Subtext: die Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben

Wir alle erleben es täglich: Jemand sagt etwas und wir interpretieren das, was gesagt wurde. Schließlich sagen Menschen oft nicht das, was sie denken. Das, was interessant ist, steht dann zwischen den Zeilen. Das gilt besonders für Geschichten. Und ganz besonders für Witze.

Der Mann kommt nach Hause, findet seine Frau mit der Nase im Kochbuch. „Warum liest du Kochbücher? Du kannst eh nicht Kochen!“
„Du siehst ja auch Sexfilme!“

Vielleicht ist dieser Witz nicht der absolute Knaller, aber er zeigt sehr schön, dass das, was wichtig ist, nicht gesagt wird. Dennoch versteht jede Leserin, jeder Leser, was gemeint ist. Gerade aus der Differenz zwischen dem, was dort steht und dem, was gemeint ist, entsteht die Pointe im Kopf des Zuhörers oder der Leserin.

Humor arbeitet immer mit Subtext. Wer einen Witz erklärt, sagt, was gemeint ist, verdirbt ihn. Nichts ist tödlicher für Humor, als alles zu erklären.

Das ist bei Geschichten ebenso. Dialoge, in denen die Figuren alles erklären, sind langweilig. Krimis arbeiten oft mit Subtext, mit verschlüsselten Hinweisen auf den Täter: Erst am Schluss wird klar, was schon am Anfang zwischen den Zeilen stand.

Aber das Gesagte gilt nicht nur für Krimis oder Thriller. Dialoge wirken immer besser, wenn sie einen Subtext haben, wenn nicht alles ausgesprochen wird, sondern viel den LeserInnen überlassen bleibt, die kombinieren müssen – und dürfen.

Natürlich setzt Subtext voraus, dass die LeserInnen erschließen können, was zwischen den Zeilen steht. Obigen Witz würde ein Steinzeitmensch nicht verstehen. Weil er weder Kochbücher noch Sexfilme kennt.

Die Eisberg-Methode

Gute Texte zeigen nicht alles, der Text enthält nur einen kleinen Teil der Geschichte. Der Rest bleibt unsichtbar, das ist das, was die Leserin, der Leser erschließen darf. Ernest Hemingway, Literaturnobelpreisträger und Autor von „Der alte Mann und das Meer“, war ein Meister des Subtextes. Er nannte diese Art zu erzählen die „Eisberg-Methode“.

Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.

Von Antoine de Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“), ebenfalls kein erfolgloser Autor, stammt der Satz: „Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann!“,

NachwuchsautorInnen wollen oft alles erklären und damit sicherstellen, dass die LeserInnen die Szene genau so erleben, wie sie sich diese vorgestellt haben. Dass sie genau die Gefühle haben, die der Autor, die Autorin vorgesehen hat. Solche Erklärungen verhindern Subtext.

Sie müssen Ihre LeserInnen nicht an die Leine legen. Lassen Sie sie frei. Ja, sie werden dann die Szene vielleicht anders interpretieren, als Sie sich das gedacht haben. Und was ist daran schlimm? Sie wollen Ihre LeserInnen packen und das können Sie nur, wenn Sie Ihnen Freiräume bieten.

Subtext bietet Rätsel

Gute Bücher lassen sich also interpretieren. Sie müssen sogar interpretiert werden. Oft ist das, was nicht im Text steht, sogar wichtiger als das, was darin steht.

„James Bond hatte Angst“, wäre ein Satz, der wenig Raum für Interpretationen böte.

„James Bond trat von einem Fuß auf den anderen und kaute an seinem Fingernagel“ hingegen sagt uns nicht, was mit Bond los ist. Dieser Satz zeigt nur, wie er reagiert. Warum er so reagiert, welche Gefühle ihn dazu bringen, das müssen die LeserInnen sich erschließen. Ist es Angst? Ist er nervös? Natürlich ließe sich der Subtext hier noch erweitern:

„Geht es Ihnen nicht gut?“, wird Bond gefragt. Woraufhin er „Mir geht es blendend!“ erwidert und weiter von einem Fuß auf den anderen tritt.

Woraus die LeserInnen folgern würden: Bond will verbergen, dass er nervös oder ängstlich ist – aber seine Körpersprache verrät ihn. Was außerdem den Schluss zuließe, dass er ein dilettantischer Spion ist.

Subtext bezieht sich immer auf die LeserInnen, die ihn entschlüsseln dürfen. Wer in seinem Roman keinen Subtext hat, der bietet seinen LeserInnen ein Kreuzworträtsel, das bereits ausgefüllt worden ist.

Niemand interessiert sich für ausgefüllte Kreuzworträtsel.

Subtext ist das Gegenteil von Wissenschaft

In der Schule lernen wir, wissenschaftlich zu denken, zu abstrahieren.; viel mehr, als vor hundert oder gar zweihundert Jahren. Und deshalb lernen wir auch, alles auszuformulieren. Ein juristischer Vertrag sollte keinen Raum für Interpretationen bieten. Ein wissenschaftlicher Artikel sollte nicht offen lassen, was gemeint ist.

Literatur ist ganz anders. Dort gilt das Gegenteil. Lassen Sie Ihren Lesern Raum für Interpretationen, erklären Sie nicht alles, fordern Sie Ihre Leser und Leserinnen.

Subtext muss verständlich sein

Literarische Anspielungen wirken nur auf LeserInnen, die diese auch kennen.

„Walters Schlagfertigkeit bewegte sich in der Epsilon-Umgebung von Null“ dürfte nur Mathematikern erlauben, den Subtext zu verstehen. (Die Epsilon-Umgebung ist die kleinstmögliche Umgebung von Null.)

Nicht jeder Subtext muss verstanden werden

Kennen Sie den Film „Madagaskar“? In einer Szene fragen die Zootiere verzweifelt: „Gibt es hier Menschen?“ Denn sie kommen in der Wildnis nicht zurecht, sie brauchen Menschen, die sie füttern und pflegen.

