Das Buch muss das Werk des Autors und der Autorin bleiben

Cordula Natusch ist Diplom-Germanistin, gelernte Bankkauffrau und Lektorin für Finanzen und Wirtschaft. Außerdem berät sie Experten und Expertinnen, die ein Buch schreiben und den Weg zum Businessautor und –autorin erfolgreich beschreiten wollen.

http://www.expertenbuch-schreiben.de/

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

Cordula Natusch: Für Experten und Expertinnen, die ein Buch für ihr Business schreiben wollen, bearbeite ich Ratgeber, Sachbücher, Arbeitshefte usw. Wenn ich für Unternehmen lektoriere, landen vor allem Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte, Fachzeitschriften, Fachartikel und Ähnliches auf meinem Schreibtisch.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines solchen Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

CN: Ich gehe jetzt mal davon aus, dass du ein Businessautor bist und dein Expertenbuch lektorieren lassen willst. Am Anfang steht immer ein Gespräch. Darin klären wir erst einmal, ob ich überhaupt die richtige Lektorin für dich bin. Es gibt viele Themen, die ich nicht qualifiziert bearbeiten kann, etwa wenn es um Esoterik geht. Da bin ich draußen, weil mir der Zugang fehlt! So denke ich einfach nicht – und dann kann ich einen solchen Text auch nicht lektorieren.

Wenn es grundsätzlich passt, mache ich ein kostenloses Probelektorat. Dafür lasse ich mir von dir das Manuskript schicken und wähle daraus ein paar Seite aus, die ich nach deinen Vorgaben bearbeite. So kannst du als Autor erkennen, wie ich arbeite und ob meine Herangehensweise an den Text für dich passt. Außerdem verschaffe ich mir auf diesem Weg einen ersten Überblick über Aufbau, Gliederung und Überarbeitungsbedarf des Texts. Erst dann erstelle ich ein individuelles Angebot und wir besprechen einen möglichen Zeitplan.

Im Lektorat selbst arbeite ich mit zwei Durchläufen und immer im Änderungen-verfolgen-Modus, damit der Autor und die Autorin auch sehen, was ich gemacht habe. Im Erstlektorat wird es zunächst einmal grundsätzlich. Ich beschäftige mit viel mit der Struktur und der Kernaussage im Text, kontrolliere die Gliederung und kümmere mich um den roten Faden im Buch. Außerdem steige ich tief in den Text ein. Ich streiche die Textteile, die meiner Meinung nach redundant sind, spüre inhaltliche Sprünge und Widersprüche auf, stelle Teile um, suche Formulierungen, die besser zur Zielgruppe und zur angestrebten Aussage passen, arbeite am Stil etc. Das ist eine sehr intensive Überarbeitung, bei der oft kein Stein auf dem anderen bleibt. Häufig halte ich zwischendurch Rücksprache mit dem Autor oder der Autorin, wenn mir einzelne Passagen unklar sind. Diese Überarbeitung aus dem Erstlektorat schicke ich dann zurück. Mein Kunde oder meine Kundin geht dann durch alle meine Vorschläge – als Lektorin mache ich nur Vorschläge – durch, nimmt sie an oder lehnt sie ab, füllt inhaltliche Lücken und beantwortet meine Fragen.

Danach bekomme ich wieder den Text zum Zweitlektorat. Das ist dann die Feinarbeit. Ich kontrolliere, was der Autor oder die Autorin ergänzt hat, was angenommen oder abgelehnt wurde und welche Auswirkungen das jeweils auf den Gesamttext hat. Außerdem gehe ich noch einmal komplett durch das Manuskript durch und behebe alle Mängel, die nach dem Erstlektorat noch stehen geblieben sind.

Im Erstlektorat geht es viel um Struktur und um Grundsätzliches, im Zweitlektorat findet überwiegend die Feinarbeit an Stil und Sprache statt. Ich sage immer, im Erstlektorat kommt die Axt zum Einsatz, im Zweitlektorat die Feile.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

CN: Ich bearbeite auch Exposés, erstelle Manuskriptgutachten etc. Wobei die Übergänge zur Beratung fließend sind. Ein Exposé sollte immer auf den jeweiligen Verlag zugeschnitten sein, daher geht es oft auch um Fragen der Verlagssuche. Oder ich stelle fest, dass das ganze Buch, die ganze Idee noch nicht rund sind – dann ist Konzeptarbeit angesagt. Ähnlich ist es beim Manuskriptgutachten. Das mündet oft in ein Autorencoaching auf Basis des Gutachtens. Denn Letzteres zeigt erst einmal nur, *was* der Autor oder die Autorin tun sollte, um den Text besser zu machen. Das *Wie* ist damit aber noch nicht beantwortet und bereitet oft die größeren Probleme.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe einer Lektorin, eines Lektors?

CN: Zu erkennen, was der Autor oder die Autorin mit den Büchern erreichen will, und ihn oder sie dabei zu unterstützen, dieses Ziel zu erreichen. Außerdem ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht um mich geht. Als Lektorin muss ich in der Lage sein, mich selbst zurückzunehmen. Den Text effektiv zu verbessern, ohne die Stimme des Autors oder der Autorin zu verfälschen – das ist die Herausforderung bei unserer Arbeit.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

CN: Häufig hapert es an der Struktur. Fast immer komme ich in einem Manuskript an einen Punkt, an dem ich nicht mehr verstehe, worum es eigentlich geht. An dem logische Sprünge vorkommen und der Inhalt lückenhaft ist. Hier muss dann der Autor oder die Autorin noch einmal ran und die Übergänge glätten, Stoff nachliefern, Erklärungen einfügen usw. Auch das Gegenteil begegnet mir immer wieder: inhaltliche Wiederholungen. Dann steht in manchen Textteilen mehr oder weniger dasselbe drin wie im Abschnitt davor, nur mit anderen Worten. Da streiche ich dann beherzt.

