Der gefürchtete Infodump

Infodumps sind berüchtigt. Weil sie Leserinnen und Leser aus dem Buch werfen. Seit zwanzig Jahren wird davor gewarnt.

Und heute?

»Ich trau mich gar nichts mehr in Ruhe zu erzählen, aus Angst, es könnte Infodump sein«, hat mir kürzlich eine Autorenkollegin erzählt.
Aber was ist überhaupt ein Infodump?

Infodump – der Abfallhaufen

»Dump« bezeichnet einen Abfallhaufen im Englischen. Und Infodump ist dementsprechend ein Abfallhaufen voller unnützer Informationen. Autorinnen wollen sichergehen, dass der Leser auch alles weiß, was sie über die Geschichte wissen. Deshalb greifen sie oft zum Infodump, indem sie alle Details, ob nützlich oder nicht, abladen. Und weil das gerne statisch und lexikonartig geschieht, vergrault es Leserinnen.

Ein Beispiel für einen massiven Infodump wäre:

»Kommissar Meier kam an den Tatort. Er war groß, blond, hatte braune Augen und eine riesige Nase. Er arbeitete seit fünfzehn Jahren in Potsdam und liebte seinen Job.

Sein Kollege Müller eilte auf ihn zu, im Gegensatz zu Meier war er klein und dick, hatte eine Glatze und eine Warze auf der Nase. Er arbeitete erst seit einem Jahr in Potsdam, war ein Pedant und immer missgelaunt. Kommissar Meier sah sich um. Vor ihm ragte die Friedenskirche auf mit dem Kreuzgang, davor lag der Garten, in dem jedes Jahr als erstes in Potsdam die Krokusse blühten. Vor dem Kircheneingang stand die riesige Jesusfigur aus Metall. Und davor lag die Leiche.«

Die Angst vorm Infodump

Mittlerweile wissen viele, warum man einen Infodump vor allem auf den ersten Seiten vermeiden sollte. Doch manchmal behindert dieses Wissen. Wer die ganze Zeit nur daran denkt: »Ja keinen Infodump schreiben«, behindert den Schreibfluss.

Voran schreiben

»Der erste Entwurf ist immer Scheiße«, wusste schon Hemingway. Und Autoren sollen daran denken, wenn sie den ersten Entwurf schreiben. Der wird später überarbeitet und lektoriert. Erst einmal muss man in den Schreibfluss kommen und sich in seine Figuren verwandeln. Wer die ganze Zeit nur an »möglichst kein Infodump« denkt, tut sich damit hart.

Infodumps erkennen

Woran erkennt man einen Infodump? Da gibt es einige Indizien, die eine Diagnose erleichtern:

Infodumps sind statisch und enthalten keine Handlung

Schauen Sie sich obiges Beispiel eines Infodumps nochmal an. Welche Handlungen kommen dort vor?

Richtig. Der Kommissar kommt an den Tatort. Ein Satz mit Handlung, dann folgen fünf Sätze Informationen. Dann sieht er sich um. Dann wieder vier Sätze Informationen. 80 % des Textes der ersten Seite sind Informationen.

Infodumps lesen sich wie ein Lexikonartikel

Die obigen Informationen könnten so alle in Wikipedia stehen, wenn der Kommissar bekannt genug wäre, dass Wikipedia ihn beschreiben wollte.

Infodumps werfen keine Fragen auf, sondern beantworten Fragen

Was wissen wir nach dem Text? Wie die beiden aussehen, wie lange sie in Potsdam arbeiten, dass vor der Friedenskirche Krokusse im Frühjahr blühen und eine eiserne Jesusstatue vor dem Eingang der Kirche steht. Stellt das irgendwelche Fragen? Reizt das zum Weiterlesen?

Eher nicht.

Erst dann kommt ein Satz, dass vor der Statue eine Leiche liegt. Das weckt bei Krimilesern Fragen: War es ein Mord? Wenn ja, wer war der Täter? Und wie wird er überführt?

Infodumps haben eine andere Erzählstimme

Im Infodump teilt uns der Autor die Informationen mit. Wir erleben sie nicht durch die Augen der Figuren. Dementsprechend wird im Infodump nicht die normale Erzählstimme der Geschichte verwendet, sondern die des Autors.

Kürzen

Infodumps haben einen großen Vorteil: Man kann sie streichen. In vielen Fällen wird der Text allein dadurch sehr viel spannender und lesbarer. Einfach alle Textstellen streichen, die im Verdacht stehen, ein Infodump zu sein. Damit hat man schon viele Infodumps erledigt.

»Kommissar Meier kam an den Tatort. Sein Kollege Müller eilte auf ihn zu. Vor der Jesusfigur lag die Leiche.«

Sehr viel kürzer, aber etwas overdone.

Wenn Sie Infodumps gestrichen haben, legen Sie beide Fassungen – die zusammengestrichene und die mit Infodump – nebeneinander. Wo ist die neue Fassung besser? Wo fehlt etwas? Fügen wir also die Potsdamer Friedenskirche wieder hinzu:

»Kommissar Meier kam an den Tatort. Vor ihm ragte die Friedenskirche auf mit dem Kreuzgang. Vor dem Kircheneingang stand die riesige Jesusfigur aus Metall. Und davor lag die Leiche.

Kommissar Müller eilte auf ihn zu.«

Nötige Informationen an den Leser bringen

Was, wenn man beim Vergleich der beiden Fassungen feststellt, dass man weitere Infos benötigt?

Da gibt es einige Tricks, mit denen Sie sie einbauen können.

Nicht alles auf einmal, sondern nur einen Teil erzählen

So viel, wie gerade nötig ist. Und darauf achten, was eine neue Frage aufwirft und damit Spannung erzeugt. Im obigen Fall ist der Tatort nötig, der Rest am Anfang des Romans aber nicht.

Informationen mit Handlung verbinden

Bieten Sie die Informationen mit einer Handlung dem Leser dar.

Kommissar Müller watschelte schnaufend auf ihn zu. Er schwitzte und rieb sich die Warze am Kinn. Seit Jahren predigte ihm der Kardiologe: »Abnehmen, abnehmen, Sport treiben«, aber Müller überhörte alles missmutig. »Lieber gut essen und mit sechzig sterben, als hungrig mit neunzig« war seine Devise.

Infos aus der Sicht der Protagonistin erzählen

Schildern Sie die Informationen aus der Sicht des Protagonisten. Was würde sie wahrnehmen, wie würde sie denken?

»Vor der riesigen Jesusfigur aus Metall lag ein verbogener Körper, genauso tot wie Jesus auf Golgatha.«

Das sagt uns nicht nur, wo die Leiche liegt, sondern auch einiges über den Kommissar. Ehrfürchtig gegenüber der Religion dürfte er nicht sein, vermutlich etwas zynisch? Womit wir eine Frage hätten.

Infos verteilen

Nicht alles auf einmal erzählen. Nach und nach den Leser in unterschiedlichen Situationen die Informationen darbieten, damit er sie sich selbst zusammenbauen kann und genügend Fragen offenbleiben, um ihn bei der Stange zu halten. Denken Sie daran: Niemand kann zu viele Informationen auf einmal verarbeiten. Viel wirkungsvoller ist eine Information, die im Gedächtnis bleibt.

»Die riesige Jesusfigur aus Metall war doppelt so groß wie Kommissar Meier. Und der überragte alle anderen Mitarbeiter im Präsidium.«

Ellenlange Erklärungen sind langweilig. Halten Sie das, was Sie sagen wollen, kurz, knapp und eindrücklich.

Konflikt

Führen Sie neue Konflikte mit den Informationen ein. Die Informationen beantworten alte Fragen, werfen aber gleichzeitig neue auf. So entsteht Spannung.

Hinter Meiers Kollegen eilte ein dünnes Männchen mit Schlips und Jackett her.

»Wann bringen Sie die Leiche weg?«, fragte es.

»Wir können nicht …«, begann Meier.

»Das ist Weltkulturerbe! Die Platten wurden gerade restauriert. So viel Blut, was das wieder kostet! Wenigstens das Blut sollten Sie wegwischen, bevor es eintrocknet!«

Von der ersten Stufe tropfte langsam, aber regelmäßig das Blut der Leiche auf die Stufe darunter. Das Opfer war noch nicht lange tot.

Intuition schärfen

Wenn Sie konsequent Ihre Texte in der Überarbeitung auf Infodumps kontrollieren, statt sich schon während des ersten Schreibens darüber Gedanken zu machen, werden Sie bald zweierlei merken.

Erstens werden Sie Infodumps schneller bei der Überarbeitung erkennen.

Zweitens werden Sie in der Erstfassung weniger Infodumps produzieren.

Infodumps sind missglückte Beschreibungen

Sie haben es vermutlich längst bemerkt: Infodumps sind missglückte Beschreibungen. Wie Sie gute Beschreibungen erstellen, finden Sie in meinem Blogbeitrag:
https://hproentgen.wordpress.com/2020/11/23/sieben-tipps-fur-spannende-beschreibungen/

Viele Rückblenden sind ebenfalls Infodumps. Auch dazu gibt es einen Blogbeitrag:
https://hproentgen.wordpress.com/2018/06/26/zwoelf-dinge-die-jeder-autor-ueber-rueckblenden-wissen-sollte/

Ich hoffe, dass Ihnen diese Tipps nützen, in Zukunft Infodumps bei der Bearbeitung aufzulösen, ohne sich Angst einjagen zu lassen. Und wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß beim Schreiben und bedanke mich bei Sonja Puras für die Idee und das Lektorat dieses Artikels.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiterempfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

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Der gefürchtete Infodump

Autoren, lasst einen Film ablaufen!

Viele Texte, die ich erhalte, sind gute Geschichten. Und wirken dennoch nicht, sondern reizen eher zum Gähnen. Weil die Autorinnen und Autoren einen Fehler machen. Sie wollen ihre Geschichte so schreiben, dass im Kopf des Lesers genau derselbe Film entsteht, der beim Autor läuft. Es kommt aber nicht darauf an, dass der Film beim Autor abläuft, sondern bei der Leserin, und ihr ihr eigener Film zugestanden wird. Das wird durch zu faktengenaues Nacherzählen des eigenen Kopfkinos eben nicht erreicht.

Geschichtenerzählen ist etwas anderes als Nacherzählen. Wichtig ist es, so zu erzählen, dass im Kopf der Leser ein Film abläuft. Es nützt nichts, wenn der Film im Kopf des Autors abläuft und dann versucht wird, den Film 1:1 auf den Leser zu übertragen. – Das ist so spannend wie ein ausgefülltes Kreuzworträtsel.

Den Film erzeugen

Der Autor muss den Leserinnen und Lesern die Bilder liefern, aus denen sie selbst den Film drehen. Beim klassischen Krimi ist das klar: Der Autor liefert Indizien, falsche und richtige Spuren, und der Leser hat das Vergnügen, daraus den Tathergang und damit den Film zu erstellen. Mit vielen falschen Versuchen – nicht jedes Puzzlestück gehört dahin, wo der Leser es beim ersten Versuch einbaut.

Der Anfang startet den richtigen Film

Der Anfang ist wichtig, das weiß jede Autorin. Er stimmt den Leser auf das ein, was kommen wird, hilft ihm, die Geschichte in einen Film zu verwandeln.

