Klappentextlektorat 3/2017

Wildes Kraut aus dem Weltall

(c) Kurt Beinwell

Diesmal habe ich drei verschiedene Fassungen eines Klappentextes, die ich vorstellen und lektorieren möchte.

Text 1

Erst kommt seine Frau bei einem gemeinsamen Autounfall ums Leben, und er bleibt mit chronischen Schmerzen allein zurück. Was soll nun aus seinem kleinen Bauernhof werden? Bei einer Routinekontrolle des Weizenfeldes macht er einen merkwürdigen Fund und plötzlich scheint sich das Leben wieder zum Guten zu wenden.

Was er nicht weiß: Eine außerirdische Pflanze hält ihn auf dem eigenen Grundstück gefangen und manipuliert seinen Verstand. Kann er noch den eigenen Augen und Ohren trauen, und wird es ihm gelingen, sich von diesem wilden Kraut aus dem Weltall zu befreien?

Text 2

Markus Schmidt lebt allein auf der Farm, nachdem er bei einem tragischen Unfall seine Frau, und einen Teil der Gesundheit verloren hat. Er ist ein verzweifelter Landwirt, der sich irgendwo in Deutschland Sorgen um seine Zukunft macht.

Doch scheinbar liegt die Lösung all seiner Probleme auf dem Weizenfeld, wo in der letzten Nacht etwas vom Himmel gefallen ist …

Eine spannende und kurzweilige Science Fiction/Mystery Kurzgeschichte. Sie könnte heute oder morgen jedem von uns passieren, vorausgesetzt Sie glauben an Aliens!

Text 3

© Anni Neumann

Ein tragischer Verlust stellt das Leben von Markus Schmidt auf den Kopf. Alle Hoffnungen und Träume scheinen zerschlagen. Doch nach einem mysteriösen Fund in seinem Weizenfeld verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit, Fiktion und Faktum miteinander.

Wird er den Machtkampf, in dem es um nicht weniger als seine gesamte Existenz geht, für sich entscheiden?

Übung

Welche Fassung gefällt Ihnen am besten? Wählen Sie eine aus und schreiben Sie auf, warum Sie Ihnen gefällt.

Lektorat

Die gleiche Geschichte kann man ganz unterschiedlich in Klappentexten vorstellen. Wenn Sie mit Ihrem Klappentext nicht weiterkommen, ist es eine gute Idee, einfach verschiedene Fassungen zu schreiben und zu vergleichen.

Und aus diesen drei Fassungen lässt sich leicht herausfinden, was das für eine Geschichte ist. Ein Bauer in Schwierigkeiten und eine außerirdische Pflanze, die ihm scheinbar die Lösung aller seiner finanziellen und persönlichen Nöte bietet. Doch wer sich mit Außerirdischen einlässt, sollte die Folgen bedenken.

Der Pitch und der Auslöser

Für den Klappentext ist es wichtig, zu entscheiden: Was ist das Zentrum der Geschichte? Was ist der Konflikt? Oft ist das von Autoren nicht einfach zu beurteilen, sie haben die vierhundert Seiten ihrer ganzen Geschichte im Kopf. Und die verstellen ihnen den Blick auf das Wesentliche.

Mein Tipp: Schauen Sie sich an, was Ihre Geschichte in Gang setzt. Was ist der Point of No Return, was ist der Punkt, der den Alltag unterbricht und dafür sorgt, dass nichts mehr ist, wie es war? Der Punkt, ab dem es kein Zurück zum bisherigen Alltag mehr gibt?

Markus Schmidt bewirtschaftet mit seiner Frau einen Bauernhof und kann davon leben. Doch dann stirbt die Frau bei einem Unfall und er selbst leidet unter chronischen Schmerzen und kann nicht mehr so zulangen wie früher.

Es gibt keinen Weg zurück in den Alltag vor dem Unfall.

Ein Pitch sollte kurz sein. Also formulieren wir das kurz und knapp:

Markus Schmidt ist ein verzweifelter Landwirt, der sich Sorgen um seine Zukunft macht.

Das wäre der Ausgangspunkt. Für einen Pitch ist das noch zuwenig, denn das schildert nur eine Situation, keine Handlung. Was wäre in unserem Beispiel die Handlung?

Dass eine Pflanze in seinem Weizenfeld auftaucht, die die Lösung all seiner Probleme verspricht.

Markus Schmidt ist ein verzweifelter Landwirt, der vor dem Ruin steht. Doch da fällt etwas vom Himmel in sein Weizenfeld und scheint die Lösung aller seiner Probleme zu bringen.

Jetzt haben wir einen Pitch. Und damit auch zwei Sätze, mit denen der Klappentext beginnen könnte. Außerdem habe ich die Formulierung verschärft. Markus Schmidt macht sich nicht nur Sorgen um seine Zukunft. Er steht vor dem Ruin.

Ein Auslöser ist besser als zwei

Fällt Ihnen etwas auf? Was genau wissen Sie über den Auslöser?

