Klappentextlektorat 09/2018: Der Anker

Ein Vampir und ein Werwolf – kann das gut gehen …?

Five ist ein Einzelgänger, der am liebsten in Ruhe gelassen werden will. Doch Vlad, der Neue in der Klasse, macht ihm einen Strich durch die Rechnung, denn er möchte unbedingt sein Freund sein. Vlad ist nervtötend, aufdringlich, aber irgendwie auch liebenswert – und er ist ein Vampir. Ein Vampir, der auf der Suche nach seiner verlorenen Vergangenheit ist und von Vampirjägern verfolgt wird.
Unfreiwillig wird Five in die Welt der Vampire und Werwölfe hineingezogen und gerät ebenfalls ins Fadenkreuz der Jäger. Gemeinsam mit Vlad muss er ein jahrhundertealtes Verbrechen aufklären, bevor es zu spät ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, bei dem ihnen nicht nur die Polizei und ein mächtiger, unbekannter Gegner in die Quere kommen, sondern auch Vorurteile, die Liebe und das Vergessen.
Dabei wollte Five doch einfach nur seine Ruhe haben …

Lektorat

Zwei Personen im ersten Abschnitt, die unterschiedlicher nicht sein können. Der introvertierte Five und der neue extrovertierte Klassenkamerad Vlad, ein Vampir. Ein guter Einstieg, man könnte ihn noch etwas kürzen – und hinzufügen, wer oder was Five ist:

Five ist ein Werwolf und Einzelgänger, der am liebsten in Ruhe gelassen werden will. Doch ausgerechnet Vlad, der Neue in der Klasse, möchte unbedingt sein Freund sein. Vlad ist nervtötend, aufdringlich und liebenswert – und er ist ein Vampir. Ein Vampir, der von Vampirjägern verfolgt wird.

Warum habe ich das mit der Suche nach der Vergangenheit weggelassen? Weil es keine Bilder weckt. Es ist eine allgemeine Behauptung, die keinen Anker hat. Das gilt auch für den zweiten Abschnitt. „Ein jahrhundertealtes Verbrechen“, „ein Wettlauf gegen die Zeit“, „ein mächtiger, unbekannter Gegner“, sehen Sie da Bilder?

Der Anker

Wie kann man solche Behauptungen mit Leben füllen?

Indem man einen Anker einfügt. Etwas, das dem Leser ein Bild liefert und eine Vorstellung davon, was mit „ein Wettlauf gegen die Zeit“ gemeint werden sein könnte.

Was ist es, das den Wettlauf gegen die Zeit nötig macht? Wurde Vlads Mutter entführt, und sie braucht regelmäßig Medikamente? Wenn die beiden sie nicht bis zum Abend finden, dann stirbt sie?

Das wäre ein Anker, dann würde ein Wettlauf gegen die Zeit Wirkung zeigen. Und das gilt auch für die anderen Behauptungen in dem Text. Solange sie nur allgemein sind, keine anschaulichen Bilder wecken, es keinen Anker gibt, der zeigt, was damit gemeint sein könnte, so lange wirken sie nicht.

Packen Sie nicht zu viele allgemeine Sätze in den Klappentext. Ein Wettlauf gegen die Zeit, um die Mutter zu finden und zu retten, das würde reichen. Vielleicht noch der Gegner, der ebenfalls anschaulich sein müsste. Unter der Polizei kann sich jeder etwas vorstellen, aber was ist mit dem unheimlichen, unbekannten Gegner gemeint?

Was also ist Vlads Problem? Worum geht es in der Geschichte? Ganz sicher um Freundschaft, darum, dass der Einzelgänger Five sich auf eine Freundschaft einlassen muss und sich dann Gefahren stellen muss, die Vlad bedrohen. Nur erzählt uns der Klappentext darüber nichts.

Der Anfang und der Gegner

Der Anfang stellt eine Frage – sicher ein Eye-Catcher, weil Vampir und Werwölfe nicht die naheliegendsten Freunde sind. Die Frage könnte aber anschaulicher sein, mehr Spannung versprechen. Gerade der erste Satz im Klappentext, die Unterüberschrift des Romans, sollte den Leser packen.

Ein Vampir und ein Werwolf – und ein …

Ja, und wer? Da der Text darüber nur so allgemein spricht, kann ich darüber nichts sagen. Der Klappentext benötigt einen Gegner. Entweder eine Person oder eine Kraft, die die beiden neuen Freunde existenziell bedroht. Hat die Regierung einen Preis auf Vlads Kopf ausgesetzt? Weil er der letzte Vampir ist, der ein wichtiges Staatsgeheimnis kennt (welches?)? Und sind deshalb Vampirjäger hinter ihm her?

Der Schluss

Sehr gut ist der Schlusssatz, der den ersten Absatz wieder aufgreift: „Dabei wollte Five doch einfach nur seine Ruhe haben.“ Das fasst das Problem des Helden noch einmal zusammen. (aus: tempest 09/2018)

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Klappentextlektorat 09/2018: Der Anker

AfD schaltet Ampelportal frei

Gestern hat die AfD Portals freigeschaltet, auf denen Deutsche Verkehrsampeln melden sollen, die Werbung für rot-grün versiffte Verkehrsregelung betreiben.

»Es ist ein Skandal, dass Verkehrsampeln Werbung für Rot-Grün machen!« ,erklärte Gauland heute in einer Pressekonferenz. »Sie verstoßen gegen das Neutralitätsgebot! Bei Grün darf man fahren – ein klarer Versuch, das Volk irrezuführen und ihm zu suggerieren, dass es mit Grün vorangehen würde.«

Damit müsse jetzt Schluss sein, sagte er unter dem Beifall seiner Getreuen. Die AfD würde diese rot-grüne Propaganda nicht länger hinnehmen. »Wir haben deshalb dieses  Portal eröffnet, auf dem Bürger Ampeln melden können, die für Rot-Grün werben.«

Nur mit der AfD gehe es vorwärts, deshalb werde die AfD alle rot-grün-gelben Ampeln verklagen und fordere, dass die Farbe grün durch blau ersetzt werden soll.

»Grün ist nicht nur die Farbe einer Partei, die die Umvolkung und Islamisierung betreibt, sie ist außerdem die Farbe des Propheten Mohammed. Die grünen Ampeln sollen die Bevölkerung auf die beginnende Islamisierung einstimmen. Das Volk, das wir sind, akzeptiert solche schäbigen Propagandatricks nicht länger, haben wir auf der letzten AfD Fraktionssitzung beschlossen. Rot-grüne Verkehrsregeln werden wir nach Anatolien entsorgen, zusammen mit ihren Befürwortern!«

In Chemnitz und anderen Städten gab es erste Ausschreitungen gegen Ampeln, die blau überklebt wurden.

