Klappentextlektorat Oktober 2018

Der Plot

Erste Fassung:

Wie ferngesteuert berühren Max´ Finger die Tastatur. Buchstaben bilden Wörter, Wörter verketten sich zu Sätzen. Sätze, die bereits zwei Menschen den Tod gebracht haben.

Wie viele noch? 

Die Mordopfer in Max´ Auftragskrimi sterben in Wirklichkeit, und er weigert sich, weiterzuschreiben.
Dann verschwindet seine Tochter …

Immer tiefer verstrickt sich Max in das Netz eines unsichtbaren Feindes. Bis ihm klar wird, dass der Horror mit dem letzten geschriebenen Satz nicht endet, sondern erst beginnt.

Lektorat, erste Fassung

Dieser Klappentext beginnt mit einem Zitat aus dem Manuskript. Der Inhalt des Zitats verweist auf den Konflikt – die Sätze von Max bringen Menschen den Tod. Dennoch wirkt das Zitat nicht wirklich gut. Denn dass Buchstaben Wörter bilden, Wörter sich zu Sätzen verketten, ist zwar richtig, wirkt aber nicht spannend. Diesen Teil des Zitats würde ich kürzen.

Im zweiten Teil des Klappentextes wird der Konflikt verschärft. Max weigert sich, weiterzuschreiben. Und dann verschwindet seine Tochter.
Das würde ich schärfer formulieren:

Dann wird seine Tochter entführt.

Der letzte Satz ist lang, enthält Überflüssiges und wirkt deshalb schwach. Kürzer wäre er knackiger:

Doch mit dem letzten geschriebenem Satz endet der Horror nicht, sondern …

 Klappentext, zweite Fassung:

Wie ferngesteuert berühren Max´ Finger die Tastatur. Buchstaben bilden Wörter, Wörter verketten sich zu Sätzen. Sätze, die bereits zwei Menschen den Tod gebracht haben.

Wie vielen noch?

 Der erfolglose Krimiautor Max Delius erhält den Auftrag, einen Bestseller zu verfassen, genau nach vorgegebenem Plot. Noch während er schreibt, sterben die ersten Mordopfer in Wirklichkeit.

Nachdem er sich weigert, weiterzuschreiben, gerät seine Tochter in die Macht eines unsichtbaren Feindes. Max muss das Werk vollenden, sonst stirbt sie.

Beim nächsten Anschlag fliegt unverhofft der Killer auf, und das Unvorstellbare geschieht: Max wird als Hauptfigur in die eigene Geschichte hineingezogen.

Lektorat, zweite Fassung

Auch die zweite Fassung beginnt mit dem Zitat. Danach wird es anschaulicher, weil diese Fassung Max Delius vorstellt und warum er den Thriller schreibt. Ich würde hier das Wort „Thriller“ verwenden, „Bestseller“ ist nichtssagender und sie sind vor allem nicht planbar. bei einem Thriller erwartet jeder Morde – allerdings nur auf dem Papier.

Im zweiten Absatz stört mich die „nachdem“-Konstruktion. Klappentexte lieben kurze Sätze und sollten die Dinge auf den Punkt bringen (außerdem heißt es hochsprachlich „als“). „Gerät in die Macht eines unsichtbaren Feindes“ klingt harmloser als „wird seine Tochter entführt“. Letzteres weckt mehr Emotionen beim Leser.

Der letzte Absatz ist wieder sehr aufgebläht mit Informationen. Der Killer fliegt auf, und Max wird in seine eigene Geschichte hineingezogen. Außerdem ist „das Unvorstellbare geschieht“ inhaltsleer und unanschaulich. Das ginge kürzer und spannender: „Und dann wird Max zur Hauptfigur der eigenen Geschichte …“

Vorschlag neue Fassung

Bei Klappentexten wie bei Romanen gibt es keine „richtige“ und „falsche Lösung“. Man hat immer unterschiedliche Möglichkeiten und kann auswählen, welche am besten zum Buch passt und den Leser reizt, das Buch aufzuschlagen.

Mehrere Fassungen sind immer eine gute Idee, um einen spannenden Klappentext zu schneidern. Hier ist mein Vorschlag, zusammengesetzt aus den beiden Fassungen:

Max´ Sätze haben bereits zwei Menschen den Tod gebracht.

Der erfolglose Krimiautor Max Delius erhält den Auftrag, einen Thriller zu verfassen. Und während er schreibt, sterben die Mordopfer nicht nur auf dem Papier, sondern auch in Wirklichkeit.

Er weigert sich, weiterzuschreiben.

Daraufhin wird seine Tochter entführt.

Max muss sein Werk vollenden, sonst stirbt sie.

Und der Horror endet nicht mit dem letzten geschriebenen Satz.

Hier habe ich die Info, dass er selbst in die Geschichte hineingezogen wird, weggelassen. Das wäre ein zu großer Spoiler. Die Entführung der Tochter und die Morde in der Wirklichkeit bieten genügend Spannung und lassen den Konflikt deutlich werden. Mehr braucht es nicht.

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Klappentextlektorat Oktober 2018

Klappentextlektorat August 2018

Schnappt Shorty

(c) Elmore Leonard

Palmer hat schlechte Karten und die falschen Leute im Nacken, aber einen ehrgeizigen Plan: Er will das ganz große Geld machen. Zimm hat sich nie als großes Regietalent erwiesen, besitzt aber das heißeste Drehbuch des Jahres. Weir, genannt Shorty, hat noch jeden Film zum Erfolg gemacht, nur dass er diesmal mitspielen will …

Eigentlich beginnt alles ganz harmlos mit dem Diebstahl einer Lederjacke aus einer Restaurantgarderobe in Miami. Chili Palmer, ein kleiner Kredithai und Schuldeneintreiber, hat sie dort abgegeben und ein Kerl namens Ray Bones ist mit ihr klammheimlich verschwunden. Also besorgt sich Chili seine Jacke wieder, nicht ohne Bones dabei einen nachhaltigen Denkzettel zu verpassen.

Lektorat

Ein klassischer Aufbau des Klappentextes. Erst werden drei Figuren vorgestellt. Jeder in ein, zwei Sätzen, ein Schnappschuss. Die gute, alte Dreierregel, drei ist eine magische Zahl.

Die Drei sind sicher nicht die Personen, die wir uns als Nachbarn oder Freunde wünschen, aber wir ahnen bei jeder, dass es Probleme geben wird. Und die würden wir gerne erfahren und wie sie sich da herauswinden – oder eben auch nicht.

Gute Bücher leben von faszinierenden Figuren. Sie müssen nicht notwendig sympathisch sein – wer findet Kannibalen wie Hannibal Lecter schon sympathisch? -, aber sie müssen eine faszinierende Geschichte versprechen. Damit Figuren faszinieren, reicht es nicht, etwas zu behaupten. „Palmer ist ein kleiner Geldeintreiber, den brutale Mafioso verfolgen“ reizt so wenig zum Lesen wie „Zimm ist ein drittklassiger Regisseur, der ein gutes Drehbuch besitzt“.

Der zweite Abschnitt erzählt uns, was die Geschichte in Gang setzt. Chili Palmer, der kleine Mafiosi und Geldeintreiber, hat seine geliebte Lederjacke im Restaurant abgegeben und ein anderer ist damit verschwunden. Er holt sie sich wieder und verpasst dem Dieb eine Abreibung. Der wird das nicht auf sich sitzen lassen, ahnen wir. Auch hier steht das, was den Leser interessiert, nicht im Text, sondern zwischen den Zeilen. In Mafiosi Kreisen nimmt man sowas nicht einfach hin. Wie geht es weiter, das ist die Frage. Aber sie steht nicht platt im Text – „Wird Ray sich rächen?“ –, sondern zwischen den Zeilen. Der Text überlässt es dem Leser, sich diese Frage zu stellen.