Nur, dass er Markus Schmidt in den Ruin treiben kann. Dass es einen Unfall gab, dass die Frau starb, dass er jetzt chronische Schmerzen hat, habe ich weggelassen. Mut zur Lücke gehört zum Klappentext wie Bier zum Oktoberfest.

Habe ich nicht immer gepredigt: Auch ein Pitch sollte anschaulich sein? Und jetzt streiche ich den Unfall und die Schmerzen, beides sehr anschaulich?

Leser kennen die Furcht vor dem Ruin, vor der Pleite. Das ist etwas, das sofort ein Bild auslöst. Deshalb reicht das für den Pitch. Mehr brauchen wir nicht. Nehmen Sie einen anschaulichen Begriff aus Ihrem Buch. Am besten den, der die schlimmsten Ängste weckt. Der anzeigt: Hier geht es nicht um die üblichen Alltagssorgen, hier geht es um die Existenz. Wenn Markus Schmidt den Ruin nicht abwenden kann, landet er bei Hartz-IV und mit seiner Selbstständigkeit ist es Essig.

Die Bedrohung

Das erste Problem ist also gelöst. Die Pflanze rettet Schmidt den Bauernhof. Aber in guten Geschichten folgt auf die Lösung einer Bedrohung sofort das nächste Problem. In unserem Fall: Die Pflanze manipuliert seinen Verstand. Er ist nicht mehr Herr im eigenen Kopf.

Formulieren wir das:

Was er nicht ahnt: Diese Pflanze manipuliert seinen Verstand. Bald ist er nicht mehr Herr im eigenen Kopf.

Das verschärft die Bedrohung. Diese beiden Sätze sind nicht unbedingt nötig. Denn Science Fiction Leser ahnen schon aus den vorigen Sätzen: Das wird bös enden. Die Sätze betonen das nochmals, stellen es klar. Deshalb würde ich sie einfügen.

Der Abschluss des Klappentextes

Damit haben wir den Klappentext fertig. Oder?

Am Ende ist es immer gut, eine Zusammenfassung zu schreiben. Was ist das für eine Geschichte. Wie wäre es mit:

Eine spannende und kurzweilige Science Fiction Geschichte aus unserer Zukunft!

Der erste und der letzte Satz eines Textes sind besonders wichtig. Denn die haben die meiste Wirkung, bleiben im Gedächtnis. Deshalb ist ein Abschlusssatz gut. Aber bitte keine Übertreibungen, kein Jahrmarktgeschrei.

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Klappentextlektorat 3/2017

Klappentextlektorat 2/2017

Mit bloßen Händen

Wolf R. Seemann

Über Nacht ist Harrys Leben zu einer einzigen Katastrophe geworden. Nach seiner Entlassung als Chefarzt, der Entführung seines Sohnes und der Trennung von seiner Frau hat Harry alles verloren, wofür er lebte. Doch wer niemanden mehr hat, der ihn aus dem Sumpf zieht, dem bleiben noch die eigenen Haare. Um wenigstens seinen Sohn zu retten, unterwirft er sich den Erpressungen seines Feindes und findet sich plötzlich zwischen den Rädern nuklearer Weltpolitik wieder.

Aber leider sind die Gefahren, die wir kennen, selten die, die uns erwarten …

Der Roman basiert auf wahren Begebenheiten.

Lektorat

Harry verliert seine Stelle und seine Frau. Sein Sohn wird entführt. Gleich drei Katastrophen am Anfang, die einen spannenden Thriller versprechen. Die Katastrophen sind anschaulich. Dass er sich auf die Erpressung einlässt, lässt Übles ahnen. Und der Satz mit der nuklearen Weltpolitik, unter deren Räder er gerät, ist ein Verweis darauf, was in dem Thriller noch alles passieren wird.

Eine Katastrophe am Anfang, der Hinweis auf größere Folgen (nukleare Weltpolitik) und ein guter Schlusssatz: Die Gefahren, die wir kennen, sind nicht die, uns erwarten …

Dazu der Satz mit der wahren Begebenheit, der ebenfalls Neugier weckt.

Drei Katastrophen sind zwei zu viel

Mein Beruf ist das Verbessern. Und auch, wenn der Klappentext nicht schlecht ist, könnte man einiges verbessern.

Er verliert seine Frau, seine Stelle und seinen Sohn. Das sind drei Katastrophen am Anfang. Hängen die zusammen? Ich würde eine der Katastrophe ins Zentrum stellen. Es sei denn, alle drei hängen zusammen. Im Text findet sich darauf allerdings kein Hinweis. Dort geht es um die Entführung des Sohnes und um die Erpressung, auf die sich Harry einlässt.

Ein unlösbarer Konflikt ist immer gut

Was wollen die Erpresser? Da die Erpressung am Anfang steht, könnte das der Klappentext verraten, ohne die Spannung zu nehmen. Und es wäre bedrohlicher, wenn die Erpresser nicht Geld wollten, sondern etwas anderes, viel Größeres. Sprich: Ich würde das benennen, was die Erpresser fordern. Wollen sie, dass er seinen ehemaligen Chef mit falschen Aussagen belastet? Soll er das Werkzeug werden, den Mann zu vernichten? Das wäre eine Möglichkeit.