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“ stimmt den Leser auf einen Familienroman ein und entsprechend wird er die Bilder in den Film integrieren (Anna Karenina, Lew Tolstoj).

Der Streifenwagen zog leicht nach rechts“ stimmt auf einen Krimi ein mit knappen und kurzen Stil (Der Coyote wartete, Tony Hillerman)

„Show don`t Tell“ liefert die Bilder

Allgemeine Aussagen und Wertungen liefern keine Bilder. „Der Hund sah gefährlich aus“, was soll die Leserin da für Bilder erzeugen? „Ein Kampfhund“ ist viel eindrücklicher und liefert ein Bild, das der Leser in seinen Film einbauen kann.

Nacherzählen ist ein Filmkiller

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“, lässt Shakespeare Julia sagen, und der Zuhörer ahnt, dass es doch die Lerche sein wird. Das weckt Bilder von Gefahr. Shakespeare schreibt aber nicht: „Dann trennten sie sich, denn es wurde hell.“ Das wäre Shakespeares Autorenstimme, nicht die von Julia.

Der Autor hält den Mund

Wenn die Erzählerin ihre eigene Geschichte kommentiert, nimmt sie dem Leser die Freude, den Film abzuspielen. Sie schreibt ihm vor, wie der Film ablaufen soll. Leser merken sofort, wenn der Autor etwas kommentiert, statt Bilder für den Leserfilm zu liefern.

Die Erzählstimme

Die Erzählstimme erzählt die Geschichte. Wichtig: Die Erzählstimme ist nicht die Stimme des Autors, sondern die Stimme, die die Geschichte erzählt. Mit ihrem Ton, ihrem Stil bestimmt sie das Feeling des Films, den der Leser dreht.

Schon zehn Minuten nach drei und noch keine Spur von Colin. Nick ließ den Basketball auf dem Asphalt aufschlagen, fing ihn einmal mit der rechten, dann mit der linken, dann wieder mit der rechten Hand auf“ (Erebos, U.Poznanski). Wenn die Heldin eine Sechzehnjährige ist, sollte die Erzählstimme entsprechend klingen, um den Film zu starten. Wenn stattdessen die Stimme des sechzigjährigen Autors durchklingt, funktioniert der Filmaufbau nicht: „Nick war ein sechzehnjähriger Schüler, der ungeduldig war und auf seinen Freund Colin wartete, damit er mit ihm Basketball spielen konnte“.

Der Flow, der den Film erzeugt

„Flow“ ist ein Begriff aus der Psychologie, das Flow-Konzept bezieht sich, kurz gesagt, auf das positive Erleben bei der Ausübung von Tätigkeiten. Flow ist das, was man empfindet, wenn man komplett in einer Tätigkeit aufgeht. Und genau das ist beim Lesen wichtig. Der Leser soll in der Geschichte und in seinem eigenen Film aufgehen.

(https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/klassenzimmer/welche-rolle-spielt-flow-bei-der-leselust-von-jugendlichen-17183026.html)

Die Zielgruppe und das Genre

An wen richtet sich der Film? Das bestimmt auch, was erzählt werden muss, damit der Film ablaufen kann. Einem Science-Fiction-Leser muss man nicht sagen, was eine Zeitreise ist. Einem Leser von Historienromanen nicht, wer Karl der Große war. Aber in einem historischen Roman um eine Schuhmacherin muss klar werden, wie damals Schuhe gefertigt wurden. Ein Roman, der in der U-Bahn gelesen werden kann, braucht klarere Bilder als ein literarischer Roman, den man am Wochenende liest.

Aber auch hier gilt: Bitte nicht mit der Stimme des Autors erzählen, sondern mit passender Erzählstimme, und „Show, don´t tell“ nicht vergessen.

Jede Leserin baut einen anderen Film

Das wird viele Autoren betrüben. Ein gutes Buch kann der Leserin nicht vorschreiben, wie ihr Film aussieht, den sie sich aufgrund der Geschichte aufbaut. Je nach individuellen Hintergründen, Erfahrungen und Lebensumständen drehen Leserinnen eigene Filme. Bücher, die ihnen die Sicht des Autors einhämmern wollen, die keinen Spielraum lassen, sind Puzzles, die die Autorin bereits zusammengesetzt hat, damit jeder Leser ihre Sicht übernimmt. Leider (oder Gott sei Dank) sind sie nicht spannender als ausgefüllte Kreuzworträtsel.

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Lektoratsbeispiele

Wollt ihr eure ersten vier Seiten kostenlos lektorieren lassen?

Dann schickt sie an Lektoratsbeispiele.de. In Zusammenarbeit mit dem Selfpublisher-Verband wird der Text von vielen unterschiedlichen Lektorinnen und Lektoren lektoriert, um zu zeigen, was Lektorat kann, wie es Texte verbessert und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es gibt.

Jeder, der möchte, kann seinen unveröffentlichten Romananfang einreichen, max. 7000 Anschläge. Aus den Einreichungen wird einer durch Zufallswahl bestimmt, das richtet sich nicht nach der Qualität der Texte. Die Lektorate und der Ursprungstext werden von http://www.lektoratbeispiele.de anonym veröffentlicht.

Die Texte bitte im Word-Format (DOC, DOCX, RTF) senden an:
texte@lektoratsbeispiele.de

Die Autorin bzw. der Autor des ausgewählten Textes erhält das Recht, alle Verbesserungsvorschläge, Änderungen und Anmerkungen für seinen Text zu verwenden. Im Gegenzug gibt sie oder er den teilnehmenden Lektorinnen und Lektoren das Recht, diesen Text samt Lektorat auf der Seite Lektoratsbeispiele.de und ihren eigenen Seiten zu veröffentlichen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmern entstehen keinerlei Kosten, sie erhalten auch keine Gelder für ihre Lektorate oder den lektorierten Text.

Hans Peter Roentgen
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Lektoratsbeispiele

12 Dinge über Dialoge, die Autoren wissen sollten

Dialoge können fesseln, aber auch langweilig sein. Hier finden Sie 12 Tipps, wie Sie spannende Dialoge schreiben können.

Ein Dialog ist ein Ping-Pong Spiel

Sie kennen Ping-Pong, auch Tischtennis genannt? Der Ball fliegt zwischen den Spielern hin und her, und je besser die Spieler, desto schneller der Ballwechsel.

So funktioniert auch ein guter Dialog. Die Sätze fliegen zwischen den Kontrahenten hin und her. Unnötige Erklärungen, langatmiges Formulieren führen dazu, dass der Dialog im Aus landet, sprich: Er wird nicht mehr gelesen.

Halten Sie sich das Ping-Pong-Spiel immer vor Augen, wenn Sie einen Dialog schreiben oder korrigieren. Sehen sie sich gute Dialogszenen im Film an, und lesen Sie solche.

Kurze Sätze, keine komplexe Grammatik

Es gibt Langweiler, die endlos reden. Aber wen interessiert das, was sie sagen? Spannende Dialoge haben kurze Sätze, kaum Nebensätze, meist nur Hauptsätze. Auch in der Realität spricht kaum jemand wie Thomas Mann. Es sei denn, es handelt sich um einen Philosophieprofessor, der seine Zuhörer langweilt.

Besser sind die Schmetterbälle, schnell hin und her, und beide Spieler wollen gewinnen. Auch im Dialog wollen die Sprecher gewinnen. Mit langsamen, hoch geschlagenen Bällen geht das nicht.

Konflikt, kein Small Talk

Small Talk ist im wahren Leben ungeheuer wichtig. Man versichert sich, dass man auf der gleichen Wellenlänge liegt, dass man sich schätzt, dass man höflich ist. Im Roman geht es jedoch nicht um Höflichkeit und auch nicht um politische Korrektheit.

 „Guten Tag!“

Hallo!“

Wie geht es dir?“

Gut. Und dir?“

Auch gut. Weißt du schon, die CoronaInfektionszahlen sind schon wieder gestiegen.“
„Ja, habe ich gerade gelesen. Finde ich furchtbar. Und du?“

Schrecklich.“

 Damit gewinnt man keine Leser und kein Ping-Pong-Spiel. Was unterscheidet die Ziele, die Weltsicht der Sprecher? Das liefert Ihnen die Chance, gute Matchbälle zu schlagen.

 „Die Coronazahlen sind …“

Du mit deinen Coronazahlen! Die sollten Corona einfach laufen lassen.“
„Und deine Oma soll dran sterben?“

Die ist sowieso schon halb tot und überlebt das Jahr nicht!“

 Nicht gerade angenehme Zeitgenossen, die hier sprechen. Aber angenehme Zeitgenossen machen keinen spannenden Roman. Warum sonst werden die Krimis mit fiesen Mördern haufenweise gelesen?

Jeder spricht anders

Jeder hat eine Herkunft, eine andere Ausbildung, individuelle Ziele und Wünsche. Und jeder Sprecher hat dementsprechend eine unverwechselbare Sprache. Beim BKA analysiert man Erpresserbriefe und andere Texte, um sie anhand der Sprache zuzuordnen. Mittlerweile gibt es eigene Sprachprofiler dafür.

Ein bedächtiger Mensch spricht anders als ein Draufgänger, ein Hauptschüler anders als ein Uni-Absolvent, ein Bayer anders als ein Uckermärker. Nutzen Sie das. Lassen Sie nicht alle in Ihrem Tonfall sprechen, dem Tonfall der Autorin. Verwandeln Sie sich in die Dialogpartner. Was sind das für Menschen? Wie würden sie reden? Schüchtern drum herumreden? Direkt und knapp? 

Zwischen den Zeilen findet sich das Wesentliche

Was für ein Mann ist Kapitän Renault?“, fragt die junge Bulgarin in Casablanca.

Wie jeder Mann, nur etwas mehr“, antwortet Rick.

 Das, was wichtig ist, wird hier nicht mit Worten gesagt, sondern ergibt sich aus dem Kontext. Er ist ständig hinter Frauen her, steht zwischen den Zeilen. Ein Schürzenjäger. Aber davon findet sich kein Wort im Text. Vieles im Dialog wird nicht ausgesprochen. Und dadurch wirkt es viel eindrücklicher. „Kapitän Renault ist ein Schürzenjäger und denkt immer an Sex“, das wäre sehr viel weniger spannend.

Du bist nicht Gott.“

An irgend jemand muss man sich doch ein Beispiel nehmen.“

 Dieser Dialog aus einem Woody-Allen-Film sagt auch nicht direkt in Worten, was gemeint ist. Der eine wirft dem anderen vor, dass er sich für unfehlbar hält, und der andere kontert. Vergleichen Sie das einmal mit dem folgenden Dialog: 

Du glaubst, du weißt alles besser. Mich nervt das immer, da kriege ich ein schlechtes Gefühl, wenn du mich ständig korrigierst.“

Da irrst du dich, ich will dich nicht korrigieren, ich weiß, dass man das im Gespräch nicht tun soll und beherzige diese Erkenntnis.“ 

Was würden Ihre Dialogsprecher auf gar keinen Fall direkt sagen? Und wie würden sie es umschreiben?

