Passiv, Nominalstil und das Gendern

Mittlerweise wissen wir, , welche Stilmittel die Sprache steif, schwerverständlich und unlebendig machen kann.

Das Passiv

Das Passiv hat einen schlechten Ruf. Sätze im Passiv wirken eben passiv und sind schwerer verständlich: „Die Straße wurde von Wasser überflutet.“

Einfacher und lebendiger: „Wasser überflutete die Straße.“

Der Bestsellerautor Andreas Eschbach hat in seiner 10-Punkte-Text-Überwachung Tipps für gutes Schreiben genannt. Über das Passiv findet sich dort:

„Prüfen Sie, ob Sie nicht besser die Aktivform verwenden. Die meisten Passivkonstruktionen unterlaufen einem beim Schreiben aus Versehen, und wenn man genau hinschaut, merkt man, dass der Satz im Aktiv besser wirkt.“

In der deutschen Bürokratie liebt man dagegen das Passiv, an Hochschulen und in wissenschaftlichen Arbeiten auch. Es klingt gelehrter, unverständlicher und nach Obrigkeitsstaat.

Meine Nichte hat ein zweisprachiges Universitätsstudium absolviert, und ihre deutschen Arbeiten enthielten sehr viel mehr Passivkonstruktionen als die englischen. Einfach, weil im angloamerikanischen Raum Verständlichkeit auch an Unis sehr viel mehr als in Deutschland geschätzt wird.

Stephen King sagt in „Das Leben und das Schreiben“: „Bei einem passiven Verb wird etwas mit dem Subjekt gemacht. Das Subjekt lässt etwas über sich ergehen. Das Passiv sollten Sie meiden.“ Und er fragt, ob es wirklich besser ist, zu schreiben: „Mein erster Kuss wurde mir von Shayna gegeben, wofür sie von mir geliebt wurde“ (S. 138/139).

Ihr Auto muss nicht von Ihnen eingeparkt werden (Beamtendeutsch), parken Sie Ihr Auto in Ihren Texten einfach ein. Und lassen Sie Ihr Kind nicht beschult werden, es kann einfacher und verständlicher zur Schule gehen.

Nominalstil

Verben heißen im Deutschen Tätigkeitswörter, weil sie Handlungen beschreiben. Und mit Verben gestalten Sie Ihre Texte lebendig.

Nichts hasst jedoch das Beamtendeutsch mehr als Lebendigkeit. Folglich verwendet es keine Verben, sondern bevorzugt die Verwendung substantivierter Verben oder Partizipialkonstruktionen:

„Die Fürsorge umfasst den lebenden Menschen einschließlich der Abwicklung des gelebt habenden Menschen.“ (Vorschrift Kriegsgräberfürsorge)

Und natürlich gibt es dort keine Schülerinnen und Schüler, sondern zu Beschulende.

Verständliche Sprache

Eigentlich ist es seit langem bekannt, dass Passivkonstruktionen, Nominalstil und Partizipialkonstruktionen nicht der Verständlichkeit dienen. Seit vielen Jahren wissen wir, was verständliche Sprache auszeichnet. Und die Diskussionen um einfache und leichte Sprache bestätigt das. Wenn Inklusion gewünscht wird, ist Beamtendeutsch der jetzt doch gewünschten Verständlichkeit in Hinsicht auf Teilhabung aller, die Texte empfangen müssen, ein bisschen hinderlich. — Sorry für diesen Satz in Beamtendeutsch.

Abstrakt, nicht konkret

Und um was handelt es sich bei den Wörtern auf „-ung, -keit, -schaft, -kraft“? Ja, sie sind geschlechtsneutral. Aber auch allgemein, unanschaulich. Die Umschulung der Lehrerschaft auf Genderkraft und Geschlechtsachtsamkeit wird von der Frauenbeauftragtenschaft in Empfehlungen als Notwendigkeit vorgeschlagen.

Mit solchen Wörtern kann man jede Freude an Sprache töten und verhindern, dass Nicht-Beamtendeutsche den Text verstehen. Will das jemand?

Die Einführung des Beamtendeutschs in Baden-Württemberg

Offenbar. Die baden-württembergischen Frauenbeauftragten planen jetzt Richtlinien für die sprachliche Gleichstellung der Geschlechter. So weit, so gut.

Doch gut gemeint ist lange noch nicht gut gemacht. Natürlich sind die Richtlinien nicht bindend, das würde sofort jedes Gericht bestätigen. Aber jeder weiß, dass man sie befolgen sollte, will man eine bessere Note als „Ausreichend“ erhalten. Und jeder, der in Wissenschaft oder Staat Karriere machen will, tut gut daran, sich daran zu halten. Zumindest in offiziellen Texten.

Was wird nun im Einzelnen gefordert?

Statt dem langen Papier hätten sie auch schreiben können: Wir wollen mehr Bürokratie wagen.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht

Das generische Maskulinum ist sicher nicht die genialste Erfindung der deutschen Sprache. Beamtendeutsch ist es aber auch nicht.

Dabei muss man sich gar nicht an Nominalstil und Passiv orientieren. Im Schwedischen gibt es „hen“, ein Fürwort wie „sie“ oder „er“, nur dass es kein Geschlecht bezeichnet. In mehreren Romanen, zum Beispiel „Wasteland“, wird „ser“ als Fürwort für nichtbinäre Personen verwendet.

Natürlich ändert sich Sprache. Aber in Richtung einfacherer Formulierungen und vor allem anschaulicherer. All die substantivierten Verben, die unanschaulichen Begriffe auf „-keit, -ung, -kraft“ sind dem Obrigkeitsstaat vorbehalten und haben noch nie Einzug in die Alltagssprache gehalten. Außer als Witz.

Diese Form des Genderns wird wohl nur in staatlichen Verlautbarungen u. Ä. Einzug halten. Schon jetzt zeigt sich, dass die Mehrheit der Bevölkerung sie nicht nachvollziehen kann oder will. Und soll man nicht die Menschen so anreden, wie sie angeredet werden wollen? Die Mehrheit der Frauen möchte nicht so angeredet werden, wie ihr sie anredet. Jedenfalls sagen das die Umfragen.

Bitte, bitte, überlegt euch praktikablere, lebendigere Formulierungen, die auch Nicht-Juristinnen verstehen und anwenden können, wenn ihr erreichen wollt, dass Frauen und andere mehr berücksichtigt werden. Und berücksichtigt sie aktiv statt passiv als Opfer.

