Klappentextlektorat 3/2017

Wildes Kraut aus dem Weltall

(c) Kurt Beinwell

Diesmal habe ich drei verschiedene Fassungen eines Klappentextes, die ich vorstellen und lektorieren möchte.

Text 1

Erst kommt seine Frau bei einem gemeinsamen Autounfall ums Leben, und er bleibt mit chronischen Schmerzen allein zurück. Was soll nun aus seinem kleinen Bauernhof werden? Bei einer Routinekontrolle des Weizenfeldes macht er einen merkwürdigen Fund und plötzlich scheint sich das Leben wieder zum Guten zu wenden.

Was er nicht weiß: Eine außerirdische Pflanze hält ihn auf dem eigenen Grundstück gefangen und manipuliert seinen Verstand. Kann er noch den eigenen Augen und Ohren trauen, und wird es ihm gelingen, sich von diesem wilden Kraut aus dem Weltall zu befreien?

Text 2

Markus Schmidt lebt allein auf der Farm, nachdem er bei einem tragischen Unfall seine Frau, und einen Teil der Gesundheit verloren hat. Er ist ein verzweifelter Landwirt, der sich irgendwo in Deutschland Sorgen um seine Zukunft macht.

Doch scheinbar liegt die Lösung all seiner Probleme auf dem Weizenfeld, wo in der letzten Nacht etwas vom Himmel gefallen ist …

Eine spannende und kurzweilige Science Fiction/Mystery Kurzgeschichte. Sie könnte heute oder morgen jedem von uns passieren, vorausgesetzt Sie glauben an Aliens!

Text 3

© Anni Neumann

Ein tragischer Verlust stellt das Leben von Markus Schmidt auf den Kopf. Alle Hoffnungen und Träume scheinen zerschlagen. Doch nach einem mysteriösen Fund in seinem Weizenfeld verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit, Fiktion und Faktum miteinander.

Wird er den Machtkampf, in dem es um nicht weniger als seine gesamte Existenz geht, für sich entscheiden?

Übung

Welche Fassung gefällt Ihnen am besten? Wählen Sie eine aus und schreiben Sie auf, warum Sie Ihnen gefällt.

Lektorat

Die gleiche Geschichte kann man ganz unterschiedlich in Klappentexten vorstellen. Wenn Sie mit Ihrem Klappentext nicht weiterkommen, ist es eine gute Idee, einfach verschiedene Fassungen zu schreiben und zu vergleichen.

Und aus diesen drei Fassungen lässt sich leicht herausfinden, was das für eine Geschichte ist. Ein Bauer in Schwierigkeiten und eine außerirdische Pflanze, die ihm scheinbar die Lösung aller seiner finanziellen und persönlichen Nöte bietet. Doch wer sich mit Außerirdischen einlässt, sollte die Folgen bedenken.

Der Pitch und der Auslöser

Für den Klappentext ist es wichtig, zu entscheiden: Was ist das Zentrum der Geschichte? Was ist der Konflikt? Oft ist das von Autoren nicht einfach zu beurteilen, sie haben die vierhundert Seiten ihrer ganzen Geschichte im Kopf. Und die verstellen ihnen den Blick auf das Wesentliche.

Mein Tipp: Schauen Sie sich an, was Ihre Geschichte in Gang setzt. Was ist der Point of No Return, was ist der Punkt, der den Alltag unterbricht und dafür sorgt, dass nichts mehr ist, wie es war? Der Punkt, ab dem es kein Zurück zum bisherigen Alltag mehr gibt?

Markus Schmidt bewirtschaftet mit seiner Frau einen Bauernhof und kann davon leben. Doch dann stirbt die Frau bei einem Unfall und er selbst leidet unter chronischen Schmerzen und kann nicht mehr so zulangen wie früher.

Es gibt keinen Weg zurück in den Alltag vor dem Unfall.

Ein Pitch sollte kurz sein. Also formulieren wir das kurz und knapp:

Markus Schmidt ist ein verzweifelter Landwirt, der sich Sorgen um seine Zukunft macht.

Das wäre der Ausgangspunkt. Für einen Pitch ist das noch zuwenig, denn das schildert nur eine Situation, keine Handlung. Was wäre in unserem Beispiel die Handlung?

Dass eine Pflanze in seinem Weizenfeld auftaucht, die die Lösung all seiner Probleme verspricht.

Markus Schmidt ist ein verzweifelter Landwirt, der vor dem Ruin steht. Doch da fällt etwas vom Himmel in sein Weizenfeld und scheint die Lösung aller seiner Probleme zu bringen.

Jetzt haben wir einen Pitch. Und damit auch zwei Sätze, mit denen der Klappentext beginnen könnte. Außerdem habe ich die Formulierung verschärft. Markus Schmidt macht sich nicht nur Sorgen um seine Zukunft. Er steht vor dem Ruin.

Ein Auslöser ist besser als zwei

Fällt Ihnen etwas auf? Was genau wissen Sie über den Auslöser?

Nur, dass er Markus Schmidt in den Ruin treiben kann. Dass es einen Unfall gab, dass die Frau starb, dass er jetzt chronische Schmerzen hat, habe ich weggelassen. Mut zur Lücke gehört zum Klappentext wie Bier zum Oktoberfest.

Habe ich nicht immer gepredigt: Auch ein Pitch sollte anschaulich sein? Und jetzt streiche ich den Unfall und die Schmerzen, beides sehr anschaulich?

Leser kennen die Furcht vor dem Ruin, vor der Pleite. Das ist etwas, das sofort ein Bild auslöst. Deshalb reicht das für den Pitch. Mehr brauchen wir nicht. Nehmen Sie einen anschaulichen Begriff aus Ihrem Buch. Am besten den, der die schlimmsten Ängste weckt. Der anzeigt: Hier geht es nicht um die üblichen Alltagssorgen, hier geht es um die Existenz. Wenn Markus Schmidt den Ruin nicht abwenden kann, landet er bei Hartz-IV und mit seiner Selbstständigkeit ist es Essig.

Die Bedrohung

Das erste Problem ist also gelöst. Die Pflanze rettet Schmidt den Bauernhof. Aber in guten Geschichten folgt auf die Lösung einer Bedrohung sofort das nächste Problem. In unserem Fall: Die Pflanze manipuliert seinen Verstand. Er ist nicht mehr Herr im eigenen Kopf.

Formulieren wir das:

Was er nicht ahnt: Diese Pflanze manipuliert seinen Verstand. Bald ist er nicht mehr Herr im eigenen Kopf.

Das verschärft die Bedrohung. Diese beiden Sätze sind nicht unbedingt nötig. Denn Science Fiction Leser ahnen schon aus den vorigen Sätzen: Das wird bös enden. Die Sätze betonen das nochmals, stellen es klar. Deshalb würde ich sie einfügen.

Der Abschluss des Klappentextes

Damit haben wir den Klappentext fertig. Oder?

Am Ende ist es immer gut, eine Zusammenfassung zu schreiben. Was ist das für eine Geschichte. Wie wäre es mit:

Eine spannende und kurzweilige Science Fiction Geschichte aus unserer Zukunft!

Der erste und der letzte Satz eines Textes sind besonders wichtig. Denn die haben die meiste Wirkung, bleiben im Gedächtnis. Deshalb ist ein Abschlusssatz gut. Aber bitte keine Übertreibungen, kein Jahrmarktgeschrei.

