Überarbeitung und Lektorat: Spannung

Spannung zwingt den Leser, die Leserin dazu, weiterzulesen. Hat der Text keine Spannung, klappt die Leserin ihn zu. Und der Leser auch.
Zwar klappe ich als Lektor den Text nicht zu und maile: „Scheiße, taugt nichts“. Aber ich überlege, wie man mehr Spannung in den Text bringen kann. Dafür gibt es zum Glück einige Techniken.


Mit der spannendsten Szene beginnen


Welche Szene, welche Absätze in dem Text wecken am ehesten Spannung? Das ist oft gerade nicht die erste Szene oder der erste Absatz. Sie können Ihre Geschichte allein dadurch verbessern, in dem Sie alles davor streichen. Werfen Sie den Leser ins Wasser, „So spät wie möglich einsteigen, so früh wie möglich wieder raus“ ist eine sehr hilfreiche Schreibregel.
Der Grund ist einfach: Wer sich zum Schreiben hinsetzt, schreibt sich oft erst mal warm. Und kommt erst danach zu einer spannenden Szene. Beim Hausbau wird erst das Gerüst aufgebaut. Dann beginnt der eigentliche Bau. Wenn der steht, bricht man das Gerüst ab.
Machen Sie es mit Ihrem Text auch so. Streichen Sie die Absätze, mit denen Sie sich erst einmal warmgeschrieben haben. Vielleicht können Sie sie verändert später nutzen? Bewahren Sie sie also auf.


Die Kamera-Distanz

Erinnern Sie sich an spannende Filmszenen. Wie wird dort standardmäßig Spannung aufgebaut?
Erst sehen Sie alles durch die Totale. Damit der Leser weiß, wo er sich befindet.. Dann fährt die Kamera auf die Personen zu, Halbtotale. Dann Nahaufnahme. Und im spannendsten Moment ist die Kamera ganz dicht dran an der Hauptfigur. Die Heldin hat den Tunnelblick und die Leser ebenfalls. Nur noch ein Detail ist wichtig.

Legolas erreichte die Passhöhe, kahl und felsig, immer noch mit Eis bedeckt.
Unten lag das Tal mit der goldenen Stadt, deren Paläste bis hier hoch blitzen.
Plötzlich brüllte etwas auf. Ein riesiges Mammut sprang aus den Felsen auf ihn zu.
Die spitzen Zähne funkelten in der Sonne und das war alles, was Legolas noch sehen konnte
.

Das ist jetzt der Standardaufbau. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Filmsessel und sehen Ihre eigene Szene auf der Leinwand. Wie können Sie mit Distanzwechsel und abschließendem Tunnelblick die Spannung steigern?
Natürlich ist diese Reihenfolge nicht in Stein gemeißelt, aber hilft, wenn die Spannung fehlt, weil die Kamera-Distanz in Ihrer Szene nicht stimmt.
Übung 1
Nehmen Sie Ihr Lieblingsbuch aus dem Schrank. Schauen Sie sich eine spannende Szene darin an. Und schreiben Sie auf, wie dort die Distanz verläüft. Markieren Sie die Stellen mit T (Totale), HT (Halbtotale), N (Nahaufnahme).
Übung 2
Nehmen Sie sich eine Ihrer Szenen vor, die nicht so spannend ist. Markieren Sie auch dort die Kamera-Distanz.
Dann variieren Sie die Kamera-Distanz. Wie ändert sich in der Wirkung? Legen Sie beide Fassungen Testlesern vor. Wie beurteilen diese die unterschiedlichen Fassungen?


Verwandeln Sie sich in die Hauptperson

Hängen Sie sich ein Bild des Schauspielers an den Bildschirm, der die Hauptperson am besten spielen könnte. Notfalls setzen Sie eine Maske auf. Tun Sie alles, damit Sie ganz mit der Person verschmelzen.
Dann schreiben Sie, was diese Person, die Sie jetzt sind, sieht, denkt, erlebt. Was nehmen Sie wahr?
Wenn Sie Legolas sind, werden Sie, sobald das Mammut erscheint, nur noch Augen für dieses Ungeheuer haben. Nicht die bunten Blumen am Wegesrand bewundern, auch nicht die Kritzeleien, die frühere Besucher in die Felsen geritzt haben.

Die Pointe

Spannung funktioniert ähnlich wie Witz. Es genügt nicht, dass man den Witz kennt, man muss ihn auch erzählen können. Es kommt weniger auf das „Was“ an, sondern auf das „Wie“. Manche Autorinnen können selbst eine Telefonliste in eine spannende Lektüre verwandeln und es gibt Erzähler, die mit den ältesten Kamellen Lachsalven ernten.
Witze soll man nicht erklären, sondern direkt auf die Pointe hinsteuern. Das gilt auch für Szenen und Geschichten.
Übung 3
Erzählen Sie die Szene von Aufgabe 1 mit eigenen Worten nach. MusikerInnen lernen dadurch, dass sie bekannte Musikstücke nachspielen, Maler kopieren die Werke anderer, Schachspielerinnen spielen die großen Partien der Meister nach. Warum nicht auch Autoren?

