Erzählperspektive, Distanz und Kameraeinstellung

Vier Kameraeinstellungen für Ihren Roman

In jedem Schreibratgeber finden sich die verschiedenen Perspektiven. Ich-Erzähler, Erzähler dritte Person, auktoriale Erzählung.

Vergessen wird oft die Distanz. Gerne wird das mit der Perspektive vermischt, die Ich-Perspektive wird als nah, der allwissende Erzähler als distanziert geschildert.

Aber stimmt das? Im Film gibt es die Kameraeinstellung, die die Distanz zu Personen und Ereignissen festlegt. Und diese Distanz ist auch bei Büchern wichtig. Wie beim Film können Sie die Totale wählen, die Halbtotale, die Nähe und ganz nah. Und zwar unabhängig von der gewählten Erzählperspektive.

Legolas erreicht die Bergkuppe und sieht die lang gesuchte Goldene Stadt unten im Tal, den Fluss, die Boote, die darauf fahren, die Felder, die gerade abgeerntet werden, die Ochsenkarren, die zum Markt durch die Stadttore fahren, die Kathedrale, deren Turm aus dem Häusermeer hervorragt, die Berge im Hintergrund, von denen einige verschneit sind.

Kameraeinstellung: Totale. Große Distanz.

Legolas steigt von der Bergkuppe hinab ins Tal, glücklich, dass er sein Ziel erreicht hat. Der Weg wird zu einem Hohlweg, zu beiden Seiten geht es steil bergauf. Von der Goldenen Stadt ist nichts mehr zu sehen.

Kamera: Halbtotale. Die Distanz ist geringer.

Als er um eine Ecke biegt, bricht ein Büffel aus dem Wald. Eine massige Gestalt, er scharrt mit den Hufen, kleine rote Augen starren ihn böse an.

Kamera und Distanz: Nah.

Das Tier stürmt auf ihn zu, er sieht nur noch die spitzen Hörner.

Kamera und Distanz: Ganz nah (Tunnelblick)

Die Kamera ist jetzt ganz nah, Legolas hat den Tunnelblick, nimmt nur noch die spitzen Hörner wahr.

In allen vier Beispielen bleibt die Erzählperspektive gleich. Personale dritte Person. Die Kameraeinstellung und die Distanz ändern sich aber, von Totale über Halbtotale zu Nah. Diese Kameraeinstellungen sind unabhängig von der Erzählperspektive. Auch ein Ich-Erzähler kann die Totale nutzen, auch ein allwissender Erzähler die Naheinstellung.

Wenn Sie die obigen Beispiele als Ich-Erzählung schreiben, können Sie trotzdem die gleichen Kameraeinstellungen verwenden. Und auch ein allwissender Erzähler kann die Kamera ganz nah auf die Hörner des Stiers zoomen lassen.

Ändern Sie einmal obige Beispiele in eine Ich-Perspektive. Dann in die eines allwissenden Erzählers.

Unterschied zwischen Erzählperspektive und Kameraeinstellung

Unten in der Hütte neben dem Tempel saß Balrog und wartete seit vier Wochen auf Legolas‘ Ankunft. Seine Arthritis plagte ihn.

Passt das zu obigen Beispielen? Von der Kameraeinstellung her geht es. Aber was ist mit der Erzählperspektive? Die Beispiele sind personale dritte Person, der Leser sieht durch Legolas Augen. Unmöglich kann aber Legolas durch die Wände der Hütte sehen.

Womit wir bei einem wichtigen Unterschied zwischen Erzählperspektive und Kameraeinstellung wären. Die Erzählperspektive sollte sich während eines Kapitels oder einer Szene nicht ändern. In der Regel wird ein Roman in einer Erzählperspektive geschrieben, eine Erzählhaltung durchgehalten.

Ganz anders die Kameraeinstellung. Ein Roman, der durchgängig in der Totale erzählt, würde den Leser genauso langweilen, wie ein Film mit nur einer Kameraeinstellung.

Gibt es eine Möglichkeit, obigen Balrog doch noch in den Text zu integrieren, ohne die Erzählperspektive zu wechseln?

Ja.

Wenn Legolas zu Beginn seiner Reise erfahren hätte: In der Hütte neben dem Tempel wartet der alte, arthritische Balrog auf dich. Beeil dich. Dann wäre der Balrog Absatz ein Bild aus Legolas Vorstellung, geistiges Tele sozusagen.

Oder der ganze Text wird von einem allwissenden Erzähler erzählt, der alles weiß und natürlich auch, wie sehr Balrog seine Arthritis schmerzt. Schließlich hat der sein ganzes Leben in den Minen von Moria verbracht.

Nehmen Sie einen Absatz aus Ihren Texten und schreiben sie ihn erst in Totale, dann in Halbtotale, dann Nah, ganz nah. Was ändert sich dabei? Wie wirken die verschiedenen Kameraeinstellungen?

Wechsel der Einstellung

Sie können eine ganze Szene in der Totalen erzählen, aber in der Regel wird die Szene dann nicht mehr spannend sein.

Ich muss das wissen, es ist einer meiner häufigsten Fehler. Die Folge: Alles klingt distanziert, zwar kann der Leser alles miterleben, aber es interessiert ihn wenig. Er schaut auf die Szene, wie ein Wissenschaftler auf einen Ameisenhaufen. Was kümmert ihn schon die einzelne Ameise? Aber durch diese Distanz kann er natürlich auch Gesetzmäßigkeiten erkennen.

Doch Geschichten sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sie handeln grade von Einzelschicksalen, lassen den Leser mit einer Person mitkämpfen, mitlieben, mitschwitzen. In der Regel ändert sich die Distanz während einer Szene. Meist beginnen Szenen mit der Totalen, damit der Leser weiß, wo er ist, gehen in die Halbtotale über, um dann beim Höhepunkt in der Naheinstellung zu enden.

Welche Kameraeinstellung benutzen Sie am häufigsten? Nehmen Sie einen längeren Text aus einem Buch und schreiben Sie neben die Absätze „T“, „H“ oder „N“ je nachdem, welche Kameraeinstellung verwandt wird, wie groß die Distanz zu den Ereignissen ist.

Spannungsbogen

Was uns auf einen weiteren Punkt bringt. Die Spannung in einem Roman wie auch in einer Szene sollte einen Bogen bilden, sie sollte sich langsam aufbauen, den Höhepunkt erreichen und dann auslaufen. Je näher dieser Höhepunkt kommt, desto näher kommt auch die Kamera, desto enger wird der Winkel, desto mehr wird die Romanfigur den „Tunnelblick“ bekommen, nur noch das wahrnehmen, was wichtig ist.

Vielleicht erreicht der Held die Bergkuppe, sieht die langgesuchte Goldene Stadt vor sich, betrachtet die Landschaft und die Stadt, geht langsam den Weg hinab, nimmt immer noch viel wahr, aber nicht mehr alles, da ist ein Hohlweg, der die Sicht einschränkt und ein Räuber springt hinter einem Baum hervor. Wenn der Autor alles in der Totale schildert, wird es nicht spannend.

Deshalb sollte man alle Möglichkeiten beherrschen.

Die Kameraeinstellung hat viel mit dem Spannungsbogen zu tun, der Höhepunkt ist oft mit einer Nahaufnahme verbunden. Das können Sie auch nutzen, um den Leser irrezuführen.