Sparsam mit Körpersprache

Gerne werden im Dialog Aktionen der Sprecher beschrieben, um den Dialog zu unterstreichen, und um Dinge anzuzeigen, die nicht im Dialogtext stehen. Das kann sehr wirkungsvoll sein, aber Sie sollten es mit Vorsicht einsetzen. Viel hilft auch hier nicht viel, weniger ist oft mehr.

Die Körpersprache sollte auch wirklich Bedeutung haben. Wenn sich der Sprecher zehnmal über die Glatze streicht, verpufft die Wirkung, und es bremst das Tempo.

Das geht schief.“ Der Finanzcontroller kratzte sich an der Nase.
„Wir haben dafür keine Kapazitäten“, sagte der Personalleiter und strich sich über die Glatze.
„Das Programm funktioniert noch nicht einwandfrei.“ Der Entwicklungschef fuhr sich übers Haar.

Wir führen es morgen auf der Messe vor“, bestimmte der Direktor und schaute ernst in die Runde.

Gerade das In-die-Runde-Schauen ist sehr beliebt, sagt aber wenig aus. Wählen Sie eine aussagekräftigere Körpersprache. 

Das geht schief.“ Der Finanzcontroller knackte mit den Knöcheln.
„Verdammt noch mal, wir haben dafür keine Kapazitäten!“, sagte der Personalleiter.
„Das Programm hat mehr Fehler als ein Straßenköter Flöhe“, sagte der Entwicklungsleiter.

Der Direktor nahm seine Brille ab und faltete sie sorgfältig auf dem Tisch zusammen. „Wir führen es morgen auf der Messe vor“, bestimmte er. 

Jetzt sind es nur noch zwei körpersprachliche Elemente, die dafür aber eindeutiger sind. Und ein Teil dessen, was im ersten Beispiel über Körpersprache ausgedrückt wird, steht jetzt im Dialogtext. Dass der Personalleiter und der Entwicklungschef gar nicht glücklich sind, ergibt sich aus dem, was sie sagen, da benötigt man keine Körpersprache. Und dass der Boss die Brille abnimmt und auf den Tisch legt, zeigt deutlich, dass das sein letztes Wort ist.

Sagte sie, sagte er“ – das reicht

Im Dialog wird oft der Sprecher genannt (sagte der Vater, rief der Bulle), in der Fachsprache heißen diese Hinweise „Inquits“.  Das sind formelhafte Elemente, um den Sprecher zu bezeichnen. Leserinnen nehmen sie als Formeln wahr, die festlegen, wer spricht. Deshalb müssen Sie sich nicht mühsam Synonyme suchen (flüsterte er, wisperte sie, antwortete er, grollte sie).

Sie können auch in einem langen Dialog bei „sagte sie / er“ bleiben. Weil das Formeln sind, stört die Wiederholung hier nicht.

Sparsam mit Inquits

Sie müssen nicht jeden Dialogabschnitt mit einem Inquit abschließen. Wenn klar ist, wer spricht, könnten Sie „sagte sie“ weglassen und nur manchmal erwähnen, wer der Sprecher ist. Der Dialog wird dadurch schneller und knapper. Hier ein Beispieldialog zwischen Mutter und pubertierendem Sohn. 

Du bleibst hier“, sagte seine Mutter.

Du hast mir nichts zu befehlen.“

Du willst dich nur zusaufen wie letzten Abend.“

Ich treff mich mit Freunden! Wir machen Hausaufgaben.“

Die garantiert viel Alkohol enthalten, möchte ich wetten.“ 

Hier ist immer klar, wer spricht. Das wird auch dadurch sichergestellt, dass Mutter und Sohn ganz unterschiedliche Ziele und Motive haben, also eine Verwechslung gar nicht möglich ist (siehe Punkt 4 oben).

Dreifach gemoppelt ist zweimal zu viel

Du Arschloch!“, schrie er wütend.

In diesem kurzen Abschnitt wird dreimal dasselbe gesagt, nämlich, dass der Sprecher wütend ist. Vertrauen Sie Ihren Lesern, sie werden automatisch begreifen, dass der Sprecher auf 180 ist. Es reicht „Du Arschloch!“. Gerade bei emotional aufgeladenen Szenen wirkt ein knapper Dialog besser, da er Tempo hat und die angespannte Situation besser erleben lässt.

Ein guter Dialog ist einer, in dem der Text bereits Stimmung und Emotion des Sprechers verrät. Aber wie immer gibt es Ausnahmen.

„Du Idiot“, sagte er lachend.

Da kann man auf das Adjektiv nicht verzichten, weil „Idiot“ hier keine Beleidigung ist, sondern eine Frotzelei unter Freunden.

Unvollständige Sätze

Woran erkennt man, dass zwei Menschen streiten? Nicht nur an der Lautstärke, sondern auch daran, dass sie einander nicht ausreden lassen. Und dass die Sätze kürzer werden, je emotionaler der Streit wird. Nehmen wir mal eine Meinungsverschiedenheit zwischen einem Mafiaboss und seinem Killer. 

Ich möchte keine Nonne erschießen, das geht gegen mein Gewissen“, sagte der Killer.

Joe, das ist keine Nonne, das ist Susan aus dem Nachtclub“, erwiderte der Boss. „Also tu deine Pflicht und drück ab.“

Ich werde in der Hölle landen deswegen und meine Mutter unglücklich machen.“
„Du hast so viele umgelegt, dann kannst du die jetzt auch töten.“

Aber Boss, das ist eine Nonne, und meine Mutter wollte immer, dass ich Nonnen ehre und beschütze, das steht auch im Beichtbrevier, das ich habe.“

Wenn du es beichtest, wird dir jede Schuld erlassen, so steht es im kanonischen Recht §47 über die Beichte und die Vergebung.“ 

Ganz klar, niemand würde in so einer Situation so reden. Erinnern Sie sich an das Ping-Pong-Spiel? Heftige Szenen benötigen ein schnelles Spiel. 

Ich kann keine Nonne …“

Das ist keine Nonne, das ist Susan.“

Aber das Habit …“

Drück endlich ab!“ 

Ach ja, das ist auch so ein Dialog, in dem Sie gar keine Inquit-Formeln benötigen. 

Dialekt im Dialog

Dialekt kann einen Sprecher identifizieren. Ein Bayer spricht anders ein Berliner. Und heute haben viele Gebildete jeden Dialekt abgelegt, auch das ist ein Kennzeichen.

Nur leider gibt es ein Problem: Wenn Sie jemanden richtiges Niederbayrisch reden lassen, werden sich alle Nicht-Bayern schwer tun, es zu verstehen. Sie müssen erst mal die Sprache übersetzen und können nicht der Geschichte folgen.

Verwenden Sie also nur einzelne Wörter oder Satzwendungen im Dialog, die den Leser daran erinnern: Das ist der Bayer, das der Berliner. Gerade grammatikalische Konstruktionen sind typisch für Dialekte.  

Das geht nicht, weil das ist verboten.“ (Umgangssprache)
„Das ist dem Chef sein Steckenpferd.“ (Ruhrgebiets-Genitiv)
 

Gleiches gilt, wenn Sie Menschen sprechen lassen, die eine andere Muttersprache haben und nur gebrochen Deutsch reden. Auch da sollte man nicht übertreiben. Und notfalls jemanden um Rat fragen, der den Dialekt sprechen kann oder Muttersprachler der fremden ist. Denn es ist nicht so einfach, einen Deutschtürken reden zu lassen, wenn man selbst gar kein Türkisch kann und nicht weiß, welche typischen Formulierungen jemand aus diesem Sprachkreis benutzt.

Und bitte, bitte, bleiben Sie dabei. Jemanden erst gebrochen Deutsch sprechen zu lassen, der dann in perfektem Hochdeutsch fortfährt, das fällt auf. Passiert übrigens immer wieder Erpressern, die ihre Briefe abfassen, als wären sie Türken, dann aber die Geldübergabe in perfektem Deutsch formulieren. Da freut sich der Sprachprofiler!

Dialoge testen

Lesen sie sich Ihre Texte laut vor. Sie werden erstaunt sein, wie viele Stolpersteine und unglückliche Formulierungen Sie dabei entdecken. Noch besser: Lassen Sie ihn sich von einem Freund vorlesen. Es gibt auch Sprechprogramme, die Texte vorlesen. Da diese keine Betonungen verwenden, fallen unglücklich formulierte Stellen dabei besonders auf.

Wenn Sie unsicher sind, testen Sie einfach mehrere Fassungen. Streichen Sie zum Beispiel auf einer Seite alle Inquits (sagte er, sagte sie), und legen Sie beide Seiten nebeneinander. Sie werden schnell sehen, welche Sie benötigen und welche nicht.

Die Methode funktioniert für alle Tipps, die ich genannt habe. Einen Tipp umsetzen und den Text überarbeiten – und dann beide Fassungen nebeneinanderlegen. Das schärft Ihr Bewusstsein dafür, was nötig ist und was nicht.

Wenn Sie noch nicht viel Erfahrung damit haben, Dialoge zu überarbeiten, dann ändern Sie nicht gleich alles, sondern nur eine Sache, damit deutlicher wird, wie diese Änderung wirkt. Und dann lesen Sie sich Ihren Text laut vor.

Und gerade habe ich ein faszinierendes Beispiel für Dialoge gesehen. Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ verfilmt von der BBC. Das Werk ist über 200 Jahre alt, aber Austen zeigt, wie man auch aus nichtssagenden Dialogen der besseren Gesellschaft Spannung herausholen kann, in dem man das, was nicht gesagt wird, hinter den Worten hervorscheinen lässt.

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Sieben Tipps für spannende Beschreibungen

Wie beschreibe ich Landschaften, Gebäude und Historie? Beschreibungen können tückisch sein, sie bremsen den Lesefluss. Lektorinnen streichen sie gerne. Aber sie sind notwendig, vor allem in Fantasy und historischen Romanen.

Ich möchte Ihnen hier ein paar Tricks verraten, wie Sie spannende Beschreibungen schreiben können, die Leser nicht überblättern.

1. Was wissen die Leser bereits?

Vermeiden Sie Beschreibungen, die den Leserinnen nichts Neues verraten.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Die Häuser sahen alle gleich aus, mit Balkons und kleinen Vorgärten und Garage. Sie hatten Dachfenster, um den Raum möglichst optimal auszunutzen, und der Garten dahinter hatte eine kleine Hütte für Werkzeug und eine Verandatür …“

Jeder kennt typische Vorortsiedlungen. Wenn Sie obiges Beispiel über eine halbe Seite ausdehnen, haben Sie gute Chancen, dass Leserinnen es überblättern. Oder, falls Sie viele solche Beschreibungen einbauen, dass sie das Buch zuklappen.