AfD schaltet Ampelportal frei

Klappentextlektorat August 2018

Schnappt Shorty

(c) Elmore Leonard

Palmer hat schlechte Karten und die falschen Leute im Nacken, aber einen ehrgeizigen Plan: Er will das ganz große Geld machen. Zimm hat sich nie als großes Regietalent erwiesen, besitzt aber das heißeste Drehbuch des Jahres. Weir, genannt Shorty, hat noch jeden Film zum Erfolg gemacht, nur dass er diesmal mitspielen will …

Eigentlich beginnt alles ganz harmlos mit dem Diebstahl einer Lederjacke aus einer Restaurantgarderobe in Miami. Chili Palmer, ein kleiner Kredithai und Schuldeneintreiber, hat sie dort abgegeben und ein Kerl namens Ray Bones ist mit ihr klammheimlich verschwunden. Also besorgt sich Chili seine Jacke wieder, nicht ohne Bones dabei einen nachhaltigen Denkzettel zu verpassen.

Lektorat

Ein klassischer Aufbau des Klappentextes. Erst werden drei Figuren vorgestellt. Jeder in ein, zwei Sätzen, ein Schnappschuss. Die gute, alte Dreierregel, drei ist eine magische Zahl.

Die Drei sind sicher nicht die Personen, die wir uns als Nachbarn oder Freunde wünschen, aber wir ahnen bei jeder, dass es Probleme geben wird. Und die würden wir gerne erfahren und wie sie sich da herauswinden – oder eben auch nicht.

Gute Bücher leben von faszinierenden Figuren. Sie müssen nicht notwendig sympathisch sein – wer findet Kannibalen wie Hannibal Lecter schon sympathisch? -, aber sie müssen eine faszinierende Geschichte versprechen. Damit Figuren faszinieren, reicht es nicht, etwas zu behaupten. „Palmer ist ein kleiner Geldeintreiber, den brutale Mafioso verfolgen“ reizt so wenig zum Lesen wie „Zimm ist ein drittklassiger Regisseur, der ein gutes Drehbuch besitzt“.

Der zweite Abschnitt erzählt uns, was die Geschichte in Gang setzt. Chili Palmer, der kleine Mafiosi und Geldeintreiber, hat seine geliebte Lederjacke im Restaurant abgegeben und ein anderer ist damit verschwunden. Er holt sie sich wieder und verpasst dem Dieb eine Abreibung. Der wird das nicht auf sich sitzen lassen, ahnen wir. Auch hier steht das, was den Leser interessiert, nicht im Text, sondern zwischen den Zeilen. In Mafiosi Kreisen nimmt man sowas nicht einfach hin. Wie geht es weiter, das ist die Frage. Aber sie steht nicht platt im Text – „Wird Ray sich rächen?“ –, sondern zwischen den Zeilen. Der Text überlässt es dem Leser, sich diese Frage zu stellen.

Was können wir daraus lernen?

Ersten, dass es immer gut ist, etwas zwischen den Zeilen stehen zu lassen. Wer einen Witz erklärt, hat schon verloren und wer im Klappentext alles dem Leser erklärt, auch. Spannung lebt von dem, was nicht im Text steht, dort aber angedeutet wird. Nicht anders als im Witz.

Zweitens, spannende Geschichten und erst recht spannende Klappentexte leben von faszinierenden Figuren mit ungewöhnlichen Problemen. Der Nachbar, der so sympathisch ist und dessen größtes Problem darin besteht, dass er nie im Lotto gewinnt, eignet sich da nicht.

Drittens, „Show, don`t tell“. Nicht gerade neu, aber man kann es nicht oft genug wiederholen. Anschaulich erzählen, im Leser Bilder und Szenen entstehen lassen, so dass er wissen will: Wie geht es weiter?

Viertens: Auch und gerade im Klappentext kommt es auf Stil und Formulierung an.

Leonard ist in den USA einer der ganz großen Thrillerautoren, viele seiner Bücher wurden verfilmt, so auch „Schnappt Shorty“. Leider ist das Buch im Moment bei Rowohlt nicht mehr erhältlich, was ich nicht verstehe. Bei Ebay, Amazon und anderen Anbietern bekommt man es aber billig gebraucht. Und das Buch ist so spannend wie der Klappentext.

Das wäre das Fünfte, das wir daraus lernen können: Es ist sehr viel einfacher, aus einer tollen Story mit faszinierenden Figuren einen Klappentext zu schneidern als aus einer lahmen. (aus: tempest 08/2018)

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Klappentextlektorat August 2018

Erzählperspektive, Distanz und Kameraeinstellung

Vier Kameraeinstellungen für Ihren Roman

In jedem Schreibratgeber finden sich die verschiedenen Perspektiven. Ich-Erzähler, Erzähler dritte Person, auktoriale Erzählung.

Vergessen wird oft die Distanz. Gerne wird das mit der Perspektive vermischt, die Ich-Perspektive wird als nah, der allwissende Erzähler als distanziert geschildert.

Aber stimmt das? Im Film gibt es die Kameraeinstellung, die die Distanz zu Personen und Ereignissen festlegt. Und diese Distanz ist auch bei Büchern wichtig. Wie beim Film können Sie die Totale wählen, die Halbtotale, die Nähe und ganz nah. Und zwar unabhängig von der gewählten Erzählperspektive.

Legolas erreicht die Bergkuppe und sieht die lang gesuchte Goldene Stadt unten im Tal, den Fluss, die Boote, die darauf fahren, die Felder, die gerade abgeerntet werden, die Ochsenkarren, die zum Markt durch die Stadttore fahren, die Kathedrale, deren Turm aus dem Häusermeer hervorragt, die Berge im Hintergrund, von denen einige verschneit sind.

Kameraeinstellung: Totale. Große Distanz.

Legolas steigt von der Bergkuppe hinab ins Tal, glücklich, dass er sein Ziel erreicht hat. Der Weg wird zu einem Hohlweg, zu beiden Seiten geht es steil bergauf. Von der Goldenen Stadt ist nichts mehr zu sehen.

Kamera: Halbtotale. Die Distanz ist geringer.

Als er um eine Ecke biegt, bricht ein Büffel aus dem Wald. Eine massige Gestalt, er scharrt mit den Hufen, kleine rote Augen starren ihn böse an.

Kamera und Distanz: Nah.

