Nie mehr Buchhandel?

Manchmal kann ich mich nur noch wundern. Greifen jetzt Buchhändler zu Mafia-Methoden?

Vor drei Jahren habe ich mit Elke Pistor und Nina George  zusammen die Unterschriftenliste gegen Amazons Erpressung initiiert. Amazon hatte die „Gefällt auch“ Rubriken manipuliert, Autoren und Bücher ausgelistet, um Verlage unter Druck zu setzen. Ihnen quasi Rabatt-Angebote unterbreitet, die sie nicht ablehnen konnten, so nennt man das glaube ich bei der Mafia. Die Liste wurde von mehreren tausend Autoren unterschrieben und wir haben, so hoffe ich, Amazon soviel Ärger gemacht, dass es sich in Zukunft überlegen wird, Rabattschlachten auf dem Rücken der Autorinnen und Autoren auszutragen.

Und jetzt hat Marah Woolf einen Blog geschrieben. Aufgrund eines Briefes einer Buchhändlerin, die bat, Marah Woolf möge doch in der Werbung zu einem Buch nicht auf Amazon verweisen, sondern auf den Verlag verlinken. Etwas seltsam, gewiss, denn das Buch war ein Ebook und hatte keinen Verlag. Wie jeder weiß, ist Marah Woolf eine der erfolgreichsten Selfpublisherinnen. Soweit so gut.

Marah hat die Dame darauf hingewiesen, dass es den Verlagslink mangels Verlag nicht geben kann. Und dazu einige Überlegungen zum Buchmarkt angefügt, immerhin hat der in letzter Zeit nicht nur Käufer, sondern vor allem Leser verloren. Mehrere Millionen, die nicht vom Buchhandel zu Amazon gegangen sind, sondern gleich ganz wegblieben vom Lesen. Ein sachlicher Beitrag, über die einzelnen Teile kann man unterschiedlicher Meinung sein. Waren natürlich auch einige Kommentatoren.

Andere aus der Buchhandlungsbranche waren es leider nicht. Sachlich, meine ich. Wer nicht genau die gleiche Meinung hat, ist ein Verräterl Eben die üblichen Trolle. Wozu nach Argumenten suchen, wenn es persönliche Beschimpfungen auch tun?

Hier eine kleine Auswahl:
„Wie armselig sie doch sind.“
„niedere Autorin“
“ Marah Woolf geht es nur ums Geld“
„wer sich als Autorin so zum deutschen Buchhandel outet, hat meiner Meinung nach keinerlei Ehre verdient.“
„Das ist einfach nur ekelhaft was diese Frau von sich gibt“

Natürlich durften Drohungen nicht fehlen.
„Es tut mir nun für den Verlag leid, dass dessen Absätze schwinden werden“
„Wirklich schade, dass der Verlag dieses unprofessionelle Verhalten ausbaden muss. “
„werde ich mir künftig auch die Mara Wolf Bücher nicht mehr hinlegen“
„Mainstreamscheisse“

„ich werde keins deiner Bücher weder lesen, noch an Freunde weiterempfehlen“

 

Klare Ansage an alle Autoren: Ein falsches Wort und du fliegst hier aus dem Laden. Sagte ich vorhin etwas über Mafia?

Und mancher gab sich alle Mühe, seine Unkenntniss des Buchmarkts öffentlich zur Schau zu stellen. Da wurde allen Ernstes behauptet, der Buchhandel hätte Marah Woolf bekannt gemacht. Für viele Autoren stimmt das. Marah Woolf jedoch und viele andere wurden als Selfpublisher durch Amazon bekannt. Jeder weiß das, der sich im Buchmarkt auch nur ein kleines bißchen auskennt. Notfalls kann einem Google das sagen, dauert keine Minute. Amazon hat da eine Marktnische entdeckt und dort jetzt ein Fast-Monopol. Leider.

Marah Woolf hat Glück. Sie ist nicht auf den Buchhandel angewiesen. Sie war sogar eine der ersten, die ihre Bücher als Print herausgebracht hat und damit dem Buchhandel Verkäufe ermöglichte. Ist das jetzt vorbei? Muss man erfolgreichen Selfpublishern raten, veröffentlicht ja nicht bei Verlagen, dann seid ihr vom Buchhandel abhängig? Offenbar gibt es viele Buchhändler, die Selfpublisher, nun ja, nicht gerade hassen. Aber verkaufen? Dann doch lieber die grauen Schatten. Selfpublisher kommen schließlich von Amazon (von wo sonst?).

Wäre natürlich Unsinn. Schließlich weiß ich, dass es überall Trolle gibt und überall Leute, die auf jeden losgehen, der auch nur einen Millimeter vom rechten Meinungspfad abweicht  Wer weiß, vielleicht sind es bezahlte Agent Provocateurs von Amazon?Wer solche „Freunde“ hat, wie die genannten, braucht wahrhaftig keine Feinde mehr.

Zum Glück gibt es die anderen, die vielen Buchhändler, die sich (anders als die Trolle) tatsächlich auskennen, sachlich argumentieren und gute Arbeit leisten.

Außerdem ist Amazon vielleicht nicht der Teufel, aber ganz sicher kein Engel.  Die diversen Bestrebungen der Firma aus Seattle, ein Monopol zu errichten,  beobachte ich mit Sorge und habe schon öfters in Diskussionen im Fairen Buchmarkt darauf hingewiesen. Von oben genannter Unterschriftenaktion ganz zu schweigen.

Dabei wäre der Buchmarkt ohne Amazon auch nicht sicherer für Buchhändler. Ich erinnere nur an die Thalia Aktionen, als die den Markt beherrscht haben. Und ohne Amazon wäre der Buchmarkt heute auch sehr viel einförmiger. Ja, ich weiß, viele werden da widersprechen, aber ich kenne viel zu viele Autorinnen und Autoren, gute wohlgemerkt, die die Leser sonst nie zu Gesicht bekommen hätten.