Oft verlieren die Autorinnen und Autoren beim Schreiben ihre Zielgruppe aus den Augen. Sie setzen zu viel Wissen voraus oder langweilen ihre Leser und Leserinnen, indem sie Bekanntes langatmig erklären. Ich muss mich also immer in den Leser und die Leserin hineinversetzen, um hier eingreifen zu können.

Und schließlich habe ich es viel mit den typischen stilistischen Mängeln in Sachtexten zu tun: Substantivierungen, Passiv- und Man-Konstruktionen, Bandwurmsätze, Bürokratendeutsch 

HPR: Auf deiner Homepage bietest du auch Konzept und Beratung an. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

CN: Bei Coachs, Trainerinnen, Speakern und Beraterinnen geht es oft darum, mithilfe von Büchern Sichtbarkeit zu schaffen und sich einen Expertenstatus aufzubauen. Meine Aufgabe ist es, sie darin zu unterstützen und mit ihnen die Bücher zu konzipieren, zu schreiben, zu veröffentlichen und zu vermarkten, die zu ihren Zielen und zu den Rahmenbedingungen passen. Der Buchmarkt verändert sich rasant und für Laien sind die verschiedenen Möglichkeiten zu publizieren kaum mehr zu durchschauen. In meinen Vorträgen, Webinaren, Kursen etc., aber auch in der persönlichen Einzelberatung vermittle ich Wissen: Wie arbeiten Verlage? Wie geht Selfpublishing? Welcher Weg bietet welche Vorteile und Nachteile? Wo lauern Fallen? Und wie schreibe und veröffentlichen ich mein Buch und bringe ich es dann den Mann und die Frau? Auf einem amerikanischen Blog habe ich mal den Begriff „authorempowering“ gelesen – das trifft das, was ich erreichen möchte, sehr gut.

HPR: Bietest du auch Coaching an?

CN: Ja.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

CN: Nein, natürlich nicht. Wie schon gesagt, als Lektorin mache ich nur Vorschläge. Ich halte es auch für wichtig, mir meiner Rolle bewusst zu sein: Ich bin Dienstleisterin! Das Buch muss das Werk des Autors und der Autorin bleiben. Schließlich ist es ihr Name, der künftig damit verbunden ist.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

CN: Weit über 90 Prozent. Ich habe auch Kunden und Kundinnen, die in Word auf „Alle Änderungen annehmen“ klicken, weil sie mir vertrauen. Aber wie gesagt, das erwarte ich nicht und mir ist es auch lieber, wenn sich die Autoren und Autorinnen mit dem beschäftigen, was ich gemacht habe. Ich bin ja nicht unfehlbar.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

CN: In der Regel gar nichts. Vielleicht diskutieren wir noch ein bisschen: Ich erkläre, warum ich die Änderung für wichtig halte, der Kunde und die Kundin sagen, warum sie sie nicht annehmen wollen. Dann versuchen wir eventuell, einen Kompromiss zu finden.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konnten? Was passiert dann?

CN: Es ist und bleibt der Text des Kunden und der Kundin, das kann ich akzeptieren! Schlimmstenfalls bestehe ich darauf, aus dem Impressum gestrichen zu werden, wenn bestimmte Änderungen nicht übernommen werden. Das hatte ich allerdings erst einmal: Der Autor wollte einen Abschnitt, den ich inhaltlich für komplett falsch und schädlich für das Buch hielt, nicht ändern. Wenn so etwas stehen bleibt, fällt das auch schnell auf mich als Lektorin zurück. Da muss ich dann meine eigene Reputation schützen.

Dass ich mit meinem Lektorat komplett daneben lag und es aus Kundensicht nicht zu gebrauchen war, hatte ich zum Glück noch nie.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

CN: Ja, ein Text muss schon lektoratsreif sein, damit ich ihn annehme. Das ist aber eher eine inhaltliche als eine sprachliche Hürde. Einen Blubbertext ohne Inhalt (und davon gibt es gerade im Ratgeberbereich leider viel zu viele) mag ich nicht lesen und auch nicht bearbeiten. Aber wenn der Autor, die Autorin wirklich etwas zu sagen hat und es nur an der sprachlichen Ausarbeitung fehlt, findet sich irgendwie ein Weg. Ich habe auch schon mal über 100 Seiten ohne Fließtext, sondern nur mit Auflistungen und Spiegelstrichen bekommen und daraus ist ein schönes Buch geworden. Das ist dann eher ein Ghostwriting und entsprechend aufwendig, zeitintensiv und auch kostspielig, aber möglich ist so etwas auf alle Fälle.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

CN: Ein Lektorat ist kein Korrektorat. Das kann man nicht oft genug betonen. Natürlich bessere ich Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Grammatikfehler aus, wenn sie mir im Text auffallen. Aber mein Fokus ist während des Lektorats ein komplett anderer: Dann stehen Struktur, Leserführung, Logik, Sprache, Stil etc. im Vordergrund. Und oft ist die Arbeit auf diesen Ebenen so intensiv, dass ich ebenso fehlerblind werde wie der Autor und die Autorin selbst. Ich empfehle daher immer ein abschließendes Korrektorat durch einen Profi, der den Text noch nicht kennt.

HPR: Kannst du das an einem Beispiel ausführen?

CN: Gern. Angenommen, ich strukturiere einen Absatz neu: Ich verschiebe Textteile, schreibe neue Übergänge, füge Abschnitte ein, die mir nachgeliefert wurden, lösche redundante Teile usw. Und dann lese ich mir den jetzt neuen Text im Ganzen durch, stelle fest, dass er sprachlich und stilistisch noch nicht rund ist und dass sich aus den Nachlieferungen neue Fragen ergeben. Also überarbeite ihn erneut. Ich löse hier ein Passiv auf und dort eine Substantivierung. Aus einem Bandwurmsatz mache ich zwei oder drei einzelne Sätze. Und ändere ihre Reihenfolge … Dann brauche ich möglicherweise wieder neue Übergänge. Und so weiter und so fort. Bis ein Absatz fertig ist, überarbeite ich ihn teilweise fünf Mal und mehr. Und das im gesamten Manuskript.