Und liebe Autorinnen und Autoren, befolgt die Ratschläge von Andreas Eschbach und Stephen King, schreibt aktiv. Und nicht, wie es diese Empfehlungen durchsetzen wollen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum   Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Passiv, Nominalstil und das Gendern

Personen und Diversity recherchieren

„Sensitivity-Writing“ ist das neue Schlagwort. In Romanen tauchen fast immer weiße Personen aus dem Bildungsbürgertum auf. Sonderlich verwunderlich ist das nicht, die meisten Autorinnen und Autoren stammen aus dieser Gruppe und kennen sich dort aus. Schon Frauen aus dieser Gruppe sind in Romanen und Filmen seltener als Männer, geschweige denn Angehörige von Minderheiten.

Und wenn Personen aus anderen Gruppen die Buchseiten bevölkern, dann tun sie es oft als Klischees, als Marionetten. Der Deutschtürke, der seine Schwester ehrenmordet, die Hure mit dem goldenen Herzen, der Polizist mit rechtsradikalen Foren-Beiträgen, der Kripokommissar, der ein Alkoholproblem hat und bindungsunfähig ist, der Schwarze, der Drogen dealt, etc. pp.

Doch es gibt nicht erst seit gestern sehr viel mehr Menschen in Deutschland, sehr viel mehr Gruppen und sehr unterschiedliche Meinungen in diesen Gruppen. Autoren, die sich auf Klischees beschränken, lassen sich viele Möglichkeiten entgehen, ihre Geschichten mit Leben zu erfüllen.

Schwarz-Weiß-Malerei ist nicht spannend.

Doch wie bekommen Sie neue Ideen, eine anschauliche Wahrnehmung von Gruppen, zu denen Sie normalerweise keinen Kontakt haben?

Beobachten Sie Menschen. Was arbeiten sie, wie arbeiten sie? Gehen Sie mit offenen Augen durch die Stadt. Sie werden immer wieder neue Entdeckungen machen.

Fragen Sie Menschen

Menschen reden gerne über ihre Situation. Sie erfahren eine Menge, was Ihre Texte nicht nur diverser macht, sondern auch spannender.

Beratung durch Interessengruppen

Viele Interessenvertretungen kann man anfragen, vielleicht ein Interview oder einen Tag mit den Menschen bekommen. Eine Kollegin von mir hat sich bei der Bundeswehr mal eine Führung durch eine Kaserne geben lassen. Sie hat einfach dort angerufen. Und der Kommandant der Raumstation wurde dadurch richtig lebendig. Nicht mehr ein Stinkstiefel wie in vielen deutschen Romanen und auch kein strahlender Held wie in vielen amerikanischen, sondern ein lebendiger Mensch. Die Geschichte wurde dadurch sehr viel spannender.

Mittlerweile gibt es auch Foren und Gruppen, die Sensitivity-Reading anbieten, die Manuskripte lesen und die Autoren auf Fehler, Vorurteile und Probleme hinweisen.

Facebook & Co

Egal, ob gebildete Marokkaner, Kripobeamtinnen oder Hacker, sie alle haben Facebookgruppen. Und dort erfährt man eine Menge.

Nehmen Sie Menschen ernst

Sie werden bald entdecken, wie viele unterschiedliche Menschen es in Deutschland gibt. Nicht nur bezüglich der Hautfarbe, auch bezüglich sozialer Herkunft, sozialer Schicht, Herkunft der Eltern und, und, und.

Der lateinamerikanische Student, der ein Fan der deutschen Sturm-und-Drang-Zeit ist und nach Deutschland zum Studium kommt. Voller Erwartung, dass seine Mitstudenten diese Sturm-und-Drang-Zeit lieben und kennen. Und entdecken muss, dass die meisten keine Ahnung davon haben.

Der alte Türke, der nach Deutschland kommt, weil seine Kinder und Enkel hier leben, der aber nicht die Hände in den Schoß legen will, seine uralte riesige Nähmaschine mitbringt und sich einen kleinen Laden mietet, um weiter zu schneidern, obwohl er längst im Pensionsalter ist. Aber man muss was zu tun haben, sagte er mir.

Nicht alle haben die gleiche Meinung

Ich erlebe es oft, dass weiße Deutsche aus dem Bildungsbürgertums fest davon überzeugt sind, zu wissen, was Angehörige anderer Gruppen fühlen und denken. Was sie verletzt. Aber so wie indigene Deutsche nicht alle die gleiche Meinung haben, so gilt das auch für Minderheiten.

Oft sprechen indigene Deutsche von Islamophobie, sobald jemand Kritik an konservativen Islamisten übt. Sorry, sage ich. Suchen Sie im Internet mal Diskussionsgruppen von Muslimen. Sie werden feststellen, dass diese ganz unterschiedliche Meinungen haben bezüglich des Islam. Vom ultraharten Islamisten, den Frauen ohne Schleier beleidigen, über den liberalen Muslim, der nur lacht, wenn man ihn fragt, ob er seine Tochter verheiraten würde, bis hin zu Atheisten, die einen Hass auf Koran und Islam haben.

Daneben gibt es natürlich auch andere gängige Klischees und Vorurteile. Die Millionärsgattin hat Depressionen und nimmt Valium. Der Deutschtürke hat die Schule nicht geschafft. Seine Tochter hat er zwangsverheiratet. Der Kripobeamte ist Single und psychisch defekt.

Wir Angehörigen des deutschen Bildungsbürgertums haben oft ein festes Bild von Gruppen, die wir nicht kennen. Alle sind gleich, alle meinen das Gleiche. Kein Wunder, wenn dann in den Büchern immer nur Stereotype auftreten.

Nicht-Diabetiker nennen Diabetiker oft „Menschen mit Diabetes“ und glauben, dass sie diese besonders einfühlsam benennen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich hasse das, wenn Nichtdiabetiker besser zu wissen glauben, wie Diabetiker angesprochen werden wollen. Die meisten hassen wie ich den Begriff „Mensch mit Diabetes“ und fühlen sich verarscht. Gleiches gilt auch für Autistinnen, wie ich erfahren habe. Natürlich gibt es auch einige, die diese Begriffe verwenden, sie sind aber in der Minderheit. Wie gesagt, nicht alle Angehörige einer Minderheit sind gleich, denken das Gleiche, leben auf die gleiche Art und Weise.

Diversität bietet Konflikte und unterschiedliche Perspektiven

Jeder kennt den Tatort aus Münster. Mit dem arroganten Professor und dem prolligen Kommissar. Sehr schematisch, kein Zweifel, die wenigsten Professoren werden nur Wein trinken und Golf spielen, die wenigsten Prolls nur Bier trinken und als Couchpotato nur Fußball gucken.

