Ich mache Vorschläge und versuche sie gut zu begründen

Interview mit Ursula Hahnenberg

Ursula Hahnenberg lektoriert und coacht Autorinnen und Autoren in der Büchermacherei. Ihre Krimis „Teufelsritt“ und „Wolfstanz“ sind bei Goldmann erschienen.

HPR: Ursula, welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

UH: Ich lektoriere fast alle Texte, die zu mir kommen, Krimis, historische Romane, Liebesromane, Sachtexte, Ratgeber und vieles mehr. Dabei versuche ich jeweils zu erfassen, was der Autor oder die Autorin mit ihrem Text bewirken will, und gebe mein Bestes, um zu helfen, den Text in diese Richtung zu entwickeln.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines solchen Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

UH: Normalerweise mach ich zuallererst ein Probelektorat. Das heißt, ich sehe mir den Text an und lektoriere die ersten Abschnitte oder Seiten, um festzustellen, was genau zu tun ist. Dann verschicke ich ein Angebot. Wenn du das annimmst, einigen wir uns auf einen Termin zur Bearbeitung. Wenn der dann gekommen ist, überarbeite ich (meist in Word, aber auch in Papyrus, pages, pdf, oder anderen Textprogrammen) mit der Funktion Änderungen verfolgen den Text. Dabei achte ich auf den roten Faden, die Perspektive und die Figuren, auf Sprache und Stil (beides sollte einheitlich, konsistent sein und zum Zielpublikum passen), aber auch auf Rechtschreibung und Zeichensetzung. Außerdem mache ich Kommentare mit Vorschlägen. Dann schicke ich dir das Manuskript zurück und du überarbeitest es selbst noch einmal. Wenn du möchtest, weil zum Beispiel viel umzuschreiben oder zu ergänzen war, machen wir einen zweiten Durchgang.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

UH: Ich lektoriere alles, was meine Kund*innen brauchen. Dazu gehören natürlich auch Exposé und Klappentext. Ich erstelle aber auch Literaturgutachten, mit denen man einen Überblick über den Text bekommt (was ist zu tun, was muss verbessert werden) oder man kann sie auch nutzen, um sich bei einer Agentur oder einem Verlag zu bewerben.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

UH: Ein typischer Fehler, der Anfängern wie auch Profis passiert, ist, nicht in der Perspektive zu bleiben. Oft wird eine personale Perspektive gewählt und dann erzählt man doch etwas, was diese Person nicht wissen kann. Oder Bilder, bzw. Redensarten, die leicht verfälscht werden, zum Beispiel sitzt dann die Taube nicht auf dem Dach, sondern in der Hand. Oder im Text steht, eine Figur solle nicht alles so grau sehen (dabei heißt es natürlich schwarzsehen). Und aus einem ganz anderen Bereich: Oft ist die Zeichensetzung bei der wörtlichen Rede nicht ganz klar.

HPR: Auf deiner Homepage bietest du auch Coaching an. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

UH: Beim Coaching ist alles sehr individuell. Am Anfang steht ein Gespräch per Telefon oder Video, bei dem abgeklärt wird, was genau der Bedarf der Kund*in ist. Das geht von der Begleitung beim Schreiben bis zur Unterstützung bei der eigenständigen Überarbeitung. Mancher braucht Hilfe beim Plot oder bei der Perspektive, mal müssen die Figuren etwas anschaulicher werden. Das kann ganz unterschiedlich sein.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

UH: Ich erwarte nicht, dass alles übernommen wird, ich mache schließlich Vorschläge. Aber da ich versuche, meine Anmerkungen und Vorschläge gut zu begründen und ich ein gutes Textgefühl habe, vertrauen mir meine Kund*innen meist.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

UH: Das kann ich nicht, aber meine Kund*innen spiegeln mir, dass sie fast alles übernehmen.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

UH: Nichts. Im Lektorat schlage ich Änderungen vor, von denen ich meine, dass sie den Text im Hinblick auf die Zielgruppe verbessern. Ich schlage sie aber nur vor. Ich bemühe mich immer, den Text in seinem oder ihrem Sinn zu überarbeiten und diese Vorschläge zu begründen. Die Macht über den Text hat im Endeffekt die Kund*in. Sie oder er hat das letzte Wort.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konnten? Was passiert dann?

UH: Nein, wie gesagt. Ich mache Vorschläge und versuche sie gut zu begründen. Wenn mein Kunde oder meine Kundin anderer Meinung ist, dann ist das ihr gutes Recht. Die Texthoheit liegt bei ihm oder ihr.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

UH: Das ist schwer, pauschal zu sagen. Es lohnt sich aber in jedem Fall, einen Text an Testleser*innen zu geben, bevor man eine Lektorin kontaktiert.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

UH: Inhalt, Aufbau, Sprache, Stil und natürlich auch Formales, wie Formatierung, Rechtschreibung und Zeichensetzung, wobei ich gerne betonen möchte, dass ich zwar keine Rechtschreibfehler stehen lasse, aber ein Lektorat keine Schlusskorrektur ersetzen kann.

HPR: Du bietest auch Speedplotting an. Was habe ich mir darunter vorzustellen?

UH: Speedplotting ist eine Methode, bei der man mit vorgegebenen Stichworten mit Hilfe des 7 Punkte-Plans einen Roman plotten kann. Es geht darum, in 45 Minuten an einem Beispiel vorzustellen, wie man mit den richtigen Fragen einen ersten Plotplan erstellen kann.

HPR: Kannst du das an einem Beispiel ausführen?

UH: Dazu am besten einmal auf der BuchBerlin oder zur Leipziger Messe zu einem Kurs kommen oder mich direkt buchen. Speedplotting geht zwar schnell, aber ca. 45 Minuten dauert es eben doch …

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

UH: Ich habe Stundenpreise. Ich erstelle jeweils individuelle Angebote nach Aufwand, den ich versuche nach einem Blick auf die ersten 10 Seiten des Manuskripts und das Exposé oder die Inhaltsangabe abzuschätzen. Seitenpreise für das Lektorat beginnen ab €5,50, für ein reines Korrektorat ab € 2,50, so als Anhaltspunkt, wobei in bestimmten Fällen, unter anderem für regelmäßige Kund*innen, Rabatte möglich sind. Intern rechne ich aber mit Stunden.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

UH: Das kommt total auf den Text an. Muss erst noch inhaltlich und am Aufbau gearbeitet werden oder geht es eher um kleiner Anpassungen, die viel schneller erledigt sind? Genau deswegen sehe ich mir jedes Lektorat individuell an und mache meine Angebote auf Basis eines konkreten Texts. Ich bekomme Texte, da sind 300 Seiten in 15 Stunden und einem Durchgang erledigt und andere, da kann es doppelt so lange dauern. In meinem Angebot versuche ich, die benötigten Stunden zu schätzen. Überschätze ich den Aufwand, rechne ich nur die verbrauchten Stunden ab, unterschätze ich ihn, rechne ich trotzdem nicht mehr als den Angebotsbetrag ab. Das Risiko liegt also bei mir.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

UH: In den fünf Jahren sind eine Menge guter Texte, spannende Krimis und Romane, aber auch Sachbücher zusammengekommen. Am besten einfach mal einen Blick auf die Veröffentlichungen unserer Kunden werfen, die wir auf der Website der Büchermacherei regelmäßig aktualisieren.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

aus: Tempest 11/2019

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Die Text-Qualität erkennen professionelle Lektoren nach ein paar Seiten

Interview mit Michael Lohmann

Michael Lohmann hat eine Vergangenheit, und zwar eine Chefredakteurs-Vergangenheit in deutschen Großverlagen. Außerdem betreibt er seit acht Jahren unabhängig von seiner Lektorentätigkeit das Blog deutschmeisterei.de, in dem er täglich aufspießt, was einem so alles aufstößt im täglichen Kampf um gutes Deutsch. Nicht zu vergessen, er hat eine ganze Phalanx erfolgreicher Autorinnen und Autoren lektoriert, von Béla Bolten bis hin zu Patrizia Prudenzi.

Hans Peter Roentgen: Michael, welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

Michael Lohmann: Vor allem Romane, ein paar Sachbücher, wenn mich das Thema interessiert. Biographien auch mal, aber nur, wenn die Schreibenden wirklich etwas zu sagen haben. Kurz: Einer mit dreißig sollte sich von Biographischem fernhalten. Das langweilt nicht nur den Lektor.

Im Laufe der Jahre hat sich eine gewisse Nähe zu Krimis ausgebaut, zu Thrillern, zu Abenteuergeschichten – und zu Frauenliteratur. Vor allem aber arbeite ich immer wieder gern mit denselben Autoren zusammen. Ich bin in der glücklichen Lage, ablehnen zu können – und ziehe bekannte Gesichter vor. Und Geschichten, die mich beim Anlesen aus den Socken hauen.

HPR: Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

ML: Ich gehöre zu denen (ich glaube: zu den wenigen), die Probelelektorate kostenlos machen. Zwanzig, fünfundzwanzig Normseiten bearbeite ich, als hätte ich mit dem Autor schon ein Vertragsverhältnis. So lerne ich den Text kennen (ja, die Text-Qualität erkennen professionelle Lektoren nach ein paar Seiten!), und der Autor lernt, wie ich den Text angehe.

Ich telefoniere leidenschaftlich gern. Nach dem Anlesen steht ein langes Telefonat über Wünsche und Ziele an. Dann mache ich einen Kostenvoranschlag, einen verbindlichen. Kommt man sich näher, fange ich unter fester Terminvorgabe an. Vor den Text stelle ich eigene zwei Seiten mit einer Art Glossar der Kürzel, mit denen ich meine Anmerkungen kommentiere: INQ steht für böse Inquits [Verben des Sagens – die Red.], KillPass für ein erlegtes Passiv, LE für Loses Ende, Infdump für Info-Dump. Und so weiter. Das spart mir die Mühe, jede meiner Anmerkungen immer zu begründen. Ich lese jeden Text zwei Mal.

Nach dem ersten Lesen ist der Autor dran; er muss sich mit meinen Anmerkungen befassen. Das zweite Lesen ist dann oft ein gänzlich neues. In der Regel sehe ich die Geschichte anders und mache tiefer gehende Anmerkungen, was den Plot anbelangt: lose Enden, Unstimmigkeiten, Charakter-Entwicklung. Der Text zum zweiten Lesen geht parallel – in meinem Seitenpreis inbegriffen – an eine Korrektorin, mit der ich seit drei Jahren zusammenarbeite. Ihre Fundstücke (auf 300 Seiten bestimmt noch mal 30 bis 40, die der Autorin und mir entgangen sind) baue ich in das zweite Lesen ein.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

ML: Ich biete das gängige Lektorat an, dazu gehört für mich auch der Klappentext. Parallel dazu arbeite ich viel (und sehr gern) auch an Exposés bis zur Marktreife. Diese Anforderungen nehmen deutlich zu. Auf meine Lektorenseite worttaten.de habe ich zu „Exposé“ einen eigenen Registerpunkt gestellt.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

ML: Darf ich die Frage streichen? Oder auch nicht. Ja, müssen sie. Ich will Spaß bei der Arbeit haben, Lesen ist mein Leben. Nein, das streichen wir wirklich. Ich lese für mein Leben gern. Texte, die ich erst auf ein akzeptables, marktfähiges Niveau trimmen muss, werden so teuer, dass es sich der Autor nicht mehr leisten kann, es sei denn, er ist Investmentbanker. Dann reden wir über Ghostwriting.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

ML: Ja, all das sowieso. Faktengenauigkeit, ich checke jede Tatsachenbehauptung. Charakterentwicklung. Aufbau des Werks. Und ganz besonders: Würde das Werk mich so weit reizen, dass ich nach zwanzig Seiten den Knopf zum Kauf drücken würde? In meinen Augen gewinnt oder stirbt das Werk auf dieser Kurzdistanz. Anders herum: Ich schlage dem Autor (und natürlich auch der Autorin) Eingriffe oder Umstellungen vor. Und telefoniere auch direkt darüber, wenn ich meine, dass ich zu sehr eingreife.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen?

ML: (1) Die Ansicht, der Duden liefere so etwas wie ein Vorschlagswerk aus. Für ein allgemeines Verständnis von Text beuge ich mich den Regeln und erwarte das auch von den Schreibern.

(2) Adverbien, die nach wörtlicher Rede die Stimmungslage des Sprechenden noch mehr betonen sollen („Ich vertraue dir nicht“, sagte er misstrauisch). Die Schreiber misstrauen (!) der Wörtlichkeit, die sie selbst erschaffen haben!

(3) Sätze mit mehr als einem Relativsatz. Ich frage mich dann immer, an welchem Glied dieses Satzes die Leserin zum nächsten Absatz springt. Über meiner Arbeit steht ein Satz des geschätzten, sprachkonservativen Wolf Schneider: „Einer muss sich quälen: der Autor oder der Leser.“ Der Autor möge sich bitte quälen. Sonst tue ich es.

