Hatten Autos in den sechziger Jahren vier oder fünf Gänge?

Susanne Zeyse ist Lektorin und Literaturagentin. Sie lektoriert und coacht Autorinnen und Autoren, hat für verschiedene Verlage gearbeitet und schreibt Klappentexte.

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du? Und was machst du in einem Lektorat?

Susanne Zeyse: Ich mache Belletristik und erzählendes Sachbuch für Verlage und freie Autorinnen und Autoren. Für Verlage sind auch oft Übersetzungslektorate dabei. In einem Lektorat kümmere ich mich um Rechtschreibung und Zeichensetzung – aber das ersetzt kein Korrektorat! – um Rhythmus, Wortwiederholungen und vergurkte Metaphern, streiche auch mal Überflüssiges. Logik ist sehr wichtig – wie alt ist die Figur am Anfang, wie viel Zeit vergeht, wie alt ist sie am Schluss? Oder: wenn sie am Anfang gut rechnen kann, sollte sie am Schluss keine Probleme beim Addieren haben. Manchmal recherchiere ich auch Dinge, die mir auffallen. Hatten Autos in den sechziger Jahren vier oder fünf Gänge? Sowas zum Beispiel.

HPR: Liebe Susanne, wie wichtig ist es, sich auf den Text einzulassen? Kannst du uns dazu etwas sagen?

SZ: sehr wichtig. Wenn ich mitten in einem längeren Buchprojekt bin, dann ist es gut, wenn ich nicht viele andere Sachen schreiben oder redigieren muss, damit ich meinen Schwung nicht verliere.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines Lektorats bei dir aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

SZ: Ich redigiere zwei bis drei Seiten zur Probe und schicke die dem Autor zu. Das kostet dann erstmal nichts. Die Autorin soll wissen, was auf sie zukommt und dass sie ein gutes Gefühl zu meinem Lektorat hat. Dass die Chemie stimmt, ist auch für mich sehr wichtig. Es geht beim Lektorat nicht darum, wer recht hat, sondern darum, dass das Buch besser wird. Wenn wir zusammenarbeiten wollen, schicke ich ein Angebot und dann geht es los. Ich mache einen Erstdurchgang, schicke zurück, der Autor nimmt an, verwirft, kommentiert und manchmal telefonieren wir, um schwierige Stellen zu besprechen. Dann lese ich nochmal und redigiere noch nach, wenn mir etwas auffällt.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

SZ: Ich biete vor allem das Lektorat eines fertigen Buches an. Das ist der Ablauf, den ich aus dem Verlag kenne, der auch einen zeitlich festen Rahmen hat. Ein Buch ist fertig geschrieben, dann kommt das Lektorat, Korrektorat, Covergestaltung und Druck. Inzwischen habe ich gemerkt, dass viele sich beim Schreiben ihres Buches die Begleitung eines Profis wünschen. Deswegen mache ich seit ein paar Jahren auch stundenweise Beratung. Man kann mir ein paar Kapitel schicken und dann kann man mich am Telefon alles fragen, was einem wichtig ist.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe eines Lektorats?

SZ: Die Stolpersteine rausmachen! Das Buch soll so rund und gut lesbar sein, dass Leserinnen und Leser nicht auf Seite 5 aus der Kurve fliegen und das Buch weglegen.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

SZ: Spontan fällt mir ein: Zu viele Hauptsätze fangen mit dem Subjekt an.

Er machte … Er sagte … Er ging. Das liest sich oft sehr holperig und abgehackt. Der Stil kann ja manchmal passen, tut es aber meistens nicht.

Dann: Körperteile machen irgendwas. Im Englischen geht das, im Deutschen eher nicht. „Ihre Finger nahmen den Kaffeebecher“, ist meistens schlechter Stil.

HPR: Du hast zahlreiche Klappentexte entworfen und überarbeitet. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

SZ: Ich lese das Buch. Mindestens das erste Drittel, eher bis zur Hälfte. Den Rest dann diagonal und das Ende. Und dann muss ein Werbetext her, der neugierig macht aufs Buch und nicht zu viel verrät. Klingt einfach, ist es aber nicht – manchmal bastle ich ziemlich lange daran herum.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

SZ: Lektorat ist ein Prozess. Ich erwarte nicht, dass meine Kunde meine Änderungen alle übernehmen, ich erwarte aber, dass sie ernst nehmen, warum ich die Änderung vorgeschlagen habe: Weil der Text unrund war. Ich finde es aber auch cool, wenn ich etwas vorschlage, und dem Autor fällt noch etwas Besseres ein. Lektorat als Inspiration – das sind dann die richtig guten Momente.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

SZ: Ich schätze: 95 Prozent.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

SZ: Nichts. Es ist ja sein Buch. Kommt aber sehr selten vor.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

SZ: Nein

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

SZ: Ich redigiere fast alles, aber seit ich auch als Agentin tätig bin, habe ich weniger Zeit fürs Lektorat und suche mir mehr aus, mit wem ich arbeiten möchte. Um mit wem lieber nicht.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

SZ: Ich finde nicht, dass Preise ein heikles Thema sind, sondern klar kommuniziert werden müssen. Dann kann ein Autor sich entscheiden, ob er sich das gönnen möchte oder eben nicht. Ich nehme ab sechs Euro pro Normseite.Die Normseite hat 1500 Zeichen mit Leerzeichen. Klappentexte kosten extra. Beratung kostet 80 Euro die Stunde, das Lesen der zugeschickten Kapitel ist im Preis mit drin.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

SZ: Für Verlage drei Wochen, bei freien Autorinnen und Autoren kann es länger dauern, macht aber meistens mehr Spaß.

HPR: Muss deiner Meinung nach eine Lektorin selbst erfolgreich Bücher veröffentlicht haben?

SZ: Nein. Manchmal denke ich, dass es gut für eine Lektorin ist, wenn sie nicht selbst schreibt. Denn alle, die schreiben, wollen vor allem schreiben. Redigiert wird vor allem, um Geld zu verdienen. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Ich selbst schreibe nur sehr wenig.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum  Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Hatten Autos in den sechziger Jahren vier oder fünf Gänge?

Das Buch muss das Werk des Autors und der Autorin bleiben

Cordula Natusch ist Diplom-Germanistin, gelernte Bankkauffrau und Lektorin für Finanzen und Wirtschaft. Außerdem berät sie Experten und Expertinnen, die ein Buch schreiben und den Weg zum Businessautor und –autorin erfolgreich beschreiten wollen.

http://www.expertenbuch-schreiben.de/

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

Cordula Natusch: Für Experten und Expertinnen, die ein Buch für ihr Business schreiben wollen, bearbeite ich Ratgeber, Sachbücher, Arbeitshefte usw. Wenn ich für Unternehmen lektoriere, landen vor allem Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte, Fachzeitschriften, Fachartikel und Ähnliches auf meinem Schreibtisch.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines solchen Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

CN: Ich gehe jetzt mal davon aus, dass du ein Businessautor bist und dein Expertenbuch lektorieren lassen willst. Am Anfang steht immer ein Gespräch. Darin klären wir erst einmal, ob ich überhaupt die richtige Lektorin für dich bin. Es gibt viele Themen, die ich nicht qualifiziert bearbeiten kann, etwa wenn es um Esoterik geht. Da bin ich draußen, weil mir der Zugang fehlt! So denke ich einfach nicht – und dann kann ich einen solchen Text auch nicht lektorieren.

