Alles, was Autoren über Perspektiven wissen müssen

In der Ich-Form erzählen? Oder dritte Person? Immer wieder taucht die Frage auf, welche Perspektive am besten ist, welche die meisten Leser bringt.
Die Antwort ist ganz einfach: Es gibt nicht DIE ideale Perspektive. Aber es gibt viele unterschiedliche Formen, die zur Auswahl stehen. Und die Autorinnen und Autoren kennen sollten.

Grundformen

Ich, personal, allwissend sind die Grundformen.

Personal

Personale Perspektive der dritten Person ist heute die häufigste Form. Aber bei weitem nicht die einzige. Sie erzählt aus der Sicht einer Person, in der Regel des Helden. Alles, was der Held sieht, erlebt, weiß, kann in dieser Perspektive geschildert werden. Alles, was er nicht weiß (zum Beispiel, was der Mörder denkt), bleibt verschlossen. Was durchaus von Vorteil sein kann.

Vorteil: Der Autor hat einen klaren Rahmen . Folgen Sie Ihrem Helden, schweifen Sie nicht ab, lassen Sie die Dinge passieren.

Nachteil: Der Rahmen schließt bestimmte Dinge aus der Geschichte aus.

Eine Spezialform ist multipersonale Perspektive mit mehreren Figuren, dazu später.

Ich

Ein Ich-Erzähler erlebt die Geschichte und erzählt sie dem Leser.

Vorteil:  Wir sind ganz dicht dran an der Figur.

Nachteil: Wir erleben nur den Ich-Erzähler.

Auch hier gibt es Mischformen.

Allwissend

Ein allwissender Erzähler erzählt uns die Geschichte, manchmal wird er auch „auktorialer Erzähler“ genannt. Er darf alles, auch in die Köpfe der unterschiedlichen Figuren schauen und deren Gedanken schildern.

Vorteil: Der allwissende Erzähler weiß alles und darf alles erzählen. Keine Beschränkungen. Der Autor hat die freie Auswahl, was er erzählen will. Er kann ganz nah an die Figuren rangehen oder auch alles aus weiter Distanz schildern.

Nachteil: Vor allem bei Anfängern führt das leicht dazu, dass der Autor nicht nur alles weiß, sondern glaubt, dem Leser auch alles erzählen zu müssen. Und abstrakt erzählt, behauptet, statt anschaulich zu zeigen, zu große Distanz aufbauen.

Perspektiven verlangen Treue

Wenn Sie einmal eine Perspektivform gewählt haben, sollten Sie dabei bleiben. Innerhalb der Szene die Perspektive zu wechseln, um dem Leser etwas zu erklären, geht in aller Regel schief.

Auch wenn Sie eine der zahlreichen Mischformen der Perspektive wählen, sollten Sie diese beibehalten.

Moden

Im 19. Jahrhundert war der allwissende Erzähler beliebt, heute der personale Erzähler. Aber es gab immer auch Autoren, die auf die Mode gepfiffen haben. Karl May hat mal Ich-erzählt, mal allwissend. Auch heute werden alle drei Grundformen benutzt.

Mein Tipp: Wer sich nicht sicher ist, sollte einfach die gleiche Szene in allen drei Perspektiven erzählen. Es gibt keine Perspektive, die besser oder schlechter ist. Aber es gibt Geschichten, die in der einen Perspektive den Leser mehr packen und in der anderen weniger. Deshalb: Probieren geht über Studieren.

Mischformen

Es gibt eine Vielzahl von Mischformen und die werde ich in meinem nächsten Blogbeitrag schildern. Wer wissen will, wie der Ich-Erzähler allwissend wird, was Dr. Watson mit Perspektive zu tun hat und warum Stephen King personal erzählt, aber dann am Schluss manchmal allwissend, der muss die Fortsetzung lesen.

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Alles, was Autoren über Perspektiven wissen müssen

Er fühlte, dass er ahnte, was er denken würde

Kommissar Umständlich sah, dass der Killer seine Pistole zog. Er ahnte, dass er schießen würde. Er hörte den Knall des Schusses. Er spürte, wie die Kugel ihn ins Herz traf. Er dachte, das ist das Ende und fühlte, dass er das bedauerte.

Solche Texte erhalte ich immer wieder. Okay, ich gebe zu, dieses Beispiel ist übertrieben. Nichtsdestotrotz betonen viele Autoren, wer etwas sieht, fühlt, hört, denkt, statt einfach zu konstatieren:

Der Killer zog seine Pistole und schoss. Die Kugel riss Kommissar Umständlich zu Boden. Weil er sich darauf konzentriert hatte, was er sah, ahnte, hörte, statt sich in Deckung zu werfen.

Wenn Sie aus der Sicht einer Figur schreiben, müssen Sie nicht jedesmal betonen, dass sie etwas sieht, wenn etwas auftaucht. Denn wer, bitteschön, sollte sonst die Pistole sehen? Der liebe Gott?

Ritter Langsam sah, dass hinter dem Wald ein Bauernhaus stand. Er hörte Pferde wiehern, Hühner gackern und fühlte plötzlich Regen, der, so dachte er, gerade eingesetzt haben musste …

Da wird die Betonung darauf gelegt, dass der Ritter sieht, hört, fühlt, denkt. Nicht auf das, was er sieht: Das Bauernhaus. Obendrein verlassen Sie die Perspektive Ihrer Figur. Die denkt nämlich garantiert nicht: Ich sehe, dass da hinten ein Bauernhaus steht. Sondern weniger kompliziert: Dahinten steht ein Bauernhaus.

Besser, kürzer und weniger langsam:

Hinter dem Wald stand ein Bauernhaus. Pferde wieherten, Hühner gackerten und dann setzte der Regen ein.

Dass der Ritter das sieht, hört, fühlt, davon wird der Leser nämlich ausgehen. Es sei denn, wir haben einen blinden und tauben Ritter vor uns.

Natürlich kommt es auf die Dosis an. Einmal: »Er sah …« auf zehn Seiten wird niemand stören. Zehnmal auf einer Seite aber schon.

Wie immer gibt es Ausnahmen. Plötzlich sah er das Bauernhaus, da sollte man das »sah« nicht streichen – denn hier ist es wichtig, weil der Ritter es bisher übersehen hat.

Das gilt generell. Selbstverständliches müssen Sie nicht erwähnen. Ungewöhnliches aber schon. Und die Hauptsache gehört in den Hauptsatz. Wenn das nicht das Sehen, Hören, Fühlen ist, dann streichen Sie das.

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Er fühlte, dass er ahnte, was er denken würde

Zehn Dinge, die jeder Autor über Schreibregeln wissen sollte

»Wenn Sie ein Adjektiv treffen, bringen Sie es um«, meinte Mark Twain und begründete damit eine der bekanntesten Schreibregeln. Clemenceau stimmte ihm zu: »Bevor Sie ein Adjektiv verwenden, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es wirklich nötig ist«.

Dagegen schrieb Rudyard Kipling in »Puck«: „Was für ein dicker, bunter, glucksender Tropf doch ein Fasan ist“. Gleich drei Adjektive hintereinander. Und keins würde ich streichen.

Also alles Unsinn? Besser nicht auf Schreibregeln hören, wenn sich Nobelpreisträger auch nicht danach richten?

Was Schreibregeln sind (und was nicht), das möchte ich in diesem Blogbeitrag darstellen.