Während und nach einer solch intensiven Überarbeitung sehe ich einfach keine Fehler mehr. Das ist aber völlig normal, das wird jeder bestätigen können, der einmal so tief in Texte eingestiegen ist.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

CN: Ich kalkuliere jeden Auftrag individuell, denn das Ausgangsniveau, die Anforderungen und damit der Aufwand sind sehr unterschiedlich.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Sachbuchs 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

CN: Wie erwähnt, das lässt sich nicht sagen. Handelt es sich um ein Sachbuch über Kryptowährungen und ihren Einfluss auf die Weltwirtschaft, das noch aussieht wie Kraut und Rüben? Oder um einen Ratgeber, wie Morgenrituale zu etablieren sein, der schon recht sauber daherkommt? Je mehr Fachwissen, Zeit und Mühe notwendig sind, um das Buch richtig gut zu machen, desto teurer und langwieriger wird es natürlich auch. Bei 300 Seiten (Normseiten, also 1500 Zeichen inkl. Leerzeichen) würde ich als Autor oder Autorin aber mindestens mit 2500 bis 3000 Euro rechnen, wenn ich ein wirklich gutes Lektorat von einem fachlich versierten Profi haben will. Immerhin sitzen wir mehrere Wochen oder gar Monate an einem Text, bevor er veröffentlichungsreif ist.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektorin geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

CN: Ich bin gelernte Bankkauffrau und habe in dem Beruf auch gearbeitet, bevor ich anfing, Literaturwissenschaft, Literaturvermittlung und Philosophie in Bamberg zu studieren. Nach meinem Examen (ich habe einen der seltenen Diplom-Abschlüsse in der Germanistik) landete ich bei verschiedenen Verlagen, etwa dem Carl Hanser Verlag, bei Focus Online und der Gesellschaft für Wirtschaftsinformation. Aber irgendwann war klar, dass ich lieber freiberuflich als festangestellt arbeiten wollte. Und dann ging eigentlich alles ganz schnell.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

CN: Im letzten Jahr habe ich mit Frau Professor Jacqueline Otten von der HAW Hamburg ein Workbook zu „Resign Thinking“, einer Weiterentwicklung des Design-Thinking-Konzepts, gemacht. Das Buch ist bei Tredition erschienen und zeigt wirklich beispielhaft, dass Bücher aus dem Selfpublishing Verlagsbüchern in nichts nachstehen, wenn mit der entsprechenden Sorgfalt und Professionalität gearbeitet wird.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
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Das Buch muss das Werk des Autors und der Autorin bleiben

Ein Interesse an Texten von anderen, den Autor mit seinen Sorgen verstehen

Isabell Schmitt-Egner hat für den Carlsen Verlag, für Piper und andere Verlage lektoriert und die Bücher zahlreicher Selfpublisherinnen und Selfpublisher bearbeitet. Sie hat außerdem eigene Romane verfasst, der letzte war »Waldprinz«.

Hans Peter Roentgen: Welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

Isabell Schmitt-Egner:
Hinweis zu Anfang: Im Folgenden bezeichne ich aus Gründen der Vereinfachung und Lesbarkeit Autorinnen und Autoren beispielhaft als „der Autor“ in der männlichen Form.

Meistens sind es inzwischen Fantasybücher von Verlagsautoren. Im Lektorat verschaffe ich mir zunächst einen Überblick über die Welt, die Charaktere und die Story. Ich lote die Schwächen des Autors aus, die sich in der Regel schon auf den ersten Seiten zeigen. Dann gibt es eine erste Besprechung, immer am Telefon. Wir sprechen dann meine Anmerkungen durch, ich erkläre, was ich meine, was mir aufgefallen ist, und lasse den Autor sagen, ob das Absicht war, ein Denkfehler, ein Versehen usw. Dann mache ich Lösungsvorschläge, bis wir etwas finden, was dem Autor gefällt. Ich weise ihn auf seine Schwächen hin und frage ihn, ob er es selbst beheben will oder wo ich helfen soll. Das bedeutet auch mal, dass ich einige Seiten komplett neu oder umschreibe, falls der Autor sich an dieser Stelle überfordert sieht.

Im zweiten Durchgang ist das Feld bereits etwas bereinigt und übersichtlicher. Nun gehe ich in die Feinheiten, schleife an Formulierungen, mache Vorschläge für bessere Dialoge und bessere Witze etc. Ich suche nach weiteren Logikfehlern, die sich auch durch das Bearbeiten einschleichen können. Es folgt wieder eine Besprechung am Telefon.

Im dritten Durchgang ist das meiste dann erledigt, allerdings kommt es nicht selten vor, dass dann erst, da alles aufgeräumt ist, noch ein großer Logikfehler zutage tritt. Diesen hat vorher niemand bemerkt, weder Autor noch Testleser. Das passiert gar nicht so selten. Um diese Fehler zu finden, lese ich das Buch kapitelweise rückwärts. Man glaubt gar nicht, was sich noch auftun kann …

Reicht die Zeit, machen wir einen vierten Durchgang, feilen an Kleinigkeiten und suchen alle restlichen Schreibfehler, die wir finden können. Für den Verlag formatiere ich dann das Manuskript mit der verlagsinternen Formatvorlage. Danach geben wir ab und hoffen das Beste!

HPR: Welche Eigenschaften sind deiner Meinung besonders wichtig, um Texte zu lektorieren?

