Subtext: die Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben

Wir alle erleben es täglich: Jemand sagt etwas und wir interpretieren das, was gesagt wurde. Schließlich sagen Menschen oft nicht das, was sie denken. Das, was interessant ist, steht dann zwischen den Zeilen. Das gilt besonders für Geschichten. Und ganz besonders für Witze.

Der Mann kommt nach Hause, findet seine Frau mit der Nase im Kochbuch. „Warum liest du Kochbücher? Du kannst eh nicht Kochen!“
„Du siehst ja auch Sexfilme!“

Vielleicht ist dieser Witz nicht der absolute Knaller, aber er zeigt sehr schön, dass das, was wichtig ist, nicht gesagt wird. Dennoch versteht jede Leserin, jeder Leser, was gemeint ist. Gerade aus der Differenz zwischen dem, was dort steht und dem, was gemeint ist, entsteht die Pointe im Kopf des Zuhörers oder der Leserin.

Humor arbeitet immer mit Subtext. Wer einen Witz erklärt, sagt, was gemeint ist, verdirbt ihn. Nichts ist tödlicher für Humor, als alles zu erklären.

Das ist bei Geschichten ebenso. Dialoge, in denen die Figuren alles erklären, sind langweilig. Krimis arbeiten oft mit Subtext, mit verschlüsselten Hinweisen auf den Täter: Erst am Schluss wird klar, was schon am Anfang zwischen den Zeilen stand.

Aber das Gesagte gilt nicht nur für Krimis oder Thriller. Dialoge wirken immer besser, wenn sie einen Subtext haben, wenn nicht alles ausgesprochen wird, sondern viel den LeserInnen überlassen bleibt, die kombinieren müssen – und dürfen.

Natürlich setzt Subtext voraus, dass die LeserInnen erschließen können, was zwischen den Zeilen steht. Obigen Witz würde ein Steinzeitmensch nicht verstehen. Weil er weder Kochbücher noch Sexfilme kennt.

Die Eisberg-Methode

Gute Texte zeigen nicht alles, der Text enthält nur einen kleinen Teil der Geschichte. Der Rest bleibt unsichtbar, das ist das, was die Leserin, der Leser erschließen darf. Ernest Hemingway, Literaturnobelpreisträger und Autor von „Der alte Mann und das Meer“, war ein Meister des Subtextes. Er nannte diese Art zu erzählen die „Eisberg-Methode“.

Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.

Von Antoine de Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“), ebenfalls kein erfolgloser Autor, stammt der Satz: „Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann!“,

NachwuchsautorInnen wollen oft alles erklären und damit sicherstellen, dass die LeserInnen die Szene genau so erleben, wie sie sich diese vorgestellt haben. Dass sie genau die Gefühle haben, die der Autor, die Autorin vorgesehen hat. Solche Erklärungen verhindern Subtext.

Sie müssen Ihre LeserInnen nicht an die Leine legen. Lassen Sie sie frei. Ja, sie werden dann die Szene vielleicht anders interpretieren, als Sie sich das gedacht haben. Und was ist daran schlimm? Sie wollen Ihre LeserInnen packen und das können Sie nur, wenn Sie Ihnen Freiräume bieten.

Subtext bietet Rätsel

Gute Bücher lassen sich also interpretieren. Sie müssen sogar interpretiert werden. Oft ist das, was nicht im Text steht, sogar wichtiger als das, was darin steht.

„James Bond hatte Angst“, wäre ein Satz, der wenig Raum für Interpretationen böte.

„James Bond trat von einem Fuß auf den anderen und kaute an seinem Fingernagel“ hingegen sagt uns nicht, was mit Bond los ist. Dieser Satz zeigt nur, wie er reagiert. Warum er so reagiert, welche Gefühle ihn dazu bringen, das müssen die LeserInnen sich erschließen. Ist es Angst? Ist er nervös? Natürlich ließe sich der Subtext hier noch erweitern:

„Geht es Ihnen nicht gut?“, wird Bond gefragt. Woraufhin er „Mir geht es blendend!“ erwidert und weiter von einem Fuß auf den anderen tritt.

Woraus die LeserInnen folgern würden: Bond will verbergen, dass er nervös oder ängstlich ist – aber seine Körpersprache verrät ihn. Was außerdem den Schluss zuließe, dass er ein dilettantischer Spion ist.

Subtext bezieht sich immer auf die LeserInnen, die ihn entschlüsseln dürfen. Wer in seinem Roman keinen Subtext hat, der bietet seinen LeserInnen ein Kreuzworträtsel, das bereits ausgefüllt worden ist.

Niemand interessiert sich für ausgefüllte Kreuzworträtsel.

Subtext ist das Gegenteil von Wissenschaft

In der Schule lernen wir, wissenschaftlich zu denken, zu abstrahieren.; viel mehr, als vor hundert oder gar zweihundert Jahren. Und deshalb lernen wir auch, alles auszuformulieren. Ein juristischer Vertrag sollte keinen Raum für Interpretationen bieten. Ein wissenschaftlicher Artikel sollte nicht offen lassen, was gemeint ist.

Literatur ist ganz anders. Dort gilt das Gegenteil. Lassen Sie Ihren Lesern Raum für Interpretationen, erklären Sie nicht alles, fordern Sie Ihre Leser und Leserinnen.

Subtext muss verständlich sein

Literarische Anspielungen wirken nur auf LeserInnen, die diese auch kennen.