Schreibregeln sind keine Gesetze

Keine Schreibpolizei kommt, wenn Sie sich nicht an die Schreibregeln halten. Sie erhalten auch keinen Bußgeldbescheid des Kultusministers. Für jede Schreibregel, die ich kenne, weiß ich Beispiele aus der Literatur, die sie übertreten hat. In Deutschland versteht man unter Regel gerne etwas, das auf jeden Fall eingehalten werden muss. Wenn das nicht der Fall ist, gehört die Regel auf den Abfallhaufen.

Was für ein Unsinn. Höflichkeitsregeln sind nützlich, Sie erleichtern das Zusammenleben. Aber manchmal muss man sie übertreten und Tacheles reden. Sind die Höflichkeitsregeln deshalb Unfug? Nein!

Nicht anders ist es bei den Schreibregeln. Sie sind Empfehlungen, sie beruhen (wenn sinnvoll) auf den Erfahrungen unzähliger Autoren und Lektoren. Aber sie sind kein Zwangskorsett, sondern Empfehlungen.

Auf die Wirkung kommt es an

Geschichten sollen die Leser berühren, fesseln, sie die Welt durch andere Perspektiven erleben lassen. Können sie das, ist es gut. Können sie es nicht, ist das schlecht.

Wenn ich einen Text lese, prüfe ich nicht, ob er die Schreibregeln erfüllt. Ich prüfe, ob er mich packt. Tut er das, darf er alle Regeln brechen. Tut er das nicht, ist es Zeit, die Werkzeugkiste aufzuklappen und die Schreibregeln herauszuholen.
Denn dafür sind die Schreibregeln da.

Schreibregeln sind Werkzeuge

In Deutschland muss man Gesetze befolgen, Regeln einhalten und danach wird die Arbeit beurteilt. Wir haben eine Vergangenheit als Obrigkeitsstaat. Doch es gibt keine Obrigkeit mehr, die beurteilt, was man schreiben darf und was nicht. Zum Glück.

Schreibregeln sind Werkzeuge. Eigentlich wäre »Schreibwerkzeug« der bessere Begriff, aber ich möchte nicht die babylonische Sprachverwirrung im Schreiben vermehren. Der Begriff Schreibregel hat sich durchgesetzt.

Die Schreibregeln sind die Rohrzange der Autoren. Funktioniert der Wasserhahn, lässt man die Zange im Werkzeugkoffer und der Koffer bleibt zu. Tropft allerdings der Wasserhahn, dann wird es Zeit, die Werkzeuge herauszuholen.

Wenn eine Geschichte durchhängt, dann ist es Zeit, den Werkzeugkasten mit den Schreibregeln auszupacken. Und die Spannungsschrauben anzuziehen. Andreas Eschbach hat solche Spannungsschrauben beschrieben.

Jeder Autor sollte die wichtigsten Schreibregeln kennen

Auch beim Schreiben gibt es typische Anfängerfehler. Infodump, Personen von außen betrachten, Überfülle von nichtssagenden Adjektiven, Dialoge, die grammatikalisch korrekt sind und genau deshalb holpern, Rückblenden, die erzählen, wann der Held entwöhnt wurde, und …, und …, und…

Die meisten Schreibregeln befassen sich mit diesen Anfängerfehlern.Sie benennen die üblichen Probleme, die dazu führen können, dass ein Text nicht packt.

Schreibregeln gehören in die Überarbeitung

Es gibt nichts Schlimmeres, als während der Erstfassung an die Schreibregeln zu denken. Schreibregeln gehören zur Vernunft, Geschichten benötigen Fantasie und Intuition. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, ob sie alle Schreibregeln einhalten, wenn Sie die Erstfassung schreiben. Überlassen Sie beim Schreiben Ihrem inneren Kind die Führung.

Dann kommt die Überarbeitung. Jetzt ist der innere Zensor gefragt, die Vernunft übernimmt die Herrschaft. Und die klappt den Werkzeugkasten auf, wenn was nicht stimmt.

Schreibregeln hemmen nicht die künstlerische Freiheit

Das ist der häufigste Vorwurf gegen die Schreibregeln. Sie würden die künstlerische Freiheit behindern und immer gleiche Romane hervorrufen.

Meist kommt der Vorwurf von Leuten, deren Kunst noch sehr am Anfang steht. Nein, wer die Schreibregeln mißachtet, weil er sie nicht kennt und es nicht besser kann, ist deshalb noch kein großer Künstler.

Weil sie bei der Überarbeitung so nützlich sind, sollte jeder Autor sie kennen und wissen, wie man sie anwendet. Das bedeutet nicht, dass er sie immer und überall anwenden muss. Wenn ich weiß, wie ich eine Rohrzange verwende, heißt das noch lange nicht, dass ich alle Arbeiten mit der Rohrzange erledigen muss. Schließlich gibt es auch einen Hammer. Der ist für Nägel geeigneter. Und wenn alles in Ordnung ist, brauche ich weder Hammer noch Rohrzange.

Schreibregeln haben Gründe und Autoren sollten die kennen

Schreibregeln sind geronnene Erfahrung von Autoren. Dass Mark Twain vor Adjektiven warnte, hatte Gründe. Ein Übermaß von Adjektiven (vor allem von nichtssagenden) bremst Texte, lässt die Spannung erlahmen.

Auch eine zweite Regel von Mark Twain hat seinen Grund: »Verwende das genau passende Wort und nicht seinen Cousin«. Der Grund dürfte jedem einleuchten.

Nur wenn Sie die Gründe der Schreibregeln kennen, können Sie richtigen Gebrauch von ihnen machen.

Schreibregeln legen nicht fest, wie gut ein Text ist

Nein, die Qualität eines Textes hängt NICHT davon ab, ob er alle Schreibregeln befolgt. Auch nicht, ob er den Regeln gehorcht, nach denen manche Kulturredakteure entscheiden, ob ein Text »literarisch wertvoll« ist.

Wer die Qualität eines Textes danach beurteilt, wie viele Adjektive er pro Seite enthält, ist auf dem Holzweg. Deshalb hat ein guter Lektor auch keine Tabelle bei der Arbeit neben sich liegen, auf der er ankreuzt, ob die Regeln befolgt werden. Weniger als 3 Adjektive pro Seite: Toller Text. Mehr als zehn: Grottig.

Was aber jeder Lektor nutzt: Die Kenntnis darüber, mit welchen Regeln man korrekturbedürftige Stellen verbessern kann.

Schreibregeln gehen guten Autoren in Fleisch und Blut über

Amerikanische Schreibcoaches sagen: Erst muss man den Autoren die Regeln beibringen. Dann sie zu vergessen.
Je öfter Sie bei der Überarbeitung bestimmte Schreibregeln benutzen, desto schneller werden Sie Ihnen in Fleisch und Blut übergehen. Alte Hasen müssen nicht lange überlegen, wenn sie Dialoge schreiben. Sie bauen automatisch einen Konflikt auf, halten die Dialoge kurz. Anfänger lernen das bei der Überarbeitung.

Grammatikregeln sind ebenfalls keine Gesetze

Auch wenn mich jetzt Deutschlehrer und Kulturredakteure kreuzigen:  Grammatikregeln dürfen übertreten werden. In Dialogen ist die buchstabengetreue Befolgung aller Grammatikregeln meist hinderlich. Gibt viele Gründe, warum ein Autor an bestimmten Stellen die Grammatik Grammatik sein lassen sollte.