Um nochmals auf Marahs Blog zurückzukommen. Ja, der Buchmarkt hat Millionen Leser verloren. Aber daran ist ausnahmsweise nicht Amazon schuld, die Gesamtzahl der Leser ist nämlich zurückgegangen. Und das bedroht uns alle. Also, liebe Buchhändler, sachlich bleiben. Wir sitzen im selben Boot.

Ihr Hans Peter Roentgen

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Nie mehr Buchhandel?

Döner gehört nicht zu Deutschland, sagt Seehofer

Gestern hat Seehofer die ersten Ergebnisse des Forschungsprojektes »Was gehört zu Deutschland?« vorgestellt.

»Döner gehört definitiv nicht zu Deutschland, das steht jetzt fest«, sagte er auf einer Pressekonferenz. »Deutschland ist Wurstland seit jeher.«

Das Forschungsteam werde seine Untersuchungen fortsetzen und nach und nach alle Gerichte daraufhin untersuchen, welche zu Deutschland gehören und welche nicht.

Deutsche Gerichte gehören zu Deutschland

»Wir wollen endlich Klarheit!«, sagte Seehofer, »damit Wirte und Hausfrauen wissen, was zu Deutschland gehört. Diese Aufgabe wurde lange sträflich vernachlässigt. Die Bürger haben ein Recht darauf, zu wissen, ob das, was auf ihren Teller kommt, auch zu Deutschland gehört.« Besonders hob er hervor, dass zu der dreiundzwanzigköpfigen Forschungsgruppe (Durchschnittsalter 68,7 Jahren) auch eine Frau gehöre. „Frauen gehören zu Deutschland“, rief er aus.

Die Grünen attackierten ihn heftig, sie vermuteten, dass die promovierte Lebensmittelhistorikerin in Wirklichkeit nur zum Kaffeekochen eingestellt worden sei und das Heimatministerium Zweifel hätte, ob Frauen zu Deutschland gehörten.

Das Stichwort »Kaffee« rief heftige Tumulte seitens der AfD hervor, deren Abgeordnete »Verrat« brüllten. Dr. Höcke legte in einer persönlichen Erklärung dar, dass die Kaffeemaschine im Forschungszentrum ein deutliches Zeichen dafür sei, dass es sich bei dem Projekt um ein geschicktes Täuschungsmanöver des rotgrün versifften Ministeriums handle.

Kaffee islamisiert Deutschland

»Mit Kaffee leisten Sie einen Beitrag zur Islamisierung Deutschlands“, fuhr Höcke fort. „Kaffee ist eine arabische Droge, die nicht zu Deutschland gehört! Schon die Türken wollten Deutschland mit Kaffee erobern!!!«, erklärte er unter dem Beifall der AfD Abgeordneten. »Zu Deutschland gehört Muckefuck!«

Die AfD-Fraktion stellte einen Antrag, die Forschungsgruppe aufzulösen und ein Instiut für zu Deutschland gehörende Dinge und Personen zu gründen, das ein Prüfsiegel vergebe. Restaurants sollten verpflichtet werden, Gerichte in Zukunft zu kennzeichnen. »Rot«: gehört nicht zu Deutschland, »gelb«: Status noch unklar, »braun«: gehört zu Deutschland.

In Zukunft sollten alle Personen, die sich in Deutschland aufhalten, sich ebenfalls einem Test unterziehen, ob sie zu Deutschland gehören und das Ergebnis solle in Ausweis, Pass und anderen Dokumenten festgehalten werden.

»Wir wollen endlich Klarheit«, erklärte Höcke.

Pegida kündigte an, dass die nächste Montagsdemo unter dem Motto stehen würde: »Stoppt die Islamisierung Deutschlands durch islamische Getränke, die nicht zu Deutschland gehören!« Man werde eine öffentliche Kaffeeverbrennung durchführen.

 

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Döner gehört nicht zu Deutschland, sagt Seehofer

Kein Geld fürs Lektorat? 10 Lösungen

Immer wieder klagen Selfpublisher: »Ich habe kein Geld fürs Lektorat, will aber eine Geschichte veröffentlichen. Was tun?«

Natürlich gibt es die Standardantwort: Eine verkäufliche Geschichte ist eine gut lektorierte Geschichte. Ein Text voller Rechtschreibfehler, Stilblüten und ohne Spannung erntet böse Rezensionen. Nicht falsch, aber greift etwas zu kurz.

Für den Bolzplatz braucht man keinen Trainer, für die Bundesliga schon.

Will sagen: Erfolgreiche Selfpublisher (und erfolgreiche Verlagsautoren) haben Lektoren, so wie Bundesligaspieler Trainer haben. Sie trainieren jeden Tag, verdienen Geld, aber stehen unter Druck und müssen liefern.

Wer auf dem Bolzplatz spielt, braucht keinen Trainer. Spielen macht Spaß, schreiben auch und wenn jemand zuschaut oder den Text liest, gut. Niemand erwartet von dem Bolzplatz die Qualität der Bundesliga. Niemand zahlt dafür die Preise der Profiligen. Sicher, auch in Bundesligaspielen gibt es Fehlpässe, so wie es in Verlagsbüchern Druckfehler gibt. Nur eben sehr viel weniger.

Wer weiterkommen will, muss trainieren

Das gilt für den Bolzplatz wie für das Schreiben. Von nichts kommt nichts und der Weg zum Bestsellerautor ist steinig, egal, ob er über den Verlag führt oder über das Selfpubishing. Training ist im Anfang fast wichtiger als Lektorat. Obwohl ein gutes Lektorat immer auch Training ist.

»Man braucht viele Jahre, um über Nacht berühmt zu werden«, sagte die Bestsellerautorin Nina George. Alle erfolgreichen Autorinnen (und auch die Autoren), die ich kenne – und mittlerweile kenne ich viele – haben einen langen Weg hinter sich. Auch J.K. Rowlings hat nicht eines Tages beschlossen: »Ich werde Schriftstellerin« und am nächsten Tag hatte sie mit Harry Potter Erfolg.