ISE: Ein Interesse an Texten von anderen, den Autor mit seinen Sorgen verstehen, das sind zwei sehr wichtige Punkte. Ich höre sehr viele Horrorgeschichten, was im Lektorat alles schiefgeht. Also nicht im Sinne von, man übersieht Fehler, sondern dass der Lektor dem Autor einen schlechten Stil einredet, also den Stil des Autors verschlimmbessert, indem er völlig falsche Hinweise gibt. Lektoren sollten sich fortbilden und sich intensiv mit Schreibtechniken beschäftigt haben. Ich höre immer wieder, dass sich einer ein Autorenprogramm kauft und dann Lektorat anbietet. Unbedarfte Autoren geben ihr Geld aus für jemanden, der ab und zu „show don’t tell“ an den Rand schreibt und den Rest automatisiert unterkringeln lässt und das wars.

Man sollte in der Lage sein, eine Geschichtenatmosphäre zu erfassen und zu spüren, ob sie stimmt. Man muss Geschichten verstehen, man muss Menschen verstehen. Man sollte Ideen haben, wie man eine vollkommen verkorkste Geschichte retten kann. Oder wie man eine Szene, die die Geschichte eigentlich kaputtmacht, später so relativieren kann, dass es eben doch funktioniert. Und vieles, vieles mehr. Über das Thema könnte ich stundenlang reden. Man braucht einfach Erfahrung. Inzwischen braucht mir jemand nur ein bisschen was von seiner Geschichte zu erzählen und ich ahne sofort, wo der Haken ist. Damit liege ich meistens richtig. Das war früher nicht so, das kommt mit der Zeit.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf deines Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

ISE: Das hatte ich oben schon angedeutet. Ich verschaffe mir einen Überblick, stelle die Baustellen fest, es wird besprochen, wie wir das beheben und wer von uns was davon macht. In bis zu vier Durchgängen wird der Roman auf allen Ebenen optimiert, also inhaltlich, stilistisch, Charaktere, Spannungsbögen, Weltenbau, alles. Meistens teilen wir das Manuskript in mehrere Dateien auf, um parallel arbeiten zu können.

Während der Arbeit gebe ich dem Autor Tipps für seine persönlichen Probleme beim Schreiben und ich verrate ihm Tricks und Kniffe für seinen Text.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

ISE: Ich biete nichts mehr aktiv an, muss ich sagen, denn seit ein paar Jahren bin ich immer im Vorfeld ausgebucht für das kommende Jahr. Immer mit ganzen Manuskripten. Deshalb verzichte ich auf eine Homepage, ich müsste sowieso alles absagen, was reinkommt. Trotzdem helfe ich Autoren nebenbei in Einzelfällen mit Klappentexten, Exposés, oder ich mache ihnen ein Schnellgutachten für wenige Manuskriptseiten, welches dann am Telefon besprochen wird. Das hilft Autoren weiter bei Schreibblockaden oder grundsätzlichen Denkfehlern, die man auf den ersten Blick nicht sieht.

HPR: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe eines Lektorats?

ISE: Aus dem Manuskript eine Endversion zu machen, zu dem Autor und Lektor vollumfänglich stehen können.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

ISE: Zum einen hätten wir da die „erklärende“ wörtliche Rede. Der Autor versucht verzweifelt, das Wort „sagte“ zu vermeiden und ersetzt es durch abenteuerliche Konstrukte, an denen erklärende Adjektive und Adverbien hängen wie geschmacklose Christbaumkugeln. Das kommt daher, dass der Autor erstens denkt, „sagte“ ist unkreativ und zweitens befürchtet er, nicht verstanden zu werden, also hängt er erklärende Zusätze dran.

Damit kommen wir zum nächsten Problem: Fehlender Subtext. Der Autor hat sich in Erklärungen verloren und man sucht vergeblich nach Subtext und damit nach Sog, Spannung und Unterhaltung.

Dann würde ich noch Charakterbrüche nennen. Die kommen häufig vor. Der Autor hat seinen Charakter nicht vor Augen und lässt ihn Dinge tun, die ihn zerstören, die ihn in den Augen des Lesers unglaubwürdig, unsexy oder planlos erscheinen lassen.

HPR: Bietest du auch Coaching an?

ISE: Ich coache, wie oben erwähnt, in kleinen Einheiten und in Einzelfällen. Für mehr ist keine Zeit aktuell. Abgesehen von Autoren, die ich im Lektorat habe, die erhalten natürlich jederzeit umfangreiche Coachings. Wir telefonieren dazu und auch Hausbesuche waren schon drin.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

ISE: Normalweise übernehmen sie fast alles. Man kann nie erwarten, dass jemand ALLES übernimmt, das wäre Unsinn. Aber ich hatte es erst einmal, dass die Autorin vieles nicht übernehmen wollte. Bei allen anderen hat es geklappt.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

ISE: Geschätzt würde ich sagen 95%.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

ISE: Das kommt darauf an. Wenn es eine Formulierung ist, die Geschmackssache ist, dann lasse ich ihn einfach und sage nichts. Ist es in meinen Augen ein Schnitzer, dann erkläre ich es noch mal. Ist es wirklich falsch, dann kämpfe ich. Und meistens gewinne ich.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

ISE: Einmal, wie gesagt. Wir konnten uns nicht grundsätzlich einigen, obwohl wir uns persönlich sehr mochten und auch heute noch mögen. Ich habe mich am Ende an den Verlag gewandt, weil die Diskussion sich über ein Jahr hinzog. Der Verlag hat es sich angesehen und mir recht gegeben. Am Ende habe ich das Lektorat niedergelegt und das Projekt wurde insgesamt auf Eis gelegt bis auf Weiteres.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

ISE: Ich lektoriere aktuell nur für Verlage, da nehme ich, was sie mir geben. Das ist ja in der Regel vorher ausgesucht worden vom Verlag, also ist das Niveau schon gegeben. Ich habe schon Texte abgelehnt von Selfpublishern, darunter waren schlecht geschriebene Erotikromane und auch Manuskripte, bei denen man sah, dass die Baustelle zu groß war, dass es wirklich an allem fehlte. Das sagte ich dem Autor/der Autorin dann auch und riet vom Veröffentlichen zu diesem Zeitpunkt ab.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

ISE: Das alles, dazu Weltenbau, kreative Ideen für mehr Witz und Schwung. Dazu bilde ich mich weiter im naturwissenschaftlichen Bereich, das hat uns schon oft geholfen.