Angeregtes Gespräch am Kamin in der Bibliothek von Schloss Wolfenweiler (Kamera: Totale). Lord Voldemort erzählt Aragorn von seinem Verdacht, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehe (Halbtotale). Leises Quietschen, die Klinke der Tür senkt sich langsam, ganz langsam (Nah). Jeder erwartet, dass jetzt Graf Dracula auftritt.

„Wünschen die Herrschaften den Tee hier oder im Salon?“, klingt die Stimme des alten, treuen Werwolfs, der schon den Großvater Lord Voldemorts bedient hat.

Noch etwas können Sie mit Kameraeinstellung erreichen: Sie zeigen nur ein Detail und vermitteln damit dem Leser das ganze Bild. In Hitchcocks Psycho sieht der Leser nur das Messer und dann die blutige Hand, die die Fliesen entlang rutscht und doch ist es eine der spannendsten Szenen, die ich kenne. Mit der Nahaufnahme (Tunnelblick!) zeigen Sie immer nur ein Ausschnitt des Ganzen und überlassen den Rest der Phantasie des Lesers. Pars pro Toto.

Warum Perspektive und Distanz oft verwechselt wird

Wenn Sie noch kein abgebrühter Bestsellerautor sind, werden sie bei der Ich-Perspektive automatisch näher an Personen und Ereignisse zoomen. Und beim allwisssenden Erzähler eine große Distanz wählen.

Das passiert jedem und jeder Lektor kennt diesen Effekt. Wenn Sie in Ihren Texten zu distanziert schreiben, lohnt es sich, einmal in die Ich-Perspektive zu wechseln, um näher an die Personen heranzukommen. Umschreiben können Sie die Perspektive später immer noch. Aber Sie haben dann eine andere Distanz im Text gewonnen.
Übrigens gibt es für die Kameraeinstellung noch ein paar weitere Möglichkeiten, zum Beispiel Froschperspektive oder Vogelperspektive. Beides gehört zur Kameraeinstellung und hat mit der Erzählperspektive nichts zu tun. Spielen Sie einfach mal mit Distanz, Kameraeinstellung und Ihrer Erzählperspektive.

Mehr zu den Erzählperspektiven finden Sie hier:
https://hproentgen.wordpress.com/2017/04/23/alles-was-autoren-ueber-perspektiven-wissen-muessen/

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Erzählperspektive, Distanz und Kameraeinstellung

Rückblenden, die Kür

Nach den Grundlagen möchte ich hier Beispiele erfolgreiche Autorinnen und Autoren vorstellen und zeigen, wie diese Rückblenden in ihre Texten eingebaut haben. Schauen wir uns erst mal eine Fassung an, die ich geschrieben habe.

Der tote Mann

Leigh betrieb ein kleines Restaurant in London, das er von seinen Eltern übernommen hatte. Jetzt war Feierabend und er sah sich um. Er blickte auf den Fußboden und erinnerte sich an die Ereignisse von vor fünf Tagen.

Damals war dieser Mann wieder gekommen. Er kam regelmäßig, das erste Mal vor zwei Jahren und wollte Geld von Leigh. Schutzgeld, das Leigh zahlen sollte. Leigh zahlte, als der Mann ihn an die Ereignisse im Chinarestaurant erinnerte. Die Beträge wurden größer und Leigh musste seinen Plan, ein zweites Restaurant zu eröffnen, begraben.

Vor fünf Tagen kam es zum Eklat. In einer Auseinandersetzung hatte er den Mann erschlagen und unter dem gerade renoviert werdenden Fußboden in Beton eingegossen und die Dielen darüber gelegt.
Seitdem war er ruhiger.

Diese Fassung ist ziemlich langweilig. Sie beginnt damit, dass Leigh sich umdreht und erinnert. »Sich umdrehen« sorgt nicht gerade für Spannung und »erinnern« ist auch nicht die eleganteste Form, eine Rückblende einzuleiten.

Noch gibt es auch gar keine Frage, warum eine Rückblende nötig ist. Und spannend ist die Erzählung in der Rückblende auch nicht. Doch auch den schlechtesten Text kann man verbessern. Wie hat Zoe Beck das gelöst?

Die Lieferantin

(c) Zoe Beck

»Leigh hatte schon fünf Tage nichts mehr von dem Mann unter seinem Fußboden gehört. Langsam glaubte er, sich entspannen zu können. Er hatte sich schon sehr lange nicht mehr entspannen können, was an diesem Mann lag. Besonders in den letzten Monaten war sein Leben durch ihn höchst unangenehm gewesen, und nun war Leigh ehrlich gesagt froh, dass sich dieser Zustand offenbar zum Besseren verändern würde. Auch wenn es die erste Zeit, nachdem der Mann unter seinen Fußboden geraten war, nicht danach ausgesehen hatte. Aber seit fünf Tagen war Ruhe. Endlich.

Morgens war Leigh der Erste in seinem Restaurant und nachts der Letzte. Unter seinen Eltern war es ein traditionelles englisches Pub gewesen.«

Welche Technik wird hier angewandt?

Die gleiche Geschichte wurde aus der Sicht von Leigh erzählt. Und statt etwas zu behaupten, hat die Autorin den Leser es erleben lassen. Sie schildert das, was Leight durch den Kopf geht. Und der spürt Erleichterung. Wegen des Manns unter dem Fußboden. Aber er überlegt nicht, wie der unter den Fußboden gekommen ist (das weiß er). Weswegen sich beim Lesen sofort die Frage stellt: Was hat es mit dem Mann auf sich?

Die Autorin springt hin und zurück. Die Zwiebelschalenmethode. Wie bei einer Zwiebel wird nach und nach die Vorgeschichte entblättert. Wir erfahren von dem Mann unter dem Fußboden, aber nicht, wie er dort hingekommen ist und was er dort macht.. Obwohl jede Leserin und jeder Leser so seine Verdachtsmomente haben dürfte.

Am Anfang springt die Autorin immer von der Erzählzeit in die Zeit vor fünf Tagen zurück. Deshalb der Wechsel zwischen Vergangenheit und Plusquamperfekt.

Dann kommt eine Rückblende in die Geschichte von Leighs Restaurant, das Erwähnung in Gourmet- und Reisemagazinen fand, als er es von den Eltern übernahm. Noch immer nichts über den Mann unter dem Fußboden, aber diese Frage hält uns bei der Stange.

Erst dann springt Zoe Beck wir zu dem Mann zurück.

»Sie haben es aber sehr schön hier«, hatte der Mann gesagt, damals, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Er trug einen dunklen Anzug, nicht besonders teuer, aber auch kein billiges Ding, dazu eine Aktentasche, unauffälliges Schwarz, ebenfalls nicht besonders teuer, aber auch nicht zu billig.

Die Rückblende springt in die Szene, als der Mann zum ersten Mal auftritt. Dann bleibt sie in dieser Erzählzeit, deshalb fährt der Text nach dem ersten Satz nicht im Plusquamperfekt fort.

Und ohne Rückblende?

Natürlich ließe sich die Geschichte ganz ohne Rückblende erzählen. Dann würde der Text mit dem ersten Auftreten des Mannes beginnen, fortfahren mit der Schutzgelderpressung und der Höhepunkt wäre die Szene, in der er unter dem Fußboden landet.

Ein klassischer Spannungsbogen.

