Literaten, Pirincci und die Lust an der Inquisition

Toll, dass Pirinccis Bücher nicht mehr über die Buchvertriebskanäle vertrieben werden, so tönt es jetzt landauf, landab.

Und sie klatschen Beifall, all die Literaten, die vor einem Jahr Amazon noch vorgeworfen haben, es würde Bücher als „nicht lieferbar“ kennzeichnen, aus den Vorschlagslisten entfernen. Von Monopolen wurde damals geredet, dass Eigentum verpflichtet stehe schließlich im Grundgesetz.

Das ist lang her. Heute lieben sie die neoliberalen Ideen. Schließlich hat jede Firma das Recht, zu bestimmen, welche Bücher sie vertreibt und welche nicht. Selbst wenn sie eine Monopolstellung hat, ist das keine Ausnutzung der Monopolstellung. Und niemand muss Bücher vertreiben, die seinen Moralvorstellungen widersprechen.

So hat auch schon jener fundamentalistische Bäcker in den USA argumentiert, der für Homosexuelle keine Hochzeitstorten backen wollen. Erinnert ihr euch?

Margarete Stokowski geht im Spiegel sogar soweit, dass sie Amazon auffordert, alle mißliebigen Bücher, die rechte Inhalte enthalten, aus dem Programm zu nehmen.

Ja, Pirincci hat gehetzt und eine Rede, die die KZs herbeiwünscht oder anderen diesen Wunsch unterstellt, das geht gar nicht. Aber dafür sind in Deutschland Gerichte und Staatsanwälte zuständig, die ihn (hoffentlich) dafür verurteilen werden. In einem Rechtsstaat entscheiden Gerichte, was durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist und was nicht. Und Gerichte entscheiden, welche Bücher nicht vertrieben werden dürfen oder verboten werden. Die Grenzen dafür sind – zum Glück – eng gezogen.

Doch das passt Vielen so gar nicht mehr.

Ich rede nicht von Verlagen, die die Pirinccis Bücher nicht mehr drucken wollen. Ich rede auch nicht von Zeitungen und Newsletter, die sich weigern, Anzeigen dieser Bücher anzunehmen. Das Recht hat natürlich jeder Verlag, jede Zeitung. Denn das ist ganz gewiss keine Zensur.

Aber ich rede von den Vertriebswegen. Wenn Amazon, Libri, Umbreit und die anderen Buchgroßhändler in einer konzertierten Aktion Bücher aus dem Programm streichen. Wir sind so stolz auf unser tolles Buchvertriebssystem, dass eine derartige Vielfalt an Büchern garantiert. Und jetzt klatscht man Beifall, fordert gar, diese einzuschränken? Denn wenn diese Vertriebskanäle gekappt werden, kommt das schon einer Zensur gleich. Auch die DDR unter Ulbricht hatte keine „richtige“ Zensur. Nur erhielten unliebsame Bücher keine Papierzuteilung. Weil es den Papierwerken nicht zumutbar war, solch moralisch fragwürdigen Werke mit Papier zu beliefern.

Wenn jemand der Meinung ist, Pirinccis Katzenkrimi oder seine anderen Bücher seien verfassungsfeindlich, soll er einen Verbotsantrag stellen. Aber nicht die Unterbindung des Vertriebs fordern.

Liebe empörte Autorinnen und Autoren, habt ihr euch mal überlegt, welchen Dampfer ihr jetzt betretet? Auf was ihr da hinsteuert?

Wenn der Vertrieb eines Katzenkrimis unterbunden werden soll, weil der Autor viel später angeblich KZs hat hochleben lassen, dann kann man auch so manches andere aus moralischen Erwägungen aus dem Vertrieb entfernen. Warum nicht die Heideggerbücher bannen? Der Autor war schließlich ein unsagbar furchtbarer Antisemit und hat die Nazis unterstützt. Oder Gottfried Benn, dessen Moral, dessen Loblieder auf den Krieg von den Vertriebsfirmen hoffentlich auch nicht geteilt werden? Mit dieser Buch-Sippenhaft lassen sich sehr viel dünnere Vertriebskataloge erstellen, da bin ich mir sicher.