Jeder lange Weg beginnt mit einem kleinen Schritt

Eigentlich banal, wird aber immer wieder angezweifelt. Autoren beschweren sich, dass niemand ihre selbstverlegten Werke liest, fragen: »Was für geheime Marketingstricks gibt es, die mein Werk vom Flop zum Bestseller katapultieren?«.

Schaue ich mir die entsprechenden Bücher an, reicht oft schon der Blick auf das Cover und die erste Seite, um zu antworten: »Du stellst die falsche Frage. Trainiere erst mal deine Schreibmuskeln, dein Gespür für Text und Spannung, und, ach ja, deine Pässe sollten auch öfter im Ziel statt haarscharf daneben liegen. Dein Text hat nicht (noch nicht!) das Zeug zum Bestseller«.

Workshops sind das kleine Lektorat

Ich bin ein Fan der Workshops. Schaut euch die Angebote der Bundesakademie an, dort könnt ihr unter Anleitung erfahrener Autorinnen und Lektoren eure ersten Seiten besprechen und eure Plots und Exposés. Gibt auch viele Angebote anderer Institutionen, hier eine Liste:

https://hproentgen.wordpress.com/2016/10/27/workshops-und-seminare-fuer-autoren/

Die Kosten sind übersichtlicher als ein Komplettlektorat und man lernt eine Menge aus den Fehlern anderer. Mit etwas Glück findet man Gleichgesinnte, die ebenfalls vom Bolzplatz weg wollen und in den professionellen Buchmarkt streben. Warum keine Arbeitsgruppe mit ihnen bilden?

Man muss nicht gleich ein ganzes Schwein kaufen, wenn ein Schnitzel reicht.

Ein gewerbsmäßiger Koch investiert, weiß, dass er entsprechen Ausrüstung braucht und große Mengen kaufen muss. Wer noch am Anfang steht, kommt erst mal mit dem Backofen aus.

Man kann die ersten Seiten einem Lektor geben. Oder das Exposé, die Beschreibung des Plots. Gute Lektorinnen und Lektoren erkennen, wo der Autor steht. Was gut ist und wo nachgebessert werden sollte. Probleme auf den ersten Seiten setzen sich in aller Regel im ganzen Text fort. Der Autor erhält eine Rückmeldung, wo er überarbeiten sollte und die Kosten halten sich in Grenzen.

Computer helfen

Mittlerweile gibt es eine Menge Computerprogramme, die Autorinnen und Autoren helfen. Papyrus zum Beispiel erkennt mit seinem Duden Korrektor erstaunlich viele Rechtschreibfehler. Es kann Wiederholungen markieren, Füllwörter, die Lesbarkeit analysieren, bietet Personendatenbanken, damit der Held nicht mit blauen Augen einschläft und mit braunen aufwacht. Übersichten darüber, wer wann wo auftaucht und manches mehr hilft auf den ersten Schritten vom Bolzplatz zum Profi.

Auch eine Menge anderer Programme sind hilfreich.

Was man nicht unterschätzen sollte: den Lerneffekt. Die Aufmerksamkeit für Füllwörter wird geschärft, man lernt, dass Nebensätze, die mit Komma beginnen, auch mit Komma abgeschlossen werden sollten und vieles mehr. Welche Füllwörter lieben sie? Das Programm nennt sie Ihnen und im Laufe der Zeit werden Sie immer weniger unnütze Füllwörter benutzen, werden erkennen, dass Wortwiederholungen oft ein Zeichen dafür sind, dass Sie das Gleiche nochmal geschrieben haben und es streichen können.

Gute Testleser sind Gold wert

Suchen Sie sich Testleser. Tun Sie sich mit anderen Autoren zusammen. Den Splitter im Auge des Anderen sieht man leichter als den Balken im Eigenen.

Erfolgreiche Autoren wissen das. Nobody is perfect, aber im Team kommt man der Perfektion näher.

Wann braucht man was?

Ein Facebook-Post erfordert kein Lektorat. Ein Liebesroman weniger Stillektorat als ein hochliterarisches Werk. Wer seine Lebensgeschichte für seine Enkel aufschreibt, muss keine perfekt sitzende Dramaturgie haben.

Aber alles muss passen. Wer denkt, dass Korrektorat oder Stil-Lektorat auf dem professionellen Markt reichen, der irrt.

Immer wieder höre ich: Die Leser merken es doch nicht, ist doch egal, auch Verlagsbücher sind schlecht. Sicher, auch Verlagsbücher sind schlecht. Vor allem die Verlagsflops.

Schauen Sie sich erfolgreiche Bücher von Selfpublishern und Verlagen an. Auch die haben Dreckfuhler. Allerdings einen auf fünf Seiten, nicht fünf im ersten Absatz. Sie mögen nicht literarischen Ansprüchen genügen, das Feuilleton ist entsetzt über den Schund. Doch wenn Sie sich die Bücher genau ansehen, werden sie feststellen: Das, was in dem Genre wichtig ist, stimmt.

Die fünfzig grauen Schatten werden mit herabgezogenem Mundwinkel erwähnt, da sieht man ja …

Ich habe die ersten Seiten gelesen. Und gesehen, dass sie zwar nicht nobelpreisverdächtig sind, aber weitaus besser als das Gros der Selfpublisherbücher (und vieler Verlagsbücher). In dem Buch »der Bestsellercode« wird der Plot analysiert und gezeigt, warum er funktioniert. Lesen Sie das. Andere Bücher herabzuwürdigen ist eine Lieblingsbeschäftigung erfolgloser Autoren. Es erleichtert so. Ich muss mich nicht anstrengen, X ist ja auch schlecht.

Der schöne Schein genügt nicht

Würden Sie ein Auto kaufen, das aussieht wie eine Rostlaube? Vermutlich nicht. Das ist oft das Argument, dass Rechtschreibung und Stil das Wichtigste sei.

