Infodump revisited

„Informationen im Roman sind notwendig, Leser finden das toll!“, diese Meinung habe ich öfter gehört.

Sie ist richtig. Und falsch zugleich. Wenn es zu viele oder die falschen Informationen sind oder sie falsch erzählt werden, produzieren wir einen Infodump. Nicht jede Info in einem Roman ist aber ein Infodump.

Was unterscheidet also Infos im Roman von den berüchtigten Infodumps, die Leserinnen und Leser abschrecken? Schauen wir uns zwei Beispiele an, wie erfolgreiche Autoren Infos vermitteln.

Der Hochsitz

Warte auf mich!“

Ulrike ist weit hinter mir. Kurz umgucken, den Lenker auf Spur halten, aber sie ist nicht zu sehen.

Warum muss sie auch immer so langsam fahren? Wenn man am Berg erst einmal einen bestimmten Rhythmus gefunden hat, dann muss man den durchhalten. Da kann man nicht einfach mal Tempo rausnehmen. Das weiß sie doch. Ich habe es ihr gesagt.

Ich seh dich nicht mehr!“, ruft Ulrike jetzt.

Wenn sie nicht so viel schreien würde, hätte sie mehr Kraft, um ihr blödes Mädchenrad zu bewegen. In Rosa. Aber sie hat auch nicht so viel Schwein gehabt wie ich.

Da oben ist die Abzweigung schon.

Es wird noch einmal kurz steiler. Doch mit dem Bonanzarad ist das zu schaffen. Ich passiere das Kreuz am Straßenrand. Es ist voriges Jahr für den Sohn von Herrn Sang aus Ferschweiler aufgestellt worden. Ich kannte Herrn Sang nicht, aber wegen dem Unfall, bei dem sich der Sohn mit dem Auto überschlagen hat, ist viel über ihn geredet worden. Er war in der CDU, wie Papa auch, und hat sich kurz nach dem Tod seines Sohnes aufgehängt. Das habe ich auch nur erfahren, weil ich manchmal ganz genau hinhöre, wenn die Erwachsenen reden. Solche Sachen erzählen sie uns Kindern sonst nicht.

Ein Motor ist zu hören und wird lauter. Das Auto kommt von hinten angebraust, ist ganz schön nah beim Überholen und schon wieder weit weg. Noch ein paar Tritte, und ich bin am Weg angekommen. Einmal ganz genau nach hinten gucken, und dann nach links über die Straße rüber. Mit dem letzten Schwung auf den Weg rauf, noch einmal kurz im ersten Gang durchtreten, Hinterbremse drücken, Lenker rumreißen und schön die Wolke machen. Dann rolle ich zurück zur Teerstraße und verstecke mich hinter einem Busch. Ein kleiner Laster tuckert hinunter, und als er an der nächsten Kurve verschwunden ist, kann ich Ulrike sehen. Sie ist natürlich wieder abgestiegen.

Sanne!“, ruft sie. Kein Grund, mich zu zeigen.

Wieder: „Sanne!“ Drei Wochen seit dem elften Geburtstag. Und ich weiß schon, was ich für ein Glück habe. Sie hätten mir alles Mögliche schenken können. Aber ich habe so lange genervt, dass selbst meine Eltern eingesehen haben, dass es keine Alternative zum Bonanzarad gab. Na gut. Kurz raus hinter dem Busch. Ulrike zuwinken. Sie winkt zurück und wird gleich noch langsamer.

Max Annas, Der Hochsitz, Rowohlt, 2021,
Leseprobe:
https://www.book2look.com/book/9783498002084

Ein elfjähriges Mädchen erzählt uns, wie sie eine Steigung hochfährt. Und die Sprache verrät es uns auch, hier spricht die Erzählstimme eines Kindes. Einfache, knappe Sprache, viel Handlung, dazu Dinge, die einem Kind während der Erzählung einfallen.

Nötige Infos

Empfinden Sie das als Infodump? Ich nicht. Aber warum nicht? In dem Text stecken doch eine Menge Informationen!

  • Die Erzählerin hat ein Bonanzarad
  • Die Freundin fährt ihr zu langsam
  • Man muss am Berg den Rhythmus finden und durchhalten
  • Sie ist gerade elf geworden und hat das Rad zum Geburtstag bekommen
  • Mit dem Bonanzarad kann sie leichter fahren

Infodump

Warum ist es dann kein Infodump?

  • Weil der Text nicht einfach Tatsachen aufzählt, sondern sie in eine Handlung einbaut
  • Weil die Erzählstimme des Mädchens durchgehalten wird, wir uns die ganze Zeit im Kopf und in den Gedanken des Mädchens befinden
  • Weil es konkret bleibt, „Show, don’t tell“ nennt man das
  • Weil die Handlung aktiv erzählt wird
  • Weil nicht beliebig viele Informationen erzählt werden
  • Weil mit jeder neuen Info neue Fragen aufgeworfen werden

Die Infodump-Variante

Kann man den gleichen Text in einen Infodump verwandeln? Versuchen wir es mal:

Ulrike ist nicht schnell, das weiß ich, seit vielen Jahren wird bei unseren Fahrradfahrten von ihr das Tempo nicht gehalten. Ich soll auf sie warten, wird mir von ihr nachgerufen, womit sie das Problem des Langsamer-Fahrens vergrößert, denn bei sportlichen Betätigungen ist es nach anerkannter Meinung aller Fachleute wichtig, den Atem nicht für Tätigkeiten, die die Betätigung hindern, zu vergeuden, sondern für die eigentliche Betätigung, die wichtiger ist, aufzusparen. Diese Erkenntnis habe ich ihr in der Vergangenheit vielfach vorgetragen, doch sie hat sie nie internalisiert.

Inhaltlich besteht hier kein Unterschied, doch bei Texten kommt es immer auf das Wie an.

Erzählstimme und aktiv erzählen

Hier erzählt ganz klar kein Kind die Geschichte, sondern der Autor, dessen Erzählstimme nicht zu der eines Kindes passt. Obendrein wird passiv, statisch erzählt, und eine Menge völlig unwichtiger Details werden aufgeführt.

Ach ja, noch etwas ganz Wichtiges: Alle Einzelheiten in der Originalerzählung haben später in dem Roman eine Bedeutung. Der russische Schriftsteller Anton Tschechow sagte dazu: „Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben.“

Infos, die keine Bedeutung in der Geschichte haben, sollte man streichen.