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Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen

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Klappentextlektorat 3/2017

Klappentextlektorat 2/2017

Mit bloßen Händen

Wolf R. Seemann

Über Nacht ist Harrys Leben zu einer einzigen Katastrophe geworden. Nach seiner Entlassung als Chefarzt, der Entführung seines Sohnes und der Trennung von seiner Frau hat Harry alles verloren, wofür er lebte. Doch wer niemanden mehr hat, der ihn aus dem Sumpf zieht, dem bleiben noch die eigenen Haare. Um wenigstens seinen Sohn zu retten, unterwirft er sich den Erpressungen seines Feindes und findet sich plötzlich zwischen den Rädern nuklearer Weltpolitik wieder.

Aber leider sind die Gefahren, die wir kennen, selten die, die uns erwarten …

Der Roman basiert auf wahren Begebenheiten.

Lektorat

Harry verliert seine Stelle und seine Frau. Sein Sohn wird entführt. Gleich drei Katastrophen am Anfang, die einen spannenden Thriller versprechen. Die Katastrophen sind anschaulich. Dass er sich auf die Erpressung einlässt, lässt Übles ahnen. Und der Satz mit der nuklearen Weltpolitik, unter deren Räder er gerät, ist ein Verweis darauf, was in dem Thriller noch alles passieren wird.

Eine Katastrophe am Anfang, der Hinweis auf größere Folgen (nukleare Weltpolitik) und ein guter Schlusssatz: Die Gefahren, die wir kennen, sind nicht die, uns erwarten …

Dazu der Satz mit der wahren Begebenheit, der ebenfalls Neugier weckt.

Drei Katastrophen sind zwei zu viel

Mein Beruf ist das Verbessern. Und auch, wenn der Klappentext nicht schlecht ist, könnte man einiges verbessern.

Er verliert seine Frau, seine Stelle und seinen Sohn. Das sind drei Katastrophen am Anfang. Hängen die zusammen? Ich würde eine der Katastrophe ins Zentrum stellen. Es sei denn, alle drei hängen zusammen. Im Text findet sich darauf allerdings kein Hinweis. Dort geht es um die Entführung des Sohnes und um die Erpressung, auf die sich Harry einlässt.

Ein unlösbarer Konflikt ist immer gut

Was wollen die Erpresser? Da die Erpressung am Anfang steht, könnte das der Klappentext verraten, ohne die Spannung zu nehmen. Und es wäre bedrohlicher, wenn die Erpresser nicht Geld wollten, sondern etwas anderes, viel Größeres. Sprich: Ich würde das benennen, was die Erpresser fordern. Wollen sie, dass er seinen ehemaligen Chef mit falschen Aussagen belastet? Soll er das Werkzeug werden, den Mann zu vernichten? Das wäre eine Möglichkeit.

Eine ungewöhnliche, besonders bedrohliche Erpressung gehört in den Klappentext. Denn damit würde das Alleinstellungsmerkmal des Romans herausgestellt und die Bedrohung sehr viel anschaulicher werden. Dem Leser würde das Dilemma deutlicher: Gibt Harry der Erpressung nach und tut etwas, was kein anständiger Mensch tun würde? Oder gibt er ihr nicht nach und riskiert den Tod seines Sohnes, weil von ihm Dinge gefordert werden, die gegen jede Menschlichkeit verstoßen? Egal, wie er sich entscheidet, er sitzt in der Falle. Es gibt keinen richtigen Weg, nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Der Konflikt, der alles in Gang setzt, gehört in den Klappentext. Denn er ist es, der den Leser zum Lesen verlocken soll, der ihm einen Eindruck gibt, worum es geht.

Dieser Konflikt ist hier noch allgemein gehalten. Da kann man noch etwas tun. Show, don`t tell, ich kann es nur wiederholen, ist auch im Klappentext wichtig.

Das ändert nichts daran, dass dieser Klappentext auch in der aktuellen Fassung wirken kann.

Der Autor im Klappentext

Wenn der Autor den Hintergrund des Romans gut kennt, sollte das im Klappentext erwähnt werden. Kurz, ein Satz: „Der Autor war lange Chefarzt einer Klinikabteilung und kennt den Hintergrund seiner Geschichte aus dem Effeff.“

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Klappentextlektorat 2/2017

Die sieben häufigsten Irrtümer über Lektorate

Ein gutes Lektorat eines Manuskripts kostet eine vierstellige Summe. Autorinnen und Autoren sind eher selten Millionäre. Und es ist unwahrscheinlich, dass das erste Buch diese Summe wieder hereinspielt.

Kein Wunder, dass diese Frage immer wieder von Selfpublishern diskutiert wird. Auch Autoren, die in Verlagen veröffentlichen wollen, stellt sich die Frage: Buche ich erst mal ein Lektorat, weil das die Chancen erhöht, eine Agentur oder einen Verlag zu finden?

Ich habe mittlerweile hunderte, wenn nicht gar tausende von Autoren beraten, lektoriert, gecoacht, habe Bücher übers Schreiben verfasst und an unzähligen Diskussionen in Foren teilgenommen. Und immer wieder wird diese Frage diskutiert. Und immer wieder tauchen die gleichen Irrtümer auf.

1. Lektorat ist das Lektorat eines Manuskripts

Das ist der häufigste Irrtum nicht nur von Nachwuchsautoren. Klar, wenn ein Verlag ein Manuskript angekauft hat, muss der ganze Text auf einmal lektoriert werden.
Das ist aber nicht generell so. Autoren können die ersten Seiten lektorieren lassen. Schon aus einem Beispiellektorat können sie eine Menge lernen. Wo sie sehen, was ihre Stärken sind und ihre Schwächen. Woran sie arbeiten müssen.
Auch Verlage arbeiten so: Sie verlangen eine Leseprobe der ersten Seiten. Und ein Exposé, also eine Beschreibung der Handlung. Danach schätzen sie ein, wo der Autor steht, ob der Text veröffentlichungsreif ist und Leser finden könnte. Erst dann gibt es einen Vertrag.
Manchmal lassen Verlage ein Lektoratsgutachten erstellen. Ein Lektor liest das ganze Manuskript und beurteilt es. Was müsste überarbeitet werden, was sind die Stärken, was die Schwächen des Textes. Aber er lektoriert den Text nicht, korrigiert also keine Fehler. Deshalb ist ein Lektoratsgutachten sehr viel preisgünstiger.

All das können auch Nachwuchsautoren tun. Ihre ersten Seiten von einem Lektor begutachten lassen, der Änderungen, Korrekturen vorschlägt, einem sagt, wo man steht. Oder ein Exposé erstellen, das Personen und Handlung der Geschichte beschreibt und das mit einem Lektor diskutieren.

2. Lektorat korrigiert Rechtschreibung, Grammatik und Stil

Ein Lektor muss auch die Dramaturgie, die Personen, den Aufbau beurteilen. Das ist oft noch wichtiger als Rechtschreibung, Grammatik und Stil. Denn wenn die Dramaturgie nicht stimmt, der Spannungsbogen durchhängt, die Personen blaß bleiben, dann wird niemand das Buch lesen wollen.

In dem Fall hilft auch die beste Rechtschreibung, der geschliffenste Stil nicht mehr.