2. Mit den Gefühlen des Helden verbinden

Lassen Sie den Leser erleben, was der Protagonist fühlt. Was fällt ihm ein, wenn er den Ort sieht? Das beschreibt ihn viel nachdrücklicher als eine Aufzählung.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Eine typische Vorortsiedlung, die Häuser sahen alle gleich aus, und Kommissar Gronninger schauderte. Die nächste Kneipe war vermutlich zwei Kilometer entfernt und der Bus fuhr nur jede halbe Stunde. Wenn überhaupt.
Aber Killer John würde sich hier wohlfühlen. Er würde seinen Charme sprühen lassen, die Nachbarn würden ihn zu Grillpartys einladen, die Frauen über seine Witze lachen und die Männer ihn mit finsteren Blicken bedenken.“

3. Handlung beschreibt am besten

Statt einfach Elemente des Umfelds aufzuzählen, ist es viel wirkungsvoller, wenn der Ort aus der Handlung heraus beschrieben wird.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Vor dem Haus bremste Harry, und Kommissar Gronninger sprang aus dem Wagen, bevor er zum Stehen gekommen war. Er machte sich nicht die Mühe, das Gartentor zu öffnen, sondern setzte mit einem Sprung über den ortsüblichen Gartenzahn, rannte durch das Tulpenbeet, die Pistole in der Hand, und lockte so die Oma des Nachbarn ans Dachgeschossfenster, die laut keifend verkündete, sie würde die Polizei rufen, das sei hier eine ordentliche Siedlung und kein Problemviertel.“

4. Kein Lexikonartikel

Beschreibungen, die sich wie Lexikonartikel lesen und alles, aber auch alles aufzählen, sind ein sicheres Mittel, um Leserinnen zu vergraulen.

„Conan ging auf das Tor zu, der Wächter versperrte ihm den Zutritt mit gezückter Hellebarde. Die Hellebarden trugen die Wächter seit der Regierungszeit Alfons des XXI., der die Wache mit dem Privileg ausstattete, mit Schwert und Hellebarde auch im Schloss aufzutreten. Das Schloss wurde von dessen Urgroßvater Alfons dem XVIII. erbaut und der Großvater renovierte es im Tudorstil, was dem Vater Alfons dem XX. nicht gefiel, weshalb er den rechten Flügel abreißen ließ und dort einen Neubau im Remagostil erstellen ließ, der aber so teuer wurde, dass er die Steuern erhöhen musste, was zur ‚Steuerrevolte‘ führte, in der der Neubau abgefackelt wurde …“

5. Aktiv statt Passiv

Gerade Beschreibungen sollten aktiv sein. Also nicht: „Vor ihm befand sich ein Tulpenfeld, rechts ein Teich mit Seerosen, dahinter lag das Bauernhaus. Der Rauch wurde durch ein Feuer im Hof erzeugt und Holz schien von darum herumstehenden Männern ins Feuer geworfen zu werden.“

„befinden, liegen“ und ähnliche statische Verben sowie Passivkonstruktionen bremsen das Tempo. Besser sind Aktiv und aktive Verben.

„Das Tulpenfeld leuchtete in der Abendsonne, im Teich daneben eröffneten die Frösche ihr Konzert, und vor dem Bauernhof flackerte und qualmte ein Feuer, und zwei Männer warfen immer neue Scheite in die Flammen.“

6. Bedeutung erzählen

Einfache Aufzählungen vergisst der Leser schnell wieder. Deshalb ist es besser, wenn klar wird, warum bestimmte Dinge wichtig sind.

Sie galoppierten über die Ebene, der Fähnrich voran. Sie hielten auf eine Wiese mit Blaugras zu. Es wiegte sich im Winterwind, schillerte und leuchtete und war in Garminica überall anzutreffen.

Aber warum ist es wichtig, das in der Geschichte zu beschreiben?

Sie galoppierten über die Ebene, der Fähnrich voran. Plötzlich parierte er sein Pferd durch, das empört schnaubte. Die beiden Besucher hielten neben ihm an.

„Was ist?“, fragte Fred.

„Blaugras.“ Der Fähnrich zeigte nach vorne. Gras wiegte sich im Winterwind, aber es leuchtete nicht grün, sondern im schillernden Blau.

„Na und?“, sagte Fred

„Wir haben Winter. Im Winter kannst du dich damit rasieren, so scharf sind die Kanten. Wenn wir hineinreiten, zerschneidet es den Pferden Hufe und Beine.“

„Wir müssen zurück?“

Der Fähnrich nickte und riss sein Pferd herum.
Doch dann sahen sie am Horizont die Verfolger schnell näherkommen.

Hier hat das Blaugras eine Bedeutung für die Handlung bekommen. Dinge, die keine Bedeutung haben, sollte man in aller Regel streichen.

7. Wann Beschreibungen überarbeiten?

Wenn Sie Ihre Erstfassung geschrieben haben, ist es immer eine gute Idee, die Beschreibungen in Ihrem Werk zu kontrollieren. Welche sind langatmig, welche passiv, welche sind für den Roman irrelevant und damit überflüssig?

Andreas Eschbach schreibt immer wieder Bücher, die ausführliche Schilderungen enthalten. Zum Beispiel „Der Nobelpreis“. Er beschreibt die Zeremonie der Verleihung, die Wahl der Preisträger und vieles mehr über den Nobelpreis. Trotzdem ist es nicht langweilig, denn seine Schilderungen sind aktiv („Dann betritt der König den Saal“) und behandeln detailliert etwas, was die meisten Leserinnen so nicht wissen, was aber alle interessiert.

Wer wissen möchte, wie man Ereignisse, Zeremonien und Beschreibungen baut, die die Leser fesseln, statt zu langweilen, sollte dieses Buch lesen.

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Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

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Sieben Tipps für spannende Beschreibungen

Exposés kann man polieren wie kleine Juwelen

Astrid Ule lektoriert Romane und arbeitet mit Autorinnen und Autoren an Romankonzepten, als Coach und als Dozentin in der Autorenschule “Schreibhain”. Und sie schreibt selbst Bücher zusammen mit Eric Hansen, zuletzt »Wassertöchter«.

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du?

Astrid Ule: U-Literatur jeden Levels sowie populäre Sachbücher. Angefangen habe ich mit historischen Romanen. Das waren meist Wissenschaftler, Historiker, die mit dem Roman ihren ersten fiktionalen Text verfasst haben. Das war in mehrfacher Hinsicht spannend, weil ich sehr viel von ihnen gelernt habe. Vor allem, dass ich besonders gerne mit Debütautoren arbeite, was nicht jeder Lektor von sich behauptet … Das tue ich immer noch, heute lektoriere ich für meine Studenten und Studentinnen in der Schreibschule, für Privatpersonen sowie für Verlage und Selfpublisher.

HPR: Welche Eigenschaften sind deiner Meinung nach besonders wichtig, um Texte zu lektorieren?

AU:Geduld, Beharrlichkeit, Einfühlungsvermögen, Zuverlässigkeit, Offenheit, unendliche Neugier, ein Interesse an Dramaturgie, Rhythmus, Spannung, Lust an Geschichten. Keine Angst vorm Kürzen! Diplomatie ist genauso wichtig wie die Fähigkeit, gute Lösungen zu finden, die nicht auf Kompromissen fußen, die die Story schwächen. Und die Gabe, Drama von Melodrama zu unterscheiden ;-).

HPR: Wie sieht der typische Ablauf deines Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

AU: Als erstes bespreche ich mich mit dir über deine Ziele: möchtest du den Text bei einem Agenten/Verlag einreichen oder selfpublishen oder ist es ein längeres Projekt, das einen frischen Blick braucht? Bei Bedarf stelle ich inhaltliche Fragen und gebe Rückmeldung, wie viel Arbeit der Text meiner Meinung nach braucht, ob es noch Dramaturgisches zu klären gibt zum Beispiel. So kann ich den Arbeitsaufwand und du den Preis abschätzen. Wenn du dein “Go” gibst, lektoriere ich den Text, markiere meine Vorschläge und schreibe ggfs. erläuternde Kommentare dazu. Das Manuskript geht dann so lange hin und her, bis der Auftraggeber (Autorin oder Verlag) damit glücklich ist.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

AU: Alles ist möglich. Exposés lektorieren ist meine Spezialität, ich liebe das. Das Exposé ist ein wunderbares Werkzeug, um seinen eigenen Text besser kennenzulernen und seine Schwachstellen zu finden, es funktioniert wie eine Lupe. Bei der Autoren-Ausbildung im Schreibhain gehört es als Dozentin zu meinen Aufgaben, die Exposés und Leseproben der Abschlussklassen zu lektorieren. Exposés funktionieren anders, da läuft bei mir viel über das Gespräch, weil ich das Herz der Geschichte finden und fassen will. Exposés kann man polieren wie kleine Juwelen. Manuskripte dagegen sind längere, intensivere Unternehmungen, die umso mehr Spaß machen, je mehr sie ihren eigenen Rhythmus entwickeln. Bei Klappentexten helfe ich auch, da kommt mir meine Werbeerfahrung zugute. Willst du ein Gutachten von mir, brauche ich zuerst eine Zusammenfassung, worum es in deinem Projekt geht und wo du damit hinwillst.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe eines Lektorats?

AU: Das Anliegen des Autors herauszukitzeln, und zwar so formuliert, dass es auch jemand völlig Fremdes versteht (und nicht nur der Autor im eigenen Kopf). Also für Verständlichkeit sorgen – ohne etwas überzustülpen. Und dieser völlig fremde Leser muss dann auch noch davon gepackt werden. Das mit dem Packen funktioniert über den Rhythmus, der den Lesefluss erzeugt, und Rhythmus hat oft mit Kürzen zu tun. All das muss ich Autor und Autorin nahelegen, ohne sie um den Verstand zu bringen …

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

AU: Da ich viel mit Debütanten arbeite, sind viele der Probleme, die mir unterkommen, “Erste-Fassung-Fehler”. Das heißt, sie lassen sich vermeiden, wenn man den Text öfter überarbeitet und nicht gleich mit einer frühen Fassung perfekt sein will. Unfreiwillige Wiederholungen, Schachtelsätze und Logikfehler zum Beispiel zeigen sich oft erst dann, wenn man sich den Text nach einer Pause wieder vorknöpft.

Oder zähe Passagen, die sich schleppen und ziehen: die lassen sich gut durch Vorlesen enttarnen. Da kann man sie nicht mehr leugnen. Manchmal schreibt man ja Dinge auf eine Art und Weise, die einen insgeheim selbst langweilt und hofft, dass das sonst niemandem auffällt. Die bittere Wahrheit: es fällt leider jedem sofort auf.

Auch Dinge länger im Unklaren zu lassen, ist ein gern gemachter Fehler. Das erzeugt aber keine mysteriöse Spannung, sondern Verwirrung. Selbst wenn man dem Leser nicht alles verrät, der Autor muss grundsätzlich wissen, was wann wo passiert. Wenn man da zeitlich oder örtlich zu vieles über Gebühr biegt, schwächt das die Struktur ungemein. Da braucht es irgendwann Ehrlichkeit gegenüber sich selbst – und zur Not eine handfeste Timeline. Im Krimi geht es gar nicht ohne.

HPR: Auf deiner Homepage bietest du auch Werbetexte an. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da? Textest du auch Klappentexte?

AU: Klappentexte, Radiospots, Kampagnen, Tourismusbroschüren, Geschäftsberichte … Das habe ich eine Weile sehr intensiv gemacht, mittlerweile steht es allerdings im Hintergrund.

HPR: Bietest du auch Coaching an?

