Klappentextlektorat August 2016

Im Juli-Tempest hatte ich einen Klappentext besprochen. Die Autorin hat ihn jetzt umgeschrieben. Spannend, zu sehen, wie die neue Version besser wirkt – und warum

Albtraum Traumgewicht – Mein Weg aus dem Dickicht von Essstörung und Therapien, Version II

Traumgewicht als Flucht und Illusion

 Aus dem Spieglein an der Wand sprach die Böse Königin Anorexia zu mir:

„Du bist nicht die Schönste und Klügste im ganzen Land! Du bist zu dick!“

 Ich nahm mir die Worte der Bösen Königin zu Herzen und aß immer weniger, bis ich sehr krank war.

 „Zu dick! Zu dünn! Zur Strafe sollst Du nun auch gestört sein!“

Die Böse Königin hexte mir Stimmen in den Kopf. Jetzt konnte sie immer und überall auf meine Gedanken zugreifen und mich steuern …

Zeigt allen, die in einer Essstörung gefangen sind, dass es auch aus dem tiefsten Abgrund einen Weg zurück ins Leben geben kann.

Mein Albtraum beginnt zu verblassen …

 

Sabine Henkes (23) lebt in Berlin und kämpft seit Jahren mit ihrer Magersucht und den Folgeschäden.

Heute lebt sie ein maßvolles, bescheidenes und oft zuversichtliches Leben.

Lektorat

Erinnern Sie sich noch an den Klappentext aus dem Juli-Tempest? Die Autorin hat jetzt eine neue Version vorgelegt, die sie oben lesen.

Und was ist der Unterschied zur Alten? Kramen Sie einmal den alten Tempest hervor und lesen Sie sich diese Fassung. Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied? Was ist besser, was schlechter?

Der Hauptunterschied ist die Königin Anorexia. Au einem allgemeinen Klappentext über Magersucht ist eine Geschichte geworden. Die Magersucht wurde zur Bösen Königin und damit entsteht ein Bild. Diese Technik, aus Allgemeinem bekannte Geschichten zu machen, ist nicht nur im Klappentext wirkungsvoll. Schon Kafka kannte sie und schrieb nicht über bedrückende Familienverhältnisse, sondern verwandelte den Sohn der Familie in ein riesiges Ungeziefer. Ein Bild sagt mehr als viele allgemeine Worte.

Diese Böse Königin handelt. Sie kann ihre Opfer besprechen, übt Macht aus. Und kennen wir nicht die Macht der Worte und Bilder, die uns vorgaukeln, dass nur die schön ist, die jede Sekunde auf ihr Gewicht achtet? Der Klappentext erzählt uns eine kurze Geschichte und durch diese Geschichte entwickelt er im Leser eine Vorstellung davon, um was für ein Buch es sich handelt.in die We

Dass es ein anschauliches Bild, eine Variante einer bekannten Geschichte ist, lockt zum Lesen. Der Leser erwartet keine trockene Abhandlung über Magersucht und verwandte Krankheiten, medizinisch korrekt und wissenschaftliche unverständlich formuliert. Er erwartet auch keine Betroffenheitsliteratur voller Klagen.

Sondern eine lebendige Geschichte, wie die Autorin zur Gefolgsfrau der Bösen Königin wurde und wie sie ihr dann doch die Gefolgschaft aufkündigen konnte.

Show, don’t tell (Zeigen, nicht behaupten) gilt auch für Klappentexte und Exposés. Das sollten Autorinnen und Autoren nie vergessen. Schreiben Sie Ihre Werbetexte anschaulich, lassen Sie die Leser sie erleben und die Leser werden eine bessere Vorstellung Ihres Buches gewinnen, als wenn Sie vollmundige Behauptungen auf den Umschlag schreiben.

 Details

 Was halten Sie von dem Abschnitt ziemlich am Ende:

Zeigt allen, die in einer Essstörung gefangen sind, dass es auch aus dem tiefsten Abgrund einen Weg zurück ins Leben geben kann.

Mein Albtraum beginnt zu verblassen …

 Das sind zwei Sätze mit unterschiedlicher Funktion. Der Erste beschreibt die Funktion des Buches. Es will allen mit Essstörungen zeigen, dass es auch aus dem tiefen Kerker der Königin Anorexia einen Ausweg gibt. Das wäre ein guter Schlusssatz des Klappentexts.

Aber hier ist der Schlusssatz: »Mein Alptraum beginnt zu verblassen«. Das gehört vor den Schlusssatz, es soll zeigen, dass die Autorin ihren Weg heraus gefunden hat. Noch ist das wenig anschaulich. Ich würde die Reihenfolge also umstellen und den Satz umformulieren:

Doch auch die Königin ist nicht allmächtig und ich fand einen Weg aus ihrem Kerker. Mein Alptraum beginnt zu verblassen.

Das Buch zeigt allen, die in einer Essstörung gefangen sind, dass es auch aus dem tiefsten Abgrund einen Weg zurück ins Leben geben kann.

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

 

Klappentextlektorat August 2016

Die wunderbare Vermehrung der Partizipien

Er griff nach der vor dem Bett verknüllt liegenden Hose.

Solche Partizip-Konstruktionen sind in den letzten Jahren im Deutschen zur Mode geworden. Ich weiß nicht, in wie vielen Manuskripten ich bereits derartige Formulierungen gelesen habe. Dabei lässt sich das weiteleganter und einfacher sagen:

Er griff nach seiner verknüllten Hose

Oder, wenn wichtig wäre, dass die Hose vor dem Bett liegt:

Er griff nach seiner Hose, die vor dem Bett lag.

wahlweise auch:

Er griff nach seiner Hose vor dem Bett.

Leider finden sich solche Konstruktionen mittlerweile auch in veröffentlichten Büchern – egal, ob von Selfpublishern oder Verlagen.

Partizipien im Lateinischen wirken elegant. Wer – wie ich – noch ein humanistisches Gymnasium mit ausführlichem Lateinunterricht besucht hat , erkennt Lateinlehrer meist nach dem ersten Satz. An den ausgefeilten Partizipialkonstruktionen in den deutschen Texten mit lateinischer Grammatik.Heute dürfte eher das Englische an der wundersamen Vermehrung der Partizipien schuld sein. Und die Bequemlichkeit. Mit Partizipien lassen sich schnell noch zusätzliche Informationen in einen Satz packen, ohne dass man sich lange Gedanken machen muss:

Ohne die bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten eines Blickes zu würdigen

Da wird die Information reingequetscht, dass die Toten bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind. „Partizipkonstruktionen“ sind das Mittel der Wahl, um den Leserinnen und Lesern unnütze Details mitzuteilen. Denn wie viele Tote verbrennen schon so, dass man sie auf Anhieb wiedererkennt?

Hier noch ein Beispiel:

Im Gang knieten drei Menschen mit auf den Rücken gefesselten Händen.

Klingt das elegant? Dabei lässt sich auch dieser Satz leicht verbessern:

Im Gang knieten drei Menschen, die Hände auf den Rücken gefesselt .