Wäre das besser?

Beides wäre möglich. Der klassische Spannungsbogen würde sich für einen klassischen Krimi eignen oder für einen Actionthriller.

Doch »Die Lieferantin« ist weder das eine noch das andere. Zoe Beck entwickelt ihre Geschichte langsam und die Personen spielen die Hauptrolle. Hinzu kommt die Prise schwarzen Humors in ihrer Fassung. Humor, vor allem schwarzer, ist auch ein Spannungselement, das zum Weiterlesen verlocken kann.

Der Schakal

(C) Frederick Forsythe

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung eines französischen Oberstleutnants durch ein französisches Erschießungskommando Anfang der Sechziger. Erst nach der Szene steht, was der Grund für die Hinrichtung war. Die Hinrichtung diente der Abschreckung.

Mit der Hinrichtung des Offiziers als des Chefs eines organisierten Geheimbundes ehemaliger Armeeangehöriger, die dem Präsidenten der Republik nach dem Leben trachteten, sollte weiteren Anschlägen auf den Präsidenten ein Ende gemacht werden. Die Ironie des Schicksals wollte es jedoch, dass sie einen neuen Anfang setzte. Um aber davon zu berichten, muss zuvor erklärt werden, wie es dazu kam, dass an jenem frühen Märzmorgen im Hof des südöstlich von Paris gelegenem Militärgefängnis ein von Schüssen durchsiebter Leichnam in den Fesseln, die ihn an den Pfahl banden, zusammensank …
Und erst danach wird die Vorgeschichte erzählt und welche Ereignisse dazu führten, dass der Offizier zum Tode verurteilt wurde:
Die Sonne war endlich hinter die Mauern des Palastes gesunken und die länger werdenden Schatten, die jetzt über den Innenhof krochen, brachten eine willkommene Linderung. Am heißesten Tag des Jahres betrug die Temperatur in Paris um 19 Uhr noch dreiundzwanzig Grad Celsius. Überall in der vor Hitze verschmachtenden Stadt verstauten Familienväter ihre nörgelnden Ehefrauen und greinenden Kinder in Automobile und Zugabteile, um mit ihnen das Wochenende auf dem Land zu verbringen. Es war der 22. August 1962, der Tag, an dem der Präsident der Republik, Charles de Gaulle, auf Beschluss einer Handvoll Männer, die sich außerhalb der Stadtgrenzen bereithielten, sterben sollte.

Hier geht der Autor nach einer dramatischen Erschießung ruhig in die Rückblende über. Und jeder Leser merkt sofort, dass der Text etliche Jahrzehnte alt ist, aus einer Zeit stammt, als Männer in der Familie das Sagen hatten und Frauen nur noch das Quengeln übrig blieb.

Trotzdem ist die Stimmung im sommerlichen Paris gut und anschaulich beschrieben. Danach zieht der Autor wieder das Tempo an. Ein OAS Kommando führt einen Anschlag auf den französischen Präsidenten de Gaulle durch. Der scheitert. Der französische Geheimdienst kann den Anschlag aufklären, die Täter festnehmen und der Anführer, eben dieser Oberstleutnant, wird zum Tode durch Erschießen verurteilt. Der Offizier glaubt nicht, dass französische Soldaten auf ihn feuern werden.

Danach springt die Geschichte nochmals in eine Rückblende, schildert, wie die OAS (die Geheimorganisation der algerisch-französischen Armee) in Algerien einen Staatsstreich plante und warum dieser scheiterte.

Der Aufbau ist also: 1. die Hinrichtung, 2. eine kurze, ruhige Zwischenszene aus Paris und 3. der Beginn der Rückblende auf die Ereignisse des 22. Augusts.

Dann folgen die weiteren Ereignisse nach der Hinrichtung. Der Chef der OAS wird nach dem Todesurteil vom Geheimdienst aus Deutschland verschleppt. Die Kommandostrukturen der OAS sind durch Spitzel unterwandert, die Anhänger der OAS geben die Hoffnung auf.

Die Regierung glaubt, sie habe ihr Ziel erreicht.

Sein Stellvertreter übernimmt das Kommando. Und jetzt kommt eine Vorausdeutung am Schluss des ersten Kapitels.

»In einem kleinen Hotelzimmer in Österreich setzte sie eine Kette von Überlegungen und Aktionen in Gang, die General de Gaulle in größere Lebensgefahr bringen sollte, als je zuvor in seiner gesamten militärischen und politischen Laufbahn.«

Jede der Szenen und Abschnitte setzt mit der Beantwortung einer Frage ein und stellt am Ende eine neue Frage. Und die Frage am Ende des ersten Kapitels ist ein Cliffhanger. Welche größere Gefahr entsteht nach der Hinrichtung, als der französische Geheimdienst glaubt, er habe alles im Griff und die OAS zerschlagen?

Der Beginn des zweiten Kapitel beantwortet diese Frage. Der bisherige Stellvertreter wird neuer Chef der OAS. Er wird kurz in seinem neuem Amt vorgestellt. Politisch genauso verbohrt wie der Vorgänger, aber taktisch ein Genie.

Jetzt kommt wieder eine Rückblende. Die Karriere des Stellvertreters, der sich 1940 als junger Mann den freien Franzosen unter de Gaulle anschließt, im Zweiten Weltkrieg kämpft, im französischen Vietnamkrieg, im Algerienkrieg, ein glühender Anhänger de Gaulle.

Bis er erfährt, dass de Gaulle tatsächlich mit der algerischen Befreiungsbewegung FNL Verhandlungen aufgenommen hat und Algerien in die Unabhängigkeit entlassen will.

Jetzt hasst er de Gaulle. Und er wird sein Ziel nicht aufgeben, ihn umzubringen.

In diesem Romananfang erklärt uns der Autor nicht die Personen mit Hilfe der Rückblende. Die Rückblenden beantworten Fragen und sorgen selbst für Spannung.

Die Alternative

Auch hier könnte man die Geschichte chronologisch erzählen. Erst der Anschlag auf de Gaulle, dann die Hinrichtung, die Verfolgung der OAS durch den Geheimdienst, dann die Entführung des Chefs der OAS.

Das Balg, Rückblende

Der folgende Text ist in dem Stil geschrieben, in dem ich viele Rückblenden erhalte:

Tommy war vierzig, aber hasste seinen Vater immer noch. Und seine Tante. Der Vater war tot, die Tante nicht. Immer hielt sie ihm vor, dass er ein unausstehliches Kind gewesen war.

Tommy hatte sie schon oft darauf hingewiesen, dass er so oft eine Strafe abgekriegt hatte, wie niemand sonst. Sein Vater wollte ihm Disziplin beibringen, er haute ihm den Teller weg, bevor er einen Bissen essen konnte, wenn er sich seiner Meinung nach daneben benahm. Er hatte ihn hungern lassen, ließ ihn nichts essen, um sein Ziel zu erreichen, ihm Disziplin beizubringen. Tommy hatte ihn gehasst. Er hatte sich gewünscht, dass er tot wäre.

Sein Wunsch wurde ihm schließlich erfüllt.

Wie kann man diese Rückblende in die Gegenwart auflösen? Sol Stein weiß es, er hat in seinem Buch »Über das Schreiben« ein Kapitel Rückblende, das ich jedem empfehle, der mehr über Rückblenden wissen will.