Woraus folgt, dass als Erstes die Dramaturgie und die Personen einer Geschichte überarbeitet werden. Auch wenn ihr eure Geschichte überarbeitet, ist diese Reihenfolge sinnvoll:

  1. Personen und Dramaturgie
  2. Stil
  3. Rechtschreibung und Grammatik

3. Nur ein professioneller Lektor kann ein Manuskript bearbeiten

Testleser, Workshops mit erfahrenen Autoren, Diskussionen in Foren: Es gibt unzählige Möglichkeiten, an Texten zu arbeiten und die eigenen Fähigkeiten zu schulen. Guten Kuchen kann man auch im eigenen Backofen backen. Wer allerdings professionell Kuchen backen möchte, der muss sich die entsprechenden Maschinen anschaffen. Dann reicht der private Backofen nicht mehr.

Und wer professionell schreiben will, muss für seine Manuskripte ein professionelles Lektorat kaufen.

Die Reiter beginnen mit Reitstunden in einer Reitschule. Dort lernen sie erst mal die Grundgangarten, wie sie mit dem Pferd mitgehen und ihm nicht in den Rücken fallen und dass die Zügel nicht dazu dienen, sich festzuhalten. Hohe Schule kommt später. Und auch ein teures Dressurpferd kauft man sich erst, wenn man die S-Dressur beherrscht und auf Turnieren auftreten kann.

Nicht anders ist es beim Schreiben. Auch dort dauert es einige Zeit, bis aus dem Hobbyschreiber ein professioneller Autor wird.

4. Um zu lektorieren, muss man das ganze Manuskript lesen

Erfahrene Fußballtrainer sehen nach fünf Minuten, was ein Fußballspieler kann und auf welchem Niveau er ist. Erfahrenen Lektoren geht es genauso.

Nicht anders als im Fußball, beim Reiten, bei der Musik gibt es typische Anfängerfehler. Die ein erfahrener Coach sofort sieht. Betrachtet ein Autor seine Personen nur von außen, schreibt ihnen Eigenschaften zu, statt den Leser diese erleben zu lassen (Tell statt Show), sieht ein professioneller Lektor das auf den ersten Seiten. Und kann das dem Autor sagen, ihm zeigen, wie er es besser machen kann.

Um zu sehen, dass die Dialoge noch holpern, muss ich nicht 500 Seiten holpernder Dialoge lesen. Dazu reichen die ersten Seiten. Das spart dem Autor Geld und mir Nerven.

Und auch Dramaturgie und Personen lassen sich schon aus einem Exposé und Leseprobe beurteilen.

5. Lektorat ist für Bücher

Natürlich soll ein Lektorat ein Manuskript verbessern. Noch wichtiger ist allerdings die Verbesserung des Autors. Aus einem Lektorat kann ein Autor eine Menge lernen. Gerade am Anfang ist das wichtig.

Kein Reiter ist nach zehn Reitstunden reif für die S-Dressur. Das erste Tor öffnet niemandem die Tür zur Bundesliga.

Und das erste vollendete Buch ist ein wundervolles Erlebnis für jeden Autor. Aber kein Beweis, dass er alles weiß, was fürs Schreiben wichtig ist.

6. Man kann alles auf einmal lektorieren

Wer alles auf einmal korrigieren möchte, verzettelt sich. Konzentriert euch auf eine Sache. Wer die Handlung seiner Geschichte überprüft, kann sich nicht gleichzeitig auf die Rechtschreibung konzentrieren.

Obendrein ist nicht jeder Lektor auch ein guter Korrektor. Es gibt geniale Korrektoren, die mit einem Blick die Fehler auf einer Seite erkennen können. Die alten Bleisetzer in den Zeitungsredaktionen waren darin genial. Ich habe mal einem eine dichtbeschriebene Seite in die Hand gedrückt. Er warf einen kurzen Blick drauf, deutete dann auf eine Stelle ziemlich weit unten und sagte: »Da ist ein Fehler.«

Aber er sagte auch: »Fragen Sie mich nicht, was drinsteht.«

Dass Lektorat und Korrektorat unterschiedliche Dinge sind, hat seine Gründe.

7. Literatur- oder Germanistikstudium befähigt zum Lektor

Das Studium der Literatur oder Germanistik ist spannend, kann sinnvoll sein. Aber es befähigt sowenig zum Lektorieren, wie ein Physikstudium dazu befähigt, Autos zu reparieren.

Gute Lektoren erkennt man daran, wie sie arbeiten. Und das sieht man an Beispiellektoraten auf ihren Seiten. An Empfehlungen anderer Autoren.

Woran erkennt man einen guten Lektor?

Selfpublishing und Lektorat

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Die sieben häufigsten Irrtümer über Lektorate

Klappentextlektorat Jan. 2017

Nattermühle – Ki und das Tal des Schweigens

Cornelia Lotter

Ein geheimnisvolles Tal in der Dübener Heide. Ein Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise. Und eine Frauenleiche, die plötzlich verschwunden ist. Die Detektivin Kirsten Stein hat es in ihrem sechsten Fall mit Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung zu tun. Was sie entdeckt, als sie sich undercover in der Nattermühle einmietet, wird auch für sie zur existenziellen Bedrohung.

Ein spannender Thriller über die Kraft der Suggestion.

Lektorat

Lockt dieser Klappentext zum Lesen? Ich meine: Ja. „Tal des Schweigens“ ist ein einprägsamer Titel und „Thriller über die Kraft der Suggestion“ ein spannendes Thema.

Aber dennoch könnte er sehr viel lockender formuliert werden.

Fangen wir also an.

Der Titel gehört zum Klappentext

Der Klappentext findet sich auf der Rückseite des Buches unter dem Titel. Der Titel ist also Bestandteil des Klappentextes.

Damit kommt das Tal gleich zweimal hintereinander vor. Im Titel und dann im ersten Satz. Ein geheimnisvolles Tal in der Dübener Heide. „Tal des Schweigens“ ist aber viel aussagekräftiger als „geheimnisvolles Tal“. Deshalb würde ich den ersten Satz streichen.

Aufzählung

Dann werden drei Sachen aufgezählt.

Ein Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise. Und eine Frauenleiche, die plötzlich verschwunden ist.

Das ist ein probates Mittel, um ein Buch in einem Klappentext zu bewerben. Mehrere kurze Sätze, die besondere Elemente des Buches aufzählen. Die den Roman herausheben, sein Alleinstellungsmerkmal betonen (Unique Selling Proposition , USP genannt).

Der erste Satz dieser Aufzählung sollte besonders einprägsam sein. Trifft das für Verein zu, in dem Männer keinen Zutritt haben?

Ich finde: Nein. Die Leiche, die verschwindet, wäre der bessere erste Satz und erst dann der Verein.

Stil

Wenn Sie diesen Stil der Aufzählung wählen, würde ich ihn aber beibehalten. Also nicht:

Die Detektivin Kirsten Stein hat es in ihrem sechsten Fall mit Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung zu tun.

Sondern:

Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung in der abgelegenen Dübener Heide.

Damit hätten wir auch den Ort der Handlung eingeführt, den ich oben zusammen mit dem ersten Satz gestrichen habe.

Existenzielle Bedrohungen

Es gibt Standardsätze in Klappentexten, die so oft verwendet werden, dass sie die Wirkung längst verloren haben. Die so allgemein sind, dass der Leser kein Bild entwickelt. Einer ist zum Beispiel:

Ein furchtbares Geheimnis wird aufgedeckt.

Das kann jeder behaupten. Deshalb wirken solche Sätze auch nicht. Und zu dieser Sorte Sätze gehört auch der Satz:

Was sie entdeckt, als sie sich undercover in der Nattermühle einmietet, wird auch für sie zur existenziellen Bedrohung.