Aufgabe

Nehmen Sie einige Bücher aus Ihrem Regal, möglichst Ihre Lieblingsbücher. Lesen Sie die ersten vier Seiten, schreiben Sie auf, welche Informationen dort vermittelt werden. Und stellen Sie mit Tschechow fest, was damit im Laufe der Geschichte geschieht.

Beispiel 2: Palast der Winde

Ashton Hilary Akbar Pelham-Martyn wurde in einem Zeltlager unweit eines Passes im Himalaja geboren und kurz darauf in einem zusammenlegbaren Wassersack aus Segeltuch getauft. Sein erster Schrei wetteiferte kühn mit dem Gebrüll eines Leoparden, der sich etwas weiter unten am Hang befinden musste, und sein erster Atemzug füllte die Lungen mit der eisigen Luft, die von den hohen Gipfeln blies und den Dunst der Ölfunzel, den Geruch nach Blut und Schweiß und den durchdringenden Gestank der Tragtiere mit dem frischen Duft von Schnee und aromatischen Kiefernnadeln mischte. Als der eisige Windstoß den nachlässig verschnürten Zelteingang aufriss und die Flamme der verrußten Ölfunzel heftig zu flackern begann, hörte Isobel das lebenslustige Krähen ihres Sohnes und sagte matt: „Wie ein Siebenmonatskind schreit er eigentlich nicht, oder? Ich muss mich wohl … muss mich wohl verrechnet haben …“

So war es denn auch, und dieser Rechenfehler kam Isobel teuer zu stehen. (Schließlich muss bei weitem nicht jeder gleich mit dem Leben für eine solche Nachlässigkeit bezahlen.) Zu ihrer Zeit – es war die von Königin Viktoria und Prinzgemahl Albert – galt Isobel Ashton als eine empörend unbürgerliche junge Frau, und als sie – Waise, ledig und in der offen bekundeten Absicht, ihrem unverheirateten Bruder den Haushalt zu führen – im Jahr der Weltausstellung an der nordwestlichen Grenze Indiens in der Garnison Peshawar eintraf, wurden nicht nur viele Augenbrauen missbilligend hochgezogen, es fielen auch abschätzige Bemerkungen. Der Bruder William war übrigens erst kürzlich zur Heeresabteilung der Kundschafter versetzt worden. Als Isobel dann ein Jahr später Hilary Pelham-Martyn heiratete, einen auf seinem Gebiet berühmten Sprachwissenschaftler, Ethnologen und Botaniker, und mit ihm eine offenbar unbegrenzt lange, gemächliche Forschungsreise ins Vorgebirge von Hindustan antrat, ohne festen Reiseplan und ganz ohne weibliche Bedienung, da wurden die Brauen neuerlich hochgezogen, diesmal eher noch indignierter.

Kaye, Mary M.: Palast der Winde, Fischer Klassik Plus (German Edition), Fischer E-Books. Kindle-Version

Der allwissende Erzähler ist kein Infodump

Hier gibt es einen allwissenden Erzähler, der alles über Handlung und Personen weiß. Und uns in einem ganz anderen Stil eine Menge Informationen vermittelt.

  • Wir befinden uns an der nordwestlichen Grenze Indiens
  • Die Handlung spielt im viktorianischen Zeitalter
  • Der Bruder dient im Militär bei den Kundschaftern
  • Isobel ist unverheiratet
  • Es gibt kein elektrisches Licht, sondern eine Ölfunzel

Und auch hier kann jeder noch eine ganze Menge weiterer Infos aus dem Text herauslesen. Der Stil ist langsam, ausführlich, langweilt trotzdem nicht. Auch hier wegen den lebendigen Details (show, don‘t tell), weil aktiv erzählt wird, die Infos nicht mit dem erhobenen Zeigefinger dargeboten werden, sondern in die Handlung eingebunden sind und nur Infos auftauchen, die zu der Handlung passen.

Auch hier ist das wichtig: Sobald Infos im Text stehen, die mit der Geschichte nicht zusammenhängen, erhalten wir einen Infodump. Und in der Regel wird dann auch der Stil plappernd.

Infodump Palast der Winde

Würde die Erzählung als Infodump erzählt, sähe sie ganz anders aus. Vielleicht so:

Als England von Königin Viktoria regiert wurde, zu deren Reich auch Indien und das heutige Pakistan gehörten, wurde Ashton Hilary Akbar Pelham-Martyn in der Grenzregion zwischen Indien und Afghanistan geboren. Kurz darauf wurde er mit Wasser getauft. Am 1. Mai 1876 nahm Königin Victoria gemäß dem Royal Titles Act den Titel „Kaiserin von Indien“ an – die Proklamation erfolgte am 1. Januar 1877 in Delhi.

Ein wildes Tier schrie, als Ashton Hilary Akbar Pelham-Martyn seinen ersten Schrei ausstieß, der sehr kräftig klang, obwohl die Mutter gedacht hatte, er wäre ein Siebenmonatskind gewesen. Der Himalaya hat kalte Winde, die ins Lager geblasen wurden, in dem ein furchtbarer Gestank der Lasttiere herrschte. Isobel Ashton wurde von der englischen Gesellschaft als sehr unbürgerlich angesehen. Sie war der Meinung, dass sie sich mit der Schwangerschaft verrechnet haben musste, weil sie glaubte, dass kein Siebenmonatskind so kräftig schreien konnte.

Was unterscheidet die Infodump-Erzählung von dem Original?

  • Sie ist unanschaulich (nicht Gebrüll eines Leoparden, sondern eines wilden Tieres)
  • Sie enthält viele passive Behauptungen des Autors ( „Der Himalaya hat kalte Winde“ statt: „Kalte Winde fahren in das Zelt“
  • Sie hält eine große Distanz zu den Figuren, während das Original immer wieder dicht an die Personen herangeht („Ich muss mich verrechnet haben“)
  • Sie enthält unnütze Informationen; dass Viktoria Königin von England ist, sagt uns, in welcher Zit die Geschichte spielt. Dass sie auch Kaiserin von Indien ist, ist eine völlig unnötige Info für diese Geschichte

Die Erzählstimme des Originals ist eine eigene Stimme, genau wie im ersten Beispiel. Die Infodumps haben keine eigene Erzählstimme, wir hören den plappernden Autor, der uns langweilt, weil er nur aufzählt, aber der Erzählung keine Spannung durch eine eigene Erzählstimme gibt.