Charaktere ausbauen, Erzählerstimme finden, Prämisse finden und festlegen, Leitmotive, Perspektiven.

HPR: Kannst du das an einem Beispiel ausführen?

ISE: In einem Roman ging es um Feen. Diese taten aber nichts Besonderes, außer schön aussehen und Party machen. Das besprach ich mit der Autorin und sie wollte das ändern. Wir überlegten uns, welche Rolle die Feen in der Welt spielen könnten, welche Magie sie haben. Vorher schrieben sie auf Laptops und hatten Türschlüssel zu ihren Zimmern. Danach hatten sie Speicherkristalle und die Türen wurden von sprechenden Augen bewacht, die Namen und Charakter hatten. Wir liefen zur Höchstform auf und überboten uns gegenseitig mit Ideen. Das Manuskript bekam einen ganz anderen Charakter. Der Verlag war begeistert, sie erkannten das Manuskript kaum wieder. Weitere Bände entstanden, die Autorin war ganz in diese Welt eingetaucht und hat ein episches Werk entworfen. Die Bücher haben sich sehr gut verkauft.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

ISE: Der Verlag macht mir ein Angebot, das ich dann so übernehme. Bei Autoren habe ich immer Pauschalpreise gemacht in derselben Höhe wie beim Verlag. Gelegentlich habe ich einen Freundschaftspreis gemacht.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

ISE: Minimal würde ich sagen, sechs Wochen Zeit. Länger als drei Monate braucht man in der Regel nicht, es sei denn, der Autor wird krank.

HPR: Muss deiner Meinung nach ein Lektor selbst erfolgreich Bücher veröffentlicht haben?

ISE: Nein, das muss er nicht. Ein Trainer für Olympia muss ja auch nicht selbst turnen können oder genauso schnell schwimmen können. Aber es hilft natürlich, weil man als Autor weiß, wie sich ein anderer Autor fühlt.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektor geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

ISE: Ich war Maskenbildnerin beim Film und hatte noch nie was geschrieben, aber ich merkte bei den Dreharbeiten oft, wenn etwas im Text nicht stimmte. Eines Tages schrieb ich einige Zeilen im Drehbuch um, obwohl das streng verboten war. Am nächsten Tag kam die Schauspielerin und sagte: „Wer hat das Drehbuch umgeschrieben?“ Ich meldete mich. Sie so: „DANKE!“

Da merkte ich, dass ich wohl richtiggelegen hatte mit meinem Textgefühl.

Irgendwann habe ich eine Kurzgeschichte verfasst und im Netz hochgeladen. Nach nur einer Stunde hatte ich das erste Manuskript im Briefkasten mit der Bitte um Kritik. Das überraschte mich. Ich kritisierte den Text, aber der Autor wollte das nicht hören. Egal.

Ich machte weiter mit eigenen Geschichten und kaufte mir als Erstes „Vier Seiten für ein Halleluja“ und „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Das erste Buch brachte mir etwas, das zweite nicht. Also kaufte ich weitere Ratgeber und schrieb weiter. Nebenbei fing ich an, Fehler in Büchern aufzulisten und an die Verlage zu schicken. Es kam nie eine Antwort.

Ich hatte mich in Foren angemeldet und versuchte mich weiterzubilden. Ich glaubte auch viel von dem Unsinn, der dort verzapft wurde. Im Nachhinein war das alles sehr lustig. Eines Tages bat mich eine Autorin um Hilfe. Ich ging ihr Buch durch und diese Anmerkungen bekam der Carlsenverlag in die Hände. Es folgte ein erstes Jobangebot als Korrekturleser, danach wurde ich schnell zum Lektor „befördert“. Alle anderen Jobangebote kamen dann durch Mundpropaganda auf mich zu. Beworben habe ich mich nicht, das ging wie von selbst.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

ISE: Ich strenge mich immer an, von daher habe ich da wenig Präferenzen. Ich empfehle mal aus der Fantasyecke die Fairy-Reihe von Stefanie Diem. Wer lachen will im Fantasybereich, dem empfehle ich die Reihe „Rotkäppchen und der Hipster-Wolf“ von Nina MacKay. Ganz ohne Fantasy, dafür mit maximalem Gefühl: „Best Friend Zone“ von Jennifer Wolf.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diesen Blog teilen, verlinken, weiter empfehlen. Wenn Sie anderer Meinung sind oder etwas zu diesem Beispiellektorat beitragen wollen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu mailen oder in FB zu kommentieren! Sie können auch Ihre Texte für ein Beispiellektorat vorschlagen.

Was dem Lektorat auffällt
was Sie immer schon mal über Lektorate wissen wollten, das Buch

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Ein Interesse an Texten von anderen, den Autor mit seinen Sorgen verstehen

Im Lektorat überprüfe ich Plot und Struktur und ich arbeite das Manuskript Satz um Satz, Wort um Wort durch

Lisa Kuppler führt „Das Krimibüro“ (http://www.krimilektorat.de) in Berlin, coacht Autorinnen und Autoren und bietet Schreibworkshops an.

Hans Peter Roentgen: Du lektorierst hauptsächlich Krimis? Was machst du in so einem Lektorat?

Lisa Kuppler: Ich habe Mitte der 1990er Jahre beim Rotbuch Verlag mit dem Krimilektorieren begonnen und damals das Krimibüro in Berlin gegründet. Der Name ist inzwischen etwas irreführend, denn heute lektoriere ich alle Genres sowie belletristische Titel. Mein letztes Lektorat war ein Thriller, davor ein Upmarket-Frauenroman, davor eine belletristische Kurzgeschichten-Sammlung und davor ein Science-Fiction.

