Klappentextlektorat August 2018

Schnappt Shorty

(c) Elmore Leonard

Palmer hat schlechte Karten und die falschen Leute im Nacken, aber einen ehrgeizigen Plan: Er will das ganz große Geld machen. Zimm hat sich nie als großes Regietalent erwiesen, besitzt aber das heißeste Drehbuch des Jahres. Weir, genannt Shorty, hat noch jeden Film zum Erfolg gemacht, nur dass er diesmal mitspielen will …

Eigentlich beginnt alles ganz harmlos mit dem Diebstahl einer Lederjacke aus einer Restaurantgarderobe in Miami. Chili Palmer, ein kleiner Kredithai und Schuldeneintreiber, hat sie dort abgegeben und ein Kerl namens Ray Bones ist mit ihr klammheimlich verschwunden. Also besorgt sich Chili seine Jacke wieder, nicht ohne Bones dabei einen nachhaltigen Denkzettel zu verpassen.

Lektorat

Ein klassischer Aufbau des Klappentextes. Erst werden drei Figuren vorgestellt. Jeder in ein, zwei Sätzen, ein Schnappschuss. Die gute, alte Dreierregel, drei ist eine magische Zahl.

Die Drei sind sicher nicht die Personen, die wir uns als Nachbarn oder Freunde wünschen, aber wir ahnen bei jeder, dass es Probleme geben wird. Und die würden wir gerne erfahren und wie sie sich da herauswinden – oder eben auch nicht.

Gute Bücher leben von faszinierenden Figuren. Sie müssen nicht notwendig sympathisch sein – wer findet Kannibalen wie Hannibal Lecter schon sympathisch? -, aber sie müssen eine faszinierende Geschichte versprechen. Damit Figuren faszinieren, reicht es nicht, etwas zu behaupten. „Palmer ist ein kleiner Geldeintreiber, den brutale Mafioso verfolgen“ reizt so wenig zum Lesen wie „Zimm ist ein drittklassiger Regisseur, der ein gutes Drehbuch besitzt“.

Der zweite Abschnitt erzählt uns, was die Geschichte in Gang setzt. Chili Palmer, der kleine Mafiosi und Geldeintreiber, hat seine geliebte Lederjacke im Restaurant abgegeben und ein anderer ist damit verschwunden. Er holt sie sich wieder und verpasst dem Dieb eine Abreibung. Der wird das nicht auf sich sitzen lassen, ahnen wir. Auch hier steht das, was den Leser interessiert, nicht im Text, sondern zwischen den Zeilen. In Mafiosi Kreisen nimmt man sowas nicht einfach hin. Wie geht es weiter, das ist die Frage. Aber sie steht nicht platt im Text – „Wird Ray sich rächen?“ –, sondern zwischen den Zeilen. Der Text überlässt es dem Leser, sich diese Frage zu stellen.

Was können wir daraus lernen?

Ersten, dass es immer gut ist, etwas zwischen den Zeilen stehen zu lassen. Wer einen Witz erklärt, hat schon verloren und wer im Klappentext alles dem Leser erklärt, auch. Spannung lebt von dem, was nicht im Text steht, dort aber angedeutet wird. Nicht anders als im Witz.

Zweitens, spannende Geschichten und erst recht spannende Klappentexte leben von faszinierenden Figuren mit ungewöhnlichen Problemen. Der Nachbar, der so sympathisch ist und dessen größtes Problem darin besteht, dass er nie im Lotto gewinnt, eignet sich da nicht.

Drittens, „Show, don`t tell“. Nicht gerade neu, aber man kann es nicht oft genug wiederholen. Anschaulich erzählen, im Leser Bilder und Szenen entstehen lassen, so dass er wissen will: Wie geht es weiter?

Viertens: Auch und gerade im Klappentext kommt es auf Stil und Formulierung an.

Leonard ist in den USA einer der ganz großen Thrillerautoren, viele seiner Bücher wurden verfilmt, so auch „Schnappt Shorty“. Leider ist das Buch im Moment bei Rowohlt nicht mehr erhältlich, was ich nicht verstehe. Bei Ebay, Amazon und anderen Anbietern bekommt man es aber billig gebraucht. Und das Buch ist so spannend wie der Klappentext.

Das wäre das Fünfte, das wir daraus lernen können: Es ist sehr viel einfacher, aus einer tollen Story mit faszinierenden Figuren einen Klappentext zu schneidern als aus einer lahmen. (aus: tempest 08/2018)

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Klappentextlektorat August 2018

Erzählperspektive, Distanz und Kameraeinstellung

Vier Kameraeinstellungen für Ihren Roman

In jedem Schreibratgeber finden sich die verschiedenen Perspektiven. Ich-Erzähler, Erzähler dritte Person, auktoriale Erzählung.

Vergessen wird oft die Distanz. Gerne wird das mit der Perspektive vermischt, die Ich-Perspektive wird als nah, der allwissende Erzähler als distanziert geschildert.

Aber stimmt das? Im Film gibt es die Kameraeinstellung, die die Distanz zu Personen und Ereignissen festlegt. Und diese Distanz ist auch bei Büchern wichtig. Wie beim Film können Sie die Totale wählen, die Halbtotale, die Nähe und ganz nah. Und zwar unabhängig von der gewählten Erzählperspektive.

Legolas erreicht die Bergkuppe und sieht die lang gesuchte Goldene Stadt unten im Tal, den Fluss, die Boote, die darauf fahren, die Felder, die gerade abgeerntet werden, die Ochsenkarren, die zum Markt durch die Stadttore fahren, die Kathedrale, deren Turm aus dem Häusermeer hervorragt, die Berge im Hintergrund, von denen einige verschneit sind.

Kameraeinstellung: Totale. Große Distanz.

Legolas steigt von der Bergkuppe hinab ins Tal, glücklich, dass er sein Ziel erreicht hat. Der Weg wird zu einem Hohlweg, zu beiden Seiten geht es steil bergauf. Von der Goldenen Stadt ist nichts mehr zu sehen.