Würden Sie ein Auto kaufen, dessen Motor nur stotternd anspringt, das empört aufstöhnt, wenn Sie es über 30 Km/h beschleunigen wollen, dessen Räder keinen Achter, sondern einen Sechzehner haben und dessen Scheibenwischer dunkle Schlieren auf die Scheiben wischen? Dessen Lack aber wunderbar glänzt?

Eher nicht. Alles muss passen.

Nicht anders bei Büchern. Wenn die Dramaturgie nicht stimmt, nützt die beste Rechtschreibung nichts, wenn der Stil rumpelt und klackert und jedes Stilgefühl vermissen lässt, dann ist eine fehlerlose Grammatik auch für die Katz.

Wenn Sie soweit sind, dass die Bundesliga winkt, dann brauchen Sie das Lektorat, wie Profifußballer einen Trainer brauchen. Und nicht nur für Stil und Rechtschreibung. Bis es soweit ist, gibt es viele andere Möglichkeiten. Doch denken Sie daran: So gut wie alle Bestsellerautoren haben Lektorinnen oder Lektoren. Sie haben ihre Gründe.

Ein zweiwöchiger Skiurlaub ist heute auch nicht billig. Von den Kosten eines Autos will ich gar nicht nochmal reden.

So, jetzt gehen Sie an die Arbeit. Geben Sie Ihr Bestes. Sie können es schaffen. Aber Sie müssen es wollen.

Herzliche Grüße und viel Erfolg wünscht

Hans Peter Roentgen

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Kein Geld fürs Lektorat? 10 Lösungen

Regiokrimis – der Untergang des Abendlandes?

Wieder einmal steht er vor der Tür. Der Untergang der Literatur. Diesmal in Form von Regiokrimis, das böse R-Wort, das so gar nicht PC ist. Und Literaturredakteure warnen.

Literaturkritiker sind konservativ. Ultrakonservativ. Was der Kritiker nicht kennt, das liest er nicht. Und natürlich liest er keine Regiokrimis. Denn die sind die Bad Banks des Buchmarktes.  Erinnern Sie sich? Die Bad Banks haben die die Bankenkrise verursacht. Und die Regiokrimis? Sind der Grund für die Literaturkrise. Der Untergang der Literatur ist gewiss, gebietet man ihnen nicht Einhalt.

Und wieder lese ich, was schon gegen Fantasy, gegen Märchen, gegen Genrebücher von Kulturredakteuren ins Feld geführt wurde.

Okay, viele Regiokrimis nutzen Klischees. Aber auf der nach oben offenen Klischeeskala kann die Empörung gestandener Kritiker die Regiokrimis locker toppen.

Wissen Sie was?

Keiner dieser Literaten konnte mir bisher beantworten, warum der Regiokrimi so furchtbar, furchtbar gefährlich ist.

Verlage lieben es, Regiokrimis auf ihre Romane zu stempeln. Egal ob es um Serienmörder geht, um Landhauskrimis, in denen nette Leute andere nette Leute umbringen oder um den hardboiled Ermittler, der durch Posemuckel statt durch Los Angeles streift. Regiokrimis sind Nischenbelletristik. In Potsdam findet man keine über Freiburg und in Freiburg keine, die in Rostock spielen.

Ginge es nach den Redakteuren, dürfte ich nur die „seriösen“, die „literarischen“ Krimis lesen. Die von Friedrich Ani, Oliver Bottini oder Simone Buchholz. Ich gestehe, ich lese gerne Friedrich Ani, aber auch Sebastian Fitzek. Damit bin ich bei Literaten untendurch. Mich nehmen sie nicht mehr ernst.

Ein Blick in die Geschichte verrät, welche Autoren und Genres angeblich alle schon die seriöse Literatur gefährdet haben:

– Dashiell Hammett, Raymond Chandler und Krimis allgemein in den Fünfzigern

– Comics in den Sechzigern

– Michael Ende und Märchen in den Siebzigern

– Stephen King und Horror in den Achtzigern

– Harry Potter und die Fantasy zu Beginn des Jahrtausends

Allen wurde das Gleiche vorgeworfen: Eskapismus, fehlender Gesellschaftsbezug, nur aus Geldgier schnell heruntergeschrieben …

Nun ja: Ist der Ruf erst ruiniert, liest sich’s gänzlich ungeniert. Abwechslungsreiches Essen soll am gesündesten sein. Abwechslungsreiches Lesen ist es auch, finde ich.

Ich habe sogar Westernhefte gelesen. Damals lag meine Mutter im Sterben und in ihrem Heim gab es diese Hefte. Wenn die Realität genügend Probleme bietet, kann Eskapismus das Leben sehr, sehr erleichtern. Der Wilde Westen mit seinen Pistoleros, Siedlern und Indianern hat mich für kurze Zeit aus meinen Sorgen gerissen. Ich werde nie wieder ein böses Wort über Groschenhefte sagen.

„Das ist doch alles dasselbe“, lautet eines der beliebtesten Vorurteile über all diese bösen Hefte. Ja, es gab Hefte, die ich nach wenigen Seiten wieder weglegen musste. Da waren langweilige Cowboys drin, die langweilige Konflikte mit anderen langweiligen Cowboys ausfochten. Geschichten so vorhersehbar wie Nebel im November.

Und dann gab es die anderen, deren Autoren mich begeistert haben. Weil sie ihre Konflikte aus der Zeit und den Personen entwickelten.

Auch unter den Regiokrimis gibt es genügend schlecht geschriebene. Darunter welche, in denen die Straßennamen das einzig Regionale sind. So mancher Autor möchte Hannibal Lecter in Hintertupfingen wiederauferstehen lassen. Aber vergisst, dass es nicht die brutalen Morde waren, die Das Schweigen der Lämmer weltberühmt machten. Sondern die faszinierende Figur Hannibal „The Cannibal“.

Sagen Sie niemals einem Literaten, sein Buch sei ein Regiokrimi. Sie erhalten sofort eine vehemente Gegendarstellung des Autors. Kein Witz, ist mir tatsächlich passiert. Von einem erfolgreichen, angesehenem Autor, bei dem man eigentlich vermuten könnte, dass er wichtigeres zu tun hätte.