Das heißt natürlich nicht, dass er die Grammatik nicht kennen sollte. Aber er muss wissen, wann er sie befolgen sollte – und wann nicht. Das ist nicht anders als bei den Schreibregeln. Manchmal gilt das sogar bei der Rechtschreibung. Ze do Rock hat das in »Fom Winde verfeelt« bewiesen. Auch hier gilt allerdings: Schreibfehler aus Unkenntnis sind kein Zeichen hoher Kunst.

Sol Stein, der Autor des Standardwerks »Über das Schreiben«, hat es kurz und treffend formuliert:

Jeder Autor muss irgendwann lernen, wann er die Regeln einhalten sollte und wann er sie brechen muss.

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Zehn Dinge, die jeder Autor über Schreibregeln wissen sollte

Wie erkennt man einen guten Lektor?

Immer wieder werde ich gefragt, was einen guten Lektor ausmacht. Und wie man ihn findet. Hier meine Meinung:

Wenn euch 50% seiner Änderungsvorschläge sofort einleuchten, ihr euch sagt: Oh Mann, warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen, dann ist das schon mal ein gutes Zeichen. 100% Übereinstimmung erzielt keine Lektorin, kein Lektor, es wird immer das eine oder andere geben, bei dem Lektor und Autor nicht einer Meinung sind.

Dann gibt es die Fälle, bei denen ihr euch die Haare rauft. Wie kann er nur meinen schönen inneren Dialog streichen? Unmöglich, der Kerl! Mein Rat: Schlaft drüber. Am nächsten Morgen beschleicht euch vielleicht das dunkle Gefühl, dass doch was dran sein könnte. Am übernächsten greift ihr zur Delete Taste und killt euren Darling. Seufzend.

Oder fragt den Lektor: Warum hast du das gestrichen? Ein guter Lektor kann begründen, warum er Änderungen und Streichungen vornimmt. Und ihr könnt daraus lernen. Mit einem guten Lektor kann man auch über Änderungsvorschläge diskutieren. Ob vielleicht eine andere Änderung der problematischen Stelle besser wäre.

Viele Rechtschreibfehler in einem Buch wirken wie Mücken im Cappuccino. Der Kaffee wird dadurch nicht schlechter, aber der Appetit ist vergangen. Gleiches gilt, wenn Stil und Grammatik mehr als zu wünschen lassen.

Ohne gute Dramaturgie keine gute Geschichte

Was aber absolut tödlich ist: Wenn die Dramaturgie nicht stimmt. Ein WhoDonit Krimi, bei dem schon auf Seite 10 klar ist, wer der Mörder war, eine Liebesgeschichte, in der sich Romeo und Julia in die Arme fallen und die nächsten zweihundert Seiten glücklich und zufrieden miteinander leben, sorgen dafür, dass Leser das Buch gähnend weglegen.

Erfahrene Autorinnen wissen das. Wenn ihr bereits zehn Bücher veröffentlicht habt, wird die Überprüfung von Dramaturgie und Personen euch in Fleisch und Blut übergegangen sein.

Anfänger beauftragen ihren Lektor, die Kommafehler zu korrigieren im Irrglauben, dass die Dramaturgie schon stimmen wird. Ihnen steht ein böses Erwachen bevor. Wenn ihr am Anfang eurer Schreibkarriere steht, solltet ihr davon ausgehen, dass ihr noch nicht die perfekten Dramaturgen seid. Und dass ein Lektor – jedenfalls ein guter – euch darauf hinweisen wird, dass dort noch einiges zu tun ist.

Und wo findet man die guten Lektorinnen und Lektoren?

Da gibt es einmal die Datenbank des Verbandes der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL). Dort könnt  ihr nach den gewünschten Kriterien suchen lassen. Gut sind auch Empfehlungen anderer Autoren.

Gute Lektoren haben Beispiele ihrer Arbeit auf ihrer Homepage oder einen Blog, so dass ihr sehen können, wie sie arbeiten.

Nicht zu vergessen: Ein Probelektorat ist gut, bevor ihr ein umfangreiches Manuskript für viel Geld überarbeiten lasst. Da seht ihr, ob ihr zueinander passt. Oft gibt euch schon dieses Probelektorat einen Hinweis, woran ihr noch arbeiten müsst. Wenn euer Personal flach ist, merkt ein guter Lektor das bereits auf den ersten Seiten. Und wenn die Dialoge noch holpern, muss der Lektor nicht fünfhundert Seiten holpernder Dialoge lesen, um euch das zu sagen. Das spart euch viel Geld und dem Lektor Nerven.

Ist ein Probelektorat kostenlos?

In der Regel nicht. Gute Lektoren haben einen Kundenstamm, sie werben nicht mit Dumpingpreisen. Auch ein Probelektorat kostet Zeit und Arbeit. Der Autor erhält Hinweise, woran er arbeiten sollte. Auf welchem Stand er steht. Das ist seinen Preis wert.

Übrigens: Niemand muss das ganze Manuskript lesen, um die Dramaturgie zu beurteilen. Verlage und Literaturagenten lassen sich ein Exposé mit der Handlung schicken, bevor sie einen Roman annehmen. Weil man daraus eine Menge über eine Geschichte entnehmen kann. Ob es Plotlöcher gibt. Ob die Heldin nur auf dem Sofa sitzt, nachdenkt und von anderen erfährt, was Sache ist. Statt selbst aktiv zu werden.

Auch das ist eine Möglichkeit, eure Geschichte erst einmal zu testen. Dass ihr ein Exposé erstellt und so den Plot mit einem Lektor bearbeitet.

Ein guter Lektor macht ein Buch besser, ein schlechter macht ein anderes Buch daraus!

Zum Schluss noch ein Zitat des Bestsellerautors Andreas Eschbach:

Als jemand, der schon viele Lektoren erlebt hat, möchte ich anmerken, dass auch Lektoren ihre Stärken und Schwächen haben. Der eine ist super, wenn es um Kontinuität geht („Ihre Heldin hatte in Kapitel 2 aber hellblaue Augen!“, „An dieser Stelle müsste es Sonntag sein, nicht Montag“), der andere sieht erzählerische Fehler gut („hier müsste ihr Held das Kätzchen retten, sonst nimmt man ihm später nicht ab, dass …“), andere haben ihre Stärken eher beim Stil („hier wären kürzere Sätze wirkungsvoller“, „dieses Wort alliteriert mit dem im nächsten Absatz, das klingt seltsam“) oder in der Grammatik („das muss hier korrekt aber ‚hätte sollte gewollt gemusst haben’ heißen“ ). Gut ist es, wenn sich das mit den eigenen Stärken und Schwächen ergänzt. Ich zum Beispiel bin immer dankbar, wenn jemand meine Kontinuitätsfehler entdeckt, ehe das Buch in den Läden liegt, aber in Disputen über stilistische Fragen könnte ich, glaube ich, handgreiflich werden.

(Aus: Schreiben ist nichts für Feiglinge – Buchmarkt für Anfänger)

 

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Exposé und Plot diskutieren
http://www.hanspeterroentgen.de/workshop-expose/

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Wie erkennt man einen guten Lektor?

