Überarbeitung und Lektorat: Pitch

Ich habe schon lange nicht mehr mitgezählt, wie viele Manuskripte, Exposés, Klappentexte und erste vier Seiten ich zur Überarbeitung erhalten habe. Alle hatten eins gemeinsam: Der Text stand schon, es ging darum, das Beste aus ihm herauszuholen. Und nichts anderes ist die Aufgabe einer Überarbeitung oder eines Lektorats.
Hier möchte ich in lockerer Folge erzählen, was ich über die Überarbeitung gelernt habe.

Der Pitch: Ein ganzer Roman in einem Satz

Fangen wir mit dem schwierigsten an, dem Pitch.

Der Pitch ist die dunkelste Stunde für viele Autorinnen und Autoren. 400 oder mehr Seiten haben Sie geschrieben, eine Fülle von Szenen, Infos, Personen. Und jetzt ein Satz, der das alles zusammenfasst? Kommerz, nichts als Kommerz verlangt so eine verabscheuenswürdige Maßnahme!
Nein. Der Pitch ist wichtig für die Überarbeitung.

Was ist überhaupt ein Pitch? Ein Pitch beschreibt ein Buch in einem Satz: https://hproentgen.wordpress.com/2018/02/09/sieben-pitchtypen-fuer-autoren/

In diesem Beitrag möchte ich schildern, wie er Ihnen bei der Überarbeitung helfen kann.

Der Pitch als Kompass

Und wieso ist der Pitch für die Überarbeitung wichtig? Weil er Ihnen ein Ziel vorgibt.

Worum geht es in dem Buch? Wenn Sie das wissen, können Sie die Überarbeitung leichter vollenden. Denn damit haben Sie ein Kriterium dafür, worum es geht. Und das erlaubt es Ihnen, Ihre Texte zu beurteilen.

Sie benötigen keinen perfekten Pitch für die Überarbeitung. Den brauchen Sie später, um Verlagslektorinnen oder Leser zu überzeugen. Dafür ist der Rohpitch eine gute Grundlage. Das muss kein Werbespruch sein, der funkelt, Aufmerksamkeit erregt. Das darf ruhig ein abgegriffener Kompass sein, wichtig ist, dass er eine Richtung vorgibt: Ein grober Kompasspitch reicht.

Die Hollywoodformel

In Hollywood werden schon seit Jahrzehnten Aufreißer für Filme geschrieben. Dabei hat sich die Hollywood-Formel bewährt, mit der man einen groben Text zum Film erstellen kann. Diese Vorgehensweise eignet sich auch für Bücher.

Fünf Elemente finden sich in jeder Geschichte:

Es gibt einen Helden (1), der sich in einer Situation (2) wiederfindet, aus der er sich befreien will, indem er versucht, ein Ziel (3) zu erreichen. Es gibt einen Antagonisten (4), der ihn aufhalten will. Ist er erfolgreich, endet es für den Helden in einer Katastrophe (5).

Daraus erstellen Sie eine kurze Inhaltsangabe mit den fünf Elementen.

Wie sähe das bei Hänsel und Gretel aus? 

Hänsel und Gretel (die Helden) werden im Wald ausgesetzt (die Situation, aus der sie sich befreien müssen) und wollen zurück nach Hause (Ziel). Sie stoßen auf eine Hexe (Antagonistin), die eine Menschenfresserin ist und Hänsel einsperren und braten will (Katastrophe).

Das wäre eine Rohfassung der Hollywoodformel für Hänsel und Gretel und eignet sich gleichzeitig als Kompasspitch. Sie sehen, diese Rohfassung darf erst mal ein langer Satz sein – anders als der Werbepitch, mit dem Sie später Jagd auf Leser, Lektorinnen und Rezensentinnen machen.

Übung

Greifen Sie sich eines Ihrer Lieblingsbücher aus dem Bücherregal1201464322 , und formulieren Sie mit der Hollywoodformel einen Kompasspitch.
Dann wählen Sie eins Ihrer Projekte aus und formulieren dafür ebenfalls einen Kompasspitch mit der Hollywoodformel.

Der Konflikt

Ich habe vermutlich schon hundertmal die Formel der alten Theaterleute gepostet: Es gibt drei Kriterien dafür, ob ein Theaterstück ein Erfolg wird:
1. Konflikt
2. Konflikt
3. Konflikt

Und Konflikt gibt es bei Hänsel und Gretel genügend. Sie werden im Wald ausgesetzt und drohen zu verhungern. Dann finden sie zwar etwas zu essen, aber das soll Hänsel fett machen, damit die Hexe ihn braten und essen kann.

Doch so einfach ist das mit den Konflikten für Autorinnen und Autoren nicht. Auf Buchmessen gab (und gibt es hoffentlich bald wieder) die Möglichkeit, sein Buchprojekt in fünf Minuten Experten vorzustellen. Meine Erfahrung: 90 % der Autorinnen kennen die Hollywoodformel nicht und auch nicht den Grundkonflikt ihres Werkes. Natürlich gibt es in jedem Projekt eine Fülle von Konflikten. Doch einer davon sollte zentral sein: der Grundkonflikt.

Durch geschicktes Fragen lässt er sich herausfinden. Setzen Sie sich mit einem Freund zusammen, schildern Sie ihm, was Sie bereits dank der Hollywoodformel entwickelt haben, und bitten Sie ihn, Sie mit Fragen zu löchern, bis Sie einen Grundkonflikt entwickelt haben. Wenn Sie eine Lektorin oder einen Lektor haben, haben Sie dafür schon einen idealen Sparringpartner.

Übung

Formulieren Sie wie vorher für eines Ihrer Lieblingsbücher den Grundkonflikt. Und dann für eines Ihrer eigenen Projekte.