„Sicher gibt es die“, antwortet der König der Affen und führt sie zu einem abgestürzten Flugzeug und einem toten Piloten, der mit seinem Fallschirm an einem Baum baumelt.

Gute Szene. Kinder lieben sie. Sie enthält bereits einen Subtext, denn die Tiere fragen nach lebenden Menschen (sagen das aber nicht). Und sie birgt für literarisch Gebildete noch einen weiteren Subtext. Der tote Pilot im Baum, das abgestürzte Flugzeug, das ist ein Bild aus dem Buch „Der Herr der Fliegen“. Man muss das nicht wissen, um „Madagaskar“ zu genießen. Aber für den, der es weiß, ist es ein zusätzliches Bonbon.

Zensur und Subtext

In Zeiten der Zensur ist Subtext lebenswichtig. Er erlaubt es, Dinge anzudeuten, die eigentlich nicht ausgesprochen werden dürfen. Sex und Politik eignet sich ganz besonders für Subtexte.

Zweiter Weltkrieg, ein Mann betritt einen Laden in Berlin. „Haben Sie Zucker?“
„Nein!“
„Verdammt, nichts gibt es mehr! Und alles wegen dem einen! Haben Sie Milch?“
„Nein!“
„Verdammt, nichts gibt es mehr! Und alles wegen dem einen!“
Ein systemtreuer Volksgenosse ruft die Polizei. Der Mann wird verhaftet.
„Das sind ja ganz schlimme Reden. Wen meinten Sie denn?“
„Natürlich Churchill!“
„So, so, Churchill? Nun gut, Sie können gehen.“
Der Mann steht auf und geht. An der Tür dreht er sich nochmal um:„Ach übrigens, Herr Kommissar, an wen dachten Sie denn?“

Und wie kommt man zu einem Subtext?

Es gibt keinen Königsweg dazu, keine garantiert wirkende Methode. Fragt man erfolgreiche AutorInnen, kommt meist die Antwort: „Das mach ich nach Gefühl.“ Also ist „Subtexten“ etwas, was man entweder kann oder nicht kann?

Nicht ganz. Wie alles, kann man sein Gefühl für Subtext trainieren.

Fragen Sie sich, was Ihre Figur auf gar keinen Fall sagen will. Und dann lassen Sie eine andere Person im Dialog genau das ansprechen.

Übung

Der Chef hat ein Buch geschrieben. Er fragt seine Sekretärin, wie sie das Buch findet. Die Sekretärin hat es nicht gelesen, aber das kann sie ihrem Chef nicht sagen. Also wird sie sich winden, versuchen, sich um die Antwort zu drücken.

Schreiben Sie die Szene!

aus Federwelt 12/2015

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Subtext: die Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben

Was macht eigentlich ein Lektor

Als Lektor bin ich ein professioneller Schizophrener. Ich muss ein guter Leser sein, mich in den Text versenken können. Und gleichzeitig sitze ich mit dem Rotstift daneben und notiere, wenn ich (mein Leser-Ich) das Interesse verliert, wo die Spannung verloren geht und ob ich mit den Personen wirklich einige Stunden verbringen will.

Der erste Leseeindruck ist wichtig. Vieles, was mir dabei begegnet, kann ich gleich korrigieren. Die Delete-Taste ist der beste Freund eines Autors, heißt es. Lektoren haben mit dieser Taste sogar Blutsbrüderschaft geschlossen. Schreiben ist einfach, man muss nur die falschen Worte weglassen, hat Mark Twain gesagt. So mancher Text gewinnt durch geschickten Einsatz dieser Taste bereits Tempo und Spannung.Natürlich kann es nicht beim einmaligen Lesen bleiben. Über einen Text zu schlafen ist immer eine gute Idee. Und am nächsten Morgen kontrolliert mein Rotstift-Ich, ob das, was meine Leser-Ich am Tage zuvor verbrochen hat, auch funktioniert.

Oft ist es nicht so einfach. Manchmal hat das Leser-Ich so ein Grummeln im Bauch, das auch der Einsatz der Delete-Taste nicht besänftigen kann. Das auch Überarbeiten nicht beseitigt. Dann hat der Text strukturelle Probleme und darüber Schlafen ist erst recht eine gute Idee. Was hat das Grummeln verursacht? Erzählt der Autor über seine Figuren, anstatt sie handeln zu lassen? Fehlt einfach der Konflikt? Weicht der Autor dem Konflikt aus? Mein Rotstift-Ich muss es herausfinden, es muss auch genau auf die Stelle zeigen, an dem das Problem einsetzt. Und den wohlsortierten Werkzeugkoffer aufklappen, um die passenden Werkzeuge zur Problemlösung hervorzukramen.

Bei dem Problem mit den Figuren ist es meist der Ratschlag: Kriech in deine Figur. Lass sie mal in der Ich-Perspektive erzählen. Hallo, ich bin Don Quichotte und werde allen zeigen, was es bedeutet, ein Ritter zu sein.

Und dann, das nächste Werkzeug: Wenn du dich in die Person verwandelt hast, schreib die Szene aus der Sicht der Figur neu.Ich bin nicht der beste Freund der Autoren. Ich bin der Sparring-Partner und wenn der Autor nicht aufpasst, lande ich einen Treffer. Der tut weh. Aber hilft, in Zukunft besser auf die Worte zu achten.

Natürlich darf ich nicht immer der gleiche Leser sein. Ein Thriller will anders gelesen werden als eine Liebesgeschichte oder Fantasy. Mein Leser-Ich muss sich auf den Text einlassen. Ihn so lesen, wie er gelesen werden will. Und mein Rotstift-Ich muss ebenfalls im Stil des Autors agieren. Eine ruhige, poetische Geschichte in atemberaubende Action zu verwandeln, ist keine gute Idee.

Ich muss auch erkennen, was der Autor eigentlich will. Nicht immer ist es ihm gelungen, das deutlich zu machen. Mit einiger Erfahrung spürt man es aber heraus.