Zum Schluss

Stephen King sagt zum Thema: „Wenn ein Leser ein Buch zur Seite legt, weil es ‘langweilig wurde’, liegt die Ursache oft darin, dass der Autor sich an seinen Beschreibungskünsten begeisterte und darüber sein oberstes Ziel aus den eigenen Augen verlor, den Ball im Spiel zu halten.”

Links

In der Gruppe Self Publishing auf FB gibt es eine interessante Diskussion zum Thema, mit vielen Pros und Contras:
https://www.facebook.com/groups/selbstverlag/posts/4214111228645832
Und hier noch ein Blogbeitrag zum Thema:
https://hproentgen.wordpress.com/?s=Infodump

Erstveröffentlicht in: tempest, Autorenforum, August 2021

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Infodump revisited

Der gefürchtete Infodump

Infodumps sind berüchtigt. Weil sie Leserinnen und Leser aus dem Buch werfen. Seit zwanzig Jahren wird davor gewarnt.

Und heute?

»Ich trau mich gar nichts mehr in Ruhe zu erzählen, aus Angst, es könnte Infodump sein«, hat mir kürzlich eine Autorenkollegin erzählt.
Aber was ist überhaupt ein Infodump?

Infodump – der Abfallhaufen

»Dump« bezeichnet einen Abfallhaufen im Englischen. Und Infodump ist dementsprechend ein Abfallhaufen voller unnützer Informationen. Autorinnen wollen sichergehen, dass der Leser auch alles weiß, was sie über die Geschichte wissen. Deshalb greifen sie oft zum Infodump, indem sie alle Details, ob nützlich oder nicht, abladen. Und weil das gerne statisch und lexikonartig geschieht, vergrault es Leserinnen.

Ein Beispiel für einen massiven Infodump wäre:

»Kommissar Meier kam an den Tatort. Er war groß, blond, hatte braune Augen und eine riesige Nase. Er arbeitete seit fünfzehn Jahren in Potsdam und liebte seinen Job.

Sein Kollege Müller eilte auf ihn zu, im Gegensatz zu Meier war er klein und dick, hatte eine Glatze und eine Warze auf der Nase. Er arbeitete erst seit einem Jahr in Potsdam, war ein Pedant und immer missgelaunt. Kommissar Meier sah sich um. Vor ihm ragte die Friedenskirche auf mit dem Kreuzgang, davor lag der Garten, in dem jedes Jahr als erstes in Potsdam die Krokusse blühten. Vor dem Kircheneingang stand die riesige Jesusfigur aus Metall. Und davor lag die Leiche.«

Die Angst vorm Infodump

Mittlerweile wissen viele, warum man einen Infodump vor allem auf den ersten Seiten vermeiden sollte. Doch manchmal behindert dieses Wissen. Wer die ganze Zeit nur daran denkt: »Ja keinen Infodump schreiben«, behindert den Schreibfluss.

Voran schreiben

»Der erste Entwurf ist immer Scheiße«, wusste schon Hemingway. Und Autoren sollen daran denken, wenn sie den ersten Entwurf schreiben. Der wird später überarbeitet und lektoriert. Erst einmal muss man in den Schreibfluss kommen und sich in seine Figuren verwandeln. Wer die ganze Zeit nur an »möglichst kein Infodump« denkt, tut sich damit hart.

Infodumps erkennen

Woran erkennt man einen Infodump? Da gibt es einige Indizien, die eine Diagnose erleichtern:

Infodumps sind statisch und enthalten keine Handlung

Schauen Sie sich obiges Beispiel eines Infodumps nochmal an. Welche Handlungen kommen dort vor?

Richtig. Der Kommissar kommt an den Tatort. Ein Satz mit Handlung, dann folgen fünf Sätze Informationen. Dann sieht er sich um. Dann wieder vier Sätze Informationen. 80 % des Textes der ersten Seite sind Informationen.

Infodumps lesen sich wie ein Lexikonartikel

Die obigen Informationen könnten so alle in Wikipedia stehen, wenn der Kommissar bekannt genug wäre, dass Wikipedia ihn beschreiben wollte.

Infodumps werfen keine Fragen auf, sondern beantworten Fragen

Was wissen wir nach dem Text? Wie die beiden aussehen, wie lange sie in Potsdam arbeiten, dass vor der Friedenskirche Krokusse im Frühjahr blühen und eine eiserne Jesusstatue vor dem Eingang der Kirche steht. Stellt das irgendwelche Fragen? Reizt das zum Weiterlesen?

Eher nicht.

Erst dann kommt ein Satz, dass vor der Statue eine Leiche liegt. Das weckt bei Krimilesern Fragen: War es ein Mord? Wenn ja, wer war der Täter? Und wie wird er überführt?

Infodumps haben eine andere Erzählstimme

Im Infodump teilt uns der Autor die Informationen mit. Wir erleben sie nicht durch die Augen der Figuren. Dementsprechend wird im Infodump nicht die normale Erzählstimme der Geschichte verwendet, sondern die des Autors.

Kürzen

Infodumps haben einen großen Vorteil: Man kann sie streichen. In vielen Fällen wird der Text allein dadurch sehr viel spannender und lesbarer. Einfach alle Textstellen streichen, die im Verdacht stehen, ein Infodump zu sein. Damit hat man schon viele Infodumps erledigt.

»Kommissar Meier kam an den Tatort. Sein Kollege Müller eilte auf ihn zu. Vor der Jesusfigur lag die Leiche.«

Sehr viel kürzer, aber etwas overdone.

Wenn Sie Infodumps gestrichen haben, legen Sie beide Fassungen – die zusammengestrichene und die mit Infodump – nebeneinander. Wo ist die neue Fassung besser? Wo fehlt etwas? Fügen wir also die Potsdamer Friedenskirche wieder hinzu:

»Kommissar Meier kam an den Tatort. Vor ihm ragte die Friedenskirche auf mit dem Kreuzgang. Vor dem Kircheneingang stand die riesige Jesusfigur aus Metall. Und davor lag die Leiche.

Kommissar Müller eilte auf ihn zu.«

Nötige Informationen an den Leser bringen

Was, wenn man beim Vergleich der beiden Fassungen feststellt, dass man weitere Infos benötigt?

Da gibt es einige Tricks, mit denen Sie sie einbauen können.