Was können wir daraus lernen?

Ersten, dass es immer gut ist, etwas zwischen den Zeilen stehen zu lassen. Wer einen Witz erklärt, hat schon verloren und wer im Klappentext alles dem Leser erklärt, auch. Spannung lebt von dem, was nicht im Text steht, dort aber angedeutet wird. Nicht anders als im Witz.

Zweitens, spannende Geschichten und erst recht spannende Klappentexte leben von faszinierenden Figuren mit ungewöhnlichen Problemen. Der Nachbar, der so sympathisch ist und dessen größtes Problem darin besteht, dass er nie im Lotto gewinnt, eignet sich da nicht.

Drittens, „Show, don`t tell“. Nicht gerade neu, aber man kann es nicht oft genug wiederholen. Anschaulich erzählen, im Leser Bilder und Szenen entstehen lassen, so dass er wissen will: Wie geht es weiter?

Viertens: Auch und gerade im Klappentext kommt es auf Stil und Formulierung an.

Leonard ist in den USA einer der ganz großen Thrillerautoren, viele seiner Bücher wurden verfilmt, so auch „Schnappt Shorty“. Leider ist das Buch im Moment bei Rowohlt nicht mehr erhältlich, was ich nicht verstehe. Bei Ebay, Amazon und anderen Anbietern bekommt man es aber billig gebraucht. Und das Buch ist so spannend wie der Klappentext.

Das wäre das Fünfte, das wir daraus lernen können: Es ist sehr viel einfacher, aus einer tollen Story mit faszinierenden Figuren einen Klappentext zu schneidern als aus einer lahmen. (aus: tempest 08/2018)

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Klappentextlektorat August 2018

Klappentextlektorat Mai 2018

Seekoller – Eine Bodensee-Miami Krimikomödie

(c) Christiane Kördel

Mehrere Fassung zu erstellen, ist immer eine gute Idee, wenn man einen Klappentext entwickelt. Hier kommen drei Fassungen für eine Roman. Nehmen Sie den Stift zur Hand und notieren Sie, was Ihnen dazu einfällt. Folgende Fragen sind bei einem Klappentext wichtig:

– Wird klar, worum es in dem Buch geht?
– Spiegelt sich die Atmosphäre des Buches im Klappentext?
– Verlockt es die Leser dieser Art Bücher, das Buch aufzuschlagen?

Version 1a

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Kopfkino und Krimilaune in Konstanz am Bodensee und Miami am Atlantik.

Ines Fox hat den bildschönen Bodensee satt und muss mal raus. Als ihr Urlaubsbeginn mit einem Doppelmord zusammentrifft, schmeißt sie ihre Pläne über den Haufen. Dringender wird: Warum bringt jemand amerikanische Flitterwöchner in einer Fahrradrikscha auf der Konstanzer Promenade um?

Die Heldin mit Hund hat Blut geleckt und fliegt kurz entschlossen nach Miami, um dort zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia nur, um festzustellen, dass das gefährlich ist. Und nicht nur für sie. Ist es das wert? Und wie kommt man aus so einem Schlamassel wieder heraus?

Ines Fox‘ dritter Fall, locker mit Freude am Wortwitz erzählt. Ein humorvoller Krimi, der sich nicht immer wie einer anfühlt.

Version 1b

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Ein humorvoller Krimi. Kopfkino und gute Laune in Konstanz am Bodensee und Miami am Atlantik.

Die eigensinnige Ines Fox, der die Bodenseedecke auf den Kopf fällt. Ihr norddeutscher Freund Dr. Frieder, der lieber heute als morgen in der Rechtsmedizin Mordfälle lösen will. Und amerikanische Flitterwöchner, die aussehen wie Barbie und Ken und tot in einer Konstanzer Fahrradrikscha sitzen. Beste Zutaten für einen Sommeranfang à la Ines Fox.

Ines fliegt kurz entschlossen nach Miami, um zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia und bringt überraschend ans Licht, dass das gefährlich ist. Und nicht nur für sie. Ist es das wert? Wie kommt man da wieder heraus?

Der dritte Fall der Ines Fox, locker mit Freude am Wortwitz erzählt. Ein humorvoller Roman, der sich nicht immer wie ein Krimi anfühlt.

Version 1c

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Amerikanische Flitterwöchner, die aussehen wie Barbie und Ken und tot in einer Konstanzer Fahrradrikscha sitzen. Die pathologisch neugierige Ines Fox, der die Bodenseedecke auf den Kopf fällt. Und ihr norddeutscher Freund Dr. Frieder, der lieber heute als morgen in der Rechtsmedizin Mordfälle lösen will. Beste Zutaten für einen rasanten Sommeranfang à la Ines Fox.

Ines fliegt kurz entschlossen nach Miami, um zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia und bringt überraschend ans Licht, dass das gefährlich ist. Und nicht nur für sie. Ist es das wert? Wie kommt man da wieder heraus, aus dem Schlamassel und dem Land?

Ines Fox‘ dritter Fall, locker mit Freude am Wortwitz erzählt. Ein humorvoller Roman, der sich nicht immer wie ein Krimi anfühlt. Kopfkino und gute Laune in Konstanz am Bodensee und Miami am Atlantik.

Lektorat

Alle drei Fassungen stellen dar, worum es in dem Buch geht. Zwei Flitterwöcher, die aussehen wie Barbie und Ken sitzen tot auf der Bodenseepromenade in einer Fahrradrikscha. Und mit dem Urlaub von Inex Fox ist es Essig, stattdessen ermittelt sie in Miami bei der Mafia und das kann sehr ungesund sein.

Das sollte immer der erste Schritt beim Entwurf eines Klappentextes sein: Festlegen, worum es geht.

Atmosphäre

Kommt die Atmosphäre des Buches in den verschiedenen Fassungen herüber?

Nur bedingt. Zwar sagen die Texte, dass es ein humorvoller Krimi mit Wortwitz ist, aber das wird behauptet. Im Text selbst spielt Wortwitz kaum eine Rolle.

Ines fliegt kurz entschlossen nach Miami, um zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia nur, um festzustellen, dass das gefährlich ist. Und nicht nur für sie. Ist es das wert? Und wie kommt man aus so einem Schlamassel wieder heraus?

Das könnte man mit mehr Witz und Understatement formulieren:

Ines fliegt kurz entschlossen nach Miami, um zu ermitteln. Doch die Mafia ist über den Besuch aus Deutschland gar nicht begeistert.

Damit hätten wir die Gefahr nicht benannt – aber jeder Leser assoziiert aus dem Satz: Oh, das wird gefährlich werden.

Die dreier Regel

Was haben Fassung 1b und1 c gemeinsam?

Es werden drei Personen vorgestellt. Ein bewährtes Muster bei Klappentexten: Stelle in jeweils einem kurzem Satz drei Personen mit ihrem jeweiligen Problem vor.

Hier funktioniert das nicht so richtig. Warum?

Die Dreier Regel ist eine gute Möglichkeit, Spannung im Thriller zu erzeugen. Hier haben wir aber einen witziger Krimi. Und die drei Personen sind nicht so eindrücklich, dass sie den Leser packen.

Dr. Frieder, der lieber heute als morgen in der Rechtsmedizin Mordfälle lösen will«, stellt zwar Frieder vor, aber in der Rechtsmedizin Leichen aufzuschneiden, klingt nicht sehr gefährlich oder gar existenziell für den Doktor.

Der Anfang

Die drei Fassungen haben alle den gleichen Anfang.

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Ein ungewöhnlicher Einstieg, nicht das Übliche. Das spricht für ihn. Aber auf was bezieht er sich? Er ist allgemein und das ist der Nachteil. Mich reißt dieser Satz nicht vom Hocker.