Wenn es grundsätzlich passt, mache ich ein kostenloses Probelektorat. Dafür lasse ich mir von dir das Manuskript schicken und wähle daraus ein paar Seite aus, die ich nach deinen Vorgaben bearbeite. So kannst du als Autor erkennen, wie ich arbeite und ob meine Herangehensweise an den Text für dich passt. Außerdem verschaffe ich mir auf diesem Weg einen ersten Überblick über Aufbau, Gliederung und Überarbeitungsbedarf des Texts. Erst dann erstelle ich ein individuelles Angebot und wir besprechen einen möglichen Zeitplan.

Im Lektorat selbst arbeite ich mit zwei Durchläufen und immer im Änderungen-verfolgen-Modus, damit der Autor und die Autorin auch sehen, was ich gemacht habe. Im Erstlektorat wird es zunächst einmal grundsätzlich. Ich beschäftige mit viel mit der Struktur und der Kernaussage im Text, kontrolliere die Gliederung und kümmere mich um den roten Faden im Buch. Außerdem steige ich tief in den Text ein. Ich streiche die Textteile, die meiner Meinung nach redundant sind, spüre inhaltliche Sprünge und Widersprüche auf, stelle Teile um, suche Formulierungen, die besser zur Zielgruppe und zur angestrebten Aussage passen, arbeite am Stil etc. Das ist eine sehr intensive Überarbeitung, bei der oft kein Stein auf dem anderen bleibt. Häufig halte ich zwischendurch Rücksprache mit dem Autor oder der Autorin, wenn mir einzelne Passagen unklar sind. Diese Überarbeitung aus dem Erstlektorat schicke ich dann zurück. Mein Kunde oder meine Kundin geht dann durch alle meine Vorschläge – als Lektorin mache ich nur Vorschläge – durch, nimmt sie an oder lehnt sie ab, füllt inhaltliche Lücken und beantwortet meine Fragen.

Danach bekomme ich wieder den Text zum Zweitlektorat. Das ist dann die Feinarbeit. Ich kontrolliere, was der Autor oder die Autorin ergänzt hat, was angenommen oder abgelehnt wurde und welche Auswirkungen das jeweils auf den Gesamttext hat. Außerdem gehe ich noch einmal komplett durch das Manuskript durch und behebe alle Mängel, die nach dem Erstlektorat noch stehen geblieben sind.

Im Erstlektorat geht es viel um Struktur und um Grundsätzliches, im Zweitlektorat findet überwiegend die Feinarbeit an Stil und Sprache statt. Ich sage immer, im Erstlektorat kommt die Axt zum Einsatz, im Zweitlektorat die Feile.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

CN: Ich bearbeite auch Exposés, erstelle Manuskriptgutachten etc. Wobei die Übergänge zur Beratung fließend sind. Ein Exposé sollte immer auf den jeweiligen Verlag zugeschnitten sein, daher geht es oft auch um Fragen der Verlagssuche. Oder ich stelle fest, dass das ganze Buch, die ganze Idee noch nicht rund sind – dann ist Konzeptarbeit angesagt. Ähnlich ist es beim Manuskriptgutachten. Das mündet oft in ein Autorencoaching auf Basis des Gutachtens. Denn Letzteres zeigt erst einmal nur, *was* der Autor oder die Autorin tun sollte, um den Text besser zu machen. Das *Wie* ist damit aber noch nicht beantwortet und bereitet oft die größeren Probleme.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe einer Lektorin, eines Lektors?

CN: Zu erkennen, was der Autor oder die Autorin mit den Büchern erreichen will, und ihn oder sie dabei zu unterstützen, dieses Ziel zu erreichen. Außerdem ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht um mich geht. Als Lektorin muss ich in der Lage sein, mich selbst zurückzunehmen. Den Text effektiv zu verbessern, ohne die Stimme des Autors oder der Autorin zu verfälschen – das ist die Herausforderung bei unserer Arbeit.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

CN: Häufig hapert es an der Struktur. Fast immer komme ich in einem Manuskript an einen Punkt, an dem ich nicht mehr verstehe, worum es eigentlich geht. An dem logische Sprünge vorkommen und der Inhalt lückenhaft ist. Hier muss dann der Autor oder die Autorin noch einmal ran und die Übergänge glätten, Stoff nachliefern, Erklärungen einfügen usw. Auch das Gegenteil begegnet mir immer wieder: inhaltliche Wiederholungen. Dann steht in manchen Textteilen mehr oder weniger dasselbe drin wie im Abschnitt davor, nur mit anderen Worten. Da streiche ich dann beherzt.

Oft verlieren die Autorinnen und Autoren beim Schreiben ihre Zielgruppe aus den Augen. Sie setzen zu viel Wissen voraus oder langweilen ihre Leser und Leserinnen, indem sie Bekanntes langatmig erklären. Ich muss mich also immer in den Leser und die Leserin hineinversetzen, um hier eingreifen zu können.

Und schließlich habe ich es viel mit den typischen stilistischen Mängeln in Sachtexten zu tun: Substantivierungen, Passiv- und Man-Konstruktionen, Bandwurmsätze, Bürokratendeutsch 

HPR: Auf deiner Homepage bietest du auch Konzept und Beratung an. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

CN: Bei Coachs, Trainerinnen, Speakern und Beraterinnen geht es oft darum, mithilfe von Büchern Sichtbarkeit zu schaffen und sich einen Expertenstatus aufzubauen. Meine Aufgabe ist es, sie darin zu unterstützen und mit ihnen die Bücher zu konzipieren, zu schreiben, zu veröffentlichen und zu vermarkten, die zu ihren Zielen und zu den Rahmenbedingungen passen. Der Buchmarkt verändert sich rasant und für Laien sind die verschiedenen Möglichkeiten zu publizieren kaum mehr zu durchschauen. In meinen Vorträgen, Webinaren, Kursen etc., aber auch in der persönlichen Einzelberatung vermittle ich Wissen: Wie arbeiten Verlage? Wie geht Selfpublishing? Welcher Weg bietet welche Vorteile und Nachteile? Wo lauern Fallen? Und wie schreibe und veröffentlichen ich mein Buch und bringe ich es dann den Mann und die Frau? Auf einem amerikanischen Blog habe ich mal den Begriff „authorempowering“ gelesen – das trifft das, was ich erreichen möchte, sehr gut.

HPR: Bietest du auch Coaching an?