„Walters Schlagfertigkeit bewegte sich in der Epsilon-Umgebung von Null“ dürfte nur Mathematikern erlauben, den Subtext zu verstehen. (Die Epsilon-Umgebung ist die kleinstmögliche Umgebung von Null.)

Nicht jeder Subtext muss verstanden werden

Kennen Sie den Film „Madagaskar“? In einer Szene fragen die Zootiere verzweifelt: „Gibt es hier Menschen?“ Denn sie kommen in der Wildnis nicht zurecht, sie brauchen Menschen, die sie füttern und pflegen.

„Sicher gibt es die“, antwortet der König der Affen und führt sie zu einem abgestürzten Flugzeug und einem toten Piloten, der mit seinem Fallschirm an einem Baum baumelt.

Gute Szene. Kinder lieben sie. Sie enthält bereits einen Subtext, denn die Tiere fragen nach lebenden Menschen (sagen das aber nicht). Und sie birgt für literarisch Gebildete noch einen weiteren Subtext. Der tote Pilot im Baum, das abgestürzte Flugzeug, das ist ein Bild aus dem Buch „Der Herr der Fliegen“. Man muss das nicht wissen, um „Madagaskar“ zu genießen. Aber für den, der es weiß, ist es ein zusätzliches Bonbon.

Zensur und Subtext

In Zeiten der Zensur ist Subtext lebenswichtig. Er erlaubt es, Dinge anzudeuten, die eigentlich nicht ausgesprochen werden dürfen. Sex und Politik eignet sich ganz besonders für Subtexte.

Zweiter Weltkrieg, ein Mann betritt einen Laden in Berlin. „Haben Sie Zucker?“
„Nein!“
„Verdammt, nichts gibt es mehr! Und alles wegen dem einen! Haben Sie Milch?“
„Nein!“
„Verdammt, nichts gibt es mehr! Und alles wegen dem einen!“
Ein systemtreuer Volksgenosse ruft die Polizei. Der Mann wird verhaftet.
„Das sind ja ganz schlimme Reden. Wen meinten Sie denn?“
„Natürlich Churchill!“
„So, so, Churchill? Nun gut, Sie können gehen.“
Der Mann steht auf und geht. An der Tür dreht er sich nochmal um:„Ach übrigens, Herr Kommissar, an wen dachten Sie denn?“

Und wie kommt man zu einem Subtext?

Es gibt keinen Königsweg dazu, keine garantiert wirkende Methode. Fragt man erfolgreiche AutorInnen, kommt meist die Antwort: „Das mach ich nach Gefühl.“ Also ist „Subtexten“ etwas, was man entweder kann oder nicht kann?

Nicht ganz. Wie alles, kann man sein Gefühl für Subtext trainieren.

Fragen Sie sich, was Ihre Figur auf gar keinen Fall sagen will. Und dann lassen Sie eine andere Person im Dialog genau das ansprechen.

Übung

Der Chef hat ein Buch geschrieben. Er fragt seine Sekretärin, wie sie das Buch findet. Die Sekretärin hat es nicht gelesen, aber das kann sie ihrem Chef nicht sagen. Also wird sie sich winden, versuchen, sich um die Antwort zu drücken.

Schreiben Sie die Szene!

aus Federwelt 12/2015

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Subtext: die Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben

Der Absatz – das unbekannte Wesen

Die Hälfte der Texte, die ich zur Korrektur bekomme, hat zu wenig Absätze. Selbst viele Textprofis leiden oft unter dem, was Mediziner die „chronische Absatzscheu“ nennen. Manche legen sogar Texte mit mehreren Seiten ohne jeden Absatz vor.

Die Begründung: „Das ist doch der Job der Lektoren“. So kann man es natürlich auch sehen. Nur darf man sich dann keiner wundern, dass niemand seine Texte zu Ende liest.

Auch in Stilratgebern und Schreibbüchern sucht man Rat zur Absatzgestaltung meistens vergeblich.

Dabei ist es gar nicht so schwierig. Denn es gibt es ein paar Faustregeln. Natürlich sind die nicht in Stein gemeißelt und dienen, wie die Zeichensetzung auch, der einfacheren Lesbarkeit (Ja, ja, ich weiß, die Zeichensetzung dient der Rechtschreibung, den Grammatikregeln, den Kultusministern, laut Günther Grass der deutschen Literatur und erst ganz zum Schluss dann der Lesbarkeit!).

Die Faustregeln:

Absätze werden gemacht:
– Wenn der Sprecher wechselt
– Wenn die Perspektive wechselt
– Vor und nach Flashbacks
– Wenn eine Beschreibung endet und die Handlung einsetzt
– Wenn eine neue Person die Bühne betritt

Wozu Absätze?

Absätze sind wie Sätze, Szenen und Kapitel Gliederungsmöglichkeiten. In der Regel enthält ein Absatz mehrere Sätze und eine Szene mehrere Absätze. Eigentlich ist das selbstverständlich, aber wenn Sie wüssten, was ich schon alles in Texten erlebt habe!

Dabei ist der Absatz als Gliederungselement noch viel wichtiger als der Satz und bietet auch weit mehr Möglichkeiten, als die Lesbarkeit sicher zu stellen. Denn Absätze bestimmen Rythmus und Tempo eines Textes. Sie sind ein ganz wesentliches Element, das den Stil festlegt.