Der Schluss

Ganz wichtig ist natürlich die Erwähnung, dass es der dritte Fall einer bereits bekannten Detektivin ist. Der Stil des Klappentexts und des Covers sollten sich an dem der vorherigen Folgen orientieren.

Am Schluss findet sich auch die Zusammenfassung, was für eine Art von Krimi es ist, auch das ist wichtig.

Keywords

Keywords, auch Buzzwords genannt, sind in Klappentexten wichtig. »Mord« verweist auf Krimi, Liebe auf Liebesroman, Leidenschaft kündigt Erotik an. Diese Keywords sind besonders wichtig für Bücher, die hauptsächlich bei Amazon verkauft werden. Denn der Amazon Algorithmus entscheidet nach solchen Keywords, was er wo vorstellt.

In unserem Fall sind das »Wortwitz«, »humorvoll«, »Kopfkino«, »gute Laune«.

Wenn Sie solche Keywords verwenden, müssen Sie aber auch darauf achten, dass der Inhalt des Klappentextes diesen Keywords entspricht. In unserem Fall: Der Klappentext sollte Witz und gute Laune versprühen.

Die endgültige Fassung des Klappentextes

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Kopfkino und gute Laune in Konstanz und Miami.

Ines Fox hat den Bodensee satt und freut sich auf den ersten Urlaub mit ihrem Dr. Frieder. Kurz vor der Abfahrt wirft ein skurriler Doppelmord ihre Pläne über den Haufen: Amerikanische Flitterwöchner, die aussehen wie Barbie und Ken, sitzen tot in einer Fahrradrikscha auf der Konstanzer Promenade. Natürlich kann Ines ihre Finger nicht von dem Fall lassen. Kurz entschlossen fliegt sie allein nach Miami, um zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia und muss erkennen, wie gefährlich das ist. Wie kommt sie aus dem Schlamassel nur wieder heraus?

Der dritte Fall der eigenwilligen Hobby-Detektivin, locker und mit Wortwitz erzählt.

Ein humorvoller Krimi, der sich nicht immer wie ein Krimi anfühlt.

Die ideale Urlaubslektüre.

Lektorat

Das ist die endgültige Fassung, für die sich die Autorin entschieden hat. Ein Klappentext, der Roman klar und verständlich darstellt. Der Leser weiß, auf was er sich einlässt. Wie oben schon geschrieben, würde ich im Text selbst etwas mehr Wortwitz aufblitzen lassen, um die Atmosphäre des Romans erleben zu lassen. Und bei den drei Schlussätzen wiederholt der zweite, was vorher bereits gesagt wurde, den könnte man streichen.

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Klappentextlektorat Mai 2018

Klappentextlektorat April 2018

Ein Duke auf Reisen

(c) Maggie Fenton, AmazonCrossing

Der Duke of Montfort ist ein mächtiger Mann. Er hat sein Leben im Griff [mehr lesen]

Ich wurde darauf hingeweisen, dass Amazon es unter Umständen nicht gerne sieht, dass der Klappentext hier abgedruckt wird. Deshalb hier der Link zum Weiterlesen des besprochenen Klappentextes.

Lektorat

Dieses Buch wurde mit diesem Klappentext bei Amazon Crossing veröffentlicht. Das merkt man, der Text ist professionell aufgebaut.

Anfang

Der erste Abschnitt führt die Hauptperson ein und deren Alltag. »Der Duke von Montfort ist ein mächtiger Mann«, das weckt ein Bild, wir vermuten einen englischen Adligen des neunzehnten Jahrhunderts. Das sagt uns auch schon das Cover.

»Er hat sein Leben im Griff und seine Ländereien unter Kontrolle.« Aha, ein Alphamann, der nach der Devise lebt: »Alles hört auf mein Kommando.« Das steht so nicht da, aber der Satz weckt dieses Bild.

Etwas langweilig, wenn es so weiter ginge. Doch dann wechselt der Text zum Konflikt, der im nächsten Halbsatz zur Sprache kommt. Es gibt etwas, das offenbar nicht auf sein Kommando hört. Die Brauerei im Norden.

Zweiter Absatz

Also beginnt die Geschichte damit, dass er nach Norden reist, damit auch dort alles auf sein Kommando hört. Würde ihm das gelingen, wäre die Geschichte sofort zu Ende. Doch dort trifft er den Bösewicht. Der in dem Fall weder männlich noch böse ist. Aber sie hat alles, was ein Gegenspieler haben muss. Sprich: Sie wird sich den Wünschen des Duke nicht fügen, sondern im Gegenteil ihr Ziel verfolgen, dass alles auf IHR Kommando hört. Perfekter Konflikt.

Dritter Absatz

Der dritte Absatz verschärft den Konflikt. Beide haben nicht nur das Ziel, den anderen loszuwerden und die eigene Führungsrolle zu behalten; gleichzeitig gibt es diese gegenseitige Anziehungskraft.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, das ist ein beliebtes Thema in Liebesromanen. Nicht nur dort, auch in unserer Wirklichkeit kommt es öfter vor, habe ich mir sagen lassen. Dieses Thema hat seit dem neunzehnten Jahrhundert unzählige Romane hervorgebracht und fesselt immer noch vor allem die weibliche Leserschaft. Kein Wunder, denn es berührt die Frage der Gleichberechtigung und ob sich Frauen den Männern unterordnen sollen.

Schlusssatz

»Der Duke kann sich nicht entscheiden, ob er Astrid erwürgen oder doch lieber verführen will …«, das ist der Schlusssatz, der den Konflikt auf den Punkt bringt.

Natürlich wissen wir, wie es ausgehen wird. Die beiden werden sich zusammenraufen und heiraten. Allerdings werden sie bis dahin noch viele Gefechte miteinander ausfechten, die den Duke einigen Schweiß kosten und dem Leser vergnügliche Momente bringen werden.

Atmosphäre

Welche Atmosphäre verspricht uns das Buch? Witz und Liebe. Eine Frau und ein Mann, die sich verändern müssen, um zueinander zu finden.

Wilde Leidenschaften, ungezügelter Sex? Eher nicht. Der Duke muss überhaupt erst einmal zugeben, dass er ausgerechnet von einer Frau angezogen wird, die so gar nicht seinem Ideal entspricht und die auch nicht auf sein Kommando hört. Vermutlich gilt das auch umgekehrt. Wenn sie vor dem Traualtar landen, haben sie zur Freude der Leserschaft einen mühseligen Weg zurückgelegt. Und die Geschichte ist aus. Zunächst zumindest.

In solchen Romanen erwartet man keine leidenschaftlichen Bettszenen. Im Gegenteil, wenn der Klappentext so etwas andeutet, dann floppt das Buch, und Sexszenen im Text werden mit schlechten Rezensionen abgestraft.

Meiner Meinung nach durchaus verständlich. Denn, wie gesagt, bis beide sich Leidenschaften eingestehen, müssen sie erst einmal lernen, dass so etwas mit Menschen möglich ist, die so gar nicht den eigenen Wünschen entsprechen.

Titel

Der Titel wäre für ein einzelnes Buch mit obigem Thema weniger geeignet. Doch es ist eine Reihe, und in Reihen ist es wichtig, dass der Titel sich in die Reihe einordnet.

Aus: tempest, April 2018

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Klappentextlektorat April 2018

Drachenzeichen – zwei Klappentexte

               Eins

Lange weiß Lucius nicht, was ihm von den Göttern schon in die Wiege gelegt wurde: Er ist ausersehen, eine uralte Prophezeiung zu erfüllen und die Welt neu zu ordnen. Diesem Schicksal kann er sich nicht entziehen.