Das Tier stürmt auf ihn zu, er sieht nur noch die spitzen Hörner.

Kamera und Distanz: Ganz nah (Tunnelblick)

Die Kamera ist jetzt ganz nah, Legolas hat den Tunnelblick, nimmt nur noch die spitzen Hörner wahr.

In allen vier Beispielen bleibt die Erzählperspektive gleich. Personale dritte Person. Die Kameraeinstellung und die Distanz ändern sich aber, von Totale über Halbtotale zu Nah. Diese Kameraeinstellungen sind unabhängig von der Erzählperspektive. Auch ein Ich-Erzähler kann die Totale nutzen, auch ein allwissender Erzähler die Naheinstellung.

Wenn Sie die obigen Beispiele als Ich-Erzählung schreiben, können Sie trotzdem die gleichen Kameraeinstellungen verwenden. Und auch ein allwissender Erzähler kann die Kamera ganz nah auf die Hörner des Stiers zoomen lassen.

Ändern Sie einmal obige Beispiele in eine Ich-Perspektive. Dann in die eines allwissenden Erzählers.

Unterschied zwischen Erzählperspektive und Kameraeinstellung

Unten in der Hütte neben dem Tempel saß Balrog und wartete seit vier Wochen auf Legolas‘ Ankunft. Seine Arthritis plagte ihn.

Passt das zu obigen Beispielen? Von der Kameraeinstellung her geht es. Aber was ist mit der Erzählperspektive? Die Beispiele sind personale dritte Person, der Leser sieht durch Legolas Augen. Unmöglich kann aber Legolas durch die Wände der Hütte sehen.

Womit wir bei einem wichtigen Unterschied zwischen Erzählperspektive und Kameraeinstellung wären. Die Erzählperspektive sollte sich während eines Kapitels oder einer Szene nicht ändern. In der Regel wird ein Roman in einer Erzählperspektive geschrieben, eine Erzählhaltung durchgehalten.

Ganz anders die Kameraeinstellung. Ein Roman, der durchgängig in der Totale erzählt, würde den Leser genauso langweilen, wie ein Film mit nur einer Kameraeinstellung.

Gibt es eine Möglichkeit, obigen Balrog doch noch in den Text zu integrieren, ohne die Erzählperspektive zu wechseln?

Ja.

Wenn Legolas zu Beginn seiner Reise erfahren hätte: In der Hütte neben dem Tempel wartet der alte, arthritische Balrog auf dich. Beeil dich. Dann wäre der Balrog Absatz ein Bild aus Legolas Vorstellung, geistiges Tele sozusagen.

Oder der ganze Text wird von einem allwissenden Erzähler erzählt, der alles weiß und natürlich auch, wie sehr Balrog seine Arthritis schmerzt. Schließlich hat der sein ganzes Leben in den Minen von Moria verbracht.

Nehmen Sie einen Absatz aus Ihren Texten und schreiben sie ihn erst in Totale, dann in Halbtotale, dann Nah, ganz nah. Was ändert sich dabei? Wie wirken die verschiedenen Kameraeinstellungen?

Wechsel der Einstellung

Sie können eine ganze Szene in der Totalen erzählen, aber in der Regel wird die Szene dann nicht mehr spannend sein.

Ich muss das wissen, es ist einer meiner häufigsten Fehler. Die Folge: Alles klingt distanziert, zwar kann der Leser alles miterleben, aber es interessiert ihn wenig. Er schaut auf die Szene, wie ein Wissenschaftler auf einen Ameisenhaufen. Was kümmert ihn schon die einzelne Ameise? Aber durch diese Distanz kann er natürlich auch Gesetzmäßigkeiten erkennen.

Doch Geschichten sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sie handeln grade von Einzelschicksalen, lassen den Leser mit einer Person mitkämpfen, mitlieben, mitschwitzen. In der Regel ändert sich die Distanz während einer Szene. Meist beginnen Szenen mit der Totalen, damit der Leser weiß, wo er ist, gehen in die Halbtotale über, um dann beim Höhepunkt in der Naheinstellung zu enden.

Welche Kameraeinstellung benutzen Sie am häufigsten? Nehmen Sie einen längeren Text aus einem Buch und schreiben Sie neben die Absätze „T“, „H“ oder „N“ je nachdem, welche Kameraeinstellung verwandt wird, wie groß die Distanz zu den Ereignissen ist.

Spannungsbogen

Was uns auf einen weiteren Punkt bringt. Die Spannung in einem Roman wie auch in einer Szene sollte einen Bogen bilden, sie sollte sich langsam aufbauen, den Höhepunkt erreichen und dann auslaufen. Je näher dieser Höhepunkt kommt, desto näher kommt auch die Kamera, desto enger wird der Winkel, desto mehr wird die Romanfigur den „Tunnelblick“ bekommen, nur noch das wahrnehmen, was wichtig ist.

Vielleicht erreicht der Held die Bergkuppe, sieht die langgesuchte Goldene Stadt vor sich, betrachtet die Landschaft und die Stadt, geht langsam den Weg hinab, nimmt immer noch viel wahr, aber nicht mehr alles, da ist ein Hohlweg, der die Sicht einschränkt und ein Räuber springt hinter einem Baum hervor. Wenn der Autor alles in der Totale schildert, wird es nicht spannend.

Deshalb sollte man alle Möglichkeiten beherrschen.

Die Kameraeinstellung hat viel mit dem Spannungsbogen zu tun, der Höhepunkt ist oft mit einer Nahaufnahme verbunden. Das können Sie auch nutzen, um den Leser irrezuführen.

Angeregtes Gespräch am Kamin in der Bibliothek von Schloss Wolfenweiler (Kamera: Totale). Lord Voldemort erzählt Aragorn von seinem Verdacht, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehe (Halbtotale). Leises Quietschen, die Klinke der Tür senkt sich langsam, ganz langsam (Nah). Jeder erwartet, dass jetzt Graf Dracula auftritt.

„Wünschen die Herrschaften den Tee hier oder im Salon?“, klingt die Stimme des alten, treuen Werwolfs, der schon den Großvater Lord Voldemorts bedient hat.

Noch etwas können Sie mit Kameraeinstellung erreichen: Sie zeigen nur ein Detail und vermitteln damit dem Leser das ganze Bild. In Hitchcocks Psycho sieht der Leser nur das Messer und dann die blutige Hand, die die Fliesen entlang rutscht und doch ist es eine der spannendsten Szenen, die ich kenne. Mit der Nahaufnahme (Tunnelblick!) zeigen Sie immer nur ein Ausschnitt des Ganzen und überlassen den Rest der Phantasie des Lesers. Pars pro Toto.