Außer, wenn der Autor es selbst nicht weiß. Das sind die mäandernden Geschichten. Nicht ganz klar, ob sie Liebesroman oder Krimi werden wollen. Aber für eines muss man sich entscheiden. Da hilft dann nur Fragen und mit dem Autor diskutieren. Das gehört sowieso zu dem Lektorenjob. Dem Autor erklären, warum man etwas geändert hat. Diskutieren, ob es nicht eine bessere Lösung gibt. Manchmal kommt auch heraus, dass der Autor etwas ganz anderes sagen wollte, das aber nicht im Text stand, also weder mein Leser-Ich noch mein Rotstift-Ich erahnen konnten. Telepathie gehört nicht zu den unabdingbaren Voraussetzungen für den Lektorenberuf.

Das Ergebnis ist eine Datei mit viel Rot. Und ein Kommentar zum Text, der sagt, ob und welche strukturellen Probleme es gibt. Das sollte den Autor nicht entmutigen, es sind Vorschläge. Es gibt keine Lektorenpolizei, die früh am Morgen mit dem SEK anrückt, weil Sie die Lektorenvorschläge nicht übernommen haben. Meist sind es ca. 80-90 % der Vorschläge, die Autoren übernehmen. Dann weiß ich, dass Leser-Ich und Rotstift-Ich gut gearbeitet haben.

Ihr Hans Peter Roentgen

Der Beitrag erschien zuerst im Self Publisher Preis. Und natürlich ist das keine  medizinische Definition der Schizophrenie.

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Was macht eigentlich ein Lektor

Helikopter-Autoren, lasst eure Kinder frei!

Barbara Sukowa spielte Rosa Luxemburg im Film von Margarethe von Trotta. Noch vier Wochen danach hinkte sie, wie Rosa Luxemburg gehinkt hatte. Sprach mit polnischem Akzent.

Dann spielte sie Hanna Arendt. Sprach ihr Amerikanisch plötzlich mit deutschem Akzent wie Hanna Arendt, obwohl sie akzentfreies Amerikanisch spricht. Brachte damit ihre Familie zur Verzweiflung.

Romanfiguren von außen betrachtet sind langweilig

Genau das fehlt in vielen Texten, die mir zugeschickt werden. Die Autoren wissen oft gar nicht, wie ihre Figuren ticken, wie sie reden, wie sie sich bewegen. Sie schauen von außen auf ihre Figuren und erzählen etwas über sie. Sie sprechen nicht wie eine polnische Jüdin, die aus dem Zarenreich ins Deutsche Reich flüchtet, im Gefägnis saß und erfüllt ist davon, dass der Sozialismus nicht nur die Ausbeutung, sondern auch den Antisemitismus beseitigen wird.

Sie erzählen mir: Rosa Luxemburg war eine polnische Jüdin. Aber lassen sie nicht leben. Kriechen nicht in die Figur. Verwandeln sich nicht in sie, sehen die Welt nicht durch ihre Augen. Und produzieren so langweilige Texte.

Geben Sie die Personen frei

Mein Rat in solchen Fällen ist immer der gleiche. Lass deine Figur sprechen. »Hallo, ich bin Rosa Luxemburg. Seit vier Jahren sitze ich im Gefägnis, weil ich gegen den Krieg geredet habe. Mein einziger Gefährte ist ein Rabe …«

Interviewen Sie Ihre Figuren, wenn sie Ihnen noch fremd bleiben. »Bist du verliebt? Warst du schon mal verliebt? Würdest du deinen Geliebten aufgeben, um damit der Revolution zum Sieg zu verhelfen?« Jede Frage ist erlaubt. Vor allem die peinlichen.

Schauen Sie sich den Film Rosa Luxemburg an. Wie die Sukowa sich in Rosa Luxemburg verwandelt, obwohl diese klein und dunkelhaarig war, Barbara Sukowa groß und blond und ihr Äußeres so gar nicht an eine polnische Jüdin erinnert. Aber die Zuschauer glauben ihr die Rosa Luxemburg, weil sie sich in diese Person verwandelt.

Zu einer Person gehören auch die negativen Seiten. Die Widersprüche. Wie verhält sich die Person im privaten Umfeld? Was gibt es, was sie nicht mal ihrer besten Freundin gestehen würde?

Und vor allem: Lassen Sie Ihre Personen von der Leine. Sie sind nicht Ihre Marionetten, liebe Autorinnen und Autoren. Sie müssen ein eigenes Leben führen, einen eigenen Willen gewinnen. Das ist schwer zu erdulden. Welche Eltern lassen ihre Kinder gerne gehen, wenn sie erwachsen werden? Und genauso halten viele Autoren ihre Figuren fest. Vertrauen ihnen nicht. Spielen Helikopter-Autoren.
Trauen Sie sich, ihnen die Freiheit zu geben. Sie werden es Ihnen danken. Weil die eigenen Wege der Personen die spannendsten sind, denn nicht mal der Autor hat sie vorhergesehen. Weil Leser sich für lebendige Personen interessieren, nicht für Holzpuppen an den Fäden der Erzeuger.

Masterclass „Moving history“

Und wer jetzt fragt, woher ich diese Weisheiten habe: Ich war heute an der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg. Eine Masterclass mit Margarethe von Trotta, mit Beispielen aus vier Filmen von ihr. Neben Rosa Luxemburg, Hanna Arendt auch aus Hildegard von Bingen und Rosenstraße.

Rosenstraße ist ein unbekanntes Detail aus der Nazizeit. 1943 ließ Goebbels die Juden verhaften, die mit »arischen Frauen« verheiratet waren. Die hatten bis dahin einen gewissen Schutz durch die Ehefrauen. Und diese taten, was sich wenige im dritten Reich trauten. Sie versammelten sich vor dem Gefängnis, es wurden immer mehr, die SS versuchte, sie einzuschüchtern, was nicht gelang. Schließlich wurde das Ganze Goebbels zu heiß und die Männer kamen frei. In seinem Tagebuch vermerkte der Propagandaminister, er werde sie später einzeln erledigen lassen. Dazu kam es nicht mehr, den Alliierten sei Dank.