Kamera: Halbtotale. Die Distanz ist geringer.

Als er um eine Ecke biegt, bricht ein Büffel aus dem Wald. Eine massige Gestalt, er scharrt mit den Hufen, kleine rote Augen starren ihn böse an.

Kamera und Distanz: Nah.

Das Tier stürmt auf ihn zu, er sieht nur noch die spitzen Hörner.

Kamera und Distanz: Ganz nah (Tunnelblick)

Die Kamera ist jetzt ganz nah, Legolas hat den Tunnelblick, nimmt nur noch die spitzen Hörner wahr.

In allen vier Beispielen bleibt die Erzählperspektive gleich. Personale dritte Person. Die Kameraeinstellung und die Distanz ändern sich aber, von Totale über Halbtotale zu Nah. Diese Kameraeinstellungen sind unabhängig von der Erzählperspektive. Auch ein Ich-Erzähler kann die Totale nutzen, auch ein allwissender Erzähler die Naheinstellung.

Wenn Sie die obigen Beispiele als Ich-Erzählung schreiben, können Sie trotzdem die gleichen Kameraeinstellungen verwenden. Und auch ein allwissender Erzähler kann die Kamera ganz nah auf die Hörner des Stiers zoomen lassen.

Ändern Sie einmal obige Beispiele in eine Ich-Perspektive. Dann in die eines allwissenden Erzählers.

Unterschied zwischen Erzählperspektive und Kameraeinstellung

Unten in der Hütte neben dem Tempel saß Balrog und wartete seit vier Wochen auf Legolas‘ Ankunft. Seine Arthritis plagte ihn.

Passt das zu obigen Beispielen? Von der Kameraeinstellung her geht es. Aber was ist mit der Erzählperspektive? Die Beispiele sind personale dritte Person, der Leser sieht durch Legolas Augen. Unmöglich kann aber Legolas durch die Wände der Hütte sehen.

Womit wir bei einem wichtigen Unterschied zwischen Erzählperspektive und Kameraeinstellung wären. Die Erzählperspektive sollte sich während eines Kapitels oder einer Szene nicht ändern. In der Regel wird ein Roman in einer Erzählperspektive geschrieben, eine Erzählhaltung durchgehalten.

Ganz anders die Kameraeinstellung. Ein Roman, der durchgängig in der Totale erzählt, würde den Leser genauso langweilen, wie ein Film mit nur einer Kameraeinstellung.

Gibt es eine Möglichkeit, obigen Balrog doch noch in den Text zu integrieren, ohne die Erzählperspektive zu wechseln?

Ja.

Wenn Legolas zu Beginn seiner Reise erfahren hätte: In der Hütte neben dem Tempel wartet der alte, arthritische Balrog auf dich. Beeil dich. Dann wäre der Balrog Absatz ein Bild aus Legolas Vorstellung, geistiges Tele sozusagen.

Oder der ganze Text wird von einem allwissenden Erzähler erzählt, der alles weiß und natürlich auch, wie sehr Balrog seine Arthritis schmerzt. Schließlich hat der sein ganzes Leben in den Minen von Moria verbracht.

Nehmen Sie einen Absatz aus Ihren Texten und schreiben sie ihn erst in Totale, dann in Halbtotale, dann Nah, ganz nah. Was ändert sich dabei? Wie wirken die verschiedenen Kameraeinstellungen?

Wechsel der Einstellung

Sie können eine ganze Szene in der Totalen erzählen, aber in der Regel wird die Szene dann nicht mehr spannend sein.

Ich muss das wissen, es ist einer meiner häufigsten Fehler. Die Folge: Alles klingt distanziert, zwar kann der Leser alles miterleben, aber es interessiert ihn wenig. Er schaut auf die Szene, wie ein Wissenschaftler auf einen Ameisenhaufen. Was kümmert ihn schon die einzelne Ameise? Aber durch diese Distanz kann er natürlich auch Gesetzmäßigkeiten erkennen.

Doch Geschichten sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sie handeln grade von Einzelschicksalen, lassen den Leser mit einer Person mitkämpfen, mitlieben, mitschwitzen. In der Regel ändert sich die Distanz während einer Szene. Meist beginnen Szenen mit der Totalen, damit der Leser weiß, wo er ist, gehen in die Halbtotale über, um dann beim Höhepunkt in der Naheinstellung zu enden.

Welche Kameraeinstellung benutzen Sie am häufigsten? Nehmen Sie einen längeren Text aus einem Buch und schreiben Sie neben die Absätze „T“, „H“ oder „N“ je nachdem, welche Kameraeinstellung verwandt wird, wie groß die Distanz zu den Ereignissen ist.

Spannungsbogen

Was uns auf einen weiteren Punkt bringt. Die Spannung in einem Roman wie auch in einer Szene sollte einen Bogen bilden, sie sollte sich langsam aufbauen, den Höhepunkt erreichen und dann auslaufen. Je näher dieser Höhepunkt kommt, desto näher kommt auch die Kamera, desto enger wird der Winkel, desto mehr wird die Romanfigur den „Tunnelblick“ bekommen, nur noch das wahrnehmen, was wichtig ist.

Vielleicht erreicht der Held die Bergkuppe, sieht die langgesuchte Goldene Stadt vor sich, betrachtet die Landschaft und die Stadt, geht langsam den Weg hinab, nimmt immer noch viel wahr, aber nicht mehr alles, da ist ein Hohlweg, der die Sicht einschränkt und ein Räuber springt hinter einem Baum hervor. Wenn der Autor alles in der Totale schildert, wird es nicht spannend.

Deshalb sollte man alle Möglichkeiten beherrschen.

Die Kameraeinstellung hat viel mit dem Spannungsbogen zu tun, der Höhepunkt ist oft mit einer Nahaufnahme verbunden. Das können Sie auch nutzen, um den Leser irrezuführen.