Warum Perspektive und Distanz oft verwechselt wird

Wenn Sie noch kein abgebrühter Bestsellerautor sind, werden sie bei der Ich-Perspektive automatisch näher an Personen und Ereignisse zoomen. Und beim allwisssenden Erzähler eine große Distanz wählen.

Das passiert jedem und jeder Lektor kennt diesen Effekt. Wenn Sie in Ihren Texten zu distanziert schreiben, lohnt es sich, einmal in die Ich-Perspektive zu wechseln, um näher an die Personen heranzukommen. Umschreiben können Sie die Perspektive später immer noch. Aber Sie haben dann eine andere Distanz im Text gewonnen.
Übrigens gibt es für die Kameraeinstellung noch ein paar weitere Möglichkeiten, zum Beispiel Froschperspektive oder Vogelperspektive. Beides gehört zur Kameraeinstellung und hat mit der Erzählperspektive nichts zu tun. Spielen Sie einfach mal mit Distanz, Kameraeinstellung und Ihrer Erzählperspektive.

Mehr zu den Erzählperspektiven finden Sie hier:
https://hproentgen.wordpress.com/2017/04/23/alles-was-autoren-ueber-perspektiven-wissen-muessen/

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Erzählperspektive, Distanz und Kameraeinstellung

Rückblenden, die Kür

Nach den Grundlagen möchte ich hier Beispiele erfolgreiche Autorinnen und Autoren vorstellen und zeigen, wie diese Rückblenden in ihre Texten eingebaut haben. Schauen wir uns erst mal eine Fassung an, die ich geschrieben habe.

Der tote Mann

Leigh betrieb ein kleines Restaurant in London, das er von seinen Eltern übernommen hatte. Jetzt war Feierabend und er sah sich um. Er blickte auf den Fußboden und erinnerte sich an die Ereignisse von vor fünf Tagen.

Damals war dieser Mann wieder gekommen. Er kam regelmäßig, das erste Mal vor zwei Jahren und wollte Geld von Leigh. Schutzgeld, das Leigh zahlen sollte. Leigh zahlte, als der Mann ihn an die Ereignisse im Chinarestaurant erinnerte. Die Beträge wurden größer und Leigh musste seinen Plan, ein zweites Restaurant zu eröffnen, begraben.

Vor fünf Tagen kam es zum Eklat. In einer Auseinandersetzung hatte er den Mann erschlagen und unter dem gerade renoviert werdenden Fußboden in Beton eingegossen und die Dielen darüber gelegt.
Seitdem war er ruhiger.

Diese Fassung ist ziemlich langweilig. Sie beginnt damit, dass Leigh sich umdreht und erinnert. »Sich umdrehen« sorgt nicht gerade für Spannung und »erinnern« ist auch nicht die eleganteste Form, eine Rückblende einzuleiten.

Noch gibt es auch gar keine Frage, warum eine Rückblende nötig ist. Und spannend ist die Erzählung in der Rückblende auch nicht. Doch auch den schlechtesten Text kann man verbessern. Wie hat Zoe Beck das gelöst?

Die Lieferantin

(c) Zoe Beck

»Leigh hatte schon fünf Tage nichts mehr von dem Mann unter seinem Fußboden gehört. Langsam glaubte er, sich entspannen zu können. Er hatte sich schon sehr lange nicht mehr entspannen können, was an diesem Mann lag. Besonders in den letzten Monaten war sein Leben durch ihn höchst unangenehm gewesen, und nun war Leigh ehrlich gesagt froh, dass sich dieser Zustand offenbar zum Besseren verändern würde. Auch wenn es die erste Zeit, nachdem der Mann unter seinen Fußboden geraten war, nicht danach ausgesehen hatte. Aber seit fünf Tagen war Ruhe. Endlich.

Morgens war Leigh der Erste in seinem Restaurant und nachts der Letzte. Unter seinen Eltern war es ein traditionelles englisches Pub gewesen.«

Welche Technik wird hier angewandt?

Die gleiche Geschichte wurde aus der Sicht von Leigh erzählt. Und statt etwas zu behaupten, hat die Autorin den Leser es erleben lassen. Sie schildert das, was Leight durch den Kopf geht. Und der spürt Erleichterung. Wegen des Manns unter dem Fußboden. Aber er überlegt nicht, wie der unter den Fußboden gekommen ist (das weiß er). Weswegen sich beim Lesen sofort die Frage stellt: Was hat es mit dem Mann auf sich?

Die Autorin springt hin und zurück. Die Zwiebelschalenmethode. Wie bei einer Zwiebel wird nach und nach die Vorgeschichte entblättert. Wir erfahren von dem Mann unter dem Fußboden, aber nicht, wie er dort hingekommen ist und was er dort macht.. Obwohl jede Leserin und jeder Leser so seine Verdachtsmomente haben dürfte.

Am Anfang springt die Autorin immer von der Erzählzeit in die Zeit vor fünf Tagen zurück. Deshalb der Wechsel zwischen Vergangenheit und Plusquamperfekt.

Dann kommt eine Rückblende in die Geschichte von Leighs Restaurant, das Erwähnung in Gourmet- und Reisemagazinen fand, als er es von den Eltern übernahm. Noch immer nichts über den Mann unter dem Fußboden, aber diese Frage hält uns bei der Stange.

Erst dann springt Zoe Beck wir zu dem Mann zurück.

»Sie haben es aber sehr schön hier«, hatte der Mann gesagt, damals, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Er trug einen dunklen Anzug, nicht besonders teuer, aber auch kein billiges Ding, dazu eine Aktentasche, unauffälliges Schwarz, ebenfalls nicht besonders teuer, aber auch nicht zu billig.

Die Rückblende springt in die Szene, als der Mann zum ersten Mal auftritt. Dann bleibt sie in dieser Erzählzeit, deshalb fährt der Text nach dem ersten Satz nicht im Plusquamperfekt fort.

Und ohne Rückblende?

Natürlich ließe sich die Geschichte ganz ohne Rückblende erzählen. Dann würde der Text mit dem ersten Auftreten des Mannes beginnen, fortfahren mit der Schutzgelderpressung und der Höhepunkt wäre die Szene, in der er unter dem Fußboden landet.

Ein klassischer Spannungsbogen.

Wäre das besser?

Beides wäre möglich. Der klassische Spannungsbogen würde sich für einen klassischen Krimi eignen oder für einen Actionthriller.