Wann ist ein Text spannend?


Wenn der Leser (oder Zuhörer) unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Wenn die Leserin nicht auf die Toilette geht, bis die Blase fast platzt und sie das Buch mitnimmt. Dann ist ein Buch spannend.
Was heißt: Spannung ist ein Leserphänomen. Der Leser, nicht die Autorin empfindet die Spannung. Deshalb ist es so wichtig, sein Publikum zu kennen. Wenn der Leser nicht mitgeht, dann ist der Text eben nicht spannend.

Der Leser entscheidet

Kurz gesagt, ob eine Geschichte spannend ist, entscheidet der Leser, nicht der Autor und schon gar nicht Literaturwissenschaftler. Wichtig ist allein, ob der Leser „am Ball“ bleibt. Leser sind Masochisten, sie wollen, dass die Autorin sie fesselt und auf die Folter spannt.
Und die spannendsten Szenen sind oft die, bei denen sich die Autorin fragt: Darf ich das überhaupt schreiben? Was werden die Nachbarn denken? Was die Literaturkritik
Ein Autor muss den Mut haben, sich auszuziehen. Wer sich nicht nackt zeigen mag, sollte vom Schreiben wie vom Sex die Finger lassen.

Spannungstypen


Es gibt verschiedene Arten von Spannung:

  • das Rätsel – who did it?
  • Suspense der Leser weiß etwas, dass die Figuren nicht wissen: Unter dem Tisch, an dem die Helden sitzen, liegt eine Bombe, die in zehn Minuten losgeht. „Haut ab“, schreit der Leser, doch niemand hört sein Rufen.
  • Identifikation mit einer Figur, der Leser fiebert, leidet und fühlt mit der Romanfigur mit.

Andreas Eschbachs Spannungslupe


Der Bestellerautor Andreas Eschbach hat Anfang dieses Jahrtausends eine Spannungslupe entwickelt, um Spannung zu erzeugen. Sechs wichtige Eigenschaften machen Spannung aus:

  • Der Leser muss im Ungewissen bleiben. Wenn er Erwartungen aufbaut, denkt, aha, so läuft das, fällt er aus dem Text und klappt das Buch womöglich zu. Folglich sollte es mehrere mögliche Alternativen geben und unklar sein, wie es weitergeht.
  • Der Leser muss orientiert sein, ihm muss klar sein, wo er sich befindet und was passiert – aber nicht klar, wie es weitergeht.
  • Die Geschichte sollte glaubwürdig sein und sinnlich geschildert werden.
  • Der Text sollte sich flüssig lesen lassen und die gewählten Stilmittel sollten zum Text passen.
  • Der Leser sollte einer Figur nahe sein und deren Gefühle intensiv spüren, der Blickwinkel der Figur mit steigender Spannung schrumpfen (Tunnelblick).
  • Der Text sollte ahnen lassen, das da noch etwas kommt – aber nicht was (die Ruhe vor dem Sturm).

Prüfen Sie Ihre Texte anhand dieser sechs Kriterien und erhöhen so die Spannung.
Und wie in der Medizin der alte Satz gilt: „Wer heilt, hat recht“, gilt für die Spannung: „Wer fesselt, schreibt spannend“. Der Autor darf alles – solange er den Leser fesselt.


Spannend Schreiben ist oft schnelles Schreiben


Mitreißende Romane werden oft schnell geschrieben. Simenon konnte einen Roman in elf Tagen schreiben, Stephan King sagt, dass er für seine – wesentlich dickeren Texte – nie mehr als drei Monate braucht, weil er sonst den Text verliert.
Die Autoren tauchen in ihre Figuren ein, sie sind die Figuren, handeln wie diese (Simenon soll seine Frau einmal in einer solchen Phase geohrfeigt haben). Konsalik war bekannt dafür, dass er seine Romane „herunterhaute“ – und die Überarbeitung seiner Lektorin überließ.


Die Dynamik des Schreibens fördert die Spannung.


Während dieser „wahnhaften“ Phase ist der innere Lektor ausgesperrt. Er darf später korrigieren. Ob guter oder schlechter Stil spielt jetzt keine Rolle, jetzt geht es um die Figuren und ihre Geschichten. Mancher Autor veröffentlicht solche Schreibergüsse unkorrigiert, im Glauben, sie seien ohne Überarbeitung besonders authentisch. Doch das stimmt nicht und ich rate jedem davon ab.


Resüme


Ob etwas spannend ist, entscheidet die Leserin oder der Leser. Und wie beim Witz sollte nichts erklärt werden.

Links:

Spannung – der Unterleib der Literatur
Hans Peter Roentgen, ISBN 978-3-734735325,
https://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1/

Andreas Eschbachs über die Überarbeitung:
http://www.andreaseschbach.de/schreiben/10punkte/10punkte.html

Distanz im Film:
https://filmpuls.info/einstellungen-einstellungsgroesse-bildausschnitt/


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