Und ja, (4) Kaputte Perspektiven. Kommt häufiger vor, als man denkt. Ich merke das nur an. Die Neuformulierung überlasse ich dem Autor.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

ML: Nein, das erwarte ich nicht. Überhaupt nicht. Ich empfinde mich – das mache ich auch im ersten Telefonat klar – als Dienstleister. Ich mahne, merke an, verbessere. Was die Autorin damit macht, ist ihre Sache, sie ist im Lektoratsprozess die Bossin, die mich Tag und Nacht behelligen darf.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

ML: Über 90 Prozent.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

ML: Dann bekommt er seinen Willen. Ich bin in dieser Beziehung vollkommen uneitel. Und ich verabscheue, auch im Alltag, ausufernde Diskussionen über Geschmäcklerisches. Über falsche „dass / das“ und „sie / Sie“ indes kann man nicht streiten.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konnten? Was passiert dann?

ML: Ja, es gab den Fall, dass der Kunde nach dem ersten Lesen begründen konnte, dass ich neben der Kappe lag. Peinlich für mich. Wir haben uns dann finanziell geeinigt. Asche auf mein Haupt! So etwas klebt lange in der Weste.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

ML: Ich weiß nach dem Probelektorat, wie groß mein Aufwand sein wird. Bin ich unsicher, lese ich noch mal die Seite 199 bis 209, 299 bis 309 und so weiter. Es sind Erfahrungswerte aus der Anzahl der Eingriffe pro Seite. Danach lege ich einen Preis pro Normseite fest für den Kostenvoranschlag, der auch nicht diskutiert wird. In dem steht alles, auch das Zahlungsziel. Es gab in meiner Praxis erst zwei Mal den Fall, dass Autoren nicht bezahlt haben. Dann werde ich sauer und juristisch.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektor geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?.

ML: Nach dem Studium Volontariat bei der Badischen Zeitung in Freiburg. Dann schnell in den Journalismus, als Chefredakteur einiger Publikumszeitschriften in Hamburg, unter anderem TV Spielfilm, TV Movie und Hörzu. Danach habe ich zwei Jahre lang eine Zeitschrift herausgebracht, die sich mit der deutschen Sprache beschäftigte, den Deutschen Sprachkompass. Der Zufall wollte es, dass ich in dieser Zeit sehr viel selbstverlegte Bücher las und mich über die Qualität ärgerte, die dramaturgische und die sprachliche. Ich habe dann aus einer Laune heraus einen der Autoren angeschrieben. Mit dem arbeite ich heute noch. Freiberuflich war ich in der Zeit sowieso schon, ein Lektorat ergab das nächste. Heute kann ich mich über Aufträge nicht beklagen und ich lebe sehr gut davon – vor allem aber: Es ist das Erfüllendste, das ich beruflich jemals gemacht habe.

Studiert habe ich Islamkunde und Germanistik

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

ML: Die Bücher von Victoria Suffrage und Elsa Rieger, die Krimis von Béla Bolten und die Wegner-Reihe von Thomas Herzberg, die Bücher von Lily Ashby alias Karen Scharmann. Alles von Patrizia Prudenzi. Die zwei irrsinnig fitzeligen Karten-Quartett-Spiele (Opern und Orgeln), die jetzt in der Elbphilharmonie verkauft werden. Gott, wem trete ich hier gerade auf die Füße?

HPR: Lieber Michael Lohmann, danke für das Interview!

aus: Tempest 10/2019

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Was dem Lektorat auffällt: Genreerwartungen

Anatomie eines Mörder

Der Hackklotz blutete. Mitten im Roten steckte die Axt, Schneide und Schaft blutverspritzt. Entsetzt starrte er in sein Rechenheft. Über seine Hausaufgabe ergoss sich ein roter Fluss.

Verboten! Verboten“, kreischte die Mutter, dann lachte sie schrill.

Er fuhr herum. Niemand war da und die Tür zu seinem Kinderzimmer war geschlossen. Das passierte ihm öfter, denn die Stimmen in ihm waren mächtig. So war das auch, wenn das Brennen in seiner Brust zu stark wurde. Dann fuhr es in seine Finger und er kritzelte wie besessen diese Bilder aus seinem Kopf. Das Entsetzlichste sah man nicht, denn in ihm klaffte ein Loch. Ein schreckliches Loch, aus dem alles quoll, was an ihm falsch war.

Feuer und Blut, Feuer und Blut.

Mit bebenden Händen trennte er das Blatt vom Heftfaden und verbarg das böse Bild im Müll, unter einer Schicht Asche.

Deal, hatte Bella, seine neue Tischnachbarin, gesagt. Der Deal war, dass sie ihn auf der Farm besuchen durfte. Am Nachmittag. Die Mutter hatte es erlaubt, obwohl sie Fremde auf dem Hof hasste.

Bella ist meine Freundin, hatte er behauptet. In Wahrheit kannte er die Neue erst heute Morgen. Sie war von der Lehrerin der Klasse vorgestellt und aufgefordert worden, sich einen Platz zu suchen. Den hämischen Bemerkungen seiner Mitschüler zum Trotz hatte sich Bella neben ihn gesetzt.

In der Pause war sie ihm nachgeschlichen. So war es zu dem Deal gekommen: Er hatte die Hälfte ihres Salamibrotes bekommen, dafür durfte ihn Bella auf der Farm besuchen.

Er hatte nicht gewagt, nein zu sagen. Jetzt schwankte er zwischen Angst und zittriger Aufregung. Außer den Roten, seinen Kater hatte er keine Freunde. Seine Mutter wäre eine Hexe, behaupteten die Kinder aus seiner Klasse, und auch er wäre krank im Kopf. Deshalb war jeder Tag, an dem er nicht verprügelt wurde, ein guter Tag. Doch davon gab es wenige.

Wahrscheinlich kam Bella gar nicht.

Doch er irrte sich.

Pünktlich bog Bella auf einem rostigen, zu großen Fahrrad auf den Hof ein. Seine Mutter hatte Kuchen gebacken. Bella krümelte keine Schokolade auf den sauber geschruppten Tisch und schlürfte nicht.

Du weißt, wie man sich benimmt“, sagte die Mutter und es klang anerkennend.

Alles ging gut, bis sich Bella, ohne zu fragen, ein zweites Kuchenstück nahm. Noch dazu ein besonders großes. Eisige Finger fuhren seinen Rücken hinunter und seine Nackenhaut zog sich zusammen. Wusste Bella denn nicht, dass Gier Sünde war? Seine Mutter saß kerzengerade da. Bald würden aus ihrem Mund Worte wie Schlangen herauszischen, Litaneien von Reue und Buße. Die Mutter presste die Lippen zusammen, bis sie einem harten Strich glichen, doch sie schwieg.

Nach dem Kuchen wollte Bella alles sehen, sogar den Bretterverschlag für die Hühner. Fasziniert von diesem seltsamen Mädchen achtete er nicht darauf, dass Bella das Tor zum Gehege offenließ. Die Hühner flatterten so eilig durch das geöffnete Gatter, als hätten sie nur auf diesen Augenblick gewartet.

Die Mutter würde sich schrecklich aufregen. Sie würde ihn und Bella in den Keller zerren oder zum … Nein, das nicht! Das nicht!

Die Hühner! Wir müssen die Hühner fangen“, schluchzte er und hasste sich für die Tränen, die ihm über die Wangen liefen.

Unter das aufgeregte Gackern der Hennen mischte sich das Geschrei des Hahns.

Seid leise, bitte, bitte.“

Er starrte zum Haupthaus hinüber. Alles blieb ruhig, vielleicht war die Mutter auf dem Feld.

Er rannte einer braunen Henne hinterher. Sie plusterte ihre Unterfedern auf und es kam ihm vor, als würde sie ihn auslachen, dann verschwand sie gackernd unter einem Leiterwagen.

Ich hab eine.“ Bella stand keuchend vor ihm, eine der Schwarzen an ihre Brust gepresst.

Es sind zwölf“, wimmerte er. „Zwölf!“

Heul nicht“, sagte sie streng, dann rannte sie mit der Henne zum Gehege und warf die Schwarze über den Zaun.

Dass Bella so wenig Angst hatte, beruhigte ihn ein wenig. „Das Gatter!“, rief er ihr nach.

Ich bin nicht blöd!“ Bella zeigte ihm einen Vogel, verschloss das Tor und versuchte eine der Gefleckten Richtung Gehege zu scheuchen.

Die heilige Mutter Gottes half zur Mutter, doch der Herr Jesus war ein Junge. Vielleicht half er zu ihm. Wie Bella. Seine neue Freundin verschwand auf der Jagd nach der Gefleckten hinter der Scheune.

Er kroch unter den Leiterwagen. Die Braune kauerte mit eingezogenem Kopf neben einer gebrochenen Speiche, er packte sie mit beiden Händen und zog sie zu sich.

Eine harte Hand hielt sein Bein fest. Die Mutter! Der Herr Jesus hatte nicht geholfen. Unsanft zerrte ihn die Mutter unter dem Leiterwagen hervor.

Steh auf“, sagte sie und ihre leise Stimme ließ ihn erstarren.

Wer schreit, hat unrecht“, behauptete die Mutter. Sie meinte damit meistens den Vater, der oft brüllte und immer im Unrecht war.

Seine Augen brannten, doch er würde nicht weinen. Weinen war schlimmer als schreien. Es war Feigheit vor dem Herrn und der Heiligen Jungfrau Maria.

Er stand auf. Der Schlag auf seine Wange riss ihn fast von den Beinen. Noch immer umklammerte er die Henne. Auch kein Schluchzen. Schluchzen war Schwäche. Herr Jesus war von bösem Pack ans Kreuz genagelt worden und hatte keine Träne vergossen. Er würgte an dem Kloß in seinem Hals und schluckte hart. Es tat weh, da sein Hals furchtbar eng war.

Gib mir das Vieh!“, befahl die Mutter.

Doch es ging nicht, er konnte nicht loslassen. Im Gegenteil, er drückte die Braune so fest gegen seine Brust, dass sie nicht einmal mehr zappelte.

Seine Mutter packte die Henne am Hals und entriss sie ihm. Es knackste. Die Braune öffnete den Schnabel und ihre Augen glotzten schrecklich tot.

Steif wie ein Stück Holz stand er da und starrte auf die Henne, die zuerst noch zappelte und dann schlaff in der Hand der Mutter hing. Die Braune war tot.

Seine Schuld, seine Schuld.

Die Knie schlotterten ihm und schlugen aneinander. Die Mutter hatte den Blick. Grausame, blaue Augen aus Eis. Hexenblick, flüsterten die Stimmen seiner Mitschüler in seinem Kopf.

Ich wollte sie nicht umbringen! Ich schwör’s!“

Sie stieß ihn gegen die Brust und er taumelte gegen den Leiterwagen.

Wer hat die Hühner rausgelassen?“, zischte sie.

Es war ihre Schlangenstimme.

Ich, wollte er sagen, doch es kam kein Ton aus seinem Mund. Er ballte die Fäuste. „Ich“, krächzte er.

Lüg nicht!“

Der Schlag gegen seinen Kopf warf ihn zu Boden.

Benommen schüttelte er den Kopf. Sie hatte mit der Faust zugeschlagen. Das passierte nicht oft. Wegen der Flecken und der Schule.

Wer?“ Ihre Stimme schnitt seinen Kopf in Scheiben.

Es gab keinen anderen Besuch als Bella, doch sie würde keine Ruhe geben, bis er es sagte. „Bella“, schluchzte er. „Bella.“

Die Mutter packte ihn an den Haaren und zog ihn hoch. „Sag, dass ich sie nie mehr hier sehen will. Sonst …“, und das sagte sie ganz leise, „kommt sie auf den Hackklotz.“

Nicht Bella! Nicht Bella, schrie es in ihm.

Rotes Blut. Schwarzes Blut. Es rann vom Hackklotz über den Boden, bis zu …

Lektorat

Ein Junge sieht rot, hört Stimmen und lebt mit einer übergriffigen Mutter zusammen, die unter religiösen Wahnvorstellungen leidet. Wie immer die Frage: Ist es spannend?

Ganz sicher. Allerdings nicht für alle Leser. Bei einer Diskussion des Textes im Berliner Lektorat sagte die Hälfte der Anwesenden: „Ich würde nicht weiterlesen, das ist mir zu viel Horror.“ Würde der Text ab der Stelle beginnen, wo Bella auftaucht, würden sie auf jeden Fall weiterlesen.

Genre und Lesererwartungen

Nicht jeder Leser, nicht jede Leserin liest alles. Gerade Horror ist für viele nicht ertragbar, andere lesen gerne solche Geschichten.

Und hier haben wir einen ersten Teil, der sichtlich Horror ist. Und einen zweiten, der eine bedrückende Familienszene beschreibt, aber nicht im Horrorgenre. Wenn Sie mit dem ersten Teil beginnen, werden Sie die Leser abschrecken, die keinen Horror lesen wollen oder können. Wenn Sie eine Horrorgeschichte schreiben wollen, ist das nicht weiter schlimm. Dann ist die Geschichte ja für Leser von Horror gedacht, und es ist nur folgerichtig, wenn andere Leser sie nicht lesen.