Die Beispiele zeigen ein Problem, das Partizipien im Deutschen mit sich bringen können. Das Deutsche verwendet Artikel. Und wenn ich eine umfangreichere Information in eine Partizipkonstruktion setze, dann werden der Artikel und das dazu gehörige Substantiv weit auseinandergerissen:

Die mit schwarzen Gesichtern versehenen und zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten

Sagen Sie nicht, sowas würde niemand schreiben. Mir flattern täglich Texte auf den Schreibtisch, die das Gegenteil beweisen. Ein weiteres Beispiel:

Ihre mit Klappern und Klirren verbundene Betriebsamkeit in der Küche versprach ein baldiges, wenn auch karges Frühstück.

Da stehen fünf Wörter zwischen dem Artikel und dem dazugehörenden Substantiv.

Ach ja, haben Sie es gemerkt? Ich habe selbst eine „Partizipkonstruktion“ verwendet: „das dazugehörende Substantiv“. Aber ich habe mich auf ein Partizip beschränkt und nicht noch weitere Infos dazugepackt. „Das sich mit zusätzlichen Infos aufblähende dazugehörende Substantiv“ wäre eine problematische Formulierung. Übrigens lässt sich auch unser Frühstücksbeispiel leicht verbessern:

In der Küche klapperten Teller, klirrte Besteck und versprachen ein baldiges, wenn auch karges Frühstück .

Vorteil: Durch die aktiven Verben wirkt der Satz nicht nur dynamischer, liest sich auch leichter.

W arum sind Partizipien problematisch?

Einen Grund habe ich bereits genannt: Wenn die Konstruktion aus mehreren Wörtern besteht, leidet die Verständlichkeit, weil zwischen Artikel und dazugehörigem Wort eine Menge Infos eingeklemmt werden. Die Leserinnen und Leser müssen verklemmte Konstruktionen entschlüsseln.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass als Partizipien gerne Wörter verwendet werden, die Hilfsverben ähneln. Zum Beispiel „die vor dem Bett liegende Hose“. Oder: „Das bereits vor Stunden begonnene Kochen des Mittagsessens.“

Oft haben die Partizipien wenig oder gar keine Aussagekraft. Das Mittagessen kochte bereits seit Stunden und die Hose vor dem Bett sind eleganter und auch verständlicher.

Der dritte Grund folgt aus dem Zweiten. Diese Konstruktionen blähen den Text auf, er gibt sich wichtiger, als er ist. Wirkt pompöser. Viele Partizipien gehören zu den Füllwörtern und lassen sich ersatzlos streichen.

Mit Partizipien können Sie eine „wundervolle“ Bürokratensprache produzieren:

Die hier gemeldete, und unter dem Spitznamen Rotkäppchen allseits bekannte Person, mit einem rot gefärbten, auf dem Kopf getragenem Kleidungsstück

ist eine Sprache, mit der Sie alle, die Bücher schätzen und viel lesen, davon abhalten können, Ihre mit viel Mühe erstellten Werke zu genießen.

In einem Polizeibericht wäre eine derartige Aufzählung sinnvoll, dort muss alles erwähnt werden. In einer Geschichte ist sie Gift.

Die Dosis macht das Gift

Also lieber gar keine Partizipien verwenden? Bei Schreibregeln kommt es immer auch auf die Dosis an. Kontrollieren Sie einfach, wie viele Partizipien Sie verwenden. Nehmen Sie zwei Seiten aus Ihren Texten und streichen Sie jedes Partizip an. Wie viele sind es? Eins pro Seite? Oder eins pro Satz?

Verwenden Sie mehr als ein oder zwei Wörter zwischen Artikel und Substantiv? Ausufernde Wortungetüme sollten Sie ausdünnen. Entweder durch Relativsätze – da dürfen Sie dann ausführlicher schreiben – oder Sie überführen das Partizip in eine aktive Verbform.

Ihr Hans Peter Roentgen

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Partizip
http://www.mein-deutschbuch.de/lernen.php?menu_id=69

Aus: Federwelt April 2016

PS: *In der Fachliteratur spricht man von „Partizipialkonstruktionen“, ich habe den Begriff „Partizipkonstruktionen“ gewählt,

 

Die wunderbare Vermehrung der Partizipien

Berliner Binnenschifffahrt

Die Kassiererin hat ein Verhältnis mit dem Fährmann. Deshalb kommt die Fährmannsfrau nicht auf die Fähre, wenn die Kassiererin kassiert. Ihr Zimmer geht jetzt nach hinten raus, mit Blick aufs Dorf. Früher hatte sie eins nach vorne und hat den Blick auf den Kanal genossen. Doch da ist jetzt die Kassiererin und ihr Anblick ist kein Genuss. Jedenfalls nicht für die Fährfrau.

Früher hat sie aus dem Fenster (das auf den Kanal hinaus) die dicken Jachten beobachtet, wie die Kapitäne sie stolz durch den Kanal steuerten. Die Kapitäne rochen nach Geld, selbst oben im Fenster nahm sie das wahr. Die Bäuche wurden durch das Cockpit verdeckt und das war auch besser so.

Sie hätte gerne mit einem davon ein Verhältnis gehabt. Der Bauch hätte sie nicht gestört. Er hätte sie in vornehme Restaurants ausgeführt statt in Willis Wurstparadies und irgendwann wäre sie in der Presse gestanden. Als die neue Begleitung von Schweini oder so. Obwohl, der ist zu jung und noch hat er keinen Bauch. Hat er eine Jacht?
Jetzt geht ihr Fenster nach hinten heraus und dort sieht sie nicht aufs Wasser, sondern auf die Küche von Willis Wurstparadies. Sie hat ein Verhältnis mit dem Koch angefangen. Doch der kommt erst spät in ihr Bett, ist dann müde und schläft sofort ein. Schnarchen tut er auch. Sie findet, dass Verhältnisse weit überschätzt werden.

Sie hat dem Koch empfohlen, sich anderweitig umzusehen. Der war beleidigt und hat gekündigt. Der Wirt hat ihrem Mann eine Szene gemacht, der Koch war ein guter Koch und die Gäste beschweren sich jetzt. Willis Wurstparadies sei nicht mehr, was es mal war.

»Was soll ich tun?«, hat ihr Mann, der Fährmann, gefragt.
»Vielleicht sollten Sie ihrer Frau gut zureden«, hat der Wirt vorgeschlagen.

Der Fährmann hat seiner Frau gut zugeredet und die Qualitäten des Kochs in den höchsten Tönen gelobt. Im Bett und in der Küche.
»Schlaf du doch mit ihm«, hat sie gesagt.
»Das geht nicht«, hat er geantwortet. »Dann ist die Kassiererin sauer und kündigt.«

Jetzt hat der Wirt den beiden die Wohnung gekündigt. Ihr Mann ist auf sie sauer und die Kassiererin auch. Seitdem wohnen sie in der Siedlung und ihr Fenster schaut auf den Wald. Der Wald gefällt ihr besser als die Küche.

Sonntags rauschenb die dicken Wagen vorbei mit dicken Männern am Steuer. Sie träumt davon, dass einer mit ihr ein Verhältnis anfängt. Einer, der nicht einschläft und nicht pupst.