Existenzielle Bedrohung bedrohen Leser in keiner Weise. Also ganz streichen?

Nein. Denn es gibt ein Element im Satz, das konkret ist und das durchaus Bedrohung weckt. Dass sich die Detektivin in der Nattermühle undercover einmietet. Die von einer seltsamen Vereinigung betrieben wird. Formulieren wir also mal um, immer noch im Stil kurzer Aufzählungssätze:

Und eine Detektivin, die sich undercover in der Nattermühle einmietet.

Wer will, kann das noch verstärken mit einem anschließenden Satz. Zum Beispiel: Doch dort ist nicht nur Mütterlichkeit zu Hause …

Untertreibung ist bei Spannungsliteratur immer eine gute Idee.

Eine verbesserte Fassung

Jetzt haben wir eine verbesserte Fassung:

Nattermühle – Ki und das Tal des Schweigens

Eine Frauenleiche, die plötzlich verschwindet. Eine abgelegene Mühle in der Dübener Heide. Ein Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise.

Und eine Detektivin, die sich in der Mühle undercover einmietet. Doch dort ist nicht nur Mütterlichkeit zu Hause …

Ein spannender Thriller über die Kraft der Suggestion.

Hier habe ich einen Satz hinzugefügt: „Eine abgelegene Mühle in der Dübener Heide“. Damit habe ich den Ort eingeführt, damit im letzten Satz klar wird, wo sich die Detektivin einmietet.

Handlung im Klappentext

Natürlich könnte man den Klappentext auch auf die klassische Weise schreiben. Als Handlung. Das wäre der Stil, der im Original in den letzten zwei Sätzen gewählt wurde. Probieren wir es einmal:

Eine Leiche wird gefunden und verschwindet wieder. Direkt bei der abgelegenen Nattermühle in der Dübener Heide. Dort sitzt der Allmutter-Verein, in dem Männer keinen Zutritt haben. Die Mitglieder pflegen esoterische Riten rund um Mütterlichkeit und heilende Kreise.

Ki mietet sich undercover in der Mühle ein. Doch dort ist nicht nur Mütterlichkeit zu Hause …

In ihrem sechsten Fall hat die Detektivin Kirsten Stein es mit Kindesentzug, Erpressung und Freiheitsberaubung zu tun.

Ein spannender Thriller über die Kraft der Suggestion.

Das wäre ein Klappentext, der sich an üblichen Vorbildern orientieren würde. Sie sehen, es gibt immer mehrere Möglichkeiten.

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Klappentextlektorat Jan. 2017

Wie erkennt man einen guten Lektor?

Immer wieder werde ich gefragt, was einen guten Lektor ausmacht. Und wie man ihn findet. Hier meine Meinung:

Wenn euch 50% seiner Änderungsvorschläge sofort einleuchten, ihr euch sagt: Oh Mann, warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen, dann ist das schon mal ein gutes Zeichen. 100% Übereinstimmung erzielt keine Lektorin, kein Lektor, es wird immer das eine oder andere geben, bei dem Lektor und Autor nicht einer Meinung sind.

Dann gibt es die Fälle, bei denen ihr euch die Haare rauft. Wie kann er nur meinen schönen inneren Dialog streichen? Unmöglich, der Kerl! Mein Rat: Schlaft drüber. Am nächsten Morgen beschleicht euch vielleicht das dunkle Gefühl, dass doch was dran sein könnte. Am übernächsten greift ihr zur Delete Taste und killt euren Darling. Seufzend.

Oder fragt den Lektor: Warum hast du das gestrichen? Ein guter Lektor kann begründen, warum er Änderungen und Streichungen vornimmt. Und ihr könnt daraus lernen. Mit einem guten Lektor kann man auch über Änderungsvorschläge diskutieren. Ob vielleicht eine andere Änderung der problematischen Stelle besser wäre.

Viele Rechtschreibfehler in einem Buch wirken wie Mücken im Cappuccino. Der Kaffee wird dadurch nicht schlechter, aber der Appetit ist vergangen. Gleiches gilt, wenn Stil und Grammatik mehr als zu wünschen lassen.

Ohne gute Dramaturgie keine gute Geschichte

Was aber absolut tödlich ist: Wenn die Dramaturgie nicht stimmt. Ein WhoDonit Krimi, bei dem schon auf Seite 10 klar ist, wer der Mörder war, eine Liebesgeschichte, in der sich Romeo und Julia in die Arme fallen und die nächsten zweihundert Seiten glücklich und zufrieden miteinander leben, sorgen dafür, dass Leser das Buch gähnend weglegen.

Erfahrene Autorinnen wissen das. Wenn ihr bereits zehn Bücher veröffentlicht habt, wird die Überprüfung von Dramaturgie und Personen euch in Fleisch und Blut übergegangen sein.

Anfänger beauftragen ihren Lektor, die Kommafehler zu korrigieren im Irrglauben, dass die Dramaturgie schon stimmen wird. Ihnen steht ein böses Erwachen bevor. Wenn ihr am Anfang eurer Schreibkarriere steht, solltet ihr davon ausgehen, dass ihr noch nicht die perfekten Dramaturgen seid. Und dass ein Lektor – jedenfalls ein guter – euch darauf hinweisen wird, dass dort noch einiges zu tun ist.

Und wo findet man die guten Lektorinnen und Lektoren?

Da gibt es einmal die Datenbank des Verbandes der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL). Dort könnt  ihr nach den gewünschten Kriterien suchen lassen. Gut sind auch Empfehlungen anderer Autoren.

Gute Lektoren haben Beispiele ihrer Arbeit auf ihrer Homepage oder einen Blog, so dass ihr sehen können, wie sie arbeiten.

Nicht zu vergessen: Ein Probelektorat ist gut, bevor ihr ein umfangreiches Manuskript für viel Geld überarbeiten lasst. Da seht ihr, ob ihr zueinander passt. Oft gibt euch schon dieses Probelektorat einen Hinweis, woran ihr noch arbeiten müsst. Wenn euer Personal flach ist, merkt ein guter Lektor das bereits auf den ersten Seiten. Und wenn die Dialoge noch holpern, muss der Lektor nicht fünfhundert Seiten holpernder Dialoge lesen, um euch das zu sagen. Das spart euch viel Geld und dem Lektor Nerven.

Ist ein Probelektorat kostenlos?

In der Regel nicht. Gute Lektoren haben einen Kundenstamm, sie werben nicht mit Dumpingpreisen. Auch ein Probelektorat kostet Zeit und Arbeit. Der Autor erhält Hinweise, woran er arbeiten sollte. Auf welchem Stand er steht. Das ist seinen Preis wert.

Übrigens: Niemand muss das ganze Manuskript lesen, um die Dramaturgie zu beurteilen. Verlage und Literaturagenten lassen sich ein Exposé mit der Handlung schicken, bevor sie einen Roman annehmen. Weil man daraus eine Menge über eine Geschichte entnehmen kann. Ob es Plotlöcher gibt. Ob die Heldin nur auf dem Sofa sitzt, nachdenkt und von anderen erfährt, was Sache ist. Statt selbst aktiv zu werden.

Auch das ist eine Möglichkeit, eure Geschichte erst einmal zu testen. Dass ihr ein Exposé erstellt und so den Plot mit einem Lektor bearbeitet.

Ein guter Lektor macht ein Buch besser, ein schlechter macht ein anderes Buch daraus!