Lob der Realität

Nein, ich bestreite nicht, dass das Internet uns viele Vorteile gebracht hat. Nicht nur E-Books, Emails, auch die Möglichkeiten virtueller Workshops und Arbeitsgruppen. Egal, wo die Teilnehmer wohnen, ob in Buxtehude oder in Lugano, egal, wann sie Zeit haben, man kann miteinander diskutieren und lernen. Nicht zu vergessen: Man kann alles nachlesen, was die anderen gesagt haben.
Ich habe selbst an Workshops im Internet teilgenommen und auch welche geleitet.

Und dennoch will ich die Realität nicht missen. Gemeinsam an einem Tisch sitzen, über die eigenen und die fremden Texte zu diskutieren, sich die Köpfe heißreden, ob die widerborstige Heldin dem König tatsächlich die Zaubersprüche verrät oder mit welchem Trick sie ihn übertölpeln würde, das hat etwas.
Weil es Rede und Gegenrede sofort gibt. Niemand hat Zeit, erst stundenlang seine Antwort abzuwägen und wohlgesetzte Antworten zu formulieren.
„Erzähl deinen Plot, fang beim Protagonisten an, welches ist der Konflikt, worum geht es?“
Und plötzlich spricht die Autorin frei von der Leber weg, die Geschichte wird lebendig. Manchmal ist es gut, wenn es keine lange Zeit zum Überlegen gibt. Der innere Zensor hat keine Zeit entsetzt aufzuschreien. Und auch die anderen werfen ihre Ideen ungefiltert in den Ring.
Wir haben Glück. Wir können beides. Nicht nur bei Workshops. Wir müssen uns nicht für entweder – oder entscheiden. Entweder E-Books oder Print. Entweder online Händler oder Buchhändler um die Ecke.
Wir können beides nutzen. E-Books und Print. Online Händler und Buchhändler um die Ecke. Und Internet-Kurse und Workshops in der Realität.
Auch wenn immer wieder ein „Entweder – Oder“ aufgebaut wird.

Link: Workshops und Seminare für Autoren

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Lob der Realität

Interview Horst Eckert

Konflikt, Konflikt, Konflikt!

Horst Eckert hat mit „Wolfsspinne“ einen Krimi über eine fiktive Neonazi-Terroristengruppe vorgelegt. Auch seine früheren Krimis behandeln fiktive Geschichten, die an reale politischen Geschehnisse anknüpfen. Grund genug, ihn zu den Themen Spannung und Politthriller zu befragen.

Hans Peter Roentgen: Horst Eckert, du hast mit »Wolfsspinne« einen Roman über den NSU geschrieben, einen Politthriller. Der eine andere, fiktive Geschichte des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) erzählt. Auch deine anderen Romane behandeln politische Themen. „Sprengkraft“ handelt von islamistischen Terroristen, aber auch von einer Partei, die der AfD sehr ähnelt. Der Krimi wurde allerdings lange vor der AfD geschrieben.
Wie fühlt man sich, wenn das, was man als Fiction erfunden hat, Realität wird?

Horst Eckert: Manchmal ist es schon seltsam, wenn man während des Schreibens die Nachrichten verfolgt und das Gefühl hat, die Realität holt einen ein. Man darf sich dadurch aber nicht aus dem Konzept bringen lassen. Ich muss nicht alles in meine Fiktion einbauen, damit sie „wahrer“ wird. Andererseits gibt die Wirklichkeit meistens die besten Inspirationen.

Hans Peter Roentgen: Warum schreibst du Politthriller? Was ist überhaupt ein Politthriller?

Horst Eckert: Vermutlich nennt man einen Thriller so, wenn er politische Themen streift oder direkt aufs Korn nimmt. Ich mache das immer wieder gern, denn mich interessiert, wohin unsere Gesellschaft steuert. Und Themen, die uns alle betreffen, haben automatisch eine gewisse Größe. Das gilt allerdings auch für viele „allgemein menschliche“ Themen. Die Mischung macht für mich den Reiz. Und das Neue. Ich erzähle im Hier und Heute. Kriminalliteratur, die ich mag, das ist keine Märchenstunde, kein Eskapismus, sondern Auseinandersetzung mit der Psyche des Menschen und mit der Moral unserer Gesellschaft. Und schnell sind wir dabei im Politischen.

Hans Peter Roentgen: Deine Wolfsspinne thematisiert die Verquickung des Verfassungsschutzes mit der Neonazi-Szene in Thüringen und Sachsen. Heute wissen wir, dass der Verfassungsschutz viele Neonazis aus dem Umfeld des NSU auf den Lohnlisten hatte.
In deinem Roman übt die Politik Druck auf die Dienste aus. Wer die meisten V-Leute aus der Szene hat, macht Karriere. Das hat natürlich zur Folge, dass Neonazis verpflichtet werden und Geld erhalten. Dahinter steht die Hoffnung, dass man so Anschläge verhindern könne. Auch bei Islamisten ist das immer wieder das Argument. Gerade habe ich von einem Islamisten gelesen, der für den Verfassungsschutz gearbeitet hat.
Lassen sich so Anschläge verhindern?

Horst Eckert: Es wird immer Anschläge geben. Ganz kann man das nie ausschließen. Es geht darum, das Risiko zu vermindern. Und es geht um die Frage, was wir dafür zu opfern bereit sind. Denn irgendwann kommt die Gesellschaft an den Punkt, wo ein Mehr an Sicherheit nur durch den Verzicht auf Freiheiten zu haben ist. Das gilt es abzuwägen.
Sobald Geheimdienste involviert sind, kommt allerdings noch ein Risiko hinzu, wie gerade der Fall NSU zeigt. Denn der Verfassungsschutz arbeitet geheim, das heißt, nur unter sehr begrenzter Kontrolle. Macht lädt zum Missbrauch ein und deshalb darf sie eigentlich nie unkontrolliert verliehen werden. Ich frage mich: Braucht wirklich jeder Ministerpräsident dieser Republik seinen eigenen Geheimdienst?

Hans Peter Roentgen: Einerseits erhofft man sich von Geheimdiensten, Infos über die Neonaziszene zu erhalten (und natürlich auch über Islamisten). Andererseits sind da die Befürchtungen, dass sich diese Dienste immer weiter der demokratischen Kontrolle entziehen. Manchmal tun sie mir Leid. Sie sollen in die Szene gehen. Was nur geht, wenn sie sich an kriminellen Aktionen beteiligen, sie vielleicht sogar als Agent Provocateur Taten provozieren, um die Extremisten auffliegen zu lassen.
Andererseits sollen sie legal handeln Wie siehst du das?

Horst Eckert: Es gibt das Legalitätsgebot. Kein Beamter darf sich als verdeckter Ermittler an Straftaten beteiligen. Selbst Nazis, die als V-Mann geführt werden, also im besten Fall gegen Geld ihre Kumpels verraten, dürfen keine Verbrechen begehen. Andernfalls müsste man die Zusammenarbeit beenden und sie vor Gericht stellen. So will es das Gesetz, und wenn sich die Polizei nicht daran hält, fliegt das auf und es gibt einen Skandal. Aber die Verfassungsschutzbehörden der Länder und des Bundes arbeiten im Geheimen. Und schon haben wir das Problem, das uns auf die schiefe Bahn führt. Beispiel NSU: Der Verfassungsschutz weiß nach dem Untertauchen der drei Bombenbauer, wo sie sich aufhalten, verrät sie aber nicht der Polizei, weil er sich irgendwelche Erkenntnisse erwartet oder womöglich einen der drei Neonazis als V-Person führt. Dann gibt es den ersten Banküberfall. Man hält weiter die Hand über das Trio. Schließlich der erste Mord. Wenn man jetzt die Drei an die Polizei verrät, fliegt auf, wie sehr man bereits mit drinsteckt. Also schaut man weiter zu und spricht vielleicht eine Warnung aus. Das würde erklären, warum der NSU nach 2006 keinen Migranten mehr ermordet hat. Plötzlich überfällt der NSU aber wieder Banken, und die Polizei kommt ihm auf die Spur. Wie kommt der Verfassungsschutz ungeschoren davon? Die Leute umbringen und es als Selbstmord tarnen. So geschieht das im Roman, natürlich fiktiv, denn ich habe keine Beweise. Aber für mich klingt diese Version stimmiger als die Selbstmord-Erzählung der Bundesanwaltschaft. Wer einmal unsauber agiert, verstrickt sich immer tiefer. Klassische Tragödie.