Die Frauen demonstrierten nicht aus einem politischen Grund. Weswegen in der DDR dieses Ereignis nicht interessierte. Wären es aufrechte Kommunistinnen gewesen voller Glut für den Kommunismus, die sich dort auf Anordnung der Partei versammelten, hätte man ihnen Denkmäler errichtet. Doch Frauen, die aus Liebe zu ihren Männern … Also nein, wen interessiert das schon. Die Bundesrepublik erinnerte sich damals sowieso ungern an die Menschen, die sich nicht anpassten.

»Mich interessieren Personen, nicht Themen«, sagt die Regisseurin dazu. »Ich möchte sie verstehen. Wie sie mit den Zwängen ihrer Zeit umgehen. Passen sie sich an? Wenn ja, was entwickelt sich daraus? Oder widersetzen sie sich?«

Sich mit Filmdramaturgie zu beschäftigen, lohnt sich für jeden Autor.

Margarethe von Trotta

Sie stammt von deutschbaltischen Eltern, die vor der russischen Revolution fliehen mussten. Und danach keine Staatsangehörigkeit mehr hatten, nur noch den „Nansenpass“. Sie selbst wurde zwar in Deutschland geboren, erhielt aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, weil ihre Eltern diese nicht besaßen. Sie lebte auch jahrelang mit einem „Fremdenpass“, musste jedesmal, wenn sie nach Frankreich wollte, ein Visum beantragen und ein Durchreisevisum für Belgien. Erst durch ihre Heirat erwarb sie den deutschen Paß.

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Der Absatz – das unbekannte Wesen

Die Hälfte der Texte, die ich zur Korrektur bekomme, hat zu wenig Absätze. Selbst viele Textprofis leiden oft unter dem, was Mediziner die „chronische Absatzscheu“ nennen. Manche legen sogar Texte mit mehreren Seiten ohne jeden Absatz vor.

Die Begründung: „Das ist doch der Job der Lektoren“. So kann man es natürlich auch sehen. Nur darf man sich dann keiner wundern, dass niemand seine Texte zu Ende liest.

Auch in Stilratgebern und Schreibbüchern sucht man Rat zur Absatzgestaltung meistens vergeblich.

Dabei ist es gar nicht so schwierig. Denn es gibt es ein paar Faustregeln. Natürlich sind die nicht in Stein gemeißelt und dienen, wie die Zeichensetzung auch, der einfacheren Lesbarkeit (Ja, ja, ich weiß, die Zeichensetzung dient der Rechtschreibung, den Grammatikregeln, den Kultusministern, laut Günther Grass der deutschen Literatur und erst ganz zum Schluss dann der Lesbarkeit!).

Die Faustregeln:

Absätze werden gemacht:
– Wenn der Sprecher wechselt
– Wenn die Perspektive wechselt
– Vor und nach Flashbacks
– Wenn eine Beschreibung endet und die Handlung einsetzt
– Wenn eine neue Person die Bühne betritt

Wozu Absätze?

Absätze sind wie Sätze, Szenen und Kapitel Gliederungsmöglichkeiten. In der Regel enthält ein Absatz mehrere Sätze und eine Szene mehrere Absätze. Eigentlich ist das selbstverständlich, aber wenn Sie wüssten, was ich schon alles in Texten erlebt habe!

Dabei ist der Absatz als Gliederungselement noch viel wichtiger als der Satz und bietet auch weit mehr Möglichkeiten, als die Lesbarkeit sicher zu stellen. Denn Absätze bestimmen Rythmus und Tempo eines Textes. Sie sind ein ganz wesentliches Element, das den Stil festlegt.

Nehmen Sie sich einfach mal verschiedene Bücher aus eurem Regal, schlagen Sie sie an beliebiger Stelle auf und schauen Sie sich an, wie auf diesen beiden Seiten die Absätze verteilt sind.

Wann soll man Absätze machen?

Auf jeden Fall, wenn der Sprecher wechselt.

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“ Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen.“ „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich. „Ich war das.“, antwortete der Esel.

Das ist einfach schwierig zu lesen und noch schwieriger zu verstehen. Aber ein Absatz hinter dem jeweiligen Sprecherwechsel und schon ist es einfach viel klarer:

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“
Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen. „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich.
„Ich war das“, antwortete der Esel.

Wohlgemerkt, hier steht kein Absatz nach „Es war niemand zu sehen“. Denn das, was folgt, sagt immer noch Josef. Ein Absatz ist hier nicht nötig.  Macht einmal das Experiment, den Text mit und ohne Absatz zu lesen. Was ändert sich dann am Rythmus, an der Stimmung des Textes? Welche Fassung würdet ihr vorziehen?

Wie beim Sprecherwechsel gehört ein Absatz natürlich immer dorthin, wo die Perspektive oder Handlung wechselt und insbesondere, wenn der Text von einer Beschreibung zur Handlung übergeht.

Die Burg glänzte schwarz, als wäre sie frisch lackiert worden. Der Burgfried ragte so hoch, dass er die Wolken am Bauch kitzeln konnte. Das Tor war verschlossen und verriegelt, die Zugbrücke hochgezogen.
Plötzlich öffnete sich ein Fenster und ein hölzerner Kuckuck schnellte heraus.

Was wäre, wenn man das alles in einem Absatz schreiben würde?

Ganz einfach: Dann würde der Kuckuck längst nicht so überraschend kommen. Mit Absätzen nimmt man auch eine Betonung vor. Generell sollte ein Absatz natürlich überall erfolgen, wo etwas Neues im Text erscheint. Absätze gliedern einen Text und damit die Gedanken, die Erzählung der Autoren.

Wirkung von Absätzen

Je mehr Absätze ein Text hat, desto „aktiver“, „einfacher“ und „temporeicher“ wirkt er. Deshalb haben Actionszenen und Dialoge meist sehr viele Absätze, im Extremfall sogar mit nur einem Satz.

