskripteinsendungen. Das ist das Standardprozedere der Nachwuchsautoren, aber das am wenigsten erfolgversprechende. Ich habe mal eine Statistik gemacht, wieviele der eingesandten Manuskripte von größeren Verlagen angenommen werden: 0,01-0,02 %. Diese Zahl deckt sich mit dem, was auch Verlagslektoren sagen. 5.000-10.000 Manuskripte erreichen jährlich die bekannten Verlage. Eins davon wird genommen. Manchmal auch gar keins. Dennoch kenne ich Autoren, die auf diesem Weg ihre Karriere gestartet haben. Und kleine Verlage, mit denen Agenten selten zusammen arbeiten, finden durchaus ihre Autoren durch unverlangte Einsendungen.
  2. Agenten. Das ist die übliche Art und Weise, in der große Verlage neue Autoren gewinnen. Allerdings erhalten mittlerweile auch Agenten viele, viele Manuskripte und können nur einen kleinen Teil annehmen. Die, von denen sie glauben, dass sie sie am besten verkaufen können.
  3. Beziehungen. Das ist die klassische Vorstellung vieler unveröffentlichten Autoren. Stimmt. Und stimmt nicht. Stimmt, viele Autoren haben durch Empfehlungen arrivierter Autoren einen Agenten oder Verlag gefunden. Stimmt nicht, denn selbst wenn Sie Stephen King persönlich kennen, garantiert Ihnen das noch lange keinen Verlagsvertrag. Autoren empfehlen in der Regel nur Manuskripte, von denen sie überzeugt sind. Wenn Ihre Projekte noch nicht soweit sind, werden Sie keine Empfehlung erhalten.
    Auch wenn Sie jeden Tag mit Franz Beckenbauer am Tresen abhängen, würde Ihnen das noch lange nicht zu einem Bundesligavertrag mit Bayern München verhelfen.
  4. Selfpublisher. Wenn Ihr Selfpublisherwerk fünfstellige Verkaufszahlen vorweisen kann, werden Verlage hellhörig. Oder wenn Ihr Werk zeigt, dass Sie schreiben können. Möglicherweise wird der Verlag nicht das Selfpublisherbuch übernehmen, aber anfragen: „Wollen Sie für uns mal was schreiben?“
    Aber längst nicht jeder Selfpublisher erhält automatisch einen Verlagsvertrag. Dafür aber gerne Angebote von Druckkostenzuschussverlagen, die ihr Geld durch die Beiträge der Autoren verdienen. Von denen kann ich nur abraten.
  5. Preise. Literaturpreise sind ein gutes Tor zum Verlagsvertrag. Sie zeigen nämlich, dass Ihr Text eine Jury begeistert hat und aus vielen Konkurrenztexten ausgewählt wurde. Selbst kleine regionale Preise erhalten in der Regel viele hundert Einsendungen.
    Noch wichtiger sind natürlich die großen Wettbewerbe, Bachmannpreis, Open Mike, wer dort in engere Auswahl kommt, hat einen Verlagsvertrag fast schon sicher.

Eins sollten alle Selfpublisher aber wissen. Als Selfpublisher ist man eine One Man Show und kann (und muss!) alles selbst bestimmen. Verlagsautoren müssen Teamplayer sein. Weswegen mancher Verlagsautor kein Selfpublisher wird und mancher Selfpublisher kein Verlagsautor.

Und natürlich erhalten Verlagsautoren keine 70 % vom Verkaufspreis, sondern 7 % (Tb) oder 10 % (Hardcover). Das heißt nicht, dass Verlagsautoren weniger verdienen. 10 % von 20 Euro sind 2 €, 70 % von 2,99 sind 2,10 €. Und letztendlich zählt, was am Ende auf dem Konto landet. Sprich: Welche Auflage erzielt wird. Ich kenne Verlagsautoren, die im Selfpublishing mehr verdient haben. Manche arbeiten jetzt nur noch als Selfpublisher. Ich kenne aber auch Verlagsautoren, die im Selfpublishing nur mehr Arbeit, aber weniger Geld erzielten und das Selfpublishing wieder aufgaben. Das gilt natürlich auch umgekehrt.

Die Szene hat sich in den Jahren immer mehr professionalisiert und entsprechend gibt es ganz unterschiedliche Wege zum Erfolg.

Eins ist aber sicher: Workshops mit erfahrenen Autoren, erfahrenen Lektoren sind immer eine gute Idee. Um dazu zu lernen. Sich auszutauschen. Gemeinsam an Texten zu arbeiten. Schließlich ist auch beim Schreiben noch kein Meister vom Himmel gefallen. Oft zieht dann auch einer den anderen mit.

Es braucht viele Jahre, um über Nacht Erfolg zu haben, hat die Bestsellerautorin Nina George gesagt. Sie hat recht.

Schreiben ist nicht leichter als Klavierspielen, Reiten oder Fußballspielen. Auch wenn das viele glauben.

Ihr Hans Peter Roentgen

PS: Hier die Norminiertenfilme von der Criminale

Mein Buch zum Thema:

Schreiben ist nichts für Feiglinge – Buchmarkt für Anfänger

Wie Verlage zu Autoren kommen

Gendersprech, die Sternchen und andere Bürokratien

Wieder einmal hat die Gendersprache Hochkonjunktur. Einige Artikel haben versucht, den Konstruktionen mit * oder _ (zB. Autor_*innen) theoretisch zu fundieren, zB Svenja im Blog KleinerDrei.