Nehmen Sie sich einfach mal verschiedene Bücher aus eurem Regal, schlagen Sie sie an beliebiger Stelle auf und schauen Sie sich an, wie auf diesen beiden Seiten die Absätze verteilt sind.

Wann soll man Absätze machen?

Auf jeden Fall, wenn der Sprecher wechselt.

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“ Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen.“ „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich. „Ich war das.“, antwortete der Esel.

Das ist einfach schwierig zu lesen und noch schwieriger zu verstehen. Aber ein Absatz hinter dem jeweiligen Sprecherwechsel und schon ist es einfach viel klarer:

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“
Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen. „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich.
„Ich war das“, antwortete der Esel.

Wohlgemerkt, hier steht kein Absatz nach „Es war niemand zu sehen“. Denn das, was folgt, sagt immer noch Josef. Ein Absatz ist hier nicht nötig.  Macht einmal das Experiment, den Text mit und ohne Absatz zu lesen. Was ändert sich dann am Rythmus, an der Stimmung des Textes? Welche Fassung würdet ihr vorziehen?

Wie beim Sprecherwechsel gehört ein Absatz natürlich immer dorthin, wo die Perspektive oder Handlung wechselt und insbesondere, wenn der Text von einer Beschreibung zur Handlung übergeht.

Die Burg glänzte schwarz, als wäre sie frisch lackiert worden. Der Burgfried ragte so hoch, dass er die Wolken am Bauch kitzeln konnte. Das Tor war verschlossen und verriegelt, die Zugbrücke hochgezogen.
Plötzlich öffnete sich ein Fenster und ein hölzerner Kuckuck schnellte heraus.

Was wäre, wenn man das alles in einem Absatz schreiben würde?

Ganz einfach: Dann würde der Kuckuck längst nicht so überraschend kommen. Mit Absätzen nimmt man auch eine Betonung vor. Generell sollte ein Absatz natürlich überall erfolgen, wo etwas Neues im Text erscheint. Absätze gliedern einen Text und damit die Gedanken, die Erzählung der Autoren.

Wirkung von Absätzen

Je mehr Absätze ein Text hat, desto „aktiver“, „einfacher“ und „temporeicher“ wirkt er. Deshalb haben Actionszenen und Dialoge meist sehr viele Absätze, im Extremfall sogar mit nur einem Satz.

Er rammt den Rückwärtsgang rein.
Stieß zurück, erster Gang, Vollgas.
Die Reifen drehten durch. Fassten endlich.
Das Tor zersplitterte und sie waren durch.

Umgekehrt wirken Texte mit wenigen Absätzen eher „ruhig“ oder „schwierig“. Logischerweise haben Beschreibungen, philosophische Erörterungen etc. auch durchaus mal Absätze mit einer halben Seite. Mehr würde ich einem Leser nur in begründeten Ausnahmefällen zumuten.

Warnung

Bei vielen Wettbewerben gibt es eine Seitenbegrenzung. Bei Überschreitung liegt die Versuchung nahe, einfach Absätze wegzulassen und so den Text auf die Begrenzung zu kürzen.

NEIN! Das sollte man nie, nie, nie tun. Denn dadurch verliert euer Text so viel, dass die Chancen auf den Nullpunkt schwinden. Ein Text mit ungenügender Gliederung, mit zu wenig Absätzen wirkt dilettantisch. Da kann die Geschichte selbst noch so gut sein.

Lieber sich überlegen: Welchen Teil der Erzählung könnte man ganz weglassen?

Womit wir wieder bei der „chronischen Absatzscheu“ wären. Man kann natürlich auf die Lektoren hoffen. Ich halte das für keine gute Idee. Denn Absätze sind ein wichtiges Stilmittel und das sollte kein Autor aus der Hand geben.

Stephen King

Stephen King schreibt in „Das Leben und das Schreiben:

Ich bin der Meinung, dass nicht der Satz, sondern der Absatz die kleinste Einheit eines Textes darstellt, in der Kohärenz entsteht und Wörter die Chance haben, über sich hinauszuwachsen. Wenn es Zeit wird, das Tempo zu erhöhen, geschieht das auf Absatzebene. (S151).

Und dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

Leerzeilen – wann setzen?

 

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Der Absatz – das unbekannte Wesen

Drachenzeichen – zwei Klappentexte

               Eins

Lange weiß Lucius nicht, was ihm von den Göttern schon in die Wiege gelegt wurde: Er ist ausersehen, eine uralte Prophezeiung zu erfüllen und die Welt neu zu ordnen. Diesem Schicksal kann er sich nicht entziehen.

Lucius Kindheit in einer mittelalterlichen Stadt endet schlagartig, als nach dem Kampf gegen den bösartigen Greif plötzlich das Zeichen der schwarzen Brüder, ein dunkler Drache, auf seinem Oberarm erscheint. Für die Menschen seiner Heimat ist dies der Beweis, dass nun die gefürchteten alten Prophezeiungen der großen Veränderungen eintreten werden. Voller Hass und Angst jagen sie den Jungen, um das Unheil einer neu geordneten Welt noch abzuwenden. Doch zusammen mit dem Drachenzeichen hat Lucius auch Hilfe aus den magischen Welten erhalten. Sein wichtigster Gefährte wird Salman, der schwarzgoldene Drache, der in seiner Hand geschlüpft ist und schnell wächst. Mit ihm übersteht Lucius die Prüfungen im Schattenreich der Verstoßenen, trifft Gottheiten und Zauberer und kann schließlich zurückkehren in die Menschenwelt. Dort soll er den Auftrag der Göttin Kaala ausführen. Weil Lucius aber die Moralvorstellungen aus seiner Kindheit nicht völlig vergessen hat, gerät er in schwere Gewissenskonflikte.