AU: Ja, das wird immer mehr. Ob telefonisch, digital oder persönlich. Ein Aspekt meiner Arbeit, den ich sehr mag! Mit den Autoren bespreche ich Exposés, entwickle Romankonzepte, helfe, wenn das Manuskript stockt, und mache ihre Stoffe marktreif. Das Schöne daran ist, ich kann so eng mit ihnen arbeiten wie eine klassische Verlagslektorin (auch ohne Verlag), und das kommt den Texten wirklich zugute. Andererseits besteht keine Verpflichtung: der Autor bzw. die Autorin bestimmt, wie lange und wie weit ich mich als freier Lektor mit dem Text befassen soll. Man kann mich für eine Stunde buchen oder ich begleite, bis ein Buch fertig ist.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

AU: Haha, nein! Es kommt ja vor, dass ich was falsch verstehe und einen unpassenden Lösungsvorschlag mache. Dann hilft meine Anmerkung der Autorin aber, das verständlicher zu formulieren. Anderes ist schlicht Geschmackssache, da kann ich zwar sagen, das klingt komisch, aber wenn der Autor das nicht findet und es ist auch nicht sachlich oder grammatisch falsch, dann hat er das letzte Wort. Hat er ja sowieso. Wenn ein Änderungsvorschlag nicht übernommen wird, weiß ich aber immer gern wieso. So kommt man Absichten auf die Spur, die einfach missverständlich ausgeführt wurden, und findet eine für alle zufriedenstellende Lösung. Daher geht ein Text bei mir auch mal öfter hin und her, bis solche Zweifelsfälle geklärt sind.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

AU: Da ich immer noch viel mit Debütautoren arbeite, ist der Prozentsatz recht hoch 😉 … ich tippe mal auf irgendwas an die 80 %. Viele übernehmen noch mehr.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

AU: Erstmal suche ich das Gespräch und zwar ganz konkret am jeweiligen Beispiel: Warum nicht? Was würde er oder sie stattdessen vorschlagen?

Wenn ich im Auftrag eines Verlages lektoriere, muss ich manchmal strenger sein (z.B. was den Umfang betrifft, der Kalkulation wegen), aber zugleich darf man nicht vergessen: der Autor hat das letzte Wort gegenüber dem Verlag.

Wenn ich privat lektoriere, ist das lockerer, da der Autor der Auftraggeber ist. Allerdings habe ich so eine Ablehnung rundweg noch nie erlebt. Weil man eigentlich über den ganzen Prozess hinweg im Gespräch bleibt. Eher fühlt sich ein Autor oder eine Autorin mal missverstanden, und dann muss das geklärt werden. Wenn ich ein Problem anmerke, lege ich manchmal den Finger in eine Wunde, und da kann auch erst ein Aufschrei kommen, bevor man über die Sache selbst redet. Ich verstehe das, ich bin ja selbst Autorin. Allerdings geht ein Problem nicht davon weg, dass man sagt, ich mag das nicht hören, eine Lösung muss man trotzdem finden. Ich schaue dann mit dem Autor gemeinsam nach einem neuen Weg.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

AU: Ein einziges Mal, das war ein Autor aus dem Ausland, mit dem es sprachliche Differenzen gab, was deutsche Rechtschreibung und Redewendungen anging. Das hat dann der Verlagslektor übernommen.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

AU: Ich gucke mir einen Stoff an, und wenn ich merke, zum Lektorieren ist es noch zu früh, biete ich ein Gutachten an. In dem gebe ich Empfehlungen, wie ich am Text weiterarbeiten würde. Wenn das funktioniert, kann man gucken, ob anschließend ein Stoffentwicklungs-Coaching das Richtige ist.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

AU: Das gehört alles dazu (wobei ich kein Endkorrektor bin). Aber von der Vorgehensweise halte ich es eher wie der olle Maxwell Perkins. Ich prüfe zuerst den Grundaufbau, die dramatische Struktur, den Rhythmus, die Perspektive, schlage Kürzungen oder Umstellungen vor, weise auf fehlende Informationen oder Widersprüche hin, alles im Dienste von Verständnis, Spannung und Lesefluss. Erst dann geht es an Feinheiten wie Stil und Grammatik.

HPR: Kannst du das an einem Beispiel ausführen?

AU: Wenn zum Beispiel in einem Manuskript der Stil ganz fantastisch ist, aber die Grundstruktur der Geschichte einen logischen Fehler hat, dann setze ich zuerst an der Grundstruktur an. Der können dann auch stilvolle Passagen zum Opfer fallen, wenn’s sein muss.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

AU: Wenn ich fertige Manuskripte lektoriere, gehe ich nach Normseiten. Die Höhe richtet sich nach dem Aufwand – ist es ein dramaturgisches oder “nur” ein stilistisches Lektorat? Wie viele Durchgänge gibt es? Mit Verlagen verhandle ich meist eine Pauschale.

Für Exposé-Arbeit und Text-Coaching dagegen berechne ich einen Stundensatz. Ich lese und bereite den Text vor und bespreche ihn danach mit der Autorin so ein bis zwei Stunden. Hierfür nehme ich 75 Euro die Stunde, sieht man sich öfter, wird’s günstiger. Wie häufig man sich trifft, bestimmt der Autor. Je nachdem, wie er mich braucht, oder natürlich auch auf Deadlines hin.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

AU: Wenn ich so ein fertiges Manuskript vom Verlag zum Lektorieren bekomme, setze ich dafür (+-) einen Monat Arbeit an.

HPR: Muss deiner Meinung nach ein Lektor selbst erfolgreich Bücher veröffentlicht haben?

AU: Also mir wäre lieber, wenn er schon mal erfolgreich lektoriert hat! Ein guter Lektor muss kein Autor sein. Ich erwarte ja auch nicht von einem Autor, dass er schon mal lektoriert hat. Es reicht, wenn beide sich gegenseitig als Profis behandeln.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektor geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

AU: Ich habe für Fernsehen, Film, Presse und Werbung geschrieben (in der Reihenfolge), bevor ich Romanautorin wurde. Daneben war ich immer wieder für TV-Redaktionen tätig und habe für Verlage lektoriert: erst Manuskriptgutachten für den Siedler-Verlag, dann Lektorate für den Philipp von Zabern-Verlag, dann die Sachbücher von Eric Hansen, heute unter anderem als Dozentin bei Schreibhain.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

AU: Aktuell das “Lügenmeer” von Susanne Kliem (Bertelsmann), wo ich beim Exposé helfen durfte.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

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Exposés kann man polieren wie kleine Juwelen

Müssen Romanfiguren sympathisch sein?

Protagonisten sollten sympathisch sein, das wird oft gefordert und findet sich auch in vielen Schreibratgebern.

Ich bezweifle das. Sie müssen faszinieren. Der nette Nachbar von nebenan taugt selten zum guten Protagonisten.

Jeder kennt Hannibal Lecter, Graf Dracula und Frankenstein. Aber wie hießen nochmal die freundlichen Protagonisten? So gut wie alle assoziieren unter »Frankenstein« das Monster, dabei ist das der Name des Protagonisten.

»Vom Winde verweht« mag rassistisch sein. Die Protagonistin Scarlett ist nicht gerade die nette Frau von nebenan. Stellt dem Mann ihrer besten Freundin nach, heiratet jemanden wegen 300 Dollar, ist knallharte und eiskalte Geschäftsfrau, heiratet einen Anderen, der sie liebt und lässt ihn am langen Arm verhungern. Trotzdem fasziniert Scarlett die Leser.

Ja, alle Leser wünschen sich sympathische Protagonisten. Aber Autoren müssen nicht Leserwünsche erfüllen, sondern sollten Leser fesseln.

Und das gelingt oft besser dadurch, dass man Leserwünsche nicht erfüllt.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Kneipe und kommen dort in ein Gespräch mit einem schrägen Typen. Kein Neonazi, doch politisch korrekt ist das auch nicht, was er erzählt. Aber interessant. Und vielleicht beunruhigend? So dass Sie auf dem Nachhauseweg darauf achten, dass Ihnen niemand folgt?

Vergessen werden Sie das Gespräch nicht. Das sind Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Und darum geht es in Geschichten. Um lebendige Figuren, die dem Leser imponieren.

Natürlich wollen alle Leser, dass Romeo und Julia zusammenkommen. Shakespeare hat den Leserwunsch nicht erfüllt. Deshalb wurde das Stück zum Hit. Und George R. R. Martin lässt eine ganze Phalanx von Figuren auftreten, die man lieber nicht in der Nachbarschaft haben möchte. Damit möchte ich nicht sagen, dass Figuren unsympathisch sein sollten. Aber imponieren, leben müssen sie.

Wenn sich Leser darüber beklagen, dass Protagonisten nicht sympathisch sind, hat das oft eine andere Ursache: Die Figuren sind nicht rund. Sprich: Sie sind blass, bleiben nicht im Gedächtnis.

»Ich bin auch der Ansicht, dass sympathisch keine wesentliche Eigenschaft für Hauptfiguren ist, schon gar nicht nett«, sagte der Bestseller Autor Andreas Eschbach im Montsegur-Forum.

Und die Autorin Christa S. Lotz (Die Köchin und der Kardinal, Tod am schwarzen Fluss und andere) schrieb im gleichen Forum: »Den Mörder Grenouille (das Parfüm) begleitet man fieberhaft bei seinen grauenhaften Morden. Sympathisch ist er weiß Gott nicht, und doch will man unbedingt wissen, ob er seinen Häschern entkommen wird. Auch in dem Buch Ein untadeliger Mann, das ich gerade mit Begeisterung gelesen habe, enthüllen sich im Lauf der Zeit immer tadelnswertere Dinge bis zum Schlimmsten, ohne dass ich in einer Rezension jemals schreiben würde: Der ist aber unsympathisch! Ich glaube, zwei Dinge sind dazu nötig (neben einer gut geschriebenen Geschichte): Der Protagonist möchte etwas unbedingt erreichen, und ich als Leserin will unbedingt wissen, ob er es schafft – eine lebenslange und/oder starke Leidenschaft wie auch bei dem alten Mann und dem Meer.

Dann muss ich das Verhalten verstehen können, also wissen, warum derjenige so handelt. Dann kann einer auch im Nachhinein schlecht dastehen, ohne dass man es ihm übel nimmt.«

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Was dem Lektorat auffällt
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Müssen Romanfiguren sympathisch sein?

Was braucht es, damit die Botschaft ihr Ziel erreicht?

Silja von Rauchhaupt lektoriert Marketingtexte und Sachbücher und berät Selfpublisherinnen bei ihren Buchkonzepten, Klappentexten und Recherchen. Und sie ist stellvertretende Vorsitzende des Verbandes freier Lektorinnen und Lektoren (vfll).

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

Silja von Rauchhaupt: Als Lektorin bearbeite ich vorwiegend Sachbücher und Marketingtexte. Bevor ich anfange zu lektorieren, ermittle ich erst einmal den Bedarf meines Kunden, zum Beispiel: Für welchen Zweck ist das Buch oder der Text geschrieben? Wer ist die Zielgruppe? Was braucht es, damit die Botschaft ihr Ziel erreicht? Was wünscht sich der Autor oder die Marketingabteilung vom Ergebnis? Je nachdem, wie die Fragen beantwortet werden und wie der Ausgangstext beschaffen ist, geht es dann mehr um strukturelle Arbeit oder sprachliches Feilen, um die Anpassung des Stils, des Tons oder auch um das Einbauen von didaktischen Elementen wie Übungen, Kernsätze und dergleichen. Wie der Arbeitsprozess ist, richtet sich ebenfalls nach dem Kunden und dem jeweiligen Projekt.