Angeregtes Gespräch am Kamin in der Bibliothek von Schloss Wolfenweiler (Kamera: Totale). Lord Voldemort erzählt Aragorn von seinem Verdacht, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehe (Halbtotale). Leises Quietschen, die Klinke der Tür senkt sich langsam, ganz langsam (Nah). Jeder erwartet, dass jetzt Graf Dracula auftritt.

„Wünschen die Herrschaften den Tee hier oder im Salon?“, klingt die Stimme des alten, treuen Werwolfs, der schon den Großvater Lord Voldemorts bedient hat.

Noch etwas können Sie mit Kameraeinstellung erreichen: Sie zeigen nur ein Detail und vermitteln damit dem Leser das ganze Bild. In Hitchcocks Psycho sieht der Leser nur das Messer und dann die blutige Hand, die die Fliesen entlang rutscht und doch ist es eine der spannendsten Szenen, die ich kenne. Mit der Nahaufnahme (Tunnelblick!) zeigen Sie immer nur ein Ausschnitt des Ganzen und überlassen den Rest der Phantasie des Lesers. Pars pro Toto.

Warum Perspektive und Distanz oft verwechselt wird

Wenn Sie noch kein abgebrühter Bestsellerautor sind, werden sie bei der Ich-Perspektive automatisch näher an Personen und Ereignisse zoomen. Und beim allwisssenden Erzähler eine große Distanz wählen.

Das passiert jedem und jeder Lektor kennt diesen Effekt. Wenn Sie in Ihren Texten zu distanziert schreiben, lohnt es sich, einmal in die Ich-Perspektive zu wechseln, um näher an die Personen heranzukommen. Umschreiben können Sie die Perspektive später immer noch. Aber Sie haben dann eine andere Distanz im Text gewonnen.
Übrigens gibt es für die Kameraeinstellung noch ein paar weitere Möglichkeiten, zum Beispiel Froschperspektive oder Vogelperspektive. Beides gehört zur Kameraeinstellung und hat mit der Erzählperspektive nichts zu tun. Spielen Sie einfach mal mit Distanz, Kameraeinstellung und Ihrer Erzählperspektive.

Mehr zu den Erzählperspektiven finden Sie hier:
https://hproentgen.wordpress.com/2017/04/23/alles-was-autoren-ueber-perspektiven-wissen-muessen/

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Erzählperspektive, Distanz und Kameraeinstellung

Klappentextlektorat Mai 2018

Seekoller – Eine Bodensee-Miami Krimikomödie

(c) Christiane Kördel

Mehrere Fassung zu erstellen, ist immer eine gute Idee, wenn man einen Klappentext entwickelt. Hier kommen drei Fassungen für eine Roman. Nehmen Sie den Stift zur Hand und notieren Sie, was Ihnen dazu einfällt. Folgende Fragen sind bei einem Klappentext wichtig:

– Wird klar, worum es in dem Buch geht?
– Spiegelt sich die Atmosphäre des Buches im Klappentext?
– Verlockt es die Leser dieser Art Bücher, das Buch aufzuschlagen?

Version 1a

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Kopfkino und Krimilaune in Konstanz am Bodensee und Miami am Atlantik.

Ines Fox hat den bildschönen Bodensee satt und muss mal raus. Als ihr Urlaubsbeginn mit einem Doppelmord zusammentrifft, schmeißt sie ihre Pläne über den Haufen. Dringender wird: Warum bringt jemand amerikanische Flitterwöchner in einer Fahrradrikscha auf der Konstanzer Promenade um?

Die Heldin mit Hund hat Blut geleckt und fliegt kurz entschlossen nach Miami, um dort zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia nur, um festzustellen, dass das gefährlich ist. Und nicht nur für sie. Ist es das wert? Und wie kommt man aus so einem Schlamassel wieder heraus?

Ines Fox‘ dritter Fall, locker mit Freude am Wortwitz erzählt. Ein humorvoller Krimi, der sich nicht immer wie einer anfühlt.

Version 1b

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Ein humorvoller Krimi. Kopfkino und gute Laune in Konstanz am Bodensee und Miami am Atlantik.

Die eigensinnige Ines Fox, der die Bodenseedecke auf den Kopf fällt. Ihr norddeutscher Freund Dr. Frieder, der lieber heute als morgen in der Rechtsmedizin Mordfälle lösen will. Und amerikanische Flitterwöchner, die aussehen wie Barbie und Ken und tot in einer Konstanzer Fahrradrikscha sitzen. Beste Zutaten für einen Sommeranfang à la Ines Fox.

Ines fliegt kurz entschlossen nach Miami, um zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia und bringt überraschend ans Licht, dass das gefährlich ist. Und nicht nur für sie. Ist es das wert? Wie kommt man da wieder heraus?

Der dritte Fall der Ines Fox, locker mit Freude am Wortwitz erzählt. Ein humorvoller Roman, der sich nicht immer wie ein Krimi anfühlt.

Version 1c

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Amerikanische Flitterwöchner, die aussehen wie Barbie und Ken und tot in einer Konstanzer Fahrradrikscha sitzen. Die pathologisch neugierige Ines Fox, der die Bodenseedecke auf den Kopf fällt. Und ihr norddeutscher Freund Dr. Frieder, der lieber heute als morgen in der Rechtsmedizin Mordfälle lösen will. Beste Zutaten für einen rasanten Sommeranfang à la Ines Fox.

Ines fliegt kurz entschlossen nach Miami, um zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia und bringt überraschend ans Licht, dass das gefährlich ist. Und nicht nur für sie. Ist es das wert? Wie kommt man da wieder heraus, aus dem Schlamassel und dem Land?

Ines Fox‘ dritter Fall, locker mit Freude am Wortwitz erzählt. Ein humorvoller Roman, der sich nicht immer wie ein Krimi anfühlt. Kopfkino und gute Laune in Konstanz am Bodensee und Miami am Atlantik.