Allerdings könnte die Geschichte auch für Leser von Familiengeschichten interessant sein. Denn der zweite Teil mit Bella ist zwar heftig, aber kein Horror.

Fazit: In solchen Fällen gibt es kein richtig oder falsch. Der Autor muss entscheiden, was er erzählen will. Eine Horrorgeschichte? Dann sollte der Anfang stehenbleiben. Eine bedrückende Familiengeschichte? Dann würde ich mit Bella beginnen.

In beiden Fällen wird der Leser auf die Geschichte eingestimmt und darauf, was ihn erwartet.

Namen nennen

Wir erfahren am Anfang nicht den Namen des Jungen. Wenn es sich nicht um einen distanzierten, literarischen Text handelt, ist es gut, den Namen einzuführen. Denn damit identifiziert sich der Leser leichter mit der Person. Vielleicht so:

Der Hackklotz blutete. Mitten im Roten steckte die Axt, Schneide und Schaft blutverspritzt. Entsetzt starrte Werner in sein Rechenheft. Über seine Hausaufgabe ergoss sich ein roter Fluss.

Im weiteren Verlauf können Sie „er“ oder „sie“ sagen. Eine allzu häufig wiederholte Namensnennung stört nur beim Lesen. Das erlebe ich bei vielen Texten, die den Namen in jedem zweiten Satz wiederholen.

Nennen müssen Sie ihn, wenn Verwechslungsgefahr besteht oder gar ein „er“ sich auf eine andere Person beziehen würde.

Wer schreit, hat unrecht“, behauptete die Mutter. Sie meinte damit meistens den Vater, der oft brüllte und immer im Unrecht war.

Seine Augen brannten, doch er würde nicht weinen. Weinen war schlimmer als schreien.

Wessen Augen brennen? Die des Vaters oder die des Jungen? Natürlich sind die des Jungen gemeint, das ergibt sich aus dem Zusammenhang. Doch um der Lesbarkeit willen wäre es gut, hier „Werners Augen“ zu schreiben. Ein weiterer Grund, warum der Name möglichst früh eingeführt werden sollte.

Wie baut die Geschichte Spannung auf?

Indem sie „Show, don’t tell“ beachtet, keine Behauptungen des Autors aufstellt, sondern dem Leser die Dinge anhand der Handlung zeigt. Zeigen, nicht behaupten.

Sie besteht nicht aus Aussagen des Autors im Stile von:

Werners Mutter war eine fanatische Christin, die ihren Sohn mit Körperstrafen bedachte, den Glauben als Erziehungsmittel benutzte und dem Jungen einbläute, dass er wertlos sei.

Stattdessen lässt die Geschichte den Leser das selbst schlussfolgern.

Alles ging gut, bis sich Bella, ohne zu fragen, ein zweites Kuchenstück nahm. Noch dazu ein besonders großes. Eisige Finger fuhren seinen Rücken hinunter und seine Nackenhaut zog sich zusammen. Wusste Bella denn nicht, dass Gier Sünde war? Seine Mutter saß kerzengerade da. Bald würden aus ihrem Mund Worte wie Schlangen herauszischen, Litaneien von Reue und Buße. Die Mutter presste die Lippen zusammen, bis sie einem harten Strich glichen, doch sie schwieg.

So lässt der Text dem Leser die Freiheit, selbst Rückschlüsse zu ziehen, statt ihm vorzuschreiben, wie er die Szene zu interpretieren hat.

Handlung statt Statik

Viele Prologe, die ich erhalte, sind statisch. Der Autor teilt uns etwas mit, aber es geschieht nichts.

Aber Geschichten leben davon, dass etwas passiert. Das muss nichts Großartiges sein, aber es sollte etwas sein. Hier sind das die Hühner-Szene und die Szene am Tisch, als Bella zum zweiten Kuchenstück greift und das bei dem Jungen Panik auslöst, denn er weiß: Für seine Mutter ist das Gier und absolut verwerflich.

Und der Autor lässt dem Jungen die Freiheit. Er schreibt die Gedanken auf, die der Junge in dieser Situation hat. Er folgt ihm, kommentiert nicht, interpretiert nicht. Er bleibt in der persönlichen Perspektive des Jungen.

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Blutige Bilder

(c) Ingrid Poljak

Montag, 09:30 Uhr

Fred saß in seinem Büro und stocherte die letzten Krumen des Frühstücksbrotes aus seinen Zähnen. Den Zahnstocher behielt er im Mund, während er im Geiste das Textbuch vor sich liegen hatte und seinen Text fürs Theater memorierte. In Wirklichkeit lagen nur die Papiere und Pläne für die Bauverhandlung vor ihm. Der letzte Auftraggeber war pleite, und Fred würde nur übers Gericht an einen Teil seines Geldes herankommen. Zum Glück war der Auftrag zum Bau eines Hotelrestaurants in Laab am Wald so gut wie fix. Für heute um elf war die Verhandlung angesetzt. Er hatte extra dafür neue Jeans angezogen und seine Lederjacke mitgenommen. Auf dem Land legten sie Wert auf gutes Aussehen. Baubeginn war in zwei Monaten geplant. Dann konnte er wieder zwei Baustellen parallel laufen lassen, die keine fünf Kilometer voneinander entfernt lagen. Er würde da sicher einige Kosten einsparen. Er konnte auch den neuen LKW bestellen, den er dringend brauchte. Wenn alles nach Plan lief, würde sich die Firma in einem halben Jahr erholt haben.

Er schob gerade den Zahnstocher in den anderen Mundwinkel, als das Handy läutete.

Der Polier war dran. Mit Hans Nowak hatte Fred einen Mann gewonnen, auf den er sich verlassen konnte. Zurzeit betreute Nowak die Baustelle in Rodaun ganz hervorragend.

„Schlechte Nachrichten, Herr Feichtinger.“

„Sind die Polen nicht gekommen?“ Es war fünf nach halb zehn, die Männer müssten gerade die Pause beendet haben.

„Ich habe sie nach Hause geschickt. Katholiken, und morgen ist Feiertag. Da wird heute nichts mehr. – Aber das ist es nicht.“ Der Polier machte eine Pause und Fred war nahe daran, zum ersten Mal Nowaks Entscheidung nicht gutzuheißen. Er hielt sich zurück.

„Chef, wir sind auf eine Leiche gestoßen.“

„Auf eine … was?!“

„Da liegt eine Leiche in der Baugrube.“

Einen Augenblick lang hielt Fred inne, dann knallte er das Handy auf den Tisch und sprang auf. Riss seine Jacke von Kleiderständer, stürzte an seiner Vorzimmerdame vorbei. „Alle Anrufe abwimmeln! Termine absagen!“

An der Tür machte er kehrt, schnappte sein Handy vom Schreibtisch und hetzte nochmals an der Vorzimmerdame vorbei. „Bin in Rodaun!“

„Auch die Bauverhandlung in Laab?“

„Rufen Sie den Gemeinderat an, Resi. Sagen Sie, ich bin krank!“ Die Regiebesprechung im Theater heute Abend konnte er auch in den Kamin schreiben.

Während er durch die Breitenfurterstraße brauste, drückte er die Rückruftaste. „Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen. Und nichts anfassen bitte!“ Das klang, wie Fred es aus Fernsehkrimis kannte. „Und schicken Sie auch die restlichen Leute nach Hause. Zeitausgleich.“ Sein Polier hatte recht gehabt, die Polen nach Hause zu schicken. Er konnte es sich nicht leisten, die Arbeiter fürs Herumstehen und Gaffen zu bezahlen. Warum musste so etwas auch jetzt passieren, jetzt, schon zwei Monate, bevor er die Leute woanders einsetzen konnte?! Ein Toter auf einer Baustelle bedeutete Stillstand. Polizisten würden herumkriechen und Absperrleinen spannen, sie würden Fragen stellen. Die Gedanken in Freds Kopf stolperten durcheinander. Wir sind auf eine Leiche gestoßen, das klang nicht nach Arbeitsunfall. Er rief nochmals Hans Nowak an.

„Ein alter Toter?“ Hoffentlich kein alter Friedhof, auf dem noch viele Leichen begraben waren …

„Was? – Nein, eine junge Frau.“

„Ich meinte, schon lange tot?“

„Ich glaube nicht. Sie liegt unter einem Sandhaufen.“

Herrgott, hoffentlich ein Unfall, alles nur kein Mord! Nur keine langen Ermittlungen! Keine Baueinstellung! Nicht jetzt! Seine Hände umklammerten das Lenkrad, die Fingerknöchel traten weiß hervor. Er bremste scharf und fuhr trotzdem bei Rot über eine Kreuzung.

Die nächste Straße rechts. Das Auto schlitterte um die Ecke. Nach einem Kilometer hielt er neben dem Polier an, riss die Handbremse hoch. Nowak öffnete ihm die Wagentür und deutete ihm, sich zu beruhigen. Dort, wo zwei Arbeiter in der Baugrube standen, musste die Leiche liegen.

Während Fred dem Polier in die Baugrube folgte, wurde ihm klar, dass er vor drei Minuten beinahe einen Fußgänger überfahren hätte. Der Mann hatte hinter ihm drohend den Gehstock erhoben.

Ein Haufen grober Sand lag in der Baugrube, zwischen der Böschung und dem fertiggestellten Fundament. Sand, der gestern nicht dort gelegen war. Und es sah aus, als hätte jemand von oben die Leiche verschütten wollen. Unter dem unteren Ende des Sandkegels ragte ein nackter Unterschenkel hervor. Fred zog seine Jacke fester zusammen, trotzdem überlief Kälte seinen Rücken.

Hans Nowak sprang in die Grube und beugte sich nieder.

„Nicht berühren!“

Doch Nowak kehrte mit der Hand ein paar Sandklümpchen von der Haut der Leiche. Er hatte recht gehabt: es war das glatte Bein einer Frau mit rot lackierten Zehennägeln.

Fred drehte sich um, schaute zu den beiden Arbeitern, die jetzt etwas abseitsstanden und herüberglotzten. „Fahrt nach Hause. Nehmt euch Urlaub.“ Sein Blick fiel wieder auf das bleiche Bein.

„Aber die beiden haben die Leiche gefunden“, sagte Nowak. „Die Polizei wird sie fragen wollen.“

Das Wort Polizei begann in Freds Kopf zu hämmern. Aber gleichzeitig blitzte ein anderer Gedanke in seinem Hirn auf. Was, wenn die Polizei gar nicht kam? Was, wenn die Tote unter der Böschung verschwinden würde?

„Habt ihr die Polizei schon verständigt?“

Wieder rieselte ein Schauer über seinen Rücken, er zog die Schultern hoch und schüttelte sich ab. Die Tote einfach liegen lassen und begraben! Wie konnte er so etwas nur denken?!

Der Polier nickte. „Die müssen jeden Augenblick da sein.“

Fred bohrte die Schuhspitze in den Sandhaufen, dorthin, wo er den Kopf der Frau vermutete. Er schob ein paar Steinchen zur Seite. Sand und Kies von der Böschung rutschten nach. Aus dem Sandkegel schimmerten eine nackte Schulter und ein Stück roter Stoff hervor. Ein Wäschestück oder ein Halstuch. Da ertönte von weitem die Polizeisirene.

Lektorat

Fred sitzt am Schreibtisch, kaut auf einem Zahnstocher, repetiert seine Theaterrolle und vor ihm liegen Baupläne. Von einem Bauprojekt, das gerade Pleite gegangen ist und er muss zum Gericht.

Dann ruft der Polier einer anderen Baustelle an. Er hat eine Leiche gefunden.

Fesselt eine Szene?

Wie immer die erste Frage: Fesselt der Text?

In diesem Falle: am Anfang nicht. Ich hätte ihn aus der Hand gelegt, bevor ich zu den spannenden Teilen gekommen wäre.

Woran liegt es, dass er nicht fesselt? Ist es eine langweilige Szene? Fehlt beim Aufbau, bei der Struktur Spannung?

Nein, das Konzept der Szene hat Spannung. Eine Leiche auf der Baustelle und das bedeutet Ärger.

Was heißt: Die Struktur der Szene muss nicht überarbeitet werden. Aber sie braucht mehr Spannung.

Die Delete Taste ist die beste Arznei für mehr Spannung

Wenn die Struktur stimmt, aber der Anfang lahmt, dann wirkt die Entf– bzw. die Delete-Taste Wunder. Um das Tempo zu beschleunigen, unwesentliches zu streichen, den Text auf die Geschichte zu konzentrieren.

Doch was soll man streichen?

Was ist nötig?

Da hilft die Frage: Was ist für die Szene nötig? Ist es nötig, zu wissen, dass in zwei Monaten eine neue Baustelle aufgemacht wird, dass der bisherige Bauträger Pleite ist, dass Fred zum Gericht muss?