Hans Peter Roentgen: Der Verfassungsschutz hat Akten geschreddert, als das BKA Einsicht verlangte. Im Fall des Buback-Mordes wurde gar nichts geschreddert, da hat der Minister die Akten für geheim erklärt, weil die Sicherheit der Bundesrepublik sonst gefährdet würde. Dabei ist der Mord 40 Jahre her.
Die USA hatten keinen Geheimdienst, weil das dem Selbstverständnis einer Demokratie wiedersprechen würde. Heute haben sie mit NSA, CIA und manch anderem Dienst riesige Geheimdienstzentralen mit hunderttausenden Angestellten.
Sind Geheimdienste ein notwendiges Übel, um das kein Staat herumkommt?

Horst Eckert: Wenn aufgrund von geheimdienstlichen Erkenntnissen ein Anschlag verhindert wird, sind wir natürlich froh, dass es sie gibt. Aber wie viele fremdenfeindlich motivierte Anschläge finden trotzdem statt, fast jeden Tag? Ich befinde mich da im Dilemma. Aber gerade daraus entstehen gute Geschichten. Als Autor muss ich also froh sein, dass es Geheimdienste gibt.

Hans Peter Roentgen: Deine Romane sind superspannend. Wie erzeugst du Spannung? Gibt es da bestimmte Techniken und Tricks? Falls ja, kannst du mal aus dem Nähkästchen plaudern und uns einige vorstellen?

Horst Eckert: Ich brauche eine Figur, die etwas unbedingt will und aktiv wird, es zu erreichen. Zweitens brauche ich Hindernisse, die der Figur im Weg stehen und vor denen sie trotzdem nicht kapituliert. Immobilienmakler sagen, dass es für eine gute Wohnung drei Kriterien gibt: Lage, Lage, Lage. Und für einen spannenden Roman gibt es ebenfalls drei Kriterien: Konflikt, Konflikt, Konflikt. Damit hat man noch nicht alles, aber den unverzichtbaren Grundstock.

Hans Peter Roentgen: Politthriller erzählen anhand realer Ereignisse eine erfundene Geschichte. Sind sie also sowas wie »Verschwörungstheorien«? Wieweit befördert der Politthriller die Liebe zu Verschwörungen, die im Moment ja gerade aufblüht? Oder gilt der Satz: Suche nicht nach einer Verschwörung, wenn ganz gewöhnliche Dummheit als Erklärung völlig ausreicht?

Horst Eckert: Ich liebe Verschwörungstheorien. Wenn am Ende eines Krimis steht, dass der Täter nur aufgrund einer dummen Verwechslung sein Opfer getötet hat, fühlen wir uns um eine intelligentere Auflösung betrogen. Wenn ich die Wege der Macht nicht durchschaue, kann eine plausible Verschwörungstheorie immerhin Erklärungen liefern. Ich glaube nicht, dass ich dadurch eine Politikverdrossenheit schüre, denn das Misstrauen ist ja schon da.
Hans Peter Roentgen: Was ist für einen guten Thriller wichtiger: gute Dramaturgie oder guter Stil?

Horst Eckert: Mir ist beides wichtig, auch wenn sich erstaunlich viele Bücher allein aufgrund ihrer Dramaturgie gut verkaufen.
Hans Peter Roentgen: Wie schreibst du deine Romane? Planst du vorab die Handlung? Oder schreibst du los und die Geschichte entwickelt sich während des Schreibens?

Horst Eckert: Erst muss der Plan stehen. Aber er muss nicht perfekt ausgearbeitet sein, denn nach vierzehn Romanen weiß ich, dass mir beim Schreiben noch jede Menge Einfälle kommen werden, um Lücken zu schließen.
Hans Peter Roentgen: Ich habe kürzlich Le Carre´s Erinnerungen gelesen. Und jede Menge Personen getroffen, die ich aus seinem Roman »Dame, König, As, Spion« wiedererkannt hatte. Hast du auch reale Personen im Kopf, wenn du eine Person entwickeltst? Hast du erst die Person im Kopf oder erst die Idee?

Horst Eckert: Zuerst die Person. Aber nicht ein reales Vorbild und auch nicht etwa irgendwelche äußeren Merkmale, sondern der fiktive Konflikt, in dem sie sich befindet. Und daraus ergibt sich auch schon der Plot. Ich kann Handlung und Figur nicht trennen, denn ich charakterisiere die Figur durch das, was sie tut, also durch die Handlung. Indem eine Figur versucht, ihre Hindernisse zu überwinden, wird sie lebendig und interessant. Ob sie dann blond oder dunkelhaarig ist, ist völlig unwichtig.
Hans Peter Roentgen: Die Mutter deines Kommissars Vincent Che Vehs war Mitglied der RAF, also ebenfalls eine »Terroristin«. Allerdings haben Baader-Meinhof nicht wahllos Leute umgebracht, wie das Islamisten und Neonazis tun. Wie schwierig ist es für dich, sich in solche Menschen zu versetzen?

Horst Eckert: Es ist sehr schwer, wenn jemand menschenverachtend denkt und handelt. Gerade beim NSU-Thema hat mir ein regelrechter Ekel vor dem Gedankengut dieser Szene den Einstieg schwer gemacht. Andererseits wissen wir ja, wie diese Leute ticken, und es ist nun mal mein Job, mich auch in solche Figuren hineinzuversetzen. Dabei hilft es mir dann etwas, dass jeder Terrorist nebenher auch ein Mensch mit ganz alltäglichen Sorgen ist. Im Monster steckt oft ein kleines, verbittertes Würstchen.
Hans Peter Roentgen: Da kommen wir zum Motiv. Der Hass ist sicher das eine. Das andere ist der Glaube, für die gute Sache zu kämpfen und notfalls zu sterben. Die RAF hat ihre Morde mit dem Imperialismus begründet, der ja noch viel schlimmer sei. Die Islamisten kämpfen für Gott und gegen die bösen Amis, die nur Geld im Sinn habe. Und wer Flüchtlingsheime anzündet, glaubt, dass der Islam Deutschland erobern will und die deutsche Kultur vernichtet. Da heiligt der Zweck die Mittel und die Kollateralschäden – sprich die Morde – werden schöngeredet.
Welche Rolle spielen politische Ideen in deinen Romanen?

Horst Eckert: Natürlich kommt das vor, soweit ich das zur Charakterisierung meiner Figuren oder zum Vorantreiben der Handlung benötige. Im Wesentlichen überlasse ich es dann den Lesern, diese Motive einzuordnen, denn ich schreibe ja keine Thesenromane. Auch setze ich den Ideen meiner Figuren nicht meine eigenen entgegen. Meine Leser können sich sehr gut ihre eigene Meinung bilden, denke ich.