Aber schon in diesem Fall resultiert Spannung und Witz aus der unterschiedlichen Weltsicht und dem unterschiedlichen Lebensstil.

Sehr viel ernster handelt das der Oscargewinner „The Green Book“ ab. Ein erfolgreicher afroamerikanischer Musiker aus New York will Anfang der Sechziger eine Tour durch die Südstaaten machen. Damals war dort noch die Rassentrennung üblich. Er engagiert einen italoamerikanischen Rausschmeißer aus einem Nachtclub als Fahrer. Hier prallen gleich verschiedene Gegensätze aufeinander. Der gebildete Afroamerikaner, Angehöriger der Intelligenz der Ostküste, der eher prollige Italoamerikaner, heute würde man ihn „bildungsfern“ nennen. Unterschiede in Bildung, Unterschiede in der Hautfarbe — und dann noch eine Reise durch eine Gegend mit strikter Rassentrennung. Ich kann den Film nur jedem empfehlen.

Diverse Meinungen

Meinungsfreiheit hat einen großen Vorteil und ist deshalb ein Erfolgsmodell. Weil unterschiedliche Menschen ihre unterschiedlichen Meinungen und Sichtweisen einbringen. Weil damit Einseitigkeit vermieden wird. Auch in der Tierwelt ist die Entwicklung von Individuen ein großer Fortschritt für die Tiere gewesen. Selbst in früheren Zeiten gab man den Fürsten den Rat: Suche dir Ratgeber mit unterschiedlichen Meinungen. Leider haben sich die meisten nicht daran gehalten.

Ein ganz einfaches Beispiel, das ein Botanikprofessor mal erzählt hat. Er traf auf einer Konferenz einen Manager einer Chemiefirma, der ihm berichtete, dass die Chemiker der Firma schon viele Millionen ausgegeben hatten, um herauszufinden, warum Unkrautvernichter das Unkraut angreifen, nicht aber das Getreide. Da müsse es doch einen chemischen Unterschied zwischen beiden geben.

„Das kann ich Ihnen sagen“, sagte der Botaniker. „Getreide sind Einkeimblättrige. Die meisten Unkräuter Zweikeimblättrige. Und daraus folgt …“ Und er konnte das Rätsel lösen.

Menschen sind oft der Weltsicht ihrer Gruppe verhaftet. In sozialen Netzwerken bilden sie schnell Filterblasen. Und nehmen nur noch wahr, was ihre Gruppe wahrnimmt. Firmen mit Führungskräften aus unterschiedlichen Gruppen sind deshalb erfolgreicher.

Als Metro Goldwyn Mayer „Quo Vadis“ verfilmte, suchten sie einen Schauspieler für den Kaiser Nero. Peter Ustinov bewarb sich. Er sei zu jung, glaubte die Filmgesellschaft. „Bald werde ich zu alt sein“, erwiderte Ustinov und die erstaunten Filmleute mussten erkennen, dass sie zwar viel Geld für Recherche ausgegeben hatten, aber einfach davon ausgegangen waren, dass Nero ein alter, weißer Mann gewesen sei – doch das stimmte nicht.

Moral und bessere Texte

Oft wird moralisch argumentiert, Autoren MÜSSTEN diverser schreiben, das sei für Minderheiten wichtig. Sie werden gemerkt haben, dass ich kaum auf Moral eingegangen bin. Auch wenn es sicher richtig ist, dass wir heute in einer sehr diversen Gesellschaft leben und es nur gut ist, wenn Romane das widerspiegeln.

Ich halte es für wichtiger, zu betonen, dass Texte besser werden, wenn Sie sich um mehr Diversität bemühen, Klischees vermeiden. Dann werden Sie auch Verletzungen von Minderheiten vermeiden. Wenn Sie während des Schreibens hingegen nur noch daran denken, niemanden zu verletzen, können schnell blasse, inhaltsleere Romane entstehen. Wer nichts tut, macht nichts falsch. Wer nicht schreibt, ebenfalls.

Aber was wäre, wenn Harriet Becher-Stowe „Onkel Toms Hütte“ nicht geschrieben hätte, aus Angst, Afroamerikaner zu verletzen? Sie hätte die Verletzungen durch die Sklaverei den weißen Amerikanern nicht nahe gebracht.

Was wäre gewesen, wenn der deutsche Afrikaforscher Nachtigall nicht den Horror der Sklavenjagden im Inneren Afrikas beschrieben hätte, aus Angst, Schwarze zu verletzen? Die meisten weißen Europäer hätten nichts davon erfahren, denn die Sklaven konnten diesen Horror nicht schriftlich festhalten.

Mir scheint es wichtiger, Menschen wahrzunehmen, als verzweifelt darauf zu achten, dass man niemanden verletzt. Marius Jung hat in „Singen können die alle“ beschrieben, wie es ihn als schwarzen Deutschen oft nervt, wenn Gesprächspartner nicht normal mit ihm reden, sondern herumstottern, in dem Bemühen, ja keine falschen Worte zu verwenden.

Habt Mut

Liebe Autorinnen und Autoren, habt also den Mut, die Vielfalt in Deutschland wahrzunehmen und in Romanen zu schildern. Sowohl die Vielfalt der Deutschen wie die Vielfalt der Meinungen. Und lasst das die Leserinnen und Leser auch in euren Romanen erleben.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum   Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Personen und Diversity recherchieren

Infodump revisited

„Informationen im Roman sind notwendig, Leser finden das toll!“, diese Meinung habe ich öfter gehört.

Sie ist richtig. Und falsch zugleich. Wenn es zu viele oder die falschen Informationen sind oder sie falsch erzählt werden, produzieren wir einen Infodump. Nicht jede Info in einem Roman ist aber ein Infodump.

Was unterscheidet also Infos im Roman von den berüchtigten Infodumps, die Leserinnen und Leser abschrecken? Schauen wir uns zwei Beispiele an, wie erfolgreiche Autoren Infos vermitteln.

Der Hochsitz

Warte auf mich!“

Ulrike ist weit hinter mir. Kurz umgucken, den Lenker auf Spur halten, aber sie ist nicht zu sehen.

Warum muss sie auch immer so langsam fahren? Wenn man am Berg erst einmal einen bestimmten Rhythmus gefunden hat, dann muss man den durchhalten. Da kann man nicht einfach mal Tempo rausnehmen. Das weiß sie doch. Ich habe es ihr gesagt.

Ich seh dich nicht mehr!“, ruft Ulrike jetzt.