Nein. Dass er Termine hat, erfahren wir später, wenn er den Auftrag gibt, sie abzusagen. An der Szene ändert sich nichts, wenn man das streicht.

Braucht man den Zahnstocher und dass er seine Rolle repetiert?

Ja, denn das schafft eine Spannung zwischen dem, was Fred gerade im Kopf hat, was ihn interessiert und dem, was gleich passieren wird.

Also streichen wir mal im ersten Kapitel alles andere:

Fred stocherte die letzten Krumen des Frühstücksbrotes aus seinen Zähnen. Den Zahnstocher behielt er im Mund, während er seinen Text fürs Theater memorierte. Vor ihm lagen die Pläne für die Bauverhandlung.

Er schob gerade den Zahnstocher in den anderen Mundwinkel, als das Handy läutete.

So, die ganzen Details sind fort. Was habe ich noch gestrichen? Sehen Sie sich nochmal die Originalfassung an.

Zwei Handlungen sind eine zuviel

Ich habe gestrichen, dass Fred in seinem Büro sitzt. Erstens ist das ein sehr passives Verb, das das Tempo drosselt. Zweitens kann der Leser das aus den folgenden Sätzen entnehmen, es ist überflüssig.

Oft beschreiben Autorinnen und Autoren in der ersten Fassung zwei Handlungen, verwenden zwei Verben. Wenn Sie Tempo haben wollen, ist es eine gute Idee, das weniger aktive Verb zu streichen. Hier also das »sitzen«. Auch das er »im Geiste das Textbuch vor sich liegen hatte« ist unwesentlich. Wichtig ist, dass er seine Rolle memoriert.

Lebendige Details

Was halten Sie von dem Zahnstocher? Würden Sie ihn streichen?

Nein. Denn das ist ein lebendiges Detail, das ein Bild weckt. Ein Mann, der auf seinem Zahnstocher kaut und seine Brötchenreste aus den Zähnen gepult hat.

Ein Detail ist immer gut. Wenn Sie mehrere solche Details in einer Szene haben, die Tempo verlangt, dann wählen Sie das eindrücklichste. Das, das Bilder weckt. Die Verhandlung weckt keine, auch die neuen Jeans nicht.

Was wir wissen müssen – und was nicht

Der Polier war dran. Mit Hans Nowak hatte Fred einen Mann gewonnen, auf den er sich verlassen konnte. Zurzeit betreute Nowak die Baustelle in Rodaun ganz hervorragend.

Auch hier werden zwei Dinge behauptet.

Erstens, dass Fred mit dem Polier jemand gewonnen hatte, auf den er sich verlassen konnte. Etwas umständlich erklärt.

Zweitens, dass er die Baustelle in Rodaun betreut. Und dass er das ganz hervorragend tut, was wieder das Gleiche sagt, wie der Satz davor.

Wieder die Frage: Welche der beiden Sätze brauchen wir? Dass der Polier verlässlich ist? Oder dass er die Baustelle in Rodaun betreut?

Ich plädiere für Rodaun. Nowak betreute die Baustelle in Rodaun.

Nicht darüber, dass er das hervorragend tut? Nein, noch sind wir am Anfang der Geschichte, da ist Tempo und Konzentration angesagt.

Dialog und Comic relief

Dann folgt der Dialog am Telefon.

Lesen Sie ihn bitte noch einmal durch. Was würden Sie dort streichen?

Erst geht es um die Polen, die zwar gekommen sind, aber sich auf den katholischen Feiertag konzentrieren, statt auf die Bauarbeiten. Doch die Polen und deren Religion sind nicht das Problem. Streichen würde ich sie nicht, sie sind die Ruhe vor dem Sturm und bringen einen Comic Relief. Sicher könnte man hier über die eine oder andere Stelle streiten, aber dann würden wir in den Bereich des unterschiedlichen Geschmacks kommen.

Und dann die Leiche. Jetzt ist es ernst. Der sorgsam geplante Arbeitseinsatz gerät ins Wackeln. Und wir erfahren hier, dass die Arbeiter in zwei Monaten anderswo eingesetzt werden sollen, das jetzt aber noch nicht möglich ist. Das stand auch im ersten Absatz des Textes. Dort allerdings unverbunden. Hier dagegen passt es. Fred würde genau daran denken.

Handlung mit Tempo

Dann rast Fred durch die Stadt. Wir wissen warum, deshalb passt diese Hektik. Die Autorin bleibt eng im Kopf von Fred. Keine Autorenbehauptungen mehr wie im ersten Absatz.

Lesen Sie sich den Rest des Textes noch einmal durch und markieren, an welchen Stellen etwas geändert werden sollte.

Achtung: Das ist die erste Überlegung. Immer gut, erst mal die Stellen zu markieren. Und beim zweiten Lesen zu überprüfen, welche dieser Markierungen Sie berücksichtigen müssen und welche nicht.

Die vermaledeiten Adverbien

Jeder Autor, jede Autorin verwendet sie in der ersten Fassung: Adverbien. Zum Beispiel in diesem Satz:

Red drehte sich um, schaute zu den beiden Arbeitern, die jetzt etwas abseits standen und herüberglotzten.

Braucht man den zeitlichen Hinweis, dass sie »jetzt etwas« abseits stehen?

Nein. Vermutlich stehen die schon seit einiger Zeit abseits. Und selbst, wenn nicht, die Zeit spielt keine Rolle. Wohl aber das Glotzen und Abseitsstehen.

Wann man hinschauen sollte

Und dass Fred zu ihnen herüberschaut? Habe ich nicht oft genug geschrieben, dass es unwichtig ist, dass jemand schaut oder etwas hört? Dass das, was er sieht, wichtig ist und man das Schauen streichen könne?

Nein, hier würde ich es ausnahmsweise nicht streichen. Denn hier hat das Schauen eine Funktion. Fred fallen sie auf und deshalb will er sie nach Hause schicken. In diesem Falle sollte das Schauen stehen bleiben, weil es eine Funktion hat.

Beginnen Sie nicht zu handeln

Das Wort Polizei begann in Freds Kopf zu hämmern.

Beginnen ist eins der Vampirverben, die häufig in der ersten Fassung auftauchen und dem Hauptverb die Kraft aussagen. In diesem Fall dem Hämmern. Also besser:

Das Wort Polizei hämmert in Freds Kopf.

Etwas besser. Aber nicht viel. Hämmert auch Ihnen das »Hämmern« unrund beim Lesen im Kopf herum? Bei mir ja.

Wichtig ist die Polizei. Das Wort löst bei Fred Schrecken aus. In solchen Fällen können Sie das Wort einfach stehen lassen, ohne weitere Begleitmusik.

Polizei! Absperrungen! Stillstand!

Und ein anderer Gedanke blitzte in seinem Hirn auf. Was, wenn die Polizei gar nicht kam?

Was habe ich hier gemacht? Ich habe nur drei Worte hingeschrieben, die an die Überlegungen beim Telefonanruf anschließen. Weil der Leser die bereits kennt, muss ich nicht ausführlich sagen, was das bedeutet. In Actionszenen (und auch im Dialog) muss man nicht immer vollständige Sätze bilden. Abgebrochene Sätze, einzelne Worte können das Tempo erhöhen.

Und dann kommt die Wende. Was wäre, wenn …

Da und Zeitangaben

Am Schluss grübelt Fred, doch dann unterbricht die Polizeisirene sein Grübeln. Guter Schluss.

Muss man extra betonen, dass das »dann« oder »da« geschah?

Nein eigentlich reicht der Satz: »Von weitem ertönte die Polizeisirene.« Als eigener Absatz und Schlusspunkt der Szene.

Wenn klar ist, wie der Zeitablauf ist (Fred überlegt, dann werden die Überlegungen durch die Polizeisirene unterbrochen), müssen Sie das nicht extra betonen. »Dann«, »Da«, »Während«, »Als« können Sie meistens streichen und werden damit das Tempo steigern.

Zusammenfassung

Wenn die Szene selbst spannend ist, Sie aber beim Lesen das Gefühl haben, dass der Spannungsbogen durchhängt, lohnt es sich, zu streichen. Langatmige Szenen gewinnen dadurch Spannung und Tempo. Denken Sie daran: Die Entf- bzw. Delete-Taste ist der beste Freund der Autorinnen und Autoren.

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Jonata

Der Rauch brannte in Jonatas Lunge. Überall stieg lodernd das Feuer dem Himmel entgegen. Menschen rannten wild durcheinander. »Hierher Jonata«, schrie Agnes, ihre Mutter. »Dein Bruder,« rief sie und griff sich verzweifelt ins angesengte Haar, »er ist noch da drin!«, heulte sie und gestikulierte wild in Richtung des Feuers.

Der Stimme ihrer Mutter folgend, bahnte sie sich den Weg durch das Inferno. Ihr kleiner Bruder war noch in dem brennenden Gebäude und versuchte ihren Vater herauszuholen. Er war von einem herunter gefallenen Balken getroffen und lag unter ihm begraben.

Sie hatte Angst und das Atmen fiel ihr schwer. Der Rücken schmerzte, von dem vielen Wassertragen. Ihre Hände waren aufgerissen und bluteten von den Henkeln aus groben Seil. Mit zusammen gebissenen Zähnen kämpfte sie sich vorwärts.

Der lange Kittel klebte an ihrem Körper, getränkt vom Schweiß. Ihre Schuhe verfingen sich im Saum ihres Kleides. Das Laufen wurde anstrengender, da auch der Saum nass vom Wasser war. Der trockene Boden war aufgeweicht und schmierig geworden. Sie rutschte mit den Füßen im Schlamm aus und landete unsanft auf ihrem Hintern.

Fluchend rappelte sie sich wieder auf. ›Das Wasser, ich muss weiter, ehe das Haus abbrennt‹, schoss es panisch durch ihren Kopf.

»Jonata, wo bleibst du«, schrie ihre Mutter aufgebracht.

»Ja, ich komme«, krächzte sie, wohl wissend, dass ihre Mutter sie nicht hörte, während sie nach den Seilen griff und die Eimer anhob. Nur wenige Schritte und sie hatte es geschafft.

Ein lauter Knall. Der Funkenregen schoss zum Himmel. Jonata blieb wie angewurzelt stehen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf das lichterloh brennenden Haus. Ihr Mund stand offen. Ungläubig starrte sie auf die Flammen. Angst und Verzweiflung breiteten sich in ihrem Körper aus. Sie fühlte sich gelähmt. ›Ich war zu langsam‹, schoss es durch ihren Kopf.

Ihre Mutter stand ein Schritt von ihr entfernt. Diese drehte ihren Kopf und schaute ihre Tochter an. Ihre Blicke trafen sich und Jonata erkannte die Entscheidung, ehe sie reagieren konnte. Sie sah wie ihre Mutter ein Lederband mit Anhänger von ihrem Hals riss und es mit einer abwertenden Geste auf den Boden warf. Das Amulett landete vor Jonatas Füßen. Dann drehte sich Agnes um und rannte schreiend auf den Scheiterhaufen zu. Ihre Kleider fingen sofort Feuer. Sie schlug mit den Armen um sich, aber die Flammen griffen nach ihrem Körper und sie verbrannte grausam mit ihrem Mann und Sohn vereint. Jonatas Blick wanderte über das Flammenmeer nach oben, da wo Festung stand.

Die Burg Finsterwald, hoch oben auf dem Berg, war bis jetzt noch verschont geblieben. Hastiges Treiben drang leise zu ihr herunter. Die Sicht war durch den ständig aufsteigenden Rauch getrübt.

Von einem Wassergraben umgeben gelangte man über die Zugbrücke auf die Festung. Die äußere Burgmauer war aus groben Steinen gemauert. Diese war an vielen Stellen zerstört, sodass einzelne Steinhaufen aus den Boden ragten. Finsterwald war zusammengeschrumpft, da die komplette Vorburg den vielen Eroberungskämpfen zum Opfer gefallen war. Hier hatte sich die Natur das Land zurückerobert. Zwischen den Häuserruinen, wucherten allerlei Sträucher.

Der zentrale kleine Platz, führte direkt zur Hauptburg. Aus der Not heraus, befanden sich die Ställe für die Pferde, die Gesindehäuser und die Waffenkammern innerhalb der Hauptburg. Auch die Schmiede lag innerhalb der zweiten Schutzmauer. Rechts und links neben der Zugbrücke standen zwei Mauertürme, von deren oberen Plattform aus, von Weitem jeden Ankömmling sehen konnte. An der gut erhaltenen inneren Mauer befand sich der hölzerne Wehrgang. Dieser war notdürftig ausgebessert. Auf diesem herrschte hektisches Treiben. Das Fallgatter versperrte den Weg nach draußen. Die Wächter versuchten, mit vereinten Kräften, dieses hochzuziehen.