Lektorat

Alle drei Fassungen stellen dar, worum es in dem Buch geht. Zwei Flitterwöcher, die aussehen wie Barbie und Ken sitzen tot auf der Bodenseepromenade in einer Fahrradrikscha. Und mit dem Urlaub von Inex Fox ist es Essig, stattdessen ermittelt sie in Miami bei der Mafia und das kann sehr ungesund sein.

Das sollte immer der erste Schritt beim Entwurf eines Klappentextes sein: Festlegen, worum es geht.

Atmosphäre

Kommt die Atmosphäre des Buches in den verschiedenen Fassungen herüber?

Nur bedingt. Zwar sagen die Texte, dass es ein humorvoller Krimi mit Wortwitz ist, aber das wird behauptet. Im Text selbst spielt Wortwitz kaum eine Rolle.

Ines fliegt kurz entschlossen nach Miami, um zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia nur, um festzustellen, dass das gefährlich ist. Und nicht nur für sie. Ist es das wert? Und wie kommt man aus so einem Schlamassel wieder heraus?

Das könnte man mit mehr Witz und Understatement formulieren:

Ines fliegt kurz entschlossen nach Miami, um zu ermitteln. Doch die Mafia ist über den Besuch aus Deutschland gar nicht begeistert.

Damit hätten wir die Gefahr nicht benannt – aber jeder Leser assoziiert aus dem Satz: Oh, das wird gefährlich werden.

Die dreier Regel

Was haben Fassung 1b und1 c gemeinsam?

Es werden drei Personen vorgestellt. Ein bewährtes Muster bei Klappentexten: Stelle in jeweils einem kurzem Satz drei Personen mit ihrem jeweiligen Problem vor.

Hier funktioniert das nicht so richtig. Warum?

Die Dreier Regel ist eine gute Möglichkeit, Spannung im Thriller zu erzeugen. Hier haben wir aber einen witziger Krimi. Und die drei Personen sind nicht so eindrücklich, dass sie den Leser packen.

Dr. Frieder, der lieber heute als morgen in der Rechtsmedizin Mordfälle lösen will«, stellt zwar Frieder vor, aber in der Rechtsmedizin Leichen aufzuschneiden, klingt nicht sehr gefährlich oder gar existenziell für den Doktor.

Der Anfang

Die drei Fassungen haben alle den gleichen Anfang.

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Ein ungewöhnlicher Einstieg, nicht das Übliche. Das spricht für ihn. Aber auf was bezieht er sich? Er ist allgemein und das ist der Nachteil. Mich reißt dieser Satz nicht vom Hocker.

Der Schluss

Ganz wichtig ist natürlich die Erwähnung, dass es der dritte Fall einer bereits bekannten Detektivin ist. Der Stil des Klappentexts und des Covers sollten sich an dem der vorherigen Folgen orientieren.

Am Schluss findet sich auch die Zusammenfassung, was für eine Art von Krimi es ist, auch das ist wichtig.

Keywords

Keywords, auch Buzzwords genannt, sind in Klappentexten wichtig. »Mord« verweist auf Krimi, Liebe auf Liebesroman, Leidenschaft kündigt Erotik an. Diese Keywords sind besonders wichtig für Bücher, die hauptsächlich bei Amazon verkauft werden. Denn der Amazon Algorithmus entscheidet nach solchen Keywords, was er wo vorstellt.

In unserem Fall sind das »Wortwitz«, »humorvoll«, »Kopfkino«, »gute Laune«.

Wenn Sie solche Keywords verwenden, müssen Sie aber auch darauf achten, dass der Inhalt des Klappentextes diesen Keywords entspricht. In unserem Fall: Der Klappentext sollte Witz und gute Laune versprühen.

Die endgültige Fassung des Klappentextes

„Logik wird überschätzt.“ – „Bauchgefühl auch.“

Kopfkino und gute Laune in Konstanz und Miami.

Ines Fox hat den Bodensee satt und freut sich auf den ersten Urlaub mit ihrem Dr. Frieder. Kurz vor der Abfahrt wirft ein skurriler Doppelmord ihre Pläne über den Haufen: Amerikanische Flitterwöchner, die aussehen wie Barbie und Ken, sitzen tot in einer Fahrradrikscha auf der Konstanzer Promenade. Natürlich kann Ines ihre Finger nicht von dem Fall lassen. Kurz entschlossen fliegt sie allein nach Miami, um zu ermitteln. Sie geht auf Tuchfühlung mit der Mafia und muss erkennen, wie gefährlich das ist. Wie kommt sie aus dem Schlamassel nur wieder heraus?

Der dritte Fall der eigenwilligen Hobby-Detektivin, locker und mit Wortwitz erzählt.

Ein humorvoller Krimi, der sich nicht immer wie ein Krimi anfühlt.

Die ideale Urlaubslektüre.

Lektorat

Das ist die endgültige Fassung, für die sich die Autorin entschieden hat. Ein Klappentext, der Roman klar und verständlich darstellt. Der Leser weiß, auf was er sich einlässt. Wie oben schon geschrieben, würde ich im Text selbst etwas mehr Wortwitz aufblitzen lassen, um die Atmosphäre des Romans erleben zu lassen. Und bei den drei Schlussätzen wiederholt der zweite, was vorher bereits gesagt wurde, den könnte man streichen.

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Klappentextlektorat Mai 2018

Klappentextlektorat April 2018

Ein Duke auf Reisen

(c) Maggie Fenton, AmazonCrossing

Der Duke of Montfort ist ein mächtiger Mann. Er hat sein Leben im Griff [mehr lesen]

Ich wurde darauf hingeweisen, dass Amazon es unter Umständen nicht gerne sieht, dass der Klappentext hier abgedruckt wird. Deshalb hier der Link zum Weiterlesen des besprochenen Klappentextes.