Nicht alles auf einmal, sondern nur einen Teil erzählen

So viel, wie gerade nötig ist. Und darauf achten, was eine neue Frage aufwirft und damit Spannung erzeugt. Im obigen Fall ist der Tatort nötig, der Rest am Anfang des Romans aber nicht.

Informationen mit Handlung verbinden

Bieten Sie die Informationen mit einer Handlung dem Leser dar.

Kommissar Müller watschelte schnaufend auf ihn zu. Er schwitzte und rieb sich die Warze am Kinn. Seit Jahren predigte ihm der Kardiologe: »Abnehmen, abnehmen, Sport treiben«, aber Müller überhörte alles missmutig. »Lieber gut essen und mit sechzig sterben, als hungrig mit neunzig« war seine Devise.

Infos aus der Sicht der Protagonistin erzählen

Schildern Sie die Informationen aus der Sicht des Protagonisten. Was würde sie wahrnehmen, wie würde sie denken?

»Vor der riesigen Jesusfigur aus Metall lag ein verbogener Körper, genauso tot wie Jesus auf Golgatha.«

Das sagt uns nicht nur, wo die Leiche liegt, sondern auch einiges über den Kommissar. Ehrfürchtig gegenüber der Religion dürfte er nicht sein, vermutlich etwas zynisch? Womit wir eine Frage hätten.

Infos verteilen

Nicht alles auf einmal erzählen. Nach und nach den Leser in unterschiedlichen Situationen die Informationen darbieten, damit er sie sich selbst zusammenbauen kann und genügend Fragen offenbleiben, um ihn bei der Stange zu halten. Denken Sie daran: Niemand kann zu viele Informationen auf einmal verarbeiten. Viel wirkungsvoller ist eine Information, die im Gedächtnis bleibt.

»Die riesige Jesusfigur aus Metall war doppelt so groß wie Kommissar Meier. Und der überragte alle anderen Mitarbeiter im Präsidium.«

Ellenlange Erklärungen sind langweilig. Halten Sie das, was Sie sagen wollen, kurz, knapp und eindrücklich.

Konflikt

Führen Sie neue Konflikte mit den Informationen ein. Die Informationen beantworten alte Fragen, werfen aber gleichzeitig neue auf. So entsteht Spannung.

Hinter Meiers Kollegen eilte ein dünnes Männchen mit Schlips und Jackett her.

»Wann bringen Sie die Leiche weg?«, fragte es.

»Wir können nicht …«, begann Meier.

»Das ist Weltkulturerbe! Die Platten wurden gerade restauriert. So viel Blut, was das wieder kostet! Wenigstens das Blut sollten Sie wegwischen, bevor es eintrocknet!«

Von der ersten Stufe tropfte langsam, aber regelmäßig das Blut der Leiche auf die Stufe darunter. Das Opfer war noch nicht lange tot.

Intuition schärfen

Wenn Sie konsequent Ihre Texte in der Überarbeitung auf Infodumps kontrollieren, statt sich schon während des ersten Schreibens darüber Gedanken zu machen, werden Sie bald zweierlei merken.

Erstens werden Sie Infodumps schneller bei der Überarbeitung erkennen.

Zweitens werden Sie in der Erstfassung weniger Infodumps produzieren.

Infodumps sind missglückte Beschreibungen

Sie haben es vermutlich längst bemerkt: Infodumps sind missglückte Beschreibungen. Wie Sie gute Beschreibungen erstellen, finden Sie in meinem Blogbeitrag:
https://hproentgen.wordpress.com/2020/11/23/sieben-tipps-fur-spannende-beschreibungen/

Viele Rückblenden sind ebenfalls Infodumps. Auch dazu gibt es einen Blogbeitrag:
https://hproentgen.wordpress.com/2018/06/26/zwoelf-dinge-die-jeder-autor-ueber-rueckblenden-wissen-sollte/

Ich hoffe, dass Ihnen diese Tipps nützen, in Zukunft Infodumps bei der Bearbeitung aufzulösen, ohne sich Angst einjagen zu lassen. Und wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß beim Schreiben und bedanke mich bei Sonja Puras für die Idee und das Lektorat dieses Artikels.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiterempfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

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Der gefürchtete Infodump

Autoren, lasst einen Film ablaufen!

Viele Texte, die ich erhalte, sind gute Geschichten. Und wirken dennoch nicht, sondern reizen eher zum Gähnen. Weil die Autorinnen und Autoren einen Fehler machen. Sie wollen ihre Geschichte so schreiben, dass im Kopf des Lesers genau derselbe Film entsteht, der beim Autor läuft. Es kommt aber nicht darauf an, dass der Film beim Autor abläuft, sondern bei der Leserin, und ihr ihr eigener Film zugestanden wird. Das wird durch zu faktengenaues Nacherzählen des eigenen Kopfkinos eben nicht erreicht.

Geschichtenerzählen ist etwas anderes als Nacherzählen. Wichtig ist es, so zu erzählen, dass im Kopf der Leser ein Film abläuft. Es nützt nichts, wenn der Film im Kopf des Autors abläuft und dann versucht wird, den Film 1:1 auf den Leser zu übertragen. – Das ist so spannend wie ein ausgefülltes Kreuzworträtsel.

Den Film erzeugen

Der Autor muss den Leserinnen und Lesern die Bilder liefern, aus denen sie selbst den Film drehen. Beim klassischen Krimi ist das klar: Der Autor liefert Indizien, falsche und richtige Spuren, und der Leser hat das Vergnügen, daraus den Tathergang und damit den Film zu erstellen. Mit vielen falschen Versuchen – nicht jedes Puzzlestück gehört dahin, wo der Leser es beim ersten Versuch einbaut.

Der Anfang startet den richtigen Film

Der Anfang ist wichtig, das weiß jede Autorin. Er stimmt den Leser auf das ein, was kommen wird, hilft ihm, die Geschichte in einen Film zu verwandeln.

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“ stimmt den Leser auf einen Familienroman ein und entsprechend wird er die Bilder in den Film integrieren (Anna Karenina, Lew Tolstoj).

Der Streifenwagen zog leicht nach rechts“ stimmt auf einen Krimi ein mit knappen und kurzen Stil (Der Coyote wartete, Tony Hillerman)

„Show don`t Tell“ liefert die Bilder

Allgemeine Aussagen und Wertungen liefern keine Bilder. „Der Hund sah gefährlich aus“, was soll die Leserin da für Bilder erzeugen? „Ein Kampfhund“ ist viel eindrücklicher und liefert ein Bild, das der Leser in seinen Film einbauen kann.