Eine ungewöhnliche, besonders bedrohliche Erpressung gehört in den Klappentext. Denn damit würde das Alleinstellungsmerkmal des Romans herausgestellt und die Bedrohung sehr viel anschaulicher werden. Dem Leser würde das Dilemma deutlicher: Gibt Harry der Erpressung nach und tut etwas, was kein anständiger Mensch tun würde? Oder gibt er ihr nicht nach und riskiert den Tod seines Sohnes, weil von ihm Dinge gefordert werden, die gegen jede Menschlichkeit verstoßen? Egal, wie er sich entscheidet, er sitzt in der Falle. Es gibt keinen richtigen Weg, nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Der Konflikt, der alles in Gang setzt, gehört in den Klappentext. Denn er ist es, der den Leser zum Lesen verlocken soll, der ihm einen Eindruck gibt, worum es geht.

Dieser Konflikt ist hier noch allgemein gehalten. Da kann man noch etwas tun. Show, don`t tell, ich kann es nur wiederholen, ist auch im Klappentext wichtig.

Das ändert nichts daran, dass dieser Klappentext auch in der aktuellen Fassung wirken kann.

Der Autor im Klappentext

Wenn der Autor den Hintergrund des Romans gut kennt, sollte das im Klappentext erwähnt werden. Kurz, ein Satz: „Der Autor war lange Chefarzt einer Klinikabteilung und kennt den Hintergrund seiner Geschichte aus dem Effeff.“

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Klappentextlektorat 2/2017

Klappentextlektorat Jan. 2017

Nattermühle – Ki und das Tal des Schweigens

Cornelia Lotter

Ein geheimnisvolles Tal in der Dübener Heide. Ein Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise. Und eine Frauenleiche, die plötzlich verschwunden ist. Die Detektivin Kirsten Stein hat es in ihrem sechsten Fall mit Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung zu tun. Was sie entdeckt, als sie sich undercover in der Nattermühle einmietet, wird auch für sie zur existenziellen Bedrohung.

Ein spannender Thriller über die Kraft der Suggestion.

Lektorat

Lockt dieser Klappentext zum Lesen? Ich meine: Ja. „Tal des Schweigens“ ist ein einprägsamer Titel und „Thriller über die Kraft der Suggestion“ ein spannendes Thema.

Aber dennoch könnte er sehr viel lockender formuliert werden.

Fangen wir also an.

Der Titel gehört zum Klappentext

Der Klappentext findet sich auf der Rückseite des Buches unter dem Titel. Der Titel ist also Bestandteil des Klappentextes.

Damit kommt das Tal gleich zweimal hintereinander vor. Im Titel und dann im ersten Satz. Ein geheimnisvolles Tal in der Dübener Heide. „Tal des Schweigens“ ist aber viel aussagekräftiger als „geheimnisvolles Tal“. Deshalb würde ich den ersten Satz streichen.

Aufzählung

Dann werden drei Sachen aufgezählt.

Ein Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise. Und eine Frauenleiche, die plötzlich verschwunden ist.

Das ist ein probates Mittel, um ein Buch in einem Klappentext zu bewerben. Mehrere kurze Sätze, die besondere Elemente des Buches aufzählen. Die den Roman herausheben, sein Alleinstellungsmerkmal betonen (Unique Selling Proposition , USP genannt).

Der erste Satz dieser Aufzählung sollte besonders einprägsam sein. Trifft das für Verein zu, in dem Männer keinen Zutritt haben?

Ich finde: Nein. Die Leiche, die verschwindet, wäre der bessere erste Satz und erst dann der Verein.

Stil

Wenn Sie diesen Stil der Aufzählung wählen, würde ich ihn aber beibehalten. Also nicht:

Die Detektivin Kirsten Stein hat es in ihrem sechsten Fall mit Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung zu tun.

Sondern:

Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung in der abgelegenen Dübener Heide.

Damit hätten wir auch den Ort der Handlung eingeführt, den ich oben zusammen mit dem ersten Satz gestrichen habe.

Existenzielle Bedrohungen

Es gibt Standardsätze in Klappentexten, die so oft verwendet werden, dass sie die Wirkung längst verloren haben. Die so allgemein sind, dass der Leser kein Bild entwickelt. Einer ist zum Beispiel:

Ein furchtbares Geheimnis wird aufgedeckt.

Das kann jeder behaupten. Deshalb wirken solche Sätze auch nicht. Und zu dieser Sorte Sätze gehört auch der Satz:

Was sie entdeckt, als sie sich undercover in der Nattermühle einmietet, wird auch für sie zur existenziellen Bedrohung.

Existenzielle Bedrohung bedrohen Leser in keiner Weise. Also ganz streichen?