Erstellt auf einem Workshop der Manuskriptur Babara Tauber

Berliner Binnenschifffahrt

Klappentextlektorat: Alptraum Traumgewicht

Albtraum Traumgewicht: Mein Weg aus dem Dickicht von Familie, Essstörung, Psychiatrie und Therapie

Eine junge Frau erzählt

von ihrer Krankheit Magersucht,
von Depressionen,
psychiatrischen Kliniken,
betreuten Wohngemeinschaften
und vielen Therapien.

Sie beschreibt ihre familiären Verflechtungen und Belastungen:

ihre eigene hohe Begabung,
schwere Krankheiten, Trennungen und Tod.

Sie stellt sich Fragen:

Warum ich? Was hat mich krank gemacht?
Welcher Weg führt aus dem Todeshunger
zurück ins Leben?
Wer bin ich ohne Magersucht?

Mein Albtraum beginnt zu verblassen …

Lektorat

Essstörungen nehmen zu. Zeitungen, Fernsehen und Heidi Klum gaukeln uns vor, dass nur superschlanke Menschen liebenswert sind. Dicksein ist Pfui. Wobei heute schon als »dick« gilt, wer Normalgewicht aufweisen kann.

Kein Wunder, dass immer mehr Mädchen (und mittlerweile auch Jungen) an Essstörungen leiden. Das Thema ist aktuell. Und hier berichtet eine der Betroffenen, so ein Buch interessiert viele.

Wenn es gut gemacht ist. Wenn der Klappentext Interesse weckt. Der Titel weckt das auf jeden Fall: »Alptraum Traumgewicht«. Warum? Weil er genau das Dilemma beschreibt: Der Traum vom schönen Körper. Und dass dieser Traum zum Alptraum werden kann.

Die Dreier-Regel

Kennen Sie Churchills Ausspruch, als er 1940 zum Premierminister gewählt wurde? »Ich kann Ihnen nur Blut, Schweiß und Tränen versprechen«, so wird er oft zitiert. Die Situation Großbritanniens war verzweifelt. Hitlers Truppen bedrohten Europa. Viele zweifelten, dass man ihnen Widerstand leisten könnte.

Aber Churchill hat diesen Satz so nie gesagt. In Wirklichkeit sagte er: »Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“ (engl. „Blood, toil, tears and sweat“). Warum hat sich dann die andere Fassung durchgesetzt?

Weil man es leichter behält und weil es einem menschlichen Bedürfnis entspricht. Die Zahl Drei ist magisch. Wer etwas aufzählt, hat mehr Erfolg, wenn man diese Dreieinheit verwendet. Vier Dinge aufzuzählen ist nicht so eindrücklich.

»Mein Weg aus dem Dickicht von Familie, Essstörung, Psychiatrie und Therapie«, auch da sollte man besser der Dreier-Regel folgen.

Also: »Mein Weg aus dem Dickicht von Familie, Essstörung und Psychiatrie.« Zumal das vierte Element (Therapie) nichts Neues hinzufügt.

Konkrete Details

Der Klappentext soll den Leser locken, das Buch zu kaufen. Deshalb muss er ihm sagen, was für ein Buch es ist. Natürlich darf man übertreiben, wird das Buch in den tollsten Farben schildern, sagen, dass es etwas ganz Besonderes ist. Aber Marketing hin oder her: Der Klappentext muss dem Leser einen Eindruck vermitteln, was es für ein Buch ist. Ein Buch, dessen Klappentext einen superspannenden Thriller ankündigt, muss ein Thriller sein. Ist es eine Liebesgeschichte, kann die so gut sein, wie sie will, der Leser ist enttäuscht. Das ist so, als wenn man im Restaurant eine Pizza Napoli bestellt und bekommt Mousse au Chocolate. Ganz egal, wie toll die Mousse ist – der Kunde wird nicht erfreut sein.

Was verspricht uns dieser Titel? Eine Lebensgeschichte einer Frau, die viel mitgemacht hat. Magersucht, Psychiatrie, familiäre Probleme. Eine Menge Fragen: »Warum ich? Was hat mich krank gemacht? Welcher Weg führt aus dem Todeshunger zurück ins Leben?« Viele Stationen auf dem Weg aus der Magersucht: »Depression, Klinik, Wohngemeinschaft«.

Und ein Ausblick, dass am Ende der Albtraum verblasst.

Was sagt der Klappentext über die Frau? Dass sie ein schwieriges Leben hatte. Das ist sehr allgemein. Wie soll sich der Leser das vorstellen? Ein Klappentext soll ja auch Emotionen ansprechen, er soll etwas Besonderes versprechen. Hier finden sich nur allgemeine Sätze. Magersucht haben viele, was ist der besondere Weg dieser Frau?

Als sie nur noch 35 kg wiegt, bricht sie auf der Straße zusammen und fällt drei Tage ins Koma.

Das wäre ein Ereignis, das dem Leser eine Vorstellung gibt, was die Frau durchgemacht hat. Denken Sie beim Klappentext daran: Der Klappentext sollte nicht nur allgemein das Thema des Buches benennen. Ein kurzer konkreter Ausblick auf eine eindrückliche Szene vermittelt dem Leser, was ihn erwartet. Und weckt Emotionen.

Was wollen Sie erzählen?

Wer spricht in diesem Klappentext? Fällt Ihnen da etwas auf?

Richtig, einmal spricht die Autorin zu uns: »Mein Weg aus …«, »Warum ich …«, »Mein Alptraum …«

Aber gleichzeitig spricht eine dritte Person über das Buch und die Frau: »Eine junge Frau erzählt …« Dritte Person.

Zwei Möglichkeiten gibt es, über Essstörungen zu schreiben. Einmal den sehr persönlicher Bericht einer Betroffenen. Da ist die Ich-Perspektive sinnvoll. Und dann den allgemeineren Text über Magersucht, der dem Leser auch viel Allgemeines über Essstörungen verrät. Was ist besser?

Es gibt kein Besser. Immer wieder werden absolute Leitsätze darüber veröffentlicht, wie man ein Buch schreiben muss, das sich verkauft. Aber wer sich erfolgreiche Bücher ansieht, stellt schnell fest, dass sie keineswegs so einheitlich sind, wie uns Marketing-Fachleute immer weismachen wollen.

Nur muss man sich entscheiden. Ein Buch über Essstörungen von einem Fachmann sollte auch verschiedene Beispielfälle enthalten. Ist aber etwas anderes als das Buch einer Frau, die das erlebt hat und die ihren besonderen Weg durch die Magersucht beschreibt.

Das sollte der Klappentext auch darstellen. Ich würde entweder beim »Ich« bleiben oder in der dritten Person. Aber nicht zwischen beiden wechseln.