Im Lektorat überprüfe ich Plot und Struktur eines Buches, also die Dramaturgie der gesamten Geschichte – das Strukturlektorat. Und ich arbeite das Manuskript Satz um Satz, Wort um Wort durch und merke alles an, was im klassischen Lektorat angemerkt wird: Perspektivfehler, unschöne Wort- und Lautwiederholungen, unschöne oder falsche Wortwahl, schiefe und unpassende Bilder, Zeitfehler usw. – das Sprachlektorat.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines solchen Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

LK: Wenn ich nicht für einen Verlag, sondern für einen selbständigen Autor bzw. eine Autorin arbeite, biete ich ein Probelektorat von 5 bis 10 Seiten an. Daraufhin entscheidet sich die Autorin, der Autor, ob sie mit mir zusammenarbeiten wollen. Wir einigen uns über die Kosten und den Zeitrahmen. Dann mache ich das Sprachlektorat, falls gewünscht, zuvor ein Strukturlektorat. Danach geht das lektorierte Manuskript zurück zum Autor, zur Autorin. Die oder der überarbeitet das Manuskript aufgrund meiner Lektoratshinweise. Wenn gewünscht, kommt das endredigierte Manuskript dann noch einmal zu mir zurück und ich mache eine Endredaktion, also einen letzten Lesedurchgang, in dem ich alles anmerke, was mir noch an Punkten auffällt, die verbessert werden können.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

LK: Ich biete Arbeit am Exposé an, am liebsten in Form eines „Exposé-Pingpongs“. Da schicken die Autorin bzw. der Autor und ich das Exposé immer wieder hin und her: Ich merke an, was unverständlich oder noch nicht gut formuliert ist, die Autorin überarbeitet, ich kriege die neue Fassung, merke wieder alles an, was mir auffällt, der Autor macht wieder eine Überarbeitung – so lange, bis wir ein starkes, gut und griffig formuliertes Exposé haben, mit dem sich die Autorin, der Autor professionell bei einer Agentur bewerben kann.

Ich biete auch Manuskriptgutachten an. Und ich schaue mir schon mal einen Klappentext an, aber ein richtiges Klappentext-Lektorat biete ich nicht an.

HPR: Kannst du uns drei typische Probleme nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

LK: Im Strukturlektorat ist ein typisches Problem die Vermittlung von Vorgeschichte und Hintergrundinformationen. Da denken sich Autor*innen manchmal schwierige Prologe oder Konstruktionen aus, die für die Leser*innen nicht zu verstehen oder schlicht langweilig sind. Das merke ich dann an und mache Vorschläge, oder wir entwickeln zusammen eine Lösung, die funktioniert.

Im Sprachlektorat geht es oft um die Bezüge im Satz: Damit ein Text „geschmeidig“ zu lesen ist, sollte immer klar sein, welche Pronomen sich auf welche Figur oder welches Wort beziehen. Die Leser*innen sollen gar nicht aus dem Text fallen mit der Frage: „Worauf bezieht sich das jetzt?“ Im Lektorat schlage ich dann Änderungen vor, damit die Bezüge stimmen. Das ist oft auch eine Arbeit am Rhythmus und Flow eines Textes.

Und immer wieder geht es auch bei erfahrenen Autor*innen um das Schreiben von Gefühlen. Ich merke z. B. Nominalstil oder wertende Adverbien / Adjektive an, mit denen Autor*innen Gefühle nur behaupten, und mache Vorschläge, wie sie an der jeweiligen Stelle Gefühle zeigen können – über das „Einfärben“ der Umgebung z. B. oder über Erinnerungen.

HPR: Auf deiner Homepage bietest du auch Workshops an. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

LK: Zusammen mit dem Autor Carlo Feber biete ich am Nordkolleg in Rendsburg (nordkolleg.de/seminare/details/seminar/l09-2020/) eine Roman-Coaching-Woche an, jedes Jahr die Himmelfahrtswoche von Montagabend bis Samstagmorgen. Die Teilnehmer*innen reichen ein Exposé und 15 Seiten ihres Projektes ein. Im Vorfeld entwickeln Carlo und ich für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer drei „Meilensteine“: drei Plotting- oder Schreibaufgaben zum individuellen Projekt, zugeschnitten auf das, was wir für die Schwächen oder einfach die nächsten Schritte am Projekt halten.

Im Kurs wechseln sich dann Unterrichtseinheiten (zu Perspektive, Plotten, Dialog, Szenenschnitt usw.) ab mit Textbesprechungen und Schreibübungen. Es gibt einen freien Tag nur zum Schreiben, am Ende organisieren die Teilnehmer*innen in Eigenregie eine Lesung.

Ein anderes Seminar-Konzept biete ich online an, jedes Jahr im August. (krimilektorat.de/lisa221b/schreiben-wie-die-profis/roman-coaching-online/). Das Online-Roman-Coaching läuft vier Wochen, Schreiben intensiv mit Chats und Schreibübungen und drei Aufgaben, die ich individuell für die Teilnehmer*innen entwickle. Es gibt keine Unterrichtseinheiten, sondern vier Feedback-Telefonate mit mir, eines zum Gesamtprojekt und drei Telefonate zu den Aufgaben.

Ab September 2020 werden Carlo und ich eine Schreibakademie am Nordkolleg in Rendsburg anbieten. Wir sind gerade in der Endphase der Entwicklung. Die Schreibakademie bietet eine Autorenausbildung, die über einen Zeitraum von zehn Monate geht, mit sechs Präsenz-Seminaren am Nordkolleg und einer intensiven Betreuung in den Zeiten zwischen den Seminaren.

HPR: Du bietest auch Coaching an, wie läuft das ab?