Lautes Gebrüll war zu hören. »Los öffnet das Tor und lasst die Zugbrücke herunter ihr lahmen Säcke.« Die Pferde scharrten mit den Hufen und die Reiter auf ihnen hatten ihre Mühe die Tiere ruhig zu halten. Ritter von Finsterwald war ein strenger Herr und bemüht den Schaden von seinem Rittergut so gering wie möglich zu halten. Mit einem lauten Rasseln fiel die Zugbrücke herunter und die Hufe der Pferde donnerten in der Dunkelheit über die Brücke. Der Reitertrupp kam schnell auf das brennende Dorf zu.

Den Männern bot sich ein schauriger Anblick. Ein kleiner Haufen rußverschmierter Menschen, in verbrannter Kleidung, stand mitten im Chaos des ursprünglichen Dorfes. Ihre Hilflosigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Alle hatten über ihre eigenen Kräfte hinaus gearbeitet und versucht den Brand zu löschen. Das Dorf war dem Untergang geweiht. Nur die Flammen und der beißende Rauch erinnerten an die ehemalige Siedlung.

In diesem Moment öffneten sich die Schleusen am Himmel und es begann zu regnen. Zu spät für all jene, die im Flammenmeer ihr Leben verloren hatten. Mit einer knappen Handbewegung brachte der Anführer den Reitertrupp zum Stehen. »Sammelt alle Überlebenden ein, treibt die Ziegen und Schafe zusammen und bringt alle innerhalb der Burgmauern«, befahl Linhart. »Für alle anderen kommt jede Hilfe zu spät. Wenn die Feuer runter gebrannt sind, schauen wir morgen, was nicht den Flammen zum Opfer gefallen ist.« Mit diesen Worten wendete er sein Pferd und galoppierte zurück auf die Burg.

Die kleine Gruppe Überlebender, setzte sich in Bewegung. Sie folgten dem Reitertrupp. Nachdem sie die zerstörte Vorburg hinter sich hatten, überquerten sie die Brücke, bis sie den Innenhof erreichten. Am Rande der Burgmauern ließen sie sich erschöpft nieder, um dort die Nacht zu verbringen.

Jonata setzte sich etwas abseits und zog die Beine dicht an ihren Bauch. Sie legte die Arme um ihre Knie und ließ den Kopf nach vorn auf dem Schoß fallen.

Die schrecklichen Bilder, vom Freitod ihrer Mutter und dem Verlust des Vaters tauchten vor ihrem inneren Augen auf. Der Knoten in ihrem Hals löste sich und bahnte sich als Tränen den Weg über ihre Wangen. Ihr Kleid war steif von dem Lehm, der sich mit dem Wasser in den Stoff gesaugt hatte. Die Feuchtigkeit drang über ihre Haut ein. Sie spürte die innere Kälte in sich aufsteigen, bis sie am ganzen Körper zitterte. Ihre Finger waren steif und Klamm. Die blutenden Handflächen schmerzten. Vor Erschöpfung schlief sie in dieser Position ein.

Der Schlummer dauerte nicht lange. Als sie ihre Augen öffnete, war es noch dunkel. Völlig steif richtete sie sich auf und lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer hinter ihr. Das Schnarchen einiger Bauern in ihrer Nähe war das Einzige, was die Stille in der Nacht durchbrach. Sie legte den Kopf nach hinten und schaute flehend nach oben. Die Wolken waren verschwunden und gaben den klaren Nachthimmel frei. Der Mond war zu seiner vollen Größe herangewachsen und tauchte die Burg in einen schwachen Schein. Die Sterne bildeten einen schönen Kontrast zu der schaurigen Welt, in der sich Jonata gefangen fühlte.

Auf einmal setzten sich die Sterne in Bewegung und fielen mit langem Schweif auf die Erde nieder. Mit großen Pupillen beobachtete Jonata das Schauspiel. Die herab fallenden Lichter zogen sie in ihren Bann. Die unerwartete Helligkeit überraschte sie. Der Sternenregen war so schnell vorbei, wie er angefangen hatte. Von der Ferne hörte sie das Heulen eines Wolfes, der sein ganz persönliches Lied für diese Nacht sang. In dieser Stellung schloss sie ihre Lider und lauschte den Bewohnern des Waldes.

Steif von der nächtlichen Kälte, wachte Jonata am nächsten morgen aus ihrem Dämmerschlaf auf. Innerhalb der Burgmauern fühlte sie sich eingesperrt. Die Angst vor dem, was sie jetzt erwartete, kroch langsam den Rücken hinauf. Ohne ihre Familie war sie jetzt schutzlos.

Lektorat

Wie immer die erste Frage: Um was geht es in dem Text?

Ein Dorf brennt nieder, der Vater ist unter einem Balken eingeklemmt, der Bruder versucht, ihn zu retten, das Gebäude stürzt brennend über beiden zusammen und die Mutter stürzt sich in die Flammen.

Die Tochter Jonata sitzt jetzt schutzlos in einem mittelalterlichen Umfeld. Also entweder ein historischer Roman oder eine Fantasy.

Ein durchaus realistisches Ereignis, die Dramatik steigert sich langsam.

Und es gibt einige schöne Beschreibungen. Der Wolf, der sein persönliches Lied für die Nacht heult. Der Sternenregen, der Mond. In den letzten Absätzen erleben wir Jonata.

Will man weiterlesen?

Die nächste Frage des Lektorats: Wirkt der Text? Will ich weiterlesen?

Klara Antwort: Nein. Wie würden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, antworten? Ich vermute, dass die meisten Ähnliches sagen würden.

Und warum ist das so? Weil die Dramatik zwar stimmt, die Durchführung, der Stil aber zu wünschen übriglässt. Der Text klingt wie ein erster Entwurf, er ist noch roh und ungeschliffen.

Was müsste man also überarbeiten?

Gefühle nicht behaupten, sondern erleben lassen

Was passiert genau in diesem Abschnitt:

Ein lauter Knall. Der Funkenregen schoss zum Himmel. Jonata blieb wie angewurzelt stehen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf das lichterloh brennenden Haus, Ihr Mund stand offen. Ungläubig starrte sie auf die Flammen. Angst und Verzweiflung breiteten sich in ihrem Körper aus. Sie fühlte sich gelähmt. ›Ich war zu langsam‹, schoss es durch ihren Kopf.

Ein Funkenregen schießt zum Himmel. Und? Warum? Was passiert außer dem Funkenregen?

Ich vermute, dass das Haus in sich zusammenstürzt. Das ergibt sich daraus, dass Bruder und Vater begraben werden. Aber es wird nicht beschrieben.

Muss man alles beschreiben?

Nicht alles. Aber wichtige Ereignisse schon, vor allem wenn sie bei der Perspektivfigur Gefühle auslösen. Eine gute Regel lautet: erst die Handlung, dann der Kommentar. Erst das, was passiert. Dann, was die Person tut. Wenn nötig, was sie fühlt. In vielen Fällen braucht man es dann nicht mehr.

Hier ist es umgekehrt. Was passiert, wird nur unvollkommen geschildert. Stürzt das Haus ein und schießt deshalb ein Funkenregen zum Himmel? Oder brennt das Haus lichterloh – das weckt den Eindruck, dass es zwar brennt, aber noch nicht zusammengestürzt ist.

Deshalb wirken die nachfolgenden Beschreibungen auch nicht. Ungläubig starrte sie auf das lichterloh brennende Haus. Angst und Verzweiflung breitete sich in ihrem Körper aus.

Da werden Jonata Gefühle zugeschrieben. Sie dürfen nie vergessen: Ihre Geschichte soll im Leser Gefühle auslösen. Angst und Verzweiflung breitet sich aber nicht im Leser aus, wenn der Autor diese Gefühle der Person zuschreibt. Sondern durch Ereignisse, die Angst und Verzweiflung auslösen.

Hier wäre es besser, zu beschreiben, wie das Haus zusammenstürzt. Was sieht Jonata?

Die Balken des Fachwerks gaben nach. Mit lautem Krachen sank die Wand in sich zusammen und begrub alles unter sich. Ein Funkenregen stob zum Himmel. Und sie hörte die Schreie ihres Bruders. »Jonata«, schrie er. »Jonataaaa«. Dann verwandelten sich die Schreie in unverständliches Geheul.

Und was geschieht mir Jonata? Angst und Verzweiflung breiten sich in ihrem Körper aus. Woran sieht man das? Sinkt sie in sich zusammen? Schreit sie auf und rennt zu ihrer Mutter? Bleibt sie einfach stehen? Nimmt sie eine der Nachbarinnen in den Arm und sie heult?

Das wäre anschaulicher als »Angst und Verzweiflung«.

Die Perspektive

Welche Perspektive hat die Erzählung? Eigentlich die von Jonata. Aber leider ist das nicht eindeutig. ›Ich war zu langsam‹, schoss es durch ihren Kopf. Wenn Sie schreiben, dass jemand etwas durch den Kopf schießt, dann schauen sie von außen auf die Person. Sie schaffen eine Distanz, verlassen die Perspektive der Heldin.

Ist das hier nötig?

Nein. Sie war zu langsam, würde das gleiche aussagen und der Erzähler bleibt in der Perspektive Jonatas.

Auch an anderen Stellen wackelt die Perspektive.

Den Männern bot sich ein schauriger Anblick. Ein kleiner Haufen rußverschmierter Menschen, in verbrannter Kleidung, stand mitten im Chaos des ursprünglichen Dorfes.

Da switchen wir in die Perspektive der Reiter, die aus der Burg in das brennende Dorf reiten. Warum?

Dafür sehe ich keinen Grund. Spannender wäre es, in der Perspektive Jonatas zu bleiben.

Reiter sprengten in das Dorf. Die Männer des Grafen! Warum erst jetzt? Warum zum Teufel waren sie nicht gekommen, als das Haus noch stand und hatten Vater herausgeholt? Auf jedem Dorffest prahlten sie mit ihrem Mut, aber wenn es Spitz auf Knopf stand, kamen sie zu spät.

Natürlich würde dann alles fehlen, was der Autor über die zerstörte Vorburg erzählt und die Burg selbst. Doch ist das nötig? Nötig sind die Teile einer Geschichte, deren Fehlen eine andere Geschichte bewirken würde. Das ist hier aber nicht der Fall.

Denn für die Szene, in der die Reiter ins Dorf preschen, ist die Vorburg völlig unwesentlich, weder die Reiter noch Jonata werden sich in dieser Situation den Kopf über den Zustand der Vorburg zerbrechen.

Diese Beschreibung der Vorburg also ganz streichen?

Nein. Denn es gibt eine Stelle, das würde sie passen.

Lesen Sie sich die ganze Szene noch einmal durch. Wo würde der Zustand der Vorburg hineinpassen?

Wenn Jonata mit den anderen zur Burg geht. Denn da könnte sie die Zerstörung wahrnehmen.

Sie passierten die äußere Burgmauer. Aus groben Steinen gemauert, an vielen Stellen verfallen, einzelne Steinhaufen ragten aus dem Boden. Burg Finsterwald war zusammengeschrumpft, die Vorburg den Bauernkriegen zum Opfer gefallen. Hier hatte sich die Natur das Land zurückerobert. Zwischen den Häuserruinen wucherten Sträucher. Bald würde das Dorf genauso aussehen.

An dieser Stelle passt es, Jonata nimmt die Zerstörung wahr, weil sie sie daran erinnert, dass auch ihr Dorf bald so aussehen wird.

Was habe ich in dem Text noch geändert? Ich habe überflüssige Wörter gestrichen, wucherten allerlei Sträucher, da wäre wucherten Sträucher besser. Und statt dem allgemeinen Wort Eroberungskämpfe habe ich die Kämpfe benannt. Auch das ist eine gute Regel: Nehmen Sie das anschaulichste Wort, greifen sie nicht zu allgemeinen Worten. Die wecken nämlich keine Bilder. Bauernkriege hingegen erinnern an Raubzüge, an Unterdrückung und Aufstand.

Was tun?

Wenn eine Szene als Ganzes noch nicht passt, die Perspektive wackelt, dann empfehle ich Neuschreiben. Nicht von außen auf die Geschichte schauen, nicht die Geschichte erklären oder über die Geschichte erzählen. Sondern der Heldin folgen, schildern, was sie wahrnimmt (aber nicht von außen: Jonata sah …)

An den einzelnen Teilen herumzufeilen, lohnt sich nicht in solchen Fällen nicht. Ja, ich weiß, das klingt bitter. Ein Trost: In aller Regel wird der neue Entwurf nicht nur schneller geschrieben, sondern ist auch stilistisch sehr viel besser. Die Folge davon, wenn der Autor in seine Heldin schlüpft. Und noch ein Trost: Auch arrivierten Autoren passiert das. Nina George hat einmal zweihundert Seiten ihres Manuskripts streichen müssen, weil es so einfach nicht ging und polieren auch nicht weitergeholfen hätte.

Die letzten drei Abschnitte beginnend mit: Der Schlummer dauerte nicht lange, kann man übernehmen, dort müsste nur noch etwas gefeilt werden. Die Sterne bildeten einen schönen Kontrast zu der schaurigen Welt, da wirkt schön ziemlich unpassend.

Aber das wäre die Feinputzarbeit, die getan werden muss, wenn die Szene neu aufgemauert worden ist.