Zwei

In der mittelalterlichen Stadt, in der Lucius behütet aufwächst, fürchten sich die Menschen vor einer Prophezeiung aus den uralten Zeiten der Drachen, denn große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt. Als plötzlich das aus vielen Legenden berüchtigte Zeichen der schwarzen Drachen auf Lucius‘ Arm erscheint, wird er zum Gejagten in seiner Stadt. Schwer verletzt findet er mit seinem frisch geschlüpften Drachengefährten Salman Aufnahme im Schattenreich der Verstoßenen. Hier begegnen ihm Magier, Göttinnen und Hexen, von denen er all das lernt und erhält, was er nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt braucht, um die Prophezeiung zu erfüllen. Doch all seine magischen Fähigkeiten und Waffen nützen Lucius wenig, solange sein Gewissen ihn daran hindert, die geforderten Grausamkeiten zu begehen.

Sein Drache Salman bleibt für Lucius der stets zuverlässige Gefährte bei allen Kämpfen und magischen Begegnungen auf den Reisen durch fantastische Welten.

Lektorat

Was interessiert Sie in dem obigen Klappentext? Welcher Satz ist der stärkste? Ich finde ,dieser: »Voller Hass und Angst jagen sie den Jungen, um das Unheil einer neu geordneten Welt noch abzuwenden.« Ein Junge wird vogelfrei, weil das Drachenzeichen auf seinem Arm erscheint. Das erinnert an Hexenverfolgung, an Außenseiter, weckt Ängste.

Und warum wird er vogelfrei? »Große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt.« Das ist ein wenig allgemein. Klingt belanglos. So wie der Satz: »Mit Hexen verbinden die Menschen große Umstürze und Kriege.« Besser: »Hexen sind mit dem Teufel im Bunde, sie können Naturkatastrophen herbeizaubern, die Ernte vernichten und den Menschen Krankheiten anzaubern.« Das wäre die konkretere Aussage.

Was also kann jemand mit dem Drachenzeichen anstellen? Was für Ängste ruft es hervor? Dass Lucius mit Drachenzauber die Drachen herbeirufen kann, die Menschen fressen, die Ernte verbrennen und die kein Heer besiegen kann? Das wäre eine Möglichkeit.

Und was geschieht mit denen, die ein Drachenzeichen haben? Lucius wird »schwer verwundet«. Auch das sollte man konkreter benennen. »Die Schergen des Drachentöter-Ordens jagen ihn, um ihn auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Doch schwer verletzt kann er ihnen entkommen.«

Prophezeiungen

Das Drachenzeichen ist eine Prophezeiung. »Er ist ausersehen, eine uralte Prophezeiung zu erfüllen und die Welt neu zu ordnen. Diesem Schicksal kann er sich nicht entziehen.« Denn: »Große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt.«

Eine Prophezeiung, die unabwendbar ist. Die uns sagt, was passieren wird. Ein Schicksal, dem keiner entkommen kann.

Schade. Denn dann ist ja alles schon vorherbestimmt. Wir müssen das Buch nicht lesen.

Immer wieder begegne ich solchen Prophezeiungen, Vorausdeutungen, die den Helden und dem Autor das Leben leichter machen. Alles ist klar und vorherbestimmt. Im Theater nennt man so was „Deus ex machina“. Der Gott, der aus dem Theaterhimmel auf die Bühne herabgelassen wird und alles in Ordnung bringt, was der Autor nicht hatte vollbringen können.

Greifen Sie nie zu solchen Hilfsmitteln. Sie erleichtern das Autorenleben, ganz gewiss, aber sie töten die Spannung.

Also gar keine Prophezeiungen oder Vorausdeutungen? Zweite Frage: Kennen Sie Shakespeare? In Macbeth gibt es eine berühmte Prophezeiung. Drei Hexen sagen Macbeth voraus, dass er König wird und nur gestürzt werden kann, wenn der Wald anfängt zu laufen und ein Mann kommt, der von keiner Mutter geboren wird.

Macbeth ist happy. Sein Königtum ist sicher. Glaubt er. Er bringt den regierenden König um, setzt sich die Krone auf, und niemand kann sie ihm nehmen.

Leider hat er etwas übersehen. Die Prophezeiung war nicht so eindeutig, wie er dachte. Der Wald fängt an zu laufen und ein Mann führt seine Feinde, der nicht geboren, sondern aus dem Mutterleib geschnitten wurde. So kann man sich irren.

Prophezeiungen sind wirksame Mittel in Geschichten. Aber nur, wenn sie doppeldeutig sind. Wenn sie den Helden (und die Leser) in Sicherheit wiegen, in Wirklichkeit aber keine Garantie bieten. (Das gilt auch für Vorausdeutungen.) Sie scheinen etwas zu sagen, aber alles kommt anders. So wie der kriegerische König Krösus, dem vor einem Kriegszug geweissagt wurde: Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.« Frohgemut zog er in den Krieg gegen das große Perserreich. Und übersah, dass das große Reich, das er zerstörte, sein eigenes war.