Hans Peter Roentgen: Mancher Geheimdienstthriller hat ja klare Fronten. Die eine Seite sind die Guten, die andere die Bösen. Die Guten sind gut, dürfen deshalb alles, die Bösen sind böse und haben deshalb keine Rechte.
Wie entkommt man diesem Schwarz-Weiß Denken? Und sind die Leser überhaupt bereit, einem Autor dann zu folgen? Wenn er nicht mehr ihre Weltsicht teilt?

Horst Eckert: Grauzonen finde ich spannender als klare Fronten. Figuren, die changieren oder sich entwickeln, interessieren mich mehr als eindimensionale Helden oder Bösewichte. Ich kann nur hoffen, dass mir die Leser folgen. Auf jeden Fall bekommen sie bei mir ein Gespür dafür, dass ein Schwarz-Weiß-Denken nicht immer unserer Welt gerecht wird. Aber einen Punkt gibt es, an dem ich moralisch rigoros werde. Der Vorstellung, dass die Guten alles dürfen, kann ich nämlich nicht folgen. Romane, in denen für einen vermeintlich guten Zweck gefoltert oder Selbstjustiz geübt wird, finde ich abstoßend.

Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.

Horst Eckerts Homepage

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
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Interview Horst Eckert

Spannungslektorat Nov. 2016

Nightwalker

Vierundzwanzig Augenpaare starrten sie an.

Taja hielt auf der Türschwelle inne und schaute sich in dem hellen Raum mit den hohen Fenstern um. An den gelbgestrichenen Wänden hingen weichgezeichnete Poster, knallbunte Landkarten und peinliche Werke aus dem Kunstunterricht. Sie verzog den Mund. Wie im Kindergarten. Das hier sollte das Klassenzimmer der 11a sein? In ihrer Schule in Berlin waren die Wände von einem schmutzigen Grau gewesen und kahl, ohne irgendeinen Schmuck, der die trostlose Atmosphäre aufgeheitert hätte. Reduziert auf das Wesentliche. Keine Ablenkung von der täglichen schulischen Langeweile.

Ihre neuen Mitschüler mit den sauberen Jeans und den gebügelten Shirts passten perfekt in diese keimfreie Umgebung, wie sie da in kleinen Gruppen zusammenstanden und sie mit offenen Mündern anglotzten. Ein Haufen angepasster Loser. Kein Wunder, dass sie auffiel wie ein Papagei in einem Taubenschlag mit ihren schwarzen Klamotten, dem silbernen Ohrring mit dem Totenkopf und den Piercings im rechten Nasenflügel und in der Unterlippe.

Wie sie das hasste! Dauernd eine neue Stadt, eine neue Schule, neue Lehrer und Mitschüler. Und jetzt dieses Kaff am Ende der Welt, in dem ihr Vater eine Stelle als Leiter des Stadtmuseums gefunden hatte. Was für ein Absturz nach Berlin, dieser hektischen und aufregenden und geilen Stadt, in der sie zwei Jahre gelebt und die sie geliebt hatte. Ihrer Mutter war es egal gewesen, wohin sie zogen, als Lektorin konnte sie von überall arbeiten, wo ihr Computer stand. Und ihr jüngerer Bruder Tom hatte unbedingt weg gewollt, weil der Verweis von seiner Berliner Schule gedroht hatte. Tajas Einwände waren von ihrer Familie einfach weggewischt worden.

Sie zuckte ergeben die Schultern. Jammern half nichts. Sie musste da durch. War ja nicht das erste Mal. Sie trat in das Klassenzimmer und ging auf den einzigen Zweiertisch zu, der nicht von Jacken und Taschen vereinnahmt war. Ein großer, schlaksiger Junge mit blonder, übers halbe Gesicht fallender Haartolle stellte sich ihr in den Weg.

„Der Tisch ist besetzt.“

Sie schob kampfbereit das Kinn vor. „Ach? Ich seh hier niemand sitzen.“

„Ich halte ihn frei.“ Der Junge grinste überheblich. „So was macht man schließlich für seine Freunde.“

Schon klar. Der blonde Speichellecker bekam sicher das Bundesverdienstkreuz für seine edle Tat in den Hintern geschoben.

„Du kannst dich da vorn hinsetzen.“ Die Stimme gehörte zu einem kleinen, stämmigen Jungen mit dunklen, kurzgeschorenen Haaren. „An den Tisch vorm Pult. Neben … da ist noch ein Platz frei.“

Taja war das Zögern des Kurzgeschorenen nicht entgangen. Sie schlängelte sich durch die im Klassenraum verteilen Grüppchen hindurch bis zu dem Zweiertisch vor dem Lehrerpult und ließ ihre Tasche mit lautem Knall auf die unbenutzte Tischseite fallen.

Das Mädchen, das zusammengesunken auf ihrem Stuhl hockte und ihre Nasenspitze in ein Buch steckte, fuhr zusammen und schaute auf. Schmales, blasses Gesicht, eckiges, dunkles Brillengestell, panischer Blick, mausbraune, dünne Haare, die glatt bis auf die Schultern hingen, zerknittertes, hellgraues Shirt mit einem Kaffeefleck.

„Hi! Cool, dich kennenzulernen.“ Taja lächelte das verschreckte Häschen so freundlich an, wie sie konnte. Das Lächeln sah mit den Piercings in Mund und Nase wahrscheinlich eher bedrohlich aus. „Ich bin Taja. Aus Berlin.“

Das Häschen blinzelte, sagte aber kein Wort. Taja stöhnte innerlich auf. Musste sie dieses Schuljahr etwa neben einer Taubstummen verbringen? Sie zog den freien Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich.

„Ich bin Amelie.“ Die Stimme klang voll und tief und passte nicht zu der verschüchterten Haltung des Mädchens. „Kannst du deine Tasche ein Stück zu dir ziehen?“

Taja stierte ihre Sitznachbarn an. Was war denn in die gefahren?

„Deine Tasche reicht in meine Seite hinein“, erläuterte Amelie und tippte mit der Spitze ihres rechten Zeigefingers an die vordere Tischkante. „Hier, an dem Strich, ist deine Tischseite zu Ende. Das ist die Grenze.“

Aha. Eine Grenze. Taja kniff die Augen halb zusammen und starrte durch den schmalen Spalt zwischen ihren Augenlidern auf die Stelle, die Amelies Fingerspitze berührte. Tatsächlich. Dort befand sich ein dünner, blauer Kugelschreiberstrich. Und diese Grenze durfte sie mit ihren Sachen nicht überschreiten?

„Das meinst du nicht ernst?“

„Doch.“ Amelie runzelte die Stirn. Ihre Stimme klang scharf. „Jede von uns hat einen halben Tisch. Und wenn wir beide uns daran halten, kriegen wir auch keinen Streit.“

Taja schüttelte ungläubig den Kopf. Das musste sie träumen. War sie statt in die elfte Jahrgangsstufe im Gymnasium in die erste Klasse der Grundschule geraten?

„Keinen Stress, alles okay“, antwortete sie betont friedfertig und zog die Tasche auf ihre Seite. Bei dieser Psychopathin war Vorsicht angesagt. Die konnte jeden Moment eskalieren. Besser, sie hielt haargenau die Grenze ein. Zumindest am Anfang. In ein paar Wochen, wenn sie sich eingewöhnt hatte, konnte sie immer noch die Grenzverhandlungen mit ihrer Sitznachbarin beginnen.