Wenn sie nicht so viel schreien würde, hätte sie mehr Kraft, um ihr blödes Mädchenrad zu bewegen. In Rosa. Aber sie hat auch nicht so viel Schwein gehabt wie ich.

Da oben ist die Abzweigung schon.

Es wird noch einmal kurz steiler. Doch mit dem Bonanzarad ist das zu schaffen. Ich passiere das Kreuz am Straßenrand. Es ist voriges Jahr für den Sohn von Herrn Sang aus Ferschweiler aufgestellt worden. Ich kannte Herrn Sang nicht, aber wegen dem Unfall, bei dem sich der Sohn mit dem Auto überschlagen hat, ist viel über ihn geredet worden. Er war in der CDU, wie Papa auch, und hat sich kurz nach dem Tod seines Sohnes aufgehängt. Das habe ich auch nur erfahren, weil ich manchmal ganz genau hinhöre, wenn die Erwachsenen reden. Solche Sachen erzählen sie uns Kindern sonst nicht.

Ein Motor ist zu hören und wird lauter. Das Auto kommt von hinten angebraust, ist ganz schön nah beim Überholen und schon wieder weit weg. Noch ein paar Tritte, und ich bin am Weg angekommen. Einmal ganz genau nach hinten gucken, und dann nach links über die Straße rüber. Mit dem letzten Schwung auf den Weg rauf, noch einmal kurz im ersten Gang durchtreten, Hinterbremse drücken, Lenker rumreißen und schön die Wolke machen. Dann rolle ich zurück zur Teerstraße und verstecke mich hinter einem Busch. Ein kleiner Laster tuckert hinunter, und als er an der nächsten Kurve verschwunden ist, kann ich Ulrike sehen. Sie ist natürlich wieder abgestiegen.

Sanne!“, ruft sie. Kein Grund, mich zu zeigen.

Wieder: „Sanne!“ Drei Wochen seit dem elften Geburtstag. Und ich weiß schon, was ich für ein Glück habe. Sie hätten mir alles Mögliche schenken können. Aber ich habe so lange genervt, dass selbst meine Eltern eingesehen haben, dass es keine Alternative zum Bonanzarad gab. Na gut. Kurz raus hinter dem Busch. Ulrike zuwinken. Sie winkt zurück und wird gleich noch langsamer.

Max Annas, Der Hochsitz, Rowohlt, 2021,
Leseprobe:
https://www.book2look.com/book/9783498002084

Ein elfjähriges Mädchen erzählt uns, wie sie eine Steigung hochfährt. Und die Sprache verrät es uns auch, hier spricht die Erzählstimme eines Kindes. Einfache, knappe Sprache, viel Handlung, dazu Dinge, die einem Kind während der Erzählung einfallen.

Nötige Infos

Empfinden Sie das als Infodump? Ich nicht. Aber warum nicht? In dem Text stecken doch eine Menge Informationen!

  • Die Erzählerin hat ein Bonanzarad
  • Die Freundin fährt ihr zu langsam
  • Man muss am Berg den Rhythmus finden und durchhalten
  • Sie ist gerade elf geworden und hat das Rad zum Geburtstag bekommen
  • Mit dem Bonanzarad kann sie leichter fahren

Infodump

Warum ist es dann kein Infodump?

  • Weil der Text nicht einfach Tatsachen aufzählt, sondern sie in eine Handlung einbaut
  • Weil die Erzählstimme des Mädchens durchgehalten wird, wir uns die ganze Zeit im Kopf und in den Gedanken des Mädchens befinden
  • Weil es konkret bleibt, „Show, don’t tell“ nennt man das
  • Weil die Handlung aktiv erzählt wird
  • Weil nicht beliebig viele Informationen erzählt werden
  • Weil mit jeder neuen Info neue Fragen aufgeworfen werden

Die Infodump-Variante

Kann man den gleichen Text in einen Infodump verwandeln? Versuchen wir es mal:

Ulrike ist nicht schnell, das weiß ich, seit vielen Jahren wird bei unseren Fahrradfahrten von ihr das Tempo nicht gehalten. Ich soll auf sie warten, wird mir von ihr nachgerufen, womit sie das Problem des Langsamer-Fahrens vergrößert, denn bei sportlichen Betätigungen ist es nach anerkannter Meinung aller Fachleute wichtig, den Atem nicht für Tätigkeiten, die die Betätigung hindern, zu vergeuden, sondern für die eigentliche Betätigung, die wichtiger ist, aufzusparen. Diese Erkenntnis habe ich ihr in der Vergangenheit vielfach vorgetragen, doch sie hat sie nie internalisiert.

Inhaltlich besteht hier kein Unterschied, doch bei Texten kommt es immer auf das Wie an.

Erzählstimme und aktiv erzählen

Hier erzählt ganz klar kein Kind die Geschichte, sondern der Autor, dessen Erzählstimme nicht zu der eines Kindes passt. Obendrein wird passiv, statisch erzählt, und eine Menge völlig unwichtiger Details werden aufgeführt.

Ach ja, noch etwas ganz Wichtiges: Alle Einzelheiten in der Originalerzählung haben später in dem Roman eine Bedeutung. Der russische Schriftsteller Anton Tschechow sagte dazu: „Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben.“

Infos, die keine Bedeutung in der Geschichte haben, sollte man streichen.

Aufgabe

Nehmen Sie einige Bücher aus Ihrem Regal, möglichst Ihre Lieblingsbücher. Lesen Sie die ersten vier Seiten, schreiben Sie auf, welche Informationen dort vermittelt werden. Und stellen Sie mit Tschechow fest, was damit im Laufe der Geschichte geschieht.