Lucius Kindheit in einer mittelalterlichen Stadt endet schlagartig, als nach dem Kampf gegen den bösartigen Greif plötzlich das Zeichen der schwarzen Brüder, ein dunkler Drache, auf seinem Oberarm erscheint. Für die Menschen seiner Heimat ist dies der Beweis, dass nun die gefürchteten alten Prophezeiungen der großen Veränderungen eintreten werden. Voller Hass und Angst jagen sie den Jungen, um das Unheil einer neu geordneten Welt noch abzuwenden. Doch zusammen mit dem Drachenzeichen hat Lucius auch Hilfe aus den magischen Welten erhalten. Sein wichtigster Gefährte wird Salman, der schwarzgoldene Drache, der in seiner Hand geschlüpft ist und schnell wächst. Mit ihm übersteht Lucius die Prüfungen im Schattenreich der Verstoßenen, trifft Gottheiten und Zauberer und kann schließlich zurückkehren in die Menschenwelt. Dort soll er den Auftrag der Göttin Kaala ausführen. Weil Lucius aber die Moralvorstellungen aus seiner Kindheit nicht völlig vergessen hat, gerät er in schwere Gewissenskonflikte.

Zwei

In der mittelalterlichen Stadt, in der Lucius behütet aufwächst, fürchten sich die Menschen vor einer Prophezeiung aus den uralten Zeiten der Drachen, denn große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt. Als plötzlich das aus vielen Legenden berüchtigte Zeichen der schwarzen Drachen auf Lucius‘ Arm erscheint, wird er zum Gejagten in seiner Stadt. Schwer verletzt findet er mit seinem frisch geschlüpften Drachengefährten Salman Aufnahme im Schattenreich der Verstoßenen. Hier begegnen ihm Magier, Göttinnen und Hexen, von denen er all das lernt und erhält, was er nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt braucht, um die Prophezeiung zu erfüllen. Doch all seine magischen Fähigkeiten und Waffen nützen Lucius wenig, solange sein Gewissen ihn daran hindert, die geforderten Grausamkeiten zu begehen.

Sein Drache Salman bleibt für Lucius der stets zuverlässige Gefährte bei allen Kämpfen und magischen Begegnungen auf den Reisen durch fantastische Welten.

Lektorat

Was interessiert Sie in dem obigen Klappentext? Welcher Satz ist der stärkste? Ich finde ,dieser: »Voller Hass und Angst jagen sie den Jungen, um das Unheil einer neu geordneten Welt noch abzuwenden.« Ein Junge wird vogelfrei, weil das Drachenzeichen auf seinem Arm erscheint. Das erinnert an Hexenverfolgung, an Außenseiter, weckt Ängste.

Und warum wird er vogelfrei? »Große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt.« Das ist ein wenig allgemein. Klingt belanglos. So wie der Satz: »Mit Hexen verbinden die Menschen große Umstürze und Kriege.« Besser: »Hexen sind mit dem Teufel im Bunde, sie können Naturkatastrophen herbeizaubern, die Ernte vernichten und den Menschen Krankheiten anzaubern.« Das wäre die konkretere Aussage.

Was also kann jemand mit dem Drachenzeichen anstellen? Was für Ängste ruft es hervor? Dass Lucius mit Drachenzauber die Drachen herbeirufen kann, die Menschen fressen, die Ernte verbrennen und die kein Heer besiegen kann? Das wäre eine Möglichkeit.

Und was geschieht mit denen, die ein Drachenzeichen haben? Lucius wird »schwer verwundet«. Auch das sollte man konkreter benennen. »Die Schergen des Drachentöter-Ordens jagen ihn, um ihn auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Doch schwer verletzt kann er ihnen entkommen.«

Prophezeiungen

Das Drachenzeichen ist eine Prophezeiung. »Er ist ausersehen, eine uralte Prophezeiung zu erfüllen und die Welt neu zu ordnen. Diesem Schicksal kann er sich nicht entziehen.« Denn: »Große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt.«

Eine Prophezeiung, die unabwendbar ist. Die uns sagt, was passieren wird. Ein Schicksal, dem keiner entkommen kann.

Schade. Denn dann ist ja alles schon vorherbestimmt. Wir müssen das Buch nicht lesen.

Immer wieder begegne ich solchen Prophezeiungen, Vorausdeutungen, die den Helden und dem Autor das Leben leichter machen. Alles ist klar und vorherbestimmt. Im Theater nennt man so was „Deus ex machina“. Der Gott, der aus dem Theaterhimmel auf die Bühne herabgelassen wird und alles in Ordnung bringt, was der Autor nicht hatte vollbringen können.

Greifen Sie nie zu solchen Hilfsmitteln. Sie erleichtern das Autorenleben, ganz gewiss, aber sie töten die Spannung.

Also gar keine Prophezeiungen oder Vorausdeutungen? Zweite Frage: Kennen Sie Shakespeare? In Macbeth gibt es eine berühmte Prophezeiung. Drei Hexen sagen Macbeth voraus, dass er König wird und nur gestürzt werden kann, wenn der Wald anfängt zu laufen und ein Mann kommt, der von keiner Mutter geboren wird.

Macbeth ist happy. Sein Königtum ist sicher. Glaubt er. Er bringt den regierenden König um, setzt sich die Krone auf, und niemand kann sie ihm nehmen.

Leider hat er etwas übersehen. Die Prophezeiung war nicht so eindeutig, wie er dachte. Der Wald fängt an zu laufen und ein Mann führt seine Feinde, der nicht geboren, sondern aus dem Mutterleib geschnitten wurde. So kann man sich irren.

Prophezeiungen sind wirksame Mittel in Geschichten. Aber nur, wenn sie doppeldeutig sind. Wenn sie den Helden (und die Leser) in Sicherheit wiegen, in Wirklichkeit aber keine Garantie bieten. (Das gilt auch für Vorausdeutungen.) Sie scheinen etwas zu sagen, aber alles kommt anders. So wie der kriegerische König Krösus, dem vor einem Kriegszug geweissagt wurde: Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.« Frohgemut zog er in den Krieg gegen das große Perserreich. Und übersah, dass das große Reich, das er zerstörte, sein eigenes war.

Konflikt, Konflikt, Konflikt

Lucius flieht dann zu ins Schattenreich. »Hier begegnen ihm Magier, Göttinnen und Hexen, von denen er all das lernt und erhält, was er nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt braucht, um die Prophezeiung zu erfüllen.«

Schön für Lucius, das klingt ja nach einer tollen Zeit ohne Probleme. Die Magier, Göttinnen und Hexen bringen ihm alles bei, und die Prophezeiung sagt ihm, was er zu tun hat. Viel nachdenken muss er nicht. Konflikte sind auch keine in Sicht.

Konflikte und offene Fragen sind aber das, was Leser verlocken, eine Geschichte zu lesen. Und davon findet sich hier nichts. Obendrein ist »alles, was er braucht« sehr allgemein. Was lernt er denn dort? Zaubern? Schwertkämpfen? Regieren?

Konkret ist der Drache, der in seiner Hand schlüpft. Hat ihn dieser Drache aus der Hand seiner Verfolger befreit? Was hat es damit auf sich? Das könnte zum Lesen verlocken.

Gewissenskonflikte

Einen Konflikt gibt es am Ende: »Doch all seine magischen Fähigkeiten und Waffen nützen Lucius wenig, solange sein Gewissen ihn daran hindert, die geforderten Grausamkeiten zu begehen.« — Gewissenskonflikte bieten Spannung.

Aber auch hier: Um welche Gewissenskonflikte handelt es sich? Soll er seinen Drachen opfern, um die Welt zu retten? Die Frau verlassen, die er liebt, um seine Heimatstadt vor einem Krieg zu bewahren? Auch hier wären konkretere Angaben wichtig.