CN: Ja.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

CN: Nein, natürlich nicht. Wie schon gesagt, als Lektorin mache ich nur Vorschläge. Ich halte es auch für wichtig, mir meiner Rolle bewusst zu sein: Ich bin Dienstleisterin! Das Buch muss das Werk des Autors und der Autorin bleiben. Schließlich ist es ihr Name, der künftig damit verbunden ist.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

CN: Weit über 90 Prozent. Ich habe auch Kunden und Kundinnen, die in Word auf „Alle Änderungen annehmen“ klicken, weil sie mir vertrauen. Aber wie gesagt, das erwarte ich nicht und mir ist es auch lieber, wenn sich die Autoren und Autorinnen mit dem beschäftigen, was ich gemacht habe. Ich bin ja nicht unfehlbar.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

CN: In der Regel gar nichts. Vielleicht diskutieren wir noch ein bisschen: Ich erkläre, warum ich die Änderung für wichtig halte, der Kunde und die Kundin sagen, warum sie sie nicht annehmen wollen. Dann versuchen wir eventuell, einen Kompromiss zu finden.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konnten? Was passiert dann?

CN: Es ist und bleibt der Text des Kunden und der Kundin, das kann ich akzeptieren! Schlimmstenfalls bestehe ich darauf, aus dem Impressum gestrichen zu werden, wenn bestimmte Änderungen nicht übernommen werden. Das hatte ich allerdings erst einmal: Der Autor wollte einen Abschnitt, den ich inhaltlich für komplett falsch und schädlich für das Buch hielt, nicht ändern. Wenn so etwas stehen bleibt, fällt das auch schnell auf mich als Lektorin zurück. Da muss ich dann meine eigene Reputation schützen.

Dass ich mit meinem Lektorat komplett daneben lag und es aus Kundensicht nicht zu gebrauchen war, hatte ich zum Glück noch nie.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

CN: Ja, ein Text muss schon lektoratsreif sein, damit ich ihn annehme. Das ist aber eher eine inhaltliche als eine sprachliche Hürde. Einen Blubbertext ohne Inhalt (und davon gibt es gerade im Ratgeberbereich leider viel zu viele) mag ich nicht lesen und auch nicht bearbeiten. Aber wenn der Autor, die Autorin wirklich etwas zu sagen hat und es nur an der sprachlichen Ausarbeitung fehlt, findet sich irgendwie ein Weg. Ich habe auch schon mal über 100 Seiten ohne Fließtext, sondern nur mit Auflistungen und Spiegelstrichen bekommen und daraus ist ein schönes Buch geworden. Das ist dann eher ein Ghostwriting und entsprechend aufwendig, zeitintensiv und auch kostspielig, aber möglich ist so etwas auf alle Fälle.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

CN: Ein Lektorat ist kein Korrektorat. Das kann man nicht oft genug betonen. Natürlich bessere ich Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Grammatikfehler aus, wenn sie mir im Text auffallen. Aber mein Fokus ist während des Lektorats ein komplett anderer: Dann stehen Struktur, Leserführung, Logik, Sprache, Stil etc. im Vordergrund. Und oft ist die Arbeit auf diesen Ebenen so intensiv, dass ich ebenso fehlerblind werde wie der Autor und die Autorin selbst. Ich empfehle daher immer ein abschließendes Korrektorat durch einen Profi, der den Text noch nicht kennt.

HPR: Kannst du das an einem Beispiel ausführen?

CN: Gern. Angenommen, ich strukturiere einen Absatz neu: Ich verschiebe Textteile, schreibe neue Übergänge, füge Abschnitte ein, die mir nachgeliefert wurden, lösche redundante Teile usw. Und dann lese ich mir den jetzt neuen Text im Ganzen durch, stelle fest, dass er sprachlich und stilistisch noch nicht rund ist und dass sich aus den Nachlieferungen neue Fragen ergeben. Also überarbeite ihn erneut. Ich löse hier ein Passiv auf und dort eine Substantivierung. Aus einem Bandwurmsatz mache ich zwei oder drei einzelne Sätze. Und ändere ihre Reihenfolge … Dann brauche ich möglicherweise wieder neue Übergänge. Und so weiter und so fort. Bis ein Absatz fertig ist, überarbeite ich ihn teilweise fünf Mal und mehr. Und das im gesamten Manuskript.

Während und nach einer solch intensiven Überarbeitung sehe ich einfach keine Fehler mehr. Das ist aber völlig normal, das wird jeder bestätigen können, der einmal so tief in Texte eingestiegen ist.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

CN: Ich kalkuliere jeden Auftrag individuell, denn das Ausgangsniveau, die Anforderungen und damit der Aufwand sind sehr unterschiedlich.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Sachbuchs 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

CN: Wie erwähnt, das lässt sich nicht sagen. Handelt es sich um ein Sachbuch über Kryptowährungen und ihren Einfluss auf die Weltwirtschaft, das noch aussieht wie Kraut und Rüben? Oder um einen Ratgeber, wie Morgenrituale zu etablieren sein, der schon recht sauber daherkommt? Je mehr Fachwissen, Zeit und Mühe notwendig sind, um das Buch richtig gut zu machen, desto teurer und langwieriger wird es natürlich auch. Bei 300 Seiten (Normseiten, also 1500 Zeichen inkl. Leerzeichen) würde ich als Autor oder Autorin aber mindestens mit 2500 bis 3000 Euro rechnen, wenn ich ein wirklich gutes Lektorat von einem fachlich versierten Profi haben will. Immerhin sitzen wir mehrere Wochen oder gar Monate an einem Text, bevor er veröffentlichungsreif ist.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektorin geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

CN: Ich bin gelernte Bankkauffrau und habe in dem Beruf auch gearbeitet, bevor ich anfing, Literaturwissenschaft, Literaturvermittlung und Philosophie in Bamberg zu studieren. Nach meinem Examen (ich habe einen der seltenen Diplom-Abschlüsse in der Germanistik) landete ich bei verschiedenen Verlagen, etwa dem Carl Hanser Verlag, bei Focus Online und der Gesellschaft für Wirtschaftsinformation. Aber irgendwann war klar, dass ich lieber freiberuflich als festangestellt arbeiten wollte. Und dann ging eigentlich alles ganz schnell.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

CN: Im letzten Jahr habe ich mit Frau Professor Jacqueline Otten von der HAW Hamburg ein Workbook zu „Resign Thinking“, einer Weiterentwicklung des Design-Thinking-Konzepts, gemacht. Das Buch ist bei Tredition erschienen und zeigt wirklich beispielhaft, dass Bücher aus dem Selfpublishing Verlagsbüchern in nichts nachstehen, wenn mit der entsprechenden Sorgfalt und Professionalität gearbeitet wird.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum  Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Das Buch muss das Werk des Autors und der Autorin bleiben

Ein Interesse an Texten von anderen, den Autor mit seinen Sorgen verstehen

Isabell Schmitt-Egner hat für den Carlsen Verlag, für Piper und andere Verlage lektoriert und die Bücher zahlreicher Selfpublisherinnen und Selfpublisher bearbeitet. Sie hat außerdem eigene Romane verfasst, der letzte war »Waldprinz«.

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

Isabell Schmitt-Egner:
Hinweis zu Anfang: Im Folgenden bezeichne ich aus Gründen der Vereinfachung und Lesbarkeit Autorinnen und Autoren beispielhaft als „der Autor“ in der männlichen Form.