»Betroffenheitsliteratur«, so lästern viele über persönliche Lebensgeschichten. Kein Zweifel, viele solcher Geschichten dienen nur der Autorin dazu, ihr Leben auszubreiten. Ähnlich einer Kneipenbekanntschaft, die man nicht rechtzeitig hat bremsen können und die einen nun endlos zutextet mit allen Details einer Lebensgeschichte, die niemand interessiert. Das ist die große Gefahr der persönlichen Geschichte einer Betroffenen. Dass sie nicht auswählen kann, was den Leser fesselt, interessiert, sondern davon ausgeht, dass ihr Leben die allerinteressanteste aller Lebensgeschichten bietet.

Das Gegenteil ist das Buch eines Wissenschaftlers, das ausführlich in endlosen unverständlichen Sätzen alles über den Gegenstand erzählen. Auch viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass alles, was sie selbst interessiert, auch alle anderen Menschen interessieren müsste.

Beide Varianten haben ihre Gefahren. Ganz egal, welche Variante Sie wählen: Sie müssen an Ihre Leser denken. Wie können Sie sie fesseln?

Weniger ist mehr

Lesen Sie sich noch einmal den Abschnitt mit den Fragen durch:

Sie stellt sich Fragen:

Warum ich? Was hat mich krank gemacht?
Welcher Weg führt aus dem Todeshunger zurück ins Leben?
Wer bin ich ohne Magersucht?

Würde Sie dieser Abschnitt verleiten, das Buch in die Hand zu nehmen? Die Leseprobe im Netz aufzuschlagen? Vermutlich nicht.

Dabei sind offene Fragen der Stoff, aus dem Spannung gewirkt wird. Wer war der Mörder? Nur sind in unserem Beispiel die Fragen nicht die, die sich der Leser stellt. Sondern die, die sich die Autorin stellt. Und das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Die Leser schlagen ein Buch auf, wenn der Klappentext Fragen stellt, die sie als Leser interessieren.

Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Eine Vielzahl von Fragen wirkt erschlagend. Besser eine zentrale Frage des Buches in den Mittelpunkt stellen. »Kann sie nach vielen gescheiterten Therapien den Weg zurück in ein normales Leben finden?«, das wäre eine solche Frage.

Zusammenfassung

Dieser Klappentext sollte konkret werden, Beispiele nennen, die den Leser interessieren. Er sollte sich auf die Hauptsache konzentrieren, sich nicht in Details verzetteln.

Ihr Hans Peter Roentgen

 

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

 

Klappentextlektorat: Alptraum Traumgewicht

Franzi – Beispiellektorat Juni 2016

Freitag, 22. Juli 2016 – Prolog

Franzi ist ein Schäferhund; genauer gesagt, ein zwar stammbaumloser, aber allem Anschein nach reinrassiger Deutscher Schäferhund.

Allerdings war die Rassefrage Herrl und Frauerl herzlich gleichgültig, als sie den Welpen vor einigen Wochen im TierQuarTier Wien abholten; das Pärchen suchte einfach ein neues, liebenswertes Haustier, nachdem ihr bisheriger Begleiter im gesegneten Alter von 17 Jahren den Weg allen Hundefleisches gegangen war.

Nicht ganz so gleichgültig dagegen dürfte die Rasse einem anderen Akteur sein, der an dieser Stelle noch nicht näher vorgestellt werden soll. Er taucht – fürs Erste – ohnehin nur sehr kurz auf; momentan ist er noch außer Sicht. Somit kann sich Franzis Herrl im Schatten einer Eiche dem Plausch mit einer anderen Hundehalterin widmen, während beider Tiere – der Schäferhund und ein etwa gleich großer Terrier-Sonstwas-Mix – kläffend durchs flache Wasser tollen.

„Grad erst Sieben“, bemerkt der Mann mit einem Blick auf seine Uhr. „Wohl etwas früh für Frau Stadler. Die letzten Tage, da traf ich sie sonst immer hier am Kaiserwasser, aber da war’s meist schon gegen Acht. Dabei sollt für ihren Hund die morgendliche Frische doch auch angenehmer sein, mit all dem Fell und so. Selbst vorhin, als ich losging, da waren’s schon 25 Grad!“

Die Frau blickt ihn betroffen an: „Haben’s das noch nicht gehört, Herr Travnicek? Schrecklich, was ihr passiert ist. Das arme, arme Hündchen …“

„Hündchen ist gut: Das Hunderl war noch blader als sein Frauerl! Jumbo hieß er, nicht wahr? Nichts für ungut, aber … Was ist denn passiert?“

„Der arme Jumbo … Sie war vorgestern mit ihm in der Hundezone drüben am Angelibad; Sie kennen’s bestimmt; ich führe da meine Paula auch äußerln, ab und an, nur abends, oder frühmorgens, wenn da weniger von den großen Hunden unterwegs sind und so … Jedenfalls: Jumbo ging ins Wasser; macht er sonst wohl selten, eher nie, meinte Frau Stadler, aber an dem Tag, es war Nachmittag, wieder wohl 35 Grad, eher mehr …“

„Weiß schon; wird dort kaum anders gewesen sein als hier!“

„Natürlich, natürlich. Jedenfalls, das Hunderl ging ins Wasser, Frau Stadler blieb am Ufer, sah ihm zu, und plötzlich … Das arme Tier klatscht ins Wasser, versinkt, verschwindet – und taucht nicht mehr auf.“

Jetzt ist doch das Interesse des Mannes geweckt: „Einfach so? Nun, vielleicht ein Hitzschlag, der Schock. … Passiert ja jedes Jahr auch ein paar Badenden; man springt überhitzt ins kalte Wasser … Das ist natürlich ein Schreck, aber wenn der Hund nicht lange litt, nicht wie unsere Fritzi zuletzt … Hat sie ihn dann gleich zur EBS gebracht?“

„Zur was?“

„Sie wissen schon, der Wiener Tierservice am Alberner Hafen. Die holen tote Hunde auch gratis ab, aber bei Fritzi, da haben Cordula und ich sie ganz bewusst selber dort hin gebracht. Ein letzter Abschied, nach all den Jahren …“

„Nein, nein; das war ja das Seltsame: Frau Stadler meinte, sie ist dann zwar sofort ins Wasser gegangen, hat gesucht, zuerst an der gleichen Stelle, dann ringsum, aber vergeblich: Keine Spur! Dabei war’s ja wahrlich kein kleines Tier.“

„Weiß Gott nicht. Nun ja, die Alte Donau ist schon recht trüb.“

„Aber das Wasser dort war nur knietief, meinte Frau Stadler, und so tief kann man allemal schauen, sogar hier, am Kaiserwasser. Vielleicht hat die Strömung den armen Hund erfasst, ihn weggetragen …“

„Strömung? Das mag zwar ‚Alte Donau’ heißen, aber Sie wissen schon, dass das eigentlich ein Binnensee ist, nicht wahr? Wo soll da so was wie Strömung herkommen?“

„Tja, ich weiß auch nicht; was könnte sonst … Paula! Paula, hör auf zu kläffen! Was hat denn der Hund?“

Darauf dreht sich auch der Mann wieder zum Wasser um: „Wen verbellt sie denn da? Was … Und wo ist Franzi?“

„War Ihr Hunderl nicht eben noch da?“

„Ja, sicher; ich hörte ihn doch eben noch. Vor ein paar Minuten oder so … Franzi! Komm her, Franzi! Wo bist du?“

„Paula, komm aus dem Wasser raus! Bei Fuß, Paula!“

Herrl und Frauerl treten ans Ufer, doch keines der beiden Tiere gehorcht: Paula steht weiter mit steil aufgerichteter Rute zum Ufer hin im wadentiefen Wasser und bellt, und ein zweiter Hund ist weit und breit nicht zu sehen.