Und dort sieht die gleiche Geschichte sehr viel interessanter aus und benötigt keine langweilige Rückblende mehr.

»Du warst ein unausstehliches Kind, Tommy, ein Balg im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Na hör mal, wenn du so oft deine Strafe abkriegst wie ich …«

»Dein alter Herr hat dir Disziplin beigebracht.«

»Indem er mir den Teller weggehauen hat, bevor ich einen Bissen essen konnte.«

»Er hat sein Ziel doch erreicht, oder nicht?«

»Er hat mich verhungern lassen. Was er erreicht hat, war, dass ich Hunger hatte und er mich nicht essen ließ. Ich habe ihn gehasst. Ich habe mir gewünscht, er wäre tot.«

»Dein Wunsch hat sich schließlich erfüllt, nicht?«

(C) Sol Stein, über das Schreiben, S 230

Was erfahren wir hier?

 

  1. Tommy hatte eine unglückliche Kindheit
    2. Die Tante ist der Meinung, dass es Tommys Schuld war
    3. Tommy wurde vom Vater mit Essensentzug bestraft
    5. Deshalb hasste er seinen Vater und wünschte ihm den Tod

Trotz all dieser Infos ist es kein Infodump und benötigt auch keine Rückblende, um dem Leser Infos zu vermitteln, von denen der Autor glaubt, der Leser müsse sie wissen.

Übung

Suchen Sie in ihrem Bücherschrank Bücher, die Sie sehr schätzen. Verwenden diese am Anfang Rückblenden? Falls ja, wie geschieht das.

Und sehen Sie sich dann Bücher, die Sie nicht so gut finden aus. Wie gehen diese mit Rückblenden um?

Zwölf Dinge, die jeder Autor über Rückblenden wissen sollte

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Kein Geld fürs Lektorat? 10 Lösungen

Immer wieder klagen Selfpublisher: »Ich habe kein Geld fürs Lektorat, will aber eine Geschichte veröffentlichen. Was tun?«

Natürlich gibt es die Standardantwort: Eine verkäufliche Geschichte ist eine gut lektorierte Geschichte. Ein Text voller Rechtschreibfehler, Stilblüten und ohne Spannung erntet böse Rezensionen. Nicht falsch, aber greift etwas zu kurz.

Für den Bolzplatz braucht man keinen Trainer, für die Bundesliga schon.

Will sagen: Erfolgreiche Selfpublisher (und erfolgreiche Verlagsautoren) haben Lektoren, so wie Bundesligaspieler Trainer haben. Sie trainieren jeden Tag, verdienen Geld, aber stehen unter Druck und müssen liefern.

Wer auf dem Bolzplatz spielt, braucht keinen Trainer. Spielen macht Spaß, schreiben auch und wenn jemand zuschaut oder den Text liest, gut. Niemand erwartet von dem Bolzplatz die Qualität der Bundesliga. Niemand zahlt dafür die Preise der Profiligen. Sicher, auch in Bundesligaspielen gibt es Fehlpässe, so wie es in Verlagsbüchern Druckfehler gibt. Nur eben sehr viel weniger.

Wer weiterkommen will, muss trainieren

Das gilt für den Bolzplatz wie für das Schreiben. Von nichts kommt nichts und der Weg zum Bestsellerautor ist steinig, egal, ob er über den Verlag führt oder über das Selfpubishing. Training ist im Anfang fast wichtiger als Lektorat. Obwohl ein gutes Lektorat immer auch Training ist.

»Man braucht viele Jahre, um über Nacht berühmt zu werden«, sagte die Bestsellerautorin Nina George. Alle erfolgreichen Autorinnen (und auch die Autoren), die ich kenne – und mittlerweile kenne ich viele – haben einen langen Weg hinter sich. Auch J.K. Rowlings hat nicht eines Tages beschlossen: »Ich werde Schriftstellerin« und am nächsten Tag hatte sie mit Harry Potter Erfolg.

Jeder lange Weg beginnt mit einem kleinen Schritt

Eigentlich banal, wird aber immer wieder angezweifelt. Autoren beschweren sich, dass niemand ihre selbstverlegten Werke liest, fragen: »Was für geheime Marketingstricks gibt es, die mein Werk vom Flop zum Bestseller katapultieren?«.

Schaue ich mir die entsprechenden Bücher an, reicht oft schon der Blick auf das Cover und die erste Seite, um zu antworten: »Du stellst die falsche Frage. Trainiere erst mal deine Schreibmuskeln, dein Gespür für Text und Spannung, und, ach ja, deine Pässe sollten auch öfter im Ziel statt haarscharf daneben liegen. Dein Text hat nicht (noch nicht!) das Zeug zum Bestseller«.

Workshops sind das kleine Lektorat

Ich bin ein Fan der Workshops. Schaut euch die Angebote der Bundesakademie an, dort könnt ihr unter Anleitung erfahrener Autorinnen und Lektoren eure ersten Seiten besprechen und eure Plots und Exposés. Gibt auch viele Angebote anderer Institutionen, hier eine Liste:

https://hproentgen.wordpress.com/2016/10/27/workshops-und-seminare-fuer-autoren/

Die Kosten sind übersichtlicher als ein Komplettlektorat und man lernt eine Menge aus den Fehlern anderer. Mit etwas Glück findet man Gleichgesinnte, die ebenfalls vom Bolzplatz weg wollen und in den professionellen Buchmarkt streben. Warum keine Arbeitsgruppe mit ihnen bilden?

Man muss nicht gleich ein ganzes Schwein kaufen, wenn ein Schnitzel reicht.

Ein gewerbsmäßiger Koch investiert, weiß, dass er entsprechen Ausrüstung braucht und große Mengen kaufen muss. Wer noch am Anfang steht, kommt erst mal mit dem Backofen aus.

Man kann die ersten Seiten einem Lektor geben. Oder das Exposé, die Beschreibung des Plots. Gute Lektorinnen und Lektoren erkennen, wo der Autor steht. Was gut ist und wo nachgebessert werden sollte. Probleme auf den ersten Seiten setzen sich in aller Regel im ganzen Text fort. Der Autor erhält eine Rückmeldung, wo er überarbeiten sollte und die Kosten halten sich in Grenzen.

Computer helfen

Mittlerweile gibt es eine Menge Computerprogramme, die Autorinnen und Autoren helfen. Papyrus zum Beispiel erkennt mit seinem Duden Korrektor erstaunlich viele Rechtschreibfehler. Es kann Wiederholungen markieren, Füllwörter, die Lesbarkeit analysieren, bietet Personendatenbanken, damit der Held nicht mit blauen Augen einschläft und mit braunen aufwacht. Übersichten darüber, wer wann wo auftaucht und manches mehr hilft auf den ersten Schritten vom Bolzplatz zum Profi.

Auch eine Menge anderer Programme sind hilfreich.

Was man nicht unterschätzen sollte: den Lerneffekt. Die Aufmerksamkeit für Füllwörter wird geschärft, man lernt, dass Nebensätze, die mit Komma beginnen, auch mit Komma abgeschlossen werden sollten und vieles mehr. Welche Füllwörter lieben sie? Das Programm nennt sie Ihnen und im Laufe der Zeit werden Sie immer weniger unnütze Füllwörter benutzen, werden erkennen, dass Wortwiederholungen oft ein Zeichen dafür sind, dass Sie das Gleiche nochmal geschrieben haben und es streichen können.