Doch »Die Lieferantin« ist weder das eine noch das andere. Zoe Beck entwickelt ihre Geschichte langsam und die Personen spielen die Hauptrolle. Hinzu kommt die Prise schwarzen Humors in ihrer Fassung. Humor, vor allem schwarzer, ist auch ein Spannungselement, das zum Weiterlesen verlocken kann.

Der Schakal

(C) Frederick Forsythe

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung eines französischen Oberstleutnants durch ein französisches Erschießungskommando Anfang der Sechziger. Erst nach der Szene steht, was der Grund für die Hinrichtung war. Die Hinrichtung diente der Abschreckung.

Mit der Hinrichtung des Offiziers als des Chefs eines organisierten Geheimbundes ehemaliger Armeeangehöriger, die dem Präsidenten der Republik nach dem Leben trachteten, sollte weiteren Anschlägen auf den Präsidenten ein Ende gemacht werden. Die Ironie des Schicksals wollte es jedoch, dass sie einen neuen Anfang setzte. Um aber davon zu berichten, muss zuvor erklärt werden, wie es dazu kam, dass an jenem frühen Märzmorgen im Hof des südöstlich von Paris gelegenem Militärgefängnis ein von Schüssen durchsiebter Leichnam in den Fesseln, die ihn an den Pfahl banden, zusammensank …
Und erst danach wird die Vorgeschichte erzählt und welche Ereignisse dazu führten, dass der Offizier zum Tode verurteilt wurde:
Die Sonne war endlich hinter die Mauern des Palastes gesunken und die länger werdenden Schatten, die jetzt über den Innenhof krochen, brachten eine willkommene Linderung. Am heißesten Tag des Jahres betrug die Temperatur in Paris um 19 Uhr noch dreiundzwanzig Grad Celsius. Überall in der vor Hitze verschmachtenden Stadt verstauten Familienväter ihre nörgelnden Ehefrauen und greinenden Kinder in Automobile und Zugabteile, um mit ihnen das Wochenende auf dem Land zu verbringen. Es war der 22. August 1962, der Tag, an dem der Präsident der Republik, Charles de Gaulle, auf Beschluss einer Handvoll Männer, die sich außerhalb der Stadtgrenzen bereithielten, sterben sollte.

Hier geht der Autor nach einer dramatischen Erschießung ruhig in die Rückblende über. Und jeder Leser merkt sofort, dass der Text etliche Jahrzehnte alt ist, aus einer Zeit stammt, als Männer in der Familie das Sagen hatten und Frauen nur noch das Quengeln übrig blieb.

Trotzdem ist die Stimmung im sommerlichen Paris gut und anschaulich beschrieben. Danach zieht der Autor wieder das Tempo an. Ein OAS Kommando führt einen Anschlag auf den französischen Präsidenten de Gaulle durch. Der scheitert. Der französische Geheimdienst kann den Anschlag aufklären, die Täter festnehmen und der Anführer, eben dieser Oberstleutnant, wird zum Tode durch Erschießen verurteilt. Der Offizier glaubt nicht, dass französische Soldaten auf ihn feuern werden.

Danach springt die Geschichte nochmals in eine Rückblende, schildert, wie die OAS (die Geheimorganisation der algerisch-französischen Armee) in Algerien einen Staatsstreich plante und warum dieser scheiterte.

Der Aufbau ist also: 1. die Hinrichtung, 2. eine kurze, ruhige Zwischenszene aus Paris und 3. der Beginn der Rückblende auf die Ereignisse des 22. Augusts.

Dann folgen die weiteren Ereignisse nach der Hinrichtung. Der Chef der OAS wird nach dem Todesurteil vom Geheimdienst aus Deutschland verschleppt. Die Kommandostrukturen der OAS sind durch Spitzel unterwandert, die Anhänger der OAS geben die Hoffnung auf.

Die Regierung glaubt, sie habe ihr Ziel erreicht.

Sein Stellvertreter übernimmt das Kommando. Und jetzt kommt eine Vorausdeutung am Schluss des ersten Kapitels.

»In einem kleinen Hotelzimmer in Österreich setzte sie eine Kette von Überlegungen und Aktionen in Gang, die General de Gaulle in größere Lebensgefahr bringen sollte, als je zuvor in seiner gesamten militärischen und politischen Laufbahn.«

Jede der Szenen und Abschnitte setzt mit der Beantwortung einer Frage ein und stellt am Ende eine neue Frage. Und die Frage am Ende des ersten Kapitels ist ein Cliffhanger. Welche größere Gefahr entsteht nach der Hinrichtung, als der französische Geheimdienst glaubt, er habe alles im Griff und die OAS zerschlagen?

Der Beginn des zweiten Kapitel beantwortet diese Frage. Der bisherige Stellvertreter wird neuer Chef der OAS. Er wird kurz in seinem neuem Amt vorgestellt. Politisch genauso verbohrt wie der Vorgänger, aber taktisch ein Genie.

Jetzt kommt wieder eine Rückblende. Die Karriere des Stellvertreters, der sich 1940 als junger Mann den freien Franzosen unter de Gaulle anschließt, im Zweiten Weltkrieg kämpft, im französischen Vietnamkrieg, im Algerienkrieg, ein glühender Anhänger de Gaulle.

Bis er erfährt, dass de Gaulle tatsächlich mit der algerischen Befreiungsbewegung FNL Verhandlungen aufgenommen hat und Algerien in die Unabhängigkeit entlassen will.

Jetzt hasst er de Gaulle. Und er wird sein Ziel nicht aufgeben, ihn umzubringen.

In diesem Romananfang erklärt uns der Autor nicht die Personen mit Hilfe der Rückblende. Die Rückblenden beantworten Fragen und sorgen selbst für Spannung.

Die Alternative

Auch hier könnte man die Geschichte chronologisch erzählen. Erst der Anschlag auf de Gaulle, dann die Hinrichtung, die Verfolgung der OAS durch den Geheimdienst, dann die Entführung des Chefs der OAS.

Das Balg, Rückblende

Der folgende Text ist in dem Stil geschrieben, in dem ich viele Rückblenden erhalte:

Tommy war vierzig, aber hasste seinen Vater immer noch. Und seine Tante. Der Vater war tot, die Tante nicht. Immer hielt sie ihm vor, dass er ein unausstehliches Kind gewesen war.

Tommy hatte sie schon oft darauf hingewiesen, dass er so oft eine Strafe abgekriegt hatte, wie niemand sonst. Sein Vater wollte ihm Disziplin beibringen, er haute ihm den Teller weg, bevor er einen Bissen essen konnte, wenn er sich seiner Meinung nach daneben benahm. Er hatte ihn hungern lassen, ließ ihn nichts essen, um sein Ziel zu erreichen, ihm Disziplin beizubringen. Tommy hatte ihn gehasst. Er hatte sich gewünscht, dass er tot wäre.