Lektorat

Dieses Buch wurde mit diesem Klappentext bei Amazon Crossing veröffentlicht. Das merkt man, der Text ist professionell aufgebaut.

Anfang

Der erste Abschnitt führt die Hauptperson ein und deren Alltag. »Der Duke von Montfort ist ein mächtiger Mann«, das weckt ein Bild, wir vermuten einen englischen Adligen des neunzehnten Jahrhunderts. Das sagt uns auch schon das Cover.

»Er hat sein Leben im Griff und seine Ländereien unter Kontrolle.« Aha, ein Alphamann, der nach der Devise lebt: »Alles hört auf mein Kommando.« Das steht so nicht da, aber der Satz weckt dieses Bild.

Etwas langweilig, wenn es so weiter ginge. Doch dann wechselt der Text zum Konflikt, der im nächsten Halbsatz zur Sprache kommt. Es gibt etwas, das offenbar nicht auf sein Kommando hört. Die Brauerei im Norden.

Zweiter Absatz

Also beginnt die Geschichte damit, dass er nach Norden reist, damit auch dort alles auf sein Kommando hört. Würde ihm das gelingen, wäre die Geschichte sofort zu Ende. Doch dort trifft er den Bösewicht. Der in dem Fall weder männlich noch böse ist. Aber sie hat alles, was ein Gegenspieler haben muss. Sprich: Sie wird sich den Wünschen des Duke nicht fügen, sondern im Gegenteil ihr Ziel verfolgen, dass alles auf IHR Kommando hört. Perfekter Konflikt.

Dritter Absatz

Der dritte Absatz verschärft den Konflikt. Beide haben nicht nur das Ziel, den anderen loszuwerden und die eigene Führungsrolle zu behalten; gleichzeitig gibt es diese gegenseitige Anziehungskraft.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, das ist ein beliebtes Thema in Liebesromanen. Nicht nur dort, auch in unserer Wirklichkeit kommt es öfter vor, habe ich mir sagen lassen. Dieses Thema hat seit dem neunzehnten Jahrhundert unzählige Romane hervorgebracht und fesselt immer noch vor allem die weibliche Leserschaft. Kein Wunder, denn es berührt die Frage der Gleichberechtigung und ob sich Frauen den Männern unterordnen sollen.

Schlusssatz

»Der Duke kann sich nicht entscheiden, ob er Astrid erwürgen oder doch lieber verführen will …«, das ist der Schlusssatz, der den Konflikt auf den Punkt bringt.

Natürlich wissen wir, wie es ausgehen wird. Die beiden werden sich zusammenraufen und heiraten. Allerdings werden sie bis dahin noch viele Gefechte miteinander ausfechten, die den Duke einigen Schweiß kosten und dem Leser vergnügliche Momente bringen werden.

Atmosphäre

Welche Atmosphäre verspricht uns das Buch? Witz und Liebe. Eine Frau und ein Mann, die sich verändern müssen, um zueinander zu finden.

Wilde Leidenschaften, ungezügelter Sex? Eher nicht. Der Duke muss überhaupt erst einmal zugeben, dass er ausgerechnet von einer Frau angezogen wird, die so gar nicht seinem Ideal entspricht und die auch nicht auf sein Kommando hört. Vermutlich gilt das auch umgekehrt. Wenn sie vor dem Traualtar landen, haben sie zur Freude der Leserschaft einen mühseligen Weg zurückgelegt. Und die Geschichte ist aus. Zunächst zumindest.

In solchen Romanen erwartet man keine leidenschaftlichen Bettszenen. Im Gegenteil, wenn der Klappentext so etwas andeutet, dann floppt das Buch, und Sexszenen im Text werden mit schlechten Rezensionen abgestraft.

Meiner Meinung nach durchaus verständlich. Denn, wie gesagt, bis beide sich Leidenschaften eingestehen, müssen sie erst einmal lernen, dass so etwas mit Menschen möglich ist, die so gar nicht den eigenen Wünschen entsprechen.

Titel

Der Titel wäre für ein einzelnes Buch mit obigem Thema weniger geeignet. Doch es ist eine Reihe, und in Reihen ist es wichtig, dass der Titel sich in die Reihe einordnet.

Aus: tempest, April 2018

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Klappentext, Pitch und anderes Getier

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Klappentextlektorat April 2018

Handwerk Selfpublishing Leipzig 2018

Auf der Buchmesse Leipzig wird es 2018 wieder eine Veranstaltungsreihe des Selfpublisherverbandes e.V. und des Verbandes der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) geben.

Thema: Handwerk Selfpublishing,
jeden Tag um 16:00-16:30, Leseinsel Halle 5, Stand D 302

Donnerstag 15.3., 16 Uhr,
Handwerk Selfpublishing 01: Was dem Lektorat auffällt
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektor Florian Tietgen

Freitag, 16.3., 16 Uhr
Handwerk Selfpublishing 02: Show, don’t tell – das Kino im Kopf
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektorin Isabell Schmitt-Egner

Samstag, 17.3., 16 Uhr
Handwerk Selfpublishing 03: Der Pitch – ein Satz als Lockvogel
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektorin Andrea Weil

Sonntag, 18.3., 16 Uhr
Handwerk Selfpublishing 04: Was Autoren über den Klappentext wissen müssen
Gespräch mit Hans Peter Roentgen und Lektorin Susanne Zeyse

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Handwerk Selfpublishing Leipzig 2018

Es ist gar nicht so leicht, einen Klappentext zu verfassen

Interview mit Madeleine Puljic, Gewinnerin des Deutschen Selfpublishing-Preises

Obwohl Madeleine Puljic bereits als Kind mit dem Schreiben begonnen hat, hat das Hobby lange Jahre brachgelegen. Erst durch diverse Kurzgeschichten-Wettbewerbe wurde die Neigung zum Schreiben erneut geweckt.