Meistens sind es inzwischen Fantasybücher von Verlagsautoren. Im Lektorat verschaffe ich mir zunächst einen Überblick über die Welt, die Charaktere und die Story. Ich lote die Schwächen des Autors aus, die sich in der Regel schon auf den ersten Seiten zeigen. Dann gibt es eine erste Besprechung, immer am Telefon. Wir sprechen dann meine Anmerkungen durch, ich erkläre, was ich meine, was mir aufgefallen ist, und lasse den Autor sagen, ob das Absicht war, ein Denkfehler, ein Versehen usw. Dann mache ich Lösungsvorschläge, bis wir etwas finden, was dem Autor gefällt. Ich weise ihn auf seine Schwächen hin und frage ihn, ob er es selbst beheben will oder wo ich helfen soll. Das bedeutet auch mal, dass ich einige Seiten komplett neu oder umschreibe, falls der Autor sich an dieser Stelle überfordert sieht.

Im zweiten Durchgang ist das Feld bereits etwas bereinigt und übersichtlicher. Nun gehe ich in die Feinheiten, schleife an Formulierungen, mache Vorschläge für bessere Dialoge und bessere Witze etc. Ich suche nach weiteren Logikfehlern, die sich auch durch das Bearbeiten einschleichen können. Es folgt wieder eine Besprechung am Telefon.

Im dritten Durchgang ist das meiste dann erledigt, allerdings kommt es nicht selten vor, dass dann erst, da alles aufgeräumt ist, noch ein großer Logikfehler zutage tritt. Diesen hat vorher niemand bemerkt, weder Autor noch Testleser. Das passiert gar nicht so selten. Um diese Fehler zu finden, lese ich das Buch kapitelweise rückwärts. Man glaubt gar nicht, was sich noch auftun kann …

Reicht die Zeit, machen wir einen vierten Durchgang, feilen an Kleinigkeiten und suchen alle restlichen Schreibfehler, die wir finden können. Für den Verlag formatiere ich dann das Manuskript mit der verlagsinternen Formatvorlage. Danach geben wir ab und hoffen das Beste!

HPR: Welche Eigenschaften sind deiner Meinung besonders wichtig, um Texte zu lektorieren?

ISE: Ein Interesse an Texten von anderen, den Autor mit seinen Sorgen verstehen, das sind zwei sehr wichtige Punkte. Ich höre sehr viele Horrorgeschichten, was im Lektorat alles schiefgeht. Also nicht im Sinne von, man übersieht Fehler, sondern dass der Lektor dem Autor einen schlechten Stil einredet, also den Stil des Autors verschlimmbessert, indem er völlig falsche Hinweise gibt. Lektoren sollten sich fortbilden und sich intensiv mit Schreibtechniken beschäftigt haben. Ich höre immer wieder, dass sich einer ein Autorenprogramm kauft und dann Lektorat anbietet. Unbedarfte Autoren geben ihr Geld aus für jemanden, der ab und zu „show don’t tell“ an den Rand schreibt und den Rest automatisiert unterkringeln lässt und das wars.

Man sollte in der Lage sein, eine Geschichtenatmosphäre zu erfassen und zu spüren, ob sie stimmt. Man muss Geschichten verstehen, man muss Menschen verstehen. Man sollte Ideen haben, wie man eine vollkommen verkorkste Geschichte retten kann. Oder wie man eine Szene, die die Geschichte eigentlich kaputtmacht, später so relativieren kann, dass es eben doch funktioniert. Und vieles, vieles mehr. Über das Thema könnte ich stundenlang reden. Man braucht einfach Erfahrung. Inzwischen braucht mir jemand nur ein bisschen was von seiner Geschichte zu erzählen und ich ahne sofort, wo der Haken ist. Damit liege ich meistens richtig. Das war früher nicht so, das kommt mit der Zeit.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf deines Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

ISE: Das hatte ich oben schon angedeutet. Ich verschaffe mir einen Überblick, stelle die Baustellen fest, es wird besprochen, wie wir das beheben und wer von uns was davon macht. In bis zu vier Durchgängen wird der Roman auf allen Ebenen optimiert, also inhaltlich, stilistisch, Charaktere, Spannungsbögen, Weltenbau, alles. Meistens teilen wir das Manuskript in mehrere Dateien auf, um parallel arbeiten zu können.

Während der Arbeit gebe ich dem Autor Tipps für seine persönlichen Probleme beim Schreiben und ich verrate ihm Tricks und Kniffe für seinen Text.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

ISE: Ich biete nichts mehr aktiv an, muss ich sagen, denn seit ein paar Jahren bin ich immer im Vorfeld ausgebucht für das kommende Jahr. Immer mit ganzen Manuskripten. Deshalb verzichte ich auf eine Homepage, ich müsste sowieso alles absagen, was reinkommt. Trotzdem helfe ich Autoren nebenbei in Einzelfällen mit Klappentexten, Exposés, oder ich mache ihnen ein Schnellgutachten für wenige Manuskriptseiten, welches dann am Telefon besprochen wird. Das hilft Autoren weiter bei Schreibblockaden oder grundsätzlichen Denkfehlern, die man auf den ersten Blick nicht sieht.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe eines Lektorats?

ISE: Aus dem Manuskript eine Endversion zu machen, zu dem Autor und Lektor vollumfänglich stehen können.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

ISE: Zum einen hätten wir da die „erklärende“ wörtliche Rede. Der Autor versucht verzweifelt, das Wort „sagte“ zu vermeiden und ersetzt es durch abenteuerliche Konstrukte, an denen erklärende Adjektive und Adverbien hängen wie geschmacklose Christbaumkugeln. Das kommt daher, dass der Autor erstens denkt, „sagte“ ist unkreativ und zweitens befürchtet er, nicht verstanden zu werden, also hängt er erklärende Zusätze dran.

Damit kommen wir zum nächsten Problem: Fehlender Subtext. Der Autor hat sich in Erklärungen verloren und man sucht vergeblich nach Subtext und damit nach Sog, Spannung und Unterhaltung.

Dann würde ich noch Charakterbrüche nennen. Die kommen häufig vor. Der Autor hat seinen Charakter nicht vor Augen und lässt ihn Dinge tun, die ihn zerstören, die ihn in den Augen des Lesers unglaubwürdig, unsexy oder planlos erscheinen lassen.

HPR: Bietest du auch Coaching an?