Worum geht es in der Geschichte? Um Gewissenskonflikte geht es in unzähligen Geschichten. Stellen Sie Ihr Alleinstellungsmerkmal heraus. Zeigen Sie den Gewissenskonflikt, behaupten Sie ihn nicht nur.

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

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Drachenzeichen – zwei Klappentexte

Klappentextlektorat 3/2017

Wildes Kraut aus dem Weltall

(c) Kurt Beinwell

Diesmal habe ich drei verschiedene Fassungen eines Klappentextes, die ich vorstellen und lektorieren möchte.

Text 1

Erst kommt seine Frau bei einem gemeinsamen Autounfall ums Leben, und er bleibt mit chronischen Schmerzen allein zurück. Was soll nun aus seinem kleinen Bauernhof werden? Bei einer Routinekontrolle des Weizenfeldes macht er einen merkwürdigen Fund und plötzlich scheint sich das Leben wieder zum Guten zu wenden.

Was er nicht weiß: Eine außerirdische Pflanze hält ihn auf dem eigenen Grundstück gefangen und manipuliert seinen Verstand. Kann er noch den eigenen Augen und Ohren trauen, und wird es ihm gelingen, sich von diesem wilden Kraut aus dem Weltall zu befreien?

Text 2

Markus Schmidt lebt allein auf der Farm, nachdem er bei einem tragischen Unfall seine Frau, und einen Teil der Gesundheit verloren hat. Er ist ein verzweifelter Landwirt, der sich irgendwo in Deutschland Sorgen um seine Zukunft macht.

Doch scheinbar liegt die Lösung all seiner Probleme auf dem Weizenfeld, wo in der letzten Nacht etwas vom Himmel gefallen ist …

Eine spannende und kurzweilige Science Fiction/Mystery Kurzgeschichte. Sie könnte heute oder morgen jedem von uns passieren, vorausgesetzt Sie glauben an Aliens!

Text 3

© Anni Neumann

Ein tragischer Verlust stellt das Leben von Markus Schmidt auf den Kopf. Alle Hoffnungen und Träume scheinen zerschlagen. Doch nach einem mysteriösen Fund in seinem Weizenfeld verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit, Fiktion und Faktum miteinander.

Wird er den Machtkampf, in dem es um nicht weniger als seine gesamte Existenz geht, für sich entscheiden?

Übung

Welche Fassung gefällt Ihnen am besten? Wählen Sie eine aus und schreiben Sie auf, warum Sie Ihnen gefällt.

Lektorat

Die gleiche Geschichte kann man ganz unterschiedlich in Klappentexten vorstellen. Wenn Sie mit Ihrem Klappentext nicht weiterkommen, ist es eine gute Idee, einfach verschiedene Fassungen zu schreiben und zu vergleichen.

Und aus diesen drei Fassungen lässt sich leicht herausfinden, was das für eine Geschichte ist. Ein Bauer in Schwierigkeiten und eine außerirdische Pflanze, die ihm scheinbar die Lösung aller seiner finanziellen und persönlichen Nöte bietet. Doch wer sich mit Außerirdischen einlässt, sollte die Folgen bedenken.

Der Pitch und der Auslöser

Für den Klappentext ist es wichtig, zu entscheiden: Was ist das Zentrum der Geschichte? Was ist der Konflikt? Oft ist das von Autoren nicht einfach zu beurteilen, sie haben die vierhundert Seiten ihrer ganzen Geschichte im Kopf. Und die verstellen ihnen den Blick auf das Wesentliche.

Mein Tipp: Schauen Sie sich an, was Ihre Geschichte in Gang setzt. Was ist der Point of No Return, was ist der Punkt, der den Alltag unterbricht und dafür sorgt, dass nichts mehr ist, wie es war? Der Punkt, ab dem es kein Zurück zum bisherigen Alltag mehr gibt?

Markus Schmidt bewirtschaftet mit seiner Frau einen Bauernhof und kann davon leben. Doch dann stirbt die Frau bei einem Unfall und er selbst leidet unter chronischen Schmerzen und kann nicht mehr so zulangen wie früher.

Es gibt keinen Weg zurück in den Alltag vor dem Unfall.

Ein Pitch sollte kurz sein. Also formulieren wir das kurz und knapp:

Markus Schmidt ist ein verzweifelter Landwirt, der sich Sorgen um seine Zukunft macht.

Das wäre der Ausgangspunkt. Für einen Pitch ist das noch zuwenig, denn das schildert nur eine Situation, keine Handlung. Was wäre in unserem Beispiel die Handlung?

Dass eine Pflanze in seinem Weizenfeld auftaucht, die die Lösung all seiner Probleme verspricht.

Markus Schmidt ist ein verzweifelter Landwirt, der vor dem Ruin steht. Doch da fällt etwas vom Himmel in sein Weizenfeld und scheint die Lösung aller seiner Probleme zu bringen.

Jetzt haben wir einen Pitch. Und damit auch zwei Sätze, mit denen der Klappentext beginnen könnte. Außerdem habe ich die Formulierung verschärft. Markus Schmidt macht sich nicht nur Sorgen um seine Zukunft. Er steht vor dem Ruin.

Ein Auslöser ist besser als zwei

Fällt Ihnen etwas auf? Was genau wissen Sie über den Auslöser?

Nur, dass er Markus Schmidt in den Ruin treiben kann. Dass es einen Unfall gab, dass die Frau starb, dass er jetzt chronische Schmerzen hat, habe ich weggelassen. Mut zur Lücke gehört zum Klappentext wie Bier zum Oktoberfest.

Habe ich nicht immer gepredigt: Auch ein Pitch sollte anschaulich sein? Und jetzt streiche ich den Unfall und die Schmerzen, beides sehr anschaulich?

Leser kennen die Furcht vor dem Ruin, vor der Pleite. Das ist etwas, das sofort ein Bild auslöst. Deshalb reicht das für den Pitch. Mehr brauchen wir nicht. Nehmen Sie einen anschaulichen Begriff aus Ihrem Buch. Am besten den, der die schlimmsten Ängste weckt. Der anzeigt: Hier geht es nicht um die üblichen Alltagssorgen, hier geht es um die Existenz. Wenn Markus Schmidt den Ruin nicht abwenden kann, landet er bei Hartz-IV und mit seiner Selbstständigkeit ist es Essig.

Die Bedrohung

Das erste Problem ist also gelöst. Die Pflanze rettet Schmidt den Bauernhof. Aber in guten Geschichten folgt auf die Lösung einer Bedrohung sofort das nächste Problem. In unserem Fall: Die Pflanze manipuliert seinen Verstand. Er ist nicht mehr Herr im eigenen Kopf.

Formulieren wir das:

Was er nicht ahnt: Diese Pflanze manipuliert seinen Verstand. Bald ist er nicht mehr Herr im eigenen Kopf.

Das verschärft die Bedrohung. Diese beiden Sätze sind nicht unbedingt nötig. Denn Science Fiction Leser ahnen schon aus den vorigen Sätzen: Das wird bös enden. Die Sätze betonen das nochmals, stellen es klar. Deshalb würde ich sie einfügen.

Der Abschluss des Klappentextes

Damit haben wir den Klappentext fertig. Oder?

Am Ende ist es immer gut, eine Zusammenfassung zu schreiben. Was ist das für eine Geschichte. Wie wäre es mit:

Eine spannende und kurzweilige Science Fiction Geschichte aus unserer Zukunft!

Der erste und der letzte Satz eines Textes sind besonders wichtig. Denn die haben die meiste Wirkung, bleiben im Gedächtnis. Deshalb ist ein Abschlusssatz gut. Aber bitte keine Übertreibungen, kein Jahrmarktgeschrei.