Seit 2013 veröffentlicht sie ihre Bücher als Selfpublisher und schreibt außerdem für Perry Rhodan NEO sowie für John Sinclair und Maddrax.

Und im Herbst 2017 gewann sie den ersten Deutschen Selfpublishing-Preis für ihr Werk »Noras Welten«.

 

Hans Peter Roentgen: Was sollte deiner Meinung nach ein Klappentext leisten?

Madeleine Puljic: Ein Klappentext sollte einen Eindruck von dem vermitteln, was das Buch zu bieten hat, sowohl inhaltlich als auch, was die Stimmung beziehungsweise den Sprachstil angeht. Vor allem sollte er aber neugierig machen, mir also einen Grund liefern, weshalb ich dieses Buch und kein anderes lesen sollte.

 

HPR: Du hast zahlreiche Bücher veröffentlicht. Wie sind die Klappentexte dazu entstanden? Hast du sie selbst entworfen, hast du andere beauftragt, oder wurden sie vom Verlag geschrieben?

MP: Bei den Heftromanen übernimmt das zum Glück der Verlag. Für meine eigenen Bücher habe ich die Klappentexte selbst verfasst, oft mit viel Schweiß und Tränen. Es ist gar nicht so leicht, einen Text zu verfassen, der spannend klingt, die wichtigsten Themen des Buches aufgreift, aber keine Überraschungen verdirbt. »Unerklärliche Dinge geschehen« ist mir beispielsweise zu unspezifisch, da muss es schon ein bisschen genauer werden.

Ich versuche deshalb meist, dem eigentlichen Thema des Buches auf den Grund zu gehen. Entweder, indem ich das Thema möglichst treffend in einem Satz ausdrücke, dann in drei und so weiter, bis ich einen Text habe – oder ich schreibe einen langen Text und streiche so lange weg, bis nur noch die »coolen« Sachen übrig bleiben.

 

HPR: Was muss deiner Meinung nach ein Klappentext auf jeden Fall enthalten? Welche Informationen gehören hinein, welche nicht?

MP: Ich wüsste jetzt nichts zu benennen, was unbedingt in einen Klappentext hinein muss. Bei Sachbüchern natürlich das Thema, auch die Qualifikation des Autors wäre spannend und welchen Ansatz das Buch verfolgt, auch verglichen mit anderen Werken zum selben Thema.

Bei einem Roman wird das schon schwieriger: Zumindest den Hauptcharakter möchte ich vorgestellt bekommen und das Problem, das die Geschichte behandelt, damit ich weiß, worauf ich mich einlasse. Worum geht es, und warum soll mich das interessieren? Wie viele lustige Nebencharaktere es dann noch gibt, interessiert mich erst mal nicht.

Auch Pressestimmen und Blurps sind nur interessant, sofern sie einen Mehrwert bringen. »Das ist ein tolles Buch«, kann ich glauben oder auch nicht, interessant wird es dadurch auf jeden Fall nicht.

 

HPR: Wie viel vom Buch darf ein Klappentext verraten?

MP: Schwierig. Pi mal Daumen würde ich sagen: Was im ersten Drittel des Buches steht, darf in den Klappentext, beziehungsweise alles bis zum ersten »Plotpoint«: dem Punkt, an dem das Ziel der Handlung klar wird und der spannende Teil dahinter beginnt.

Ein klares No-Go ist für mich das Verraten von handlungsrelevanten Details, die sich erst ab der zweiten Hälfte des Romans abspielen. Das kenne ich leider immer wieder vor allem von Krimis und Thrillern – also gerade bei den Genres, wo es dem Leser den meisten Lesespaß verderben kann.

 

HPR: Wie lang sollte ein Klappentext sein?

MP: Bei mir bestehen Klappentexte in der Regel aus zwei Absätzen und einem kleinen Teaser darüber, damit lande ich meistens bei rund 500 Anschlägen inklusive Leerzeichen. Darin kann man alles Wichtige verpacken, es füllt den Buchrücken zur Hälfte aus, so dass noch Platz für alles andere bleibt, und fordert nicht zu viel Aufmerksamkeit.

Wenn der Klappentext zu lange oder der Anfang nicht spannend ist, wird der potentielle Leser schnell abbrechen. Ist der Text zu kurz, bekommt der Leser keinen richtigen Einblick und damit meist auch keinen Kaufanreiz geboten.

 

HPR: Wenn im Klappentext eine Vita der Autorin, des Autors steht, was gehört da hinein? Und was auf keinen Fall?

MP: Ich würde sagen, dasselbe, was man auch an anderer Stelle in eine Kurzvita des Autors schreiben würde. Interessant finde ich immer Alter und Herkunft, weil es mich den Autor schon vorab einschätzen lässt und eine menschliche Nähe herstellt. Gerne auch den beruflichen Werdegang. Dann natürlich Auszeichnungen und, falls vorhanden, die fachliche Kompetenz in dem Thema, das in dem Buch behandelt wird.

 

HPR: Autorenfoto auf den Klappentext, ja oder nein?

MP: Ich persönlich sehe mir die Fotos sehr gerne an. Auch hier schafft es einen Bezug zum Autor, er wird einfach greifbarer und dadurch glaubhafter. Das Foto und die Vita bevorzuge ich allerdings eher im Buch oder in den eingeklappten Teilen des Umschlags, wenn vorhanden – und nicht auf der Buchrückseite.

 

HPR: Manche Klappentexte enthalten Zitate aus dem Buch. Was hältst du davon?

MP: Falls sie passend gewählt sind und nicht zu viel verraten, lese ich sie sehr gerne. Gerade wenn der Klappentext nicht vom Autor selbst verfasst wurde, finde ich das eine gute Methode, um ein Gefühl vom »Ton« des Buchs zu geben.

 

HPR: Der erste Satz sei entscheidend, ob ein Leser weiterliest, heißt es oft. Stimmt das? Falls ja, wie sollte der erste Satz eines Klappentextes aufgebaut sein, was sollte er enthalten?