Zum Schluss noch ein Zitat des Bestsellerautors Andreas Eschbach:

Als jemand, der schon viele Lektoren erlebt hat, möchte ich anmerken, dass auch Lektoren ihre Stärken und Schwächen haben. Der eine ist super, wenn es um Kontinuität geht („Ihre Heldin hatte in Kapitel 2 aber hellblaue Augen!“, „An dieser Stelle müsste es Sonntag sein, nicht Montag“), der andere sieht erzählerische Fehler gut („hier müsste ihr Held das Kätzchen retten, sonst nimmt man ihm später nicht ab, dass …“), andere haben ihre Stärken eher beim Stil („hier wären kürzere Sätze wirkungsvoller“, „dieses Wort alliteriert mit dem im nächsten Absatz, das klingt seltsam“) oder in der Grammatik („das muss hier korrekt aber ‚hätte sollte gewollt gemusst haben’ heißen“ ). Gut ist es, wenn sich das mit den eigenen Stärken und Schwächen ergänzt. Ich zum Beispiel bin immer dankbar, wenn jemand meine Kontinuitätsfehler entdeckt, ehe das Buch in den Läden liegt, aber in Disputen über stilistische Fragen könnte ich, glaube ich, handgreiflich werden.

(Aus: Schreiben ist nichts für Feiglinge – Buchmarkt für Anfänger)

 

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Exposé und Plot diskutieren
http://www.hanspeterroentgen.de/workshop-expose/

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Spannungslektorat Nov. 2016

Nightwalker

Vierundzwanzig Augenpaare starrten sie an.

Taja hielt auf der Türschwelle inne und schaute sich in dem hellen Raum mit den hohen Fenstern um. An den gelbgestrichenen Wänden hingen weichgezeichnete Poster, knallbunte Landkarten und peinliche Werke aus dem Kunstunterricht. Sie verzog den Mund. Wie im Kindergarten. Das hier sollte das Klassenzimmer der 11a sein? In ihrer Schule in Berlin waren die Wände von einem schmutzigen Grau gewesen und kahl, ohne irgendeinen Schmuck, der die trostlose Atmosphäre aufgeheitert hätte. Reduziert auf das Wesentliche. Keine Ablenkung von der täglichen schulischen Langeweile.

Ihre neuen Mitschüler mit den sauberen Jeans und den gebügelten Shirts passten perfekt in diese keimfreie Umgebung, wie sie da in kleinen Gruppen zusammenstanden und sie mit offenen Mündern anglotzten. Ein Haufen angepasster Loser. Kein Wunder, dass sie auffiel wie ein Papagei in einem Taubenschlag mit ihren schwarzen Klamotten, dem silbernen Ohrring mit dem Totenkopf und den Piercings im rechten Nasenflügel und in der Unterlippe.

Wie sie das hasste! Dauernd eine neue Stadt, eine neue Schule, neue Lehrer und Mitschüler. Und jetzt dieses Kaff am Ende der Welt, in dem ihr Vater eine Stelle als Leiter des Stadtmuseums gefunden hatte. Was für ein Absturz nach Berlin, dieser hektischen und aufregenden und geilen Stadt, in der sie zwei Jahre gelebt und die sie geliebt hatte. Ihrer Mutter war es egal gewesen, wohin sie zogen, als Lektorin konnte sie von überall arbeiten, wo ihr Computer stand. Und ihr jüngerer Bruder Tom hatte unbedingt weg gewollt, weil der Verweis von seiner Berliner Schule gedroht hatte. Tajas Einwände waren von ihrer Familie einfach weggewischt worden.

Sie zuckte ergeben die Schultern. Jammern half nichts. Sie musste da durch. War ja nicht das erste Mal. Sie trat in das Klassenzimmer und ging auf den einzigen Zweiertisch zu, der nicht von Jacken und Taschen vereinnahmt war. Ein großer, schlaksiger Junge mit blonder, übers halbe Gesicht fallender Haartolle stellte sich ihr in den Weg.

„Der Tisch ist besetzt.“

Sie schob kampfbereit das Kinn vor. „Ach? Ich seh hier niemand sitzen.“

„Ich halte ihn frei.“ Der Junge grinste überheblich. „So was macht man schließlich für seine Freunde.“

Schon klar. Der blonde Speichellecker bekam sicher das Bundesverdienstkreuz für seine edle Tat in den Hintern geschoben.

„Du kannst dich da vorn hinsetzen.“ Die Stimme gehörte zu einem kleinen, stämmigen Jungen mit dunklen, kurzgeschorenen Haaren. „An den Tisch vorm Pult. Neben … da ist noch ein Platz frei.“

Taja war das Zögern des Kurzgeschorenen nicht entgangen. Sie schlängelte sich durch die im Klassenraum verteilen Grüppchen hindurch bis zu dem Zweiertisch vor dem Lehrerpult und ließ ihre Tasche mit lautem Knall auf die unbenutzte Tischseite fallen.

Das Mädchen, das zusammengesunken auf ihrem Stuhl hockte und ihre Nasenspitze in ein Buch steckte, fuhr zusammen und schaute auf. Schmales, blasses Gesicht, eckiges, dunkles Brillengestell, panischer Blick, mausbraune, dünne Haare, die glatt bis auf die Schultern hingen, zerknittertes, hellgraues Shirt mit einem Kaffeefleck.

„Hi! Cool, dich kennenzulernen.“ Taja lächelte das verschreckte Häschen so freundlich an, wie sie konnte. Das Lächeln sah mit den Piercings in Mund und Nase wahrscheinlich eher bedrohlich aus. „Ich bin Taja. Aus Berlin.“

Das Häschen blinzelte, sagte aber kein Wort. Taja stöhnte innerlich auf. Musste sie dieses Schuljahr etwa neben einer Taubstummen verbringen? Sie zog den freien Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich.

„Ich bin Amelie.“ Die Stimme klang voll und tief und passte nicht zu der verschüchterten Haltung des Mädchens. „Kannst du deine Tasche ein Stück zu dir ziehen?“

Taja stierte ihre Sitznachbarn an. Was war denn in die gefahren?

„Deine Tasche reicht in meine Seite hinein“, erläuterte Amelie und tippte mit der Spitze ihres rechten Zeigefingers an die vordere Tischkante. „Hier, an dem Strich, ist deine Tischseite zu Ende. Das ist die Grenze.“

Aha. Eine Grenze. Taja kniff die Augen halb zusammen und starrte durch den schmalen Spalt zwischen ihren Augenlidern auf die Stelle, die Amelies Fingerspitze berührte. Tatsächlich. Dort befand sich ein dünner, blauer Kugelschreiberstrich. Und diese Grenze durfte sie mit ihren Sachen nicht überschreiten?

„Das meinst du nicht ernst?“

„Doch.“ Amelie runzelte die Stirn. Ihre Stimme klang scharf. „Jede von uns hat einen halben Tisch. Und wenn wir beide uns daran halten, kriegen wir auch keinen Streit.“

Taja schüttelte ungläubig den Kopf. Das musste sie träumen. War sie statt in die elfte Jahrgangsstufe im Gymnasium in die erste Klasse der Grundschule geraten?

„Keinen Stress, alles okay“, antwortete sie betont friedfertig und zog die Tasche auf ihre Seite. Bei dieser Psychopathin war Vorsicht angesagt. Die konnte jeden Moment eskalieren. Besser, sie hielt haargenau die Grenze ein. Zumindest am Anfang. In ein paar Wochen, wenn sie sich eingewöhnt hatte, konnte sie immer noch die Grenzverhandlungen mit ihrer Sitznachbarin beginnen.