Der Werbepitch

Und wie sieht der Pitch aus, den Sie für die Werbung benutzen können? Um Verlagslektoren und Leserinnen zu überzeugen? Da muss man aus der Hollywood Formel einen flotten Werbespruch machen,.

Wie das geht, das erzähle ich Ihnen hier:

Literaturliste

– How to Write a Novel Using the Snowflake Method, Randy Ingermanson, CreateSpace Independent Publishing Platform (englisch)
– Drei Seiten für ein Exposé, Hans Peter Roentgen, Sieben Verlag
– Klappentext, Pitch und anderes Getier, Hans Peter Roentgen, März 2018

– Die Literaturagentin Petra Hermanns über Pitchen:
http://www.literaturcafe.de/narrativa-literaturagentin-petra-hermanns-ueber-den-perfekten-pitch/ – -1http://www.literaturcafe.de/narrativa-literaturagentin-petra-hermanns-ueber-den-perfekten-pitch/
Die Schreiblehrerin Jurenka Jurk:
http://schreiben-und-leben.de/der-pitch-roman – -1http://schreiben-und-leben.de/der-pitch-roman
Marcus Johanus von den Schreibdilettanten:
https://marcusjohanus.wordpress.com/2013/03/02/pitching-fur-anfanger-und-fortgeschrittene-wie-du-deinen-roman-in-einem-satz-zusammenfasst/
Was ist ein Pitch?:
https://hproentgen.wordpress.com/2018/02/09/sieben-pitchtypen-fuer-autoren/
Wie finden Sie einen Werbepitch?:
https://hproentgen.wordpress.com/2016/11/15/der-pitch/
Paul Boross über Pitchen in der Wirtschaft:
http://www.wiwo.de/my/erfolg/gruender/praesentationen-achten-sie-auf-die-augenbrauen/20325574.html?ticket=ST-1649532-R2bWQ7G56DSEgZF7366b-ap3
Pitchen im Filmgeschäft (englisch):
http://storymerchant.com/hiconceptloglinez.html

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Überarbeitung und Lektorat: Pitch

Passiv, Nominalstil und das Gendern

Mittlerweise wissen wir, , welche Stilmittel die Sprache steif, schwerverständlich und unlebendig machen kann.

Das Passiv

Das Passiv hat einen schlechten Ruf. Sätze im Passiv wirken eben passiv und sind schwerer verständlich: „Die Straße wurde von Wasser überflutet.“

Einfacher und lebendiger: „Wasser überflutete die Straße.“

Der Bestsellerautor Andreas Eschbach hat in seiner 10-Punkte-Text-Überwachung Tipps für gutes Schreiben genannt. Über das Passiv findet sich dort:

„Prüfen Sie, ob Sie nicht besser die Aktivform verwenden. Die meisten Passivkonstruktionen unterlaufen einem beim Schreiben aus Versehen, und wenn man genau hinschaut, merkt man, dass der Satz im Aktiv besser wirkt.“

In der deutschen Bürokratie liebt man dagegen das Passiv, an Hochschulen und in wissenschaftlichen Arbeiten auch. Es klingt gelehrter, unverständlicher und nach Obrigkeitsstaat.

Meine Nichte hat ein zweisprachiges Universitätsstudium absolviert, und ihre deutschen Arbeiten enthielten sehr viel mehr Passivkonstruktionen als die englischen. Einfach, weil im angloamerikanischen Raum Verständlichkeit auch an Unis sehr viel mehr als in Deutschland geschätzt wird.

Stephen King sagt in „Das Leben und das Schreiben“: „Bei einem passiven Verb wird etwas mit dem Subjekt gemacht. Das Subjekt lässt etwas über sich ergehen. Das Passiv sollten Sie meiden.“ Und er fragt, ob es wirklich besser ist, zu schreiben: „Mein erster Kuss wurde mir von Shayna gegeben, wofür sie von mir geliebt wurde“ (S. 138/139).

Ihr Auto muss nicht von Ihnen eingeparkt werden (Beamtendeutsch), parken Sie Ihr Auto in Ihren Texten einfach ein. Und lassen Sie Ihr Kind nicht beschult werden, es kann einfacher und verständlicher zur Schule gehen.

Nominalstil

Verben heißen im Deutschen Tätigkeitswörter, weil sie Handlungen beschreiben. Und mit Verben gestalten Sie Ihre Texte lebendig.

Nichts hasst jedoch das Beamtendeutsch mehr als Lebendigkeit. Folglich verwendet es keine Verben, sondern bevorzugt die Verwendung substantivierter Verben oder Partizipialkonstruktionen:

„Die Fürsorge umfasst den lebenden Menschen einschließlich der Abwicklung des gelebt habenden Menschen.“ (Vorschrift Kriegsgräberfürsorge)

Und natürlich gibt es dort keine Schülerinnen und Schüler, sondern zu Beschulende.

Verständliche Sprache

Eigentlich ist es seit langem bekannt, dass Passivkonstruktionen, Nominalstil und Partizipialkonstruktionen nicht der Verständlichkeit dienen. Seit vielen Jahren wissen wir, was verständliche Sprache auszeichnet. Und die Diskussionen um einfache und leichte Sprache bestätigt das. Wenn Inklusion gewünscht wird, ist Beamtendeutsch der jetzt doch gewünschten Verständlichkeit in Hinsicht auf Teilhabung aller, die Texte empfangen müssen, ein bisschen hinderlich. — Sorry für diesen Satz in Beamtendeutsch.