Gute Testleser sind Gold wert

Suchen Sie sich Testleser. Tun Sie sich mit anderen Autoren zusammen. Den Splitter im Auge des Anderen sieht man leichter als den Balken im Eigenen.

Erfolgreiche Autoren wissen das. Nobody is perfect, aber im Team kommt man der Perfektion näher.

Wann braucht man was?

Ein Facebook-Post erfordert kein Lektorat. Ein Liebesroman weniger Stillektorat als ein hochliterarisches Werk. Wer seine Lebensgeschichte für seine Enkel aufschreibt, muss keine perfekt sitzende Dramaturgie haben.

Aber alles muss passen. Wer denkt, dass Korrektorat oder Stil-Lektorat auf dem professionellen Markt reichen, der irrt.

Immer wieder höre ich: Die Leser merken es doch nicht, ist doch egal, auch Verlagsbücher sind schlecht. Sicher, auch Verlagsbücher sind schlecht. Vor allem die Verlagsflops.

Schauen Sie sich erfolgreiche Bücher von Selfpublishern und Verlagen an. Auch die haben Dreckfuhler. Allerdings einen auf fünf Seiten, nicht fünf im ersten Absatz. Sie mögen nicht literarischen Ansprüchen genügen, das Feuilleton ist entsetzt über den Schund. Doch wenn Sie sich die Bücher genau ansehen, werden sie feststellen: Das, was in dem Genre wichtig ist, stimmt.

Die fünfzig grauen Schatten werden mit herabgezogenem Mundwinkel erwähnt, da sieht man ja …

Ich habe die ersten Seiten gelesen. Und gesehen, dass sie zwar nicht nobelpreisverdächtig sind, aber weitaus besser als das Gros der Selfpublisherbücher (und vieler Verlagsbücher). In dem Buch »der Bestsellercode« wird der Plot analysiert und gezeigt, warum er funktioniert. Lesen Sie das. Andere Bücher herabzuwürdigen ist eine Lieblingsbeschäftigung erfolgloser Autoren. Es erleichtert so. Ich muss mich nicht anstrengen, X ist ja auch schlecht.

Der schöne Schein genügt nicht

Würden Sie ein Auto kaufen, das aussieht wie eine Rostlaube? Vermutlich nicht. Das ist oft das Argument, dass Rechtschreibung und Stil das Wichtigste sei.

Würden Sie ein Auto kaufen, dessen Motor nur stotternd anspringt, das empört aufstöhnt, wenn Sie es über 30 Km/h beschleunigen wollen, dessen Räder keinen Achter, sondern einen Sechzehner haben und dessen Scheibenwischer dunkle Schlieren auf die Scheiben wischen? Dessen Lack aber wunderbar glänzt?

Eher nicht. Alles muss passen.

Nicht anders bei Büchern. Wenn die Dramaturgie nicht stimmt, nützt die beste Rechtschreibung nichts, wenn der Stil rumpelt und klackert und jedes Stilgefühl vermissen lässt, dann ist eine fehlerlose Grammatik auch für die Katz.

Wenn Sie soweit sind, dass die Bundesliga winkt, dann brauchen Sie das Lektorat, wie Profifußballer einen Trainer brauchen. Und nicht nur für Stil und Rechtschreibung. Bis es soweit ist, gibt es viele andere Möglichkeiten. Doch denken Sie daran: So gut wie alle Bestsellerautoren haben Lektorinnen oder Lektoren. Sie haben ihre Gründe.

Ein zweiwöchiger Skiurlaub ist heute auch nicht billig. Von den Kosten eines Autos will ich gar nicht nochmal reden.

So, jetzt gehen Sie an die Arbeit. Geben Sie Ihr Bestes. Sie können es schaffen. Aber Sie müssen es wollen.

Herzliche Grüße und viel Erfolg wünscht

Hans Peter Roentgen

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Kein Geld fürs Lektorat? 10 Lösungen

Handwerk Selfpublishing Leipzig 2018

Auf der Buchmesse Leipzig wird es 2018 wieder eine Veranstaltungsreihe des Selfpublisherverbandes e.V. und des Verbandes der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) geben.

Thema: Handwerk Selfpublishing,
jeden Tag um 16:00-16:30, Leseinsel Halle 5, Stand D 302

Donnerstag 15.3., 16 Uhr,
Handwerk Selfpublishing 01: Was dem Lektorat auffällt
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektor Florian Tietgen

Freitag, 16.3., 16 Uhr
Handwerk Selfpublishing 02: Show, don’t tell – das Kino im Kopf
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektorin Isabell Schmitt-Egner

Samstag, 17.3., 16 Uhr
Handwerk Selfpublishing 03: Der Pitch – ein Satz als Lockvogel
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektorin Andrea Weil

Sonntag, 18.3., 16 Uhr
Handwerk Selfpublishing 04: Was Autoren über den Klappentext wissen müssen
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektorin Susanne Zeyse

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Handwerk Selfpublishing Leipzig 2018

Zwölf Dinge, die jeder Autor über Exposés wissen sollte

Exposés sind das Fegefeuer der Autoren. Sie dienen der Bewerbung bei Literaturagenten und Verlagen. Sie dienen aber auch den Autoren zur Selbstkontrolle. Und aus einem gelungenem Exposé lässt sich ein gelungener Klappentext entwickeln.

Ich habe viele hundert Exposés gelesen und besprochen, zahlreiche Exposé-Workshops geleitet und es gibt zwölf Dinge, die Sie berücksichtigen sollten, wenn Sie ein Exposé schreiben.

1. Was will ich erzählen

Der Autor muss sich entscheiden, was das Zentrum, der Grundkonflikt seiner Geschichte ist. Sonst liest sich das Exposé wie eine Aufzählung aller möglichen Ereignisse, hat keinen roten Faden und ist deshalb schwer, manchmal gar nicht verständlich.

Streichen Sie den zentralen Konflikt heraus und was auf dem Spiel steht.

2. Ohne Hauptfigur, Bösewicht und Konflikt keine Geschichte

Der Leser muss wissen, wer der Held der Geschichte ist und wer sein Gegenspieler. Und natürlich auch, warum beide gegensätzliche Interessen haben, warum der Bösewicht verhindern will, dass die Hauptfigur ihr Ziel erreicht.

3. Nichts ist schlimmer, als ein passiver Held

Wenn ich in einem Exposé lese: »Der Held erfährt …« gehen bei mir – und vermutlich bei allen Lektorinnen und Lektoren – die roten Lichter an. Das klingt, als säße der Held im Sessel und andere würden für ihn handeln und seine Probleme lösen.

Im Exposé soll der Held aktiv sein (und in der Geschichte selbst erst recht!).

4. Wo beginnt die Geschichte, wie endet sie

Schildern Sie nicht langatmig die Vorgeschichte. Der Alltag des Kommissars interessiert den Leser genauso wenig wie die Information, auf welche Schule er gegangen ist.
Was setzt Ihre Geschichte in Gang? Fangen Sie damit an, Name des Helden, Alter, vielleicht noch Beruf, dann lassen Sie es losgehen.

5. Folgen Sie dem Helden

Erzählen Sie die Geschichte im Exposé aus der Sicht des Helden. Damit vermeiden Sie, dass die Geschichte in viele Teilstränge zerfällt (siehe Punkt 1). Der Held ist die wichtigste Figur, er bestimmt die Handlung.