ISE: Ich coache, wie oben erwähnt, in kleinen Einheiten und in Einzelfällen. Für mehr ist keine Zeit aktuell. Abgesehen von Autoren, die ich im Lektorat habe, die erhalten natürlich jederzeit umfangreiche Coachings. Wir telefonieren dazu und auch Hausbesuche waren schon drin.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

ISE: Normalweise übernehmen sie fast alles. Man kann nie erwarten, dass jemand ALLES übernimmt, das wäre Unsinn. Aber ich hatte es erst einmal, dass die Autorin vieles nicht übernehmen wollte. Bei allen anderen hat es geklappt.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

ISE: Geschätzt würde ich sagen 95%.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

ISE: Das kommt darauf an. Wenn es eine Formulierung ist, die Geschmackssache ist, dann lasse ich ihn einfach und sage nichts. Ist es in meinen Augen ein Schnitzer, dann erkläre ich es noch mal. Ist es wirklich falsch, dann kämpfe ich. Und meistens gewinne ich.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

ISE: Einmal, wie gesagt. Wir konnten uns nicht grundsätzlich einigen, obwohl wir uns persönlich sehr mochten und auch heute noch mögen. Ich habe mich am Ende an den Verlag gewandt, weil die Diskussion sich über ein Jahr hinzog. Der Verlag hat es sich angesehen und mir recht gegeben. Am Ende habe ich das Lektorat niedergelegt und das Projekt wurde insgesamt auf Eis gelegt bis auf Weiteres.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

ISE: Ich lektoriere aktuell nur für Verlage, da nehme ich, was sie mir geben. Das ist ja in der Regel vorher ausgesucht worden vom Verlag, also ist das Niveau schon gegeben. Ich habe schon Texte abgelehnt von Selfpublishern, darunter waren schlecht geschriebene Erotikromane und auch Manuskripte, bei denen man sah, dass die Baustelle zu groß war, dass es wirklich an allem fehlte. Das sagte ich dem Autor/der Autorin dann auch und riet vom Veröffentlichen zu diesem Zeitpunkt ab.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

ISE: Das alles, dazu Weltenbau, kreative Ideen für mehr Witz und Schwung. Dazu bilde ich mich weiter im naturwissenschaftlichen Bereich, das hat uns schon oft geholfen.

Charaktere ausbauen, Erzählerstimme finden, Prämisse finden und festlegen, Leitmotive, Perspektiven.

HPR: Kannst du das an einem Beispiel ausführen?

ISE: In einem Roman ging es um Feen. Diese taten aber nichts Besonderes, außer schön aussehen und Party machen. Das besprach ich mit der Autorin und sie wollte das ändern. Wir überlegten uns, welche Rolle die Feen in der Welt spielen könnten, welche Magie sie haben. Vorher schrieben sie auf Laptops und hatten Türschlüssel zu ihren Zimmern. Danach hatten sie Speicherkristalle und die Türen wurden von sprechenden Augen bewacht, die Namen und Charakter hatten. Wir liefen zur Höchstform auf und überboten uns gegenseitig mit Ideen. Das Manuskript bekam einen ganz anderen Charakter. Der Verlag war begeistert, sie erkannten das Manuskript kaum wieder. Weitere Bände entstanden, die Autorin war ganz in diese Welt eingetaucht und hat ein episches Werk entworfen. Die Bücher haben sich sehr gut verkauft.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

ISE: Der Verlag macht mir ein Angebot, das ich dann so übernehme. Bei Autoren habe ich immer Pauschalpreise gemacht in derselben Höhe wie beim Verlag. Gelegentlich habe ich einen Freundschaftspreis gemacht.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

ISE: Minimal würde ich sagen, sechs Wochen Zeit. Länger als drei Monate braucht man in der Regel nicht, es sei denn, der Autor wird krank.

HPR: Muss deiner Meinung nach ein Lektor selbst erfolgreich Bücher veröffentlicht haben?

ISE: Nein, das muss er nicht. Ein Trainer für Olympia muss ja auch nicht selbst turnen können oder genauso schnell schwimmen können. Aber es hilft natürlich, weil man als Autor weiß, wie sich ein anderer Autor fühlt.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektor geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

ISE: Ich war Maskenbildnerin beim Film und hatte noch nie was geschrieben, aber ich merkte bei den Dreharbeiten oft, wenn etwas im Text nicht stimmte. Eines Tages schrieb ich einige Zeilen im Drehbuch um, obwohl das streng verboten war. Am nächsten Tag kam die Schauspielerin und sagte: „Wer hat das Drehbuch umgeschrieben?“ Ich meldete mich. Sie so: „DANKE!“

Da merkte ich, dass ich wohl richtiggelegen hatte mit meinem Textgefühl.

Irgendwann habe ich eine Kurzgeschichte verfasst und im Netz hochgeladen. Nach nur einer Stunde hatte ich das erste Manuskript im Briefkasten mit der Bitte um Kritik. Das überraschte mich. Ich kritisierte den Text, aber der Autor wollte das nicht hören. Egal.

Ich machte weiter mit eigenen Geschichten und kaufte mir als Erstes „Vier Seiten für ein Halleluja“ und „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Das erste Buch brachte mir etwas, das zweite nicht. Also kaufte ich weitere Ratgeber und schrieb weiter. Nebenbei fing ich an, Fehler in Büchern aufzulisten und an die Verlage zu schicken. Es kam nie eine Antwort.

Ich hatte mich in Foren angemeldet und versuchte mich weiterzubilden. Ich glaubte auch viel von dem Unsinn, der dort verzapft wurde. Im Nachhinein war das alles sehr lustig. Eines Tages bat mich eine Autorin um Hilfe. Ich ging ihr Buch durch und diese Anmerkungen bekam der Carlsenverlag in die Hände. Es folgte ein erstes Jobangebot als Korrekturleser, danach wurde ich schnell zum Lektor „befördert“. Alle anderen Jobangebote kamen dann durch Mundpropaganda auf mich zu. Beworben habe ich mich nicht, das ging wie von selbst.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

ISE: Ich strenge mich immer an, von daher habe ich da wenig Präferenzen. Ich empfehle mal aus der Fantasyecke die Fairy-Reihe von Stefanie Diem. Wer lachen will im Fantasybereich, dem empfehle ich die Reihe „Rotkäppchen und der Hipster-Wolf“ von Nina MacKay. Ganz ohne Fantasy, dafür mit maximalem Gefühl: „Best Friend Zone“ von Jennifer Wolf.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum  Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

Ein Interesse an Texten von anderen, den Autor mit seinen Sorgen verstehen

Im Lektorat überprüfe ich Plot und Struktur und ich arbeite das Manuskript Satz um Satz, Wort um Wort durch

Lisa Kuppler führt „Das Krimibüro“ (http://www.krimilektorat.de) in Berlin, coacht Autorinnen und Autoren und bietet Schreibworkshops an.

Hans Peter Roentgen: Du lektorierst hauptsächlich Krimis? Was machst du in so einem Lektorat?

Lisa Kuppler: Ich habe Mitte der 1990er Jahre beim Rotbuch Verlag mit dem Krimilektorieren begonnen und damals das Krimibüro in Berlin gegründet. Der Name ist inzwischen etwas irreführend, denn heute lektoriere ich alle Genres sowie belletristische Titel. Mein letztes Lektorat war ein Thriller, davor ein Upmarket-Frauenroman, davor eine belletristische Kurzgeschichten-Sammlung und davor ein Science-Fiction.