Und Margarete Stokowski, Sie möchten, dass Amazon seine Buchlisten durchgeht und unliebsames rechtes Gedankengut entfernt? Haben Sie sich das gut überlegt? Welche Bücher werden dann wohl aus den Vertriebskanälen geworfen? Nichts gegen Firmenmanager, aber sind das wirklich die geeigneten Personen, das zu entscheiden?

Es ist eine große Errungenschaft, dass nicht mehr Hofschranzen und Priester entscheiden dürfen, was vertrieben werden darf und was nicht. Sondern ordentliche Gerichte, vor denen Staatsanwälte die Verbotsanträge begründen müssen.

Ich weiß, ich weiß, dass ist Gutmenschen-Theorie. Ich teile ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben geben, dass sie sie äußern dürfen, das ist sowas von veraltet, belehrt uns Liane Bednarz im Rp-Online und alle klatschen Beifall. Und auch sie greift tief in die neoliberale Trickkiste, um zu begründen, dass Monopole tun und lassen dürfen, was sie möchten und niemand sollte ihnen dreinreden.

Good bye, Gutmenschentum, welcome Neoliberal, liebe Autorinnen und Autoren, ist das eure Meinung? Ich erinnere mich, dass wir vor einem Jahr eine Unterschriftenaktion gegen Amazon gestartet haben, weil das Unternehmen seine Monopolstellungen ausnutzte, um Bücher mit getürkten Lieferfristen zu versehen und Empfehlungslisten zu manipulieren. War ein Fehler, ich gebe es zu. Wenn demnächst Amazon Ullstein-Bücher ganz aus dem Programm nimmt, werden wir Beifall klatschen. Firmen dürfen das, dürfen ihr Monopol ausnutzen. Ist schließlich ihr Eigentum.

Rosa Luxemburg soll mal gesagt haben: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“. Ja, ja, ich weiß, Luxemburg war eine Linksradikale, obendrein Kommunistin und überhaupt ist sie völlig out.

Ihr Hans Peter Roentgen

PS: Entgegen den Meldungen hat Amazon Pirinccis Werke weiterhin im Angebot. Sowohl die Katzenkrimis wie die rechten Politikwerke. Und natürlich jede Menge anderer Werke vom rechten Rand.

PPS: Wie ich jetzt gesehen habe, sind Pirinccis Werke jetzt doch von Amazon – zumindest teilweise – entfernt worden. Und ob Pirincci tatsächlich Kz herbeigewünscht hat oder dies nur anderen unterstellen wollte, darüber streiten sich jetzt die Gelehrten. Unsäglich war seine Rede auf jeden Fall.

PPPS: Da man den Satz mit den KZs aus dem Kontext heraus tatsächlich unterschiedlich interpretieren kann, habe ich diese Stelle geändert.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
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Literaten, Pirincci und die Lust an der Inquisition

„Yog’tze“, Kapitel 1

[Der Prolog zu dieser Geschichte wurde im letzten Beispiellektorat vorgestellt]

Etwas reißt ihn aus dem Schlaf. Das Gefühl, unsanft geweckt worden zu sein, umhüllt seinen Körper wie eine kratzige Decke. Er lässt seine Hand auf den Nachttisch patschen. Er tastet nach dem Lichtschalter und knipst die kleine Leselampe an. Seine Finger tasten weiter, bis er den Wecker findet. Das Gesicht im Kissen vergraben, wagt er einen halben Blick in die Realität. Es ist 04:28 Uhr. Das Telefon schrillt. Wer in drei Namen Gottes ruft um diese Zeit an?

»Geh schon ran«, hört er eine Stimme neben sich. Seine Frau klingt, als würde eine Single zu langsam abgespielt werden. »Sonst werde ich noch wach.« Margot hat die Decke bis zu den Ohren gezogen. Ihr Kopf ist tief in ihren Daunen versenkt, so dass er nur ihre blonden Locken sehen kann. Er wischt sich mit der Hand durch sein Gesicht. Es fühlt sich taub an.