HPR: Welche Eigenschaften sind deiner Meinung besonders wichtig, um Texte zu lektorieren?

SvR: Eine fundierte Sprachkenntnis ist Grundvoraussetzung. Und damit meine ich nicht nur Orthografie, sondern auch stilistisches Know-how. In Bereich Sachbuch sind Kenntnisse über Leseverhalten, über Didaktik und die jeweilige Zielgruppe sehr hilfreich. Wichtig ist auch ein Sinn für logische Argumentation und Struktur.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf deines Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

SvR: Ich würde aufgrund deines Textes mit dir das Konzept für ein Lektorat besprechen. Nach einer genauen Bedarfsermittlung würde ich dir dann ein passendes Angebot zuschicken. Angenommen du nimmst das Angebot an, klären wir noch Details zum Arbeitsprozess. Dann würde meine eigentliche Arbeit, das Lektorieren, beginnen. Haben wir nur einen Durchgang ausgemacht, schicke ich dir deinen Text mit meinen Kommentaren und/oder Vorschlägen im Änderungsmodus zu. Ist ein zweiter Durchgang Teil meines Angebots, sehe ich den Text nach deiner Bearbeitung noch einmal durch. Ein zweiter Durchgang ist meist zu empfehlen, denn beim Überarbeiten von Texten schleichen sich schnell Ungereimtheiten ein. In manchen Fällen empfehle ich auch ein externes Schlusskorrektorat.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

SvR: Manuskriptgutachten für Verlage gehören nicht zu meinem Angebot. Im Rahmen einer Autorenberatung biete ich auch Hilfe bei Exposés an. Das kommt aber relativ selten vor. Häufig kommt es dagegen vor, dass ich Klappentexte, Autorentexte und Werbetexte für meine Kunden schreibe.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe eines Lektorats?

SvR: Mir ist es wichtig, meine Kunden dabei zu unterstützen, in ihren Vorhaben erfolgreich zu sein. Als Lektorin helfe ich dabei, Texte zu strukturieren und sprachlich zu feilen, bis sie das erreichen, was sie erreichen sollen. Die Zufriedenheit und der Erfolg meiner Kunden ist für mich das wichtigste Ergebnis.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

SvR: Du meinst konkrete Beispiele sprachlicher Art? Jeder Text ist anders, jedes Projekt ist anders, aber natürlich gibt es Herausforderungen, die immer wieder in anderer Form auftreten. In Sachtexten begegnet mir häufig der berühmte Bandwurmsatz, Schachtelsatz oder Klammersatz. Meine Techniken, solche Sätze auf elegante Weise gut lesbar zu machen, wachsen kontinuierlich an und funktionieren teilweise schon fast automatisch. In Marketingtexten dagegen stelle ich mich immer wieder den Adjektiven. Adjektive, vor allem gehäuft verwendet, können jeden noch so starken Satz schwächen. Hier ist Streichen oft die beste Lösung.

HPR: Auf deiner Homepage bietest du auch Beratung von Selfpublishern an. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

SvR: Das ist sehr unterschiedlich. Der Prozess eines Buches ist komplex und es gibt verschiedene Hürden, die zu bewältigen sind. Die einen suchen eine Schreibberatung, weil sie gerade feststecken. In diesem Fall biete ich ein individuelles Schreibcoaching an, das auf motivierende Weise Strategien vermittelt, um die Schreibkrise zu überwinden. Es kann aber auch darum gehen, wie das Buch am besten veröffentlicht werden soll. Dann zeige ich Möglichkeiten auf und helfe, den richtigen Weg zu finden. Anderen stehe ich bei der Bildrecherche zu Seite oder bei der Suche nach einem Layout für das Cover oder den Buchsatz.

HPR: Du bietest auch Lektorat von Klappentexten an, wie läuft das ab?

SvR: Lektorat von Klappentexten biete ich an, häufiger ist aber, dass ich damit beauftragt werde, welche zu schreiben. In diesem Fall mache ich nach einer Bedarfsanalyse einen Textvorschlag, den ich nach den Wünschen des Autors oder der Autorin abändere, bis das Ergebnis rund ist und auch den Anforderungen an einem Klappentext entspricht. Es geht ja nicht um ein paar nette Zeilen, sondern um einen verkaufsfördernden Marketingtext, der auch die richtigen Schlagworte enthält, damit das Buch gefunden wird.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

SvR: Meine Einstellung dabei ist ganz einfach: Mein Kunde entscheidet, es ist sein Buch. Wenn er mit einem Vorschlag nicht einverstanden ist, kann ich sehr gut damit leben.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

SvR: Ich führe keine Statistik dazu, das wäre aber sicher interessant. Für mich zählt, dass meine Kunden mit meiner Arbeit zufrieden sind und mit meinen Vorschlägen grundsätzlich etwas anfangen können. Bisher habe ich immer gutes Feedback bekommen und ich hoffe auch, dass das so bleibt. Wenn genau abgesprochen wurde, wie die Bearbeitung aussehen soll, also eine eingehende Bedarfsanalyse stattgefunden hat, ist es unwahrscheinlich, dass die Bearbeitung völlig verfehlt ist.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

SvR: Wie gesagt, das ist für mich kein Problem, solange der Kunde insgesamt etwas mit meiner Bearbeitung anfangen kann. Vorschläge sind dazu gedacht, entweder angenommen oder abgelehnt zu werden. Manchmal ergeben sich auch gute Gespräche darüber, wie man eine Stelle verbessern kann, und wir kommen gemeinsam auf eine noch bessere Lösung.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

SvR: Du meinst, wenn einem Kunden ein Vorschlag nicht gefällt? Dann passiert gar nichts, dann wird es eben anders gemacht, als ich es vorgeschlagen habe und das ist gut so. Wenn im Laufe der Bearbeitung irgendwelche Probleme auftauchen, ist es wichtig, es direkt anzusprechen. Das gilt nicht nur für die Kundenbeziehung, sondern für jede Beziehung, finde ich.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

SvR: Wenn ich in der Bedarfsermittlung, also in den ersten Gesprächen und bei der ersten Sichtung des Textes – feststelle, dassein sehr hoher Arbeitsaufwand nötig wäre, um den Text den Erwartungen gemäß zu bearbeiten, sage ich dem Interessenten, mit welchen Kosten das verbunden ist. Ich kläre ihn darüber auf, dass es günstiger wäre, den Text selber noch einmal gut zu überarbeiten. Gerne gebe ich auch Tipps dazu. Manche Texte sind einfach noch nicht so weit, dass sie ins Lektorat können. Gänzlich unprofessionell geschriebene Texte bekomme ich selten angeboten.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

SvR: Ja, das ist ein wichtiges Thema. Im Unternehmensbereich und als Texterin lege ich meinen Kalkulationen die Arbeitsstunde zugrunde. Für Lektorate im Bereich Buch ist es oft auch die Manuskriptnormseite oder Standardseite, allerdings habe ich auch hier die Arbeitsstunde im Kopf. Es geht also immer darum, wie arbeitsintensiv das Projekt ist und wie viel Zeit die Bearbeitung kostet.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

SvR: Das ist sehr unterschiedlich und reicht von 50 Arbeitsstunden bis zu weit über 100 – je nach dem, was zu tun ist.

HPR: Muss deiner Meinung nach ein Lektor selbst erfolgreich Bücher veröffentlicht haben?

SvR: Ich arbeite als Texterin und habe auch als freie Journalistin gearbeitet. Ein Buch habe ich im Auftrag eines Kunden selbst verfasst, andere habe ich im Rahmen meines Angebots „Lektorat PLUS“ teilweise selbst geschrieben. Durch diese Erfahrungen kann ich mich gut in meine Autorinnen und Autoren hineinversetzen und Lösungsmöglichkeiten für Herausforderungen beim Schreiben und Veröffentlichen aufzeigen.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektor geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

SvR: Ich habe Literaturwissenschaft mit dem Ziel studiert, Lektorin zu werden. Im Laufe meines Studiums hatte ich auch Jobs in Verlagen, doch dann entdeckte ich die Fotografie. Sie begeisterte mich dermaßen, dass ich nach meinem Abschluss eine Stelle in der Bildagentur Getty Images annahm, zunächst als Bilddokumentarin, dann als Abteilungsleiterin. Nach einer Familienphase habe ich dann meinen alten Traum verwirklicht, als Lektorin zu arbeiten: erst für einen medizinischen Fachverlag, dann für mehrere Auftraggeber. Inzwischen ist Wirtschaft und Business ein weiterer, wichtiger Themenschwerpunkt geworden. Dazu arbeite ich als Texterin für Unternehmen.

HPR: Welche mittlerweile veröffentlichten Texte aus deinen Lektoraten würdest du besonders empfehlen?

SvR: Für Unternehmen interessant ist sicherlich das Buch über Intranets von Martin Seibert. Es steckt voller Insiderwissen und wertvoller Ratschläge: Das Social Intranet. https://www.amazon.de/dp/B087HNV9GS/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&dchild=1&keywords=Martin+Seibert&qid=1587986008&sr=8-2 Wer Goethe liebt, den wird sicher Dietlinde Küppers intelligentes und unterhaltsames Buch Goethes Verhältnis zur Musik begeistern: https://tredition.de/autoren/dietlinde-kuepper-28611/goethes-verhaeltnis-zur-musik-hardcover-121165/. Für ein breites Publikum empfehle ich das berührende Buch der Palliativschwester Ivana Seger über ihren Therapiehund Emma: Emma hilft.https://www.emmahilft.de/

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

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Was braucht es, damit die Botschaft ihr Ziel erreicht?

Es geht um Analyse, den Blick von außen und ums Motivieren-Können

Andrea Weil ist Diplomjournalistin, Romanautorin und lektoriert Autorinnen und Autoren.

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

Andrea Weil: Meine Kund*innen kommen mit den unterschiedlichsten Projekten zu mir, von Romanze über High Fantasy und Science Fiction, Thriller, Drama und Regionalkrimi bis hin zu Graphic Novels, Autobiographien, Essays zur deutschen Geschichte, populärwissenschaftliche Sachbücher über Wölfe und Ratgeber zur Hühnerzucht. Einmal habe ich Vereinsvertretern wohl eine Klagewelle erspart, weil ihr Manuskript über ihren Kampf um die Wiederbelebung einer historisch wertvollen Eisenbahntrasse zu einem guten Teil aus Zitaten aus Korrespondenzen mit Politikern und Firmen bestand. Zwar bin ich keine Medienrechtsanwältin, aber im Journalistik-Studium haben wir uns ausführlich mit dem Urheber-, Zitat- und Recht am eigenen Wort auseinander gesetzt. Mein Service beginnt also bereits bei der ersten Beurteilung des Manuskripts und eventueller Fallstricke, die bei der Veröffentlichung auftauchen können. Im Lektorat decke ich ausgelutschte oder gar schädliche Klischees auf, berücksichtige den Spannungsbogen, die Charaktere und ihre Entwicklung, allgemeine Logik, Weltenbau, ob die Sprache der Zielgruppe und dem Charakter angemessen ist, ob eine Szene ihre volle und vor allem beabsichtigte Wirkung entfaltet, schaue nach Kürzungspotential, streiche Füllwörter und Wortdopplungen. Ich achte auch auf Rechtschreibung und Grammatik, aber das ist nicht mein Hauptfokus, dafür gibt es Korrektor*innen.