Nacherzählen ist ein Filmkiller

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“, lässt Shakespeare Julia sagen, und der Zuhörer ahnt, dass es doch die Lerche sein wird. Das weckt Bilder von Gefahr. Shakespeare schreibt aber nicht: „Dann trennten sie sich, denn es wurde hell.“ Das wäre Shakespeares Autorenstimme, nicht die von Julia.

Der Autor hält den Mund

Wenn die Erzählerin ihre eigene Geschichte kommentiert, nimmt sie dem Leser die Freude, den Film abzuspielen. Sie schreibt ihm vor, wie der Film ablaufen soll. Leser merken sofort, wenn der Autor etwas kommentiert, statt Bilder für den Leserfilm zu liefern.

Die Erzählstimme

Die Erzählstimme erzählt die Geschichte. Wichtig: Die Erzählstimme ist nicht die Stimme des Autors, sondern die Stimme, die die Geschichte erzählt. Mit ihrem Ton, ihrem Stil bestimmt sie das Feeling des Films, den der Leser dreht.

Schon zehn Minuten nach drei und noch keine Spur von Colin. Nick ließ den Basketball auf dem Asphalt aufschlagen, fing ihn einmal mit der rechten, dann mit der linken, dann wieder mit der rechten Hand auf“ (Erebos, U.Poznanski). Wenn die Heldin eine Sechzehnjährige ist, sollte die Erzählstimme entsprechend klingen, um den Film zu starten. Wenn stattdessen die Stimme des sechzigjährigen Autors durchklingt, funktioniert der Filmaufbau nicht: „Nick war ein sechzehnjähriger Schüler, der ungeduldig war und auf seinen Freund Colin wartete, damit er mit ihm Basketball spielen konnte“.

Der Flow, der den Film erzeugt

„Flow“ ist ein Begriff aus der Psychologie, das Flow-Konzept bezieht sich, kurz gesagt, auf das positive Erleben bei der Ausübung von Tätigkeiten. Flow ist das, was man empfindet, wenn man komplett in einer Tätigkeit aufgeht. Und genau das ist beim Lesen wichtig. Der Leser soll in der Geschichte und in seinem eigenen Film aufgehen.

(https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/klassenzimmer/welche-rolle-spielt-flow-bei-der-leselust-von-jugendlichen-17183026.html)

Die Zielgruppe und das Genre

An wen richtet sich der Film? Das bestimmt auch, was erzählt werden muss, damit der Film ablaufen kann. Einem Science-Fiction-Leser muss man nicht sagen, was eine Zeitreise ist. Einem Leser von Historienromanen nicht, wer Karl der Große war. Aber in einem historischen Roman um eine Schuhmacherin muss klar werden, wie damals Schuhe gefertigt wurden. Ein Roman, der in der U-Bahn gelesen werden kann, braucht klarere Bilder als ein literarischer Roman, den man am Wochenende liest.

Aber auch hier gilt: Bitte nicht mit der Stimme des Autors erzählen, sondern mit passender Erzählstimme, und „Show, don´t tell“ nicht vergessen.

Jede Leserin baut einen anderen Film

Das wird viele Autoren betrüben. Ein gutes Buch kann der Leserin nicht vorschreiben, wie ihr Film aussieht, den sie sich aufgrund der Geschichte aufbaut. Je nach individuellen Hintergründen, Erfahrungen und Lebensumständen drehen Leserinnen eigene Filme. Bücher, die ihnen die Sicht des Autors einhämmern wollen, die keinen Spielraum lassen, sind Puzzles, die die Autorin bereits zusammengesetzt hat, damit jeder Leser ihre Sicht übernimmt. Leider (oder Gott sei Dank) sind sie nicht spannender als ausgefüllte Kreuzworträtsel.

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Autoren, lasst einen Film ablaufen!

12 Dinge über Dialoge, die Autoren wissen sollten

Dialoge können fesseln, aber auch langweilig sein. Hier finden Sie 12 Tipps, wie Sie spannende Dialoge schreiben können.

Ein Dialog ist ein Ping-Pong Spiel

Sie kennen Ping-Pong, auch Tischtennis genannt? Der Ball fliegt zwischen den Spielern hin und her, und je besser die Spieler, desto schneller der Ballwechsel.

So funktioniert auch ein guter Dialog. Die Sätze fliegen zwischen den Kontrahenten hin und her. Unnötige Erklärungen, langatmiges Formulieren führen dazu, dass der Dialog im Aus landet, sprich: Er wird nicht mehr gelesen.

Halten Sie sich das Ping-Pong-Spiel immer vor Augen, wenn Sie einen Dialog schreiben oder korrigieren. Sehen sie sich gute Dialogszenen im Film an, und lesen Sie solche.

Kurze Sätze, keine komplexe Grammatik

Es gibt Langweiler, die endlos reden. Aber wen interessiert das, was sie sagen? Spannende Dialoge haben kurze Sätze, kaum Nebensätze, meist nur Hauptsätze. Auch in der Realität spricht kaum jemand wie Thomas Mann. Es sei denn, es handelt sich um einen Philosophieprofessor, der seine Zuhörer langweilt.

Besser sind die Schmetterbälle, schnell hin und her, und beide Spieler wollen gewinnen. Auch im Dialog wollen die Sprecher gewinnen. Mit langsamen, hoch geschlagenen Bällen geht das nicht.

Konflikt, kein Small Talk

Small Talk ist im wahren Leben ungeheuer wichtig. Man versichert sich, dass man auf der gleichen Wellenlänge liegt, dass man sich schätzt, dass man höflich ist. Im Roman geht es jedoch nicht um Höflichkeit und auch nicht um politische Korrektheit.

 „Guten Tag!“

Hallo!“

Wie geht es dir?“

Gut. Und dir?“

Auch gut. Weißt du schon, die CoronaInfektionszahlen sind schon wieder gestiegen.“
„Ja, habe ich gerade gelesen. Finde ich furchtbar. Und du?“

Schrecklich.“

 Damit gewinnt man keine Leser und kein Ping-Pong-Spiel. Was unterscheidet die Ziele, die Weltsicht der Sprecher? Das liefert Ihnen die Chance, gute Matchbälle zu schlagen.