»Aber du bist doch schon wach.«

»Richtig wach«, leiert Margot. Sie dreht sich zur Seite und zieht die Decke weiter über ihren Kopf, bis ihr Ohr bedeckt ist. Sie schmatzt. Das macht sie immer, wenn sie kurz davor ist, einzuschlafen. Kurz darauf verwandeln sich die gleichmäßigen Atemzüge in ein leises Schnarchen. Er schüttelt den Kopf. Beneidenswert. Er gähnt, als er seine Decke zurückschlägt. So langsam nervt ihn das Schrillen des Telefons. Bevor er in die Pantoffeln aus Cord schlüpft, schaut er noch einmal zu seiner Frau. Wirklich beneidenswert. Er bleibt auf der Bettkante sitzen, vergräbt seine Stirn in den Händen. Das Telefon ruft unerbittlich. Er saugt die heizungswarme Luft des Schlafzimmers ein und atmet tief aus. Es hilft ja nichts. Er steht auf und schlurft aus dem Zimmer. Im Flur knipst er das Licht an. Das Telefon steht unten, direkt neben der Haustür. Wieder gähnt er. Plötzlich schlägt sein Herz schneller. Seine Müdigkeit gleitet ihm wie ein nasser Mantel von den Schultern. Ein Anruf um diese Zeit kann nur eins bedeuten. Er krallt sich am Geländer fest, als er die Stufen hinunter hechtet. Die letzten beiden Stufen springt er. Das Telefon schrillt. Er streckt die Hand nach dem Hörer aus, reißt ihn von der Gabel. Als er aber die Hörmuschel an sein Ohr führt, hört er einen langen und tiefen Ton. Der Anrufer muss kurz vorher aufgelegt haben. Verdammter Mist. Er starrt den Telefonhörer an, als könnte das grüne Kunststoffteil etwas dafür. Dann legt er den Hörer zurück auf die Gabel. Er lässt sich auf den gepolsterten Hocker nieder, der neben dem Telefontisch steht, kaut an seiner Unterlippe, reißt den Hörer von der Gabel und beginnt die Wählscheibe zu drehen. Nach der Vorwahl hört er auf. Was ist, wenn sie es nicht waren? Würde er sich da nicht lächerlich machen? Als ein Gründgens hat er schließlich einen Ruf zu verlieren. Aber wer sonst könnte es gewesen sein? Um die Uhrzeit. Das Schrillen des Telefons zerreißt wieder die Stille. Er greift wieder nach dem Hörer. »Horst Gründgens.«

»Na endlich.« Die Stimme, die aus dem Lautsprecher dringt, hört sich an, als würde der Mann 60 Camel ohne am Tag rauchen. Was er wahrscheinlich auch macht. »Venghaus hier. Wir haben einen Kalten.«

Einen Kalten? Horst kräuselt seine Stirn. Venghaus macht einen tiefen Lungenzug. Das Knistern des Tabaks dringt durch die Telefonleitung. Erst als Venghaus den Rauch offensichtlich wieder ausatmet, antwortet Horst. »Sie meinen, es gibt einen Mordfall?«

Venghaus lacht. Es klingt, als würde das Lachen über ein Reibeisen kratzen. »So einfach ist das nicht, Gründgensspross.«

Horst knirscht mit den Zähnen. Er umklammert den Telefonhörer so fest, dass die Kunststoffteile aneinanderknacken. »Irgendwelche Details?«

»Sie kommen besser her. Die Sache ist …« Venghaus murmelt etwas, als würde er nach einem Wort suchen. Dazwischen mischt sich Tabakknistern. »Die Sache ist ziemlich mysteriös.«

»Was meinen Sie damit?«

»Kommen Sie einfach her. Ich habe schon einen Streifenwagen zu Ihnen geschickt. Der dürfte in fünf Minuten da sein.«

»Ich brauche aber etwas mehr Zeit.«

Wieder dieses Reibeisenlachen. »Dann beeilen Sie sich besser.« Venghaus legt auf. Horst wirft den Hörer auf die Gabel. »Arschloch.«

Lektorat

 

Wie immer die Frage: Ist das spannend? Und diesmal auch gleich die zweite: Passt es zu dem Prolog, den wir im letzten Tempest analysiert haben?

Ich würde beide Fragen bejahen. Aber der Text enthält auch noch ein paar weitere interessante Details, die ich zuerst anschauen möchte.