Nein. Denn es gibt ein Element im Satz, das konkret ist und das durchaus Bedrohung weckt. Dass sich die Detektivin in der Nattermühle undercover einmietet. Die von einer seltsamen Vereinigung betrieben wird. Formulieren wir also mal um, immer noch im Stil kurzer Aufzählungssätze:

Und eine Detektivin, die sich undercover in der Nattermühle einmietet.

Wer will, kann das noch verstärken mit einem anschließenden Satz. Zum Beispiel: Doch dort ist nicht nur Mütterlichkeit zu Hause …

Untertreibung ist bei Spannungsliteratur immer eine gute Idee.

Eine verbesserte Fassung

Jetzt haben wir eine verbesserte Fassung:

Nattermühle – Ki und das Tal des Schweigens

Eine Frauenleiche, die plötzlich verschwindet. Eine abgelegene Mühle in der Dübener Heide. Ein Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise.

Und eine Detektivin, die sich in der Mühle undercover einmietet. Doch dort ist nicht nur Mütterlichkeit zu Hause …

Ein spannender Thriller über die Kraft der Suggestion.

Hier habe ich einen Satz hinzugefügt: „Eine abgelegene Mühle in der Dübener Heide“. Damit habe ich den Ort eingeführt, damit im letzten Satz klar wird, wo sich die Detektivin einmietet.

Handlung im Klappentext

Natürlich könnte man den Klappentext auch auf die klassische Weise schreiben. Als Handlung. Das wäre der Stil, der im Original in den letzten zwei Sätzen gewählt wurde. Probieren wir es einmal:

Eine Leiche wird gefunden und verschwindet wieder. Direkt bei der abgelegenen Nattermühle in der Dübener Heide. Dort sitzt der Allmutter-Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Die Mitglieder pflegen esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise.

Ki mietet sich undercover in der Mühle ein. Doch dort ist nicht nur Mütterlichkeit zu Hause …

In ihrem sechsten Fall hat die Detektivin Kirsten Stein es mit Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung zu tun.

Ein spannender Thriller über die Kraft der Suggestion.

Das wäre ein Klappentext, der sich an üblichen Vorbildern orientieren würde. Sie sehen, es gibt immer mehrere Möglichkeiten.

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Klappentextlektorat Jan. 2017

Klappentextlektorat 2016

Der Höhlenparasit

Die Maya – Genies oder das Werkzeug fremder Wesen?
Woher stammte ihr Wissen über die ausgeklügelte Baukunst ihrer Zeit?
Wie konnten sie mit primitiven Mitteln eine Tempelanlage bauen, die das Sonnensystem widerspiegelt?

Carlos Zamardo, Einsatzleiter der Policia Federal in Mexiko, ermittelt in einem Fall, bei dem er der Wahrheit näher kommt, als ihm lieb ist.

Ein Fall, der ihn ganz persönlich betrifft. Gerichtsmedizinerin Muyal wird mitsamt einem toten Unterwasserarchäologen entführt. Muyals Sprachaufzeichnung über ein parasitäres Wesen am Leichnam ist alles, was Carlos an Hinweisen finden kann, um die Liebe seines Lebens zu retten.

Die Spur führt in quer durch den mexikanischen Dschungel zu einer der zahlreichen Cenoten Yucatans, wo ihm eine uralte Gefahr begegnet.

Lektorat

Die Mayas und deren astronomischen Kenntnisse, eine entführte Gerichtsmedizinerin, ein toter Unterwasserarchäologe und eine seltsame Sprachaufzeichnung. Verspricht das Spannung?

Aber sicher. Und klar geschrieben ist es auch. Doch was erwarten Sie, wenn der erste Satz eines Klappentextes lautet: „Die Mayas – Genies oder das Werkzeug fremder Wesen?“

Das klingt sehr nach Sachbuch. Und birgt folglich die Gefahr, dass die Leser, die einen Krimi suchen, nicht weiterlesen. Der erste Satz ist nicht nur im Roman ungeheuer wichtig, sondern erst recht im Klappentext. Er entscheidet, ob der Leser überhaupt den Klappentext weiterliest oder das Buch weglegt, weil es nicht die Sorte Buch ist, die er sucht.

Deshalb muss der erste Satz sitzen. Einen Eindruck von dem Buch vermitteln. Also ein Pitch sein.

Was ist in »Der Höhlenparasit« das Wichtigste? Dass Carlos die entführte Gerichtsmedizinerin befreien muss, die Liebe seines Lebens. Also formulieren wir das mal.

Carlos Zamardo von der Policia Federal in Mexiko muss die entführte Gerichtsmedizinerin befreien, die die Liebe seines Lebens ist.

So ganz überzeugt das noch nicht. Das klingt noch etwas bieder. Vielleicht besser mit der Gerichtsmedizinerin anzufangen?

Die Gerichtsmedizinerin Muyal wird entführt. Verschwunden ist auch die letzte Leiche, die sie untersucht hat: die eines Unterwasserarchäologen. Carlos Zamardo von Policia Federal in Mexiko soll den Fall aufklären. Doch die einzige Spur, die er hat, ist eine seltsame Sprachaufzeichnung der Medizinerin. Dort spricht sie von einem unbekanntem Parasiten, den sie an der Leiche des Archäologen gefunden hat. Dass Muyal die Liebe seines Lebens ist, macht den Fall für Zamardo nur dringender.