Konflikt, Konflikt, Konflikt

Lucius flieht dann zu ins Schattenreich. »Hier begegnen ihm Magier, Göttinnen und Hexen, von denen er all das lernt und erhält, was er nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt braucht, um die Prophezeiung zu erfüllen.«

Schön für Lucius, das klingt ja nach einer tollen Zeit ohne Probleme. Die Magier, Göttinnen und Hexen bringen ihm alles bei, und die Prophezeiung sagt ihm, was er zu tun hat. Viel nachdenken muss er nicht. Konflikte sind auch keine in Sicht.

Konflikte und offene Fragen sind aber das, was Leser verlocken, eine Geschichte zu lesen. Und davon findet sich hier nichts. Obendrein ist »alles, was er braucht« sehr allgemein. Was lernt er denn dort? Zaubern? Schwertkämpfen? Regieren?

Konkret ist der Drache, der in seiner Hand schlüpft. Hat ihn dieser Drache aus der Hand seiner Verfolger befreit? Was hat es damit auf sich? Das könnte zum Lesen verlocken.

Gewissenskonflikte

Einen Konflikt gibt es am Ende: »Doch all seine magischen Fähigkeiten und Waffen nützen Lucius wenig, solange sein Gewissen ihn daran hindert, die geforderten Grausamkeiten zu begehen.« — Gewissenskonflikte bieten Spannung.

Aber auch hier: Um welche Gewissenskonflikte handelt es sich? Soll er seinen Drachen opfern, um die Welt zu retten? Die Frau verlassen, die er liebt, um seine Heimatstadt vor einem Krieg zu bewahren? Auch hier wären konkretere Angaben wichtig.

Worum geht es in der Geschichte? Um Gewissenskonflikte geht es in unzähligen Geschichten. Stellen Sie Ihr Alleinstellungsmerkmal heraus. Zeigen Sie den Gewissenskonflikt, behaupten Sie ihn nicht nur.

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Drachenzeichen – zwei Klappentexte

Marken und Namen in Romanen

Darf man Markennamen in Romanen verwenden, reale Cafés und Hotels benennen? Immer wieder taucht diese Frage in Foren auf.

Kurz gesagt: Öffentliche Firmen und Marken dürfen Sie nennen. Ihr Held darf im Café Sonnenschein sich einen Sunshine-Becher bestellen, im BMW fahren, sich mit Tempo-Taschentüchern die Nase schneuzen und Jacobs Kaffee in seiner Kaffeemaschine verwenden. Ob das sinnvoll ist, ist eine andere Frage, doch dazu später.

Natürlich kann Ihr Held auch einem Qualopago TI fahren, mit der nichtexistenten Marke sind Sie ganz auf der sicheren Seite.

Vorsicht bei geschäftsschädigenden Behauptungen

Etwas anderes ist es mit Behauptungen, die negativ oder geschäftsschädigend sind. Wenn Sie behaupten, dass beim BMW die Gangschaltung nach einem Jahr immer ausgetauscht werden muss, dann müssten Sie es im Zweifelfall beweisen können.

Wenn die Autofirma im Roman eigene Profikiller beschäftigt, sollten Sie also lieber den Qualopago als Markennamen wählen. BMW-Killer würden in München sicher nicht auf ungeteilte Begeisterung stoßen 🙂

Ihrem Helden darf aber der Kaffee bei McDonald oder im Café Sonnenschein nicht schmecken. Das wäre eine (zulässige) Meinungsäußerung. Auch Romanhelden haben Meinungsfreiheit.

Wenn Sie allerdings behaupten würden, in den Hamburgern würden Kakerlaken verwendet, wäre es eine Tatsachenbehauptung und zwar eine geschäftsschädigende. Das müssten Sie also beweisen können. Doch auch da gilt: Allgemein bekannte und bewiesene negative Dinge dürfen Sie benennen. »Der Zeuge war so glaubwürdig wie ein VW-Abgastest« würde wenig Risiko bergen, denn VW wird kaum so dämlich sein, deshalb Klage zu erheben, dem Buch PR zu verschaffen und am Ende den Prozess zu verlieren, was dann auch noch durch die ganze Presse gehen würde.

Wann Marken- oder Firmennamen verwenden?

Dass Sie die Namen verwenden dürfen, heißt natürlich noch lange nicht, dass es sinnvoll ist. Wenn sich Ihr Held nicht in gewöhnliche Taschentücher schneuzt, sondern immer in die Tempo-Superluxus-Superweich-Schneuzer, geraten Sie schnell in den Verdacht der Schleichwerbung.

Mein Tipp: Wo es nicht nötig ist, lassen Sie die Markennamen weg.

Und wann ist es nötig?

Namen von Cafés, Firmen, Straßen können einem Roman Atmosphäre verschaffen. Der spezielle Bikertreff im Industrieviertel, das bekannte Café am Markt, das kleine portugiesische Lokal ganz versteckt in einer schmalen Gasse, all das sorgt für Lokalkolorit. Scheuen Sie sich also nicht, diese Namen für Ihren Roman zu verwenden.

Fragen kostet nichts

Nachfragen können Sie natürlich immer. Auch Starbucks wird Ihnen die Verwendung des Namens genehmigen (aber nicht im Titel). Große Konzerne wird das aber anschließend nicht weiter interessieren.