Abstrakt, nicht konkret

Und um was handelt es sich bei den Wörtern auf „-ung, -keit, -schaft, -kraft“? Ja, sie sind geschlechtsneutral. Aber auch allgemein, unanschaulich. Die Umschulung der Lehrerschaft auf Genderkraft und Geschlechtsachtsamkeit wird von der Frauenbeauftragtenschaft in Empfehlungen als Notwendigkeit vorgeschlagen.

Mit solchen Wörtern kann man jede Freude an Sprache töten und verhindern, dass Nicht-Beamtendeutsche den Text verstehen. Will das jemand?

Die Einführung des Beamtendeutschs in Baden-Württemberg

Offenbar. Die baden-württembergischen Frauenbeauftragten planen jetzt Richtlinien für die sprachliche Gleichstellung der Geschlechter. So weit, so gut.

Doch gut gemeint ist lange noch nicht gut gemacht. Natürlich sind die Richtlinien nicht bindend, das würde sofort jedes Gericht bestätigen. Aber jeder weiß, dass man sie befolgen sollte, will man eine bessere Note als „Ausreichend“ erhalten. Und jeder, der in Wissenschaft oder Staat Karriere machen will, tut gut daran, sich daran zu halten. Zumindest in offiziellen Texten.

Was wird nun im Einzelnen gefordert?

Statt dem langen Papier hätten sie auch schreiben können: Wir wollen mehr Bürokratie wagen.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht

Das generische Maskulinum ist sicher nicht die genialste Erfindung der deutschen Sprache. Beamtendeutsch ist es aber auch nicht.

Dabei muss man sich gar nicht an Nominalstil und Passiv orientieren. Im Schwedischen gibt es „hen“, ein Fürwort wie „sie“ oder „er“, nur dass es kein Geschlecht bezeichnet. In mehreren Romanen, zum Beispiel „Wasteland“, wird „ser“ als Fürwort für nichtbinäre Personen verwendet.

Natürlich ändert sich Sprache. Aber in Richtung einfacherer Formulierungen und vor allem anschaulicherer. All die substantivierten Verben, die unanschaulichen Begriffe auf „-keit, -ung, -kraft“ sind dem Obrigkeitsstaat vorbehalten und haben noch nie Einzug in die Alltagssprache gehalten. Außer als Witz.

Diese Form des Genderns wird wohl nur in staatlichen Verlautbarungen u. Ä. Einzug halten. Schon jetzt zeigt sich, dass die Mehrheit der Bevölkerung sie nicht nachvollziehen kann oder will. Und soll man nicht die Menschen so anreden, wie sie angeredet werden wollen? Die Mehrheit der Frauen möchte nicht so angeredet werden, wie ihr sie anredet. Jedenfalls sagen das die Umfragen.

Bitte, bitte, überlegt euch praktikablere, lebendigere Formulierungen, die auch Nicht-Juristinnen verstehen und anwenden können, wenn ihr erreichen wollt, dass Frauen und andere mehr berücksichtigt werden. Und berücksichtigt sie aktiv statt passiv als Opfer.

Und liebe Autorinnen und Autoren, befolgt die Ratschläge von Andreas Eschbach und Stephen King, schreibt aktiv. Und nicht, wie es diese Empfehlungen durchsetzen wollen.

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Passiv, Nominalstil und das Gendern

Personen und Diversity recherchieren

„Sensitivity-Writing“ ist das neue Schlagwort. In Romanen tauchen fast immer weiße Personen aus dem Bildungsbürgertum auf. Sonderlich verwunderlich ist das nicht, die meisten Autorinnen und Autoren stammen aus dieser Gruppe und kennen sich dort aus. Schon Frauen aus dieser Gruppe sind in Romanen und Filmen seltener als Männer, geschweige denn Angehörige von Minderheiten.

Und wenn Personen aus anderen Gruppen die Buchseiten bevölkern, dann tun sie es oft als Klischees, als Marionetten. Der Deutschtürke, der seine Schwester ehrenmordet, die Hure mit dem goldenen Herzen, der Polizist mit rechtsradikalen Foren-Beiträgen, der Kripokommissar, der ein Alkoholproblem hat und bindungsunfähig ist, der Schwarze, der Drogen dealt, etc. pp.

Doch es gibt nicht erst seit gestern sehr viel mehr Menschen in Deutschland, sehr viel mehr Gruppen und sehr unterschiedliche Meinungen in diesen Gruppen. Autoren, die sich auf Klischees beschränken, lassen sich viele Möglichkeiten entgehen, ihre Geschichten mit Leben zu erfüllen.

Schwarz-Weiß-Malerei ist nicht spannend.

Doch wie bekommen Sie neue Ideen, eine anschauliche Wahrnehmung von Gruppen, zu denen Sie normalerweise keinen Kontakt haben?

Beobachten Sie Menschen. Was arbeiten sie, wie arbeiten sie? Gehen Sie mit offenen Augen durch die Stadt. Sie werden immer wieder neue Entdeckungen machen.

Fragen Sie Menschen

Menschen reden gerne über ihre Situation. Sie erfahren eine Menge, was Ihre Texte nicht nur diverser macht, sondern auch spannender.

Beratung durch Interessengruppen

Viele Interessenvertretungen kann man anfragen, vielleicht ein Interview oder einen Tag mit den Menschen bekommen. Eine Kollegin von mir hat sich bei der Bundeswehr mal eine Führung durch eine Kaserne geben lassen. Sie hat einfach dort angerufen. Und der Kommandant der Raumstation wurde dadurch richtig lebendig. Nicht mehr ein Stinkstiefel wie in vielen deutschen Romanen und auch kein strahlender Held wie in vielen amerikanischen, sondern ein lebendiger Mensch. Die Geschichte wurde dadurch sehr viel spannender.

Mittlerweile gibt es auch Foren und Gruppen, die Sensitivity-Reading anbieten, die Manuskripte lesen und die Autoren auf Fehler, Vorurteile und Probleme hinweisen.

