Interview Horst Eckert

Konflikt, Konflikt, Konflikt!

Horst Eckert hat mit „Wolfsspinne“ einen Krimi über eine fiktive Neonazi-Terroristengruppe vorgelegt. Auch seine früheren Krimis behandeln fiktive Geschichten, die an reale politischen Geschehnisse anknüpfen. Grund genug, ihn zu den Themen Spannung und Politthriller zu befragen.

Hans Peter Roentgen: Horst Eckert, du hast mit »Wolfsspinne« einen Roman über den NSU geschrieben, einen Politthriller. Der eine andere, fiktive Geschichte des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) erzählt. Auch deine anderen Romane behandeln politische Themen. „Sprengkraft“ handelt von islamistischen Terroristen, aber auch von einer Partei, die der AfD sehr ähnelt. Der Krimi wurde allerdings lange vor der AfD geschrieben.
Wie fühlt man sich, wenn das, was man als Fiction erfunden hat, Realität wird?

Horst Eckert: Manchmal ist es schon seltsam, wenn man während des Schreibens die Nachrichten verfolgt und das Gefühl hat, die Realität holt einen ein. Man darf sich dadurch aber nicht aus dem Konzept bringen lassen. Ich muss nicht alles in meine Fiktion einbauen, damit sie „wahrer“ wird. Andererseits gibt die Wirklichkeit meistens die besten Inspirationen.

Hans Peter Roentgen: Warum schreibst du Politthriller? Was ist überhaupt ein Politthriller?

Horst Eckert: Vermutlich nennt man einen Thriller so, wenn er politische Themen streift oder direkt aufs Korn nimmt. Ich mache das immer wieder gern, denn mich interessiert, wohin unsere Gesellschaft steuert. Und Themen, die uns alle betreffen, haben automatisch eine gewisse Größe. Das gilt allerdings auch für viele „allgemein menschliche“ Themen. Die Mischung macht für mich den Reiz. Und das Neue. Ich erzähle im Hier und Heute. Kriminalliteratur, die ich mag, das ist keine Märchenstunde, kein Eskapismus, sondern Auseinandersetzung mit der Psyche des Menschen und mit der Moral unserer Gesellschaft. Und schnell sind wir dabei im Politischen.

Hans Peter Roentgen: Deine Wolfsspinne thematisiert die Verquickung des Verfassungsschutzes mit der Neonazi-Szene in Thüringen und Sachsen. Heute wissen wir, dass der Verfassungsschutz viele Neonazis aus dem Umfeld des NSU auf den Lohnlisten hatte.
In deinem Roman übt die Politik Druck auf die Dienste aus. Wer die meisten V-Leute aus der Szene hat, macht Karriere. Das hat natürlich zur Folge, dass Neonazis verpflichtet werden und Geld erhalten. Dahinter steht die Hoffnung, dass man so Anschläge verhindern könne. Auch bei Islamisten ist das immer wieder das Argument. Gerade habe ich von einem Islamisten gelesen, der für den Verfassungsschutz gearbeitet hat.
Lassen sich so Anschläge verhindern?

Horst Eckert: Es wird immer Anschläge geben. Ganz kann man das nie ausschließen. Es geht darum, das Risiko zu vermindern. Und es geht um die Frage, was wir dafür zu opfern bereit sind. Denn irgendwann kommt die Gesellschaft an den Punkt, wo ein Mehr an Sicherheit nur durch den Verzicht auf Freiheiten zu haben ist. Das gilt es abzuwägen.
Sobald Geheimdienste involviert sind, kommt allerdings noch ein Risiko hinzu, wie gerade der Fall NSU zeigt. Denn der Verfassungsschutz arbeitet geheim, das heißt, nur unter sehr begrenzter Kontrolle. Macht lädt zum Missbrauch ein und deshalb darf sie eigentlich nie unkontrolliert verliehen werden. Ich frage mich: Braucht wirklich jeder Ministerpräsident dieser Republik seinen eigenen Geheimdienst?

Hans Peter Roentgen: Einerseits erhofft man sich von Geheimdiensten, Infos über die Neonaziszene zu erhalten (und natürlich auch über Islamisten). Andererseits sind da die Befürchtungen, dass sich diese Dienste immer weiter der demokratischen Kontrolle entziehen. Manchmal tun sie mir Leid. Sie sollen in die Szene gehen. Was nur geht, wenn sie sich an kriminellen Aktionen beteiligen, sie vielleicht sogar als Agent Provocateur Taten provozieren, um die Extremisten auffliegen zu lassen.
Andererseits sollen sie legal handeln Wie siehst du das?