Sein Wunsch wurde ihm schließlich erfüllt.

Wie kann man diese Rückblende in die Gegenwart auflösen? Sol Stein weiß es, er hat in seinem Buch »Über das Schreiben« ein Kapitel Rückblende, das ich jedem empfehle, der mehr über Rückblenden wissen will.

Und dort sieht die gleiche Geschichte sehr viel interessanter aus und benötigt keine langweilige Rückblende mehr.

»Du warst ein unausstehliches Kind, Tommy, ein Balg im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Na hör mal, wenn du so oft deine Strafe abkriegst wie ich …«

»Dein alter Herr hat dir Disziplin beigebracht.«

»Indem er mir den Teller weggehauen hat, bevor ich einen Bissen essen konnte.«

»Er hat sein Ziel doch erreicht, oder nicht?«

»Er hat mich verhungern lassen. Was er erreicht hat, war, dass ich Hunger hatte und er mich nicht essen ließ. Ich habe ihn gehasst. Ich habe mir gewünscht, er wäre tot.«

»Dein Wunsch hat sich schließlich erfüllt, nicht?«

(C) Sol Stein, über das Schreiben, S 230

Was erfahren wir hier?

 

  1. Tommy hatte eine unglückliche Kindheit
    2. Die Tante ist der Meinung, dass es Tommys Schuld war
    3. Tommy wurde vom Vater mit Essensentzug bestraft
    5. Deshalb hasste er seinen Vater und wünschte ihm den Tod

Trotz all dieser Infos ist es kein Infodump und benötigt auch keine Rückblende, um dem Leser Infos zu vermitteln, von denen der Autor glaubt, der Leser müsse sie wissen.

Übung

Suchen Sie in ihrem Bücherschrank Bücher, die Sie sehr schätzen. Verwenden diese am Anfang Rückblenden? Falls ja, wie geschieht das.

Und sehen Sie sich dann Bücher, die Sie nicht so gut finden aus. Wie gehen diese mit Rückblenden um?

Zwölf Dinge, die jeder Autor über Rückblenden wissen sollte

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Rückblenden, die Kür

Zwölf Dinge, die jeder Autor über Rückblenden wissen sollte

Was ist eine Rückblende (Flashback)

Eine Rückblende springt aus der aktuellen Erzählzeit zurück, um dem Leser eine Szene, Ereignisse oder Infos aus der Zeit vor der Erzählzeit zu vermitteln. Nach der Rückblende springt sie zurück in die Erzählzeit.

Es gibt auch die Möglichkeit, mehrere Erzählstränge in unterschiedlichen Zeiten ablaufen zu lassen und in verschiedenen Kapiteln diese Erzählstränge in unterschiedlichen Zeiten zu erzählen. Das sind aber keine Rückblenden.

Rückblenden als Infodump

Wenn mir Autorinnen oder Autoren Texte zuschicken, die auf den ersten Seiten Rückblenden enthalten, freue ich mich. Sie machen wenig Arbeit, ich muss sie nur streichen. In aller Regel wird der Text dadurch spannender.

Das hat seinen Grund. Textstellen, die den Leserinnen etwas erklären, langweilen schnell. Weil der Autor oder die Autorin sie eingefügt hat, um dem Leser etwas über die Vorgeschichte mitzuteilen. Passiert das auf den ersten Seiten, interessieren sich Leser nicht dafür. Noch kennen sie die Personen und den Konflikt nicht. Solche Rückblenden stören.

Machen Sie einen einfachen Test: Streichen Sie alle Rückblenden auf den ersten dreißig Seiten und drucken beide Fassungen aus, die mit und die ohne Rückblenden. Oft sehen Sie dann schon, welche Sie wirklich benötigen.

Oder zeigen Sie sie Freunden und fragen, welche Fassung ihnen besser gefällt.

Rückblenden dürfen nicht auffallen

Manchmal allerdings können Rückblenden auch nützlich sein. Ich habe in meinem Bücherregal in den Romanen bekannter Autorinnen und Autoren geblättert und war erstaunt, wie oft dort Rückblenden stehen.

Was unterscheidet diese Rückblenden von denen, die ich streiche?

Ganz einfach: Sie fallen nicht als Rückblenden auf.

Sehen Sie sich folgendes Beispiel am Romananfang an. Würden Sie es so stehen lassen? Oder überarbeiten?

Hauptkommissar Florian betrachtete die Leiche, der Kopf war halb abgeschnitten, die Zunge blau angelaufen, das T-Shirt zerrissen.
Der Hauptkommissar erinnerte sich an den Morgen. Sie hatten ihn angerufen, als er am Frühstückstisch gesessen hatte und gerade seiner Frau versprochen hatte, dass er heute Abend mit ihr ins Kino gehen würde. Wie immer hatte er sein Croissant mit Butter bestrichen und hatte den Kaffee ebenfalls wie jeden Morgen zur Hälfte mit heißer Milch gemischt. Er hatte sich die Aprikosenmarmelade seiner Schwiegermutter gegriffen und sie aufgedreht, was nicht einfach gewesen war, die Schwiegermutter sorgte immer dafür, dass die Verschlüsse der Marmelade, die sie jeden Sommer einkochte, stets fest zugemacht waren, damit die Marmelade nicht Schimmel ansetzen würde. Als er das Messer in die Marmelade getaucht hatte, klingelte das Telefon und er hatte geahnt, dass er heute kein Frühstück bekommen haben würde.

Der Kommissar seufzte und wandte sich erneut der Leiche zu.

 Dieses Beispiel vereint gleich mehrere häufige Fehler bei Rückblenden.

Ein bisschen zu früh ist auch daneben

Die Rückblende kommt viel zu früh, noch wissen wir gar nichts über den Hauptkommissar Florian und seine Schwiegermutter dürfte die Leser auch nur mäßig interessieren. Hier werden Informationen vermittelt, die an der Stelle für die Geschichte irrelevant sind.

Plusquamperfekt nur am Anfang und Schluss einer Rückblende

Außerdem erzählt die Rückblende im Plusquamperfekt. Die vielen »hatte« und »war gewesen« wirken holprig, obendrein erinnern sie den Leser ständig daran, dass wir uns nicht in der Erzählzeit befinden, sondern in einer Rückblende. Nicht gut.