Beispiel 2: Palast der Winde

Ashton Hilary Akbar Pelham-Martyn wurde in einem Zeltlager unweit eines Passes im Himalaja geboren und kurz darauf in einem zusammenlegbaren Wassersack aus Segeltuch getauft. Sein erster Schrei wetteiferte kühn mit dem Gebrüll eines Leoparden, der sich etwas weiter unten am Hang befinden musste, und sein erster Atemzug füllte die Lungen mit der eisigen Luft, die von den hohen Gipfeln blies und den Dunst der Ölfunzel, den Geruch nach Blut und Schweiß und den durchdringenden Gestank der Tragtiere mit dem frischen Duft von Schnee und aromatischen Kiefernnadeln mischte. Als der eisige Windstoß den nachlässig verschnürten Zelteingang aufriss und die Flamme der verrußten Ölfunzel heftig zu flackern begann, hörte Isobel das lebenslustige Krähen ihres Sohnes und sagte matt: „Wie ein Siebenmonatskind schreit er eigentlich nicht, oder? Ich muss mich wohl … muss mich wohl verrechnet haben …“

So war es denn auch, und dieser Rechenfehler kam Isobel teuer zu stehen. (Schließlich muss bei weitem nicht jeder gleich mit dem Leben für eine solche Nachlässigkeit bezahlen.) Zu ihrer Zeit – es war die von Königin Viktoria und Prinzgemahl Albert – galt Isobel Ashton als eine empörend unbürgerliche junge Frau, und als sie – Waise, ledig und in der offen bekundeten Absicht, ihrem unverheirateten Bruder den Haushalt zu führen – im Jahr der Weltausstellung an der nordwestlichen Grenze Indiens in der Garnison Peshawar eintraf, wurden nicht nur viele Augenbrauen missbilligend hochgezogen, es fielen auch abschätzige Bemerkungen. Der Bruder William war übrigens erst kürzlich zur Heeresabteilung der Kundschafter versetzt worden. Als Isobel dann ein Jahr später Hilary Pelham-Martyn heiratete, einen auf seinem Gebiet berühmten Sprachwissenschaftler, Ethnologen und Botaniker, und mit ihm eine offenbar unbegrenzt lange, gemächliche Forschungsreise ins Vorgebirge von Hindustan antrat, ohne festen Reiseplan und ganz ohne weibliche Bedienung, da wurden die Brauen neuerlich hochgezogen, diesmal eher noch indignierter.

Kaye, Mary M.: Palast der Winde, Fischer Klassik Plus (German Edition), Fischer E-Books. Kindle-Version

Der allwissende Erzähler ist kein Infodump

Hier gibt es einen allwissenden Erzähler, der alles über Handlung und Personen weiß. Und uns in einem ganz anderen Stil eine Menge Informationen vermittelt.

  • Wir befinden uns an der nordwestlichen Grenze Indiens
  • Die Handlung spielt im viktorianischen Zeitalter
  • Der Bruder dient im Militär bei den Kundschaftern
  • Isobel ist unverheiratet
  • Es gibt kein elektrisches Licht, sondern eine Ölfunzel

Und auch hier kann jeder noch eine ganze Menge weiterer Infos aus dem Text herauslesen. Der Stil ist langsam, ausführlich, langweilt trotzdem nicht. Auch hier wegen den lebendigen Details (show, don‘t tell), weil aktiv erzählt wird, die Infos nicht mit dem erhobenen Zeigefinger dargeboten werden, sondern in die Handlung eingebunden sind und nur Infos auftauchen, die zu der Handlung passen.

Auch hier ist das wichtig: Sobald Infos im Text stehen, die mit der Geschichte nicht zusammenhängen, erhalten wir einen Infodump. Und in der Regel wird dann auch der Stil plappernd.

Infodump Palast der Winde

Würde die Erzählung als Infodump erzählt, sähe sie ganz anders aus. Vielleicht so:

Als England von Königin Viktoria regiert wurde, zu deren Reich auch Indien und das heutige Pakistan gehörten, wurde Ashton Hilary Akbar Pelham-Martyn in der Grenzregion zwischen Indien und Afghanistan geboren. Kurz darauf wurde er mit Wasser getauft. Am 1. Mai 1876 nahm Königin Victoria gemäß dem Royal Titles Act den Titel „Kaiserin von Indien“ an – die Proklamation erfolgte am 1. Januar 1877 in Delhi.

Ein wildes Tier schrie, als Ashton Hilary Akbar Pelham-Martyn seinen ersten Schrei ausstieß, der sehr kräftig klang, obwohl die Mutter gedacht hatte, er wäre ein Siebenmonatskind gewesen. Der Himalaya hat kalte Winde, die ins Lager geblasen wurden, in dem ein furchtbarer Gestank der Lasttiere herrschte. Isobel Ashton wurde von der englischen Gesellschaft als sehr unbürgerlich angesehen. Sie war der Meinung, dass sie sich mit der Schwangerschaft verrechnet haben musste, weil sie glaubte, dass kein Siebenmonatskind so kräftig schreien konnte.

Was unterscheidet die Infodump-Erzählung von dem Original?

  • Sie ist unanschaulich (nicht Gebrüll eines Leoparden, sondern eines wilden Tieres)
  • Sie enthält viele passive Behauptungen des Autors ( „Der Himalaya hat kalte Winde“ statt: „Kalte Winde fahren in das Zelt“
  • Sie hält eine große Distanz zu den Figuren, während das Original immer wieder dicht an die Personen herangeht („Ich muss mich verrechnet haben“)
  • Sie enthält unnütze Informationen; dass Viktoria Königin von England ist, sagt uns, in welcher Zit die Geschichte spielt. Dass sie auch Kaiserin von Indien ist, ist eine völlig unnötige Info für diese Geschichte

Die Erzählstimme des Originals ist eine eigene Stimme, genau wie im ersten Beispiel. Die Infodumps haben keine eigene Erzählstimme, wir hören den plappernden Autor, der uns langweilt, weil er nur aufzählt, aber der Erzählung keine Spannung durch eine eigene Erzählstimme gibt.

Zum Schluss

Stephen King sagt zum Thema: „Wenn ein Leser ein Buch zur Seite legt, weil es ‘langweilig wurde’, liegt die Ursache oft darin, dass der Autor sich an seinen Beschreibungskünsten begeisterte und darüber sein oberstes Ziel aus den eigenen Augen verlor, den Ball im Spiel zu halten.”

Links

In der Gruppe Self Publishing auf FB gibt es eine interessante Diskussion zum Thema, mit vielen Pros und Contras:
https://www.facebook.com/groups/selbstverlag/posts/4214111228645832
Und hier noch ein Blogbeitrag zum Thema:
https://hproentgen.wordpress.com/?s=Infodump

Erstveröffentlicht in: tempest, Autorenforum, August 2021

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum   Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Infodump revisited

Romantitel finden

Das Manuskript ist fertig. Doch wie soll das neue Baby heißen? Die Titelsuche hat schon manchen Autor zur Verzweiflung gebracht. Hier gibt es ein paar Tipps.

Brainstorming – das Hirn stürmen lassen

Brainstorming kommt, wie so vieles, aus den USA. Mit Brainstorming sollen neue Ideen gefunden werden.