Kennen Sie die Ems? Nein? Dann sollten Sie den Regiokrimi Emsgrab  lesen. Nein, er ist nicht literarisch wertvoll, auch die Sprache wird seinem Autor keinen Preis einbringen. Aber er bettet seine Handlung in die Region ein. Die Ems wird nämlich ständig ausgebaggert. Weil dort riesige Kreuzfahrtschiffe fahren sollen.

Wollen Sie wissen, was es heißt, wenn man einen kleinen Fluss ständig ausbaggert? Emsgrab verrät es. Ein Beispiel für einen Regiokrimi, der keine literarischen Meriten hat, aber im Gedächtnis bleibt. Weil er eine Geschichte erzählt, die so, mit allen regionalen Problemen, nur an diesem Ort spielen kann.

Ähnlich Simone Buchholz. Erst hat sie bei Droemer Knaur veröffentlicht. Knaur hat Revolverheld mit Ein Hamburg Krimi untertitelt. Die nächsten Krimis bekamen dieses Label ebenfalls. Damit waren sie Regio und pfui.

Dann ist die Autorin mit der gleichen Ermittlerin und Blaue Nacht zu Suhrkamp gegangen. Suhrkamp ist Literatur, kann natürlich keine Regiokrimis veröffentlichen. Der Aufdruck Hamburg Krimi verschwand. Und siehe da, der Krimi wurde ernst genommen, konnte sogar ganz oben auf der Krimibestenliste erscheinen.

Waren die Hamburg-Krimis davor wirklich so schlecht? Ach was, damit hat die Autorin sich ihren Namen auf dem Buchmarkt erschrieben. Chandler und Hammett haben in Groschenheften ihr Handwerk gelernt. Wir brauchen die „bösen Bücher“. So, wie die Bundesliga die Kreisliga braucht.

Ach ja, an Auschwitz sind die Regios auch irgendwie beteiligt. Mancher scheut vor keinem Klischee zurück, wenn es darum geht, die Fahne der wahren Literatur hochzuhalten.

Die Liste der Vorwürfe umfasst noch viele weitere. Ich weiß nicht, woher diese Verbissenheit der Redakteure kommt. Ist das so was wie der Markenhype bei Jugendlichen? Es muss unbedingt Nike sein? Weil es nur um die Marke geht, nur darum, intelligent und gebildet zu erscheinen?

Das absurdeste Beispiel lieferte eine Kulturredakteurin, die Blaue Nacht besprechen musste. Und ein großes Problem hatte. Sie fand das Buch gut. Aber hatte die Autorin nicht Regiokrimis veröffentlicht? Dann kann sie nicht gut sein.
Wer suchet, der findet, wusste schon die Bibel. Die Redakteurin fand dann auch eine Lösung für den furchtbaren Konflikt. Und die ging so.

  1. Blaue Nacht ist ein gutes Buch
  2. Regiokrimis sind schlechte Bücher

Also schloss sie messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf und folglich Blaue Nacht kein Regiokrimi ist, denn es ist ja gut. In der Logik nennt man sowas einen Zirkelschluss, beliebt bei Leuten, denen die Argumente ausgegangen sind.

Trash und Hochliteratur haben sich immer gegenseitig befruchtet. Ohne den Literaten James Joyce sähe die Unterhaltungsliteratur heute anders aus und die Black Mask Hefte  und BatmanComics haben die Hochliteratur genauso verändert.

Die Klischees über Regiokrimis helfen niemandem. Sie sind so inhaltsleer wie die Spammails, die mir einen größeren Penis und Millionengewinne versprechen. Seit fünfzehn Jahren bedrohen die Regiokrimis die Krimiliteratur, seit noch mehr Jahren prophezeien Literaturredakteure den Untergang des Abendlandes durch Schmutz und Schund.

Also, liebe Redakteure, kriegt euch wieder ein: Beurteilt Bücher nicht danach, was der Verlag auf das Cover gedruckt hat und zu welchem Genre sie gehören. »You Can’t Judge a Book By the Cover«, sang Bo Didley 1962. Der Satz ist immer noch richtig.

 aus der Federwelt Dezember 2017

Links:

 _gohlis_ueber_regionalkrimis.625436.html

http://www.leda-verlag.de/resources/Herbst2013.pdf

www.boersenblatt.net/artikel-deutscher_krimi_preis_2017.1279090.html

http://krimiblog.blogspot.de/2016/06/die-telefonische-mordsberatung-der.html

www.culturmag.de/crimemag/markt-und-totschlag-2

www.culturmag.de/crimemag/markt-totschlag-der-regionalkrimi-continued/21907

www.tagesspiegel.de/kultur/regionalkrimis-jedem-kaff-sein-krimi/14470162.html

www.zeit.de/1963/33/kriminalroman-gestern-und-heute/komplettansicht

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

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Regiokrimis – der Untergang des Abendlandes?

Handwerk Selfpublishing Leipzig 2018

Auf der Buchmesse Leipzig wird es 2018 wieder eine Veranstaltungsreihe des Selfpublisherverbandes e.V. und des Verbandes der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) geben.

Thema: Handwerk Selfpublishing,
jeden Tag um 16:00-16:30, Leseinsel Halle 5, Stand D 302

Donnerstag 15.3., 16 Uhr,
Handwerk Selfpublishing 01: Was dem Lektorat auffällt
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektor Florian Tietgen

Freitag, 16.3., 16 Uhr
Handwerk Selfpublishing 02: Show, don’t tell – das Kino im Kopf
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektorin Isabell Schmitt-Egner

Samstag, 17.3., 16 Uhr
Handwerk Selfpublishing 03: Der Pitch – ein Satz als Lockvogel
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektorin Andrea Weil

Sonntag, 18.3., 16 Uhr
Handwerk Selfpublishing 04: Was Autoren über den Klappentext wissen müssen
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektorin Susanne Zeyse

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Handwerk Selfpublishing Leipzig 2018

Sieben Pitchtypen für Autoren

Pitchen: Die Kunst, in einem Satz Ihre Geschichte zu erzählen

Der Pitch ist ein Satz, der Ihr Buch vorstellt. Er dient auch als Untertitel Ihres Buches. Gerne wird er als erster Satz an den Anfang des Klappentextes gesetzt. Wenn ein Freund oder ein Journalist sie fragt: Worum geht es in deinem Buch, müssen Sie ihm das in einem Satz erklären können.