Facebook & Co

Egal, ob gebildete Marokkaner, Kripobeamtinnen oder Hacker, sie alle haben Facebookgruppen. Und dort erfährt man eine Menge.

Nehmen Sie Menschen ernst

Sie werden bald entdecken, wie viele unterschiedliche Menschen es in Deutschland gibt. Nicht nur bezüglich der Hautfarbe, auch bezüglich sozialer Herkunft, sozialer Schicht, Herkunft der Eltern und, und, und.

Der lateinamerikanische Student, der ein Fan der deutschen Sturm-und-Drang-Zeit ist und nach Deutschland zum Studium kommt. Voller Erwartung, dass seine Mitstudenten diese Sturm-und-Drang-Zeit lieben und kennen. Und entdecken muss, dass die meisten keine Ahnung davon haben.

Der alte Türke, der nach Deutschland kommt, weil seine Kinder und Enkel hier leben, der aber nicht die Hände in den Schoß legen will, seine uralte riesige Nähmaschine mitbringt und sich einen kleinen Laden mietet, um weiter zu schneidern, obwohl er längst im Pensionsalter ist. Aber man muss was zu tun haben, sagte er mir.

Nicht alle haben die gleiche Meinung

Ich erlebe es oft, dass weiße Deutsche aus dem Bildungsbürgertums fest davon überzeugt sind, zu wissen, was Angehörige anderer Gruppen fühlen und denken. Was sie verletzt. Aber so wie indigene Deutsche nicht alle die gleiche Meinung haben, so gilt das auch für Minderheiten.

Oft sprechen indigene Deutsche von Islamophobie, sobald jemand Kritik an konservativen Islamisten übt. Sorry, sage ich. Suchen Sie im Internet mal Diskussionsgruppen von Muslimen. Sie werden feststellen, dass diese ganz unterschiedliche Meinungen haben bezüglich des Islam. Vom ultraharten Islamisten, den Frauen ohne Schleier beleidigen, über den liberalen Muslim, der nur lacht, wenn man ihn fragt, ob er seine Tochter verheiraten würde, bis hin zu Atheisten, die einen Hass auf Koran und Islam haben.

Daneben gibt es natürlich auch andere gängige Klischees und Vorurteile. Die Millionärsgattin hat Depressionen und nimmt Valium. Der Deutschtürke hat die Schule nicht geschafft. Seine Tochter hat er zwangsverheiratet. Der Kripobeamte ist Single und psychisch defekt.

Wir Angehörigen des deutschen Bildungsbürgertums haben oft ein festes Bild von Gruppen, die wir nicht kennen. Alle sind gleich, alle meinen das Gleiche. Kein Wunder, wenn dann in den Büchern immer nur Stereotype auftreten.

Nicht-Diabetiker nennen Diabetiker oft „Menschen mit Diabetes“ und glauben, dass sie diese besonders einfühlsam benennen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich hasse das, wenn Nichtdiabetiker besser zu wissen glauben, wie Diabetiker angesprochen werden wollen. Die meisten hassen wie ich den Begriff „Mensch mit Diabetes“ und fühlen sich verarscht. Gleiches gilt auch für Autistinnen, wie ich erfahren habe. Natürlich gibt es auch einige, die diese Begriffe verwenden, sie sind aber in der Minderheit. Wie gesagt, nicht alle Angehörige einer Minderheit sind gleich, denken das Gleiche, leben auf die gleiche Art und Weise.

Diversität bietet Konflikte und unterschiedliche Perspektiven

Jeder kennt den Tatort aus Münster. Mit dem arroganten Professor und dem prolligen Kommissar. Sehr schematisch, kein Zweifel, die wenigsten Professoren werden nur Wein trinken und Golf spielen, die wenigsten Prolls nur Bier trinken und als Couchpotato nur Fußball gucken.

Aber schon in diesem Fall resultiert Spannung und Witz aus der unterschiedlichen Weltsicht und dem unterschiedlichen Lebensstil.

Sehr viel ernster handelt das der Oscargewinner „The Green Book“ ab. Ein erfolgreicher afroamerikanischer Musiker aus New York will Anfang der Sechziger eine Tour durch die Südstaaten machen. Damals war dort noch die Rassentrennung üblich. Er engagiert einen italoamerikanischen Rausschmeißer aus einem Nachtclub als Fahrer. Hier prallen gleich verschiedene Gegensätze aufeinander. Der gebildete Afroamerikaner, Angehöriger der Intelligenz der Ostküste, der eher prollige Italoamerikaner, heute würde man ihn „bildungsfern“ nennen. Unterschiede in Bildung, Unterschiede in der Hautfarbe — und dann noch eine Reise durch eine Gegend mit strikter Rassentrennung. Ich kann den Film nur jedem empfehlen.

Diverse Meinungen

Meinungsfreiheit hat einen großen Vorteil und ist deshalb ein Erfolgsmodell. Weil unterschiedliche Menschen ihre unterschiedlichen Meinungen und Sichtweisen einbringen. Weil damit Einseitigkeit vermieden wird. Auch in der Tierwelt ist die Entwicklung von Individuen ein großer Fortschritt für die Tiere gewesen. Selbst in früheren Zeiten gab man den Fürsten den Rat: Suche dir Ratgeber mit unterschiedlichen Meinungen. Leider haben sich die meisten nicht daran gehalten.

Ein ganz einfaches Beispiel, das ein Botanikprofessor mal erzählt hat. Er traf auf einer Konferenz einen Manager einer Chemiefirma, der ihm berichtete, dass die Chemiker der Firma schon viele Millionen ausgegeben hatten, um herauszufinden, warum Unkrautvernichter das Unkraut angreifen, nicht aber das Getreide. Da müsse es doch einen chemischen Unterschied zwischen beiden geben.