         Informationsmanagement

 

Jede Geschichte hat ein „Informationsmanagement“. Dabei geht es darum, wann der Autor welche Informationen streut, wann er etwas andeutet und wann er es auflöst. Und, ganz wichtig: welche Informationen der Leser verstehen kann, ohne dass der Autor sie erläutern muss.

Was verbinden Sie mit dem Namen „Gründgens“, der der Hauptfigur so wichtig ist? Ich verbinde damit „Gustav Gründgens“, den genialen Schauspieler, der zwischen den Zwanziger und Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so berühmt war. Aber ich bin über sechzig. Weiß das auch ein Zwanzig- oder Dreißigjähriger? Ich glaube nicht. Im obigem Text wird nichts darüber gesagt. Außer, dass Horst stolz darauf ist, ein „Gründgens“, ein Nachfahre oder Verwandter, zu sein.

Muss man das nicht erklären? Einen Satz einschieben, um dem Leser, der Gustav Gründgens nicht kennt, einen Hinweis zu geben? Damit alle Leser auf dem gleichen Wissensstand sind?

Im Sachbuch wäre das nötig. Im Roman nicht unbedingt. Denn was hier wichtig ist: Horst ist stolz auf seine Abstammung. Sein Telefonpartner nimmt sie nicht ganz ernst. Was es damit auf sich hat, warum und ob das wichtig werden wird, das erfahren wir später. Dem Leser wird ein Häppchen Information vorgeworfen, das den Appetit anregen soll. Aufs Weiterlesen. Deshalb würde ich hier keine zusätzlichen Erläuterungen einfügen. Später, dort, wo es wichtig ist, wo es Folgen für die Handlung hat, kann man es einflechten. Am besten, der Leser erfährt es durch Handlung, nicht durch Erklärungen des Autors oder gar durch einen Infodump, der uns alles über Gustav Gründgens aufzählt und den Leser sanft entschlafen lässt.

„Säen und Ernten“ nennt sich diese Technik. Der Autor erzählt seine Handlung, es geschieht etwas, das offen bleibt. Später wird es wichtig, und der Leser erinnert sich.

Ach übrigens, wann spielt die Geschichte? Was glauben Sie?

Im Text ist die Rede von einem grünen Telefon mit Wählscheibe, das fest angeschlossen ist. Das heißt, wir sind wenigstens 30 Jahre in der Vergangenheit. Aber auch nicht viel mehr, denn die Post hatte damals das Fernsprechmonopol. Nur sie durfte Telefone anschließen und verkaufen. Und es dauerte einige Zeit, bis sich der gelbe Riese dazu durchgerungen hatte, farbige Telefone zu verkaufen.

Auch das werden jüngere Leser nicht so genau wissen. Aber dass dieses Telefon kein Telefon der Jetztzeit ist, dürfte jedem Leser klar sein. Wir befinden uns also in der Vergangenheit. Mehr muss man an dieser Stelle noch nicht erfahren. Geschichten sind wie Zwiebeln. Nach und nach schält sich Schale für Schale ab und gibt das Geheimnis preis.

         Verfremdungen

 

Was fällt an dem Text noch auf? Ist es ein klassischer Krimi-Einstieg, wie Sie sie kennen?

Ja und Nein. Ja, es gibt einen Anruf, ein Mord ist geschehen, und der Held wird zum Tatort gerufen.

Aber üblicherweise ist es der Kommissar, der den Ruf zur Aktion erhält. Ist Horst Gründgens ein Kripobeamter? Ich vermute nicht. Denn der Anrufer klingt nicht so, als ob er einen Kollegen alarmiert. Andererseits, wen würde man sonst zum Tatort rufen? Ich weiß es nicht. Wenn ich es wissen will, muss ich weiterlesen. Ein Krimi-Einstieg, der sich einerseits an die Standarderöffnung hält, aber andererseits mit ungewöhnlichen Elementen aufwartet, wirft Fragen auf. Und verlockt zum Weiterlesen.

         Namen und Personen

 

Erinnern Sie sich, wann Sie den Namen des Protagonisten im Text erfahren haben?

Sehr spät. Anfänglich wird nur von „er“ gesprochen. Der dritte und vierte Satz beginnen mit „er“. Den Namen der Ehefrau erfahren wir viel schneller: Margot.