Jetzt haben wir nicht nur einen ersten Satz, sondern gleich einen ersten Abschnitt, der uns erzählt, wie die Geschichte beginnt. Das ist immer eine gute Idee in einem Klappentext. Erst ein Pitch, der neugierig macht, dann das, was die Geschichte in Gang setzt, und worum es geht.

Und die Mayas? Ganz weglassen?

Unique Selling Point

Nein, die Mayas sind ein Spannungselement. Ein Alleinstellungsmerkmal (Unique Selling Point), wie es in der Fachsprache heißt, also etwas, das nur diese Geschichte auszeichnet. Ein Krimi mit ungewöhnlichem Setting und ebenso ungewöhnlichem Thema. Also gehört das auch in den Klappentext. Aber erst an zweiter Stelle.

Die Maya – Genies oder das Werkzeug fremder Wesen?
Woher stammte ihr Wissen über die ausgeklügelte Baukunst ihrer Zeit?
Wie konnten sie mit primitiven Mitteln eine Tempelanlage bauen, die das Sonnensystem widerspiegelt?

Das klingt noch etwas zu statisch. Wir haben es ja mit einem Krimi zu tun, nicht mit einen historischen Essay. Wie wäre es damit:

Die Spur führt durch den mexikanischen Dschungel zu einer alten Tempelanlage der Mayas, die das Sonnensystem widerspiegelt.

So wichtig wie der erste Satz ist auch der letzte. Der sollte am besten eine Frage, einen Konflikt aufwerfen. Und so den Leser verlocken, das Buch aufzuschlagen. Vielleicht so:

Doch in den Ruinen wartet eine uralte Gefahr auf ihn.

Details

Schauen wir uns mal den folgenden Satz an:

Carlos […] ermittelt in einem Fall, bei dem er der Wahrheit näher kommt, als ihm lieb ist.

Solche Formulierungen sind beliebt in Klappentexten. »Er kommt der Wahrheit näher, als ihm lieb ist«, »eine große Gefahr wartet auf ihn«, »ein großes Geheimnis bedroht seine Liebe«. Solchen Formulierungen ist eins gemeinsam: Sie sagen nichts aus. Sie versprechen Spannung, aber geben keinen Hinweis darauf, was überhaupt spannend sein könnte. Und da sie nicht gerade Höhepunkte der Fantasie sind, sondern jeder so etwas auf Dutzenden Klappentexten gelesen hat, vermuten Leser schnell, dass das Buch sich ebenfalls in solchen nichtssagenden Klischees ergeht.

Bei Stephen King sind solchen Formulierungen okay. Dass Stephen King spannend schreiben kann, wissen die Leser. Sie kaufen die Bücher, egal, was hinten im Klappentext steht. Möglicherweise tun sie es auch bei großen Verlagen wie Heyne oder Lübbe. Manchmal findet man auch dort solche Formulierungen. Aber Heyne und Lübbe sind bekannte Marken, die Leser wissen, was sie da erwarten können.

Wenn Sie ein unbekannter Selfpublisher sind, kann ich von solchen Allerweltsformulierungen nur abraten.

Verständlich schreiben

Wissen Sie, was »Cenoten« sind? Den meisten Leser dürften sie genauso unbekannt sein wie mir. Verwenden Sie nie Bezeichnungen im Klappentext, die Ihre Leser nicht kennen.

Neue Fassung

Die Gerichtsmedizinerin Muyal wird entführt. Verschwunden ist auch die letzte Leiche, die sie untersucht hat: die eines Unterwasserarchäologen. Carlos Zamardo von Policia Federal in Mexiko soll den Fall aufklären. Doch die einzige Spur, die er hat, ist eine seltsame Sprachaufzeichnung der Medizinerin. Dort spricht sie von einem unbekanntem Parasiten, den sie an der Leiche des Archäologen gefunden ha. Dass Muyal die Liebe seines Lebens ist, macht den Fall für Zamardo nur dringender.

Die Spur führt ihn durch den mexikanischen Dschungel zu einer antiken Tempelanlage der Mayas, die das Sonnensystem widerspiegelt.

Doch in den Ruinen wartet eine uralte Gefahr auf ihn …

 

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


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Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
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Klappentextlektorat 2016

Die wunderbare Vermehrung der Partizipien

Er griff nach der vor dem Bett verknüllt liegenden Hose.

Solche Partizip-Konstruktionen sind in den letzten Jahren im Deutschen zur Mode geworden. Ich weiß nicht, in wie vielen Manuskripten ich bereits derartige Formulierungen gelesen habe. Dabei lässt sich das weiteleganter und einfacher sagen:

Er griff nach seiner verknüllten Hose

Oder, wenn wichtig wäre, dass die Hose vor dem Bett liegt:

Er griff nach seiner Hose, die vor dem Bett lag.

wahlweise auch:

Er griff nach seiner Hose vor dem Bett.