Lektorat

Zwei Hunde, Franzi und Paula, tollen in der alten Donau, die Besitzer unterhalten sich, es ist heiß. Das Herrle von Franzi erzählt, dass hier vor kurzem ein Hund im Wasser verschwunden ist. Spurlos. Nicht mal die Leiche hat man gefunden.

Und dann ist plötzlich auch Franzi fort. Und Paula bellt wie verrückt.

Der Anfang

Möglichst spät in die Szene springen, möglichst früh wieder raus, so lautet eine Regel amerikanischer Drehbuch- und Spannungsautoren. Halten Sie sich nicht mit Vorgeschichte auf, denn das langweilt den Leser. Er will wissen, was passiert. Vorgeschichte kann man – so sie überhaupt nötig ist – später einfügen.

Sollte „Franzi“ also besser mit dem Gespräch zwischen den beiden Hundehaltern beginnen? Statt mit der Vorgeschichte, warum der Stammbaum den Besitzern egal ist, und der Andeutung, dass es da jemanden gibt, der sich sehr dafür interessiert?

Schreibregeln und wann sie nützen

Ein Arzt muss wissen, welche Medizin gegen welche Krankheiten hilft – und wann man sie besser nicht verschreiben sollte. Er muss also wissen, welche Wirkung sie hat.

Nicht anders ist es beim Schreiben. Ein Autor muss wissen, welche Wirkung die Schreibregeln haben, wann sie nützlich sind und wann nicht.

„Möglichst spät in die Szene, möglichst früh raus“, das beschleunigt das Tempo. Wirft den Leser sofort ins kalte Wasser der Ereignisse. Zieht ihn in die Geschichte. Das hat sich bei Spannungsliteratur bewährt. Thriller – jedenfalls die erfolgreichen – beginnen deshalb gerne mit einer Actionszene, lassen sofort etwas passieren, halten sich nicht damit auf, dem Leser etwas über das Umfeld oder die Personen zu erzählen.

Aber ist die obige Geschichte ein Thriller?

Sie hat ein Spannungselement, gar kein Zweifel. Hunde verschwinden einfach in der alten Donau. Niemand findet eine Leiche, keiner weiß, wohin sie verschwunden sind.

Witz und Distanz

Aber die Geschichte hat auch Witz. Sie erzählt mit Augenzwinkern über Hundehalter, für die ihr Hund das Zentrum ihrer Welt ist. Das findet sich in der Vorrede, das findet sich im Dialog. Der ist übrigens auf den Punkt gebracht, wir erhalten eine gute Vorstellung der beiden Hundehalter, die sich unterhalten.

Witz und Humor arbeiten gerne mit der Distanz. Wir schauen von außen auf die Szene, amüsieren uns über die Akteure. Erkennen uns selbst mit unseren Schwächen darin wieder. Daher kann eine derartige Einleitung für einen humorvollen Text passen.

Hat es Ihnen gefallen, diese Einleitung zu lesen? Ich bin im Zweifel. Sie vermittelt einen Eindruck, welche Geschichte wir vor uns haben. Eine, die langsam vorangeht, die die Distanz zu den Personen hält. Die mit Witz erzählt, mit Augenzwinkern über die menschlichen Schwächen der Hundehalter.

Gleichzeitig ist manches auch bemüht, etwa »nachdem ihr bisheriger Begleiter im gesegneten Alter von 17 Jahren den Weg allen Hundefleisches gegangen war«. Da soll zwar Witz entstehen durch eine ungewohnte Wortwahl für eine bekannte Formel (den Weg alles Irdischen). Aber es klingt gewollt, konstruiert. Und gerade, wenn man humorvoll schreiben will, müssen Wortwahl und Pointe sitzen. Passt es nicht ganz, stört es den Leser. Und das ist hier der Fall.

Das gilt auch für die Vorankündigung, dass es jemand Dritten gibt, dem die Rasse ganz und gar nicht egal ist. Da wird dem Leser etwas mitgeteilt, etwas erklärt, was später passieren wird. Im Spannungsroman ein grober Schnitzer, den die wenigsten Leser verzeihen. Denn mit solchen Vorankündigungen – lieber Leser, da wird bald etwas furchtbar Spannendes passieren und ein furchtbarer Bösewicht lauert hier im Verborgenen –, mit solchen Vorankündigungen steigert man nicht die Spannung, sondern würgt sie ab. In witzigen Texten geht das – wenn es Witz hat. Und da bedarf es in diesem Absatz noch einiger Nacharbeit.

Erzählstimme und Art der Geschichte

Der Anfang eines Romans legt auch die Art der Geschichte fest. Witzige Hundegeschichte mit Spannung? Knallharter Thriller? Dazu dient auch die Erzählstimme, die passen muss und die im Text durchgehalten werden sollte. Und ich glaube, das ist das Problem dieses Textes – er kann sich nicht zwischen Thriller und Witz entscheiden. Der Leser merkt das und ist verwirrt.

Geschichten verschlimmbesssern

Geschichten, die noch sehr roh, unfertig sind, lassen sich leicht verbessern. Meist sieht man auf den ersten Blick, woran der Text krankt, und kann einen Vorschlag machen, wie man ihn verbessern könnte.

Hat eine Geschichte bereits ein gewisses Niveau erreicht, wird es schwierig. Manchmal steht man zwischen Scylla und Charybdis, weiß nicht so recht: Soll ich das stehen lassen oder abändern? Bei guten Geschichten läuft ein Lektor immer Gefahr, die Geschichte zu verschlimmbessern. Im Fall von „Franzi“: Soll man direkt in das Gespräch der Hundehalter springen oder die Vorrede stehen lassen? Soll man in Richtung Thriller verbessern oder in Richtung witzige Hundegeschichte mit Spannung?

Übung

Wie sähe die Geschichte aus, wenn das Rätsel der verschwindenden Hunde das Thema wäre, es sich also um einen klassischen Thriller handeln würde?

Schreiben Sie die Szene einmal um. Lassen Sie das Augenzwinkern weg, es soll eine Szene werden, in der sie direkt personal erzählen, die Szene durch die Augen des Herrli von Franzi erleben.

Schreiben lernt man durchs Ausprobieren. Nur so erlebt man, welche Wirkung welche Techniken und Schreibregeln haben. Probieren Sie immer mal unterschiedliche Möglichkeiten aus. Gehen Sie nicht davon aus, dass es eine und nur eine Möglichkeit gibt, eine Geschichte zu erzählen.