6. Kein Tolstoi, kein George Martin

Tolstoi (Krieg und Frieden) und George Martin (Game of Thrones) haben etwas gemeinsam. Sie haben eine riesige Zahl von Personen in ihren Geschichten. Im Buch ist das okay. Im Exposé ist es verwirrend. Wenn Sie mehr als fünf Personen im Exposé haben, streichen Sie die, die am wenigsten zur Geschichte beitragen. Das macht es nicht nur übersichtlicher, sondern auch kürzer.

7. Show, don`t tell

Auch Exposés sollten anschaulich sein, im Kopf des Lesers Bilder wecken. Selbst wenn es »nur« an Agenten und Lektoren geht. Denn auch die schlussfolgern: Wenn der Text bei mir keine Bilder weckt, dann auch nicht bei anderen Lesern. Und dann ist es nicht verkäuflich. »Ein furchtbares Familiengeheimnis kommt zu Tage« ist ebenso nichtssagend wie ausgelutscht. »Die Heldin findet heraus, dass ihr Freund ihre Tochter mißbraucht«, ist wirkungsvoller. Und bitte: Lassen Sie die Heldin das nicht erfahren, sondern aktiv herausfinden.

8. Exposés benötigen Atmosphäre

Ihre Geschichte hat eine eigene Atmosphäre, einen eigenen Stil. Der sollte sich auch im Exposé spiegeln. Wenn Sie witzig-absurd schreiben, sollte das Exposé das deutlich machen. Ist ihre Geschichte atemlose Action, sollte das im Exposé erscheinen. Eine poetische Liebesgeschichte nüchtern und hard-boiled zu beschreiben, ist keine gute Idee.

9. Exposés sind keine Nacherzählung

Ein Exposé soll dazu verführen, die Geschichte zu lesen. Dem Agenten sagen: Die Geschichte werden viele Leser lesen wollen. Also keine Nacherzählung wie in der Schule. Streichen Sie das Besondere heraus, das, was Ihre Leserinnen faszinieren wird.

10. Das Exposés ist ein Härtetest ihrer Geschichte

Verlage verlangen Exposés nicht, weil sie gerne Autoren quälen. Sondern weil sich einem Exposé so viel über die Geschichte entnehmen lässt. Wenn die Heldin in der Geschichte »etwas erfährt«, statt es herauszufinden, liegt die Vermutung nahe, dass sie auch im Manuskript passiv bleibt. Wenn Sie also in Ihrem Exposé ein Problem entdecken, prüfen Sie nach, ob es vielleicht ein Problem Ihrer Geschichte ist. Das Exposé ist der Crashtest Ihrer Geschichte. Deshalb lohnt es sich auch für Selfpublisher, eins zu schreiben.

11. Der Weg zum guten Exposé ist mit unzähligen schlechten gepflastert

Niemand kann auf Anhieb ein tolles Exposé schreiben. Auch das erfordert Übung. Also werfen Sie die Tastatur nicht ins Korn, wenn die erste Fassung grauslich ist. Wer sich nicht erlaubt, schlechte Texte zu schreiben, wird nie richtig gute schaffen. Das gilt auch für Exposés.

12. Klappentexte sind Kurzexposés

Alles, was Sie hier lesen, gilt auch für Klappentexte. Nur dass der Klappentext nicht den Schluss der Geschichte verrät und auch nicht, wie sie verläuft. Er schildert nur den Helden, sein Problem und was die Geschichte in Gang setzt.

Was außer dem Exposé in eine Verlagsbewerbung gehört, verrate ich Ihnen hier.

Literatur: Drei Seiten für ein Exposé
Die Geschichte ausgraben: Plots und Exposés entwickeln

Workshop: Exposé und Pitch

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Zwölf Dinge, die jeder Autor über Exposés wissen sollte

Es ist gar nicht so leicht, einen Klappentext zu verfassen

Interview mit Madeleine Puljic, Gewinnerin des Deutschen Selfpublishing-Preises

Obwohl Madeleine Puljic bereits als Kind mit dem Schreiben begonnen hat, hat das Hobby lange Jahre brachgelegen. Erst durch diverse Kurzgeschichten-Wettbewerbe wurde die Neigung zum Schreiben erneut geweckt.

Seit 2013 veröffentlicht sie ihre Bücher als Selfpublisher und schreibt außerdem für Perry Rhodan NEO sowie für John Sinclair und Maddrax.

Und im Herbst 2017 gewann sie den ersten Deutschen Selfpublishing-Preis für ihr Werk »Noras Welten«.

 

Hans Peter Roentgen: Was sollte deiner Meinung nach ein Klappentext leisten?

Madeleine Puljic: Ein Klappentext sollte einen Eindruck von dem vermitteln, was das Buch zu bieten hat, sowohl inhaltlich als auch, was die Stimmung beziehungsweise den Sprachstil angeht. Vor allem sollte er aber neugierig machen, mir also einen Grund liefern, weshalb ich dieses Buch und kein anderes lesen sollte.

 

HPR: Du hast zahlreiche Bücher veröffentlicht. Wie sind die Klappentexte dazu entstanden? Hast du sie selbst entworfen, hast du andere beauftragt, oder wurden sie vom Verlag geschrieben?

MP: Bei den Heftromanen übernimmt das zum Glück der Verlag. Für meine eigenen Bücher habe ich die Klappentexte selbst verfasst, oft mit viel Schweiß und Tränen. Es ist gar nicht so leicht, einen Text zu verfassen, der spannend klingt, die wichtigsten Themen des Buches aufgreift, aber keine Überraschungen verdirbt. »Unerklärliche Dinge geschehen« ist mir beispielsweise zu unspezifisch, da muss es schon ein bisschen genauer werden.

Ich versuche deshalb meist, dem eigentlichen Thema des Buches auf den Grund zu gehen. Entweder, indem ich das Thema möglichst treffend in einem Satz ausdrücke, dann in drei und so weiter, bis ich einen Text habe – oder ich schreibe einen langen Text und streiche so lange weg, bis nur noch die »coolen« Sachen übrig bleiben.

 

HPR: Was muss deiner Meinung nach ein Klappentext auf jeden Fall enthalten? Welche Informationen gehören hinein, welche nicht?

MP: Ich wüsste jetzt nichts zu benennen, was unbedingt in einen Klappentext hinein muss. Bei Sachbüchern natürlich das Thema, auch die Qualifikation des Autors wäre spannend und welchen Ansatz das Buch verfolgt, auch verglichen mit anderen Werken zum selben Thema.

Bei einem Roman wird das schon schwieriger: Zumindest den Hauptcharakter möchte ich vorgestellt bekommen und das Problem, das die Geschichte behandelt, damit ich weiß, worauf ich mich einlasse. Worum geht es, und warum soll mich das interessieren? Wie viele lustige Nebencharaktere es dann noch gibt, interessiert mich erst mal nicht.

Auch Pressestimmen und Blurps sind nur interessant, sofern sie einen Mehrwert bringen. »Das ist ein tolles Buch«, kann ich glauben oder auch nicht, interessant wird es dadurch auf jeden Fall nicht.

 

HPR: Wie viel vom Buch darf ein Klappentext verraten?