Was hat das für Folgen, wenn Sie dem Helden keinen Namen geben? Er wirkt distanziert, wenig lebendig. Anonym eben. Die Figur bleibt undeutlich.

In literarischen Texten kann das wirken, wenn dieser Effekt gewünscht ist. Aber auch dort ist es oft Manierismus, der Autor möchte sich seine Person vom Leibe halten. Entweder, weil er sie selbst noch nicht so gut kennt. Oder weil ihn die Nähe beunruhigt.

In Krimis oder anderen Genreromanen ist das keine gute Idee. Die Person verschwimmt im Anonymen, der Leser nimmt sie nur im Nebel war. Und in diesem Text sehe ich keinen Grund, den Namen nicht im ersten Absatz zu nennen. Eventuell nur „Horst“, dann würde „Gründgens“ erst später offenbart. Oder gleich: „Etwas reißt Horst Gründgens aus dem Schlaf.“ Setzen Sie diesen Namen in den Anfang ein, und lesen Sie dann den Text noch mal. Was hat sich verändert? Die Person ist dem Leser jetzt näher.

         Tempo

 

Auffällig ist die lange Zeit, die Horst Gründgens herumtrödelt, obwohl er mittlerweile wach geworden sein dürfte. Aber nichts beunruhigt ihn. Und dann, ganz plötzlich, fällt es ihm auf den letzten Treppenstufen ein.

Wenn das so wichtig ist, dann ist das ziemlich spät und sehr unvermittelt. Da könnte man sich das Tempo noch einmal genau ansehen, mit Horst mitgehen und erleben, wann ihm der Gedanke kommt, dass es wichtig sein könnte. Und wie er wann reagiert.

         Der Prolog

 

Im letzten Tempest hatte ich den Prolog besprochen. Und die Frage offengelassen, ob er zu dem Text passt. Was meinen Sie? Passt der Prolog mit den Chinesen, mit der Erkenntnis, dass die Person sterben wird, zu diesem ersten Kapitel?

Ich finde ja. Auch der Einstieg des ersten Kapitels enthält keine große Action. Aber er wirft Fragen auf. Und er bietet einige gute Beschreibungen, gibt also wie der Prolog eine Erzählstimme vor. Wir ahnen, worauf wir uns bei diesem Roman einlassen werden.

Nicht jedem gefällt dieser Stil. In der Diskussion um den Prolog hatte sich gezeigt: Einigen gefällt das. Anderen nicht.

Aber Romane, die jedem gefallen, gibt es nicht. Selbst absolute Bestseller wie „Harry Potter“ oder literarische Highlights wie „Die Blechtrommel“ haben auf Amazon Verrisse erhalten. Erfolgreiche Bücher haben eins gemeinsam: Sie spalten. Sie finden begeisterte Anhänger, aber ebenso entschiedene Ablehnung. Ein Grund, warum sich Autoren nicht über Verrisse ärgern sollten. Leicht gesagt, ich weiß. Jeder Verriss ist hart. Aber schlimmer als jeder Verriss sind Rezensionen im Stil: „Ganz nett.“ Bücher, gegen die man nichts sagen kann, außer, dass man sie sofort vergisst.

         Originelle Bilder

 

Wir sollen neue Bilder und Metaphern wählen, das finden Sie als Forderung in allen Schreibratgebern. Aber auch Deutschlehrer, Literaten und Germanisten sagen das – einer der wenigen Fälle, in denen sich beide Gruppen einig sind.

Wie jede Schreibregel hat auch diese Nebenwirkungen. Ja, originelle Bilder und Metaphern sind gut, besser als abgenutzte Klischees. Aber die Dosis macht das Gift. Zu viel eingesetzt, wirkt der Text schnell maniriert. Zu viele Klischees, und der Text wirkt altbacken. Die Dosis macht das Gift.

Ganz ohne Klischees kommt wohl kaum ein Text aus. Manchmal läuft einem eben ein Schauer den Rücken hinab, ist der Held grün hinter den Ohren, der Wagen eine lahme Ente. Die Mischung machts. Folgen zu viele ungewöhnliche Formulierungen aufeinander, können sie den Leser aus dem Text werfen, und ihre Wirkung hebt sich gegenseitig auf. Wenn Sie zwischen den neuen Bildern Raum lassen, wirken sie besser, bleiben eher im Gedächtnis.