Im Lektorat überprüfe ich Plot und Struktur eines Buches, also die Dramaturgie der gesamten Geschichte – das Strukturlektorat. Und ich arbeite das Manuskript Satz um Satz, Wort um Wort durch und merke alles an, was im klassischen Lektorat angemerkt wird: Perspektivfehler, unschöne Wort- und Lautwiederholungen, unschöne oder falsche Wortwahl, schiefe und unpassende Bilder, Zeitfehler usw. – das Sprachlektorat.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines solchen Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

LK: Wenn ich nicht für einen Verlag, sondern für einen selbständigen Autor bzw. eine Autorin arbeite, biete ich ein Probelektorat von 5 bis 10 Seiten an. Daraufhin entscheidet sich die Autorin, der Autor, ob sie mit mir zusammenarbeiten wollen. Wir einigen uns über die Kosten und den Zeitrahmen. Dann mache ich das Sprachlektorat, falls gewünscht, zuvor ein Strukturlektorat. Danach geht das lektorierte Manuskript zurück zum Autor, zur Autorin. Die oder der überarbeitet das Manuskript aufgrund meiner Lektoratshinweise. Wenn gewünscht, kommt das endredigierte Manuskript dann noch einmal zu mir zurück und ich mache eine Endredaktion, also einen letzten Lesedurchgang, in dem ich alles anmerke, was mir noch an Punkten auffällt, die verbessert werden können.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

LK: Ich biete Arbeit am Exposé an, am liebsten in Form eines „Exposé-Pingpongs“. Da schicken die Autorin bzw. der Autor und ich das Exposé immer wieder hin und her: Ich merke an, was unverständlich oder noch nicht gut formuliert ist, die Autorin überarbeitet, ich kriege die neue Fassung, merke wieder alles an, was mir auffällt, der Autor macht wieder eine Überarbeitung – so lange, bis wir ein starkes, gut und griffig formuliertes Exposé haben, mit dem sich die Autorin, der Autor professionell bei einer Agentur bewerben kann.

Ich biete auch Manuskriptgutachten an. Und ich schaue mir schon mal einen Klappentext an, aber ein richtiges Klappentext-Lektorat biete ich nicht an.

HPR: Kannst du uns drei typische Probleme nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

LK: Im Strukturlektorat ist ein typisches Problem die Vermittlung von Vorgeschichte und Hintergrundinformationen. Da denken sich Autor*innen manchmal schwierige Prologe oder Konstruktionen aus, die für die Leser*innen nicht zu verstehen oder schlicht langweilig sind. Das merke ich dann an und mache Vorschläge, oder wir entwickeln zusammen eine Lösung, die funktioniert.

Im Sprachlektorat geht es oft um die Bezüge im Satz: Damit ein Text „geschmeidig“ zu lesen ist, sollte immer klar sein, welche Pronomen sich auf welche Figur oder welches Wort beziehen. Die Leser*innen sollen gar nicht aus dem Text fallen mit der Frage: „Worauf bezieht sich das jetzt?“ Im Lektorat schlage ich dann Änderungen vor, damit die Bezüge stimmen. Das ist oft auch eine Arbeit am Rhythmus und Flow eines Textes.

Und immer wieder geht es auch bei erfahrenen Autor*innen um das Schreiben von Gefühlen. Ich merke z. B. Nominalstil oder wertende Adverbien / Adjektive an, mit denen Autor*innen Gefühle nur behaupten, und mache Vorschläge, wie sie an der jeweiligen Stelle Gefühle zeigen können – über das „Einfärben“ der Umgebung z. B. oder über Erinnerungen.

HPR: Auf deiner Homepage bietest du auch Workshops an. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

LK: Zusammen mit dem Autor Carlo Feber biete ich am Nordkolleg in Rendsburg (nordkolleg.de/seminare/details/seminar/l09-2020/) eine Roman-Coaching-Woche an, jedes Jahr die Himmelfahrtswoche von Montagabend bis Samstagmorgen. Die Teilnehmer*innen reichen ein Exposé und 15 Seiten ihres Projektes ein. Im Vorfeld entwickeln Carlo und ich für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer drei „Meilensteine“: drei Plotting- oder Schreibaufgaben zum individuellen Projekt, zugeschnitten auf das, was wir für die Schwächen oder einfach die nächsten Schritte am Projekt halten.

Im Kurs wechseln sich dann Unterrichtseinheiten (zu Perspektive, Plotten, Dialog, Szenenschnitt usw.) ab mit Textbesprechungen und Schreibübungen. Es gibt einen freien Tag nur zum Schreiben, am Ende organisieren die Teilnehmer*innen in Eigenregie eine Lesung.

Ein anderes Seminar-Konzept biete ich online an, jedes Jahr im August. (krimilektorat.de/lisa221b/schreiben-wie-die-profis/roman-coaching-online/). Das Online-Roman-Coaching läuft vier Wochen, Schreiben intensiv mit Chats und Schreibübungen und drei Aufgaben, die ich individuell für die Teilnehmer*innen entwickle. Es gibt keine Unterrichtseinheiten, sondern vier Feedback-Telefonate mit mir, eines zum Gesamtprojekt und drei Telefonate zu den Aufgaben.

Ab September 2020 werden Carlo und ich eine Schreibakademie am Nordkolleg in Rendsburg anbieten. Wir sind gerade in der Endphase der Entwicklung. Die Schreibakademie bietet eine Autorenausbildung, die über einen Zeitraum von zehn Monate geht, mit sechs Präsenz-Seminaren am Nordkolleg und einer intensiven Betreuung in den Zeiten zwischen den Seminaren.

HPR: Du bietest auch Coaching an, wie läuft das ab?

LK: Das individuelle Autorencoaching richtet sich ganz danach, was der Autor, die Autorin gerne haben möchte. Manchmal ist das ein Plotting-Wochenende, an dem die Autorin zu mir ins Krimibüro nach Berlin kommt und wir gemeinsam den Plot und die Dramaturgie eines Buchprojekts erarbeiten. Oder das Coaching geht über einen längeren Zeitraum, mit monatlichen Telefonaten – da gebe ich eine Art Schreibstruktur vor und bin Coach und Lektorin in einem.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

LK: Ich erwarte nicht, dass die Autorinnen und Autoren alle meine Änderungen übernehmen. Lektoratsvorschläge sind eben das: Vorschläge. Für mich ist ein Lektorat dann am erfolgreichsten, wenn ich einen Vorschlag mache, und der Autor, die Autorin durch meinen Vorschlag angeregt, auf eine dritte, optimale Lösung kommt.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

LK: Von den Autoren und Autorinnen höre ich immer: „Ich habe fast alles übernommen.“ Ich gehe davon aus, dass sie 90 % meiner Vorschläge umsetzen.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

LK: Der Autor, die Autorin hat das letzte Wort. Es ist sein und ihr Buch. Es geht beim Lektorat nicht darum, dass jeder Vorschlag akzeptiert wird. Ich sehe mich als Profileserin mit einer Expertise im jeweiligen Genre und in dem, wie Texte auf Leser*innen wirken. Aber ich habe ganz sicher nicht immer recht. Und es gibt Stellen, an denen dem Autor, der Autorin etwas so wichtig ist, dass sie meinen Vorschlag nicht umsetzen möchten, und das ist vollkommen okay.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konnten? Was passiert dann?