„Das kann ich Ihnen sagen“, sagte der Botaniker. „Getreide sind Einkeimblättrige. Die meisten Unkräuter Zweikeimblättrige. Und daraus folgt …“ Und er konnte das Rätsel lösen.

Menschen sind oft der Weltsicht ihrer Gruppe verhaftet. In sozialen Netzwerken bilden sie schnell Filterblasen. Und nehmen nur noch wahr, was ihre Gruppe wahrnimmt. Firmen mit Führungskräften aus unterschiedlichen Gruppen sind deshalb erfolgreicher.

Als Metro Goldwyn Mayer „Quo Vadis“ verfilmte, suchten sie einen Schauspieler für den Kaiser Nero. Peter Ustinov bewarb sich. Er sei zu jung, glaubte die Filmgesellschaft. „Bald werde ich zu alt sein“, erwiderte Ustinov und die erstaunten Filmleute mussten erkennen, dass sie zwar viel Geld für Recherche ausgegeben hatten, aber einfach davon ausgegangen waren, dass Nero ein alter, weißer Mann gewesen sei – doch das stimmte nicht.

Moral und bessere Texte

Oft wird moralisch argumentiert, Autoren MÜSSTEN diverser schreiben, das sei für Minderheiten wichtig. Sie werden gemerkt haben, dass ich kaum auf Moral eingegangen bin. Auch wenn es sicher richtig ist, dass wir heute in einer sehr diversen Gesellschaft leben und es nur gut ist, wenn Romane das widerspiegeln.

Ich halte es für wichtiger, zu betonen, dass Texte besser werden, wenn Sie sich um mehr Diversität bemühen, Klischees vermeiden. Dann werden Sie auch Verletzungen von Minderheiten vermeiden. Wenn Sie während des Schreibens hingegen nur noch daran denken, niemanden zu verletzen, können schnell blasse, inhaltsleere Romane entstehen. Wer nichts tut, macht nichts falsch. Wer nicht schreibt, ebenfalls.

Aber was wäre, wenn Harriet Becher-Stowe „Onkel Toms Hütte“ nicht geschrieben hätte, aus Angst, Afroamerikaner zu verletzen? Sie hätte die Verletzungen durch die Sklaverei den weißen Amerikanern nicht nahe gebracht.

Was wäre gewesen, wenn der deutsche Afrikaforscher Nachtigall nicht den Horror der Sklavenjagden im Inneren Afrikas beschrieben hätte, aus Angst, Schwarze zu verletzen? Die meisten weißen Europäer hätten nichts davon erfahren, denn die Sklaven konnten diesen Horror nicht schriftlich festhalten.

Mir scheint es wichtiger, Menschen wahrzunehmen, als verzweifelt darauf zu achten, dass man niemanden verletzt. Marius Jung hat in „Singen können die alle“ beschrieben, wie es ihn als schwarzen Deutschen oft nervt, wenn Gesprächspartner nicht normal mit ihm reden, sondern herumstottern, in dem Bemühen, ja keine falschen Worte zu verwenden.

Habt Mut

Liebe Autorinnen und Autoren, habt also den Mut, die Vielfalt in Deutschland wahrzunehmen und in Romanen zu schildern. Sowohl die Vielfalt der Deutschen wie die Vielfalt der Meinungen. Und lasst das die Leserinnen und Leser auch in euren Romanen erleben.

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Personen und Diversity recherchieren

Infodump revisited

„Informationen im Roman sind notwendig, Leser finden das toll!“, diese Meinung habe ich öfter gehört.

Sie ist richtig. Und falsch zugleich. Wenn es zu viele oder die falschen Informationen sind oder sie falsch erzählt werden, produzieren wir einen Infodump. Nicht jede Info in einem Roman ist aber ein Infodump.

Was unterscheidet also Infos im Roman von den berüchtigten Infodumps, die Leserinnen und Leser abschrecken? Schauen wir uns zwei Beispiele an, wie erfolgreiche Autoren Infos vermitteln.

Der Hochsitz

Warte auf mich!“

Ulrike ist weit hinter mir. Kurz umgucken, den Lenker auf Spur halten, aber sie ist nicht zu sehen.

Warum muss sie auch immer so langsam fahren? Wenn man am Berg erst einmal einen bestimmten Rhythmus gefunden hat, dann muss man den durchhalten. Da kann man nicht einfach mal Tempo rausnehmen. Das weiß sie doch. Ich habe es ihr gesagt.

Ich seh dich nicht mehr!“, ruft Ulrike jetzt.

Wenn sie nicht so viel schreien würde, hätte sie mehr Kraft, um ihr blödes Mädchenrad zu bewegen. In Rosa. Aber sie hat auch nicht so viel Schwein gehabt wie ich.

Da oben ist die Abzweigung schon.

Es wird noch einmal kurz steiler. Doch mit dem Bonanzarad ist das zu schaffen. Ich passiere das Kreuz am Straßenrand. Es ist voriges Jahr für den Sohn von Herrn Sang aus Ferschweiler aufgestellt worden. Ich kannte Herrn Sang nicht, aber wegen dem Unfall, bei dem sich der Sohn mit dem Auto überschlagen hat, ist viel über ihn geredet worden. Er war in der CDU, wie Papa auch, und hat sich kurz nach dem Tod seines Sohnes aufgehängt. Das habe ich auch nur erfahren, weil ich manchmal ganz genau hinhöre, wenn die Erwachsenen reden. Solche Sachen erzählen sie uns Kindern sonst nicht.