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

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Klappentextlektorat 3/2017

Klappentextlektorat 2/2017

Mit bloßen Händen

Wolf R. Seemann

Über Nacht ist Harrys Leben zu einer einzigen Katastrophe geworden. Nach seiner Entlassung als Chefarzt, der Entführung seines Sohnes und der Trennung von seiner Frau hat Harry alles verloren, wofür er lebte. Doch wer niemanden mehr hat, der ihn aus dem Sumpf zieht, dem bleiben noch die eigenen Haare. Um wenigstens seinen Sohn zu retten, unterwirft er sich den Erpressungen seines Feindes und findet sich plötzlich zwischen den Rädern nuklearer Weltpolitik wieder.

Aber leider sind die Gefahren, die wir kennen, selten die, die uns erwarten …

Der Roman basiert auf wahren Begebenheiten.

Lektorat

Harry verliert seine Stelle und seine Frau. Sein Sohn wird entführt. Gleich drei Katastrophen am Anfang, die einen spannenden Thriller versprechen. Die Katastrophen sind anschaulich. Dass er sich auf die Erpressung einlässt, lässt Übles ahnen. Und der Satz mit der nuklearen Weltpolitik, unter deren Räder er gerät, ist ein Verweis darauf, was in dem Thriller noch alles passieren wird.

Eine Katastrophe am Anfang, der Hinweis auf größere Folgen (nukleare Weltpolitik) und ein guter Schlusssatz: Die Gefahren, die wir kennen, sind nicht die, uns erwarten …

Dazu der Satz mit der wahren Begebenheit, der ebenfalls Neugier weckt.

Drei Katastrophen sind zwei zu viel

Mein Beruf ist das Verbessern. Und auch, wenn der Klappentext nicht schlecht ist, könnte man einiges verbessern.

Er verliert seine Frau, seine Stelle und seinen Sohn. Das sind drei Katastrophen am Anfang. Hängen die zusammen? Ich würde eine der Katastrophe ins Zentrum stellen. Es sei denn, alle drei hängen zusammen. Im Text findet sich darauf allerdings kein Hinweis. Dort geht es um die Entführung des Sohnes und um die Erpressung, auf die sich Harry einlässt.

Ein unlösbarer Konflikt ist immer gut

Was wollen die Erpresser? Da die Erpressung am Anfang steht, könnte das der Klappentext verraten, ohne die Spannung zu nehmen. Und es wäre bedrohlicher, wenn die Erpresser nicht Geld wollten, sondern etwas anderes, viel Größeres. Sprich: Ich würde das benennen, was die Erpresser fordern. Wollen sie, dass er seinen ehemaligen Chef mit falschen Aussagen belastet? Soll er das Werkzeug werden, den Mann zu vernichten? Das wäre eine Möglichkeit.

Eine ungewöhnliche, besonders bedrohliche Erpressung gehört in den Klappentext. Denn damit würde das Alleinstellungsmerkmal des Romans herausgestellt und die Bedrohung sehr viel anschaulicher werden. Dem Leser würde das Dilemma deutlicher: Gibt Harry der Erpressung nach und tut etwas, was kein anständiger Mensch tun würde? Oder gibt er ihr nicht nach und riskiert den Tod seines Sohnes, weil von ihm Dinge gefordert werden, die gegen jede Menschlichkeit verstoßen? Egal, wie er sich entscheidet, er sitzt in der Falle. Es gibt keinen richtigen Weg, nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Der Konflikt, der alles in Gang setzt, gehört in den Klappentext. Denn er ist es, der den Leser zum Lesen verlocken soll, der ihm einen Eindruck gibt, worum es geht.

Dieser Konflikt ist hier noch allgemein gehalten. Da kann man noch etwas tun. Show, don`t tell, ich kann es nur wiederholen, ist auch im Klappentext wichtig.

Das ändert nichts daran, dass dieser Klappentext auch in der aktuellen Fassung wirken kann.

Der Autor im Klappentext

Wenn der Autor den Hintergrund des Romans gut kennt, sollte das im Klappentext erwähnt werden. Kurz, ein Satz: „Der Autor war lange Chefarzt einer Klinikabteilung und kennt den Hintergrund seiner Geschichte aus dem Effeff.“

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Klappentextlektorat 2/2017

Klappentextlektorat Jan. 2017

Nattermühle – Ki und das Tal des Schweigens

Cornelia Lotter

Ein geheimnisvolles Tal in der Dübener Heide. Ein Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise. Und eine Frauenleiche, die plötzlich verschwunden ist. Die Detektivin Kirsten Stein hat es in ihrem sechsten Fall mit Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung zu tun. Was sie entdeckt, als sie sich undercover in der Nattermühle einmietet, wird auch für sie zur existenziellen Bedrohung.

Ein spannender Thriller über die Kraft der Suggestion.

Lektorat

Lockt dieser Klappentext zum Lesen? Ich meine: Ja. „Tal des Schweigens“ ist ein einprägsamer Titel und „Thriller über die Kraft der Suggestion“ ein spannendes Thema.

Aber dennoch könnte er sehr viel lockender formuliert werden.

Fangen wir also an.

Der Titel gehört zum Klappentext

Der Klappentext findet sich auf der Rückseite des Buches unter dem Titel. Der Titel ist also Bestandteil des Klappentextes.

Damit kommt das Tal gleich zweimal hintereinander vor. Im Titel und dann im ersten Satz. Ein geheimnisvolles Tal in der Dübener Heide. „Tal des Schweigens“ ist aber viel aussagekräftiger als „geheimnisvolles Tal“. Deshalb würde ich den ersten Satz streichen.

Aufzählung

Dann werden drei Sachen aufgezählt.

Ein Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise. Und eine Frauenleiche, die plötzlich verschwunden ist.

Das ist ein probates Mittel, um ein Buch in einem Klappentext zu bewerben. Mehrere kurze Sätze, die besondere Elemente des Buches aufzählen. Die den Roman herausheben, sein Alleinstellungsmerkmal betonen (Unique Selling Proposition , USP genannt).

Der erste Satz dieser Aufzählung sollte besonders einprägsam sein. Trifft das für Verein zu, in dem Männer keinen Zutritt haben?

Ich finde: Nein. Die Leiche, die verschwindet, wäre der bessere erste Satz und erst dann der Verein.

Stil

Wenn Sie diesen Stil der Aufzählung wählen, würde ich ihn aber beibehalten. Also nicht:

Die Detektivin Kirsten Stein hat es in ihrem sechsten Fall mit Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung zu tun.

Sondern:

Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung in der abgelegenen Dübener Heide.

Damit hätten wir auch den Ort der Handlung eingeführt, den ich oben zusammen mit dem ersten Satz gestrichen habe.

Existenzielle Bedrohungen

Es gibt Standardsätze in Klappentexten, die so oft verwendet werden, dass sie die Wirkung längst verloren haben. Die so allgemein sind, dass der Leser kein Bild entwickelt. Einer ist zum Beispiel:

Ein furchtbares Geheimnis wird aufgedeckt.

Das kann jeder behaupten. Deshalb wirken solche Sätze auch nicht. Und zu dieser Sorte Sätze gehört auch der Satz:

Was sie entdeckt, als sie sich undercover in der Nattermühle einmietet, wird auch für sie zur existenziellen Bedrohung.

Existenzielle Bedrohung bedrohen Leser in keiner Weise. Also ganz streichen?

Nein. Denn es gibt ein Element im Satz, das konkret ist und das durchaus Bedrohung weckt. Dass sich die Detektivin in der Nattermühle undercover einmietet. Die von einer seltsamen Vereinigung betrieben wird. Formulieren wir also mal um, immer noch im Stil kurzer Aufzählungssätze:

Und eine Detektivin, die sich undercover in der Nattermühle einmietet.