Er rammt den Rückwärtsgang rein.
Stieß zurück, erster Gang, Vollgas.
Die Reifen drehten durch. Fassten endlich.
Das Tor zersplitterte und sie waren durch.

Umgekehrt wirken Texte mit wenigen Absätzen eher „ruhig“ oder „schwierig“. Logischerweise haben Beschreibungen, philosophische Erörterungen etc. auch durchaus mal Absätze mit einer halben Seite. Mehr würde ich einem Leser nur in begründeten Ausnahmefällen zumuten.

Warnung

Bei vielen Wettbewerben gibt es eine Seitenbegrenzung. Bei Überschreitung liegt die Versuchung nahe, einfach Absätze wegzulassen und so den Text auf die Begrenzung zu kürzen.

NEIN! Das sollte man nie, nie, nie tun. Denn dadurch verliert euer Text so viel, dass die Chancen auf den Nullpunkt schwinden. Ein Text mit ungenügender Gliederung, mit zu wenig Absätzen wirkt dilettantisch. Da kann die Geschichte selbst noch so gut sein.

Lieber sich überlegen: Welchen Teil der Erzählung könnte man ganz weglassen?

Womit wir wieder bei der „chronischen Absatzscheu“ wären. Man kann natürlich auf die Lektoren hoffen. Ich halte das für keine gute Idee. Denn Absätze sind ein wichtiges Stilmittel und das sollte kein Autor aus der Hand geben.

Stephen King

Stephen King schreibt in „Das Leben und das Schreiben:

Ich bin der Meinung, dass nicht der Satz, sondern der Absatz die kleinste Einheit eines Textes darstellt, in der Kohärenz entsteht und Wörter die Chance haben, über sich hinauszuwachsen. Wenn es Zeit wird, das Tempo zu erhöhen, geschieht das auf Absatzebene. (S151).

Und dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

Leerzeilen – wann setzen?

 

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Der Absatz – das unbekannte Wesen

Krimis machen in der heilen Welt der Literatur

In Geschichten – und besonders in Krimis – ist oft das interessant, was nicht gesagt wird. Was zwischen den Zeilen steht und nur manchmal aufploppt. Die Leiche im Keller der heilen Reihenhauswelt.

Anfang September gab es die Tagung »Krimis machen 3« in Hamburg. Die dritte Veranstaltung, die sich mit den Problemen rund um Krimis schreiben und der Position des Krimis auf dem Buchmarkt beschäftigt. Ich habe alle drei besucht und fand alle drei inspirierend. Und doch gibt es, gab es einen seltsamen Effekt.

Publikum und Diskussionsteilnehmer kamen aus der gleichen Filterblase. Das wurde natürlich nie angesprochen. Fast nie. Nur Thomas Wörtche wies in seinem Einführungsvortrag darauf hin, dass man Mainstream-Krimis nicht einfach beiseitelassen könne, schließlich würden diese von vielen gelesen.

Doch sonst erwähnte niemand die Welt außerhalb des literarischen Krimis. Außer in Beschwörungen. Damit wolle doch hier niemand etwas zu tun haben. Eine Welt voller Teufel, über die man besser nicht reden solle. Sozusagen die Voldemorts des Krimis. Ab und zu wurden sie dann doch genannt: Agathe Christie heißt die Oberteufelin und  Sebastian Fitzek und Rita Falk sind die Unterteufel. Abschreckende Beispiele.

Warum sind die so teuflisch? Darüber herrschte Einigkeit, diese Krimis schreiben Romane aus der heilen Welt: Ein Verbrechen geschieht, der Kommissar klärt es auf und danach ist die Welt wieder heil. Weswegen man so etwas nicht diskutieren muss, ja besser gar nicht diskutieren sollte. Es könnte ja ansteckend sein.

Damit werden 90% des Buchmarkts ausgeschlossen aus der Diskussion. Ich muss Agathe Christie ja nicht toll finden, aber es wäre interessant, sich zu fragen, warum sie Erfolg hatte. Und ihre Nachfolger immer noch massenhaft gekauft werden. Ist es tatsächlich der Wunsch nach der heilen Welt? Können wir uns davonstehlen, in dem wir diese Theorie zwischen den Zeilen stehen lassen, aber nie begründen?

Auch der harmloseste Landhauskrimi in der heilsten Vorstadtwelt braucht eine Leiche. Am besten im Keller eines angesehenen Bürgers. Und selbst wenn der Täter am Schluss verhaftet wird, alles wieder gut ist: So heil ist die Welt dann nicht mehr. Ganz im Gegenteil, wir wissen jetzt, dass auch in den heilsten aller heilen Welten Leichen im Keller lagern, die gerne übersehen werden. Um den Anschein »Alles ist gut« nicht zu stören.

Wie geht man im Mainstream damit um? Wäre eine interessante Frage. Doch daran kranken die Diskussionen der Anhänger des literarischen Krimis. Da werden dann lieber Fragestellungen diskutiert, die in einem germanistischen Seminar ihren Platz haben.

Solche Fragestellungen haben ein Problem: Sie sind allgemein. Und man kann allgemein darüber sprechen. Im siebten Himmel der Theorie. Ohne auf Beispiele einzugehen. Da kann man spekulieren, ob Autoren, die physische Gewalt erfahren haben, überhaupt darüber schreiben können. Wenn die Praxis – welche Autoren schaffen es und wie, welche nicht und warum? – nicht mit einfließt, tauscht man blutleere Glaubenssätze aus.

Im Fall von »Krimis machen 3« blieb man an der Oberfläche. Und die Beiträge plätscherten so dahin. Mit zwei Ausnahmen. »Bitch oder Bastard«, da sprühte die Diskussion plötzlich vor Leben. Da wurde es konkret, wieviel Männer, wieviel Frauen bekommen Preis? Und warum? Urteilen die Jurys (meist mit Männern besetzt) wirklich nur aufgrund der Qualität der vorgelegten Texte? Oder laufen da Netzwerke ab und wie? Die Meinungen auf dem Podium wie bei den Zuhörern waren geteilt, anders als in den anderen Veranstaltungen.