 „Die Coronazahlen sind …“

Du mit deinen Coronazahlen! Die sollten Corona einfach laufen lassen.“
„Und deine Oma soll dran sterben?“

Die ist sowieso schon halb tot und überlebt das Jahr nicht!“

 Nicht gerade angenehme Zeitgenossen, die hier sprechen. Aber angenehme Zeitgenossen machen keinen spannenden Roman. Warum sonst werden die Krimis mit fiesen Mördern haufenweise gelesen?

Jeder spricht anders

Jeder hat eine Herkunft, eine andere Ausbildung, individuelle Ziele und Wünsche. Und jeder Sprecher hat dementsprechend eine unverwechselbare Sprache. Beim BKA analysiert man Erpresserbriefe und andere Texte, um sie anhand der Sprache zuzuordnen. Mittlerweile gibt es eigene Sprachprofiler dafür.

Ein bedächtiger Mensch spricht anders als ein Draufgänger, ein Hauptschüler anders als ein Uni-Absolvent, ein Bayer anders als ein Uckermärker. Nutzen Sie das. Lassen Sie nicht alle in Ihrem Tonfall sprechen, dem Tonfall der Autorin. Verwandeln Sie sich in die Dialogpartner. Was sind das für Menschen? Wie würden sie reden? Schüchtern drum herumreden? Direkt und knapp? 

Zwischen den Zeilen findet sich das Wesentliche

Was für ein Mann ist Kapitän Renault?“, fragt die junge Bulgarin in Casablanca.

Wie jeder Mann, nur etwas mehr“, antwortet Rick.

 Das, was wichtig ist, wird hier nicht mit Worten gesagt, sondern ergibt sich aus dem Kontext. Er ist ständig hinter Frauen her, steht zwischen den Zeilen. Ein Schürzenjäger. Aber davon findet sich kein Wort im Text. Vieles im Dialog wird nicht ausgesprochen. Und dadurch wirkt es viel eindrücklicher. „Kapitän Renault ist ein Schürzenjäger und denkt immer an Sex“, das wäre sehr viel weniger spannend.

Du bist nicht Gott.“

An irgend jemand muss man sich doch ein Beispiel nehmen.“

 Dieser Dialog aus einem Woody-Allen-Film sagt auch nicht direkt in Worten, was gemeint ist. Der eine wirft dem anderen vor, dass er sich für unfehlbar hält, und der andere kontert. Vergleichen Sie das einmal mit dem folgenden Dialog: 

Du glaubst, du weißt alles besser. Mich nervt das immer, da kriege ich ein schlechtes Gefühl, wenn du mich ständig korrigierst.“

Da irrst du dich, ich will dich nicht korrigieren, ich weiß, dass man das im Gespräch nicht tun soll und beherzige diese Erkenntnis.“ 

Was würden Ihre Dialogsprecher auf gar keinen Fall direkt sagen? Und wie würden sie es umschreiben?

Sparsam mit Körpersprache

Gerne werden im Dialog Aktionen der Sprecher beschrieben, um den Dialog zu unterstreichen, und um Dinge anzuzeigen, die nicht im Dialogtext stehen. Das kann sehr wirkungsvoll sein, aber Sie sollten es mit Vorsicht einsetzen. Viel hilft auch hier nicht viel, weniger ist oft mehr.

Die Körpersprache sollte auch wirklich Bedeutung haben. Wenn sich der Sprecher zehnmal über die Glatze streicht, verpufft die Wirkung, und es bremst das Tempo.

Das geht schief.“ Der Finanzcontroller kratzte sich an der Nase.
„Wir haben dafür keine Kapazitäten“, sagte der Personalleiter und strich sich über die Glatze.
„Das Programm funktioniert noch nicht einwandfrei.“ Der Entwicklungschef fuhr sich übers Haar.

Wir führen es morgen auf der Messe vor“, bestimmte der Direktor und schaute ernst in die Runde.

Gerade das In-die-Runde-Schauen ist sehr beliebt, sagt aber wenig aus. Wählen Sie eine aussagekräftigere Körpersprache. 

Das geht schief.“ Der Finanzcontroller knackte mit den Knöcheln.
„Verdammt noch mal, wir haben dafür keine Kapazitäten!“, sagte der Personalleiter.
„Das Programm hat mehr Fehler als ein Straßenköter Flöhe“, sagte der Entwicklungsleiter.

Der Direktor nahm seine Brille ab und faltete sie sorgfältig auf dem Tisch zusammen. „Wir führen es morgen auf der Messe vor“, bestimmte er. 

Jetzt sind es nur noch zwei körpersprachliche Elemente, die dafür aber eindeutiger sind. Und ein Teil dessen, was im ersten Beispiel über Körpersprache ausgedrückt wird, steht jetzt im Dialogtext. Dass der Personalleiter und der Entwicklungschef gar nicht glücklich sind, ergibt sich aus dem, was sie sagen, da benötigt man keine Körpersprache. Und dass der Boss die Brille abnimmt und auf den Tisch legt, zeigt deutlich, dass das sein letztes Wort ist.

Sagte sie, sagte er“ – das reicht

Im Dialog wird oft der Sprecher genannt (sagte der Vater, rief der Bulle), in der Fachsprache heißen diese Hinweise „Inquits“.  Das sind formelhafte Elemente, um den Sprecher zu bezeichnen. Leserinnen nehmen sie als Formeln wahr, die festlegen, wer spricht. Deshalb müssen Sie sich nicht mühsam Synonyme suchen (flüsterte er, wisperte sie, antwortete er, grollte sie).

Sie können auch in einem langen Dialog bei „sagte sie / er“ bleiben. Weil das Formeln sind, stört die Wiederholung hier nicht.

Sparsam mit Inquits

Sie müssen nicht jeden Dialogabschnitt mit einem Inquit abschließen. Wenn klar ist, wer spricht, könnten Sie „sagte sie“ weglassen und nur manchmal erwähnen, wer der Sprecher ist. Der Dialog wird dadurch schneller und knapper. Hier ein Beispieldialog zwischen Mutter und pubertierendem Sohn. 

Du bleibst hier“, sagte seine Mutter.

Du hast mir nichts zu befehlen.“

Du willst dich nur zusaufen wie letzten Abend.“

Ich treff mich mit Freunden! Wir machen Hausaufgaben.“

Die garantiert viel Alkohol enthalten, möchte ich wetten.“ 

Hier ist immer klar, wer spricht. Das wird auch dadurch sichergestellt, dass Mutter und Sohn ganz unterschiedliche Ziele und Motive haben, also eine Verwechslung gar nicht möglich ist (siehe Punkt 4 oben).