LK: Das individuelle Autorencoaching richtet sich ganz danach, was der Autor, die Autorin gerne haben möchte. Manchmal ist das ein Plotting-Wochenende, an dem die Autorin zu mir ins Krimibüro nach Berlin kommt und wir gemeinsam den Plot und die Dramaturgie eines Buchprojekts erarbeiten. Oder das Coaching geht über einen längeren Zeitraum, mit monatlichen Telefonaten – da gebe ich eine Art Schreibstruktur vor und bin Coach und Lektorin in einem.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

LK: Ich erwarte nicht, dass die Autorinnen und Autoren alle meine Änderungen übernehmen. Lektoratsvorschläge sind eben das: Vorschläge. Für mich ist ein Lektorat dann am erfolgreichsten, wenn ich einen Vorschlag mache, und der Autor, die Autorin durch meinen Vorschlag angeregt, auf eine dritte, optimale Lösung kommt.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

LK: Von den Autoren und Autorinnen höre ich immer: „Ich habe fast alles übernommen.“ Ich gehe davon aus, dass sie 90 % meiner Vorschläge umsetzen.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

LK: Der Autor, die Autorin hat das letzte Wort. Es ist sein und ihr Buch. Es geht beim Lektorat nicht darum, dass jeder Vorschlag akzeptiert wird. Ich sehe mich als Profileserin mit einer Expertise im jeweiligen Genre und in dem, wie Texte auf Leser*innen wirken. Aber ich habe ganz sicher nicht immer recht. Und es gibt Stellen, an denen dem Autor, der Autorin etwas so wichtig ist, dass sie meinen Vorschlag nicht umsetzen möchten, und das ist vollkommen okay.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konnten? Was passiert dann?

LK: Vor etlichen Jahren habe ich von einem Verlag einen Lektoratsauftrag erhalten. Nach den ersten Gesprächen war klar, dass der Autor grundsätzliche handwerkliche Kritik nicht annehmen wollte. Das Buch wurde dann nicht gemacht. Für mich war das sehr bedauerlich, denn die Buchidee und der Plot waren interessant. Aber wenn eine Autorin, ein Autor „lektoratsresistent“ ist, dann ist eine professionelle Zusammenarbeit nicht möglich. Für mich ist das immer ein Zeichen, dass ein Autor, eine Autorin sich nicht entwickeln möchte.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

LK: Ich schaue mir das Manuskript genau an, bevor ich einen Lektoratsauftrag annehme. Und ich lehne Texte auch ab; ich lektoriere nicht alles. Für manche Texte bin ich nicht die richtige Lektorin, und für manche Autor*innen ist es sinnvoller, wenn sie sich erst einmal handwerkliches Know-how aneignen, bevor sie mit einer Lektorin zusammenarbeiten.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

LK: Grammatik, Stil, Stimme, alle handwerklichen Aspekte, Plot und Dramaturgie.

Ich merke Rechtschreibfehler an, wenn sie mir auffallen, aber die Rechtschreibkontrolle sollte ein professionelles Korrektorat übernehmen. Da geht es der Lektorin wie dem Autor: Man ist so im Text drin, dass man Rechtschreibfehler nicht mehr sieht.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

LK: Ich habe einen festen Normseitenpreis, und derzeit liegt der bei 5 bis 7 €, je nach Arbeitsaufwand, der in dem Manuskript steckt. Begutachtungen und Coaching berechne ich nach Stunden, mein Stundenhonorar liegt derzeit bei 40 €. Bei der Arbeit an Exposés vereinbare ich meistens einen Pauschalpreis.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

LK: Du meinst den zeitlichen Aufwand? An einem Manuskript von 300 Seiten arbeite ich, je nach Aufwand und ob es zwei Durchläufe, also Struktur- und Sprachlektorat gibt, drei bis vier Wochen.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektorin geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

LK: Nach einem Amerikanistik-Grundstudium in Tübingen bin ich in die USA und habe in Eugene, Oregon, American History studiert. 1990 kam ich zurück nach Deutschland und bin nach Berlin gezogen. Ein paar Jahre habe ich Teilzeit in einer Kreuzberger Kanzlei getippt. Am John-F.-Kennedy-Institut der FU lernte ich 1991 Gabriele Dietze kennen, die damals die Hardboiled-Krimireihe beim Rotbuch Verlag herausgab. Bei Gabi Dietze habe ich das Lektorieren von der Pike auf gelernt, sie war meine Mentorin. Am Anfang war ich für die unverlangt eingesandten Manuskripte zuständig, später habe ich Übersetzungslektorate und einen Teil der Lektorate unserer deutschsprachigen Krimientdeckungen gemacht. Ich war die Lektorin von Roger Fiedler, Rob Alef, Jörg Juretzka und Elisabeth Hermann, die bei Rotbuch „Das Kindermädchen“ veröffentlichte.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

LK:Der Blogger“ von Patrick Brosi, erschienen im Emons Verlag.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

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Im Lektorat überprüfe ich Plot und Struktur und ich arbeite das Manuskript Satz um Satz, Wort um Wort durch

Ich möchte, dass die Leser Spaß am Text haben

Julia Hanauer hat als Lektorin für die Fischer Schatzinsel gearbeitet und lektoriert heute freiberuflich Kinder- und Jugendbücher.

Hans Peter Roentgen: Du lektorierst Kinder- und Jugendbücher. Arbeitest du auch für andere Genres? Und was machst du in so einem Lektorat?