HPR: Welche Eigenschaften sind deiner Meinung besonders wichtig, um Texte zu lektorieren?

AW:Einfühlungsvermögen. Schreiben ist meist etwas sehr Persönliches, die Leute geben viel Herzblut hinein. Ich versuche, in meiner Kritik ebenso behutsam, wertschätzend und konstruktiv zu sein wie gnadenlos. Als Lektorin bin ich nicht die Feindin der Autor*in, sondern wie ein Coach: Es geht darum, das volle Potential des Textes herauszuarbeiten, die beste Version in der individuellen Erzählstimme der Autor*in. Wer anderen seinen eigenen Stil aufdrücken will, ist in dem Beruf fehl am Platze. Obwohl es natürlich Regeln und Schreibtipps gibt, wie man welche Wirkung erzielen kann. Wenn meine Protagonistin gerade am Boden liegt und ein Messer am Hals hat, ist keine Zeit für ellenlange Schachtelsätze mit philosophischen Betrachtungen, die jegliche Spannung zerstören. Das muss ich dann meine*r Kund*in einleuchtend vermitteln, Überzeugungsarbeit leisten. Ein paar pädagogische Fähigkeiten zu haben, schadet also auch nicht.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf deines Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

AW: Zunächst werde ich mir den Text ansehen, bewerten, was daran zu tun ist, und das mit dir absprechen. Denn es spielt ja auch eine Rolle, was du mit dem Manuskript vorhast: ins Selfpublishing gehen oder erstmal „nur“ einen Verlag überzeugen, der ja noch seine einen Lektor*innen darauf loslassen wird. Je nach Budget und Qualität des Textes gibt es verschiedene Vorgehensweisen. Die größte Entscheidung liegt darin, ob wir ein oder zwei Durchgänge machen. Ein „All in one“-Lektorat berücksichtigt sowohl inhaltliche als auch stilistische Kriterien und ist insgesamt günstiger. Allerdings hat er den Nachteil, dass es nach der Überarbeitung am Ende keine „Erfolgskontrolle“ gibt. Zwei Durchgänge sind meist angemessener. Im inhaltlichen schreibe ich im (digitalen) Dokument sehr viele Kommentare an die Seite, stelle Fragen, ob das so beabsichtigt war, gebe Ratschläge, was besser passen könnte, und kürze auch schon mal. Dann überarbeitest du das Ganze nach meinen Ratschlägen und im zweiten Durchgang schaue ich mir an, ob die Stellen, die beim Lesen Probleme bereitet haben, verschwunden sind, und nehme ich mir ansonsten vor allem Stil und Sprache vor, bin also mehr im Text selbst unterwegs mit der Änderungen-nachverfolgen-Funktion. Ich bin allerdings kein Ghostwriter, ich schreibe nicht großflächig um, sondern weise darauf hin, wo es z.B. Wortdopplungen gibt oder ein Begriff missverständlich ist oder der Anschluss nicht passt. Ich mache Vorschläge, aber überarbeiten muss die Autor*in selbst. Am liebsten bearbeite ich die kompletten Manuskripte, aber wenn die Zeit drängt, schicke ich wochenweise „Häppchen“ zurück, damit die Kund*in schon mal mit dem Überarbeiten anfangen kann. Wenn am Ende noch Fragen offen bleiben, klären wir die am Telefon oder per Mail.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

AW: Ja, ich helfe beim Verfassen von Klappentexten und Exposés, aber auch hier gilt: Schreiben muss erstmal die Autor*in selbst. Wer merkt, dass es ihm schwer fällt, eine Inhaltsangabe zu verfassen, hat oft auch im Manuskript Probleme mit dem Roten Faden. Manuskriptbeurteilungen mache ich ebenfalls mit Checklisten zum eigenständigen Überarbeiten, das ist beispielsweise sinnvoll für Leute, die Verlag oder Agentur suchen und noch kein komplett lektoriertes Manuskript brauchen. Ich habe auch schon Auror*innen beim Schreiben selbst begleitet, über Jahre hinweg immer abschnittsweise den Fortschritt besprochen, bis das Manuskript schließlich fertig war. Wer also einfach eine Idee hat, aber keine Ahnung, wie anfangen, kann genauso zu mir kommen.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe eines Lektorats?

AW: Es geht darum, dem oder der Autor*in zu helfen, ihre bestmöglichste Geschichte zu erschaffen. Dabei habe ich immer die Leserschaft im Hinterkopf, die Zielgruppe, die es verstehen muss und auf die es wirken soll, sie zum Lachen oder Weinen bringen, ihr Spaß machen und sie berühren – oder die einfach nur klar wissen will, was passiert, wenn man dieses Huhn mit jenem kreuzt.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

AW: Autor*innen sind so vielfältig wie ihre Texte, aber Anfänger*innen verfallen gerne in Infodump, gerade bei Fantasy: Hier, Leser*in, ich erkläre mal meine komplette Welt auf der ersten Seite – und bin dabei so interessant wie ein Schullexikon. Allgemein gibt es am Anfang viel zu bearbeiten – nicht den ersten Satz, sondern die ganze erste Szene –, weil er so viel auf einmal leisten muss: Charaktere etablieren, einen Konflikt, die Leserschaft packen und rätseln lassen und gleichzeitig nicht verwirren. Und das, wo die Autor*in selbst noch nicht so ganz vertraut ist mit ihrer oder seiner Geschichte! Die Frage, wie viele Informationen an welcher Stelle geschickt in die Handlung verwoben werden sollen, beschäftigt meine Kund*innen und mich sehr oft. Zweites Thema ist häufig die Perspektive, denn wenn man zu viel zwischen verschiedenen Köpfen hin und her springt, ist das extrem verwirrend und vor allem finden die Leser*innen niemanden zum Identifizieren. Damit geht auch Schwachstelle Nummer 3 einher, der Szenenaufbau: Wie erschaffe ich von Anfang an ein klares Bild im Kopf der Leser*innen, kurbele das Kopfkino an, damit die Figuren nicht im luftleeren Raum agieren und aus dem Nichts Türen auftauchen – das darf nur mit magischen in einer Fantasygeschichte passieren.

HPR: Bietest du auch Coaching an?

AW: Sehr gerne sogar. Wenn jemand gar nicht weiß, wie er anfangen soll, oder wenn ein Manuskript nicht auf einem handwerklichen Niveau ist, dass sich ein Lektorat lohnt, dann biete ich Coachings an, per Telefon oder Skype, um ein paar Grundlagen des Schreibens zu vermitteln oder auch zu brainstormen, wie sich die Geschichte weiterentwickeln kann.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

AW: Das Manuskript ist und bleibt das Werk seine*r Autor*in, der oder die entscheidet, was übernommen wird. In der Regel nehmen sie die Änderungen an, weil ich sie davon überzeugen konnte. Sehr häufig ist es aber auch so, dass ich einen Vorschlag mache und bei der Kund*in eine Assoziationskette in Gang setze, die in eine viel brillantere Lösung mündet.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

AW: Nein, das hab ich noch nie ausgerechnet.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

AW: Hindern kann und will ich ihn nicht. Wenn es letztlich auf ein Geschmacksurteil hinausläuft, muss ich wirklich nicht streiten, vor allem bei Formulierungen. Ansonsten schmeißt der Kunde schlicht Geld zum Fenster raus, wenn er mich für mein Urteil bezahlt und es dann ignoriert. Das passiert jedoch so gut wie nie, deshalb haben wir ja vorab im persönlichen Gespräch abgestimmt, was wir wollen und erwarten und ob wir auf einer Wellenlänge liegen. In seltenen Fällen geht es um grundsätzliche Dinge, die ich nicht ignorieren kann, weil sie meinen guten Ruf als Lektorin gefährden könnten. Beispielsweise wenn in einem Impressum steht, ich habe es lektoriert, es aber vor Fehler strotzt. Oder wenn in einer Romanze toxische Beziehungsstrukturen als selbstverständlich oder gar positiv verklärt werden – da muss ich sagen, es gibt Dinge, dafür gebe ich meinen Namen nicht her.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

AW: Es ist noch nie bis zum Äußersten eskaliert. Aber ich habe schon drei-, viermal gesagt: Wenn Sie darauf bestehen, das so zu schreiben, nach allem, was ich als problematisch ausgeführt habe – dann verbiete ich, dass mein Name in irgendeinem Zusammenhang mit diesem Buch erwähnt wird. Das spätestens bringt die meisten Leute richtig zum Nachdenken, weil sie merken, dass es mir um ein wichtiges, moralischen Grundprinzip geht.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

AW: Nein, ich lektoriere definitiv nicht alles. Ich kann sehr schnell einschätzen, wann ein Text selbst nach einem Lektorat noch nicht annähernd veröffentlichungsreif wäre. Was nutzt es der Kund*in, wenn das Dokument mit Tausenden Kommentaren übersät ist, die er oder sie gar nicht allein bewältigen kann? In solchen Fällen versuche ich, die Leute so wertschätzend wie möglich von ihrem hohen Ross – „juchu, ich hab ein Buch geschrieben und meine ganze Familie findet es super“ – runterzuholen und in Richtung Coaching zu stupsen. Oder, wie im vorhin genannten Fall, auf grundlegende rechtliche Probleme hinzuweisen, die eine Veröffentlichung ohnehin unmöglich machen würden, und zwar bevor sie Hunderte Euro fürs Lektorat ausgegeben haben. Auf diese Art habe ich bereits Aufträge verloren, aber auch langfristige Kund*innen gewonnen, die ich dauerhaft begleiten darf, bis der große Traum eines eigenen Buches am Ende doch erfüllt ist.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

AW: Wenn ich im Rahmen des Textehexe-Teams arbeite – einer lockeren Kooperation von Kolleginnen, die alle in etwa gleich ticken und sich gegenseitig aushelfen, um die Leute schneller bedienen zu können – geben wir Seitenpreise zur Orientierung an. Das sind bei einem durchschnittlichen Roman 6 Euro pro Normseite á 1500 Anschläge. Ein Coaching kostet 99 Euro, alles inklusive Umsatzsteuer. Es ist schlicht übersichtlicher und leichter, wenn man sich Aufträge hin und her schiebt, und wenn es mal etwas mehr oder weniger Aufwand ist, gleicht es sich am Ende aus. Wenn ich selbst für mich Kunden akquiriere, arbeite ich mit einem Stundenlohn von 55 Euro netto, plus 19 Prozent Umsatzsteuer also 65,45 Euro, wobei man sich die Differenz vom Finanzamt wiederholen kann. Ich schätze im Vorfeld ab, wie die Qualität des Textes ist und wie groß der Arbeitsaufwand, und erstelle einen verbindlichen Kostenvoranschlag. Bislang ist es in sechs Jahren nur zweimal vorgekommen, dass ich nachhonorieren musste, weil sich im Manuskript doch noch ein paar zeitaufwändige Klöpse versteckt hatten. Aber das kommuniziere ich sofort und wir konnten uns problemlos einigen. Wenn ich am Ende nachrechne, komme ich meist auf einen Betrag, der sich mit dem auf Textehexen-Rechengrundlage wenig gibt.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

AW: Die Arbeitszeit? Da gibt es ja einen Unterschied, ob wir vom inhaltlichen Durchgang oder dem stilistischen reden. Der zweite braucht meist etwas länger, weil ich mehr ins Detail gehen muss. Bei einem durchschnittlichen Manuskript schaffe ich 12 Seiten in der Stunde im inhaltlichen, im stilistischen 10. Also bin ich bei zwei Durchgängen von 300 Seiten 55 Stunden beschäftigt, da kommen wir brutto auf 3599,75 Euro. Einen All-in-one könnte ich wohl in 37,5 Stunden schaffen und würde 2454,38 Euro berechnen. Weil ich aber am Tag nicht acht Stunden stracks durch lektorieren kann, erstens wegen der Konzentration und zweitens wegen Coachings, Exposéberatung und sonstiger Büroarbeiten, verplane ich bei 300 Seiten großzügig pro Durchgang drei Wochen. Wenn ich dann schneller bin, freuen sich die Leute. Und wenn besondere Umstände Zeitdruck machen, kann man darüber reden.