„Lahme Truppe“, sagte Amelie.

Taja blinzelte. „Was?“

„Nightwish.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Taja begriff, wovon ihre Sitznachbarin sprach. Das schwarze Shirt mit dem Logo von Nightwish hatte sie heute Morgen bewusst angezogen, damit ihre neuen Klassenkameraden gleich kapierten, wie sie drauf war. Ein Statement eben. Musikalisch. Hier in der Provinz hörten sie wahrscheinlich Helene Fischer. Oder Marianne Rosenberg.

„Ich steh auf Slayer“, erklärte Amelie. „Und Paradise Lost. Da war ich letzten Monat auf einem Konzert. So was von geil, sag ich dir.“

„Oh!“ Mehr fiel Taja nicht ein.

„Symphonic Metal wie von Nightwish ist ja nicht übel“, fuhr Amelie fort. „Aber ich zieh mir lieber die derberen Sachen rein.“

Taja nickte nur. Der Punkt ging klar an ihre Sitznachbarin. Die Provinz hatte musikalisch mächtig aufgerüstet. Den Fehler, ihre Mitschüler zu unterschätzen, würde sie kein zweites Mal begehen.

„Dann magst du sicher auch Mercenary“, meinte sie. „Und Draconia“.

Amelie grinste. „Auch geil, die beiden. Mercenary sollen im Winter nach Deutschland kommen, hab ich gehört. Wenn du Lust hast, können wir ja zusammen zum Konzert gehen. Oder ist dir das zu hart?“

„Zu hart kann es für mich gar nicht geben.“ Taja grinste zurück.

Ihre Sitznachbarin nickte. „Also abgemacht. Echt cool, dass du auch auf Metal stehst. Die anderen Mädels in der Klasse hören alle nur so einen weichgespülten Scheiß.“

„Wie Helene Fischer?“

„Du hast`s erfasst.“ Amelie lachte. „Ist nicht so mein Ding.“

Taja fiel in ihr Lachen ein. Vielleicht würde es in der Provinz doch nicht so schlimm werden, wie sie befürchtet hatte.

Lektorat

Wie immer die Frage: Finden Sie die Geschichte spannend? Und warum?

Es ist immer eine gute Übung, sich zu überlegen, warum etwas spannend ist oder warum auch nicht. Das schärft den Blick für die eigenen Texte. Autorinnen (und auch Autoren) sollten jede Gelegenheit nutzen, die Wirkung von Texten zu beobachten. Schreiben Sie ruhig auf, warum Sie einen Text spannend finden und warum nicht. Noch besser: Schreiben Sie auf, welche Techniken der Autor benutzt hat. Welche funktionieren und welche nicht. Und warum.

Zurück zur Ausgangsfrage: Ich halte den Text für spannend. Und für ziemlich gelungen.

Spannungsbogen

Warum ist der Text spannend? Dafür gibt es mehrere Gründe. Wir erleben Taja in einer neuen Klasse. Also in einer neuen Situation. Die Autorin erzählt uns nicht lang den Alltag, das, was jeden Tag passiert, sondern beginnt mit einer neuen Situation. Auch wenn Taja tut, als stünde sie über der Situation, ist sie angespannt. Das ist typisch für Jugendliche. Sie tun cool, aber sind längst nicht so abgebrüht, wie sie vorgeben. Wir haben also gleich zu Anfang einen Konflikt.

Der steigert sich. Sie sucht sich einen Platz aus, doch der ist belegt. Ein kurzer Dialog wie ein Pingpong-Spiel, sie will den Platz, der andere will ihn nicht freigeben. Weder Taja noch der Junge erklären lange, warum und wieso. Das ist bei guten Dialogen ganz wichtig. Lassen Sie nicht die Personen erklären, was warum vor sich geht. Das kann der Leser sich denken. Eine Lücke, ein Subtext zwischen den Zeilen, der die Spannung erhöht.

Schließlich gibt Taja auf, der erste Konflikt ist zu ihren Ungunsten ausgegangen. Wir erleben das durch Tajas Augen. Der Autor erklärt es uns nicht. Wir Leser fühlen die Enttäuschung. Kein »Taja war enttäuscht«, mit dem die Autorin uns die Gefühle mitteilt.

Danach teilt ihr ein anderer mit, dass vorne, direkt vorm Lehrerpult, ein Platz frei ist. Entspannung nach dem ersten Konflikt. Aber nicht ganz, denn irgendwas stimmt mit dem Platz nicht. Wir ahnen, dass mit der Schülerin daneben etwas nicht stimmt. Dass dort gleich der nächste Konflikt wartet.

Und der kommt unvermeidlich. Mit dem Streit über die Grenze. Oh Gott, neben was für einer Pedantin ist Taja hier gelandet? Der Leser leidet mit der Heldin. Ganz wichtig für die Spannung: Der Leser muss die Gefühle der Helden erleben. Es nützt nichts, sie dem Leser per Autorenstimme mitzuteilen.

Dann wieder Entspannung. Und Überraschung. Die graue Maus ist gar nicht so grau, sondern noch härter als Taja. Zumindest, was ihren Musikgeschmack angeht. Der Konflikt wird aufgelöst; die beiden Mädchen haben viel gemeinsam und verabreden sich. Entspannung.

Aber wir ahnen: Lange wird diese Entspannung nicht vorhalten. Der Autor wird Taja stantepede in den nächsten Konflikt stürzen.

Dieser geschickte Aufbau Spannung (Konflikt) – Entspannung – größere Spannung – Überraschung – Entspannung hält den Leser gefangen. Der Angelhaken ist ausgeworfen.

Übung:

Untersuchen Sie in einem eigenen Text, wie sich dort Spannung und Entspannung aufbauen.

Haben Sie einen Konflikt? Wie wird er gelöst und gleichzeitig der nächste Konflikt angedeutet?

Rückblende

Gleich im zweiten Absatz gibt es eine Rückblende:

In ihrer Schule in Berlin waren die Wände von einem schmutzigen Grau gewesen und kahl, ohne irgendeinen Schmuck, der die trostlose Atmosphäre aufgeheitert hätte. Reduziert auf das Wesentliche. Keine Ablenkung von der täglichen schulischen Langeweile.

Rückblenden auf der ersten Seite sind gefährlich. Sie dienen oft nur dazu, dass der Autor dem Leser Dinge erklären kann, von denen er überzeugt ist, dass der Leser sie wissen muss. In der Regel bremsen sie den Lesefluss, und ich streiche sie. Der Text wird dann spannender.

Könnte man obige Rückblende streichen, und der Text würde besser werden?

Nein. Aber warum nicht?

Weil diese Rückblende durch den Gegensatz der beiden Klassenzimmer ein gutes Bild des neuen Klassenzimmers zeichnet. Und Taja lebendiger werden lässt. Sie findet graue Klassenzimmerwände besser als solche mit Wandschmuck. Ungewöhnlich. Nicht das Übliche.

Und wie ist es mit der nächsten Rückblende?