Sie sehen: Überarbeitung und Lektorat ist oft nicht mit einem Durchlauf erledigt,

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Was dem Lektorat auffällt: Perspektive und Stil

Was dem Lektorat auffällt: Handlung statt Infodump

Beardmore Gletscher, Antarktis

(C) Leo Aldan

Die Temperatur hätte niedriger sein müssen. Georgina Finley registrierte es mit einer gewissen Unruhe. Ihre Sinne stellten sich scharf. Es war immer das Wetter, das die Außeneinsätze in der Antarktis gefährdete. Jederzeit konnte es umschlagen.­

Georgina raste mit ihrem Schneemobil den im Schatten liegenden Beardmore Gletscher hinauf. Ohne vom Gas zu gehen, nahm sie eine Hand vom Lenker und wischte mit ihrem dicken Handschuh die Tropfen von ihrer Schneebrille. Sie taxierte den kristallklaren Himmel. So weit sah es ganz gut aus, aber hinter den weißen Bergspitzen der Supporters Gruppe zu ihrer linken schimmerte die Luft in mattem Gelb.

»Mir gefällt das nicht.« Camilles spröde Stimme kam aus dem Helmlautsprecher.

Georginas Assistentin hatte schon ein gutes Dutzend Male in der Antarktis gearbeitet. Sie und die Laborantin Nicky fuhren versetzt neben ihr und zogen Fahnen aufgewirbelten Schnees hinter sich her.

»Mir auch nicht«, sagte Georgina.

Camille lachte humorlos. »Sollen wir umkehren?«

Und die Mission so kurz vor dem Ziel abbrechen? Georgina hatte einen Verdacht. Über hundert Vulkane gab es unter dem Eispanzer der Antarktis. Vor ihrem inneren Auge explodierte das Eis. Der Krakatau wäre dagegen harmlos wie ein Feuerwerksböller. Sie schüttelte die Vorstellung ab. Sie brauchte Daten, die Aufzeichnungen aller Seismographen. Fehler konnte sie sich nicht leisten. Sie war die jüngste Teamleiterin der McMurdo-Station. Sie checkte das GPS: S84°49’55,2″ E163°35’42,8″ – Höhe 1768 Meter über Normalnull. Der Umkehrpunkt war bereits überschritten. Entschlossen drehte sie den Gasgriff bis zum Anschlag, der Motor heulte auf und das Schneemobil sprang über die Bodenwellen. »Wir fahren weiter zum oberen Camp.«

»Dort werde ich mir erst mal die Finger wärmen«, hörte sie Nicky aus dem Helmlautsprecher.

»Wenn du glaubst, deine Hände einem Mann unter den Pullover schieben zu können, täuschst du dich«, erwiderte Camille. »Das Camp ist unbesetzt.«

Das war so typisch für die beiden. Wo immer Nicky auftauchte, zog sie mit ihren Mandelaugen und ihrem sexy Körper die Blicke der Männer magnetisch an, was sie gerne ausnutzte. Die hagere Camille McFarland fand selten Aufmerksamkeit.

Georgina wischte die Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf die Piste. Sie suchte den nächsten rotgeflaggten Markierungsstab. Eine halbe Meile vor ihr steckte er im Schnee. Dort verbargen sich Gletscherspalten.

Ein explosionsartiger Knall ließ sie zusammenfahren.

Camille deutete nach links Richtung Mount Bartlett. »Gletscherbruch.«

Das hatte gerade noch gefehlt! Es bedeutete neue Gletscherspalten – unmarkierte. Georgina drosselte die Geschwindigkeit. Das Eis unter ihr erschien ihr nicht mehr sicher. Sie steuerte nach rechts, näher an die Flanke der Skaar Ridge, deren Gipfel im Schein der flachen Sonne matt leuchteten. Sie hoffte, so genügend Abstand zu den Spalten zu bekommen.

Am Himmel zog Dunst auf.

Camille bemerkte es auch. »Da braut sich ein Unwetter zusammen.«

Georgina wünschte, sie könnte schneller fahren. Sie hielt sich so weit wie möglich von den Markierungen fern. Es wurden immer mehr: links dicht wie ein Röhricht, auch rechts kamen sie näher. Georgina fädelte sich klopfenden Herzens hindurch.

Major Healey, Kommandant der McMurdo-Station, hatte sie gewarnt: Letztes Jahr war auf dieser Strecke eines der Kettenfahrzeuge eingebrochen. Die Bergung war schwierig gewesen und einem Teammitglied musste wegen Erfrierungen ein Fuß abgenommen werden. Georgina zog es bei diesem Gedanken den Magen zusammen. Sie ließ kein Auge von der Piste.

Plötzlich registrierte sie eine Bewegung vom Polarplateau, eine Bö schüttelte ihren Schlitten und in Sekunden hüllte sie staubfeiner Schnee ein. Berge und Horizont verschwanden in einem diffusen Weiß, das alles verschluckte. Ein verdammtes White-Out! Ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie musste jetzt die Nerven behalten. Kein abruptes Bremsmanöver, die Gefahr war viel zu groß, dass ihre beiden Mitarbeiterinnen in sie hineinrasten. Aber irgendwo vor ihr klafften Gletscherspalten. Schon hatte sie den Befehl zum Anhalten auf den Lippen, da zeichneten sich die Konturen der Landschaft wieder ab. Georgina nahm einen tiefen Atemzug. Glück gehabt. Wäre sie allein unterwegs, könnte sie mehr riskieren. Aber sie hatte Verantwortung. Sie musste so schnell wie möglich auf die Höhen, bevor es schlimmer wurde. »Bleibt genau auf meiner Spur«, rief sie ins Helmmikrofon und ließ den Motor aufheulen. Sie visierte die abgesteckte Spur an, behielt aber den Himmel im Auge.

Hinter der Skaar Ridge, die das Ende der Queen Alexandra Kette bildete, verließ sie den Beardmore Gletscher und steuerte den steilen Anstieg zum Polarplateau hinauf. Auf der Hochebene blies ihr ein heftiger Wind entgegen. Von Süden rollten schwarze Wolken heran.

Nicky schob sich mit ihrem Schneemobil neben Georgina. »Ist das nicht wunderschön«, rief sie begeistert und deutete auf den Himmel hinter sich.

Georgina drehte den Kopf und erblickte eine linsenförmige Lichterscheinung, die über der gesamten westlichen Bergkette aufzog. Im Zentrum erschien sie dunkellila, an den Rändern ging sie in mattes Gelb über. Unwillkürlich lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. »Hast du so etwas schon mal gesehen, Camille?«

Die schüttelte den Kopf.

Instinktiv zog Georgina die Schultern ein. Unbekannte Wettererscheinungen häuften sich in den letzten Jahren — und meistens brachten sie nichts Gutes. Sie konzentrierte sich wieder auf die Piste. Mit Höchstgeschwindigkeit flogen die Schlitten über das glatte Schneefeld und in weitem Bogen um Mount Wild herum. In einem geschützten Tal dahinter befand sich das Camp und nur unweit davon war der Seismograph verankert. Der letzte, bei dem Georgina Akkus und Datenchips austauschen sollte. Danach war ihre Mission beendet. Mit den Daten von einundzwanzig Seismographen, die vier Jahre lang auf den Puls der antarktischen Vulkane gelauscht hatten, würden sie und ihr Team in die Vereinigten Staaten zurückfliegen. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie beim Gedanken an die Auswertung.

Plötzlich erschien der Schnee vor ihr glatt und glänzend. »Vorsicht! Glatteis!«, schrie sie ins Helmmikrophon. Schon geriet ihr Schneemobil ins Schlingern, der Anhänger verstärkte den Impuls und brachte das Gespann ins Schleudern. Georgina schoss das Adrenalin in die Adern. Im Augenwinkel sah sie Nickys Gefährt auf eine Kante zurutschen.

»Nicky!« Camilles panische Stimme mischte sich im Helmlautsprecher mit ihrer eigenen. »Gegensteuern! Gegensteuern!«

Während sie versuchte, ihr Schneemobil unter Kontrolle zu bringen, kippte Nickys Gespann über den Grat und verschwand.

Georgina stieß einen Schrei aus. »Nicky!« Mit Mühe brachte sie ihren Motorschlitten zum Stehen. Sie sprang von ihrem Sitz und sofort zog es ihr die Füße unterm Körper weg. Reflexartig krallte sie sich an Lenker und Sitzbank fest. »Nicky, melde dich!«, brüllte sie in ihr Helmmikrophon.

Keine Antwort.

Lektorat

Antarktis, drei Frauen mit Schneemobilen unterwegs. Schon das Umfeld sorgt für Spannung. Nach und nach werden die Anzeichen bedrohlicher, wir erleben die Antarktis, sie wird nicht einfach behauptet. Wir ahnen, es wird etwas passieren, wissen aber nicht was. Das erhöht die Spannung zusammen mit den Gefahren, die wir nach und nach kennenlernen.

Handlung statt Infodump oder Erklärbär

Da gibt es die Markierungen der Gletscherspalten, auf die die Drei achten müssen. Es wird nicht gesagt:

In der Arktis gibt es gefährliche Gletscherspalten, auf die Georgina achten musste. Sie waren durch Markierungen rechts und links von der Fahrspur und Georgina musste darauf achten, möglichst weit davon entfernt zu fahren.

Das wäre ein Infodump, den uns die Autorin mit ihrer Autorenstimme erzählen würde. Stattdessen steht dort:

Sie steuerte nach rechts, näher an die Flanke der Skaar Ridge, deren Gipfel im Schein der flachen Sonne matt leuchteten. Sie hoffte, so genügend Abstand zu den Spalten zu bekommen.

Am Himmel zog Dunst auf.

Camille bemerkte es auch. »Da braut sich ein Unwetter zusammen.«

Georgina wünschte, sie könnte schneller fahren. Sie hielt sich so weit wie möglich von den Markierungen fern. Es wurden immer mehr: links dicht wie ein Röhricht, auch rechts kamen sie näher. Georgina fädelte sich klopfenden Herzens hindurch.

Wir denken das, was Georgina denkt, sehen, was sie sieht, fühlen, was sie fühlt. Aber nicht durch Behauptungen (Georgina fühlte ihr Herz klopfen und war besorgt) sonder durch ihre Wahrnehmung (Sie fädelte sich klopfenden Herzens hindurch). Dass sie besorgt ist, dass Situation gefährlich ist, kann der Leser aus dem erschließen, was sie tut .

Dialog statt Infodump

Und wie erfahren die Leser etwas über das Aussehen?

Auch nicht durch Behauptungen (Georgina war mager, Nicky dagegen sexy), sondern durch einen Dialog:

Entschlossen drehte sie den Gasgriff bis zum Anschlag, der Motor heulte auf und das Schneemobil sprang über die Bodenwellen. »Wir fahren weiter zum oberen Camp.«

»Dort werde ich mir erst mal die Finger wärmen«, hörte sie Nicky aus dem Helmlautsprecher.

»Wenn du glaubst, deine Hände einem Mann unter den Pullover schieben zu können, täuschst du dich«, erwiderte Camille. »Das Camp ist unbesetzt.«

Das war so typisch für die beiden. Wo immer Nicky auftauchte, zog sie mit ihren Mandelaugen und ihrem sexy Körper die Blicke der Männer magnetisch an, was sie gerne ausnutzte. Die hagere Camille McFarland fand selten Aufmerksamkeit.

Wir bleiben in den Gedanken und Handlungen von Georgina, erleben, was sie denkt und tut.

Bleiben wir tatsächlich bei Georgina?

Sehen Sie sich nochmals den Abschnitt an. Gibt es Stellen, wo Sie Georgina verlassen? Wo nicht sie, sondern der Autor zu uns spricht?

Ja, die gibt es: Das war so typisch für die beiden.

Das sagt uns der Autor, nicht Georgina. Kein allzu großes Problem, auch ich habe beim ersten Lesen darüber hinweggelesen, es erst beim zweiten Mal bemerkt. Und es lässt sich leicht ändern, einfach diesen Satz ersatzlos streichen.

Perspektive und Distanz

Wenn es spannend wird, wenn die Szene eine Actionszene ist, sollte man möglichst nahe an den Personen bleiben. Also personale Perspektive. Auch wenn Sie in der auktorialen Perspektive schreiben, lohnt es sich, in solchen Szenen aus der Sicht der Personen zu erzählen. Nein, das ist keine Verletzung der Perspektive. Auch auktoriale Erzähler können ganz nah an ihre Figuren herangehen. Lassen Sie sich da nichts von Perspektiv-Dogmatikern einreden.

Korinthen

Oben habe ich einen Satz entdeckt, bei dem der Text in die Autorenstimme verfällt, die Perspektive Georginas verlässt. Eine Korinthe, sicherlich.

Gibt es noch weitere solche Korinthen?

Übung

Lesen Sie sich den Text noch einmal genauestens durch. Markieren Sie Stellen, in denen die Perspetive Georginas verlassen wird und dem Leser vom Autor etwas mitgeteilt wird, statt ihm das durch die Gedanken oder Wahrnehmungen Georginas das zu erleben.