MP: Schwierig. Pi mal Daumen würde ich sagen: Was im ersten Drittel des Buches steht, darf in den Klappentext, beziehungsweise alles bis zum ersten »Plotpoint«: dem Punkt, an dem das Ziel der Handlung klar wird und der spannende Teil dahinter beginnt.

Ein klares No-Go ist für mich das Verraten von handlungsrelevanten Details, die sich erst ab der zweiten Hälfte des Romans abspielen. Das kenne ich leider immer wieder vor allem von Krimis und Thrillern – also gerade bei den Genres, wo es dem Leser den meisten Lesespaß verderben kann.

 

HPR: Wie lang sollte ein Klappentext sein?

MP: Bei mir bestehen Klappentexte in der Regel aus zwei Absätzen und einem kleinen Teaser darüber, damit lande ich meistens bei rund 500 Anschlägen inklusive Leerzeichen. Darin kann man alles Wichtige verpacken, es füllt den Buchrücken zur Hälfte aus, so dass noch Platz für alles andere bleibt, und fordert nicht zu viel Aufmerksamkeit.

Wenn der Klappentext zu lange oder der Anfang nicht spannend ist, wird der potentielle Leser schnell abbrechen. Ist der Text zu kurz, bekommt der Leser keinen richtigen Einblick und damit meist auch keinen Kaufanreiz geboten.

 

HPR: Wenn im Klappentext eine Vita der Autorin, des Autors steht, was gehört da hinein? Und was auf keinen Fall?

MP: Ich würde sagen, dasselbe, was man auch an anderer Stelle in eine Kurzvita des Autors schreiben würde. Interessant finde ich immer Alter und Herkunft, weil es mich den Autor schon vorab einschätzen lässt und eine menschliche Nähe herstellt. Gerne auch den beruflichen Werdegang. Dann natürlich Auszeichnungen und, falls vorhanden, die fachliche Kompetenz in dem Thema, das in dem Buch behandelt wird.

 

HPR: Autorenfoto auf den Klappentext, ja oder nein?

MP: Ich persönlich sehe mir die Fotos sehr gerne an. Auch hier schafft es einen Bezug zum Autor, er wird einfach greifbarer und dadurch glaubhafter. Das Foto und die Vita bevorzuge ich allerdings eher im Buch oder in den eingeklappten Teilen des Umschlags, wenn vorhanden – und nicht auf der Buchrückseite.

 

HPR: Manche Klappentexte enthalten Zitate aus dem Buch. Was hältst du davon?

MP: Falls sie passend gewählt sind und nicht zu viel verraten, lese ich sie sehr gerne. Gerade wenn der Klappentext nicht vom Autor selbst verfasst wurde, finde ich das eine gute Methode, um ein Gefühl vom »Ton« des Buchs zu geben.

 

HPR: Der erste Satz sei entscheidend, ob ein Leser weiterliest, heißt es oft. Stimmt das? Falls ja, wie sollte der erste Satz eines Klappentextes aufgebaut sein, was sollte er enthalten?

MP: Stimmt. Ich verwende dafür gern eine Kombination aus etwas Genretypischem mit einem Hä?-Effekt – nämlich genau jener Sache, die den Leser fesseln soll, sei es ein Charakter, das Setting oder einfach die Umstände, unter denen die Handlung stattfindet. Das sichert einem die Aufmerksamkeit der Leser, so dass auch der Rest des Klappentextes – und dann auch das Buch – gelesen wird.

 

HPR: Wenn du Klappentext und Pitch vergleichst, was ist der Unterschied? Oder sollte der Klappentext ein Pitch sein?

MP: Der Pitch ist meistens kürzer als der Klappentext und kann durchaus das Ende des Buches verraten. Immerhin soll der Pitch das Buch nicht einem Leser Lust aufs Lesen machen, sondern einem Verlag oder einer Agentur zeigen, was das Besondere an dem Buch ist. Das kann natürlich durchaus im Ende liegen.

Ich würde also sagen: Der Klappentext verkauft die Geschichte, der Pitch die Idee, die dahintersteckt.

 

HPR: Gibt es einen Klappentext, der dich besonders begeistert hat, der dazu führte, dass du ein Buch gelesen hast, das du sonst nicht gelesen hättest?

MP: Spontan fällt mir dazu »Eene Meene – Einer lebt, einer stirbt« von M. J. Arlidge ein. Der Klappentext ist ebenso zwiespältig wie die Situation, in die der Leser sich versetzen soll. Mit wenigen Sätzen wird eine derartige Spannung aufgebaut, dass man gar nicht anders kann, als gleich weiterzulesen. Ich mag moralische Dilemmas.

 

HPR: Früher haben sich Bücher nur im stationären Buchhandel als Print verkauft. Heute gibt es Online-Buchhändler und E-Books. Haben sich dadurch die Anforderungen an Klappentexte verändert?

MP: Bisher habe ich keine Unterschiede in der Erstellung der Klappentexte festgestellt, außer natürlich, dass die Konkurrenz über den Onlinehandel deutlich größer ist. Im Buchladen liegt nur eine begrenzte Auswahl auf dem Tisch, während sich ein Buch im Onlinehandel von allen Produkten abheben muss, auch von Büchern, die nicht mehr im Laden aufliegen oder nur online erhältlich sind.

Da ist es umso wichtiger, den Klappentext ansprechend zu formulieren und (bei Print-Büchern) auch zu gestalten. Die Lesbarkeit muss nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch gegeben sein, immerhin wird auch meistens ein Bild der Buchrückseite abgebildet.

Die größere Konkurrenz gibt einem aber auch die Gelegenheit, ein breites Spektrum zu vergleichen und zu sehen, welche Art von Klappentexten im jeweiligen Genre gut ankommt – und welche Floskeln man besser vermeiden sollte, weil sie bereits hundertfach existieren.

 

HPR: Vielen Dank für das Interview.

 

Madeleine Puljics Homepage findet sich hier.

Das Interview ist ein Vorabdruck aus meinem neuen Buch „Klappentext, Pitch und anderes Getier“ und erschien erstmalig in der November Ausgabe des Autorennewsletter tempest.

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

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Es ist gar nicht so leicht, einen Klappentext zu verfassen

Subtext: die Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben

Wir alle erleben es täglich: Jemand sagt etwas und wir interpretieren das, was gesagt wurde. Schließlich sagen Menschen oft nicht das, was sie denken. Das, was interessant ist, steht dann zwischen den Zeilen. Das gilt besonders für Geschichten. Und ganz besonders für Witze.

Der Mann kommt nach Hause, findet seine Frau mit der Nase im Kochbuch. „Warum liest du Kochbücher? Du kannst eh nicht Kochen!“
„Du siehst ja auch Sexfilme!“

Vielleicht ist dieser Witz nicht der absolute Knaller, aber er zeigt sehr schön, dass das, was wichtig ist, nicht gesagt wird. Dennoch versteht jede Leserin, jeder Leser, was gemeint ist. Gerade aus der Differenz zwischen dem, was dort steht und dem, was gemeint ist, entsteht die Pointe im Kopf des Zuhörers oder der Leserin.

Humor arbeitet immer mit Subtext. Wer einen Witz erklärt, sagt, was gemeint ist, verdirbt ihn. Nichts ist tödlicher für Humor, als alles zu erklären.