Pitchen ist Kurzstrecken-Texten

Der Pitch kommt wie so vieles aus Amerika. Berühmt ist der Fahrstuhl-Pitch. Sie treffen einen Verleger im Fahrstuhl und haben genau 2 Stockwerke Zeit, ihm Ihr Manuskript vorzustellen und ihn zu überzeugen, dass er es sich das Manuskript ansehen muss.

Sie brauchen als Selfpublisher keinen Verleger, also auch keinen Pitch?

Ich muss Sie enttäuschen. Sie brauchen zwar keinen Verleger, aber dennoch einen Pitch.

Und wofür brauchen Sie diesen Pitch?

– Sie brauchen ihn, als Nagelprobe für Ihr Projekt. Die Bestseller-Selfpublisherin Nika Lubitsch hat zu mir gesagt: »Ein Film, den du nicht in einem Satz zusammenfassen kannst, wird ein Flop. Das gilt für mich auch für ein Buch.« Sie hat recht.

– Sie brauchen den Pitch für Ihren Klappentext. Der Pitch ist der Untertitel Ihres Werkes und ein guter erster Satz für Ihren Klappentext.

– Mit dem Pitch stellen Sie Ihr Projekt vor. Er beantwortet die Fragen von Freunden, Journalisten, Buchhändlern: Worum geht es in dem Buch?

»Ja, da gibt es einen Mord und der Kommissar hat einen falschen Verdacht und ach ja, da wird auch noch Falschgeld gefunden und der Kommissar verliebt sich …« Mit so einem Satzungetüm werden Sie keine neuen Leser und Fans gewinnen:

Warum ist das so? Weil solche Werke sich nicht entscheiden können, welche Geschichte sie erzählen wollen. Weil sie mäandern wie der Mississipi vor der Mündung ins Meer. Der Autor will alles hineinpacken: Spannung, Liebe, Verrat, Brudermord, Frauenhandel und möglichst auch noch Islamisten. Und dann sagt er: Mein Buch ist kein 08/15, passt in kein Genre.

Sorry, liebe Autorinnen und Autoren: Mäandern ist kein Zeichen hoher Kunst. Ein Bildhauer, der eine Figur schaffen will, die gleichzeitig James Bond, Marylin Monroe und Angelika Merkel darstellen soll, wird eine Figur schaffen, die keine von allen ist.

Merke: Pitchen ist auch für Selfpublisher Pflicht.

Keine Scheu vor kurzen Sätzen

Ich habe auf der Frankfurter Buchmesse als Experte für Exposé und Klappentext etliche Autorinnen und Autoren im Speed-Dating betreut. Die allerwenigsten konnten mir auf Anhieb sagen, worum es in Ihrem Buch ging. In Deutschland gelten Bücher als platt, deren Konflikt man in einem Satz darstellen kann. Jeder schämt sich, wenn seine Gedanken sich kurz ausdrücken lassen. Das meiden wir, wie die Viktorianer den Sex.

Das Gegenteil ist richtig. Um ein Buch in einem Satz vorzustellen, erfordert es Können und Verständis. Sie müssen den Kern des Buches erfassen und ihn so darstellen, dass es den Leser mitreißt, ihn neugierig macht.

Altbackene Vorstellungen aus der viktorianischen Zeit überlassen Sie besser den Literaten im Altherrenclub oder dem Priester auf der Kanzel.

Natürlich kauft niemand ein Buch aufgrund des genialen Pitchs. Aber er reizt den Leser in der Buchhandlung, das Buch aufzuschlagen, in Online-Plattformen die Leseprobe anzuklicken.

Der Konflikt als Pitchgeburtsstunde

Und was gehört in den Pitch?

Der Konflikt. »Sie brachte eine kleine Stadt auf die Beine und zwang ein großes Unternehmen in die Knie«. Das ist ein Pitch von »Erin Brokovich«. Nur der Konflikt, keine Details, nicht, welche Chemieabfälle der Konzern in die Umwelt abgelassen hat, nicht, welche Auswirkungen das hat. Details gehören nicht in einen Pitch.

»Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand«, da ist der Titel gleichzeitig der Pitch. Nicht gesagt wird, warum der Hundertjährige aus dem Fenster stieg. Nicht, wohin er verschwindet.

Aber beide Pitchs wecken Assoziationen im Leser.

Wenn Sie diesen Grundkonflikt in einem Satz formulieren können, sind Sie schon sehr weit fortgeschritten auf dem Weg zum idealen Pitch.

Sie haben noch nicht den idealen Pitch. Aber einen Satz, an dem man feilen kann.

Und wo beginnt Ihre Geschichte?

Der Beginn Ihrer Geschichte kann einen guten Pitch liefern. Im Falle des Hundertjährigen der Moment, in dem er aus dem Fenster steigt und verschwindet. Dieser Beginn stimmt gleichzeitig auf den Konflikt ein: Der Held des Buches will nicht mehr in dem Altenheim wohnen. Steht zwar nicht im Pitch, aber das assoziieren die LeserInnen.

Assoziationen

Ein Pitch soll Assoziationen wecken. Der Pitch sagt dem Leser nicht: Das und das passiert, er ist keine Nacherzählung. Sondern ein Satz, der Emotionen und Assoziationen im Leser wecken muss. Und eine Frage: Was wird passieren? Wer die Antwort wissen will, muss das Buch lesen.

Nora Winter hat Angst vor Büchern, und das aus gutem Grund: Was sie liest, muss sie am eigenen Leib erleben. (Noras Welten, Madeleine Puljic, Gewinnerin des Selfpublishing Preises 2017)

Der Konflikt ist in dem Fall Noras Angst vor Büchern, weil sie diese erleben muss.