MP: Stimmt. Ich verwende dafür gern eine Kombination aus etwas Genretypischem mit einem Hä?-Effekt – nämlich genau jener Sache, die den Leser fesseln soll, sei es ein Charakter, das Setting oder einfach die Umstände, unter denen die Handlung stattfindet. Das sichert einem die Aufmerksamkeit der Leser, so dass auch der Rest des Klappentextes – und dann auch das Buch – gelesen wird.

 

HPR: Wenn du Klappentext und Pitch vergleichst, was ist der Unterschied? Oder sollte der Klappentext ein Pitch sein?

MP: Der Pitch ist meistens kürzer als der Klappentext und kann durchaus das Ende des Buches verraten. Immerhin soll der Pitch das Buch nicht einem Leser Lust aufs Lesen machen, sondern einem Verlag oder einer Agentur zeigen, was das Besondere an dem Buch ist. Das kann natürlich durchaus im Ende liegen.

Ich würde also sagen: Der Klappentext verkauft die Geschichte, der Pitch die Idee, die dahintersteckt.

 

HPR: Gibt es einen Klappentext, der dich besonders begeistert hat, der dazu führte, dass du ein Buch gelesen hast, das du sonst nicht gelesen hättest?

MP: Spontan fällt mir dazu »Eene Meene – Einer lebt, einer stirbt« von M. J. Arlidge ein. Der Klappentext ist ebenso zwiespältig wie die Situation, in die der Leser sich versetzen soll. Mit wenigen Sätzen wird eine derartige Spannung aufgebaut, dass man gar nicht anders kann, als gleich weiterzulesen. Ich mag moralische Dilemmas.

 

HPR: Früher haben sich Bücher nur im stationären Buchhandel als Print verkauft. Heute gibt es Online-Buchhändler und E-Books. Haben sich dadurch die Anforderungen an Klappentexte verändert?

MP: Bisher habe ich keine Unterschiede in der Erstellung der Klappentexte festgestellt, außer natürlich, dass die Konkurrenz über den Onlinehandel deutlich größer ist. Im Buchladen liegt nur eine begrenzte Auswahl auf dem Tisch, während sich ein Buch im Onlinehandel von allen Produkten abheben muss, auch von Büchern, die nicht mehr im Laden aufliegen oder nur online erhältlich sind.

Da ist es umso wichtiger, den Klappentext ansprechend zu formulieren und (bei Print-Büchern) auch zu gestalten. Die Lesbarkeit muss nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch gegeben sein, immerhin wird auch meistens ein Bild der Buchrückseite abgebildet.

Die größere Konkurrenz gibt einem aber auch die Gelegenheit, ein breites Spektrum zu vergleichen und zu sehen, welche Art von Klappentexten im jeweiligen Genre gut ankommt – und welche Floskeln man besser vermeiden sollte, weil sie bereits hundertfach existieren.

 

HPR: Vielen Dank für das Interview.

 

Madeleine Puljics Homepage findet sich hier.

Das Interview ist ein Vorabdruck aus meinem neuen Buch „Klappentext, Pitch und anderes Getier“ und erschien erstmalig in der November Ausgabe des Autorennewsletter tempest.

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Es ist gar nicht so leicht, einen Klappentext zu verfassen

Drachenzeichen – zwei Klappentexte

               Eins

Lange weiß Lucius nicht, was ihm von den Göttern schon in die Wiege gelegt wurde: Er ist ausersehen, eine uralte Prophezeiung zu erfüllen und die Welt neu zu ordnen. Diesem Schicksal kann er sich nicht entziehen.

Lucius Kindheit in einer mittelalterlichen Stadt endet schlagartig, als nach dem Kampf gegen den bösartigen Greif plötzlich das Zeichen der schwarzen Brüder, ein dunkler Drache, auf seinem Oberarm erscheint. Für die Menschen seiner Heimat ist dies der Beweis, dass nun die gefürchteten alten Prophezeiungen der großen Veränderungen eintreten werden. Voller Hass und Angst jagen sie den Jungen, um das Unheil einer neu geordneten Welt noch abzuwenden. Doch zusammen mit dem Drachenzeichen hat Lucius auch Hilfe aus den magischen Welten erhalten. Sein wichtigster Gefährte wird Salman, der schwarzgoldene Drache, der in seiner Hand geschlüpft ist und schnell wächst. Mit ihm übersteht Lucius die Prüfungen im Schattenreich der Verstoßenen, trifft Gottheiten und Zauberer und kann schließlich zurückkehren in die Menschenwelt. Dort soll er den Auftrag der Göttin Kaala ausführen. Weil Lucius aber die Moralvorstellungen aus seiner Kindheit nicht völlig vergessen hat, gerät er in schwere Gewissenskonflikte.

Zwei

In der mittelalterlichen Stadt, in der Lucius behütet aufwächst, fürchten sich die Menschen vor einer Prophezeiung aus den uralten Zeiten der Drachen, denn große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt. Als plötzlich das aus vielen Legenden berüchtigte Zeichen der schwarzen Drachen auf Lucius‘ Arm erscheint, wird er zum Gejagten in seiner Stadt. Schwer verletzt findet er mit seinem frisch geschlüpften Drachengefährten Salman Aufnahme im Schattenreich der Verstoßenen. Hier begegnen ihm Magier, Göttinnen und Hexen, von denen er all das lernt und erhält, was er nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt braucht, um die Prophezeiung zu erfüllen. Doch all seine magischen Fähigkeiten und Waffen nützen Lucius wenig, solange sein Gewissen ihn daran hindert, die geforderten Grausamkeiten zu begehen.

Sein Drache Salman bleibt für Lucius der stets zuverlässige Gefährte bei allen Kämpfen und magischen Begegnungen auf den Reisen durch fantastische Welten.