Lassen Sie den ersten oder die ersten zwei Sätze im Plusquamperfekt. Danach weiß der Leser, dass sich die Erzählzeit geändert hat und sie können in der normalen Vergangenheit erzählen. Ihre Geschichte wirkt dann unmittelbarer.

Am Morgen hatten ihn die Kollegen angerufen. Er saß gerade am Frühstückstisch und wollte sein Croissant genießen …

Keine holprigen Überleitungen

Und »der Hauptkommissar erinnerte sich an den Morgen« ist auch nicht die eleganteste Form der Überleitung, sondern ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Leserschaft: Vorsicht, jetzt verlassen wir die eigentliche Geschichte.

Noch weniger geeignet sind Formulierungen wie: »Der Hauptkommissar rekapitulierte, wie …«

Rückblenden auflösen

Sie können Rückblenden auflösen, wenn Sie das, was in der Rückblende wichtig ist, in die Szene durch Handlung oder durch Dialog deutlich machen.

Hauptkommissar Florian betrachtete die Leiche, der Kopf war halb abgeschnitten, die Zunge blau angelaufen, das T-Shirt zerrissen. Sein Magen knurrte und erinnerte ihn daran, dass er vom Frühstückstisch zur Leiche gerufen worden war, als er gerade den ersten Bissen vom Croissant zu sich nehmen wollte.
Der Kommissar seufzte.

Hier springt der Text nur ganz kurz in die Vergangenheit. Dass es ein Rücksprung ist, fällt dem Leser gar nicht auf.

Keine Rückblende ohne Frage

Im ersten Beispiel lässt der Autor den Kommissar »sich erinnern«. Im zweiten knurrt der Magen. Der Halbsatz mit dem fehlenden Frühstück beantwortet die Frage, warum dem Kommissar der Magen knurrt.

Achten Sie darauf, dass Ihre Rückblende Fragen beantwortet, die sich aus der Geschichte ergeben. Und nicht dort steht, weil Sie als Autorin oder Autor dem Leser unbedingt etwas mitteilen wollen.

Nehmen wir ein zweites Beispiel für eine Rückblende ganz am Anfang eines Romans. Was finden Sie daran gelungen, was nicht gelungen. Wie könnten Sie diese Rückblende auflösen?

Hauptkommissar Florian radelte ihn strömendem Regen zum Präsidium.

Er fuhr immer Rad und während ihm das Wasser seine Schuhe durchnässte, die nicht durch das Regencape geschützt wurden, rekapitulierte er, warum er nicht mehr Auto fuhr.

Vor drei Jahren war mit seinem Sohn Karl im Auto zum Abschlussball der Tanzstunde gefahren. Er schaute den jungen Leuten zu und erinnerte sich an die eigene Jugend, die er in den letzten Jahren mit immer größer gewordener Nostalgie zu betrachten pflegte. Die Musik stimmte ihn traurig und deshalb gönnte er sich mehrere Gläser Sekt. Obwohl er wusste, dass er, wenn er mit dem Alkohol anfangen würde, schnell mit dem Trinken weitermachen würde. Das tat er immer. Eigentlich ahnte er schon lange, dass er ein Alkoholproblem hatte, aber schob diese Erkenntnis immer schnell beiseite.

Und als er sich hinter das Steuer seines Wagens setzte, hatte er alle Bedenken beiseite geschoben und war mit seinem Sohn losgefahren. Der schaute ihn fragend von der Seite an und er ignorierte den Blick.

Dann geschah es. In einer Kurve war Glatteis, der Wagen kam ins Rutschen und prallte gegen einen Baum. Sein Sohn hatte sich nicht angeschnallt, er hatte das auch nicht kontrolliert und nach drei Tagen im Koma starb Michael.

Seitdem fuhr Florian nur noch Fahrrad.

Wichtige Rückblenden häppchenweise erzählen

Die Rückblende im Beispiel 2 erzählt eine ganze Menge über den Helden der Geschichte. Sie erklärt alles, jetzt weiß jede Leserin und auch jeder Leser, dass der Kommissar seinen Sohn verloren hat, sich deswegen Vorwürfe macht und deswegen nicht mehr Auto fährt.

Die Rückblende beantwortet die Frage, warum der Kommissar durch den strömenden Regen radelt, statt mit dem Auto zu fahren. So weit, so gut. Weniger gut ist es, dass es alle Details beantwortet und keine Fragen offen lässt. Spannung entsteht nicht durch Wissen. Sondern durch offene Fragen. Der Tod des Sohnes ist einschneidend für den Kommissar.

Also erklären Sie nicht alles, sondern achten darauf, dass die Rückblende etwas über den Kommissar verrät, aber gleichzeitig neue Fragen aufwirft.

Hauptkommissar Florian radelte ihn strömendem Regen zum Präsidium. An dem Laternenpfahl schloss er sein Fahrrad an, seine Schuhe quietschten vor Nässe. Dann betrat er das Gebäude.

Sein Kollege Meier – mit trockenen Schuhen, die die Benutzung der Tiefgarage anzeigten – begrüßte ihn mit Kopfschütteln.

»Mensch, wann wirst du endlich begreifen, dass Fahrradfahren deinen Sohn auch nicht mehr lebendig macht?«, fragte er.

Florian antwortete nicht, sondern ging zum Aufzug und öffnete die Tür.

Dialog statt Rückblende

Hier wird die Information nicht durch eine Rückblende vermittelt, sondern durch den Dialog. Es wird nicht alles erzählt, aber genug angedeutet, dass der Leser weiß: Da war was.
Der Text liefert eine Antwort auf die Frage: Warum radelt er durch strömenden Regen und gleichzeitig wirft er eine neue Frage auf: Was war damals mit dem Sohn?

Vorteile einer Rückblende:

– Die Rückblende erzählt, warum eine Person so handelt, wie sie handelt, indem die Ereignisse der Vergangenheit erzählt werden, die sie geprägt haben.
– die Rückblende kann etwas über Geschichte und Hintergrund einer historischen Epoche oder eines Landes.
– die Rückblende kann ein Ereignis schildern, das dem Leser bisher aus Spannungsgründen vorenthalten wurde.

Nachteile

– die Rückblende bremst den Erzählfluss, weil sie statt voranzugehen, zurückgeht
– viele Rückblenden dienen dazu, dem Leser etwas zu erklären
– auf den ersten Seiten kennt der Leser die Figuren noch nicht, er fragt sich noch nicht, warum eine Person so geworden ist, wie sie ist.
Im nächsten Beitrag werde ich einige Beispiele von Rückblenden bekannten Autoren vorstellen – und warum und wie diese funktionieren.