Angst vor Büchern ist höchst ungewöhnlich. Und was heißt das, »muss sie am eigenen Leibe erleben«? Eine offene Frage sollte jeder Pitch aufwerfen.

Atmosphäre

Damit der Pitch Assoziationen weckt, muss er Atmosphäre haben. Der Hundertjährige hat Witz. Niemand wird erwarten, dass der Hundertjährige aus dem Fenster steigt und verschwindet, weil er die Welt vor Dr. No retten will. Wogegen Erin Brokovich weniger Witz, dafür mehr knallharte Konfrontation erwarten lässt. Jeder gute Pitch hat Atmosphäre und weckt dadurch auch Erwartungen an das Buch.

Stil und Wortwahl

Im Pitch ist Stil und Wortwahl noch viel wichtiger als im Roman. Wenn das nicht stimmt, funktioniert der Pitch nicht. Nicht das »Was«, sondern das »Wie« ist entscheidend.

Noras Leiden besteht aus einer ausgeprägten Phobie vor in Worte gedruckten Geschichten: Sie erleidet bei lesender Tätigkeit eine Versetzung des Erlebens in die real ausgestaltete Welt.

Dieser Pitch wirkt nicht, obwohl er das gleiche sagt, wie der Orginalpitch. Warum?

Weil er klingt, wie ein wissenschaftlicher Aufsatz. Er weckt keine Assoziation, außer an Beamtendeutsch und Bürokratie. Ein Pitch sollte einfache Worte verwenden, Verben statt Substantive, lebendig muss er klingen. Und viele Adjektive machen einen Pitch nicht besser, auch das hat der Pitch mit dem Romantext gemeinsam.

Streichen Sie komplizierte Worte aus Ihrem Entwurf. Arbeiten Sie mit aktiven Verben, mit einfachen Substantiven. Streichen Sie Adjektive, die sie nicht brauchen. Im Falle von Erin Brokovich benötigen Sie »großes Unternehmen« und »kleine Stadt« wegen des Gegensatzes. Aber »großes, machtvolles Unternehmen« wäre ein Adjektiv zuviel. »Machtvolles Unternehmen« würde ebenfalls nicht funktionieren, weil dann der Gegensatz zu der »kleinen Stadt« wegfiele.

Und Thomas-Mann-Stil ist im Pitch fehl am Platze.

Ein Pitch betont das Besondere

Was unterscheidet Ihr Buch von allen anderen? Warum sollte ein Leser zu Ihrem Buch greifen und nicht zu dem, das daneben steht? Was ist das Alleinstellungsmerkmal? Das gehört in den Pitch.

Zwölf Pitchs sind einfacher als einer

Wenn Ihnen kein Pitch einfällt, hilft die Zwölfer Übung aus dem Brainstorming. Formulieren Sie zwölf Pitchs für Ihren Roman, ohne zu stocken, ohne zu überlegen. Schreiben Sie einen hinter dem anderem auf, egal, wie absurd er Ihnen vorkommt. Dann wählen Sie aus. Kombinieren Sie mehrere Einfälle. Nehmen Sie die ungewöhnlichen. Ein Pitch soll Aufmerksamkeit erregen, er muss nicht jedem gefallen. Es reicht, wenn er Ihrer Zielgruppe gefällt. Der Rest der Menschheit darf sich ruhig über Ihre unverschämte Formulierung aufregen.

Pitch ist keine Nacherzählung
Der Pitch soll im Gegenüber einen Film ablaufen lassen. Er muss die Emotionen ansprechen, etwas ungewöhnliches versprechen, eine Frage aufwerfen. Sein Ziel ist es, den Zuhörer oder die Leserin zu packen. Damit er sich für das Buch interessiert und es aufschlägt. Es ist KEINE Nacherzählung, sollte den Konflikt benennen. An bekannte Bilder, an Archetypen andocken (David gegen Goliath bei Erin Brokovich), und etwas Neues bieten.

»Erin Brokovich, 35, entdeckt ein Geheimnis, das Auswirkungen hat, die niemand geahnt hätte«, wäre wenig wirkungsvoll. Weil es 08/15 ist.

Und das gilt auch für Sätze wie: »Julia, 34, entdeckt ein furchtbares Familiengeheimnis, das etwas auslöst, was keiner geahnt hätte«. Das furchtbare Familiengeheimnis ist mittlerweile zu einem furchtbaren Klischee geworden, weil es in tausenden Pitchs vorkommt, also kein Alleinstellungsmerkmal hat. Und der Satz ist so allgemein, dass er keine Bilder bei LeserInnen auslöst. Ein Pitch darf an bekannte Werke andocken, muss aber immer auch etwas Besonderes bieten, das ihn von anderen unterscheidet.

Pitchtypen

Hier einige Typen von Pitchs, mit denen Sie arbeiten können.

Der Gegensatz

Gegensätze sind immer gut im Pitch. Die kleine Stadt und das große Unternehmen.

Der Dreiertyp

Kurz, knapp drei Elemente zusammenfassen.

»Eine Magierschule, die keine Frauen mag. Ein Mädchen, das unbedingt Magie studieren will. Und ein Magier, der sich an Frauen rächt.«

Wenn es kurz und knapp ist, dürfen es ausnahmsweise auch mal drei Sätze sein.

Der Anfang der Geschichte

Was Ihre Geschichte in Gang setzt, liefert auch einen guten Pitch.

»Der Oberbürgermeister wird ermordet und sein Stellvertreterin hat kein Alibi, dafür viele, die ihren Kopf rollen sehen wollen«

Der Konflikt

Um was geht es in der Geschichte?

»Nur noch ein Ring fehlt dem dunklen Lord, um Mittelerde zu knechten. Den hat Frodo und jetzt ist er auf der Flucht.«

Verschiedenes verbinden

Zwei bekannte Figuren verbinden, die nichts gemein haben.