„Lahme Truppe“, sagte Amelie.

Taja blinzelte. „Was?“

„Nightwish.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Taja begriff, wovon ihre Sitznachbarin sprach. Das schwarze Shirt mit dem Logo von Nightwish hatte sie heute Morgen bewusst angezogen, damit ihre neuen Klassenkameraden gleich kapierten, wie sie drauf war. Ein Statement eben. Musikalisch. Hier in der Provinz hörten sie wahrscheinlich Helene Fischer. Oder Marianne Rosenberg.

„Ich steh auf Slayer“, erklärte Amelie. „Und Paradise Lost. Da war ich letzten Monat auf einem Konzert. So was von geil, sag ich dir.“

„Oh!“ Mehr fiel Taja nicht ein.

„Symphonic Metal wie von Nightwish ist ja nicht übel“, fuhr Amelie fort. „Aber ich zieh mir lieber die derberen Sachen rein.“

Taja nickte nur. Der Punkt ging klar an ihre Sitznachbarin. Die Provinz hatte musikalisch mächtig aufgerüstet. Den Fehler, ihre Mitschüler zu unterschätzen, würde sie kein zweites Mal begehen.

„Dann magst du sicher auch Mercenary“, meinte sie. „Und Draconia“.

Amelie grinste. „Auch geil, die beiden. Mercenary sollen im Winter nach Deutschland kommen, hab ich gehört. Wenn du Lust hast, können wir ja zusammen zum Konzert gehen. Oder ist dir das zu hart?“

„Zu hart kann es für mich gar nicht geben.“ Taja grinste zurück.

Ihre Sitznachbarin nickte. „Also abgemacht. Echt cool, dass du auch auf Metal stehst. Die anderen Mädels in der Klasse hören alle nur so einen weichgespülten Scheiß.“

„Wie Helene Fischer?“

„Du hast`s erfasst.“ Amelie lachte. „Ist nicht so mein Ding.“

Taja fiel in ihr Lachen ein. Vielleicht würde es in der Provinz doch nicht so schlimm werden, wie sie befürchtet hatte.

Lektorat

Wie immer die Frage: Finden Sie die Geschichte spannend? Und warum?

Es ist immer eine gute Übung, sich zu überlegen, warum etwas spannend ist oder warum auch nicht. Das schärft den Blick für die eigenen Texte. Autorinnen (und auch Autoren) sollten jede Gelegenheit nutzen, die Wirkung von Texten zu beobachten. Schreiben Sie ruhig auf, warum Sie einen Text spannend finden und warum nicht. Noch besser: Schreiben Sie auf, welche Techniken der Autor benutzt hat. Welche funktionieren und welche nicht. Und warum.

Zurück zur Ausgangsfrage: Ich halte den Text für spannend. Und für ziemlich gelungen.

Spannungsbogen

Warum ist der Text spannend? Dafür gibt es mehrere Gründe. Wir erleben Taja in einer neuen Klasse. Also in einer neuen Situation. Die Autorin erzählt uns nicht lang den Alltag, das, was jeden Tag passiert, sondern beginnt mit einer neuen Situation. Auch wenn Taja tut, als stünde sie über der Situation, ist sie angespannt. Das ist typisch für Jugendliche. Sie tun cool, aber sind längst nicht so abgebrüht, wie sie vorgeben. Wir haben also gleich zu Anfang einen Konflikt.

Der steigert sich. Sie sucht sich einen Platz aus, doch der ist belegt. Ein kurzer Dialog wie ein Pingpong-Spiel, sie will den Platz, der andere will ihn nicht freigeben. Weder Taja noch der Junge erklären lange, warum und wieso. Das ist bei guten Dialogen ganz wichtig. Lassen Sie nicht die Personen erklären, was warum vor sich geht. Das kann der Leser sich denken. Eine Lücke, ein Subtext zwischen den Zeilen, der die Spannung erhöht.

Schließlich gibt Taja auf, der erste Konflikt ist zu ihren Ungunsten ausgegangen. Wir erleben das durch Tajas Augen. Der Autor erklärt es uns nicht. Wir Leser fühlen die Enttäuschung. Kein »Taja war enttäuscht«, mit dem die Autorin uns die Gefühle mitteilt.

Danach teilt ihr ein anderer mit, dass vorne, direkt vorm Lehrerpult, ein Platz frei ist. Entspannung nach dem ersten Konflikt. Aber nicht ganz, denn irgendwas stimmt mit dem Platz nicht. Wir ahnen, dass mit der Schülerin daneben etwas nicht stimmt. Dass dort gleich der nächste Konflikt wartet.

Und der kommt unvermeidlich. Mit dem Streit über die Grenze. Oh Gott, neben was für einer Pedantin ist Taja hier gelandet? Der Leser leidet mit der Heldin. Ganz wichtig für die Spannung: Der Leser muss die Gefühle der Helden erleben. Es nützt nichts, sie dem Leser per Autorenstimme mitzuteilen.

Dann wieder Entspannung. Und Überraschung. Die graue Maus ist gar nicht so grau, sondern noch härter als Taja. Zumindest, was ihren Musikgeschmack angeht. Der Konflikt wird aufgelöst; die beiden Mädchen haben viel gemeinsam und verabreden sich. Entspannung.

Aber wir ahnen: Lange wird diese Entspannung nicht vorhalten. Der Autor wird Taja stantepede in den nächsten Konflikt stürzen.

Dieser geschickte Aufbau Spannung (Konflikt) – Entspannung – größere Spannung – Überraschung – Entspannung hält den Leser gefangen. Der Angelhaken ist ausgeworfen.

Übung:

Untersuchen Sie in einem eigenen Text, wie sich dort Spannung und Entspannung aufbauen.

Haben Sie einen Konflikt? Wie wird er gelöst und gleichzeitig der nächste Konflikt angedeutet?

Rückblende

Gleich im zweiten Absatz gibt es eine Rückblende:

In ihrer Schule in Berlin waren die Wände von einem schmutzigen Grau gewesen und kahl, ohne irgendeinen Schmuck, der die trostlose Atmosphäre aufgeheitert hätte. Reduziert auf das Wesentliche. Keine Ablenkung von der täglichen schulischen Langeweile.

Rückblenden auf der ersten Seite sind gefährlich. Sie dienen oft nur dazu, dass der Autor dem Leser Dinge erklären kann, von denen er überzeugt ist, dass der Leser sie wissen muss. In der Regel bremsen sie den Lesefluss, und ich streiche sie. Der Text wird dann spannender.

Könnte man obige Rückblende streichen, und der Text würde besser werden?

Nein. Aber warum nicht?

Weil diese Rückblende durch den Gegensatz der beiden Klassenzimmer ein gutes Bild des neuen Klassenzimmers zeichnet. Und Taja lebendiger werden lässt. Sie findet graue Klassenzimmerwände besser als solche mit Wandschmuck. Ungewöhnlich. Nicht das Übliche.

Und wie ist es mit der nächsten Rückblende?