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

Franzi – Beispiellektorat Juni 2016

Beispiellektorat Mai 2016

Entmietung

Er stand im Schatten. Die einbrechende Dunkelheit machte ihn im Rücken des Rathauses fast unsichtbar. Eine hagere, schmale Gestalt, die Arme eng am Körper, außer er hob den Arm, um an einer Zigarette zu ziehen. An der fünften.

Dieser Leggner lässt sich Zeit. Voss stapfte mit den Füßen auf der Stelle. Lässt sich Zeit, und mich zappeln. Er spuckte aus. Spürte das Kribbeln zwischen den Schulterblättern. Leggner hatte sich am Telefon nichts konkretes entlocken lassen. Nur ein paar Andeutungen über eventuelle Möglichkeiten. Ein kleiner Deal nebenbei. Und das zog. Hielt Voss an der Angel. Als er Schritte hörte, drehte er sich um.

Lockenköpfe. An beiden Enden der Leine. Voss scharrte auf dem Kopfsteinpflaster, bis sich eine der Damen zu ihm drehte. Er beugte sich aus dem Schatten, riß die Augen auf, streckte seine lange Zunge heraus und züngelte wie eine Schlange. Die Dame packte ihre Gefährtin und rannte, die Schritte verhallten und Voss blieb zurück im Schatten.

Er trat die Zigarette aus, als würde das Leggner Beine machen. Jetzt reicht es mir aber. Vielleicht ist dieser Leggner nur gefakt. Wahrscheinlich irgendeiner von denen, die ich mal abgezogen habe. Die kleine Rache, mich hier im Schatten stehen und frösteln zu lassen. Oder eine Finte, um mich aus meinem Büro zu locken. Von Walter. Als ob der irgendwas über meine Deals finden würde, in meinem Büro. Voss lachte leise auf. Hielt inne. Ein Mann im Mantel. Italienische Schuhe, die Haare kurz, dunkel. Das Gesicht weich und die Augen. Voss fing an zu grinsen. Stahlhart. Er sagte laut, „Ebene 37“, und machte einen Schritt aus dem Schatten.

„Eberhard Voss?“ die italienischen Schuhe kamen näher. „Ich bin Leggner, Tobias Leggner“

Voss griff nach der Hand und quetschte sie, aber Leggner reagierte nicht. Die meisten brachten zumindest ein nervöses Zucken um die Mundwinkel zustande. „Ich bin interessiert an Ihrem Angebot“, flüsterte Voss und grinste, „was immer es sein mag.“

„Gehen wir ins Infinion.“

Voss machte den Mund auf, nickte dann aber. Er hatte an den Rathauskeller gedacht. Bulli am Tresen, Angelo mit der Kellnerschürze und ein paar Freunde im Hinterzimmer. Das Infinion war ein Glaskasten mit zu hohen Decken, zu viel Licht und Stühlen aus Kunststoff. Eine halbe Stunde in der eierfarbenen Sitzschale bescherte einen nassen Hintern. Aber vielleicht würde das Treffen kurz ausfallen und er noch zu einem Absacker im Rathauskeller kommen.

„Sie wurden uns empfohlen“, Leggner legte die Menükarte auf den Tisch, lehnt sich im Stuhl zurück, lächelte Voss an und schob einen Umschlag an den Tellern vorbei. „Für Ihren Zeitaufwand.“

Voss sah kurz auf den Umschlag, lehnte sich zurück, leckte sich die spröden Lippen und knallte die Menükarte auf den Tisch, „reden wir nicht lange drumherum.“

Die Kellnerin strafte Voss mit Blicken hob die Menükarte sachte auf und sah die beiden erwartungsvoll an. Leggner bestellte die Spargelspitzen und ein Glas Weißwein, Voss die Schlachtplatte, die er doppelt belegen ließ und dazu ein frisch Gezapftes.

„Wir suchen Bauland.“ Leggner lächelte.

Bauland, dachte Voss, wo soll ich Bauland herkriegen? Freiflächen gibt es nichtmal mehr in der Größe eines Marienkäfers. Wir vermieten Wohnungen. Ganze Häuser. Nimm einen Wohnblock. „In Hamburg?“

„Vor den Toren. Unsere internationalen Investoren“, Leggner spielte mit der Gabel, „die Leute, die dieses Land aufrecht halten, sollen es doch gut haben.“

„Natürlich“, sagte Voss energisch und war sich nicht sicher, ob Leggner ihn dazuzählte.

„Eine Oase für die mit dem passenden Geldbeutel.“

„Im Süden, Harburg, da haben wir einige Objekte. Wollen Sie kaufen und luxussanieren?“

„Wir wollen neu bauen.“

„Abreißen?“ Voss zog die Brauen hoch.

„Zwei bis drei Fußballfelder groß.“

„Zwei bis drei“, Voss sah auf und pfiff durch die Zähne, „das ist eine hübsche kleine Siedlung.“

„Wir sind uns im klaren darüber, dass Sie“, er machte eine kleine Pause, „umschichten müssten.“

„Umschichten?“ Ob das einer von der Presse ist? Oder von irgendeiner Initiative. Die ‚Demokraten für Demokratie‘ gehen mir seit Wochen mit ihren Parolen auf den Geist. Ich sollte in den Umschlag sehen, vielleicht ist nur ein alter Zeitungsartikel drin. „Geplante Baubeginn?“

„Ob nun über die WObau Hamburg oder eine andere Gesellschaft“, Leggner nippt am Wein.

Voss griff nach dem Umschlag und steckte ihn ein, besser das schon mal haben.„Wir werden uns schon einig.“

„Im Januar soll der erste Spatenstich sein.“

Voss schob sein stumpfes Kinn vor, „wieso haben wir uns nicht schon im letzten Jahr getroffen?“

Leggner zuckte die Schultern, „wir wollten Oasis zuerst in Berlin bauen.“

„Zu viele Kommunisten“, Voss nickte ohne eine Reaktion abzuwarten, „mir käme da schon ein Objekt in den Sinn.“ Er dachte an das Bogerviertel. An die vielen Querulanten, die seinen Mitarbeitern das Leben schwer machten. Acht Hochhäuser, besiedelt von Asozialen, Arbeitsverweigerern und Schmarotzern, die sich ständig über irgend etwas beschwerten. Einige sogar bei ihm. Er schnaufte. Die Häuser müssten demnächst instand gesetzt werden. Eine teure Angelegenheit. Aber bis Januar, das waren keine drei Monate. Wohin mit so vielen Leuten? Ohne irgendwelche Initiativen zu aktivieren, ohne Presse, ohne irgendwas. Voss kannte Typen wie Leggner. Die konnten von kleinen barbusigen Nutten bis hin zu einer Menge Koks alles brauchen, nur keine Öffentlichkeit. Er dachte an Kowak, der in der Lusienstraße für eine reibungslose Entmietung gesorgt hatte. „Ist machbar“, sagte Voss langsam.

„Ich brauche eine definitive Zusage“, Leggner schob ein kleine aufgeklappte Schachtel zu Voss, in der ein Stein glitzerte, beugte sich vor und sagte leise „heute Abend.“

„Jetzt?“ Voss verschluckte sich fast an einem der Schinkenröllchen. Er starrte auf den glitzernden Stein, So viel würde niemand investieren, nur um ihn festzunageln.