Und neue Bilder und Metaphern können stören. Wenn sie nicht passen. Wenn sie zu ungewöhnlich sind.

Logisch allerdings müssen sie nicht sein, auch wenn das oft gefordert wird. „Seine Müdigkeit gleitet ihm wie ein nasser Mantel von den Schultern“, das ist logisch nicht korrekt, ein nasser Mantel gleitet nicht leichter von den Schultern als ein trockener. Man muss erst mal aus den Ärmeln schlüpfen, sonst klappt das mit dem Hinabgleiten nicht, selbst wenn der Mantel klitschnass ist. In diesem Falle würde er sogar eher haften als ein trockener. Aber es kommt hier nicht auf die Logik an, sondern auf die Wirkung. Ich würde den nassen Mantel stehen lassen. Doch das ist eine Einschätzung, die von Leser zu Leser unterschiedlich sein dürfte.

Das Gefühl, unsanft geweckt worden zu sein, umhüllt seinen Körper wie eine kratzige Decke“, da hat mich dagegen die kratzige Decke gestört und keine Bilder geweckt.

Welche ungewöhnlichen Bilder würden Sie stehen lassen, welche streichen? Das ist eine gute Gelegenheit, ihren Stil zu trainieren. Ich habe einige aufgelistet:

„Das Gefühl unsanft geweckt worden zu sein, umhüllt seinen Körper wie eine kratzige Decke“

„… wagt er einen halben Blick in die Realität“
„Seine Frau klingt, als würde eine Single zu langsam abgespielt werden.“
„… vergräbt seine Stirn in den Händen“
„Er saugt die heizungswarme Luft des Schlafzimmers ein“
„Seine Müdigkeit gleitet ihm wie ein nasser Mantel von den Schultern“
„Die Stimme, die aus dem Lautsprecher dringt, hört sich an, als würde der Mann 60 Camel ohne am Tag rauchen“
„Es klingt, als würde das Lachen über ein Reibeisen kratzen.“

Sie sehen aber auch aus dem Text, dass ungewöhnliche Bilder einem Text Spannung verleihen können. Ich würde deshalb die meisten stehen lassen, nur die Vielzahl etwas beschneiden. Denn neue Bilder, gut gewählt und eingesetzt, würzen einen Text und können aus einem faden Allerweltseintopf ein würziges Gericht zaubern.

Und wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
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„Yog’tze“, Kapitel 1

Prologe – Wann sie nützen, wann sie schaden

„Die kleinen Jungs waren die Ersten, die zum Richtplatz kamen“ beginnt der Prolog zu „Die Säulen der Erde“. Ein wunderbarer Roman, ein spannender Prolog. Leider sind längst nicht alle Prologe so eindrücklich. Im Gegenteil, 90% derer, die ich lesen muss, wären besser weggelassen worden.

Gehe ich durch meine Bücher, so stelle ich fest: Die Romane aus den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigen haben selten Prologe. Horst Pahlke hat dies in seinem Blog beschrieben.

Aber heute haben Romane fast immer einen Prolog, zumindestens Genreromane. Von den fünf Finalisten des Amazonbuchpreises Storyteller glänzen drei mit einem Prolog, einer mit einem Vorwort. Nur einer springt direkt in die Geschichte. Es ist der Beste der Leseproben – meint Malte Bremer vom Literaturcafe und ich meine das auch. Die anderen haben ihren Werken mit dem Prolog nichts Gutes getan. Ganz im Gegenteil. Wohlgemerkt: Wir beide haben nur die Leseproben gelesen, den Anfang der Geschichten.

Was ist eigentlich ein Prolog? Ganz einfach: Etwas, das lange vor der eigentlichen Geschichte passiert ist, aber Einfluss auf diese hat. Der Prolog aus „Die Säulen der Erde“ ist ein Musterbeispiel. Und er zeigt auch, was ein Prolog haben muss, damit er den Leser fesselt. Handlung und Spannung.

Wann ist ein Prolog sinnvoll?