Wie sie das hasste! Dauernd eine neue Stadt, eine neue Schule, neue Lehrer und Mitschüler. Und jetzt dieses Kaff am Ende der Welt, in dem ihr Vater eine Stelle als Leiter des Stadtmuseums gefunden hatte. Was für ein Absturz nach Berlin, dieser hektischen und aufregenden und geilen Stadt, in der sie zwei Jahre gelebt und die sie geliebt hatte. Ihrer Mutter war es egal gewesen, wohin sie zogen, als Lektorin konnte sie von überall arbeiten, wo ihr Computer stand. Und ihr jüngerer Bruder Tom hatte unbedingt weg gewollt, weil der Verweis von seiner Berliner Schule gedroht hatte. Tajas Einwände waren von ihrer Familie einfach weggewischt worden.

Würde der Text gewinnen, wenn ich diesen Absatz streichen würde?

Nein.

Warum nicht?

Weil wir dieser Absatz durch die Augen von Taja erleben. Sie betritt ein neues Klassenzimmer. Der Stil ist ein ganz anderer als der der Klasse in Berlin. Und damit wird ihr nochmals klar, dass sie diesen Schulwechsel nicht will. Diese Rückblende ist keine Erläuterung des Autors, sondern das, was Taja durch den Kopf geht. Was an dieser Stelle passt. Obendrein steigert es den Konflikt. Nicht nur, dass sie jetzt in eine neue Klasse kommt, sich neu orientieren muss. Obendrein ist es etwas, das ihr aufoktroyiert wurde. Gegen ihren Willen. Wir leiden mit ihr. Ständig wird sie durch die Weltgeschichte gescheucht, immer neue Schulen.

Erzählstimme

Die Erzählstimme ist die Stimme, die uns die Geschichte erzählt. Das ist nicht Taja, denn wir haben keine Ich-Erzählerin. Dennoch ist die Stimme dicht an Taja, schildert die Ereignisse durch ihre Augen. Es ist keine distanzierte Stimme, kein Autor, der uns erklärt, was Sache ist. »Und jetzt dieses Kaff am Ende der Welt«, das ist Tajas Stimme.

Mancher Autor würde schreiben: »Taja fand, dass dies ein Kaff am Ende der Welt war.« So ein Satz legt sofort Distanz zwischen Taja und Leser. Blickt von außen auf die Person, und der Leser erfährt etwas, aber er fühlt nicht mit Taja mit.

Auch aus einem anderen Grund funktioniert die Erzählstimme. Sie erzählt in der Art, wie Jugendliche sprechen. Viele Autoren verfassen Jugendbücher in einer Sprache, die einem Erwachsenen gehört. Behäbig, mit ausführlichen Begründungen. Tun Sie das nicht. Lauschen sie Jugendlichen. Wie sprechen die untereinander? Lesen Sie gute Jugendbücher. Wie fühlt sich die Erzählstimme von »Tschik« an, von »Der Fänger im Roggen«, von „Huckleyberry Finn«?

Sie müssen nicht den aktuellen Jugendslang verwenden. Der ändert sich sowieso alle paar Jahre. Aber die Leser müssen eine jugendliche Erzählstimme spüren. Locker, scheinbar kann sie nichts erschüttern, sie steht über allem. »Ein Haufen angepasster Loser. Kein Wunder, dass sie auffiel wie ein Papagei in einem Taubenschlag.« Und zwischen den Zeilen spüren wir, wie verletzlich Taja ist, auch wenn sie noch so cool und überlegen tut.

Beschreibung

Wie sieht Taja aus? »Kein Wunder, dass sie auffiel wie ein Papagei in einem Taubenschlag mit ihren schwarzen Klamotten, dem silbernen Ohrring mit dem Totenkopf und den Piercings im rechten Nasenflügel und in der Unterlippe«, so wird sie beschrieben. Sie schaut nicht in den Spiegel, der Autor erklärt uns nicht: »Taja war sechzehn, trug schwarze Klamotten, hatte einen silbernen Ohrring mit Totenkopf im Ohr und Piercings im rechten Nasenflügel und in der Unterlippe.«

Sie wird uns beschrieben, weil sie auffällt wie ein Papagei im Taubenschlag. Damit wird der Unterschied zu den anderen Schülern deutlich. Wir erhalten nicht nur ein Bild von Taja, sondern auch von den Klassenkameraden.

Ach ja, welche Haarfarbe hat Taja? Welche Augenfarbe? Wie ist ihr Gesicht geschnitten, hat sie die Wimpern getuscht, sind die Augen blau oder braun, die Haare lang oder kurz, ist sie groß, mittel oder klein?

Wissen Sie nicht? Ich auch nicht. Haben Sie diese Info vermisst? Ich nicht. Die Autorin hat sich darauf beschränkt, nur die wichtigen Details zu schreiben. Den Rest darf sich jeder Leser selbst ausdenken. Die meisten sehen vermutlich ein großes Mädchen mit schwarzen Haaren vor sich. Wie ich. Die Lücken, die der Autor lässt, können die Leser füllen, dürfen sie füllen. Ein, zwei Details und schon klappt das. Beschreiben Sie nie zu viel. Gerade genug, dass der Leser ein Bild bekommt.

Witz und Bilder

Der Papagei im Taubenschlag, das Bundesverdienstkreuz, das dem Speichellecker in den Hintern geschoben wird, und andere Formulierungen sorgen für Witz. Mit Witz können Sie nicht nur Spannung erzeugen – eine andere als die Spannung durch Handlung –, Sie können vor allem mit wenigen Worten Bilder malen, die der Leser sofort begreift.

Inhalt und Klischee

Aber ist das nicht alles Klischee? Die toughe Schwarzgekleidete, die Heavy Metal hört, die braven Bübchen und Mädchen, die Helene Fischer hören?

Sicher. Ist es auch. Aber so gut geschildert, dass es wirkt. Und darauf kommt es an.

Details

Einige Details ließen sich verbessern. Auch gute Texte lassen sich noch überarbeiten. Je besser ein Text bereits ist, desto vorsichtiger sollte aber die Überarbeitung sein. Man kann Texte auch totlektorieren. Vor allem, wenn man nur nach Schreib- und Grammatikregeln vorgeht und möglicherweise die Wirkung eines guten Textes zerstört.

Hier ist ein etwas ungelenker Satz:

»Und ihr jüngerer Bruder Tom hatte unbedingt weg gewollt, weil der Verweis von seiner Berliner Schule gedroht hatte.«

„Weg gewollt“ fällt aus dem Sprachstil und klingt holprig. Das liegt auch an dem Plusquamperfekt, das man hier gar nicht benötigt. Vielleicht so:

»Und ihr jüngerer Bruder Tom wollte nur weg, nichts wie weg. Weil der Schulverweis in Berlin drohte.«

Auch dieser Satz lässt sich verbessern:

»Sie schlängelte sich durch die im Klassenraum verteilen Grüppchen hindurch bis zu dem Zweiertisch vor dem Lehrerpult.«

Da haben wir die beliebte Partizipkonstruktion, die unnötig ist. »Sie schlängelte sich durch die Grüppchen im Klassenraum«, das klingt besser. Dass die verteilt sind, kann sich jeder Leser denken.

Fazit: Sorgen Sie in Ihren Texten für eine packende Spannungskurve. Beschreiben Sie nicht alles, sondern nur das, was der Leser benötigt, damit Bilder in seinem Kopf entstehen. Und achten Sie darauf, wie Ihre Erzählstimme klingt. Passt sie zu ihrer Heldin?