„Sie haben die nötigen Kompetenzen das zu entscheiden?“

„Natürlich“, Voss schob die Hemdsärmel hoch und klimperte mit dem goldenen Armband, drehte den Siegelring hin und her und linste auf den Stein. Ihm juckten die Eier, aber der Tisch war aus Glas und Leggner schien aus Stahl zu sein. „Sie hätten mich vorwarnen können. Ich meine, die Richtung. Es gibt da noch ganz alte Mietverträge.“

„Ich habe gehört“, Leggner rollte eine Spargelspitze an den Rand des Tellers, „dass Verträge bei Ihnen“, er schon die Spargelspitze langsam über den Tellerrand, „flexibel gehandhabt werden können.“

„Flexibel“, Voss kaute lautstark.

„Wir können auch in die Schweiz gehen.“ Leggner streckte die Hand nach dem Kästchen auf dem Tisch aus. „Die können ein paar Millionen, vielleicht werden es auch Milliarden immer brauchen. Sitzen Sie nicht ab und zu mit dem Bürgermeister an einem Tisch?“

Voss zog die Brauen hoch und malträtierte die Hackröllchen mit dem Messer, als wäre es eine Axt. „Haben Sie mit ihm gesprochen? Ich meine bei der Summe, da gibt es doch sicherlich Wirtschaftsförderung.“

„Ich hatte noch keine Gelegenheit. Aber wenn wir uns auf dem Golfplatz begegnen, hätten wir uns sicher viel zu erzählen. Vielleicht kann ich ihm auch von einem klugen Vorstandsmitglied berichten?“

Voss zerkaute die gehackten Teilchen. So kurzfristig so viel Geld und keine Involvierung der Stadtoberen, das hörte sich nach nicht sauberem Geld an. Er musterte Leggner verstohlen, dessen Hemd strahlend weiß, die Haut glatt und straff und der Bart wie ein englischer Rasen geschnitten war. Ganz im Gegensatz zu den Zotteln, die Voss wuchsen, wenn er es drauf ankommen ließ. Unsauberes Geld bedeutete eine nicht versiegende Quelle. „Wie viel springt für mich dabei raus?“

Leggner knallte die Hand auf den Tisch und lachte kalt: „Für den Satz haben Sie verdammt lange gebraucht.“ Er schob das Kästchen so weit, dass es bei Voss über die Tischkante kippte. „Ich komme im November und gebe der Abrissbirne den Befehl.“

Lektorat

Ein Mann steht vor dem Rathaus und wartet. Ein Leggner hat ihm ein Geschäft versprochen, doch der Herr lässt auf sich warten. Dann erscheint er und will ein riesiges Grundstück kaufen, die bisherigen Mieter entmieten lassen und neu bauen. Dafür bietet er Geld, viel Geld. Offenbar handelt es sich um Schwarzgeld. Voss zögert, doch dann schlägt er ein.

Der Name

Im ersten Absatz gibt es nur einen „er“, der wartet. Erst im zweiten Absatz wird der Name der Person genannt: Voss.

Wenn Sie eine Person nur mit „er“ benennen, wirkt sie distanziert, undeutlich. Das kann stimmig sein, zum Beispiel, wenn Sie in der ersten Szene einen Mord schildern, aber nicht möchen, dass der Mörder erkannt wird und ihn aus der Distanz schildern wollen.

Im obigem Fall würde ich gleich am Anfang den Namen nennen: „Voss stand im Schatten“. Damit wird die Person deutlicher.

Zeitenwechsel

Dieser Leggner lässt sich Zeit. Voss stapfte mit den Füßen auf der Stelle. Lässt sich Zeit, und mich zappeln. Er spuckte aus. Spürte das Kribbeln zwischen den Schulterblättern.

Was fällt Ihnen an diesem Text auf?

Richtig, der Zeitenwechsel. Leggner lässt sich Zeit, Voss stapfte mit den Füßen. Gegenwart, dann Vergangenheit. Nicht gut.

Natürlich denkt Voss: Leggner lässt sich Zeit. Aber wenn Sie aus der Perspektive der Figur (in diesem Falle: Voss) schreiben, dann lassen Sie die Gedanken auch in der Erzählzeit spielen:

Dieser Leggner ließ sich Zeit. Ließ sich Zeit, und ihn zappeln. Voss stapfte mit den Füßen auf der Stelle. Er spuckte aus. Spürte das Kribbeln zwischen den Schulterblättern.

Dachte er und Perspektive

Natürlich können Sie auch die Gedanken als Gedanken von Voss kennzeichnen. Mit dem Zusatz: „dachte er“. Dann kann das Präsenz stehen bleiben:

Dieser Leggner lässt sich Zeit, dachte Voss. Lässt sich Zeit, und mich zappeln. Voss stapfte mit den Füßen auf der Stelle, spuckte aus. Spürte das Kribbeln zwischen den Schulterblättern.

Wie wirkt diese Konstruktion? Ebenfalls distanziert. Vorher haben wir Voss aus der personalen Perspektive erlebt. Haben die Szene aus seinen Augen gesehen.

„Dachte er“ blickt von außen auf Voss. Deshalb wirkt es distanziert, weil wir aus größerer Entfernung auf ihn blicken. Sozusagen ein Sprung in den auktorialen Erzähler, einen Erzähler, der alles weiß und uns sagt, was Voss denkt.

Wäre das ein unzulässiger Perspektivwechsel? Schließlich predigt fast jeder Schreibratgeber: In einer Szene NIE, NIE die Perspektive wechseln. Die Schreibratgeber haben recht. Meist sind harte, unbegründete Wechsel der Perspektive nicht nur störend, sondern werfen die Leser aus dem Text.

Dennoch haben viele Texte Stellen, in dem ein leichter Wechsel in die auktoriale Perspektive stattfindet. Das kann man machen, die Leser sind es gewohnt. Aber man muss wissen, was man tut und welche Wirkung es hat: Der Leser schaut aus größerer Distanz auf die Szene.

In Actionszenen ist so etwas tödlich und auch im obigen Beispiel würde ich davon abraten.

Who is Who

Wer ist Voss? Wie stellt er sich dem Leser dar?

Am Anfang wartet er im Schatten auf eine Verabredung mit einem Mann, den er nicht kennt, der ihm sehr nebulöse Geschäfte versprochen hat. Offenbar kriminelle Geschäfte.

Voss verhält sich hier wie ein Krimineller, ein Gangsterboss. Ein Mackie Messer, der für Geld ehrlichen Bürgern die Arbeit abnimmt, mit denen diese sich nicht die Hände schmutzig machen wollen.

Dann kommt der Leggner. Sie gehen in ein Restaurant und besprechen die Sache. Der andere will ein neues Viertel aufbauen. Dazu muss abgerissen werden, denn in Hamburg gibt es dafür keine Freiflächen. Und vorher muss man die Mieter „umschichten“. Voss hat jemanden für solche Aufgaben: Kowak.

Wer ist Voss in der Restaurantszene?