Korinthen machen auch Mist

Warum reite ich hier so auf diesen Korinthen herum? Die allermeisten Leserinnen und Leser werden das gar nicht bemerken.

Richtig, sie werden es nicht bemerken.

Trotzdem ist es wichtig, dass Sie, liebe Autorinnen und Autoren, sich damit beschäftigen. Dafür gibt es zwei Gründe:

Erstens schult es ihre Textwahrnehmung. Wenn Sie solche Korinthen suchen, schärfen Sie Ihr Auge für Stil, Perspektive und Spannung. Sie werden in Zukunft weniger Korinthen schreiben, sie schneller entdecken.

Zweitens nehmen es Leser zwar nicht wahr, dennoch hat es Folgen. Vielleicht sind sie ein bisschen begeisterter von dem Text, finden ihn einen Tick spannender, ohne begründen zu können, warum das so ist. Und dann erzählen sie einen Tick aufgeregter von dem Buch, die Rezension bei Amazon hat mehr Feuer, lockt mehr Leser, sich das Buch anzusehen,

Alles gute Gründe, Korinthen ernst zu nehmen.

Müssen Sie ein Korinthenkacker werden?

Jedesmal den Text auf jede noch so kleine Korinthe zu prüfen, ist das wirklich nötig? Nein, wenn Sie ein erfahrener Autor sind. Ja, wenn Sie noch am Anfang stehen. Mit Erfahrung und Training werden Ihnen weniger Korinthen unterlaufen. Und wenn die Zahl geringer ist, dann verzeihen das Leser leichter. Zehn Druckfehler auf einer Seite brechen einem Text den Hals, einer auf zehn Seiten nicht. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist so wichtig, dass ich es gar nicht oft genug sagen kann.
Und deshalb sollten Sie trainieren, Korinthen zu entdecken oder gar nicht erst zu schreiben.

Spannung

Spannung ist das wichtigste einer Geschichte. Wenn der Text nicht fesselt, klappt der Leser das Buch zu. Oder, wenn er zur pflichtbewussten Lesergattung gehört, quält sich bis zum Ende durch. Ganz sicher wird er nicht begeistert davon erzählen. Höchstens sorgsam gewählte Worte finden (»ganz nett«, »interessant«). Was glauben Sie, wie viele neue Leser wird die Aussage »ganz nett« generieren? Da ist selbst ein emotionaler Verriss wirkungsvoller.

In die Person verwandeln

Bei Actionszenen müssen Sie sich in Ihre s Heldin, Ihren Held verwandeln, denken wie er, fühlen wie er, sehen, riechen wie er.
Was bedeutet das in der folgenden Textstelle:

Nicky schob sich mit ihrem Schneemobil neben Georgina. »Ist das nicht wunderschön«, rief sie begeistert und deutete auf den Himmel hinter sich.

Georgina drehte den Kopf und erblickte eine linsenförmige Lichterscheinung, die über der gesamten westlichen Bergkette aufzog. Im Zentrum erschien sie dunkellila, an den Rändern ging sie in mattes Gelb über. Unwillkürlich lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. »Hast du so etwas schon mal gesehen, Camille?«

Sie sind eine erfahrene Frau, die die Gefahren der Antarktis kennt, fahren so schnell, wie sie es gerade riskieren können, denn Sie müssen ins Camp. Und auf Spalten, Glatteis und weitere Gefahren achten.

Würden Sie da zurückschauen? Ganz sicher nicht. Vielleicht einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Wenn auf der Autobahn ihr Beifahrer sagt: »Schau mal zurück«, drehen Sie dann den Kopf? Oder sehen Sie in den Seiten- oder Rückspiegel?

Nadine ist Praktikantin, unerfahren, außerdem folgt sie der erfahrenen Leiterin. Gut möglich, dass sie zurückschaut. Georgina würde das nicht tun.

Zusammenfassung

Distanz und Perspektive müssen gerade bei Actionszenen stimmen. Hier passt das meiste, es gibt nur einige wenige Korinthen. Aber es lohnt sich, auch diese zu beachten.

Erstveröffentlichung: Tempest 2/2019

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Für meine Kolumne „Was dem Lektorat auffällt“, suche ich ständig neue Texte, wahlweise anonym oder mit Autorennamen veröffentlich, mailen Sie mich an: Lektorat@textkraft.de.

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Was dem Lektorat auffällt: Handlung statt Infodump

Was dem Lektorat auffällt: Stil

Sternknipser

(C) Klaus Scharfenstein

Fades, ungutes Herbstmorgenlicht. Sie hockt regungslos auf der Couch, noch im Schlafoutfit, das Gesicht dem Fenster zugewandt. Sie hat mich bemerkt, ein Gruß ist nicht angebracht. Im Profil sieht sie älter aus, härter. Trotz ihrer wirren, märchenhaften Rapunzelsträhnen, überall und nirgends. Der Kontrast will mir Feuchte in die Augen treiben. Es ist ein zweiter Abnabelungsprozess im Gange, zwischen ihr und mir, ein endgültiger, bin ich mir plötzlich gewiss. Leo?

Was denn, mein Sonnenstrahl?

Stimmt was nicht?

Also – nein, alles in Ord…

Ich hab’ so seltsam geträumt, sooo seltsam!“, unterbricht sie mich, mit jammernder Stimme, noch immer das Fenster im Blick. “Ich habe von der Hütte in Tansania geträumt.

Die Hütte in Tansania ist familiäres Kulturgut. Auf Maras bereits frühkindliche Neugier, die Bedeutung ihres Vornamens betreffend, haben wir mit im Verlauf der Jahre allmählich zunehmender Offenheit reagiert. So hat sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr also nicht nur Kenntnis davon, dass es der gleichnamige Fluss in Ostafrika ist, nach dem wir sie benannt haben, sondern weiß außerdem von ihrer Eltern sentimentalen, aber festen Überzeugung, dass es eine rustikal-romantische Strandhütte am Indischen Ozean in Tansania war, damals, in der zwei hellauf entbrannte Turteltäubchen alles in ihrer Macht Stehende dazu in die Wege leiteten, jemanden namens Mara in die Welt zu setzen. Und spannende Details zum Ambiente, wie die aus Treibholz gezimmerte Möblierung und das Palmenblätterdach, wurden immer wieder aufgetischt, in der Regel von mir. Bei passenden Gelegenheiten wurde dieses Szenario peu à peu um weitere Einzelheiten komplettiert, so dass spätestens die 16-jährige Mara sich – falls sie es nur wollte – eine recht lebendige Vorstellung davon machen konnte, mit welchem Enthusiasmus ihre Mutter und ich damals bei der Sache gewesen sein müssen.

Es war so – plastisch! Ich konnte euch nicht sehen, aber ich wusste, ihr seid da! Ich war ja auch da – so, wie das Dach oder die Wände, irgendwie … Oder der Wind, der vom Meer durch die offenen Fenster ging. Ich war da, Leo, und ihr wart gerade dabei, mich zu zeugen, obwohl es mich schon gab … Alles in dem Moment war so intensiv, die Realität! Ich roch das Meersalz in der Luft, spürte ihre tropische Wärme, ihre Wildheit. Und ich hörte, ich schwöre es, wie von draußen aufmunternde, rhythmisch-anfeuernde Rufe hereinwehten, voller dunkler Intensität und auch lakonischer Geschäftsmäßigkeit. Und – leichte Erdbeben … Wie kann das sein, Papa? Was ist los?!

Mara …!“ Mir ist sofort klar, von welchen Rufen sie spricht. Rufe, von denen sie nichts wissen kann. Von denen ich niemandem jemals erzählt habe, da sie mir bis eben nicht einmal selbst mehr präsent gewesen sind. Und von denen Mara auch nicht durch ihre Mutter erfahren haben konnte.

Es ist ein Trupp von umherziehenden Kokosnusspflückern gewesen, die an jenem Nachmittag auf dem Gelände zugange waren. Wildromantisch-abgerissene Hasardeurnaturen, die in haarsträubender Art und Weise die nackten Stämme der Palmen emporenterten, um, oben angekommen, die reifen unter den dort versammelten Kokosnüssen abzuhacken und herunterfallen zu lassen. Mit lauten und schon als Folge der irrwitzigen Vierter-Stock-Höhe gespenstisch klingenden Rufen wurden dann jeweils die Anzahl der Nüsse und der Name des Pflückers nach unten posaunt, was ein dort stehender Kollege geduldig notierte, nachdem die kiloschweren Früchte mit tatsächlich körperlich spürbarem Wumms auf dem Boden aufgeschlagen waren.

Und sie – träumt davon? Es kann nicht sein, kann einfach nicht sein …

Ihr habt mich an dem Nachmittag gezeugt, aber ich war schon da. Es wart nicht nur ihr beide. Ich war schon dabei.

Wo ist überhaupt …?“Er – ist in mein Zimmer gekommen. Er …

Na, das ist ja hübsch. Bist du verrückt geworden, Mara?

Lass mich reden, Papa!

Bist du etwa verrückt geworden?! Bist du jetzt endgül–„

Ich presse mir die Hand auf den Mund. Die Worte wollen eine Spirale bilden, um die Frage immer und immer wieder aufs Neue zu formen, ohne Ende. Bleiernes Verkrampfen kriecht im Hals hoch, die Gurgel hindurch, nistet sich lähmend im Unterkiefer ein. Ich sitze – weiß nicht, wie. Halte mir das Maul, mit beiden Händen.

Du musst mich jetzt reden lassen. Geht es?

Ich starre sie an. Ihr Redeansinnen ist ihr wichtiger als die Sorge um mein Wohl. Rede.

Ich werde jetzt gleich aufbrechen, Papa. Ich muss gehen, das ist notwendig – für alle.“ Sie steht auf. Ich darf nicht aufgehalten werden. Alexander – er wollte mir in der Nacht zu nahe kommen, und das konnte ich nicht zulassen! Musste ihn … stoppen.

Was soll das?! Wo ist er jetzt, Mara?!“ Ich will es nicht wahrhaben.

Er ist da drin. Es ist vorbei. Geh nicht rein, Leo! Ich bitte dich …

Sie ist meine Tochter. Sie ist mein Ein und Alles, seit ihre Mutter nicht mehr bei uns ist. Sie ist nichts anderes als das Licht meines Lebens, und ich würde mich für sie in kleine Portionen zerhacken lassen – falls es einmal unumstößlich feststehen sollte, dass ganz genau davon ihre weiter andauernde Unversehrtheit und meine Seelenruhe abhingen. Ich würde sie bis zum letzten Blutstropfen verteidigen, jederzeit.

Wenn dieser verklemmte, gestörte, abartige Versager von einem Kerl versucht, meine Tochter zu vergewaltigen, in ihrer Wohnung, als ihr Gast und quasi unter meinen Augen, dann bedeutet das seinen Tod, so weit ich das auch nur irgendwie bewerkstelligen kann.

Mara hat mich davor bewahrt. Ein letzter, ultimativer Liebesbeweis. Ich werde sie verlieren, falls ich sie jemals gehabt habe.

Lektorat

Das ist der erste Beitrag zur Kolumne „Was dem Lektorat auffällt“. Deshalb möchte ich etwas dazu sagen, wie ich und viele Kolleginnen und Kollegen vorgehen.

Ein Text soll wirken. Im Leser Bilder wecken, einen Film ablaufen lassen. Deshalb lese ich zuerst den Text und lasse ihn auf mich wirken. Wie ein normaler Leser.

Am besten dann erst mal drüber schlafen. Repetieren, ob er mich packen konnte. Ihn nochmals lesen, und jetzt darf mein Rot-Stift-Ich, mein innerer Kritiker die Kontrolle übernehmen. Hakt der Text? Können Plot und Figuren überzeugen? Falls ja, wie sieht es mit dem Stil aus, der Erzählstimme?

Plot und Figuren

Plot und Figuren sind das Wichtigste. Wenn die nicht packen, hilft eine stilistische Überarbeitung auch nichts. Dazu muss ich nur die Geschichte analysieren, also alle Schwächen der Geschichte vergessen, die aus stilistischen Problemen resultieren. Manche Texte haben einen tollen Plot, aber mir rollen sich die Zehennägel auf, weil sie so dilettantisch geschrieben sind. Es gibt Autoren, die haben ein tolles Gefühl für Dramaturgie, aber ihr Sprachgefühl lässt zu wünschen übrig.

Dazu muss ich erst mal den Plot extrahieren. Im obigen Fall: Ein Vater mit seiner Tochter, die davor steht, sich vom Vater zu lösen. Und sie träumt von dem Tag ihrer Zeugung, erwähnt Details, die sie gar nicht wissen kann. Obendrein ist sie von einem Mann belästigt worden.

Konflikt ist also zu Genüge vorhanden und auch offene Fragen, die zum Weiterlesen reizen. Die dem Leser sagen, welche Sorte Buch es ist und worum es geht. Es spielt in der heutigen Zeit, ist also keine Fantasy, aber enthält phantastische Elemente.