Lektorat

Was interessiert Sie in dem obigen Klappentext? Welcher Satz ist der stärkste? Ich finde ,dieser: »Voller Hass und Angst jagen sie den Jungen, um das Unheil einer neu geordneten Welt noch abzuwenden.« Ein Junge wird vogelfrei, weil das Drachenzeichen auf seinem Arm erscheint. Das erinnert an Hexenverfolgung, an Außenseiter, weckt Ängste.

Und warum wird er vogelfrei? »Große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt.« Das ist ein wenig allgemein. Klingt belanglos. So wie der Satz: »Mit Hexen verbinden die Menschen große Umstürze und Kriege.« Besser: »Hexen sind mit dem Teufel im Bunde, sie können Naturkatastrophen herbeizaubern, die Ernte vernichten und den Menschen Krankheiten anzaubern.« Das wäre die konkretere Aussage.

Was also kann jemand mit dem Drachenzeichen anstellen? Was für Ängste ruft es hervor? Dass Lucius mit Drachenzauber die Drachen herbeirufen kann, die Menschen fressen, die Ernte verbrennen und die kein Heer besiegen kann? Das wäre eine Möglichkeit.

Und was geschieht mit denen, die ein Drachenzeichen haben? Lucius wird »schwer verwundet«. Auch das sollte man konkreter benennen. »Die Schergen des Drachentöter-Ordens jagen ihn, um ihn auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Doch schwer verletzt kann er ihnen entkommen.«

Prophezeiungen

Das Drachenzeichen ist eine Prophezeiung. »Er ist ausersehen, eine uralte Prophezeiung zu erfüllen und die Welt neu zu ordnen. Diesem Schicksal kann er sich nicht entziehen.« Denn: »Große Umstürze und Kriege wurden damit vorausgesagt.«

Eine Prophezeiung, die unabwendbar ist. Die uns sagt, was passieren wird. Ein Schicksal, dem keiner entkommen kann.

Schade. Denn dann ist ja alles schon vorherbestimmt. Wir müssen das Buch nicht lesen.

Immer wieder begegne ich solchen Prophezeiungen, Vorausdeutungen, die den Helden und dem Autor das Leben leichter machen. Alles ist klar und vorherbestimmt. Im Theater nennt man so was „Deus ex machina“. Der Gott, der aus dem Theaterhimmel auf die Bühne herabgelassen wird und alles in Ordnung bringt, was der Autor nicht hatte vollbringen können.

Greifen Sie nie zu solchen Hilfsmitteln. Sie erleichtern das Autorenleben, ganz gewiss, aber sie töten die Spannung.

Also gar keine Prophezeiungen oder Vorausdeutungen? Zweite Frage: Kennen Sie Shakespeare? In Macbeth gibt es eine berühmte Prophezeiung. Drei Hexen sagen Macbeth voraus, dass er König wird und nur gestürzt werden kann, wenn der Wald anfängt zu laufen und ein Mann kommt, der von keiner Mutter geboren wird.

Macbeth ist happy. Sein Königtum ist sicher. Glaubt er. Er bringt den regierenden König um, setzt sich die Krone auf, und niemand kann sie ihm nehmen.

Leider hat er etwas übersehen. Die Prophezeiung war nicht so eindeutig, wie er dachte. Der Wald fängt an zu laufen und ein Mann führt seine Feinde, der nicht geboren, sondern aus dem Mutterleib geschnitten wurde. So kann man sich irren.

Prophezeiungen sind wirksame Mittel in Geschichten. Aber nur, wenn sie doppeldeutig sind. Wenn sie den Helden (und die Leser) in Sicherheit wiegen, in Wirklichkeit aber keine Garantie bieten. (Das gilt auch für Vorausdeutungen.) Sie scheinen etwas zu sagen, aber alles kommt anders. So wie der kriegerische König Krösus, dem vor einem Kriegszug geweissagt wurde: Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.« Frohgemut zog er in den Krieg gegen das große Perserreich. Und übersah, dass das große Reich, das er zerstörte, sein eigenes war.

Konflikt, Konflikt, Konflikt

Lucius flieht dann zu ins Schattenreich. »Hier begegnen ihm Magier, Göttinnen und Hexen, von denen er all das lernt und erhält, was er nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt braucht, um die Prophezeiung zu erfüllen.«

Schön für Lucius, das klingt ja nach einer tollen Zeit ohne Probleme. Die Magier, Göttinnen und Hexen bringen ihm alles bei, und die Prophezeiung sagt ihm, was er zu tun hat. Viel nachdenken muss er nicht. Konflikte sind auch keine in Sicht.

Konflikte und offene Fragen sind aber das, was Leser verlocken, eine Geschichte zu lesen. Und davon findet sich hier nichts. Obendrein ist »alles, was er braucht« sehr allgemein. Was lernt er denn dort? Zaubern? Schwertkämpfen? Regieren?

Konkret ist der Drache, der in seiner Hand schlüpft. Hat ihn dieser Drache aus der Hand seiner Verfolger befreit? Was hat es damit auf sich? Das könnte zum Lesen verlocken.

Gewissenskonflikte

Einen Konflikt gibt es am Ende: »Doch all seine magischen Fähigkeiten und Waffen nützen Lucius wenig, solange sein Gewissen ihn daran hindert, die geforderten Grausamkeiten zu begehen.« — Gewissenskonflikte bieten Spannung.

Aber auch hier: Um welche Gewissenskonflikte handelt es sich? Soll er seinen Drachen opfern, um die Welt zu retten? Die Frau verlassen, die er liebt, um seine Heimatstadt vor einem Krieg zu bewahren? Auch hier wären konkretere Angaben wichtig.

Worum geht es in der Geschichte? Um Gewissenskonflikte geht es in unzähligen Geschichten. Stellen Sie Ihr Alleinstellungsmerkmal heraus. Zeigen Sie den Gewissenskonflikt, behaupten Sie ihn nicht nur.

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