Dreifach gemoppelt ist zweimal zu viel

Du Arschloch!“, schrie er wütend.

In diesem kurzen Abschnitt wird dreimal dasselbe gesagt, nämlich, dass der Sprecher wütend ist. Vertrauen Sie Ihren Lesern, sie werden automatisch begreifen, dass der Sprecher auf 180 ist. Es reicht „Du Arschloch!“. Gerade bei emotional aufgeladenen Szenen wirkt ein knapper Dialog besser, da er Tempo hat und die angespannte Situation besser erleben lässt.

Ein guter Dialog ist einer, in dem der Text bereits Stimmung und Emotion des Sprechers verrät. Aber wie immer gibt es Ausnahmen.

„Du Idiot“, sagte er lachend.

Da kann man auf das Adjektiv nicht verzichten, weil „Idiot“ hier keine Beleidigung ist, sondern eine Frotzelei unter Freunden.

Unvollständige Sätze

Woran erkennt man, dass zwei Menschen streiten? Nicht nur an der Lautstärke, sondern auch daran, dass sie einander nicht ausreden lassen. Und dass die Sätze kürzer werden, je emotionaler der Streit wird. Nehmen wir mal eine Meinungsverschiedenheit zwischen einem Mafiaboss und seinem Killer. 

Ich möchte keine Nonne erschießen, das geht gegen mein Gewissen“, sagte der Killer.

Joe, das ist keine Nonne, das ist Susan aus dem Nachtclub“, erwiderte der Boss. „Also tu deine Pflicht und drück ab.“

Ich werde in der Hölle landen deswegen und meine Mutter unglücklich machen.“
„Du hast so viele umgelegt, dann kannst du die jetzt auch töten.“

Aber Boss, das ist eine Nonne, und meine Mutter wollte immer, dass ich Nonnen ehre und beschütze, das steht auch im Beichtbrevier, das ich habe.“

Wenn du es beichtest, wird dir jede Schuld erlassen, so steht es im kanonischen Recht §47 über die Beichte und die Vergebung.“ 

Ganz klar, niemand würde in so einer Situation so reden. Erinnern Sie sich an das Ping-Pong-Spiel? Heftige Szenen benötigen ein schnelles Spiel. 

Ich kann keine Nonne …“

Das ist keine Nonne, das ist Susan.“

Aber das Habit …“

Drück endlich ab!“ 

Ach ja, das ist auch so ein Dialog, in dem Sie gar keine Inquit-Formeln benötigen. 

Dialekt im Dialog

Dialekt kann einen Sprecher identifizieren. Ein Bayer spricht anders ein Berliner. Und heute haben viele Gebildete jeden Dialekt abgelegt, auch das ist ein Kennzeichen.

Nur leider gibt es ein Problem: Wenn Sie jemanden richtiges Niederbayrisch reden lassen, werden sich alle Nicht-Bayern schwer tun, es zu verstehen. Sie müssen erst mal die Sprache übersetzen und können nicht der Geschichte folgen.

Verwenden Sie also nur einzelne Wörter oder Satzwendungen im Dialog, die den Leser daran erinnern: Das ist der Bayer, das der Berliner. Gerade grammatikalische Konstruktionen sind typisch für Dialekte.  

Das geht nicht, weil das ist verboten.“ (Umgangssprache)
„Das ist dem Chef sein Steckenpferd.“ (Ruhrgebiets-Genitiv)
 

Gleiches gilt, wenn Sie Menschen sprechen lassen, die eine andere Muttersprache haben und nur gebrochen Deutsch reden. Auch da sollte man nicht übertreiben. Und notfalls jemanden um Rat fragen, der den Dialekt sprechen kann oder Muttersprachler der fremden ist. Denn es ist nicht so einfach, einen Deutschtürken reden zu lassen, wenn man selbst gar kein Türkisch kann und nicht weiß, welche typischen Formulierungen jemand aus diesem Sprachkreis benutzt.

Und bitte, bitte, bleiben Sie dabei. Jemanden erst gebrochen Deutsch sprechen zu lassen, der dann in perfektem Hochdeutsch fortfährt, das fällt auf. Passiert übrigens immer wieder Erpressern, die ihre Briefe abfassen, als wären sie Türken, dann aber die Geldübergabe in perfektem Deutsch formulieren. Da freut sich der Sprachprofiler!

Dialoge testen

Lesen sie sich Ihre Texte laut vor. Sie werden erstaunt sein, wie viele Stolpersteine und unglückliche Formulierungen Sie dabei entdecken. Noch besser: Lassen Sie ihn sich von einem Freund vorlesen. Es gibt auch Sprechprogramme, die Texte vorlesen. Da diese keine Betonungen verwenden, fallen unglücklich formulierte Stellen dabei besonders auf.

Wenn Sie unsicher sind, testen Sie einfach mehrere Fassungen. Streichen Sie zum Beispiel auf einer Seite alle Inquits (sagte er, sagte sie), und legen Sie beide Seiten nebeneinander. Sie werden schnell sehen, welche Sie benötigen und welche nicht.

Die Methode funktioniert für alle Tipps, die ich genannt habe. Einen Tipp umsetzen und den Text überarbeiten – und dann beide Fassungen nebeneinanderlegen. Das schärft Ihr Bewusstsein dafür, was nötig ist und was nicht.

Wenn Sie noch nicht viel Erfahrung damit haben, Dialoge zu überarbeiten, dann ändern Sie nicht gleich alles, sondern nur eine Sache, damit deutlicher wird, wie diese Änderung wirkt. Und dann lesen Sie sich Ihren Text laut vor.

Und gerade habe ich ein faszinierendes Beispiel für Dialoge gesehen. Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ verfilmt von der BBC. Das Werk ist über 200 Jahre alt, aber Austen zeigt, wie man auch aus nichtssagenden Dialogen der besseren Gesellschaft Spannung herausholen kann, in dem man das, was nicht gesagt wird, hinter den Worten hervorscheinen lässt.

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Sieben Tipps für spannende Beschreibungen

Wie beschreibe ich Landschaften, Gebäude und Historie? Beschreibungen können tückisch sein, sie bremsen den Lesefluss. Lektorinnen streichen sie gerne. Aber sie sind notwendig, vor allem in Fantasy und historischen Romanen.

Ich möchte Ihnen hier ein paar Tricks verraten, wie Sie spannende Beschreibungen schreiben können, die Leser nicht überblättern.