Wer will, kann das noch verstärken mit einem anschließenden Satz. Zum Beispiel: Doch dort ist nicht nur Mütterlichkeit zu Hause …

Untertreibung ist bei Spannungsliteratur immer eine gute Idee.

Eine verbesserte Fassung

Jetzt haben wir eine verbesserte Fassung:

Nattermühle – Ki und das Tal des Schweigens

Eine Frauenleiche, die plötzlich verschwindet. Eine abgelegene Mühle in der Dübener Heide. Ein Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise.

Und eine Detektivin, die sich in der Mühle undercover einmietet. Doch dort ist nicht nur Mütterlichkeit zu Hause …

Ein spannender Thriller über die Kraft der Suggestion.

Hier habe ich einen Satz hinzugefügt: „Eine abgelegene Mühle in der Dübener Heide“. Damit habe ich den Ort eingeführt, damit im letzten Satz klar wird, wo sich die Detektivin einmietet.

Handlung im Klappentext

Natürlich könnte man den Klappentext auch auf die klassische Weise schreiben. Als Handlung. Das wäre der Stil, der im Original in den letzten zwei Sätzen gewählt wurde. Probieren wir es einmal:

Eine Leiche wird gefunden und verschwindet wieder. Direkt bei der abgelegenen Nattermühle in der Dübener Heide. Dort sitzt der Allmutter-Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Die Mitglieder pflegen esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise.

Ki mietet sich undercover in der Mühle ein. Doch dort ist nicht nur Mütterlichkeit zu Hause …

In ihrem sechsten Fall hat die Detektivin Kirsten Stein es mit Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung zu tun.

Ein spannender Thriller über die Kraft der Suggestion.

Das wäre ein Klappentext, der sich an üblichen Vorbildern orientieren würde. Sie sehen, es gibt immer mehrere Möglichkeiten.

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

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Klappentextlektorat Jan. 2017

Klappentextlektorat 2016

Der Höhlenparasit

Die Maya – Genies oder das Werkzeug fremder Wesen?
Woher stammte ihr Wissen über die ausgeklügelte Baukunst ihrer Zeit?
Wie konnten sie mit primitiven Mitteln eine Tempelanlage bauen, die das Sonnensystem widerspiegelt?

Carlos Zamardo, Einsatzleiter der Policia Federal in Mexiko, ermittelt in einem Fall, bei dem er der Wahrheit näher kommt, als ihm lieb ist.

Ein Fall, der ihn ganz persönlich betrifft. Gerichtsmedizinerin Muyal wird mitsamt einem toten Unterwasserarchäologen entführt. Muyals Sprachaufzeichnung über ein parasitäres Wesen am Leichnam ist alles, was Carlos an Hinweisen finden kann, um die Liebe seines Lebens zu retten.

Die Spur führt in quer durch den mexikanischen Dschungel zu einer der zahlreichen Cenoten Yucatans, wo ihm eine uralte Gefahr begegnet.

Lektorat

Die Mayas und deren astronomischen Kenntnisse, eine entführte Gerichtsmedizinerin, ein toter Unterwasserarchäologe und eine seltsame Sprachaufzeichnung. Verspricht das Spannung?

Aber sicher. Und klar geschrieben ist es auch. Doch was erwarten Sie, wenn der erste Satz eines Klappentextes lautet: „Die Mayas – Genies oder das Werkzeug fremder Wesen?“

Das klingt sehr nach Sachbuch. Und birgt folglich die Gefahr, dass die Leser, die einen Krimi suchen, nicht weiterlesen. Der erste Satz ist nicht nur im Roman ungeheuer wichtig, sondern erst recht im Klappentext. Er entscheidet, ob der Leser überhaupt den Klappentext weiterliest oder das Buch weglegt, weil es nicht die Sorte Buch ist, die er sucht.

Deshalb muss der erste Satz sitzen. Einen Eindruck von dem Buch vermitteln. Also ein Pitch sein.

Was ist in »Der Höhlenparasit« das Wichtigste? Dass Carlos die entführte Gerichtsmedizinerin befreien muss, die Liebe seines Lebens. Also formulieren wir das mal.

Carlos Zamardo von der Policia Federal in Mexiko muss die entführte Gerichtsmedizinerin befreien, die die Liebe seines Lebens ist.

So ganz überzeugt das noch nicht. Das klingt noch etwas bieder. Vielleicht besser mit der Gerichtsmedizinerin anzufangen?

Die Gerichtsmedizinerin Muyal wird entführt. Verschwunden ist auch die letzte Leiche, die sie untersucht hat: die eines Unterwasserarchäologen. Carlos Zamardo von Policia Federal in Mexiko soll den Fall aufklären. Doch die einzige Spur, die er hat, ist eine seltsame Sprachaufzeichnung der Medizinerin. Dort spricht sie von einem unbekanntem Parasiten, den sie an der Leiche des Archäologen gefunden hat. Dass Muyal die Liebe seines Lebens ist, macht den Fall für Zamardo nur dringender.

Jetzt haben wir nicht nur einen ersten Satz, sondern gleich einen ersten Abschnitt, der uns erzählt, wie die Geschichte beginnt. Das ist immer eine gute Idee in einem Klappentext. Erst ein Pitch, der neugierig macht, dann das, was die Geschichte in Gang setzt, und worum es geht.

Und die Mayas? Ganz weglassen?

Unique Selling Point

Nein, die Mayas sind ein Spannungselement. Ein Alleinstellungsmerkmal (Unique Selling Point), wie es in der Fachsprache heißt, also etwas, das nur diese Geschichte auszeichnet. Ein Krimi mit ungewöhnlichem Setting und ebenso ungewöhnlichem Thema. Also gehört das auch in den Klappentext. Aber erst an zweiter Stelle.

Die Maya – Genies oder das Werkzeug fremder Wesen?
Woher stammte ihr Wissen über die ausgeklügelte Baukunst ihrer Zeit?
Wie konnten sie mit primitiven Mitteln eine Tempelanlage bauen, die das Sonnensystem widerspiegelt?

Das klingt noch etwas zu statisch. Wir haben es ja mit einem Krimi zu tun, nicht mit einen historischen Essay. Wie wäre es damit:

Die Spur führt durch den mexikanischen Dschungel zu einer alten Tempelanlage der Mayas, die das Sonnensystem widerspiegelt.

So wichtig wie der erste Satz ist auch der letzte. Der sollte am besten eine Frage, einen Konflikt aufwerfen. Und so den Leser verlocken, das Buch aufzuschlagen. Vielleicht so:

Doch in den Ruinen wartet eine uralte Gefahr auf ihn.

Details

Schauen wir uns mal den folgenden Satz an:

Carlos […] ermittelt in einem Fall, bei dem er der Wahrheit näher kommt, als ihm lieb ist.

Solche Formulierungen sind beliebt in Klappentexten. »Er kommt der Wahrheit näher, als ihm lieb ist«, »eine große Gefahr wartet auf ihn«, »ein großes Geheimnis bedroht seine Liebe«. Solchen Formulierungen ist eins gemeinsam: Sie sagen nichts aus. Sie versprechen Spannung, aber geben keinen Hinweis darauf, was überhaupt spannend sein könnte. Und da sie nicht gerade Höhepunkte der Fantasie sind, sondern jeder so etwas auf Dutzenden Klappentexten gelesen hat, vermuten Leser schnell, dass das Buch sich ebenfalls in solchen nichtssagenden Klischees ergeht.