Leider finden sich solche Konstruktionen mittlerweile auch in veröffentlichten Büchern – egal, ob von Selfpublishern oder Verlagen.

Partizipien im Lateinischen wirken elegant. Wer – wie ich – noch ein humanistisches Gymnasium mit ausführlichem Lateinunterricht besucht hat , erkennt Lateinlehrer meist nach dem ersten Satz. An den ausgefeilten Partizipialkonstruktionen in den deutschen Texten mit lateinischer Grammatik.Heute dürfte eher das Englische an der wundersamen Vermehrung der Partizipien schuld sein. Und die Bequemlichkeit. Mit Partizipien lassen sich schnell noch zusätzliche Informationen in einen Satz packen, ohne dass man sich lange Gedanken machen muss:

Ohne die bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten eines Blickes zu würdigen

Da wird die Information reingequetscht, dass die Toten bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind. „Partizipkonstruktionen“ sind das Mittel der Wahl, um den Leserinnen und Lesern unnütze Details mitzuteilen. Denn wie viele Tote verbrennen schon so, dass man sie auf Anhieb wiedererkennt?

Hier noch ein Beispiel:

Im Gang knieten drei Menschen mit auf den Rücken gefesselten Händen.

Klingt das elegant? Dabei lässt sich auch dieser Satz leicht verbessern:

Im Gang knieten drei Menschen, die Hände auf den Rücken gefesselt .

Die Beispiele zeigen ein Problem, das Partizipien im Deutschen mit sich bringen können. Das Deutsche verwendet Artikel. Und wenn ich eine umfangreichere Information in eine Partizipkonstruktion setze, dann werden der Artikel und das dazu gehörige Substantiv weit auseinandergerissen:

Die mit schwarzen Gesichtern versehenen und zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten

Sagen Sie nicht, sowas würde niemand schreiben. Mir flattern täglich Texte auf den Schreibtisch, die das Gegenteil beweisen. Ein weiteres Beispiel:

Ihre mit Klappern und Klirren verbundene Betriebsamkeit in der Küche versprach ein baldiges, wenn auch karges Frühstück.

Da stehen fünf Wörter zwischen dem Artikel und dem dazugehörenden Substantiv.

Ach ja, haben Sie es gemerkt? Ich habe selbst eine „Partizipkonstruktion“ verwendet: „das dazugehörende Substantiv“. Aber ich habe mich auf ein Partizip beschränkt und nicht noch weitere Infos dazugepackt. „Das sich mit zusätzlichen Infos aufblähende dazugehörende Substantiv“ wäre eine problematische Formulierung. Übrigens lässt sich auch unser Frühstücksbeispiel leicht verbessern:

In der Küche klapperten Teller, klirrte Besteck und versprachen ein baldiges, wenn auch karges Frühstück .

Vorteil: Durch die aktiven Verben wirkt der Satz nicht nur dynamischer, liest sich auch leichter.

W arum sind Partizipien problematisch?

Einen Grund habe ich bereits genannt: Wenn die Konstruktion aus mehreren Wörtern besteht, leidet die Verständlichkeit, weil zwischen Artikel und dazugehörigem Wort eine Menge Infos eingeklemmt werden. Die Leserinnen und Leser müssen verklemmte Konstruktionen entschlüsseln.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass als Partizipien gerne Wörter verwendet werden, die Hilfsverben ähneln. Zum Beispiel „die vor dem Bett liegende Hose“. Oder: „Das bereits vor Stunden begonnene Kochen des Mittagsessens.“

Oft haben die Partizipien wenig oder gar keine Aussagekraft. Das Mittagessen kochte bereits seit Stunden und die Hose vor dem Bett sind eleganter und auch verständlicher.

Der dritte Grund folgt aus dem Zweiten. Diese Konstruktionen blähen den Text auf, er gibt sich wichtiger, als er ist. Wirkt pompöser. Viele Partizipien gehören zu den Füllwörtern und lassen sich ersatzlos streichen.

Mit Partizipien können Sie eine „wundervolle“ Bürokratensprache produzieren:

Die hier gemeldete, und unter dem Spitznamen Rotkäppchen allseits bekannte Person, mit einem rot gefärbten, auf dem Kopf getragenem Kleidungsstück

ist eine Sprache, mit der Sie alle, die Bücher schätzen und viel lesen, davon abhalten können, Ihre mit viel Mühe erstellten Werke zu genießen.

In einem Polizeibericht wäre eine derartige Aufzählung sinnvoll, dort muss alles erwähnt werden. In einer Geschichte ist sie Gift.

Die Dosis macht das Gift

Also lieber gar keine Partizipien verwenden? Bei Schreibregeln kommt es immer auch auf die Dosis an. Kontrollieren Sie einfach, wie viele Partizipien Sie verwenden. Nehmen Sie zwei Seiten aus Ihren Texten und streichen Sie jedes Partizip an. Wie viele sind es? Eins pro Seite? Oder eins pro Satz?