1. Was wissen die Leser bereits?

Vermeiden Sie Beschreibungen, die den Leserinnen nichts Neues verraten.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Die Häuser sahen alle gleich aus, mit Balkons und kleinen Vorgärten und Garage. Sie hatten Dachfenster, um den Raum möglichst optimal auszunutzen, und der Garten dahinter hatte eine kleine Hütte für Werkzeug und eine Verandatür …“

Jeder kennt typische Vorortsiedlungen. Wenn Sie obiges Beispiel über eine halbe Seite ausdehnen, haben Sie gute Chancen, dass Leserinnen es überblättern. Oder, falls Sie viele solche Beschreibungen einbauen, dass sie das Buch zuklappen.

2. Mit den Gefühlen des Helden verbinden

Lassen Sie den Leser erleben, was der Protagonist fühlt. Was fällt ihm ein, wenn er den Ort sieht? Das beschreibt ihn viel nachdrücklicher als eine Aufzählung.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Eine typische Vorortsiedlung, die Häuser sahen alle gleich aus, und Kommissar Gronninger schauderte. Die nächste Kneipe war vermutlich zwei Kilometer entfernt und der Bus fuhr nur jede halbe Stunde. Wenn überhaupt.
Aber Killer John würde sich hier wohlfühlen. Er würde seinen Charme sprühen lassen, die Nachbarn würden ihn zu Grillpartys einladen, die Frauen über seine Witze lachen und die Männer ihn mit finsteren Blicken bedenken.“

3. Handlung beschreibt am besten

Statt einfach Elemente des Umfelds aufzuzählen, ist es viel wirkungsvoller, wenn der Ort aus der Handlung heraus beschrieben wird.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Vor dem Haus bremste Harry, und Kommissar Gronninger sprang aus dem Wagen, bevor er zum Stehen gekommen war. Er machte sich nicht die Mühe, das Gartentor zu öffnen, sondern setzte mit einem Sprung über den ortsüblichen Gartenzahn, rannte durch das Tulpenbeet, die Pistole in der Hand, und lockte so die Oma des Nachbarn ans Dachgeschossfenster, die laut keifend verkündete, sie würde die Polizei rufen, das sei hier eine ordentliche Siedlung und kein Problemviertel.“

4. Kein Lexikonartikel

Beschreibungen, die sich wie Lexikonartikel lesen und alles, aber auch alles aufzählen, sind ein sicheres Mittel, um Leserinnen zu vergraulen.

„Conan ging auf das Tor zu, der Wächter versperrte ihm den Zutritt mit gezückter Hellebarde. Die Hellebarden trugen die Wächter seit der Regierungszeit Alfons des XXI., der die Wache mit dem Privileg ausstattete, mit Schwert und Hellebarde auch im Schloss aufzutreten. Das Schloss wurde von dessen Urgroßvater Alfons dem XVIII. erbaut und der Großvater renovierte es im Tudorstil, was dem Vater Alfons dem XX. nicht gefiel, weshalb er den rechten Flügel abreißen ließ und dort einen Neubau im Remagostil erstellen ließ, der aber so teuer wurde, dass er die Steuern erhöhen musste, was zur ‚Steuerrevolte‘ führte, in der der Neubau abgefackelt wurde …“

5. Aktiv statt Passiv

Gerade Beschreibungen sollten aktiv sein. Also nicht: „Vor ihm befand sich ein Tulpenfeld, rechts ein Teich mit Seerosen, dahinter lag das Bauernhaus. Der Rauch wurde durch ein Feuer im Hof erzeugt und Holz schien von darum herumstehenden Männern ins Feuer geworfen zu werden.“

„befinden, liegen“ und ähnliche statische Verben sowie Passivkonstruktionen bremsen das Tempo. Besser sind Aktiv und aktive Verben.

„Das Tulpenfeld leuchtete in der Abendsonne, im Teich daneben eröffneten die Frösche ihr Konzert, und vor dem Bauernhof flackerte und qualmte ein Feuer, und zwei Männer warfen immer neue Scheite in die Flammen.“

6. Bedeutung erzählen

Einfache Aufzählungen vergisst der Leser schnell wieder. Deshalb ist es besser, wenn klar wird, warum bestimmte Dinge wichtig sind.

Sie galoppierten über die Ebene, der Fähnrich voran. Sie hielten auf eine Wiese mit Blaugras zu. Es wiegte sich im Winterwind, schillerte und leuchtete und war in Garminica überall anzutreffen.

Aber warum ist es wichtig, das in der Geschichte zu beschreiben?

Sie galoppierten über die Ebene, der Fähnrich voran. Plötzlich parierte er sein Pferd durch, das empört schnaubte. Die beiden Besucher hielten neben ihm an.

„Was ist?“, fragte Fred.

„Blaugras.“ Der Fähnrich zeigte nach vorne. Gras wiegte sich im Winterwind, aber es leuchtete nicht grün, sondern im schillernden Blau.

„Na und?“, sagte Fred

„Wir haben Winter. Im Winter kannst du dich damit rasieren, so scharf sind die Kanten. Wenn wir hineinreiten, zerschneidet es den Pferden Hufe und Beine.“

„Wir müssen zurück?“

Der Fähnrich nickte und riss sein Pferd herum.
Doch dann sahen sie am Horizont die Verfolger schnell näherkommen.

Hier hat das Blaugras eine Bedeutung für die Handlung bekommen. Dinge, die keine Bedeutung haben, sollte man in aller Regel streichen.

7. Wann Beschreibungen überarbeiten?

Wenn Sie Ihre Erstfassung geschrieben haben, ist es immer eine gute Idee, die Beschreibungen in Ihrem Werk zu kontrollieren. Welche sind langatmig, welche passiv, welche sind für den Roman irrelevant und damit überflüssig?

Andreas Eschbach schreibt immer wieder Bücher, die ausführliche Schilderungen enthalten. Zum Beispiel „Der Nobelpreis“. Er beschreibt die Zeremonie der Verleihung, die Wahl der Preisträger und vieles mehr über den Nobelpreis. Trotzdem ist es nicht langweilig, denn seine Schilderungen sind aktiv („Dann betritt der König den Saal“) und behandeln detailliert etwas, was die meisten Leserinnen so nicht wissen, was aber alle interessiert.

Wer wissen möchte, wie man Ereignisse, Zeremonien und Beschreibungen baut, die die Leser fesseln, statt zu langweilen, sollte dieses Buch lesen.

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