Ein Motor ist zu hören und wird lauter. Das Auto kommt von hinten angebraust, ist ganz schön nah beim Überholen und schon wieder weit weg. Noch ein paar Tritte, und ich bin am Weg angekommen. Einmal ganz genau nach hinten gucken, und dann nach links über die Straße rüber. Mit dem letzten Schwung auf den Weg rauf, noch einmal kurz im ersten Gang durchtreten, Hinterbremse drücken, Lenker rumreißen und schön die Wolke machen. Dann rolle ich zurück zur Teerstraße und verstecke mich hinter einem Busch. Ein kleiner Laster tuckert hinunter, und als er an der nächsten Kurve verschwunden ist, kann ich Ulrike sehen. Sie ist natürlich wieder abgestiegen.

Sanne!“, ruft sie. Kein Grund, mich zu zeigen.

Wieder: „Sanne!“ Drei Wochen seit dem elften Geburtstag. Und ich weiß schon, was ich für ein Glück habe. Sie hätten mir alles Mögliche schenken können. Aber ich habe so lange genervt, dass selbst meine Eltern eingesehen haben, dass es keine Alternative zum Bonanzarad gab. Na gut. Kurz raus hinter dem Busch. Ulrike zuwinken. Sie winkt zurück und wird gleich noch langsamer.

Max Annas, Der Hochsitz, Rowohlt, 2021,
Leseprobe:
https://www.book2look.com/book/9783498002084

Ein elfjähriges Mädchen erzählt uns, wie sie eine Steigung hochfährt. Und die Sprache verrät es uns auch, hier spricht die Erzählstimme eines Kindes. Einfache, knappe Sprache, viel Handlung, dazu Dinge, die einem Kind während der Erzählung einfallen.

Nötige Infos

Empfinden Sie das als Infodump? Ich nicht. Aber warum nicht? In dem Text stecken doch eine Menge Informationen!

  • Die Erzählerin hat ein Bonanzarad
  • Die Freundin fährt ihr zu langsam
  • Man muss am Berg den Rhythmus finden und durchhalten
  • Sie ist gerade elf geworden und hat das Rad zum Geburtstag bekommen
  • Mit dem Bonanzarad kann sie leichter fahren

Infodump

Warum ist es dann kein Infodump?

  • Weil der Text nicht einfach Tatsachen aufzählt, sondern sie in eine Handlung einbaut
  • Weil die Erzählstimme des Mädchens durchgehalten wird, wir uns die ganze Zeit im Kopf und in den Gedanken des Mädchens befinden
  • Weil es konkret bleibt, „Show, don’t tell“ nennt man das
  • Weil die Handlung aktiv erzählt wird
  • Weil nicht beliebig viele Informationen erzählt werden
  • Weil mit jeder neuen Info neue Fragen aufgeworfen werden

Die Infodump-Variante

Kann man den gleichen Text in einen Infodump verwandeln? Versuchen wir es mal:

Ulrike ist nicht schnell, das weiß ich, seit vielen Jahren wird bei unseren Fahrradfahrten von ihr das Tempo nicht gehalten. Ich soll auf sie warten, wird mir von ihr nachgerufen, womit sie das Problem des Langsamer-Fahrens vergrößert, denn bei sportlichen Betätigungen ist es nach anerkannter Meinung aller Fachleute wichtig, den Atem nicht für Tätigkeiten, die die Betätigung hindern, zu vergeuden, sondern für die eigentliche Betätigung, die wichtiger ist, aufzusparen. Diese Erkenntnis habe ich ihr in der Vergangenheit vielfach vorgetragen, doch sie hat sie nie internalisiert.

Inhaltlich besteht hier kein Unterschied, doch bei Texten kommt es immer auf das Wie an.

Erzählstimme und aktiv erzählen

Hier erzählt ganz klar kein Kind die Geschichte, sondern der Autor, dessen Erzählstimme nicht zu der eines Kindes passt. Obendrein wird passiv, statisch erzählt, und eine Menge völlig unwichtiger Details werden aufgeführt.

Ach ja, noch etwas ganz Wichtiges: Alle Einzelheiten in der Originalerzählung haben später in dem Roman eine Bedeutung. Der russische Schriftsteller Anton Tschechow sagte dazu: „Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben.“

Infos, die keine Bedeutung in der Geschichte haben, sollte man streichen.

Aufgabe

Nehmen Sie einige Bücher aus Ihrem Regal, möglichst Ihre Lieblingsbücher. Lesen Sie die ersten vier Seiten, schreiben Sie auf, welche Informationen dort vermittelt werden. Und stellen Sie mit Tschechow fest, was damit im Laufe der Geschichte geschieht.

Beispiel 2: Palast der Winde

Ashton Hilary Akbar Pelham-Martyn wurde in einem Zeltlager unweit eines Passes im Himalaja geboren und kurz darauf in einem zusammenlegbaren Wassersack aus Segeltuch getauft. Sein erster Schrei wetteiferte kühn mit dem Gebrüll eines Leoparden, der sich etwas weiter unten am Hang befinden musste, und sein erster Atemzug füllte die Lungen mit der eisigen Luft, die von den hohen Gipfeln blies und den Dunst der Ölfunzel, den Geruch nach Blut und Schweiß und den durchdringenden Gestank der Tragtiere mit dem frischen Duft von Schnee und aromatischen Kiefernnadeln mischte. Als der eisige Windstoß den nachlässig verschnürten Zelteingang aufriss und die Flamme der verrußten Ölfunzel heftig zu flackern begann, hörte Isobel das lebenslustige Krähen ihres Sohnes und sagte matt: „Wie ein Siebenmonatskind schreit er eigentlich nicht, oder? Ich muss mich wohl … muss mich wohl verrechnet haben …“