Wunderschön geschrieben – und leider grundfalsch. Das ist Feminismus lite, sorry.

Fängt schon mit der Aussprache an. Die wichtigste Sprache ist immer noch die mündliche. Und da sind Autor-*innen und ähnliche Konstrukte etwas schwer auszusprechen. „Ich meine: wenn man schon anfängt, dann richtig, oder?“, sagt der Artikel und das hätte er berücksichtigen sollen.

Denn Sprache weckt bestimmte Gedankenmuster. Und was für Gedankenmuster wecken „*“ oder „-„? Richtig, blutleerer Bürokratismus. Weshalb es vor allem Beamte und Politiker sind, die diese Sprachregelungen lieben, weil sie eben Beamtendeutsch lieben, lange Worte, viele Substantive und bitte nie, nie, nie lebendig schreiben.

Warum hat sich die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ auch bei Männern mit einem Brett aus dickstem Macho-Hartholz vor dem Kopf durchgesetzt? Man kann es aussprechen. Es klingt höflich, nicht nach Beamtendeutsch.

Ach ja, „Sprache und Denken sind schwer trennbar“? War es nicht Siegmund Freud, der uns darauf hingewiesen hat, dass das meiste Denken im Unbewussten abläuft? Hat die moderne Neuroforschung das nicht bestätigt? Und die Biologie nachgewiesen, dass auch Tiere denken können, ganz ohne Sprache? Dass Sprache und Denken nicht trennbar sind, das ist ein beliebtes Vorurteil der Deutschen, das aus dem 19. Jahrhundert stammt. Wir müssen nur die Sprache ändern, dann ändert sich auch das Denken.

Der Ostblock hat das konsequent verfolgt. Abfällige Worte über Andersrassige waren verboten, in Jugoslawien wie in der Sowjetunion. In den Texten war nur von Gleichheit die Rede, von Völkerfreundschaft. „Neusprech“ hat George Orwell das genannt.

Ist der Rassismus verschwunden, weil seine Worte aus der Öffentlichkeit verschwunden waren?

Ist er nicht, wie wir heute wisssen. Weil die Vorstellungen der Menschen auch ohne die inkriminierten Worte beibehalten wurden. Und überall wurde der Kommunismus hoch gelobt – sind deshalb die Bewohner des Ostblocks zu begeisterten Kommunisten geworden? Sind sie zu begeisterten Antifaschisten geworden, weil immer und überall die Faschisten mit abfälligen Worten verbunden worden sind? Wie wir wissen, nicht. Ganz so einfach ist die Umerziehung nicht.

Was stellen Sie sich vor, wenn ich sage: „Ich gehe zu einem Treffen von Führungskräften der Wirtschaft“? „Die Führungskraft“ ist bekanntlich weiblich, was die Grammatik angeht. Erwarten Sie eine Gruppe älterer Frauen mit unterschiedlichen Hautfarben? Ich wette, dass so gut wie jeder eine Gruppe älterer Männer erwartet, weiß, alle sehr deutsch ausssehend. Und ich fürchte, dass wird so bleiben, solange in 99% der Fälle sich diese Vorstellung bestätigen wird.

Unser Denken pfeift nämlich auf die Grammatik.

Ein Gutes haben solche Artikel und solche Sprachregularien aber. Es wird darüber diskutiert. Und im Westen hat die Diskussion über die Nazizeit weit mehr bewirkt als alle Sprachregulierungen der DDR zusammen. Heute erzielen die Rechtsradikalen im Osten regelmäßig die doppelten oder dreifachen Wahlergebnisse wie im Westen.

Das ändert nichts daran, dass unsere Sprache ungerecht ist und die Vergangenheit mitschleppt, in der Frauen wenig galten. „Der Arzt“ und „die Sprechstundenhilfe“, „Der Chef“ und „die Sekretärin“, „Der Chirurg“ und „die Krankenschwester“ zeigen deutlich, dass es sich es nicht um das generische Maskulinum handelt, das bei solchen Diskussionen gerne bemüht wird. Sondern um Vorstellungswelten, in der die leitenden Berufe von Männern ausgeübt werden. Die Sprache folgt dieser Vorstellung. Aber die Mehrzahl der Chefs ist nicht männlich, weil die Sprache das fordert. Umgekehrt, die Sprache folgt den Vorstellungen – dem was wir wahrnehmen. Die große Mehrzahl der deutschen Führungskräfte sind männlich und sprachliche Klimmzüge ändern daran leider nichts.

Sprachregulierungen sind gut, wenn sie passen. Aber wenn man etwas ändern will, gehört sehr viel mehr dazu als „Feminismus lite“.

1963 sagte Martin Luther King: „I Have a Dream“. Der Satz machte Geschichte. Hätte er auch Geschichte gemacht, wenn er eine neue Sprachregelung vorgeschlagen hätte? Damit bei dem Wort „Polizist“ nicht automatisch jeder an einen weißen Polizisten denkt?

Ich habe einen Traum. Dass man nicht länger versucht, die Dinge dadurch zu ändern, dass man sie anders benennt. Sondern dadurch, dass man sie ändert.

Und dass nicht die männlich geprägte Sprache durch eine bürokratisch geprägte Sprache ersetzt wird.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

 

Gendersprech, die Sternchen und andere Bürokratien