Wenn Sie eine Szene oder ein Ereignis haben, das vor der eigentlichen Geschichte liegt, das den Leser fesseln kann, dessen Bedeutung sich aber erst im Laufe der Geschichte zeigt, dann kann ein Prolog sinnvoll sein.

Welche Prologe sind abschreckend?

Viele Autoren glauben heute, dass sie einen Prolog schreiben müssen, sonst sei das Buch nicht gut. Irrtum. Und damit sind wir gleich bei der ersten Sorte von Prologen, die Sie besser streichen sollten:

  • Wenn Sie sich verzweifelt überlegen, was für einen Prolog Sie schreiben sollten
    Das ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass Ihre Geschichte keinen braucht. Lassen Sie ihn also weg. Es gibt unendlich viele hervorragende, erfolgreiche Romane ohne Prolog.

Natürlich gibt es auch eine ganze Reihe weiterer Fälle, bei denen die Delete Taste für den Prolog das Mittel der Wahl ist:

  • Wenn der Autor glaubt, er müsse dem Leser vorab etwas zur Geschichte erklären.
    Eine Geschichte muss sich selbst erklären. Tut sie das nicht, taugt sie entweder nichts oder muss so überarbeitet werden, dass sie ohne Voraberklärungen des Autors den Leser in Bann zieht.
  • Wenn der Autor ein Vorwort schreiben will
    Vorworte sind eigentlich keine Prologe, aber dennoch ist manches, wo „Prolog“ drübersteht, ein Vorwort. Viele glauben, dass ihr Roman mit einem Vorwort besser und bedeutungsvoller wird. Das stimmt für Sachbücher. Nicht für Romane. Wie Sie auf die Idee zu Ihrer Geschichte gekommen sind, warum Sie sie geschrieben haben, welche historische Hintergründe der Roman hat, weiterführende Literatur: All das dürfen Sie in einem Nachwort erläutern. Denn wenn den Lesern eine Geschichte gefallen hat, dann interessieren sie sich brennend für den Autor, die Entstehungsgeschichte, die Hintergründe.
    Aber erst dann. Solange Ihre Leser die Geschichte nicht kennen, langweilen alle diese Informationen. Also packen Sie diese Infos in ein Nachwort und streichen Ihren Prolog bzw. Ihr Vorwort.
  • Wenn der Autor die Geschichte mit Bedeutung aufladen will
    Deutschlehrer lieben es, die Bedeutung einer Geschichte ausführlich zu diskutieren. In Aufsätzen werden Schüler darauf gedrillt. Also sollte Ihre Geschichte auch Bedeutung haben und schon setzen Sie sich hin und formulieren all das, an das Sie sich aus dem Deutschunterricht noch erinnern können, in Ihrem Prolog. Da werden bedeutungsschwangere Sätze gedrechselt, bombastische Formulieren sollen die Geschichte mit Bedeutung aufladen. Oft produziert so etwas unfreiwilligen Humor. Und verbessert ihre Geschichte nicht, sondern qualifiziert sie ab. Schauen Sie sich die Verrisse von Malte Bremer von vier Finalisten des Amazon Preises mit Prologen an. Genüsslich zerfetzt er Zitate – fast alle stammen aus solchen Prologen.
    So manche gute Geschichte wurde durch einen solchen Versuch schon verhunzt. Der Leser stieg aus, bevor er zu dem spannenden Text in Kapitel 1 gelangen konnte.
  • Wenn der Autor seiner Geschichte nicht traut
    Autoren zweifeln gerne an Ihren Geschichten. Und dann wollen sie auf Nummer sicher gehen und schreiben einen Prolog. Aber wenn die Geschichte den Leser nicht fesselt, nützt der beste Prolog nichts. Dagegen kann ein schlechter, langweiliger Prolog einer guten Geschichte erheblich schaden.
  • Der Prolog soll in die Geschichte einführen
    Mit einem Prolog will der Autor den Leser in die Geschichte einführen, ihm die Schwierigkeiten und Persönlichkeit des Helden vorstellen. Aber den Held und sein Umfeld erfährt der Leser durch die Handlung, die Dialoge der Geschichte. Das ist viel spannender.
    Denken Sie daran: Eine gute, alte Schreibregel vieler erfolgreicher Autoren lautet:
    So spät wie möglich in die Geschichte einsteigen und den Leser sie erleben lassen. Nicht erklären.
    Sol Stein sagt in seinem Standardwerk „Über das Schreiben“, Kap 2: „Wer auf die Veröffentlichung seines Werks Wert legt, ist gut beraten, eine Szene an den Anfang zu stellen, die sich der Leser plastisch vorstellen kann. An welcher Stelle lässt man diese Szene beginnen? So dicht wie möglich an ihrem Höhepunkt“ (Kap 2)
    Wenn ein Prolog ein Infodump ist, hilft nur eins: ran an die Delete-Taste!