So war es denn auch, und dieser Rechenfehler kam Isobel teuer zu stehen. (Schließlich muss bei weitem nicht jeder gleich mit dem Leben für eine solche Nachlässigkeit bezahlen.) Zu ihrer Zeit – es war die von Königin Viktoria und Prinzgemahl Albert – galt Isobel Ashton als eine empörend unbürgerliche junge Frau, und als sie – Waise, ledig und in der offen bekundeten Absicht, ihrem unverheirateten Bruder den Haushalt zu führen – im Jahr der Weltausstellung an der nordwestlichen Grenze Indiens in der Garnison Peshawar eintraf, wurden nicht nur viele Augenbrauen missbilligend hochgezogen, es fielen auch abschätzige Bemerkungen. Der Bruder William war übrigens erst kürzlich zur Heeresabteilung der Kundschafter versetzt worden. Als Isobel dann ein Jahr später Hilary Pelham-Martyn heiratete, einen auf seinem Gebiet berühmten Sprachwissenschaftler, Ethnologen und Botaniker, und mit ihm eine offenbar unbegrenzt lange, gemächliche Forschungsreise ins Vorgebirge von Hindustan antrat, ohne festen Reiseplan und ganz ohne weibliche Bedienung, da wurden die Brauen neuerlich hochgezogen, diesmal eher noch indignierter.

Kaye, Mary M.: Palast der Winde, Fischer Klassik Plus (German Edition), Fischer E-Books. Kindle-Version

Der allwissende Erzähler ist kein Infodump

Hier gibt es einen allwissenden Erzähler, der alles über Handlung und Personen weiß. Und uns in einem ganz anderen Stil eine Menge Informationen vermittelt.

  • Wir befinden uns an der nordwestlichen Grenze Indiens
  • Die Handlung spielt im viktorianischen Zeitalter
  • Der Bruder dient im Militär bei den Kundschaftern
  • Isobel ist unverheiratet
  • Es gibt kein elektrisches Licht, sondern eine Ölfunzel

Und auch hier kann jeder noch eine ganze Menge weiterer Infos aus dem Text herauslesen. Der Stil ist langsam, ausführlich, langweilt trotzdem nicht. Auch hier wegen den lebendigen Details (show, don‘t tell), weil aktiv erzählt wird, die Infos nicht mit dem erhobenen Zeigefinger dargeboten werden, sondern in die Handlung eingebunden sind und nur Infos auftauchen, die zu der Handlung passen.

Auch hier ist das wichtig: Sobald Infos im Text stehen, die mit der Geschichte nicht zusammenhängen, erhalten wir einen Infodump. Und in der Regel wird dann auch der Stil plappernd.

Infodump Palast der Winde

Würde die Erzählung als Infodump erzählt, sähe sie ganz anders aus. Vielleicht so:

Als England von Königin Viktoria regiert wurde, zu deren Reich auch Indien und das heutige Pakistan gehörten, wurde Ashton Hilary Akbar Pelham-Martyn in der Grenzregion zwischen Indien und Afghanistan geboren. Kurz darauf wurde er mit Wasser getauft. Am 1. Mai 1876 nahm Königin Victoria gemäß dem Royal Titles Act den Titel „Kaiserin von Indien“ an – die Proklamation erfolgte am 1. Januar 1877 in Delhi.

Ein wildes Tier schrie, als Ashton Hilary Akbar Pelham-Martyn seinen ersten Schrei ausstieß, der sehr kräftig klang, obwohl die Mutter gedacht hatte, er wäre ein Siebenmonatskind gewesen. Der Himalaya hat kalte Winde, die ins Lager geblasen wurden, in dem ein furchtbarer Gestank der Lasttiere herrschte. Isobel Ashton wurde von der englischen Gesellschaft als sehr unbürgerlich angesehen. Sie war der Meinung, dass sie sich mit der Schwangerschaft verrechnet haben musste, weil sie glaubte, dass kein Siebenmonatskind so kräftig schreien konnte.

Was unterscheidet die Infodump-Erzählung von dem Original?

  • Sie ist unanschaulich (nicht Gebrüll eines Leoparden, sondern eines wilden Tieres)
  • Sie enthält viele passive Behauptungen des Autors ( „Der Himalaya hat kalte Winde“ statt: „Kalte Winde fahren in das Zelt“
  • Sie hält eine große Distanz zu den Figuren, während das Original immer wieder dicht an die Personen herangeht („Ich muss mich verrechnet haben“)
  • Sie enthält unnütze Informationen; dass Viktoria Königin von England ist, sagt uns, in welcher Zit die Geschichte spielt. Dass sie auch Kaiserin von Indien ist, ist eine völlig unnötige Info für diese Geschichte

Die Erzählstimme des Originals ist eine eigene Stimme, genau wie im ersten Beispiel. Die Infodumps haben keine eigene Erzählstimme, wir hören den plappernden Autor, der uns langweilt, weil er nur aufzählt, aber der Erzählung keine Spannung durch eine eigene Erzählstimme gibt.

Zum Schluss

Stephen King sagt zum Thema: „Wenn ein Leser ein Buch zur Seite legt, weil es ‘langweilig wurde’, liegt die Ursache oft darin, dass der Autor sich an seinen Beschreibungskünsten begeisterte und darüber sein oberstes Ziel aus den eigenen Augen verlor, den Ball im Spiel zu halten.”

Links

In der Gruppe Self Publishing auf FB gibt es eine interessante Diskussion zum Thema, mit vielen Pros und Contras:
https://www.facebook.com/groups/selbstverlag/posts/4214111228645832
Und hier noch ein Blogbeitrag zum Thema:
https://hproentgen.wordpress.com/?s=Infodump

Erstveröffentlicht in: tempest, Autorenforum, August 2021

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Infodump revisited

Absätze: Wann, Wie, Warum?