Das Prinzip ist einfach: Erst mal alles akzeptieren, was einem einfällt, damit der innere Kritiker nicht gleich alles totschlägt mit dem Ruf: »Das geht gar nicht.«

In der ersten Phase ist also Kritik tabu. Der innere Kritiker darf ins Café gehen, jetzt hat er nichts zu tun, egal, ob Sie als Einzelner oder in einer Gruppe brainstormen. Die erste Phase dient dazu, möglichst viele Titel zu finden, egal wie gut oder schlecht sie sind. Und es gibt zahlreiche Möglichkeiten, auf Ideen zu kommen.

Lassen Sie sich ruhig Zeit. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut und ein guter Titel braucht mehr als zehn Minuten Brainstorming. Schlafen Sie erst einmal über die Liste möglicher Titel, bevor Sie sie bewerten.

Erfolgreiche Titel

Ein Blick in die Bestsellerlisten und die Filmlisten lohnt immer. Welche Titel gibt es da? Was spricht Sie an? Natürlich können Sie nicht einfach Titel kopieren, das verbietet schon der Titelschutz, dazu später.

Aber Sie können Titel abwandeln. »Es war einmal in Amerika«, wie wäre es mit »Es war einmal in Buxtehude«? Nein, jetzt nicht sagen: »Was für ein Quatsch«. Wir finden Ideen, sind in den Hirnstürmen, das ist kein Klima für Kritiker.

»Die Säulen der Erde«, wie wäre es mit »Die Wolken in Hamburg«? Oder »Was Hamburg trägt«? Oder »Einstürzende Säulen der Welt«?

Spinnen Sie einfach alles aus, was Ihnen einfällt.

Werbesprüche

Auch Werbesprüche eignen sich als Vorbild. »Das weißeste Weiß meines Lebens«, wie wäre es mit »Das röteste Blut meines Lebens«? Oder aus »IPhone – fast zu schnell, um wahr zu sein« wird »Fast zu tot, um wahr zu sein«. Vielleicht auch »Zu verliebt, um wahr zu sein«? Noch einmal: Wir suchen Titel, bewerten werden wir sie später.

Gegensätze

Gegensätze eignen sich hervorragend als Titel. »Krieg und Frieden«, »Liebe und Hass«, »Der Mond ist unsere Sonne«, »Ein Lied von Eis und Feuer«. Auch damit kann man hervorragend spielen.

Sprichwörter und Redensarten

Auch Sprichwörter, die jeder kennt, bieten sich an. »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr«. Wie wäre es mit »Was Hänschen nicht lernt …«? Oder » … lernt Hans nimmermehr«?

»Dame, König, As, Spion« verwendet die bekannten Spielkarten im Deutschen. Der englische Originaltitel verwendet einen englischen Spruch: »Tinker, Tailor, Soldier, Spy«. Beides spielt in der Geschichte eine zentrale Rolle.

Einprägsame Formulierungen

»Die Stunde des Jägers« gibt es in unendlich vielen Varianten. »Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin«, »In Zeiten des abnehmenden Lichts« sind einprägsame Titel, die in Erinnerung bleiben.

Titel kombinieren

Man kann Titel auch kombinieren. »In Zeiten des kalten Feuers« oder »Böse Mädchen und gute Jäger«. Wie gesagt: Am Anfang werden die Titel nicht bewertet, da kommt es darauf an, möglichst viele zu finden.

Titel bewerten

Wenn Sie eine lange Liste möglicher Titel haben, gehts an die Bewertung. Und wonach bewertet man die Titel?

Emotionen und Assoziationen

Das Wichtigste sind die Emotionen, die ein Titel weckt. Nicht irgendwelche, sondern genau die, die zum Buch passen. Wichtig ist auch, welche Assoziationen der Titel weckt. Ein Titel, der die Assoziation eines Liebesromans weckt, ist für Science Fiction weniger geeignet.

Der Titel sollte die gleichen Emotionen ansprechen, die das Buch anspricht. »Leberknödelblues« ist gut für einen witzigen Text, der in Bayern spielt, aber nicht für einen Hardboiled-Krimi in Hamburg.
»Schuld und Sühne« weckt Emotionen, »Verbrechen und Strafe« wie es in der neueren Übersetzung heißt, nicht. Das englische »Crime and punishment« hat wiederum Emotionen. »Übertretung und Zurechtweisung«, eine andere Übersetzung, klingt ebenfalls blass im Deutschen.

Achten Sie auf die Emotionen und welcher Titel die beste Wirkung hat.

Wiedererkennung

Ihren Titel sollten die Interessenten natürlich sofort wiedererkennen und möglichst im Gedächtnis behalten. Deshalb eignen sich einprägsame Formulierungen so gut als Romantitel, selbst wenn sie länger sind. »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« bleibt trotz der Länge im Gedächtnis, weil er etwas Unerwartetes beschreibt. »Der Fünfzehnjährige, der aus dem Fenster stieg« bleibt längst nicht so gut haften. Und auch nicht alle die Nachdichtungen im Stile von »Der Lehrer, der in den Kastanienbaum stieg«. Wenn Sie einen Titel wählen, der sich an einen bekannten anlehnt, dann sollte er sich gleichzeitig unterscheiden und überraschen. »Vier Seiten für ein Halleluja« spielen auf Bud Spencer und Terence Hill an.

Orte

Orte, die im Roman vorkommen, sind ebenfalls gut, wenn sie Emotionen wecken. »Ein Haus in der Toskana«, »Entscheidung am Matterhorn« oder »Nebel vor Norderney«. Auch hier ist es wichtig, dass man darauf achtet, welche Emotionen ein Titel weckt. »Nebel vor Starnberg« hat sicher nicht die gleiche Wirkung wie »Nebel vor Norderney« und »Das Licht der Provence« hat eine andere Wirkung als »das Licht Grönlands«

Gegenstände

Gibt es einen Gegenstand in Ihrem Roman, der immer wieder eine Rolle spielt? »Die Säulen der Erde« war ein guter Titel, schließlich ging es um Kathedralenbau. »Das Parfüm« desgleichen, denn darum ging es in dem Buch.

Personen

Bekannte Personennamen aus Ihrer Geschichte, aber auch historische Namen eignen sich ebenfalls, z.B. »Napoleon ist an allem schuld«. Auch hier sollte man auf die Emotionen und Assoziationen achten. »Die Buddenbrooks« wecken die Vorstellung eines Familienromans in Norddeutschland. Man kann Namen auch mit Eigenschaften kombinieren: »Der talentierte Mr. Ripley«. Auch hier zählen die Nuancen. »Der kluge Mr. Ripley« wirkt nicht so gut.

Auch die Namen sollten ungewöhnlich sein. »Elisabeth Meier« eignet sich vermutlich nicht.