Wenn Leute sich gegenseitig bestätigen und nur noch lesen und hören, was die Meinung dieser Gruppe bestätigt, reden wir von »Filterblasen«. Und in vielen Diskussionen hatte ich das Gefühl, in einer Filterblase zu sitzen. Die des literarischen Krimis. In der es bestimmte Glaubenssätze gibt (siehe heile Welt), die nicht hinterfragt werden, weil eben alle einer Meinung sind.

Noch ein paar Beispiele gefällig?

Gute Krimis sollen widerspenstig sein, subversiv, sollen verstören. Das wurde mehrfach erwähnt, hinterfragt wurde es genausowenig. Es gehört zum Glaubensbekenntnis der Literaten unter den Krimifans.

Okay, ich spiel jetzt mal den Advocatus Diaboli. Den Ketzer. Was zum Teufel heißt das, subversiv, verstörend, widerspenstig? Ich habe viele Krimis aus der Krimibestenliste gelesen, dem Zentralorgan der Krimi-Literaten und schätze sie. Aber haben sie mich verstört? Kein Einziger hat das geschafft. Verstören würde mich ein Krimi eines AfD-Autors, in dem sämtliche Flüchtlinge in der Waschküche Bomben basteln und Allahu Akbar schreien würden, bevor sie sich auf dem Rathaus mit den städtischen Angestellten in die Luft sprengen.

Setzen wir mal wieder einen Fuß auf den Boden der Realtitäten und verlassen den siebten Himmel der Theorie.

Da gibt es zum Beispiel Max Annas‘ Roman »Illegal«, er gehört ganz zweifelsohne zum literarischen Krimi, zu denen, die sich von Fitzek und anderen Teufeln absetzen, zu denen, die kriminelle Literaten schätzen. Er ist gut geschrieben, folgt einen Afrikaner, der illegal in Berlin lebt, immer in Angst, ohne Papiere erwischt und abgeschoben zu werden. Ein eindrückliches Buch. Aber widerspenstig? Subversiv? Hat es mich verstört? Es hat mich gepackt, hat mir deutlich gemacht, wie jemand lebt, leben muss, der keine Papiere und die falsche Hautfarbe hat. Hat mich eintauchen lassen in eine Lebenswelt, die weitab von der meinigen liegt. Spannend ist das zweifelsohne, aber subversiv?

Seltsamerweise ähnelt der Schluss dieses Romans dann sehr einem drittklassigen Tatort, einem der teuflischen Mainstream-Krimis. Dort taucht der Bösewicht auf. Und während der Afrikaner ohne Papiere ein Musterbeispiel einer gekonnten Romanfigur ist, die den Leser mit in seine Welt nimmt, ist der Bösewicht blaß und das einzig bemerkenswerte an ihm, dass er viel Geld hat.

Heute wollen alle subversiv sein. Wer will schon die Verhältnisse affirmativ bestätigen? Egal ob AfD, Linke oder sonst wer: Sie alle sind gegen das Establishment, gegen die etablierte Politik und betonen, dass sie nicht im Mainstream schwimmen wollen. Der Mainstream scheint ein Fluss zu sein, dem längst alles Wasser davon geschwommen ist. Positiv will keiner davon reden.

In den Fünfzigern und Sechzigern war das anders. Da war staatstragend kein Schimpfwort, da gefährdete die APO die herrschende Ordnung und wurde dafür gehasst. Im »Stahlnetz«, dem damaligen Tatort, stammten die Täter immer aus der Unterschicht und gefährdeten die Sicherheit der braven Bürger.

Heute weiß jeder Fernsehzuschauer: Wenn jemand einen teuren Wagen fährt und in einer noblen Villa wohnt, dann ist es der Täter. Der Mainstream hat die Windrichtung geändert. Wir da unten ist schick geworden, die da oben sind die Verbrecher.

Subversiv und widerständig sind zu Klischees verkommen, sorry for that liebe Literaten.

Und wie sieht es mit den anderen Glaubenssätzen aus der literarischen Krimiblase aus? Wir wollen keine heile Welt, predigen die Kulturredakteure in der heilen Literaturwelt. Okay, Gegensätze ziehen sich an. In den Fünfzigern war die heile Welt brüchig, jeder hatte aus der Nazizeit seine Leichen im Keller und mehr Probleme erlebt, als ihm lieb sein konnte. Heile Welt wollten sie alle, weil sie genau die nicht hatten. Wie gesagt, heute ist das umgekehrt.

Keine Happy-Ends, die sind verlogen, nein, wir wollen, dass alles düster und verzweifelt ist und dass das Ende rabenschwarz sein muss.

Wieso eigentlich? Unrealistisch ist beides. Happy-End ist genauso wie Bad-End ein Schemata, dazwischen gibt es zahlreiche Zwischenstufen und welche dieser Schemata eine Geschichte verwendet, hängt von der Geschichte ab. Sollte es zumindest.

Zurück in die Niederungen der Realitäten. Agathe Christie und die Schar ihrer Unterteufel ist affirmativ, sie festigt die herrschende Ordnung, auch das eine der Sätze, der zum Glaubensbekenntnis der Krimi-Literaten in »Krimis machen« und anderswo gehört. Unpolitisches Teufelswerk, pfui!

Agathe Christies »Zeugin der Anklage« ist einer der bekanntesten Bücher Agathe Christies. Dass Engländer im allgemeinen und englische Geschworene im besonderen Ausländer nicht mögen, ist eines der wesentlichen Elemente, darauf baut die Geschichte unter anderem auf. Sie klagt nicht an, aber konstatiert. Ganz so affirmativ ist sie denn doch nicht.

Zurück zu der Tagung »Krimis machen 3«. Die spannendste Diskussion war die über die Debüts neuer Autoren. Erhalten neue Autoren in Verlagen Chancen? Wenn ja, welche? Und wie läuft das in den Verlagen ab?