LK: Vor etlichen Jahren habe ich von einem Verlag einen Lektoratsauftrag erhalten. Nach den ersten Gesprächen war klar, dass der Autor grundsätzliche handwerkliche Kritik nicht annehmen wollte. Das Buch wurde dann nicht gemacht. Für mich war das sehr bedauerlich, denn die Buchidee und der Plot waren interessant. Aber wenn eine Autorin, ein Autor „lektoratsresistent“ ist, dann ist eine professionelle Zusammenarbeit nicht möglich. Für mich ist das immer ein Zeichen, dass ein Autor, eine Autorin sich nicht entwickeln möchte.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

LK: Ich schaue mir das Manuskript genau an, bevor ich einen Lektoratsauftrag annehme. Und ich lehne Texte auch ab; ich lektoriere nicht alles. Für manche Texte bin ich nicht die richtige Lektorin, und für manche Autor*innen ist es sinnvoller, wenn sie sich erst einmal handwerkliches Know-how aneignen, bevor sie mit einer Lektorin zusammenarbeiten.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

LK: Grammatik, Stil, Stimme, alle handwerklichen Aspekte, Plot und Dramaturgie.

Ich merke Rechtschreibfehler an, wenn sie mir auffallen, aber die Rechtschreibkontrolle sollte ein professionelles Korrektorat übernehmen. Da geht es der Lektorin wie dem Autor: Man ist so im Text drin, dass man Rechtschreibfehler nicht mehr sieht.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

LK: Ich habe einen festen Normseitenpreis, und derzeit liegt der bei 5 bis 7 €, je nach Arbeitsaufwand, der in dem Manuskript steckt. Begutachtungen und Coaching berechne ich nach Stunden, mein Stundenhonorar liegt derzeit bei 40 €. Bei der Arbeit an Exposés vereinbare ich meistens einen Pauschalpreis.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

LK: Du meinst den zeitlichen Aufwand? An einem Manuskript von 300 Seiten arbeite ich, je nach Aufwand und ob es zwei Durchläufe, also Struktur- und Sprachlektorat gibt, drei bis vier Wochen.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektorin geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

LK: Nach einem Amerikanistik-Grundstudium in Tübingen bin ich in die USA und habe in Eugene, Oregon, American History studiert. 1990 kam ich zurück nach Deutschland und bin nach Berlin gezogen. Ein paar Jahre habe ich Teilzeit in einer Kreuzberger Kanzlei getippt. Am John-F.-Kennedy-Institut der FU lernte ich 1991 Gabriele Dietze kennen, die damals die Hardboiled-Krimireihe beim Rotbuch Verlag herausgab. Bei Gabi Dietze habe ich das Lektorieren von der Pike auf gelernt, sie war meine Mentorin. Am Anfang war ich für die unverlangt eingesandten Manuskripte zuständig, später habe ich Übersetzungslektorate und einen Teil der Lektorate unserer deutschsprachigen Krimientdeckungen gemacht. Ich war die Lektorin von Roger Fiedler, Rob Alef, Jörg Juretzka und Elisabeth Hermann, die bei Rotbuch „Das Kindermädchen“ veröffentlichte.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

LK:Der Blogger“ von Patrick Brosi, erschienen im Emons Verlag.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten

Impressum  Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

 

Im Lektorat überprüfe ich Plot und Struktur und ich arbeite das Manuskript Satz um Satz, Wort um Wort durch

VG Wort, Selfpublisher und Pseudoverlage

Eigentlich ist es klar. Es gibt Verlage, die Lektorat, Covergestaltung und Satz für ihre Autoren übernehmen. Und es gibt Selfpublisher, Selbstverleger, die ihre Bücher selbst verlegen und Dienstleister bezahlen.

Jetzt hat die Bundesregierung einen neuen Gesetzesentwurf vorgelegt, in dem die Beteiligung der Verlage an den Ausschüttungen der VG Wort geregelt wird. Und hat mit einem Trick alle Selfpublisher zu Verlagsautoren ernannt.

Nach dem geplanten Gesetz entsprechend der EU-Urheberrechtsnovelle sollen diese Dienstleister mit in die Verwertungsgesellschaft VG Wort übernommen werden.

Die VG Wort treibt die Kopierabgabe bei Firmen ein. Hersteller von Kopiergeräten und viele andere Firmen zahlen für die Möglichkeit der Vervielfältigung an die VG Wort. Diese Zahlungen verteilt sie an Autoren und bald wieder an Verlage . Man kann darüber streiten, ob das sinnvoll ist, aber immerhin haben diese echten Verlage Anteil an der Gestaltung und dem Inhalt der Bücher.

Der neue Gesetzentwurf sieht das ganz anders. Er ist ein klarer Kotau vor Dienstleistern wie BoD und Druckkostenverlagen, denen damit der Zugriff auf Beteiligungen der VG Wort gewährt wird. Amazon und andere Dienstleister an Ausschüttungen der VG Wort beteiligen?

Nach dem Entwurf dürfen die Verlage und Urheber vorab vereinbaren, dass die Autorin oder der Autor einen Teil seiner VG Wort Ausschüttung an den Verlag abtritt. Soweit gut. Wenn der Autor dieser Abtretung zustimmt, ist doch alles in Butter, könnte man meinen.

Das Problem ist, dass diese Abtretung in den Standardverträgen steht. Bei großen Verlagen und erst recht bei Dienstleistern und Druckkostenzuschussverlagen haben Urheber keine Chance, dieser Abtretung zu widersprechen. Das erinnert an jene Zeiten vor über fünfzig Jahren, als Autofirmen den Kunden einen Aufschlag auf den serienmäßigen Preis für die Heizung berechneten. Autos ohne Heizung gab es nicht mehr, doch es war eine Gelegenheit, einen niedrigeren Preis in der Werbung zu nennen, auf den dann der Aufpreis für die serienmäßige Heizung aufgeschlagen wurde.

Die VG Wort kann nicht jeden Buchvertrag nachkontrollieren, ob dort der Abtretung zugestimmt wurde. Sprich: Sie wird diese Abtretung in der Regel als gegeben voraussetzen und zahlen.

Still und heimlich haben Dienstleister beschlossen, dass sie Verlage seien und ebenfalls Geld von der VG Wort einnehmen können. Sie treten in der Werbung als Dienstleister auf und schreiben in ihre AGB, dass die Autoren einen Teil der Zahlungen der VG Wort an die Dienstleister abtreten sollen. Wird natürlich nicht an die große Glocke gehängt, sondern steht im Kleingedruckten, eben den AGB, die jeder Kunde dieser Dienstleister unterschreiben muss. Das heißt, dass die Autorinnen und Autoren nicht nur für Ihre Veröffentlichung zahlen dürfen, sondern zusätzlich auch die ihnen zustehende Ausschüttung der VG Wort teilen sollen. Denn gegenüber der VG Wort treten die Dienstleister plötzlich als Verlage auf.

Erhebliche Verschlechterungen für Selfpublisher durch das neue Gesetz

Bisher galt für alle Selfpublisher, dass sie bei der VG Wort anklicken konnten, ob sie die Dienstleister an der VG Wort Ausschüttung beteiligen wollten. Das galt für alle Bücher seit 2012. Da spielten die Verträge, die Abtretungen forderten, keine Rolle.