Der Chef eines großen Wohnungsunternehmens.

Würde so jemand sich an einer dunklen Ecke die Beine in den Bauch stehen, um aufgrund vager Versprechungen sich mit einem zu treffen, den er nicht kennt?

Wohl kaum. Für sowas hat er seine Leute. Kowak zum Beispiel. Wo trifft er Geschäftspartner? Vielleicht auf dem Golfplatz? In seinem Büro? Direkt im Restaurant? Oder, auch das soll es geben, im noblen Sexclub?

Nun ist es nur gut, wenn Personen nicht den gängigen Vorstellungen entsprechen. Wann würde der Chef eines Bauunternehmens in dunklen Ecken fragwürdige Personen erwarten?

Wenn ihm das Wasser bis zum Halse steht. Die Pleite droht und er greift zu jedem Strohhalm. Selbst zu einem so fragwürdigen wie Leggner. Doch er würde dort sehr viel unruhiger stehen. Ungewohnte Umgebung macht unsicher. Voss dagegen ist offensichtlich jemand, der dieses Umfeld für Geschäftsbesprechungen gewohnt ist.

Lesen sie sich nochmals den Text durch. Achten Sie darauf, welche Teile Voss in welchem Licht zeigen.

Figuren dürfen sich durchaus an ungewöhnlichen Orten aufhalten, anders handeln, als es der Leser erwartet. Aber es muss stimmig sein. Und dass die Figur plötzlich ein ganz anderer ist, das geht nicht.

Glaubwürdigkeit

Glauben Sie, dass Voss und Kowak acht Hochhäuser in drei Monaten entmieten können?

Ein Hochhaus hat etwa 200-300 Bewohner. Acht hätten mindestens 1600, wenn nicht mehr. Kowak mag ein Genie der Entmietung sein, das schafft er nicht. Schon gar nicht ohne die Aufmerksamkeit der Presse zu erregen.

Viele der Bewohner dürften Hartz IV Empfänger sein. Da zahlt das Amt die Miete. Wenn dort plötzlich viele hundert Geldempfänger neue Wohnungen benötigen, sich die Anträge häufen, wäre allein das bereits aufsehenerregend. Die Politik würde hellhörig. Und will Leggner nicht die Politik heraushalten? Schwarzgeld liebt kein Aufsehen.

Von anderen Schwierigkeiten will ich gar nicht reden.

Voss ist Chef eines großen Unternehmens. Er wäre nicht der erste, der Schmiergeld annimmt oder krumme Dinger dreht. Aber Voss ist kein Dummkopf, sondern Geschäftsmann. Und Geschäftsleute reden über Geld. Doch in der ganzen Szene wird nie gesagt, wieviel seine Firma für das Gelände erhalten soll. Ein Geschäftsabschluss, ohne einen Preis zu nennen?

Wenn zwei schon jahrelang miteinander Geschäfte führen, wird viel durch Handschlag vereinbart. Man kennt sich, man braucht sich, wenn man krumme Dinger zusammen gedreht hat, vertraut man sich besonders. Denn jeder der beiden ist dann auf den anderen angewiesen.

In unserem Fall kennt Voss aber diesen Leggner gar nicht, vermutet zwar Schwarzgeld, weiß aber nicht, ob dieser Typ nicht ein ganz gewöhnlicher Schwindler ist. Ohne Sicherheiten – sprich Vertrag – wird er ihm nicht vertrauen.

Stil allein reicht nicht

Die Geschichte ist gut geschrieben, der Autor kann zweifelsohne schreiben. Das merkt man auch am Dialog. Aber die Personen und die Handlung überzeugen nicht. Deshalb müsste man sich die Personen nocheinmal genau ansehen. Was wollen beide? Was ist Voss gewöhnt, wo ist die Situation neu für ihn?

Und auch das Umfeld (Entmietung) sollte realistischer dargestellt werden. Firmen, die Mieter vertreiben wollen, gibt es. Aber mit welchen Mitteln arbeiten die? Das sollte der Autor überlegen. Und dann die Szene neu, besser , überzeugender neu schreiben.

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

Beispiellektorat Mai 2016

Die Dosis macht das Gift

Ich weiß, ich bin manchmal ein Besserwisser. Aber gibt es nicht immer etwas einzuwenden? Und als Lektor hat man Einwendungen, da gibt es immer etwas zu mosern. Das gehört zum Beruf.

Aber merken Sie etwas? Und fällt Ihnen etwas auf?

Falls nicht, lesen Sie sich die Sätze nochmals durch.

Ich liebe die Worte „aber“ und „und“, vor allem am Satzanfang. Ich bin eben ein geborener Pessimist und mir fällt immer etwas auf, sodass ich den Autoren sagen kann: „Aber so geht es nicht. Und das muss man ändern.“

Jeder hat so seine speziellen Worte, die er in reicher Fülle über die Erstfassung ausgießt. Dabei hat „Aber“ und „Und“ auch am Satzanfang durchaus seine Berechtigung. Doch schon Paracelsus wusste 1538: „Die Dosis macht das Gift.“

Das gilt auch für das Schreiben. Egal, was ihre Lieblingsworte sind, Sie werden in der ersten Fassung zu viele davon benutzen. Deshalb sollte man sie kennen. Papyrus bietet in der Dokumentenstatistik den nützlichen Punkt „Worthäufigkeit“. Was soll ich sagen? In meinem neuesten Projekt steht „und“ an erster Stelle, 675 mal findet es ich im Text. „Aber“ folgt bald danach, ABER nur 173 Mal. Die Dosis macht …

Ich werde deshalb nicht alle „und“ und „aber“ in der Überarbeitung streichen. Doch ich werde sie ausdünnen. Und darauf achten, welche überhaupt einen Sinn haben. „Aber“ steht für einen Gegensatz. »Aber etwas ist nicht so, wie vorher behauptet.« Wenn es keinen Gegensatz gibt, dann gibt es auch keinen Platz für ein aber. Nicht mal für einen Pessimisten wie mich, der immer etwas einzuwenden hat.

Häufige Wörter verraten immer auch etwas über den, der sie gerne verwendet. Weiter nicht schlimm, wir alle haben unsere Besonderheiten. UND wir Autoren haben besonders viele. ABER wir sollten sie kennen. UND auf ein angemessenes Maß zurückschneiden. Damit sie nicht alles überwuchern.

Gehören sie zu den Fans von „anscheinend“, „scheinbar“, „fast“, „ungefähr“? Weil Sie genau sein wollen und der Satz „1.000 Soldaten lagerten in Ebene“ Ihnen nicht aus der Tastatur fließen will? Wer weiß schließlich, ob es wirklich genau 1.000 waren, könnten ja auch nur 999 oder vielleicht auch 1001 gewesen sein? Besser, Sie sichern sich ab. Vielleicht waren es auch nur „fast“ 1.000 Soldaten? Oder „anscheinend“ 1.000?

Man sollte seine Schwächen kennen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Tag.

Ihr Hans Peter Roentgen

 

Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder zu kommentieren!

Aber denken Sie daran: die Dosis …😉


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

 

Die Dosis macht das Gift