Mehrere Verlagslektoren und Autoren diskutieren. Hier ging es wirklich um die Praxis, hier wurden unterschiedliche Positionen vertreten und der Zuhörer bekam einen neuen Blick auf das Verlagswesen.

Ich habe Freundinnen und Freunde in meiner FB Liste, über deren Beiträge ärgere ich mich immer wieder. Da muss ich widersprechen. Aber sie zwingen mich, meine eigenen Meinungen zu schärfen, zu überdenken, zu ergründen, warum ich das anders sehe als sie. Das sind die Leute, die mich weiterbringen. Diskussionspodien, auf denen alle die gleiche Grundhaltung haben, sind langweilig.

Mein Fazit: Glaubensbekenntnisse helfen in Diskussionen über Krimis nicht weiter und Begriffe, die längst zum Klischee geworden sind, auch nicht.

Ich hoffe sehr, dass es ein »Krimi machen 4« geben wird. Und dass dort unterschiedliche Meinungen auftreten, von Christie-Fans bis zum Fan des literarischen Krimis. Die Unterschiede, die verschiedenen Positionen auf den Tisch kommen. Wie arbeiten die unterschiedlichen Autoren? Was für Folgen hat das? Warum werden welche Krimis gelesen oder andere nicht?

Links:
Krimis machen 1
Krimis machen II
WDR Bericht Krimis machen III
Gudrun Lechbaum: So wars für mich

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Krimis machen in der heilen Welt der Literatur

Yahoo will die Zukunft der Medien aktiv gestalten

Morgens um sieben ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Dass Firmen meine Daten weitergeben, habe ich längst vermutet. Dass sie mir eine Mail schicken, in der sie sich brüsten, das zu tun, ist allerdings neu. Yahoo mailt mir, dass es meine Daten weitergeben wird:

Lieber Yahoo Nutzer,

Yahoo ist jetzt Teil von „Oath“ einem Unternehmen für digitale und mobile Medien mit mehr als 50 Marken weltweit (einschließlich AOL, HuffPost, Engadget, TechCrunch, Moviefone und Makers) und Mitglied der Verizon-Unternehmensgruppe. Oath wird die Zukunft der Medien aktiv mitgestalten und hat sich zum Ziel gesetzt, durch die Erstellung von inspirierenden und unterhaltsamen Inhalten und Produkten, eine weltweite Community leidenschaftlicher und engagierter Nutzer zu schaffen.

Im Rahmen dieser Mission werden wir ab dem 18. September 2017 anfangen, einige Nutzerdaten mit Oath und der Verizon-Unternehmensgruppe zu teilen. Dies geschieht sowohl zu Zwecken der betrieblichen Integration, damit die neue Oath-Organisation (einschließlich dieser Unternehmen) Ihnen passende Werbung, interessante Inhalte und innovative Produkte anbieten kann, als auch zu sonstigen Analysezwecken in Einklang mit den Datenschutzrichtlinien. Yahoo kann ggf. von Oath und Bereichen von Verizon ähnliche Daten über Sie erhalten.

Aha. Zu Zwecken der betrieblichen Integration und um gezielter Werbung an mich zu schicken, werden meine Daten weitergegeben. Damit sie die Zukunft der Medien aktiv gestalten können. Dass eine Firma das so offen zugibt und mir mailt, das ist neu. Aber immerhin ehrlich.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

Impressum Homepage Hans Peter Roentgen

 

 

Yahoo will die Zukunft der Medien aktiv gestalten

Drachenzeichen – zwei Klappentexte

               Eins

Lange weiß Lucius nicht, was ihm von den Göttern schon in die Wiege gelegt wurde: Er ist ausersehen, eine uralte Prophezeiung zu erfüllen und die Welt neu zu ordnen. Diesem Schicksal kann er sich nicht entziehen.

Lucius Kindheit in einer mittelalterlichen Stadt endet schlagartig, als nach dem Kampf gegen den bösartigen Greif plötzlich das Zeichen der schwarzen Brüder, ein dunkler Drache, auf seinem Oberarm erscheint. Für die Menschen seiner Heimat ist dies der Beweis, dass nun die gefürchteten alten Prophezeiungen der großen Veränderungen eintreten werden. Voller Hass und Angst jagen sie den Jungen, um das Unheil einer neu geordneten Welt noch abzuwenden. Doch zusammen mit dem Drachenzeichen hat Lucius auch Hilfe aus den magischen Welten erhalten. Sein wichtigster Gefährte wird Salman, der schwarzgoldene Drache, der in seiner Hand geschlüpft ist und schnell wächst. Mit ihm übersteht Lucius die Prüfungen im Schattenreich der Verstoßenen, trifft Gottheiten und Zauberer und kann schließlich zurückkehren in die Menschenwelt. Dort soll er den Auftrag der Göttin Kaala ausführen. Weil Lucius aber die Moralvorstellungen aus seiner Kindheit nicht völlig vergessen hat, gerät er in schwere Gewissenskonflikte.

Zwei

In der mittelalterlichen Stadt, in der Lucius behütet aufwächst, fürchten sich die Menschen vor einer Prophezeiung aus den uralten Zeiten der Drachen, denn große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt. Als plötzlich das aus vielen Legenden berüchtigte Zeichen der schwarzen Drachen auf Lucius‘ Arm erscheint, wird er zum Gejagten in seiner Stadt. Schwer verletzt findet er mit seinem frisch geschlüpften Drachengefährten Salman Aufnahme im Schattenreich der Verstoßenen. Hier begegnen ihm Magier, Göttinnen und Hexen, von denen er all das lernt und erhält, was er nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt braucht, um die Prophezeiung zu erfüllen. Doch all seine magischen Fähigkeiten und Waffen nützen Lucius wenig, solange sein Gewissen ihn daran hindert, die geforderten Grausamkeiten zu begehen.