Das neue Gesetz räumt mit dieser Möglichkeit auf. Es stellt Selfpublisher deutlich schlechter als bisher und ergreift Partei für die Dienstleister. Denn da alle Dienstleister (außer Amazon) die Abtretung in ihren Verträgen fordern, bleibt den Selfpublishern gar keine andere Wahl. Die Autoren stehen mal wieder, wie üblich, im Regen. Sie sind das letzte, das unwichtigste Glied im Markt. Warum auf sie Rücksicht nehmen?

Legal, illegal, scheißegal

Nach den Regeln des Bürgerlichen Gesetzbuches ist es schlicht illegal, solche Abtretungen in den Vertrag zu schreiben. Denn das BGB hat Grenzen gesetzt, was eine Firma in Standardverträge schreiben darf. Und hat auch bestimmt, wann es sich um AGB handelt:

»Die AGB müssen einseitig von dem Verwender gestellt werden. Diese Voraussetzung liegt vor, wenn eine Vertragspartei die Einbeziehung der vorformulierten Bedingungen in den Vertrag verlangt (Palandt/Heinrichs § 305 Rz.10) und sie nicht im Rahmen der Vertragsverhandlungen individuell ausgehandelt werden, § 305 Abs. 1 Satz 3 BGB. Dann nämlich finden die Regelungen des BGB zu AGB keine Anwendung. Aushandeln bedeutet, dass der Kunde zumindest die tatsächliche Möglichkeit hat, auf die gestellten Vertragsbedingungen Einfluss zu nehmen.« https://www.akademie.de/wissen/it-vertraege-recht/grundzuege-des-agb-rechts

Die Verträge der Dienstleister sind eindeutig AGB. Übrigens auch die Verträge vieler großer Publikumsverlage.

In die AGB darf man keine überraschenden Klauseln einsetzen oder gar Dinge schreiben, die dem anderen Vertragspartner zusätzlich Kosten aufbürden. Und genau das ist die Abtretung eines Teils der VG Wort Zahlung.

»Eine Klausel kann eingeschränkt gültig oder unwirksam sein, weil

[…]

die AGB-Bestimmung überraschend ist«

§ 305c BGB schützt den Kunden vor überraschenden Klauseln. AGB-Regelungen, die nach dem äußeren Erscheinungsbild des Vertrages so ungewöhnlich sind, dass ein Kunde nicht mit ihnen rechnen muss, sind unwirksam.« https://www.akademie.de/wissen/it-vertraege-recht/grundzuege-des-agb-rechts

Doch das kümmert viele Dienstleister nicht, auch nicht, dass sie damit die Selfpublisher, also die Selbstverleger, klammheimlich in Verlagsautoren verwandeln.

Begründet wird das damit, dass die Dienstleister ihren Kunden eine ISBN geben. Eine höchst merkwürdige Begründung, ISBN kann jeder kaufen und an seine Kunden weitergeben. Doch das Verlagsrecht gibt ihnen recht, ein Gesetz aus dem Jahr 1901. Das legt fest, dass jede Firma, die Bücher per Vertrag mit den Urhebern vertreibt, ein Verlag ist. 1901 gab es weder Selfpublisher noch Dienstleister fürs Selfpublishing.

Noch schlimmer: Auch Druckkostenzuschussverlage, die den Autoren bereits vier- und fünfstellige Summen für eine Veröffentlichung abverlangen, dürfen nun noch zusätzlich an den Zahlungen der VG Wort partizipieren – so will es der Entwurf der Bundesregierung.

Das neue Wahrnehmungsgesetz

Aufgrund des neuen Wahrnehmungsgesetzes der EU muss die Verlagsbeteiligung bei der VG Wort neu bestimmt werden. Nach dem Entwurf werden Verlage wieder an den Ausschüttungen beteiligt.

Wodurch unterscheiden sich »echte« Verlage von Dienstleistern? Ganz einfach. Sie verlangen keine Zahlungen von den Autoren, sondern bieten Ihnen kostenloses Lektorat, kostenlose Covergestaltung und Satz. Und dementsprechend könnte man es so im Gesetz festhalten.

Eine Formulierung wie »Ausschüttungen von Verwertungsgesellschaften können nur Firmen erhalten, die von Autoren keine Zuzahlungen verlangen und insbesondere keine Zahlungen für Lektorat, Cover und Satz berechnen. Und nur diese dürfen Mitglieder einer Verwertungsgesellschaft werden«.

Das Problem ist, dass die VG Wort nicht einfach Mitglieder entlassen kann und jeden Verlag aufnehmen muss. Deshalb muss ein Gesetz festlegen, wer überhaupt berechtigt ist, Ausschüttungen zu erhalten. Nur Verlage, die kein Geld für die Veröffentlichungen von den Autoren verlangen. Denn die Begründung für die Verlagsbeteiligung ist, dass die echten Verlage mit kostenlosem Lektorat, Covergestaltung und Satz an der Bucherstellung beteiligt sind. Für Dienstleister trifft genau das nicht zu.

Eine gesetzliche Regelung ist also nicht nur möglich, sondern auch unbedingt notwendig.

Was, wenn dieser Entwurf Gesetz wird?

Die VG Wort hat bereits 2012-2016 einen kostspielen Rechtsstreit hinter sich gebracht. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der nächste Prozess so sicher ist wie Schnee auf dem Mount Everest. Zahlungen an Dienstleister, an Pseudoverlage, die erkennbar keinerlei Rechtfertigungen dafür haben, da leckt sich jeder Rechtsanwalt die Finger und der Selfpublisherverband könnte damit sein Image aufpolieren und den Selfpublishern beweisen, wie wichtig die Mitgliedschaft ist.

Außerdem könnte jeder Selfpublisher einen Musterprozess gegen einen Dienstleister mit solchen Vertragsbedingungen führen oder ein Selfpublisherverband einen Musterprozess gegen die unzulässigen Paragraphen in deren Verträgen anstrengen, die mit Sicherheit gewonnen werden. Und es gibt bereits Urteile, dass Druckkostenzuschussverlage nicht als herkömmliche Verlage zu betrachten sind.

Sprich: Wird das Gesetz so verabschiedet, dann wird das zu Prozessen führen, die alle Beteiligten viel Kraft und Geld kosten werden, die Atmosphäre auf dem Buchmarkt vergiften und nur Rechtsanwälte freuen dürfte.

Verdi und der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller hat bereits gegen diesen Gesetzesentwurf protestiert. Er soll die Stellung der Urheber verbessern, aber lässt die Urheber selbst, die Autorinnen und Autoren, im Regen stehen.

Wenn Sie diesen Text für wichtig halten, teilen Sie ihn bitte. Nur dann, wenn er weit verbreitet wird, besteht die Chance, noch auf das Gesetz Einfluss zu nehmen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

Impressum  Datenschutz  Homepage Hans Peter Roentgen Newsletter

VG Wort, Selfpublisher und Pseudoverlage