Verwenden Sie mehr als ein oder zwei Wörter zwischen Artikel und Substantiv? Ausufernde Wortungetüme sollten Sie ausdünnen. Entweder durch Relativsätze – da dürfen Sie dann ausführlicher schreiben – oder Sie überführen das Partizip in eine aktive Verbform.

Ihr Hans Peter Roentgen

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Partizip
http://www.mein-deutschbuch.de/lernen.php?menu_id=69

Aus: Federwelt April 2016

PS: *In der Fachliteratur spricht man von „Partizipialkonstruktionen“, ich habe den Begriff „Partizipkonstruktionen“ gewählt,

 

Die wunderbare Vermehrung der Partizipien

Klappentextlektorat: Alptraum Traumgewicht

Albtraum Traumgewicht: Mein Weg aus dem Dickicht von Familie, Essstörung, Psychiatrie und Therapie

Eine junge Frau erzählt

von ihrer Krankheit Magersucht,
von Depressionen,
psychiatrischen Kliniken,
betreuten Wohngemeinschaften
und vielen Therapien.

Sie beschreibt ihre familiären Verflechtungen und Belastungen:

ihre eigene hohe Begabung,
schwere Krankheiten, Trennungen und Tod.

Sie stellt sich Fragen:

Warum ich? Was hat mich krank gemacht?
Welcher Weg führt aus dem Todeshunger
zurück ins Leben?
Wer bin ich ohne Magersucht?

Mein Albtraum beginnt zu verblassen …

Lektorat

Essstörungen nehmen zu. Zeitungen, Fernsehen und Heidi Klum gaukeln uns vor, dass nur superschlanke Menschen liebenswert sind. Dicksein ist Pfui. Wobei heute schon als »dick« gilt, wer Normalgewicht aufweisen kann.

Kein Wunder, dass immer mehr Mädchen (und mittlerweile auch Jungen) an Essstörungen leiden. Das Thema ist aktuell. Und hier berichtet eine der Betroffenen, so ein Buch interessiert viele.

Wenn es gut gemacht ist. Wenn der Klappentext Interesse weckt. Der Titel weckt das auf jeden Fall: »Alptraum Traumgewicht«. Warum? Weil er genau das Dilemma beschreibt: Der Traum vom schönen Körper. Und dass dieser Traum zum Alptraum werden kann.

Die Dreier-Regel

Kennen Sie Churchills Ausspruch, als er 1940 zum Premierminister gewählt wurde? »Ich kann Ihnen nur Blut, Schweiß und Tränen versprechen«, so wird er oft zitiert. Die Situation Großbritanniens war verzweifelt. Hitlers Truppen bedrohten Europa. Viele zweifelten, dass man ihnen Widerstand leisten könnte.

Aber Churchill hat diesen Satz so nie gesagt. In Wirklichkeit sagte er: »Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“ (engl. „Blood, toil, tears and sweat“). Warum hat sich dann die andere Fassung durchgesetzt?

Weil man es leichter behält und weil es einem menschlichen Bedürfnis entspricht. Die Zahl Drei ist magisch. Wer etwas aufzählt, hat mehr Erfolg, wenn man diese Dreieinheit verwendet. Vier Dinge aufzuzählen ist nicht so eindrücklich.

»Mein Weg aus dem Dickicht von Familie, Essstörung, Psychiatrie und Therapie«, auch da sollte man besser der Dreier-Regel folgen.

Also: »Mein Weg aus dem Dickicht von Familie, Essstörung und Psychiatrie.« Zumal das vierte Element (Therapie) nichts Neues hinzufügt.

Konkrete Details

Der Klappentext soll den Leser locken, das Buch zu kaufen. Deshalb muss er ihm sagen, was für ein Buch es ist. Natürlich darf man übertreiben, wird das Buch in den tollsten Farben schildern, sagen, dass es etwas ganz Besonderes ist. Aber Marketing hin oder her: Der Klappentext muss dem Leser einen Eindruck vermitteln, was es für ein Buch ist. Ein Buch, dessen Klappentext einen superspannenden Thriller ankündigt, muss ein Thriller sein. Ist es eine Liebesgeschichte, kann die so gut sein, wie sie will, der Leser ist enttäuscht. Das ist so, als wenn man im Restaurant eine Pizza Napoli bestellt und bekommt Mousse au Chocolate. Ganz egal, wie toll die Mousse ist – der Kunde wird nicht erfreut sein.

Was verspricht uns dieser Titel? Eine Lebensgeschichte einer Frau, die viel mitgemacht hat. Magersucht, Psychiatrie, familiäre Probleme. Eine Menge Fragen: »Warum ich? Was hat mich krank gemacht? Welcher Weg führt aus dem Todeshunger zurück ins Leben?« Viele Stationen auf dem Weg aus der Magersucht: »Depression, Klinik, Wohngemeinschaft«.

Und ein Ausblick, dass am Ende der Albtraum verblasst.