Fortsetzung: Rückblenden – die Kür

Literatur: Sol Stein, über das Schreiben, Autorenhausverlag

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Zwölf Dinge, die jeder Autor über Rückblenden wissen sollte

Klappentextlektorat Juni 2018

Timing is everything

Text: Emma C. Moore

„Wer bist du?“, frage ich. „Und was hast du vor?“

„Ich könnte vorgeben, ein edler Ritter zu sein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, traurige Maiden zu retten“, erklärt er ernst, „aber leider bin ich nur ein Typ, der eine Bank gesucht hat, um in Ruhe zu frühstücken.“

Das Letzte, was Fanny will, als sie von ihrem tyrannischen Großvater auf die Straße gesetzt wird, ist, sich zu verlieben. Aber dann begegnet sie Jace. Jace, der ihre Liebe zu Büchern teilt, sie mit Weintrauben füttert und ihr im Sommerregen seine Träume ins Ohr flüstert. Diese Liebe trifft sie unvermittelt und mit voller Wucht. Als Jace nach wenigen Tagen jedoch ohne Abschied verschwindet, lässt er neben ein paar Zeilen ihr gebrochenes Herz zurück.

Reece, der mit ihr zusammen am College studiert, hilft ihr, den Schmerz und die Verletzungen zu vergessen. Er ist das genaue Gegenteil von Jace, ruhig und besonnen steht er Fanny in ihrer dunkelsten Stunde zur Seite. Langsam verblassen die Erinnerungen an den letzten Sommer.

Und dann steht Fanny Jace unvermittelt wieder gegenüber und begreift, dass man manchen Menschen zum völlig falschen Zeitpunkt begegnet.

Eine Geschichte über das Verlieren und Verzeihen, Weintrauben mit Schokolade und die Frage, welches Buch man am letzten Tag der Welt lesen würde.

Lektorat

Dieser Klappentext von Emma C. Moore, ein Pseudonym der Bestsellerautorin Marah Woolf, zeigt beispielhaft, wie ein guter Klappentext funktioniert. Er ist anschaulich geschrieben (show, don’t tell), verdeutlicht allgemeine Sätze immer durch konkrete Beispiele und vermittelt Atmosphäre.

Schreiben Sie zur Übung einmal auf, was für Gefühle, was für Erwartungen dieser Text bei Ihnen weckt.

Anfang

Der Anfang entscheidet, ob die Leserin, der Leser überhaupt weiterliest. Er muss also fesseln, sollte keine 08/15-Sätze enthalten. Hier wurde ein Zitat aus dem Buch als Einstieg benutzt. Das versetzt uns direkt in die Geschichte. Es zeigt, dass die Autorin pointiert schreiben kann, hat Witz und stellt uns die männliche Figur vor, ohne etwas zu behaupten. Die Figur wirkt durch den Witz, die Selbstironie sympathisch. Wir verstehen, dass sich die Heldin in diesen Typen verliebt.

Schluss

Genauso wichtig wie der Anfang ist der Schluss. Er fasst den Klappentext zusammen oder wirft Fragen auf und soll zum Kauf animieren. Oder wenigstens dazu, die Leseprobe oder die erste Seite aufzuschlagen.

Eine Geschichte über das Verlieren und Verzeihen, Weintrauben mit Schokolade und die Frage, welches Buch man am letzten Tag der Welt lesen würde.

Dieser Satz hat drei Teile. Einmal stellt es das Thema vor: Verlieren und Verzeihen. Dann spielt es auf den Mittelteil an und erinnert uns noch einmal an die anschaulichen Sätze dort: Weintrauben und Schokolade. Und wirft eine Frage auf: Welches Buch würde man am letzten Tag der Welt lesen wollen?

Das genaue Gegenteil so vieler letzter Sätze in Klappentexten, die mit den immer gleichen abstrakten Klischees aufwarten.

Mitte

Der erste Absatz stellt uns Jace vor und warum sich Fanny in ihn verliebt. Obwohl ihr Großvater sie gerade auf die Straße gesetzt hat. Er behauptet nicht: „Jace ist ein Charmeur und Fanny erliegt seinem Charme.“ Sondern sagt, dass er Fanny mit Weintrauben füttert, ihre Liebe zu Büchern teilt und ihr seine Träume ins Ohr flüstert. Dass es sich um einen Charmeur handelt, darf der Leser schlussfolgern. Warum sie sich in Jace verliebt, muss ebenfalls nicht explizit niedergeschrieben werden, sondern bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.

Und dann lässt Jace Fanny mit gebrochenem Herzen zurück. „Du verliebst jeden Tag dich aufs Neu, alle küsst du und bleibst keiner treu“, ist das vielleicht sein Lebensmotto?

Der zweite Absatz stellt uns Reece vor, das genaue Gegenteil von Jace. Zuverlässig, er tröstet Fanny, ist da, wenn sie ihn braucht. Ob er ihr Träume ins Ohr flüstert? Vermutlich eher selten.

Der Konflikt und die Personen

Und dann taucht Jace wieder auf. Ein Konflikt wird angerissen, aber der Klappentext bricht hier ab. Wer wissen will, wie es weitergeht, muss das Buch lesen.

Diese Konstellation ist nicht neu, Jace und Reece sind tausendfach beschrieben worden, und so etwas wie mit ihnen ist vermutlich millionenfach geschehen. Würde das allgemein beschrieben, würde der Klappentext niemand hinter dem Ofen hervorlocken.

Das Besondere sind die anschaulichen Bilder, die poetische Sprache. Wer so einen Klappentext formulieren kann, der wird auch im Text seine Leser packen, vermuten wir. Ein Grund, warum ein Klappentext so wichtig ist – vor allem natürlich bei Selfpublishern.

Nicht zu vergessen: Der Klappentext beinhaltet nur drei Personen, die er lebendig werden lässt. Mehr würden ihn unübersichtlich machen.

Okay, im ersten Satz gibt es noch den Großvater, der aber nur als Hindernis auftaucht und der nicht mit Namen vorgestellt wird. Wenn eine Person nur am Rande vorkommt, ist es gut, sie nur in ihrer Funktion zu bezeichnen(Großvater) statt einen Namen zu nennen.

Fazit

Ein wunderbares Beispiel, wie ein Klappentext ein Buch vorstellen kann, anschaulich, ohne 08/15-Jahrmarktsgeschrei, ohne Klischees, ohne „tell“. Stattdessen mit viel „show“, das uns Inhalt, Personen und Thema des Buches vorstellt.

aus: Tempest Juni 2018

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