»James Bond trifft Don Quichotte«

Oder zwei bekannte Buchtitel verbinden:

»Das Schweigen der Lämmer im Harry Potter Universum«

Zitate

Ein gutes Zitat aus Ihrer Geschichte kann ebenfalls einen Pitch liefern.

»Ich bin eine Gefangene der Geschichte. Etwas, das dort nicht hingehört.« (Noras Welten, Madeleine Puljic)

Der Archetyp

»Romeo und Julia«, »David gegen Goliath«, Archetypen liefern gute Pitchs.

 

Der Artikel wurde erstmalig im »Selfpublisher« vom Dezember 2017 abgedruckt

Links

Die Literaturagentin Petra Hermanns über Pitchen:

http://www.literaturcafe.de/narrativa-literaturagentin-petra-hermanns-ueber-den-perfekten-pitch/

Die Schreiblehrerin Jurenka Jurk:

http://schreiben-und-leben.de/der-pitch-roman

Marcus Johanus von den Schreibdilettanten:

https://marcusjohanus.wordpress.com/2013/03/02/pitching-fur-anfanger-und-fortgeschrittene-wie-du-deinen-roman-in-einem-satz-zusammenfasst/

Paul Boross über Pitchen in der Wirtschaft

http://www.wiwo.de/my/erfolg/gruender/praesentationen-achten-sie-auf-die-augenbrauen/20325574.html?ticket=ST-1649532-R2bWQ7G56DSEgZF7366b-ap3

Pitchen im Filmgeschäft (englisch):

http://storymerchant.com/hiconceptloglinez.html

Literatur

Noras Welten, Madeleine Puljic, epubli

How to Write a Novel Using the Snowflake Method, Randy Ingermanson, CreateSpace Independent Publishing Platform (englisch)

Drei Seiten für ein Exposé, Hans Peter Roentgen, Sieben Verlag

Klappentext, Pitch und anderes Getier, Hans Peter Roentgen, März 2018

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

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Sieben Pitchtypen für Autoren

Was jeder Autor über das Überarbeiten wissen muss

Mir ist es wieder passiert. Mein Manuskript ist fertig, ich habe es an Testleser geschickt. Und schon kommt es zurück, nach nur zwanzig Seiten Lektüre. Du hast viele Wiederholungen, sagte mir Jana Franke, und achte mal darauf, wie oft du »locken« verwendest.

Seufz. Also zurück zu Start. Ziehe keine 4000 Euro ein. Ich habe das ganze Manuskript nochmals bearbeitet und nur auf Wiederholungen geachtet. Auf nichts anderes. Und siehe da, danach war der Text um 15% kürzer, sehr viel knapper und lesbarer.

Danach habe ich mit der Suchfunktion das Wort »locken« geprüft. Lockt zum Kaufen. Der Klappentext soll locken. Klar, ein Klappentext soll locken. Aber ein Ratgeber über den Klappentext, der auf jeder Seite lockt, ist dann doch nicht so verlockend. Also habe ich das Wort fleißig ausgedünnt. Bei einer Kollegin war es das Wort »gleiten«, das sich durch den Text zog. Was ist Ihr Lieblingswort?

Es gibt einige Erfahrungen zur Überarbeitung, die sieben Wichtigsten finden Sie hier.

Man muss nicht die ganze Suppe auslöffeln, um festzustellen, dass sie versalzen ist

Oft reichen die ersten Seiten, um zu entscheiden, was bearbeitet werden muss. Dem Autor nach den ersten Seiten zu sagen: »Du hast zuviele Wiederholungen« hilft weiter.

Rom wurde nicht an einem Tag erbaut

Niemand kann gleichzeitig auf alles achten. Wenn Sie wissen, dass der Text ein Problem hat, dann prüfen Sie ihn darauf und korrigieren sie es. Versuchen Sie nicht Stil, Spannung, Rechtschreibung und Personen auf einen Rutsch zu überarbeiten.

Was sind die Stärken

Jeder Text hat Stärken, auch das ist wichtig zu erkennen. Es gibt Testleser, die sagen Ihnen Ihre Stärken, andere Ihre Schwächen. Gut die Frage: »Was fandest du gut an dem Text, was fandest du schlecht?«. Das führt zu ehrlichen Antworten. Bei der Frage: »Wie fandest du den Text« haben viele Hemmungen, offen die Schwächen zu benennen.

Überarbeiten heißt nicht, Rechtschreibung und Stil polieren

Ein altes Problem in Deutschland: Lektorieren bedeutet für viele, die Rechtschreibung und den Stil zu kontrollieren. Die Struktur, die Dramaturgie, die Arbeit an den Personen ist genauso wichtig und solange die nicht stehen, hat es wenig Sinn, sich mit Rechtschreibung und Stil zu beschäftigen.

Der Giersch lässt grüßen

Jeder Gärtner kennt den Giersch. Haben Sie ihn einmal im Garten, haben Sie ihn bald überall.
Nicht anders ist es mit Lieblingsworten oder Lieblingskonstruktionen. Unser Gehirn wiederholt erfolgreiche Lösung gerne. Und bald wimmelt es im Text von »locken« oder »gleiten«. Andere lieben die Konstruktion »Als dies geschah, passierte auch jenes«. Einmal auf fünf Seiten stört es niemand. Fünfmal auf einer Seite aber wohl. Prüfen Sie den Text auf Ihre Lieblingswörter. Papyrus, aber auch viele andere Programme, bieten dazu Statistiken an und markieren Wiederholungen.

Die Dosis macht das Gift

Das ist die wichtigste Regel in der Medizin und auch beim Schreiben. Viele Schreibregeln sind wichtig, weil sie Dinge aufzählen, die Autoren gerne überdosieren. Einmal auf fünf Seiten ist okay …

Ach, das hatte ich ja schon gesagt. Trotzdem: Hängen Sie es sich über den Bildschirm.

Auch Lektoren brauchen Lektoren

Den Balken im eigenen Auge erkennen auch Lektoren und alte Hasen schwer. Darum brauchen auch sie Lektoren und Testleser.

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