HPR: Muss deiner Meinung nach ein Lektor selbst erfolgreich Bücher veröffentlicht haben?

AW: Nein. Ein Fußballtrainer muss ja auch nicht besser stürmen können als der Profifußballer. Es geht um Analyse, den Blick von außen und ums Motivieren-Können. Bei meinen eigenen Texten bin ich als Lektorin genauso betriebsblind wie jede*r andere, und baue Mist, den mir das Lektorat korrigieren muss.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektor geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

AW: Geschichten geschrieben habe ich, seit ich das Alphabet gelernt hatte. Mit zwölf verfasste ich für eine Jugend- und Umweltzeitschrift Artikel und wollte Journalistin werden. Deshalb studierte ich in Eichstätt Diplom-Journalistik mit Nebenfach Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, machte begleitend Praktika bei einem Reisemagazin, der Online-Redaktion der Zeit, einem deutschsprachigen Monatsblatt in Kanada und verschiedenen Tageszeitungen und schrieb stetig für die Fachzeitschrift Wolf Magazin. 2010 absolvierte ich ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung und nahm eine Stelle als Lokalredakteurin an. Immer wieder habe ich in all dieser Zeit die Texte von anderen Autor*innen und Journalist*innen korrigiert und besprochen. Als Redakteurin betreute ich die Jugendredaktion, was einiges an Fingerspitzengefühl verlangte, um die Mitarbeiter*innen zu motivieren. Für befreundete Autor*innen lektorierte ich Manuskripte, noch bevor ich genau drüber nachdachte, was ich da tat. Ich wurde in Naturalien bezahlt wie einem tollen Abendessen oder einer Wolfsjacke, mitgebracht aus dem Yellowstone. 2014 habe ich mich dann selbständig gemacht, weil mir die Mühle der Tageszeitung zu stressig war und ich mich gern langfristiger und intensiver mit Themen und Texten beschäftigen wollte. Die „Textehexe“ Susanne Pavlovic hat mit Tipps gegeben und mir den Start in der Branche sehr erleichtert. Zwei Jahre später erkannte mich dann der VfLL an als Mitglied an, seither tausche ich mich dort aus und nutze das Fortbildungsangebot, wenn es zeitlich geht.

HPR: Du hast selbst Romane geschrieben. Sollte deiner Meinung nach eine Lektorin selbst Bücher schreiben oder ist das nicht notwendig?

AW: Ich denke, es ist insofern hilfreich, dass sich die Lektorin dann besser in die Gefühle und Nöte der Autor*in hineinversetzen kann. Eine Voraussetzung ist es nicht zwingend, dann schon eher, viel zu lesen und sich mit Sprache auseinanderzusetzen. Aber es dürfte keine Überraschung sein, dass ich eigentlich niemanden kenne, der Lektor*in ist und nicht schon mal was geschrieben hat, wenn auch nicht zwingend veröffentlicht.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

AW: Oh, es ist echt schwer, da jetzt Leute rauszupicken, ohne andere zu vernachlässigen. Da können Interessierte einfach mal die Rubrik „Kundenstimmen“ auf meiner Homepage durchforsten und den ein oder anderen bekannten Namen finden. Das heißt … sehr geehrt bin ich, dass Elli H. Radinger, Chefredakteurin des Wolf Magazins, mir die Rohfassungen ihrer Wolfsbücher vorab gibt, denn sie ist mein großes Vorbild und hat mir so viel beigebracht, seit ich 14 war. Und nicht zuletzt den Mut gegeben, die Selbständigkeit zu wagen, was mich jeden Tag glücklich macht.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

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Es geht um Analyse, den Blick von außen und ums Motivieren-Können

Hatten Autos in den sechziger Jahren vier oder fünf Gänge?

Susanne Zeyse ist Lektorin und Literaturagentin. Sie lektoriert und coacht Autorinnen und Autoren, hat für verschiedene Verlage gearbeitet und schreibt Klappentexte.

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du? Und was machst du in einem Lektorat?

Susanne Zeyse: Ich mache Belletristik und erzählendes Sachbuch für Verlage und freie Autorinnen und Autoren. Für Verlage sind auch oft Übersetzungslektorate dabei. In einem Lektorat kümmere ich mich um Rechtschreibung und Zeichensetzung – aber das ersetzt kein Korrektorat! – um Rhythmus, Wortwiederholungen und vergurkte Metaphern, streiche auch mal Überflüssiges. Logik ist sehr wichtig – wie alt ist die Figur am Anfang, wie viel Zeit vergeht, wie alt ist sie am Schluss? Oder: wenn sie am Anfang gut rechnen kann, sollte sie am Schluss keine Probleme beim Addieren haben. Manchmal recherchiere ich auch Dinge, die mir auffallen. Hatten Autos in den sechziger Jahren vier oder fünf Gänge? Sowas zum Beispiel.

HPR: Liebe Susanne, wie wichtig ist es, sich auf den Text einzulassen? Kannst du uns dazu etwas sagen?

SZ: sehr wichtig. Wenn ich mitten in einem längeren Buchprojekt bin, dann ist es gut, wenn ich nicht viele andere Sachen schreiben oder redigieren muss, damit ich meinen Schwung nicht verliere.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines Lektorats bei dir aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

SZ: Ich redigiere zwei bis drei Seiten zur Probe und schicke die dem Autor zu. Das kostet dann erstmal nichts. Die Autorin soll wissen, was auf sie zukommt und dass sie ein gutes Gefühl zu meinem Lektorat hat. Dass die Chemie stimmt, ist auch für mich sehr wichtig. Es geht beim Lektorat nicht darum, wer recht hat, sondern darum, dass das Buch besser wird. Wenn wir zusammenarbeiten wollen, schicke ich ein Angebot und dann geht es los. Ich mache einen Erstdurchgang, schicke zurück, der Autor nimmt an, verwirft, kommentiert und manchmal telefonieren wir, um schwierige Stellen zu besprechen. Dann lese ich nochmal und redigiere noch nach, wenn mir etwas auffällt.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

SZ: Ich biete vor allem das Lektorat eines fertigen Buches an. Das ist der Ablauf, den ich aus dem Verlag kenne, der auch einen zeitlich festen Rahmen hat. Ein Buch ist fertig geschrieben, dann kommt das Lektorat, Korrektorat, Covergestaltung und Druck. Inzwischen habe ich gemerkt, dass viele sich beim Schreiben ihres Buches die Begleitung eines Profis wünschen. Deswegen mache ich seit ein paar Jahren auch stundenweise Beratung. Man kann mir ein paar Kapitel schicken und dann kann man mich am Telefon alles fragen, was einem wichtig ist.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe eines Lektorats?

SZ: Die Stolpersteine rausmachen! Das Buch soll so rund und gut lesbar sein, dass Leserinnen und Leser nicht auf Seite 5 aus der Kurve fliegen und das Buch weglegen.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

SZ: Spontan fällt mir ein: Zu viele Hauptsätze fangen mit dem Subjekt an.

Er machte … Er sagte … Er ging. Das liest sich oft sehr holperig und abgehackt. Der Stil kann ja manchmal passen, tut es aber meistens nicht.

Dann: Körperteile machen irgendwas. Im Englischen geht das, im Deutschen eher nicht. „Ihre Finger nahmen den Kaffeebecher“, ist meistens schlechter Stil.

HPR: Du hast zahlreiche Klappentexte entworfen und überarbeitet. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

SZ: Ich lese das Buch. Mindestens das erste Drittel, eher bis zur Hälfte. Den Rest dann diagonal und das Ende. Und dann muss ein Werbetext her, der neugierig macht aufs Buch und nicht zu viel verrät. Klingt einfach, ist es aber nicht – manchmal bastle ich ziemlich lange daran herum.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

SZ: Lektorat ist ein Prozess. Ich erwarte nicht, dass meine Kunde meine Änderungen alle übernehmen, ich erwarte aber, dass sie ernst nehmen, warum ich die Änderung vorgeschlagen habe: Weil der Text unrund war. Ich finde es aber auch cool, wenn ich etwas vorschlage, und dem Autor fällt noch etwas Besseres ein. Lektorat als Inspiration – das sind dann die richtig guten Momente.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

SZ: Ich schätze: 95 Prozent.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

SZ: Nichts. Es ist ja sein Buch. Kommt aber sehr selten vor.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

SZ: Nein

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

SZ: Ich redigiere fast alles, aber seit ich auch als Agentin tätig bin, habe ich weniger Zeit fürs Lektorat und suche mir mehr aus, mit wem ich arbeiten möchte. Um mit wem lieber nicht.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

SZ: Ich finde nicht, dass Preise ein heikles Thema sind, sondern klar kommuniziert werden müssen. Dann kann ein Autor sich entscheiden, ob er sich das gönnen möchte oder eben nicht. Ich nehme ab sechs Euro pro Normseite.Die Normseite hat 1500 Zeichen mit Leerzeichen. Klappentexte kosten extra. Beratung kostet 80 Euro die Stunde, das Lesen der zugeschickten Kapitel ist im Preis mit drin.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

SZ: Für Verlage drei Wochen, bei freien Autorinnen und Autoren kann es länger dauern, macht aber meistens mehr Spaß.

HPR: Muss deiner Meinung nach eine Lektorin selbst erfolgreich Bücher veröffentlicht haben?

SZ: Nein. Manchmal denke ich, dass es gut für eine Lektorin ist, wenn sie nicht selbst schreibt. Denn alle, die schreiben, wollen vor allem schreiben. Redigiert wird vor allem, um Geld zu verdienen. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Ich selbst schreibe nur sehr wenig.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

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Hatten Autos in den sechziger Jahren vier oder fünf Gänge?