Bei Stephen King sind solchen Formulierungen okay. Dass Stephen King spannend schreiben kann, wissen die Leser. Sie kaufen die Bücher, egal, was hinten im Klappentext steht. Möglicherweise tun sie es auch bei großen Verlagen wie Heyne oder Lübbe. Manchmal findet man auch dort solche Formulierungen. Aber Heyne und Lübbe sind bekannte Marken, die Leser wissen, was sie da erwarten können.

Wenn Sie ein unbekannter Selfpublisher sind, kann ich von solchen Allerweltsformulierungen nur abraten.

Verständlich schreiben

Wissen Sie, was »Cenoten« sind? Den meisten Leser dürften sie genauso unbekannt sein wie mir. Verwenden Sie nie Bezeichnungen im Klappentext, die Ihre Leser nicht kennen.

Neue Fassung

Die Gerichtsmedizinerin Muyal wird entführt. Verschwunden ist auch die letzte Leiche, die sie untersucht hat: die eines Unterwasserarchäologen. Carlos Zamardo von Policia Federal in Mexiko soll den Fall aufklären. Doch die einzige Spur, die er hat, ist eine seltsame Sprachaufzeichnung der Medizinerin. Dort spricht sie von einem unbekanntem Parasiten, den sie an der Leiche des Archäologen gefunden ha. Dass Muyal die Liebe seines Lebens ist, macht den Fall für Zamardo nur dringender.

Die Spur führt ihn durch den mexikanischen Dschungel zu einer antiken Tempelanlage der Mayas, die das Sonnensystem widerspiegelt.

Doch in den Ruinen wartet eine uralte Gefahr auf ihn …

 

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

Klappentextlektorat 2016

Die wunderbare Vermehrung der Partizipien

Er griff nach der vor dem Bett verknüllt liegenden Hose.

Solche Partizip-Konstruktionen sind in den letzten Jahren im Deutschen zur Mode geworden. Ich weiß nicht, in wie vielen Manuskripten ich bereits derartige Formulierungen gelesen habe. Dabei lässt sich das weiteleganter und einfacher sagen:

Er griff nach seiner verknüllten Hose

Oder, wenn wichtig wäre, dass die Hose vor dem Bett liegt:

Er griff nach seiner Hose, die vor dem Bett lag.

wahlweise auch:

Er griff nach seiner Hose vor dem Bett.

Leider finden sich solche Konstruktionen mittlerweile auch in veröffentlichten Büchern – egal, ob von Selfpublishern oder Verlagen.

Partizipien im Lateinischen wirken elegant. Wer – wie ich – noch ein humanistisches Gymnasium mit ausführlichem Lateinunterricht besucht hat , erkennt Lateinlehrer meist nach dem ersten Satz. An den ausgefeilten Partizipialkonstruktionen in den deutschen Texten mit lateinischer Grammatik.Heute dürfte eher das Englische an der wundersamen Vermehrung der Partizipien schuld sein. Und die Bequemlichkeit. Mit Partizipien lassen sich schnell noch zusätzliche Informationen in einen Satz packen, ohne dass man sich lange Gedanken machen muss:

Ohne die bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten eines Blickes zu würdigen

Da wird die Information reingequetscht, dass die Toten bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind. „Partizipkonstruktionen“ sind das Mittel der Wahl, um den Leserinnen und Lesern unnütze Details mitzuteilen. Denn wie viele Tote verbrennen schon so, dass man sie auf Anhieb wiedererkennt?

Hier noch ein Beispiel:

Im Gang knieten drei Menschen mit auf den Rücken gefesselten Händen.

Klingt das elegant? Dabei lässt sich auch dieser Satz leicht verbessern:

Im Gang knieten drei Menschen, die Hände auf den Rücken gefesselt .

Die Beispiele zeigen ein Problem, das Partizipien im Deutschen mit sich bringen können. Das Deutsche verwendet Artikel. Und wenn ich eine umfangreichere Information in eine Partizipkonstruktion setze, dann werden der Artikel und das dazu gehörige Substantiv weit auseinandergerissen:

Die mit schwarzen Gesichtern versehenen und zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten

Sagen Sie nicht, sowas würde niemand schreiben. Mir flattern täglich Texte auf den Schreibtisch, die das Gegenteil beweisen. Ein weiteres Beispiel:

Ihre mit Klappern und Klirren verbundene Betriebsamkeit in der Küche versprach ein baldiges, wenn auch karges Frühstück.

Da stehen fünf Wörter zwischen dem Artikel und dem dazugehörenden Substantiv.

Ach ja, haben Sie es gemerkt? Ich habe selbst eine „Partizipkonstruktion“ verwendet: „das dazugehörende Substantiv“. Aber ich habe mich auf ein Partizip beschränkt und nicht noch weitere Infos dazugepackt. „Das sich mit zusätzlichen Infos aufblähende dazugehörende Substantiv“ wäre eine problematische Formulierung. Übrigens lässt sich auch unser Frühstücksbeispiel leicht verbessern:

In der Küche klapperten Teller, klirrte Besteck und versprachen ein baldiges, wenn auch karges Frühstück .

Vorteil: Durch die aktiven Verben wirkt der Satz nicht nur dynamischer, liest sich auch leichter.

Warum sind Partizipien problematisch?

Einen Grund habe ich bereits genannt: Wenn die Konstruktion aus mehreren Wörtern besteht, leidet die Verständlichkeit, weil zwischen Artikel und dazugehörigem Wort eine Menge Infos eingeklemmt werden. Die Leserinnen und Leser müssen verklemmte Konstruktionen entschlüsseln.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass als Partizipien gerne Wörter verwendet werden, die Hilfsverben ähneln. Zum Beispiel „die vor dem Bett liegende Hose“. Oder: „Das bereits vor Stunden begonnene Kochen des Mittagsessens.“

Oft haben die Partizipien wenig oder gar keine Aussagekraft. Das Mittagessen kochte bereits seit Stunden und die Hose vor dem Bett sind eleganter und auch verständlicher.

Der dritte Grund folgt aus dem Zweiten. Diese Konstruktionen blähen den Text auf, er gibt sich wichtiger, als er ist. Wirkt pompöser. Viele Partizipien gehören zu den Füllwörtern und lassen sich ersatzlos streichen.

Mit Partizipien können Sie eine „wundervolle“ Bürokratensprache produzieren:

Die hier gemeldete, und unter dem Spitznamen Rotkäppchen allseits bekannte Person, mit einem rot gefärbten, auf dem Kopf getragenem Kleidungsstück

ist eine Sprache, mit der Sie alle, die Bücher schätzen und viel lesen, davon abhalten können, Ihre mit viel Mühe erstellten Werke zu genießen.

In einem Polizeibericht wäre eine derartige Aufzählung sinnvoll, dort muss alles erwähnt werden. In einer Geschichte ist sie Gift.

Die Dosis macht das Gift

Also lieber gar keine Partizipien verwenden? Bei Schreibregeln kommt es immer auch auf die Dosis an. Kontrollieren Sie einfach, wie viele Partizipien Sie verwenden. Nehmen Sie zwei Seiten aus Ihren Texten und streichen Sie jedes Partizip an. Wie viele sind es? Eins pro Seite? Oder eins pro Satz?

Verwenden Sie mehr als ein oder zwei Wörter zwischen Artikel und Substantiv? Ausufernde Wortungetüme sollten Sie ausdünnen. Entweder durch Relativsätze – da dürfen Sie dann ausführlicher schreiben – oder Sie überführen das Partizip in eine aktive Verbform.

Ihr Hans Peter Roentgen

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Partizip
http://www.mein-deutschbuch.de/lernen.php?menu_id=69

Aus: Federwelt April 2016

PS: *In der Fachliteratur spricht man von „Partizipialkonstruktionen“, ich habe den Begriff „Partizipkonstruktionen“ gewählt,

 

Die wunderbare Vermehrung der Partizipien