Das ist bei Geschichten ebenso. Dialoge, in denen die Figuren alles erklären, sind langweilig. Krimis arbeiten oft mit Subtext, mit verschlüsselten Hinweisen auf den Täter: Erst am Schluss wird klar, was schon am Anfang zwischen den Zeilen stand.

Aber das Gesagte gilt nicht nur für Krimis oder Thriller. Dialoge wirken immer besser, wenn sie einen Subtext haben, wenn nicht alles ausgesprochen wird, sondern viel den LeserInnen überlassen bleibt, die kombinieren müssen – und dürfen.

Natürlich setzt Subtext voraus, dass die LeserInnen erschließen können, was zwischen den Zeilen steht. Obigen Witz würde ein Steinzeitmensch nicht verstehen. Weil er weder Kochbücher noch Sexfilme kennt.

Die Eisberg-Methode

Gute Texte zeigen nicht alles, der Text enthält nur einen kleinen Teil der Geschichte. Der Rest bleibt unsichtbar, das ist das, was die Leserin, der Leser erschließen darf. Ernest Hemingway, Literaturnobelpreisträger und Autor von „Der alte Mann und das Meer“, war ein Meister des Subtextes. Er nannte diese Art zu erzählen die „Eisberg-Methode“.

Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.

Von Antoine de Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“), ebenfalls kein erfolgloser Autor, stammt der Satz: „Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann!“,

NachwuchsautorInnen wollen oft alles erklären und damit sicherstellen, dass die LeserInnen die Szene genau so erleben, wie sie sich diese vorgestellt haben. Dass sie genau die Gefühle haben, die der Autor, die Autorin vorgesehen hat. Solche Erklärungen verhindern Subtext.

Sie müssen Ihre LeserInnen nicht an die Leine legen. Lassen Sie sie frei. Ja, sie werden dann die Szene vielleicht anders interpretieren, als Sie sich das gedacht haben. Und was ist daran schlimm? Sie wollen Ihre LeserInnen packen und das können Sie nur, wenn Sie Ihnen Freiräume bieten.

Subtext bietet Rätsel

Gute Bücher lassen sich also interpretieren. Sie müssen sogar interpretiert werden. Oft ist das, was nicht im Text steht, sogar wichtiger als das, was darin steht.

„James Bond hatte Angst“, wäre ein Satz, der wenig Raum für Interpretationen böte.

„James Bond trat von einem Fuß auf den anderen und kaute an seinem Fingernagel“ hingegen sagt uns nicht, was mit Bond los ist. Dieser Satz zeigt nur, wie er reagiert. Warum er so reagiert, welche Gefühle ihn dazu bringen, das müssen die LeserInnen sich erschließen. Ist es Angst? Ist er nervös? Natürlich ließe sich der Subtext hier noch erweitern:

„Geht es Ihnen nicht gut?“, wird Bond gefragt. Woraufhin er „Mir geht es blendend!“ erwidert und weiter von einem Fuß auf den anderen tritt.

Woraus die LeserInnen folgern würden: Bond will verbergen, dass er nervös oder ängstlich ist – aber seine Körpersprache verrät ihn. Was außerdem den Schluss zuließe, dass er ein dilettantischer Spion ist.

Subtext bezieht sich immer auf die LeserInnen, die ihn entschlüsseln dürfen. Wer in seinem Roman keinen Subtext hat, der bietet seinen LeserInnen ein Kreuzworträtsel, das bereits ausgefüllt worden ist.

Niemand interessiert sich für ausgefüllte Kreuzworträtsel.

Subtext ist das Gegenteil von Wissenschaft

In der Schule lernen wir, wissenschaftlich zu denken, zu abstrahieren.; viel mehr, als vor hundert oder gar zweihundert Jahren. Und deshalb lernen wir auch, alles auszuformulieren. Ein juristischer Vertrag sollte keinen Raum für Interpretationen bieten. Ein wissenschaftlicher Artikel sollte nicht offen lassen, was gemeint ist.

Literatur ist ganz anders. Dort gilt das Gegenteil. Lassen Sie Ihren Lesern Raum für Interpretationen, erklären Sie nicht alles, fordern Sie Ihre Leser und Leserinnen.

Subtext muss verständlich sein

Literarische Anspielungen wirken nur auf LeserInnen, die diese auch kennen.

„Walters Schlagfertigkeit bewegte sich in der Epsilon-Umgebung von Null“ dürfte nur Mathematikern erlauben, den Subtext zu verstehen. (Die Epsilon-Umgebung ist die kleinstmögliche Umgebung von Null.)

Nicht jeder Subtext muss verstanden werden

Kennen Sie den Film „Madagaskar“? In einer Szene fragen die Zootiere verzweifelt: „Gibt es hier Menschen?“ Denn sie kommen in der Wildnis nicht zurecht, sie brauchen Menschen, die sie füttern und pflegen.

„Sicher gibt es die“, antwortet der König der Affen und führt sie zu einem abgestürzten Flugzeug und einem toten Piloten, der mit seinem Fallschirm an einem Baum baumelt.

Gute Szene. Kinder lieben sie. Sie enthält bereits einen Subtext, denn die Tiere fragen nach lebenden Menschen (sagen das aber nicht). Und sie birgt für literarisch Gebildete noch einen weiteren Subtext. Der tote Pilot im Baum, das abgestürzte Flugzeug, das ist ein Bild aus dem Buch „Der Herr der Fliegen“. Man muss das nicht wissen, um „Madagaskar“ zu genießen. Aber für den, der es weiß, ist es ein zusätzliches Bonbon.

Zensur und Subtext

In Zeiten der Zensur ist Subtext lebenswichtig. Er erlaubt es, Dinge anzudeuten, die eigentlich nicht ausgesprochen werden dürfen. Sex und Politik eignet sich ganz besonders für Subtexte.

Zweiter Weltkrieg, ein Mann betritt einen Laden in Berlin. „Haben Sie Zucker?“
„Nein!“
„Verdammt, nichts gibt es mehr! Und alles wegen dem einen! Haben Sie Milch?“
„Nein!“
„Verdammt, nichts gibt es mehr! Und alles wegen dem einen!“
Ein systemtreuer Volksgenosse ruft die Polizei. Der Mann wird verhaftet.
„Das sind ja ganz schlimme Reden. Wen meinten Sie denn?“
„Natürlich Churchill!“
„So, so, Churchill? Nun gut, Sie können gehen.“
Der Mann steht auf und geht. An der Tür dreht er sich nochmal um:„Ach übrigens, Herr Kommissar, an wen dachten Sie denn?“

Und wie kommt man zu einem Subtext?

Es gibt keinen Königsweg dazu, keine garantiert wirkende Methode. Fragt man erfolgreiche AutorInnen, kommt meist die Antwort: „Das mach ich nach Gefühl.“ Also ist „Subtexten“ etwas, was man entweder kann oder nicht kann?

Nicht ganz. Wie alles, kann man sein Gefühl für Subtext trainieren.

Fragen Sie sich, was Ihre Figur auf gar keinen Fall sagen will. Und dann lassen Sie eine andere Person im Dialog genau das ansprechen.

Übung

Der Chef hat ein Buch geschrieben. Er fragt seine Sekretärin, wie sie das Buch findet. Die Sekretärin hat es nicht gelesen, aber das kann sie ihrem Chef nicht sagen. Also wird sie sich winden, versuchen, sich um die Antwort zu drücken.

Schreiben Sie die Szene!

aus Federwelt 12/2015

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