Sätze aus dem Manuskript

Gibt es besonders eindrückliche Sätze in Ihrem Text? Auch die können eine gute Vorlage für Titel bilden.

Klang und Poesie

Sprechen Sie einen Titel laut aus. Wie klingt er? Hat er Poesie, Rhythmus, Alliteration? »Nebel vor Norderney« ist eine Alliteration mit Vokalen, die den Rhythmus stützen. »Nebel vor Borkum« klingt nicht ganz so gut. Und »Nebel vor Wanne-Eickel« passt gar nicht. Dagegen könnte »Die Morde von Wanne-Eickel« wirken, weil der Ort die Assoziation »bieder« weckt. Ein Ort, in dem es bestenfalls Taschendiebstähle, aber keine interessanten Morde geben kann. Ich weiß, ein Vorurteil, aber auch damit muss man rechnen.

»Der Name der Rose«, »Der alte Mann und das Meer« sind poetische Titel, »Die Liebe in den Zeiten der Cholera« ebenfalls, da wirkt zusätzlich der Gegensatz »Liebe« und »Cholera«.

Genre

Natürlich muss der Titel zum Genre passen. Vergleichen Sie Ihren Titel mit anderen aus Ihrem Genre. Fragen Sie Leser Ihres Genres, ob Ihr Titel sie reizen würde, das Buch anzusehen.

Pitch

»Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg«, ist gleichzeitig der Pitch des Romans. Ein kurzer, knackiger Pitch kann einen wunderbaren Titel geben. »Ein Kampf um Rom« und »Games of Thrones« sind solche Titel. Für den Pitch siehe auch: https://hproentgen.wordpress.com/2018/02/09/sieben-pitchtypen-fuer-autoren/

Testen

Probieren geht über studieren. Bereits im Brainstorming lohnt es sich, mit anderen das Hirn auf Trab zu bringen. Und wenn Sie einen Titel haben, stellen Sie ihn einigen Testlesern vor. Was würden diese von einem Roman mit diesem Titel erwarten?

Der große Titel

Die besten Titel fallen einem ganz unerwartet ein. Titel, bei denen man sofort weiß: Das ist es! Sie fallen einem unter der Dusche ein, in der S-Bahn, beim Salat putzen. Schreiben Sie sie sofort auf, der Salat kann warten. Deshalb lohnt es sich, sich mit der Titelsuche Zeit zu lassen. Solche großen Titel sind ein Geschenk, man darf darauf hoffen, aber nicht immer klappt es.
»Harry Potter« hat auch für einen Bestseller gereicht. Und hat viele Briten angesprochen, denn es gibt die berühmte Kinderbuchautorin Miss Potter, die die Geschichten um »Peter Hase« geschrieben hat. Den Namen kennen die meisten Briten. Auch solche Assoziationen sind nützlich.

Titelschutz

Titel genießen Titelschutz, haben also ein Urheberrecht. Allerdings nur, wenn sie ein eigenes Schöpfungsniveau haben. »Liebe« dürfte kaum unter Titelschutz fallen. Wichtig ist, dass eine Verwechslungsgefahr ausgeschlossen ist. »Der Neunundneunzigjährige, der aus dem Fenster stieg« würde angefochten werden. Näheres finden Sie unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Titelschutz

Und jetzt lassen Sie Ihr Hirn frei, damit es möglichst viele einprägsame Titel brainstormen möge!

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum  Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Romantitel finden

Der gefürchtete Infodump

Infodumps sind berüchtigt. Weil sie Leserinnen und Leser aus dem Buch werfen. Seit zwanzig Jahren wird davor gewarnt.

Und heute?

»Ich trau mich gar nichts mehr in Ruhe zu erzählen, aus Angst, es könnte Infodump sein«, hat mir kürzlich eine Autorenkollegin erzählt.
Aber was ist überhaupt ein Infodump?

Infodump – der Abfallhaufen

»Dump« bezeichnet einen Abfallhaufen im Englischen. Und Infodump ist dementsprechend ein Abfallhaufen voller unnützer Informationen. Autorinnen wollen sichergehen, dass der Leser auch alles weiß, was sie über die Geschichte wissen. Deshalb greifen sie oft zum Infodump, indem sie alle Details, ob nützlich oder nicht, abladen. Und weil das gerne statisch und lexikonartig geschieht, vergrault es Leserinnen.

Ein Beispiel für einen massiven Infodump wäre:

»Kommissar Meier kam an den Tatort. Er war groß, blond, hatte braune Augen und eine riesige Nase. Er arbeitete seit fünfzehn Jahren in Potsdam und liebte seinen Job.

Sein Kollege Müller eilte auf ihn zu, im Gegensatz zu Meier war er klein und dick, hatte eine Glatze und eine Warze auf der Nase. Er arbeitete erst seit einem Jahr in Potsdam, war ein Pedant und immer missgelaunt. Kommissar Meier sah sich um. Vor ihm ragte die Friedenskirche auf mit dem Kreuzgang, davor lag der Garten, in dem jedes Jahr als erstes in Potsdam die Krokusse blühten. Vor dem Kircheneingang stand die riesige Jesusfigur aus Metall. Und davor lag die Leiche.«

Die Angst vorm Infodump

Mittlerweile wissen viele, warum man einen Infodump vor allem auf den ersten Seiten vermeiden sollte. Doch manchmal behindert dieses Wissen. Wer die ganze Zeit nur daran denkt: »Ja keinen Infodump schreiben«, behindert den Schreibfluss.

Voran schreiben

»Der erste Entwurf ist immer Scheiße«, wusste schon Hemingway. Und Autoren sollen daran denken, wenn sie den ersten Entwurf schreiben. Der wird später überarbeitet und lektoriert. Erst einmal muss man in den Schreibfluss kommen und sich in seine Figuren verwandeln. Wer die ganze Zeit nur an »möglichst kein Infodump« denkt, tut sich damit hart.

Infodumps erkennen

Woran erkennt man einen Infodump? Da gibt es einige Indizien, die eine Diagnose erleichtern:

Infodumps sind statisch und enthalten keine Handlung

Schauen Sie sich obiges Beispiel eines Infodumps nochmal an. Welche Handlungen kommen dort vor?

Richtig. Der Kommissar kommt an den Tatort. Ein Satz mit Handlung, dann folgen fünf Sätze Informationen. Dann sieht er sich um. Dann wieder vier Sätze Informationen. 80 % des Textes der ersten Seite sind Informationen.