Die Hälfte der Texte, die ich zur Korrektur bekomme, hat zu wenig Absätze. Und die Lust zum Lesen nimmt ab, weil eine vernünftige, lesefreundliche Struktur fehlt.

Dabei ist es gar nicht so schwierig. Denn es gibt es ein paar Faustregeln. Natürlich sind die nicht in Stein gemeißelt und dienen, wie die Zeichensetzung auch, der einfacheren Lesbarkeit.

Die Faustregeln:

Absätze werden gemacht:
   Wenn der Sprecher wechselt
   Wenn die Perspektive wechselt
   Vor und nach Flashbacks
   Wenn eine Beschreibung endet und die Handlung einsetzt
   Wenn eine neue Person die Bühne betritt

Wozu Absätze?

Absätze sind wie Sätze, Szenen und Kapitel Gliederungsmöglichkeiten. In der Regel enthält ein Absatz mehrere Sätze und eine Szene mehrere Absätze. Eigentlich ist das selbstverständlich, aber wenn Sie wüssten, was ich schon alles in Texten erlebt habe!

Dabei ist der Absatz als Gliederungselement noch viel wichtiger als der Satz und bietet auch weit mehr Möglichkeiten, als die Lesbarkeit sicher zu stellen. Denn Absätze bestimmen Rhythmus und Tempo eines Textes. Sie sind ein ganz wesentliches Element, das den Stil festlegt.

Nehmen Sie sich mal verschiedene Bücher aus Ihrem Regal, schlagen Sie sie an beliebiger Stelle auf und schauen Sie sich an, wie auf diesen beiden Seiten die Absätze verteilt sind.

Wann soll man Absätze machen?

Auf jeden Fall, wenn der Sprecher wechselt.

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“ Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen. „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich. „Ich war das.“, antwortete der Esel.

Das ist einfach schwierig zu lesen und noch schwieriger zu verstehen. Aber ein Absatz hinter dem jeweiligen Sprecherwechsel und schon ist es einfach viel klarer:

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“

Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen. „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich.

„Ich war das“, antwortete der Esel.

Wohlgemerkt, hier steht kein Absatz nach „Es war niemand zu sehen“. Denn das, was folgt, sagt immer noch Josef. Ein Absatz ist hier nicht nötig.

Machen Sie einmal das Experiment, den Text mit und ohne Absatz zu lesen. Was ändert sich dann am Rhythmus, an der Stimmung des Textes? Welche Fassung würden Sie vorziehen?

Wie beim Sprecherwechsel gehört ein Absatz natürlich immer dorthin, wo die Perspektive oder Handlung wechselt und insbesondere, wenn der Text von einer Beschreibung zur Handlung übergeht.

Die Burg glänzte schwarz, als wäre sie frisch lackiert worden. Der Burgfried ragte so hoch, dass er die Wolken am Bauch kitzeln konnte. Das Tor war verschlossen und verriegelt, die Zugbrücke hochgezogen.

Plötzlich öffnete sich ein Fenster und ein hölzerner Kuckuck schnellte heraus.

Was wäre, wenn man das alles in einem Absatz schreiben würde?

Ganz einfach: Dann würde der Kuckuck längst nicht so überraschend kommen. Mit Absätzen nimmt man auch eine Betonung vor. Generell sollte ein Absatz natürlich überall erfolgen, wo etwas Neues im Text erscheint. Absätze gliedern einen Text und damit die Gedanken, die Erzählung der Autoren.

Wirkung von Absätzen

Je mehr Absätze ein Text hat, desto „aktiver“, „einfacher“ und „temporeicher“ wirkt er. Deshalb haben Actionszenen und Dialoge meist sehr viele Absätze, im Extremfall sogar mit nur einem Satz.

Er rammte den Rückwärtsgang rein.
Stieß zurück, erster Gang, Vollgas.

Die Reifen drehten durch. Fassten endlich.
Das Tor zersplitterte und sie waren durch.

Umgekehrt wirken Texte mit wenigen Absätzen eher „ruhig“ oder „schwierig“. Logischerweise haben Beschreibungen, philosophische Erörterungen etc. auch durchaus mal Absätze mit einer halben Seite. Mehr würde ich einem Leser nur in begründeten Ausnahmefällen zumuten.

Warnung

Bei vielen Wettbewerben gibt es eine Seitenbegrenzung. Bei Überschreitung liegt die Versuchung nahe, einfach Absätze wegzulassen und so den Text auf die Begrenzung zu kürzen.

NEIN! Das sollten Sie nie, nie, nie tun. Denn dadurch verliert Ihr Text so viel, dass die Chancen auf den Nullpunkt schwinden. Ein Text mit ungenügender Gliederung, mit zu wenig Absätzen wirkt dilettantisch. Da kann die Geschichte selbst noch so gut sein.

Lieber sich überlegen: Welchen Teil der Erzählung könnte man ganz weglassen?

Womit wir bei der „chronischen Absatzscheu“ wären, der viele Autorinnen und Autoren erliegen. Man kann natürlich auf die Lektoren hoffen. Ich halte das für keine gute Idee. Denn Absätze sind ein wichtiges Stilmittel und das sollte kein Autor aus der Hand geben.

Stephen King

Stephen King sagt in »Das Leben und das Schreiben«:

Ich bin der Meinung, dass nicht der Satz, sondern der Absatz die kleinste Einheit eines Textes darstellt, in der Kohärenz entsteht und Wörter die Chance haben, über sich hinauszuwachsen. Wenn es Zeit wird, das Tempo zu erhöhen, geschieht das auf Absatzebene. (S151).

Und dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

Was dem Lektorat auffällt
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