Sie sehen, ich bin skeptisch, was die Verwendung von Prologen angeht. Aber ich weiß auch, dass es hervorragende Prologe gibt. Nur ist der Prolog ein Handwerkszeug, das man dann verwenden sollte, wenn es passt. Und nicht im Überfluss nach dem Motto: Viel hilft viel.

Der Prologtest

Drucken Sie die ersten beiden Seiten Ihres Prologs und ihres ersten Kapitels aus, aber ohne die Überschrift „Prolog“ oder „1. Kapitel“. Legen Sie ihn Testlesern Ihres Genres vor, die ihren Text noch nicht kennen. Und fragen Sie: „Welcher Text lockt Sie am meisten, weiterzulesen?“

In Buchhandlungen lesen die Kunden die erste Seite, dann klappen sie das Buch zu – und gehen zur Kasse oder legen es weg. Das ist gut untersucht. Im Internet dürfte es nicht anders sein, nur dass dort die Leseprobe gelesen wird.

Natürlich wollen wir alle, dass unsere Texte gelesen werden. Und die entscheidende Frage ist: Lockt der Prolog den Leser? Ich habe oben die Fälle aufgezählt, in denen er das vermutlich nicht schaffen wird.

Wenn der Prolog kein Prolog ist

Im Prolog wird der Mord geschildert aus der Perspektive des Opfers oder des Täters. Kapitel 1 zeigt den Kommissar am Tatort.

Eigentlich ist der Mord kein Prolog, sondern das Ereignis, dass die Geschichte (Wer war der Täter?) in Gang setzt. Dennoch wird gerne das erste Kapitel zum Prolog erklärt, weil Autoren argumentieren, dass der Mord aus einer anderen Perspektive erzählt wird als der Rest der Geschichte.

Aber Leser sind nicht dumm. Zwischen zwei Kapiteln die Perspektive zu wechseln, ist mittlerweile üblich. Gönnen Sie dem Anfang Ihrer Geschichte die Überschrift „Kapitel 1“.

Epilog

Müssen sie einen Epilog schreiben, wenn Sie einen Prolog geschrieben haben?

Und was ist überhaupt ein Epilog?

Ein Epilog ist eine Handlung, die nach der Geschichte stattfindet. Wenn der Showdown vorbei ist, der Held gesiegt oder verloren hat, der Konflikt aufgelöst wurde. Nachdem Kampf zwischen Harry Potter und Voldemort gibt es eine kurze Szene mit dem erwachsenen Harry Potter, der ein ganz normales Familienleben führt und seine Kinder auf den Bahnsteig 9 ¾ begleitet.

Sie dürfen einen Epilog schreiben, ganz egal, ob ihre Geschichte einen Prolog hat oder nicht. Sie müssen aber keinen Epilog schreiben, nur weil am Anfang ein Prolog steht. Und sie können Ihren Roman ganz ohne Prolog und Epilog verfassen.

Dank

gebührt Allen, die in der FB Gruppe Self Publishing über Prologe diskutiert haben. Dieser Artikel wäre ohne eure Beiträge mit Pro und Contra nie entstanden!

Links

Stephan Waldscheidt, So schreiben Sie einen Prolog und so lassen Sie ihn weg
Annika Bühnemann, Kritik an der Kritik
Ken Follett, Die Säulen der Erde, Leseprobe mit Prolog
Die Shortlist von Amazons Buchpreis Storytellers
Das Literaturcafe, Malte Bremer, Ein Blick auf die Shortlist
Sol Stein, Über das Schreiben, Kap 2
Beispiellektorat eines Prolog


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

Prologe – Wann sie nützen, wann sie schaden