Horst Eckert: Es gibt das Legalitätsgebot. Kein Beamter darf sich als verdeckter Ermittler an Straftaten beteiligen. Selbst Nazis, die als V-Mann geführt werden, also im besten Fall gegen Geld ihre Kumpels verraten, dürfen keine Verbrechen begehen. Andernfalls müsste man die Zusammenarbeit beenden und sie vor Gericht stellen. So will es das Gesetz, und wenn sich die Polizei nicht daran hält, fliegt das auf und es gibt einen Skandal. Aber die Verfassungsschutzbehörden der Länder und des Bundes arbeiten im Geheimen. Und schon haben wir das Problem, das uns auf die schiefe Bahn führt. Beispiel NSU: Der Verfassungsschutz weiß nach dem Untertauchen der drei Bombenbauer, wo sie sich aufhalten, verrät sie aber nicht der Polizei, weil er sich irgendwelche Erkenntnisse erwartet oder womöglich einen der drei Neonazis als V-Person führt. Dann gibt es den ersten Banküberfall. Man hält weiter die Hand über das Trio. Schließlich der erste Mord. Wenn man jetzt die Drei an die Polizei verrät, fliegt auf, wie sehr man bereits mit drinsteckt. Also schaut man weiter zu und spricht vielleicht eine Warnung aus. Das würde erklären, warum der NSU nach 2006 keinen Migranten mehr ermordet hat. Plötzlich überfällt der NSU aber wieder Banken, und die Polizei kommt ihm auf die Spur. Wie kommt der Verfassungsschutz ungeschoren davon? Die Leute umbringen und es als Selbstmord tarnen. So geschieht das im Roman, natürlich fiktiv, denn ich habe keine Beweise. Aber für mich klingt diese Version stimmiger als die Selbstmord-Erzählung der Bundesanwaltschaft. Wer einmal unsauber agiert, verstrickt sich immer tiefer. Klassische Tragödie.

Hans Peter Roentgen: Der Verfassungsschutz hat Akten geschreddert, als das BKA Einsicht verlangte. Im Fall des Buback-Mordes wurde gar nichts geschreddert, da hat der Minister die Akten für geheim erklärt, weil die Sicherheit der Bundesrepublik sonst gefährdet würde. Dabei ist der Mord 40 Jahre her.
Die USA hatten keinen Geheimdienst, weil das dem Selbstverständnis einer Demokratie wiedersprechen würde. Heute haben sie mit NSA, CIA und manch anderem Dienst riesige Geheimdienstzentralen mit hunderttausenden Angestellten.
Sind Geheimdienste ein notwendiges Übel, um das kein Staat herumkommt?

Horst Eckert: Wenn aufgrund von geheimdienstlichen Erkenntnissen ein Anschlag verhindert wird, sind wir natürlich froh, dass es sie gibt. Aber wie viele fremdenfeindlich motivierte Anschläge finden trotzdem statt, fast jeden Tag? Ich befinde mich da im Dilemma. Aber gerade daraus entstehen gute Geschichten. Als Autor muss ich also froh sein, dass es Geheimdienste gibt.

Hans Peter Roentgen: Deine Romane sind superspannend. Wie erzeugst du Spannung? Gibt es da bestimmte Techniken und Tricks? Falls ja, kannst du mal aus dem Nähkästchen plaudern und uns einige vorstellen?

Horst Eckert: Ich brauche eine Figur, die etwas unbedingt will und aktiv wird, es zu erreichen. Zweitens brauche ich Hindernisse, die der Figur im Weg stehen und vor denen sie trotzdem nicht kapituliert. Immobilienmakler sagen, dass es für eine gute Wohnung drei Kriterien gibt: Lage, Lage, Lage. Und für einen spannenden Roman gibt es ebenfalls drei Kriterien: Konflikt, Konflikt, Konflikt. Damit hat man noch nicht alles, aber den unverzichtbaren Grundstock.

Hans Peter Roentgen: Politthriller erzählen anhand realer Ereignisse eine erfundene Geschichte. Sind sie also sowas wie »Verschwörungstheorien«? Wieweit befördert der Politthriller die Liebe zu Verschwörungen, die im Moment ja gerade aufblüht? Oder gilt der Satz: Suche nicht nach einer Verschwörung, wenn ganz gewöhnliche Dummheit als Erklärung völlig ausreicht?

Horst Eckert: Ich liebe Verschwörungstheorien. Wenn am Ende eines Krimis steht, dass der Täter nur aufgrund einer dummen Verwechslung sein Opfer getötet hat, fühlen wir uns um eine intelligentere Auflösung betrogen. Wenn ich die Wege der Macht nicht durchschaue, kann eine plausible Verschwörungstheorie immerhin Erklärungen liefern. Ich glaube nicht, dass ich dadurch eine Politikverdrossenheit schüre, denn das Misstrauen ist ja schon da.
Hans Peter Roentgen: Was ist für einen guten Thriller wichtiger: gute Dramaturgie oder guter Stil?