Bei lokalen Cafés und Firmen sieht das anders aus. Die sind nicht durch öffentliche PR verwöhnt. Wenn Sie dem Café Sonnenschein anschließend ein Exemplar des Buches mit einigen netten Worten schenken, kann es sein, dass fortan das Buch im Café steht und beworben wird. Mit etwas Glück lässt sich sogar eine Lesung arrangieren. Also keine Hemmung, auch mal nachzufragen. Dann sind Sie auf der sicheren Seite und gewinnen vielleicht neue Fans.

In Matthias Mattings Selfpublisherbibel finden Sie noch weitere Beispiele und Infos:

Weitergehende Links:

https://l.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fwww.autorenforum.de%2Fexperten%2F30-verlagswesen%2F1002-ist-es-erlaubt-markennamen-in-einem-buch-zu-nennen&h=ATMIY5jQP0xIgbHRyANJpqFtxLMCy-oBpKWrj9o59KF2v4yxY4vqwMLp1ZC9O-4qnN3xGa5MOPhLpydxl0XPDnnRnUzhFoVo5hqO_Dtwz3JlVMPycs66dqq-dmh8PTbMQ2HGJKIRr6MX

http://montsegur.de/ipb-forum/index.php/topic/12030-verwendung-von-markennamen-im-roman/

http://www.marken-recht.de/markenrecht_forum/showthread.php?t=580

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Marken und Namen in Romanen

Alles, was Autoren über Perspektiven wissen müssen – die Kür

Im letzten Blog hatte ich die Grundlagen erklärt: Ich-Perspektive, personale Perspektive 3. Person, Allwissender Erzähler.

Das ist der Standard, für jede Autorin die Pflicht (und für jeden Autor auch). Doch es gibt die Kür und die bietet eine Menge weiterer Möglichkeiten. Viele davon sind hohe Schule ohne Netz und doppelten Boden. Da kann man leicht abstürzen. Aber wenn es gelingt, hat man einen faszinierenden Text.

Deshalb auch meine Warnung: Je weniger Erfahrung Sie haben, desto besser ist es, erst mal die Pflicht zu absolvieren.

Multipersonale Perspektive

Eine Form der personalen Perspektive 3. Person. Nur dass die Perspektive verschiedenen Personen gegeben wird. Zum Beispiel ein Kapitel Perspektive Kommissar, eins aus der Perspektive des Täters. Meist gibt es 3-5 Perspektiven, aber wenn Sie George R. R. Martin (A song of Ice and Fire, Game of Thrones) heißen, können es auch hundert oder mehr sein.

Vorteil: Sie können Spannung aufbauen, weil der Leser Dinge weiß, die die Personen des Romans nicht wissen. Klassisches Hitchcock Beispiel: Der Täter hat eine Bombe unter dem Tisch versteckt, die Polizisten am Tisch wissen das nicht.

Nachteil: Sie müssen alle Figuren genau kennen, denen Sie die Perspektive geben und diese sollten unterschiedlich sein. Wenn sich der Täter nicht anders liest als der Kommissar, wird es flach.

Kameraperspektive

Auch eine Spezialform der personalen Perspektive. Der Erzähler folgt einer Figur, schildert alles, was diese sieht, was passiert. Aber schaut nicht in deren Gedanken. Die Geschichte wird von einer Kamera erzählt, die der Perspektivfigur auf der Schulter sitzt. Im klassischen Hardboiled Krimi wird diese Perspektive gerne verwendet.

Vorteil: Der Leser kennt nicht die Pläne der Perspektivfigur, kann sie aus den Handlungen und Dialogen vermuten, weiß sie aber nicht sicher.

Nachteil: Innerer Monolog und alle Gedanken bleiben ausgespart.

Dr. Watson

Eine Randfigur hat die Perspektive und erzählt die Geschichte entweder aus der dritten Person oder als Ich-Erzähler. In den Sherlock Holmes Geschichten hat nicht Sherlock die Perspektive, sondern sein Freund Dr. Watson. Auch der Name der Rose ist in der Dr. Watson Perspektive geschrieben aus der Sicht des jungen Mönchs, der dem ermittelnden Priester folgt.

Vorteil: Dr. Watson kann über die Hauptperson räsonnieren und Dinge über sie erzählen, die nicht möglich wären, wenn Sherlock die Perspektive hätte. Außerdem kennt er nicht Sherlocks Gedankengänge, wird also zusammen mit dem Leser überrascht, wenn der die Lösung präsentiert.

Nachteil: Die Distanz zum Helden kann schnell zu groß werden.

Das allwissende Ich

Klassische Mischform. Ein Ich-Erzähler erzählt über Ereignisse in der Vergangenheit. Da diese Ereignisse lange zurückliegen, weiß er mittlerweile all das, was ihm nicht bewußt war, als es passierte. Diese Perspektive kann direkt in die Ereignisse von damals springen, aus dem Kopf der Figur erzählen. Und wieder zurückgehen ins heute, wenn der Ich-Erzähler ein alter Mann oder eine alte Frau ist.

Vorteil: Der Autor kann die Vorteile des Ich-Erzählers und des allwissenden Erzählers kombinieren.