An der Geschichte selbst, dem Plot und den beiden Figuren habe ich nichts zu mäkeln.

Stil und Erzählstimme

Wie sieht es mit dem Stil und der Erzählstimme aus? Ein Ich-Erzähler erzählt, seine Stimme ist konsistent, hat Eigenheiten, aber manchmal sind diese übertrieben.

Der Text verwendet viele Adjektive. „Wenn Sie ein Adjektiv treffen, bringen Sie es um“, hat uns Mark Twain empfohlen. Aber er war ja nicht dumm und hat die Empfehlung relativiert: Adjektive im Übermaß schwächen sich gegenseitig. Die Dosis macht das Gift.

In einem Text wie diesem dürfen es auch mal mehr Adjektive sein als in einem Actionthriller oder einem Hardboiled-Krimi. Wenn Sie wissen wollen, welche Adjektive ihr Text benötigt, machen Sie eine einfache Übung, die die Bestseller-Autorin LeGuin empfohlen hat.

Übung

Kopieren Sie sich den Text in eine Datei. Dann drucken Sie ihn aus. Als Nächstes streichen Sie alle Adjektive (ja, alle!) und drucken auch diesen Text aus.

Legen Sie beide Texte nebeneinander und vergleichen Sie sie. Meist sehen Sie schnell, welche Adjektive Sie brauchen und welche das Tempo und die Stimmung behindern.

Partizipien – die heimlichen Adjektive

Vermutlich sind Ihnen gar nicht so viele Adjektive aufgefallen? Mir auch nicht. Der Eindruck, dass es zu viele Adjektive sind, entsteht durch die Partizipien. Das sind Verbformen, die keine Handlung mehr ausdrücken, sondern die Funktion von Adjektiven übernommen haben.

Mit lauten und schon als Folge der irrwitzigen Vierter-Stock-Höhe gespenstisch klingenden Rufen wurden dann jeweils die Anzahl der Nüsse und der Name des Pflückers nach unten posaunt, was ein dort stehender Kollege geduldig notierte, nachdem die kiloschweren Früchte mit tatsächlich körperlich spürbarem Wumms auf dem Boden aufgeschlagen waren.

Da ist der „tatsächlich körperlich spürbare Wumms“. Ein Wumms ist ein umgangssprachliches Wort, das bereits einen heftigen Stoß impliziert. Der „spürbare Wumms“ würde reichen. Und dass der Kollege, der die Anzahl der Nüsse notiert, irgendwo dort unten steht, versteht sich von selbst. Sonst könnte er sie nicht notieren. Auch die „lauten und schon als Folge der irrwitzigen Vierter-Stock-Höhe gespenstisch klingenden Rufe“ haben viele in Partizipien eingepackte Informationen, die selbstverständlich sind.

Insgesamt finden sich elf Wörter zwischen dem „mit“ und den zugehörigen „Rufen“. Das macht es nicht gerade übersichtlich und lässt sich entschlacken: „Mit lauten und wegen der Höhe gespenstisch klingenden Rufen“, das wirkt klarer und verständlicher. „Irrwitzig“ und „gespenstisch“ sagen ziemlich das Gleiche. Bei zwei ähnlichen Adjektiven können Sie das weniger eindrückliche streichen und dem anderen dadurch zu mehr Wirkung verhelfen.

Partizipien sind Beamtendeutsch

Wie wirken im Deutschen Partizipien? Wer verwendet sie gerne?

Jeder, der bereits Amtsschreiben erhalten hat – also jeder – weiß, dass es da von Passivkonstruktionen mit Partizipien wimmelt und dass Verben in Substantive oder Partizipien verwandelt werden. Da ordnet niemand an, da „wird angeordnet“. „Bitte betreten Sie nicht den Rasen“ heißt: „Das Betreten des Rasens ist den nicht befugten Mitbürgern unter Strafandrohung untersagt.“

Wenn Sie diese Wirkung nicht erzielen wollen, prüfen Sie besser, ob Sie Ihre Partizipien nicht in aktive Verbformen verwandeln oder streichen können.

Manchmal wirkt umständliche Sprache

Texte sind keine mathematischen Formeln, es gibt kein Richtig oder Falsch. Aber es gibt wirkungsvollere Formulierungen und solche, die weniger wirkungsvoller sind. Die Dosis macht das Gift.

Adjektive und Partizipien, lange, komplexe Satzkonstruktionen bremsen das Tempo, wirken distanzierter. Im Thriller wirkt das nicht, in historischen Romanen oder Fantasy kann es wirken. Wenn es nicht übertrieben wird.

Manchmal wirkt es auch wie ein Augenzwinkern. Der Erzähler drückt damit aus, dass er selbst eine Distanz zum Text hat.

Die Aufgabe eines Lektors ist es dann, zu entscheiden, was angemessen ist und was zu viel. Schnell kommt man in solchen Fällen in den Bereich persönlichen Geschmacks, das darf man nie vergessen.

In obigem Falle würde ich nicht alle Partizipien streichen. Aber die Anzahl zurückschneiden.

Der Anfang

Ein wesentlicher Punkt ist der Anfang. Würde die Geschichte besser wirken, wenn sie mit einem anderen Absatz anfangen würde? Könnte man den ersten oder die ersten Absätze streichen?

Den ersten Absatz des Textes kann man auf jeden Fall streichen. Er macht nicht neugierig, setzt keinen Eingang zur Geschichte. Und der zweite?

Im Profil sieht sie älter aus, härter. Trotz ihrer wirren, märchenhaften Rapunzelsträhnen, überall und nirgends. Der Kontrast will mir Feuchte in die Augen treiben. Es ist ein zweiter Abnabelungsprozess im Gange, zwischen ihr und mir, ein endgültiger, bin ich mir plötzlich gewiss.

Der erste und der zweite Satz geben uns eine Vorstellung von der Frau. Der dritte und der vierte behaupten allgemeine Dinge über sie, haben aber keinen Anker. Die ersten beiden Sätze könnte man entweder direkt als Einstieg verwenden – am besten mit dem Namen – oder in den Dialog einfügen.

Überflüssiges streichen

Ich habe bereits angemerkt, dass der Text viele Partizipien enthält und diese mit zu vielen Details überladen sind.

So hat sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr also nicht nur Kenntnis davon, dass es der gleichnamige Fluss in Ostafrika ist, nach dem wir sie benannt haben, sondern weiß außerdem von ihrer Eltern sentimentalen, aber festen Überzeugung, dass es eine rustikal-romantische Strandhütte am Indischen Ozean in Tansania war, damals, in der zwei hellauf entbrannte Turteltäubchen alles in ihrer Macht Stehende dazu in die Wege leiteten, jemanden namens Mara in die Welt zu setzen.

Das ist ein ziemlich langer und umständlicher Satz, den man zweimal lesen muss. Sie „hat Kenntnis davon“, „alles in ihrer Macht Stehende dazu in die Wege leiteten“, das passt zwar zum Stil der Geschichte. Aber es ist in dieser geballten Form einfach zu viel. Das könnte man etwas zurückschneiden:

So weiß sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr, dass es ein Fluss in Ostafrika ist, nach dem wir sie benannt haben, und weiß auch von ihrer Eltern sentimentalen, aber festen Überzeugung, dass es eine rustikal-romantische Strandhütte am Indischen Ozean in Tansania war, damals, in der zwei hellauf entbrannte Turteltäubchen alles in die Wege leiteten, jemanden namens Mara in die Welt zu setzen.

Jetzt habe ich den Stil beibehalten, aber den Satz entschlackt. Er ist immer noch lang, komplex aufgebaut, mit einigen ausführlichen Wendungen, aber leichter lesbar. Und folgt dem Stil des Autors.

Man könnte den Satz auch teilen. Punkte sind ein gutes Mittel, wenn Sätze aus dem Ruder laufen.

So weiß sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr, dass es der gleichnamige Fluss in Ostafrika ist, nach dem wir sie benannt haben. Und weiß außerdem von ihrer Eltern sentimentalen, aber festen Überzeugung, dass es eine rustikal-romantische Strandhütte am Indischen Ozean war, in der zwei hellauf entbrannte Turteltäubchen alles taten, um jemanden namens Mara in die Welt zu setzen.

Diese Fassung verändert den Stil des Textes, nicht viel, aber doch wahrnehmbar. Welche Fassung wäre besser? Welche gefällt Ihnen besser?

Mit würde die kürzere mit zwei Sätzen statt einem besser gefallen. Dass sich in jedem Satz das Verb „wissen“ wiederholt, wäre nicht kritisch, denn genau darum geht es. Da wäre die Wiederholung eine Betonung.

Die spannende Frage ist aber: Was gefällt dem Autor? Es ist sein Text, sein Name steht drunter, er muss dafür einstehen. Er will der Welt etwas erzählen. Der Lektor soll seinen Text besser machen, aber nicht einen anderen Text daraus stricken.

Schreiben hat keine Verkehrsregeln. Es gibt unterschiedliche Geschmäcker. In solchen Fällen müssen Lektor und Autorin miteinander sprechen. Die letzte Entscheidung trifft die Autorin.

Dialogeinschübe

Lesen Sie den folgenden Teil aus dem Dialog:

„Bist du etwa verrückt geworden?! Bist du jetzt endgül– “‚

Ich presse mir die Hand auf den Mund. Die Worte wollen eine Spirale bilden, um die Frage immer und immer wieder aufs Neue zu formen, ohne Ende. Bleiernes Verkrampfen kriecht im Hals hoch, die Gurgel hindurch, nistet sich lähmend im Unterkiefer ein.

Ich sitze – weiß nicht, wie. Halte mir das Maul, mit beiden Händen.

„Du musst mich jetzt reden lassen. Geht es?“

Hier wird in den Dialog etwas eingeschoben. Dass der Ich-Erzähler sagen will: „Bist du verrückt geworden, endgült …“. Doch dann stoppt er und hält sich den Mund zu.

So weit, so gut. Aber was ist mit den Worten, die eine Spirale bilden wollen, das bleierne Verkrampfen?

Das sind Bilder, die verunglückt wirken, weil der Leser sich erst mal über die Spirale, das bleierne Verkrampfen den Kopf zerbricht. Da wären der erste und zweite Satz viel aussagekräftiger:

„Bist du etwa verrückt geworden?! Bist du jetzt endgül …“

Ich presse mir die Hand auf den Mund. Halte mir das Maul, mit beiden Händen.

„Du musst mich jetzt reden lassen. Geht es?“

Doppelt gemoppelt

Manchmal sind Wiederholungen wirkungsvoll. Oft werfen sie den Leser jedoch aus dem Text.

Ich starre sie an. Ihr Redeansinnen ist ihr wichtiger als die Sorge um mein Wohl. Rede.

„Ich werde jetzt gleich aufbrechen, Papa. Ich muss gehen, das ist notwendig – für alle.“ Sie steht auf. „Ich darf nicht aufgehalten werden. Alexander – er wollte mir in der Nacht zu nahe kommen, und das konnte ich nicht zulassen! Musste ihn … stoppen.“

Hier wiederholt sich einiges. „Ich darf nicht aufgehalten werden“, „das konnte ich nicht zulassen“, das wiederholt nur, was der Leser bereits weiß. Und „Redeansinnen“ klingt holprig. Besser „Redeverlangen“:

Ich starre sie an. Ihr Redeverlangen ist ihr wichtiger als die Sorge um mein Wohl. Rede.

„Ich werde jetzt gleich aufbrechen, Papa. Ich muss gehen, das ist notwendig – für alle.“ Sie steht auf. „Alexander – er wollte mir in der Nacht zu nahe kommen! Musste ihn … musste ihn stoppen.“

Holprige Sätze

Sie ist mein Ein und Alles, seit ihre Mutter nicht mehr bei uns ist. Sie ist nichts anderes als das Licht meines Lebens, und ich würde mich für sie in kleine Portionen zerhacken lassen – falls es einmal unumstößlich feststehen sollte, dass ganz genau davon ihre weiter andauernde Unversehrtheit und meine Seelenruhe abhingen.

„Unumstößlich feststehen“ passt nicht, das klingt eher nach Beamtendeutsch. Und „ihre weiter andauernde Unversehrtheit“, da sind Adjektiv und Partizip überflüssig:

Sie ist mein Ein und Alles, seit ihre Mutter nicht mehr bei uns ist. Sie ist nichts anderes als das Licht meines Lebens, und ich würde mich für sie in kleine Portionen zerhacken lassen – falls davon ihre Unversehrtheit und meine Seelenruhe abhingen.

Weitere Möglichkeiten

Der Bestsellerautor Andreas Eschbach hat einen Text-ÜV entworfen, der aufzählt, was man alles beim Überarbeiten lektorieren kann. Das sind keine Gesetze, aber gute Mittel, den eigenen Text zu überprüfen: http://www.andreaseschbach.de/schreiben/10punkte/10punkte.html

aus The Tempest 1/2 2019

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