Sein Drache Salman bleibt für Lucius der stets zuverlässige Gefährte bei allen Kämpfen und magischen Begegnungen auf den Reisen durch fantastische Welten.

Lektorat

Was interessiert Sie in dem obigen Klappentext? Welcher Satz ist der stärkste? Ich finde ,dieser: »Voller Hass und Angst jagen sie den Jungen, um das Unheil einer neu geordneten Welt noch abzuwenden.« Ein Junge wird vogelfrei, weil das Drachenzeichen auf seinem Arm erscheint. Das erinnert an Hexenverfolgung, an Außenseiter, weckt Ängste.

Und warum wird er vogelfrei? »Große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt.« Das ist ein wenig allgemein. Klingt belanglos. So wie der Satz: »Mit Hexen verbinden die Menschen große Umstürze und Kriege.« Besser: »Hexen sind mit dem Teufel im Bunde, sie können Naturkatastrophen herbeizaubern, die Ernte vernichten und den Menschen Krankheiten anzaubern.« Das wäre die konkretere Aussage.

Was also kann jemand mit dem Drachenzeichen anstellen? Was für Ängste ruft es hervor? Dass Lucius mit Drachenzauber die Drachen herbeirufen kann, die Menschen fressen, die Ernte verbrennen und die kein Heer besiegen kann? Das wäre eine Möglichkeit.

Und was geschieht mit denen, die ein Drachenzeichen haben? Lucius wird »schwer verwundet«. Auch das sollte man konkreter benennen. »Die Schergen des Drachentöter-Ordens jagen ihn, um ihn auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Doch schwer verletzt kann er ihnen entkommen.«

Prophezeiungen

Das Drachenzeichen ist eine Prophezeiung. »Er ist ausersehen, eine uralte Prophezeiung zu erfüllen und die Welt neu zu ordnen. Diesem Schicksal kann er sich nicht entziehen.« Denn: »Große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt.«

Eine Prophezeiung, die unabwendbar ist. Die uns sagt, was passieren wird. Ein Schicksal, dem keiner entkommen kann.

Schade. Denn dann ist ja alles schon vorherbestimmt. Wir müssen das Buch nicht lesen.

Immer wieder begegne ich solchen Prophezeiungen, Vorausdeutungen, die den Helden und dem Autor das Leben leichter machen. Alles ist klar und vorherbestimmt. Im Theater nennt man so was „Deus ex machina“. Der Gott, der aus dem Theaterhimmel auf die Bühne herabgelassen wird und alles in Ordnung bringt, was der Autor nicht hatte vollbringen können.

Greifen Sie nie zu solchen Hilfsmitteln. Sie erleichtern das Autorenleben, ganz gewiss, aber sie töten die Spannung.

Also gar keine Prophezeiungen oder Vorausdeutungen? Zweite Frage: Kennen Sie Shakespeare? In Macbeth gibt es eine berühmte Prophezeiung. Drei Hexen sagen Macbeth voraus, dass er König wird und nur gestürzt werden kann, wenn der Wald anfängt zu laufen und ein Mann kommt, der von keiner Mutter geboren wird.

Macbeth ist happy. Sein Königtum ist sicher. Glaubt er. Er bringt den regierenden König um, setzt sich die Krone auf, und niemand kann sie ihm nehmen.

Leider hat er etwas übersehen. Die Prophezeiung war nicht so eindeutig, wie er dachte. Der Wald fängt an zu laufen und ein Mann führt seine Feinde, der nicht geboren, sondern aus dem Mutterleib geschnitten wurde. So kann man sich irren.

Prophezeiungen sind wirksame Mittel in Geschichten. Aber nur, wenn sie doppeldeutig sind. Wenn sie den Helden (und die Leser) in Sicherheit wiegen, in Wirklichkeit aber keine Garantie bieten. (Das gilt auch für Vorausdeutungen.) Sie scheinen etwas zu sagen, aber alles kommt anders. So wie der kriegerische König Krösus, dem vor einem Kriegszug geweissagt wurde: Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.« Frohgemut zog er in den Krieg gegen das große Perserreich. Und übersah, dass das große Reich, das er zerstörte, sein eigenes war.

Konflikt, Konflikt, Konflikt

Lucius flieht dann zu ins Schattenreich. »Hier begegnen ihm Magier, Göttinnen und Hexen, von denen er all das lernt und erhält, was er nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt braucht, um die Prophezeiung zu erfüllen.«

Schön für Lucius, das klingt ja nach einer tollen Zeit ohne Probleme. Die Magier, Göttinnen und Hexen bringen ihm alles bei, und die Prophezeiung sagt ihm, was er zu tun hat. Viel nachdenken muss er nicht. Konflikte sind auch keine in Sicht.

Konflikte und offene Fragen sind aber das, was Leser verlocken, eine Geschichte zu lesen. Und davon findet sich hier nichts. Obendrein ist »alles, was er braucht« sehr allgemein. Was lernt er denn dort? Zaubern? Schwertkämpfen? Regieren?

Konkret ist der Drache, der in seiner Hand schlüpft. Hat ihn dieser Drache aus der Hand seiner Verfolger befreit? Was hat es damit auf sich? Das könnte zum Lesen verlocken.

Gewissenskonflikte

Einen Konflikt gibt es am Ende: »Doch all seine magischen Fähigkeiten und Waffen nützen Lucius wenig, solange sein Gewissen ihn daran hindert, die geforderten Grausamkeiten zu begehen.« — Gewissenskonflikte bieten Spannung.

Aber auch hier: Um welche Gewissenskonflikte handelt es sich? Soll er seinen Drachen opfern, um die Welt zu retten? Die Frau verlassen, die er liebt, um seine Heimatstadt vor einem Krieg zu bewahren? Auch hier wären konkretere Angaben wichtig.

Worum geht es in der Geschichte? Um Gewissenskonflikte geht es in unzähligen Geschichten. Stellen Sie Ihr Alleinstellungsmerkmal heraus. Zeigen Sie den Gewissenskonflikt, behaupten Sie ihn nicht nur.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

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