Nachteil: Wer nicht aufpasst, verfällt den Nachteilen des allwissenden Erzählers und erklärt seine Geschichte, statt sie den Leser erleben zu lassen,

3. Person mit allwissenden Einsprengseln

Die Erzählung folgt einer Person in der personalen Perspektive. Doch manchmal wird allwissend erzählt. Zum Beispiel als Vorausdeutung: „Das war das letzte Mal, dass er seinen Bruder sah.“ Dieses Foreshadowing ist allwissend, weil das die Person selbst nicht wissen kann. Foreshadowing ist ein wirkungsvoller Spannungserzeuger, aber sollte mit Vorsicht verwendet werden. Am besten nur ein Satz, keine Erklärungen und noch besser, wenn sich später herausstellt, dass der Satz nicht das bedeutete, was der Leser vermutete. Stephen King und Sebastian Fitzek sind Meister darin.

Vorteil: Damit kann der Autor die Spannungsschraube anziehen.

Nachteil: Wenn es zu eindeutig ist oder zu langatmig, erhöht es nicht die Spannung, sondern killt sie.

Multiperspektivisch

Im Prinzip lassen sich alle Perspektiven mischen.

Ich & 3. Person

Abwechselnde Kapitel in der Ich-Perspektive und der 3. Person

Allwissend & 3. Person

Abwechselnde Kapitel in der allwissenden und der 3. Person

Du-Perspektive

Der Leser wird direkt angesprochen: Du gehst in diese Höhle. Es wird dunkel. Von hinten weht ein kalter Hauch an deinem Kopf vorbei …

Ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Sehr schwierig, das einen ganzen Roman durchzuhalten.

Was Sie nicht tun sollten

Mischen Sie nicht verschiedenste Formen. Ganz wichtig für die Überarbeitung: Achten Sie darauf, dass die Perspektive einheitlich wirkt. Sie können mischen (wenn Sie es können), aber auch dann sollte es in sich stimmig sein und nicht beliebig wirken. Holpernde Perspektiven sind kein Beweis künstlerischer Genialität, sondern mangelnder Handwerkskunst. Glauben Sie mir, der Leser merkt es. Auch wenn er vielleicht den Grund nicht benennen kann.

Mischen, um zu erklären

Der schlimmste Perspektivfehler. Sie wechseln in der Szene die Perspektive, um dem Leser etwas zu erklären. Erst folgen Sie dem Kommissar, dann hüpfen Sie in den Zeugen, um dem Leser zu zeigen, dass der Zeuge lügt. Besser, wenn der Leser den Zeugen durch die Augen des Kommissars erlebt und vermutet: Der lügt doch! Aber es nicht genau weiß.

Distanz mit Perspektive verwechseln

Perspektive ist das eine. Distanz, also die Entfernung des Lesers von den Personen und den Ereignissen, ist etwas anderes. Sie können auch als allwissender Erzähler ganz nah an die Ereignisse herangehen oder als Ich-Erzähler eine große Distanz aufbauen. Dass der allwissende Erzähler Anfänger gerne zu großer Distanz in der Erzählung verführt, ändert daran nichts.

Perspektivendogmatismus

Auch bei Perspektiven gibt es Dogmatismus. Denken Sie daran: Wichtig ist die Wirkung. Wenn Sie schreiben. „Karl erwachte, draußen schneite es“, dann kann man sich fragen: Woher weiß Karl das, wenn die Vorhänge zugezogen sind?

Manchmal ist es völlig uninteressant, woher er es weiß. Manchmal spielt es keine Rolle. Und manchmal ist es ein Perspektivfehler. Wenn Sie wenig Schreiberfahrung haben, bleiben Sie erst mal bei den Grundperspektiven und halten sich an deren Rahmen. Je mehr Erfahrung sie haben, desto sicherer werden Sie sehen, wo welche Perspektive passt und wo nicht.

Experimente und die Genres

In den Unterhaltungsgenres (U-Literatur) muss sich die Perspektive der Geschichte anpassen. Experimente, die der Geschichte nicht nützen, sie nicht spannender machen, sollten Sie besser unterlassen.

Im Genre Hochliteratur (E-Literatur) können Sie sich mehr formale Experimente mit der Perspektive erlauben.

Das gilt generell: Die Unterhaltungsgenres erlauben mehr Experimente bezüglich der Geschichte, die Hochliteratur mehr bezüglich der Form.

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Alles, was Autoren über Perspektiven wissen müssen – die Kür

Alles, was Autoren über Perspektiven wissen müssen

In der Ich-Form erzählen? Oder dritte Person? Immer wieder taucht die Frage auf, welche Perspektive am besten ist, welche die meisten Leser bringt.
Die Antwort ist ganz einfach: Es gibt nicht DIE ideale Perspektive. Aber es gibt viele unterschiedliche Formen, die zur Auswahl stehen. Und die Autorinnen und Autoren kennen sollten.

Grundformen

Ich, personal, allwissend sind die Grundformen.

Personal

Personale Perspektive der dritten Person ist heute die häufigste Form. Aber bei weitem nicht die einzige. Sie erzählt aus der Sicht einer Person, in der Regel des Helden. Alles, was der Held sieht, erlebt, weiß, kann in dieser Perspektive geschildert werden. Alles, was er nicht weiß (zum Beispiel, was der Mörder denkt), bleibt verschlossen. Was durchaus von Vorteil sein kann.

Vorteil: Der Autor hat einen klaren Rahmen . Folgen Sie Ihrem Helden, schweifen Sie nicht ab, lassen Sie die Dinge passieren.