Infodumps lesen sich wie ein Lexikonartikel

Die obigen Informationen könnten so alle in Wikipedia stehen, wenn der Kommissar bekannt genug wäre, dass Wikipedia ihn beschreiben wollte.

Infodumps werfen keine Fragen auf, sondern beantworten Fragen

Was wissen wir nach dem Text? Wie die beiden aussehen, wie lange sie in Potsdam arbeiten, dass vor der Friedenskirche Krokusse im Frühjahr blühen und eine eiserne Jesusstatue vor dem Eingang der Kirche steht. Stellt das irgendwelche Fragen? Reizt das zum Weiterlesen?

Eher nicht.

Erst dann kommt ein Satz, dass vor der Statue eine Leiche liegt. Das weckt bei Krimilesern Fragen: War es ein Mord? Wenn ja, wer war der Täter? Und wie wird er überführt?

Infodumps haben eine andere Erzählstimme

Im Infodump teilt uns der Autor die Informationen mit. Wir erleben sie nicht durch die Augen der Figuren. Dementsprechend wird im Infodump nicht die normale Erzählstimme der Geschichte verwendet, sondern die des Autors.

Kürzen

Infodumps haben einen großen Vorteil: Man kann sie streichen. In vielen Fällen wird der Text allein dadurch sehr viel spannender und lesbarer. Einfach alle Textstellen streichen, die im Verdacht stehen, ein Infodump zu sein. Damit hat man schon viele Infodumps erledigt.

»Kommissar Meier kam an den Tatort. Sein Kollege Müller eilte auf ihn zu. Vor der Jesusfigur lag die Leiche.«

Sehr viel kürzer, aber etwas overdone.

Wenn Sie Infodumps gestrichen haben, legen Sie beide Fassungen – die zusammengestrichene und die mit Infodump – nebeneinander. Wo ist die neue Fassung besser? Wo fehlt etwas? Fügen wir also die Potsdamer Friedenskirche wieder hinzu:

»Kommissar Meier kam an den Tatort. Vor ihm ragte die Friedenskirche auf mit dem Kreuzgang. Vor dem Kircheneingang stand die riesige Jesusfigur aus Metall. Und davor lag die Leiche.

Kommissar Müller eilte auf ihn zu.«

Nötige Informationen an den Leser bringen

Was, wenn man beim Vergleich der beiden Fassungen feststellt, dass man weitere Infos benötigt?

Da gibt es einige Tricks, mit denen Sie sie einbauen können.

Nicht alles auf einmal, sondern nur einen Teil erzählen

So viel, wie gerade nötig ist. Und darauf achten, was eine neue Frage aufwirft und damit Spannung erzeugt. Im obigen Fall ist der Tatort nötig, der Rest am Anfang des Romans aber nicht.

Informationen mit Handlung verbinden

Bieten Sie die Informationen mit einer Handlung dem Leser dar.

Kommissar Müller watschelte schnaufend auf ihn zu. Er schwitzte und rieb sich die Warze am Kinn. Seit Jahren predigte ihm der Kardiologe: »Abnehmen, abnehmen, Sport treiben«, aber Müller überhörte alles missmutig. »Lieber gut essen und mit sechzig sterben, als hungrig mit neunzig« war seine Devise.

Infos aus der Sicht der Protagonistin erzählen

Schildern Sie die Informationen aus der Sicht des Protagonisten. Was würde sie wahrnehmen, wie würde sie denken?

»Vor der riesigen Jesusfigur aus Metall lag ein verbogener Körper, genauso tot wie Jesus auf Golgatha.«

Das sagt uns nicht nur, wo die Leiche liegt, sondern auch einiges über den Kommissar. Ehrfürchtig gegenüber der Religion dürfte er nicht sein, vermutlich etwas zynisch? Womit wir eine Frage hätten.

Infos verteilen

Nicht alles auf einmal erzählen. Nach und nach den Leser in unterschiedlichen Situationen die Informationen darbieten, damit er sie sich selbst zusammenbauen kann und genügend Fragen offenbleiben, um ihn bei der Stange zu halten. Denken Sie daran: Niemand kann zu viele Informationen auf einmal verarbeiten. Viel wirkungsvoller ist eine Information, die im Gedächtnis bleibt.

»Die riesige Jesusfigur aus Metall war doppelt so groß wie Kommissar Meier. Und der überragte alle anderen Mitarbeiter im Präsidium.«

Ellenlange Erklärungen sind langweilig. Halten Sie das, was Sie sagen wollen, kurz, knapp und eindrücklich.

Konflikt

Führen Sie neue Konflikte mit den Informationen ein. Die Informationen beantworten alte Fragen, werfen aber gleichzeitig neue auf. So entsteht Spannung.

Hinter Meiers Kollegen eilte ein dünnes Männchen mit Schlips und Jackett her.

»Wann bringen Sie die Leiche weg?«, fragte es.

»Wir können nicht …«, begann Meier.

»Das ist Weltkulturerbe! Die Platten wurden gerade restauriert. So viel Blut, was das wieder kostet! Wenigstens das Blut sollten Sie wegwischen, bevor es eintrocknet!«

Von der ersten Stufe tropfte langsam, aber regelmäßig das Blut der Leiche auf die Stufe darunter. Das Opfer war noch nicht lange tot.

Intuition schärfen

Wenn Sie konsequent Ihre Texte in der Überarbeitung auf Infodumps kontrollieren, statt sich schon während des ersten Schreibens darüber Gedanken zu machen, werden Sie bald zweierlei merken.

Erstens werden Sie Infodumps schneller bei der Überarbeitung erkennen.

Zweitens werden Sie in der Erstfassung weniger Infodumps produzieren.

Infodumps sind missglückte Beschreibungen

Sie haben es vermutlich längst bemerkt: Infodumps sind missglückte Beschreibungen. Wie Sie gute Beschreibungen erstellen, finden Sie in meinem Blogbeitrag:
https://hproentgen.wordpress.com/2020/11/23/sieben-tipps-fur-spannende-beschreibungen/

Viele Rückblenden sind ebenfalls Infodumps. Auch dazu gibt es einen Blogbeitrag:
https://hproentgen.wordpress.com/2018/06/26/zwoelf-dinge-die-jeder-autor-ueber-rueckblenden-wissen-sollte/

Ich hoffe, dass Ihnen diese Tipps nützen, in Zukunft Infodumps bei der Bearbeitung aufzulösen, ohne sich Angst einjagen zu lassen. Und wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß beim Schreiben und bedanke mich bei Sonja Puras für die Idee und das Lektorat dieses Artikels.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiterempfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum  Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Der gefürchtete Infodump