Ich habe nichts dagegen, wenn Ihr diesen Blog teilt, verlinkt, weiter empfehlt. Und wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1

 

Spannungslektorat Nov. 2016

Klappentextlektorat 2016

Der Höhlenparasit

Die Maya – Genies oder das Werkzeug fremder Wesen?
Woher stammte ihr Wissen über die ausgeklügelte Baukunst ihrer Zeit?
Wie konnten sie mit primitiven Mitteln eine Tempelanlage bauen, die das Sonnensystem widerspiegelt?

Carlos Zamardo, Einsatzleiter der Policia Federal in Mexiko, ermittelt in einem Fall, bei dem er der Wahrheit näher kommt, als ihm lieb ist.

Ein Fall, der ihn ganz persönlich betrifft. Gerichtsmedizinerin Muyal wird mitsamt einem toten Unterwasserarchäologen entführt. Muyals Sprachaufzeichnung über ein parasitäres Wesen am Leichnam ist alles, was Carlos an Hinweisen finden kann, um die Liebe seines Lebens zu retten.

Die Spur führt in quer durch den mexikanischen Dschungel zu einer der zahlreichen Cenoten Yucatans, wo ihm eine uralte Gefahr begegnet.

Lektorat

Die Mayas und deren astronomischen Kenntnisse, eine entführte Gerichtsmedizinerin, ein toter Unterwasserarchäologe und eine seltsame Sprachaufzeichnung. Verspricht das Spannung?

Aber sicher. Und klar geschrieben ist es auch. Doch was erwarten Sie, wenn der erste Satz eines Klappentextes lautet: „Die Mayas – Genies oder das Werkzeug fremder Wesen?“

Das klingt sehr nach Sachbuch. Und birgt folglich die Gefahr, dass die Leser, die einen Krimi suchen, nicht weiterlesen. Der erste Satz ist nicht nur im Roman ungeheuer wichtig, sondern erst recht im Klappentext. Er entscheidet, ob der Leser überhaupt den Klappentext weiterliest oder das Buch weglegt, weil es nicht die Sorte Buch ist, die er sucht.

Deshalb muss der erste Satz sitzen. Einen Eindruck von dem Buch vermitteln. Also ein Pitch sein.

Was ist in »Der Höhlenparasit« das Wichtigste? Dass Carlos die entführte Gerichtsmedizinerin befreien muss, die Liebe seines Lebens. Also formulieren wir das mal.

Carlos Zamardo von der Policia Federal in Mexiko muss die entführte Gerichtsmedizinerin befreien, die die Liebe seines Lebens ist.

So ganz überzeugt das noch nicht. Das klingt noch etwas bieder. Vielleicht besser mit der Gerichtsmedizinerin anzufangen?

Die Gerichtsmedizinerin Muyal wird entführt. Verschwunden ist auch die letzte Leiche, die sie untersucht hat: die eines Unterwasserarchäologen. Carlos Zamardo von Policia Federal in Mexiko soll den Fall aufklären. Doch die einzige Spur, die er hat, ist eine seltsame Sprachaufzeichnung der Medizinerin. Dort spricht sie von einem unbekanntem Parasiten, den sie an der Leiche des Archäologen gefunden hat. Dass Muyal die Liebe seines Lebens ist, macht den Fall für Zamardo nur dringender.

Jetzt haben wir nicht nur einen ersten Satz, sondern gleich einen ersten Abschnitt, der uns erzählt, wie die Geschichte beginnt. Das ist immer eine gute Idee in einem Klappentext. Erst ein Pitch, der neugierig macht, dann das, was die Geschichte in Gang setzt, und worum es geht.

Und die Mayas? Ganz weglassen?

Unique Selling Point

Nein, die Mayas sind ein Spannungselement. Ein Alleinstellungsmerkmal (Unique Selling Point), wie es in der Fachsprache heißt, also etwas, das nur diese Geschichte auszeichnet. Ein Krimi mit ungewöhnlichem Setting und ebenso ungewöhnlichem Thema. Also gehört das auch in den Klappentext. Aber erst an zweiter Stelle.

Die Maya – Genies oder das Werkzeug fremder Wesen?
Woher stammte ihr Wissen über die ausgeklügelte Baukunst ihrer Zeit?
Wie konnten sie mit primitiven Mitteln eine Tempelanlage bauen, die das Sonnensystem widerspiegelt?

Das klingt noch etwas zu statisch. Wir haben es ja mit einem Krimi zu tun, nicht mit einen historischen Essay. Wie wäre es damit:

Die Spur führt durch den mexikanischen Dschungel zu einer alten Tempelanlage der Mayas, die das Sonnensystem widerspiegelt.

So wichtig wie der erste Satz ist auch der letzte. Der sollte am besten eine Frage, einen Konflikt aufwerfen. Und so den Leser verlocken, das Buch aufzuschlagen. Vielleicht so:

Doch in den Ruinen wartet eine uralte Gefahr auf ihn.

Details

Schauen wir uns mal den folgenden Satz an:

Carlos […] ermittelt in einem Fall, bei dem er der Wahrheit näher kommt, als ihm lieb ist.

Solche Formulierungen sind beliebt in Klappentexten. »Er kommt der Wahrheit näher, als ihm lieb ist«, »eine große Gefahr wartet auf ihn«, »ein großes Geheimnis bedroht seine Liebe«. Solchen Formulierungen ist eins gemeinsam: Sie sagen nichts aus. Sie versprechen Spannung, aber geben keinen Hinweis darauf, was überhaupt spannend sein könnte. Und da sie nicht gerade Höhepunkte der Fantasie sind, sondern jeder so etwas auf Dutzenden Klappentexten gelesen hat, vermuten Leser schnell, dass das Buch sich ebenfalls in solchen nichtssagenden Klischees ergeht.

Bei Stephen King sind solchen Formulierungen okay. Dass Stephen King spannend schreiben kann, wissen die Leser. Sie kaufen die Bücher, egal, was hinten im Klappentext steht. Möglicherweise tun sie es auch bei großen Verlagen wie Heyne oder Lübbe. Manchmal findet man auch dort solche Formulierungen. Aber Heyne und Lübbe sind bekannte Marken, die Leser wissen, was sie da erwarten können.

Wenn Sie ein unbekannter Selfpublisher sind, kann ich von solchen Allerweltsformulierungen nur abraten.

Verständlich schreiben

Wissen Sie, was »Cenoten« sind? Den meisten Leser dürften sie genauso unbekannt sein wie mir. Verwenden Sie nie Bezeichnungen im Klappentext, die Ihre Leser nicht kennen.

Neue Fassung

Die Gerichtsmedizinerin Muyal wird entführt. Verschwunden ist auch die letzte Leiche, die sie untersucht hat: die eines Unterwasserarchäologen. Carlos Zamardo von Policia Federal in Mexiko soll den Fall aufklären. Doch die einzige Spur, die er hat, ist eine seltsame Sprachaufzeichnung der Medizinerin. Dort spricht sie von einem unbekanntem Parasiten, den sie an der Leiche des Archäologen gefunden ha. Dass Muyal die Liebe seines Lebens ist, macht den Fall für Zamardo nur dringender.

Die Spur führt ihn durch den mexikanischen Dschungel zu einer antiken Tempelanlage der Mayas, die das Sonnensystem widerspiegelt.

Doch in den Ruinen wartet eine uralte Gefahr auf ihn …

 

Wenn Ihr anderer Meinung seid oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheut Euch nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Ihr könnt auch eure Texte für ein solches Beispiellektorat vorschlagen.


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

Klappentextlektorat 2016