Nachteil: Der Rahmen schließt bestimmte Dinge aus der Geschichte aus.

Eine Spezialform ist multipersonale Perspektive mit mehreren Figuren, dazu später.

Ich

Ein Ich-Erzähler erlebt die Geschichte und erzählt sie dem Leser.

Vorteil:  Wir sind ganz dicht dran an der Figur.

Nachteil: Wir erleben nur den Ich-Erzähler.

Auch hier gibt es Mischformen.

Allwissend

Ein allwissender Erzähler erzählt uns die Geschichte, manchmal wird er auch „auktorialer Erzähler“ genannt. Er darf alles, auch in die Köpfe der unterschiedlichen Figuren schauen und deren Gedanken schildern.

Vorteil: Der allwissende Erzähler weiß alles und darf alles erzählen. Keine Beschränkungen. Der Autor hat die freie Auswahl, was er erzählen will. Er kann ganz nah an die Figuren rangehen oder auch alles aus weiter Distanz schildern.

Nachteil: Vor allem bei Anfängern führt das leicht dazu, dass der Autor nicht nur alles weiß, sondern glaubt, dem Leser auch alles erzählen zu müssen. Und abstrakt erzählt, behauptet, statt anschaulich zu zeigen, zu große Distanz aufbauen.

Perspektiven verlangen Treue

Wenn Sie einmal eine Perspektivform gewählt haben, sollten Sie dabei bleiben. Innerhalb der Szene die Perspektive zu wechseln, um dem Leser etwas zu erklären, geht in aller Regel schief.

Auch wenn Sie eine der zahlreichen Mischformen der Perspektive wählen, sollten Sie diese beibehalten.

Moden

Im 19. Jahrhundert war der allwissende Erzähler beliebt, heute der personale Erzähler. Aber es gab immer auch Autoren, die auf die Mode gepfiffen haben. Karl May hat mal Ich-erzählt, mal allwissend. Auch heute werden alle drei Grundformen benutzt.

Mein Tipp: Wer sich nicht sicher ist, sollte einfach die gleiche Szene in allen drei Perspektiven erzählen. Es gibt keine Perspektive, die besser oder schlechter ist. Aber es gibt Geschichten, die in der einen Perspektive den Leser mehr packen und in der anderen weniger. Deshalb: Probieren geht über Studieren.

Mischformen

Es gibt eine Vielzahl von Mischformen und die werde ich in meinem nächsten Blogbeitrag schildern. Wer wissen will, wie der Ich-Erzähler allwissend wird, was Dr. Watson mit Perspektive zu tun hat und warum Stephen King personal erzählt, aber dann am Schluss manchmal allwissend, der muss die Fortsetzung lesen.

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Er fühlte, dass er ahnte, was er denken würde

Kommissar Umständlich sah, dass der Killer seine Pistole zog. Er ahnte, dass er schießen würde. Er hörte den Knall des Schusses. Er spürte, wie die Kugel ihn ins Herz traf. Er dachte, das ist das Ende und fühlte, dass er das bedauerte.

Solche Texte erhalte ich immer wieder. Okay, ich gebe zu, dieses Beispiel ist übertrieben. Nichtsdestotrotz betonen viele Autoren, wer etwas sieht, fühlt, hört, denkt, statt einfach zu konstatieren:

Der Killer zog seine Pistole und schoss. Die Kugel riss Kommissar Umständlich zu Boden. Weil er sich darauf konzentriert hatte, was er sah, ahnte, hörte, statt sich in Deckung zu werfen.

Wenn Sie aus der Sicht einer Figur schreiben, müssen Sie nicht jedesmal betonen, dass sie etwas sieht, wenn etwas auftaucht. Denn wer, bitteschön, sollte sonst die Pistole sehen? Der liebe Gott?

Ritter Langsam sah, dass hinter dem Wald ein Bauernhaus stand. Er hörte Pferde wiehern, Hühner gackern und fühlte plötzlich Regen, der, so dachte er, gerade eingesetzt haben musste …

Da wird die Betonung darauf gelegt, dass der Ritter sieht, hört, fühlt, denkt. Nicht auf das, was er sieht: Das Bauernhaus. Obendrein verlassen Sie die Perspektive Ihrer Figur. Die denkt nämlich garantiert nicht: Ich sehe, dass da hinten ein Bauernhaus steht. Sondern weniger kompliziert: Dahinten steht ein Bauernhaus.

Besser, kürzer und weniger langsam:

Hinter dem Wald stand ein Bauernhaus. Pferde wieherten, Hühner gackerten und dann setzte der Regen ein.

Dass der Ritter das sieht, hört, fühlt, davon wird der Leser nämlich ausgehen. Es sei denn, wir haben einen blinden und tauben Ritter vor uns.

Natürlich kommt es auf die Dosis an. Einmal: »Er sah …« auf zehn Seiten wird niemand stören. Zehnmal auf einer Seite aber schon.

Wie immer gibt es Ausnahmen. Plötzlich sah er das Bauernhaus, da sollte man das »sah« nicht streichen – denn hier ist es wichtig, weil der Ritter es bisher übersehen hat.

Das gilt generell. Selbstverständliches müssen Sie nicht erwähnen. Ungewöhnliches aber schon. Und die Hauptsache gehört in den Hauptsatz. Wenn das nicht das Sehen, Hören, Fühlen ist, dann streichen Sie das.

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