Was sagt der Klappentext über die Frau? Dass sie ein schwieriges Leben hatte. Das ist sehr allgemein. Wie soll sich der Leser das vorstellen? Ein Klappentext soll ja auch Emotionen ansprechen, er soll etwas Besonderes versprechen. Hier finden sich nur allgemeine Sätze. Magersucht haben viele, was ist der besondere Weg dieser Frau?

Als sie nur noch 35 kg wiegt, bricht sie auf der Straße zusammen und fällt drei Tage ins Koma.

Das wäre ein Ereignis, das dem Leser eine Vorstellung gibt, was die Frau durchgemacht hat. Denken Sie beim Klappentext daran: Der Klappentext sollte nicht nur allgemein das Thema des Buches benennen. Ein kurzer konkreter Ausblick auf eine eindrückliche Szene vermittelt dem Leser, was ihn erwartet. Und weckt Emotionen.

Was wollen Sie erzählen?

Wer spricht in diesem Klappentext? Fällt Ihnen da etwas auf?

Richtig, einmal spricht die Autorin zu uns: »Mein Weg aus …«, »Warum ich …«, »Mein Alptraum …«

Aber gleichzeitig spricht eine dritte Person über das Buch und die Frau: »Eine junge Frau erzählt …« Dritte Person.

Zwei Möglichkeiten gibt es, über Essstörungen zu schreiben. Einmal den sehr persönlicher Bericht einer Betroffenen. Da ist die Ich-Perspektive sinnvoll. Und dann den allgemeineren Text über Magersucht, der dem Leser auch viel Allgemeines über Essstörungen verrät. Was ist besser?

Es gibt kein Besser. Immer wieder werden absolute Leitsätze darüber veröffentlicht, wie man ein Buch schreiben muss, das sich verkauft. Aber wer sich erfolgreiche Bücher ansieht, stellt schnell fest, dass sie keineswegs so einheitlich sind, wie uns Marketing-Fachleute immer weismachen wollen.

Nur muss man sich entscheiden. Ein Buch über Essstörungen von einem Fachmann sollte auch verschiedene Beispielfälle enthalten. Ist aber etwas anderes als das Buch einer Frau, die das erlebt hat und die ihren besonderen Weg durch die Magersucht beschreibt.

Das sollte der Klappentext auch darstellen. Ich würde entweder beim »Ich« bleiben oder in der dritten Person. Aber nicht zwischen beiden wechseln.

»Betroffenheitsliteratur«, so lästern viele über persönliche Lebensgeschichten. Kein Zweifel, viele solcher Geschichten dienen nur der Autorin dazu, ihr Leben auszubreiten. Ähnlich einer Kneipenbekanntschaft, die man nicht rechtzeitig hat bremsen können und die einen nun endlos zutextet mit allen Details einer Lebensgeschichte, die niemand interessiert. Das ist die große Gefahr der persönlichen Geschichte einer Betroffenen. Dass sie nicht auswählen kann, was den Leser fesselt, interessiert, sondern davon ausgeht, dass ihr Leben die allerinteressanteste aller Lebensgeschichten bietet.

Das Gegenteil ist das Buch eines Wissenschaftlers, das ausführlich in endlosen unverständlichen Sätzen alles über den Gegenstand erzählen. Auch viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass alles, was sie selbst interessiert, auch alle anderen Menschen interessieren müsste.

Beide Varianten haben ihre Gefahren. Ganz egal, welche Variante Sie wählen: Sie müssen an Ihre Leser denken. Wie können Sie sie fesseln?

Weniger ist mehr

Lesen Sie sich noch einmal den Abschnitt mit den Fragen durch:

Sie stellt sich Fragen:

Warum ich? Was hat mich krank gemacht?
Welcher Weg führt aus dem Todeshunger zurück ins Leben?
Wer bin ich ohne Magersucht?

Würde Sie dieser Abschnitt verleiten, das Buch in die Hand zu nehmen? Die Leseprobe im Netz aufzuschlagen? Vermutlich nicht.

Dabei sind offene Fragen der Stoff, aus dem Spannung gewirkt wird. Wer war der Mörder? Nur sind in unserem Beispiel die Fragen nicht die, die sich der Leser stellt. Sondern die, die sich die Autorin stellt. Und das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Die Leser schlagen ein Buch auf, wenn der Klappentext Fragen stellt, die sie als Leser interessieren.

Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Eine Vielzahl von Fragen wirkt erschlagend. Besser eine zentrale Frage des Buches in den Mittelpunkt stellen. »Kann sie nach vielen gescheiterten Therapien den Weg zurück in ein normales Leben finden?«, das wäre eine solche Frage.

Zusammenfassung

Dieser Klappentext sollte konkret werden, Beispiele nennen, die den Leser interessieren. Er sollte sich auf die Hauptsache konzentrieren, sich nicht in Details verzetteln.

Ihr Hans Peter Roentgen

 

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

 

Klappentextlektorat: Alptraum Traumgewicht