Wie sie das hasste! Dauernd eine neue Stadt, eine neue Schule, neue Lehrer und Mitschüler. Und jetzt dieses Kaff am Ende der Welt, in dem ihr Vater eine Stelle als Leiter des Stadtmuseums gefunden hatte. Was für ein Absturz nach Berlin, dieser hektischen und aufregenden und geilen Stadt, in der sie zwei Jahre gelebt und die sie geliebt hatte. Ihrer Mutter war es egal gewesen, wohin sie zogen, als Lektorin konnte sie von überall arbeiten, wo ihr Computer stand. Und ihr jüngerer Bruder Tom hatte unbedingt weg gewollt, weil der Verweis von seiner Berliner Schule gedroht hatte. Tajas Einwände waren von ihrer Familie einfach weggewischt worden.

Würde der Text gewinnen, wenn ich diesen Absatz streichen würde?

Nein.

Warum nicht?

Weil wir dieser Absatz durch die Augen von Taja erleben. Sie betritt ein neues Klassenzimmer. Der Stil ist ein ganz anderer als der der Klasse in Berlin. Und damit wird ihr nochmals klar, dass sie diesen Schulwechsel nicht will. Diese Rückblende ist keine Erläuterung des Autors, sondern das, was Taja durch den Kopf geht. Was an dieser Stelle passt. Obendrein steigert es den Konflikt. Nicht nur, dass sie jetzt in eine neue Klasse kommt, sich neu orientieren muss. Obendrein ist es etwas, das ihr aufoktroyiert wurde. Gegen ihren Willen. Wir leiden mit ihr. Ständig wird sie durch die Weltgeschichte gescheucht, immer neue Schulen.

Erzählstimme

Die Erzählstimme ist die Stimme, die uns die Geschichte erzählt. Das ist nicht Taja, denn wir haben keine Ich-Erzählerin. Dennoch ist die Stimme dicht an Taja, schildert die Ereignisse durch ihre Augen. Es ist keine distanzierte Stimme, kein Autor, der uns erklärt, was Sache ist. »Und jetzt dieses Kaff am Ende der Welt«, das ist Tajas Stimme.

Mancher Autor würde schreiben: »Taja fand, dass dies ein Kaff am Ende der Welt war.« So ein Satz legt sofort Distanz zwischen Taja und Leser. Blickt von außen auf die Person, und der Leser erfährt etwas, aber er fühlt nicht mit Taja mit.

Auch aus einem anderen Grund funktioniert die Erzählstimme. Sie erzählt in der Art, wie Jugendliche sprechen. Viele Autoren verfassen Jugendbücher in einer Sprache, die einem Erwachsenen gehört. Behäbig, mit ausführlichen Begründungen. Tun Sie das nicht. Lauschen sie Jugendlichen. Wie sprechen die untereinander? Lesen Sie gute Jugendbücher. Wie fühlt sich die Erzählstimme von »Tschik« an, von »Der Fänger im Roggen«, von „Huckleyberry Finn«?

Sie müssen nicht den aktuellen Jugendslang verwenden. Der ändert sich sowieso alle paar Jahre. Aber die Leser müssen eine jugendliche Erzählstimme spüren. Locker, scheinbar kann sie nichts erschüttern, sie steht über allem. »Ein Haufen angepasster Loser. Kein Wunder, dass sie auffiel wie ein Papagei in einem Taubenschlag.« Und zwischen den Zeilen spüren wir, wie verletzlich Taja ist, auch wenn sie noch so cool und überlegen tut.

Beschreibung

Wie sieht Taja aus? »Kein Wunder, dass sie auffiel wie ein Papagei in einem Taubenschlag mit ihren schwarzen Klamotten, dem silbernen Ohrring mit dem Totenkopf und den Piercings im rechten Nasenflügel und in der Unterlippe«, so wird sie beschrieben. Sie schaut nicht in den Spiegel, der Autor erklärt uns nicht: »Taja war sechzehn, trug schwarze Klamotten, hatte einen silbernen Ohrring mit Totenkopf im Ohr und Piercings im rechten Nasenflügel und in der Unterlippe.«

Sie wird uns beschrieben, weil sie auffällt wie ein Papagei im Taubenschlag. Damit wird der Unterschied zu den anderen Schülern deutlich. Wir erhalten nicht nur ein Bild von Taja, sondern auch von den Klassenkameraden.

Ach ja, welche Haarfarbe hat Taja? Welche Augenfarbe? Wie ist ihr Gesicht geschnitten, hat sie die Wimpern getuscht, sind die Augen blau oder braun, die Haare lang oder kurz, ist sie groß, mittel oder klein?

Wissen Sie nicht? Ich auch nicht. Haben Sie diese Info vermisst? Ich nicht. Die Autorin hat sich darauf beschränkt, nur die wichtigen Details zu schreiben. Den Rest darf sich jeder Leser selbst ausdenken. Die meisten sehen vermutlich ein großes Mädchen mit schwarzen Haaren vor sich. Wie ich. Die Lücken, die der Autor lässt, können die Leser füllen, dürfen sie füllen. Ein, zwei Details und schon klappt das. Beschreiben Sie nie zu viel. Gerade genug, dass der Leser ein Bild bekommt.

Witz und Bilder

Der Papagei im Taubenschlag, das Bundesverdienstkreuz, das dem Speichellecker in den Hintern geschoben wird, und andere Formulierungen sorgen für Witz. Mit Witz können Sie nicht nur Spannung erzeugen – eine andere als die Spannung durch Handlung –, Sie können vor allem mit wenigen Worten Bilder malen, die der Leser sofort begreift.

Inhalt und Klischee

Aber ist das nicht alles Klischee? Die toughe Schwarzgekleidete, die Heavy Metal hört, die braven Bübchen und Mädchen, die Helene Fischer hören?

Sicher. Ist es auch. Aber so gut geschildert, dass es wirkt. Und darauf kommt es an.

Details

Einige Details ließen sich verbessern. Auch gute Texte lassen sich noch überarbeiten. Je besser ein Text bereits ist, desto vorsichtiger sollte aber die Überarbeitung sein. Man kann Texte auch totlektorieren. Vor allem, wenn man nur nach Schreib- und Grammatikregeln vorgeht und möglicherweise die Wirkung eines guten Textes zerstört.

Hier ist ein etwas ungelenker Satz:

»Und ihr jüngerer Bruder Tom hatte unbedingt weg gewollt, weil der Verweis von seiner Berliner Schule gedroht hatte.«

„Weg gewollt“ fällt aus dem Sprachstil und klingt holprig. Das liegt auch an dem Plusquamperfekt, das man hier gar nicht benötigt. Vielleicht so:

»Und ihr jüngerer Bruder Tom wollte nur weg, nichts wie weg. Weil der Schulverweis in Berlin drohte.«

Auch dieser Satz lässt sich verbessern:

»Sie schlängelte sich durch die im Klassenraum verteilen Grüppchen hindurch bis zu dem Zweiertisch vor dem Lehrerpult.«

Da haben wir die beliebte Partizipkonstruktion, die unnötig ist. »Sie schlängelte sich durch die Grüppchen im Klassenraum«, das klingt besser. Dass die verteilt sind, kann sich jeder Leser denken.

Fazit: Sorgen Sie in Ihren Texten für eine packende Spannungskurve. Beschreiben Sie nicht alles, sondern nur das, was der Leser benötigt, damit Bilder in seinem Kopf entstehen. Und achten Sie darauf, wie Ihre Erzählstimme klingt. Passt sie zu ihrer Heldin?

Ich habe nichts dagegen, wenn Ihr diesen Blog teilt, verlinkt, weiter empfehlt. Und wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
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Spannungslektorat Nov. 2016