Horst Eckert: Mir ist beides wichtig, auch wenn sich erstaunlich viele Bücher allein aufgrund ihrer Dramaturgie gut verkaufen.
Hans Peter Roentgen: Wie schreibst du deine Romane? Planst du vorab die Handlung? Oder schreibst du los und die Geschichte entwickelt sich während des Schreibens?

Horst Eckert: Erst muss der Plan stehen. Aber er muss nicht perfekt ausgearbeitet sein, denn nach vierzehn Romanen weiß ich, dass mir beim Schreiben noch jede Menge Einfälle kommen werden, um Lücken zu schließen.
Hans Peter Roentgen: Ich habe kürzlich Le Carre´s Erinnerungen gelesen. Und jede Menge Personen getroffen, die ich aus seinem Roman »Dame, König, As, Spion« wiedererkannt hatte. Hast du auch reale Personen im Kopf, wenn du eine Person entwickeltst? Hast du erst die Person im Kopf oder erst die Idee?

Horst Eckert: Zuerst die Person. Aber nicht ein reales Vorbild und auch nicht etwa irgendwelche äußeren Merkmale, sondern der fiktive Konflikt, in dem sie sich befindet. Und daraus ergibt sich auch schon der Plot. Ich kann Handlung und Figur nicht trennen, denn ich charakterisiere die Figur durch das, was sie tut, also durch die Handlung. Indem eine Figur versucht, ihre Hindernisse zu überwinden, wird sie lebendig und interessant. Ob sie dann blond oder dunkelhaarig ist, ist völlig unwichtig.
Hans Peter Roentgen: Die Mutter deines Kommissars Vincent Che Vehs war Mitglied der RAF, also ebenfalls eine »Terroristin«. Allerdings haben Baader-Meinhof nicht wahllos Leute umgebracht, wie das Islamisten und Neonazis tun. Wie schwierig ist es für dich, sich in solche Menschen zu versetzen?

Horst Eckert: Es ist sehr schwer, wenn jemand menschenverachtend denkt und handelt. Gerade beim NSU-Thema hat mir ein regelrechter Ekel vor dem Gedankengut dieser Szene den Einstieg schwer gemacht. Andererseits wissen wir ja, wie diese Leute ticken, und es ist nun mal mein Job, mich auch in solche Figuren hineinzuversetzen. Dabei hilft es mir dann etwas, dass jeder Terrorist nebenher auch ein Mensch mit ganz alltäglichen Sorgen ist. Im Monster steckt oft ein kleines, verbittertes Würstchen.
Hans Peter Roentgen: Da kommen wir zum Motiv. Der Hass ist sicher das eine. Das andere ist der Glaube, für die gute Sache zu kämpfen und notfalls zu sterben. Die RAF hat ihre Morde mit dem Imperialismus begründet, der ja noch viel schlimmer sei. Die Islamisten kämpfen für Gott und gegen die bösen Amis, die nur Geld im Sinn habe. Und wer Flüchtlingsheime anzündet, glaubt, dass der Islam Deutschland erobern will und die deutsche Kultur vernichtet. Da heiligt der Zweck die Mittel und die Kollateralschäden – sprich die Morde – werden schöngeredet.
Welche Rolle spielen politische Ideen in deinen Romanen?

Horst Eckert: Natürlich kommt das vor, soweit ich das zur Charakterisierung meiner Figuren oder zum Vorantreiben der Handlung benötige. Im Wesentlichen überlasse ich es dann den Lesern, diese Motive einzuordnen, denn ich schreibe ja keine Thesenromane. Auch setze ich den Ideen meiner Figuren nicht meine eigenen entgegen. Meine Leser können sich sehr gut ihre eigene Meinung bilden, denke ich.

Hans Peter Roentgen: Mancher Geheimdienstthriller hat ja klare Fronten. Die eine Seite sind die Guten, die andere die Bösen. Die Guten sind gut, dürfen deshalb alles, die Bösen sind böse und haben deshalb keine Rechte.
Wie entkommt man diesem Schwarz-Weiß Denken? Und sind die Leser überhaupt bereit, einem Autor dann zu folgen? Wenn er nicht mehr ihre Weltsicht teilt?

Horst Eckert: Grauzonen finde ich spannender als klare Fronten. Figuren, die changieren oder sich entwickeln, interessieren mich mehr als eindimensionale Helden oder Bösewichte. Ich kann nur hoffen, dass mir die Leser folgen. Auf jeden Fall bekommen sie bei mir ein Gespür dafür, dass ein Schwarz-Weiß-Denken nicht immer unserer Welt gerecht wird. Aber einen Punkt gibt es, an dem ich moralisch rigoros werde. Der Vorstellung, dass die Guten alles dürfen, kann ich nämlich nicht folgen. Romane, in denen für einen vermeintlich guten Zweck gefoltert oder Selbstjustiz geübt wird, finde ich abstoßend.

Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.

Horst Eckerts Homepage

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
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