Julia Hanauer: Ich lektoriere ausschließlich Kinder- und Jugendbücher, das ist mein Fachgebiet. Aber auch innerhalb dieses Fachgebietes gibt es verschiedene Genres: Bilderbücher, Krimis, Liebesgeschichten, Sachbücher … Mein Lektorat zielt immer darauf ab, dass die Leser Spaß am jeweiligen Text haben. Ich tue alles, was nötig ist, um das zu erreichen.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines solchen Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

JH: Ich lese zunächst dein Exposé und schaue, ob es einen ordentlichen Handlungsverlauf, einen guten Spannungsbogen gibt. Sind die Figuren glaubwürdig und sympathisch, eignet sich der Protagonist als Identifikationsfigur? Sind Sprache und Inhalt der Zielgruppe angemessen? Wenn alles passt, drucke ich mir den Text aus und mache einen ersten Lektoratsdurchgang mit dem Bleistift. Dann gebe ich meine Korrekturen, Änderungsvorschläge und Kommentare in die Datei ein – im Modus „Korrekturen verfolgen“. Anschließend nehme ich in einer weiteren Datei alle Korrekturen an und prüfe, ob mir der lektorierte Text gefällt. Wenn ja, schicke ich dir beide Dateien und bitte dich, alle Korrekturen anzunehmen, mit denen du einverstanden bist – und über die anderen reden wir. Am Ende haben wir einen Text, der uns beiden gefällt und der Zielgruppe auch.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

JH: Ich lektoriere rund ums Kinder- oder Jugendbuch alles. Auch Exposés und Klappentexte und auch mal eine Vita oder ein Verlagsanschreiben. Bei längeren Texten mache ich immer erst ein Probelektorat, damit der Kunde sehen kann, was er im restlichen Text eventuell noch selbst verbessern kann – und auch, damit er meine Arbeitsweise kennenlernt.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

JH: Oftmals haben Autoren, die neu im Kinderbuchbereich sind, ihre Zielgruppe nicht klar vor Augen – dann stimmen häufig Inhalt und Sprache nicht überein.

Meist sind auch die Dialoge nicht umgangssprachlich genug, sondern eher steif und hölzern, die Sprache passt nicht zur Person.

Immer wieder schreibe ich auch an den Rand „Show don’t tell!“ Die Gefühle dürfen nicht erzählt werden, sie müssen spürbar gemacht werden, damit der Leser sie mitfühlen kann – im Bauch, in den Füßen, im Herzen.

HPR: Bietest du auch Coaching an?

JH: Da ich mich am liebsten mit sprachlichen Details, dem Klang eines Textes und dem Lesefluss beschäftige, arbeite ich gerne an Texten, die schon eine gewisse Qualität aufweisen. Wenn ich merke, dass ein Autor sich noch nie mit Dramaturgie, Figurenentwicklung und Dialogführung beschäftigt hat, dann gebe ich ihm dazu gerne ein paar Hinweise, mache eine Erstberatung. Aber Coaching biete ich eigentlich nicht an.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

JH: Es gibt viele Kunden, die alle oder fast alle Änderungen übernehmen – aber es gibt natürlich auch welche, die das nicht wollen und ich erwarte das selbstverständlich auch nicht. Der Autor ist der Künstler, es ist sein Buch, er entscheidet. Eventuell muss er aber dann damit leben, dass ich als Lektorin nicht im Impressum genannt werden will …

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

JH: Ich mag Buchstaben, mit Zahlen hab ich’s nicht so. Aber da ich meist gute Gründe für meine Änderungsvorschläge haben, werden diese auch größtenteils angenommen.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

JH: Dann erkläre ich ihm noch einmal, wo ich das Problem sehe – lenke sein Augenmerk weg von sich selbst, hin zum jungen Leser. Denn für den soll der Text ja sein.

Aber ich beharre nicht auf meinen Änderungen. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, ein Lektorat ist ja etwas sehr Subjektives.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konntet? Was passiert dann?

JH: Nein, das ist noch nie passiert. Aber es gibt Texte (oder auch Kunden), die mag ich vom Ton her nicht – da lehne ich den Auftrag dann von Anfang an ab. Manche Kunden entscheiden sich vielleicht nach dem Probelektorat lieber für eine andere Lektorin, das ist absolut okay. Bei einem Lektorat muss es schon passen zwischen Autor und Lektor.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

JH: Ich bekomme tatsächlich viele Texte, die (noch) nicht das Niveau für ein Lektorat haben, wo deutlich zu spüren ist, dass dem Autor einfach das Handwerkszeug fehlt. Dann sage ich das ehrlich und weise ihn darauf hin, wo die Schwächen liegen. Ich bin dabei oft sehr direkt, aber die Kunden sind fast alle sehr dankbar für diese offene Rückmeldung.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

JH: Ich möchte, dass die Leser Spaß bei der Lektüre haben. Die Geschichte muss in irgendeiner Form spannend sein. Es braucht greifbare, runde Figuren und authentische Dialoge. Ich achte auf eine der Zielgruppe angemessene Sprache, den Stil, den Lesefluss und natürlich auch auf Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung. Wobei Letzteres nicht mein Schwerpunkt ist – ein ordentliches Korrektorat sollte nach einem Lektorat immer noch erfolgen.

HPR: Kannst du das an einem Beispiel ausführen?

JH: Ich achte zum Beispiel darauf, dass nicht alle Sätze gleich aufgebaut sind, streiche Wortwiederholungen, prüfe, ob Fremdwörter sich aus dem Zusammenhang erschließen lassen. Wenn eine Figur auf der ersten Seite als schüchtern beschrieben wird, aber drei Seiten weiter jemanden anschnauzt – dann mache ich einen Kommentar dazu. Ich streiche auch Sätze wie „Er war nervös und unsicher.“ oder „Sie war unglaublich glücklich.“ Da kommt nix rüber. Der Autor muss mit körperlichen Empfindungen, mit Mimik und Gestik arbeiten. Wie fühlt sich die Nervosität oder das Glück im Körper an? Kaut der Nervöse an den Nägeln oder wippt mit den Füßen? Jubelt die Glückliche laut, springt sie in die Luft? Die Leser brauchen Bilder!

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

JH: Da ich selbst gerne die ungefähren Preise kenne, bevor ich eine Dienstleistung anfrage, gebe ich auf meiner Webseite Preise an. Für eine Normseite liegt der Preis meist zwischen 8 und 10 Euro, je nach Qualität des Textes. Manchmal rechne ich auch nach Arbeitsstunden ab oder gebe einen Pauschalpreis an – das aber erst, wenn ich ein Exposé und eine Leseprobe gesehen habe und den Arbeitsaufwand einschätzen kann.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

JH: Das kann ich so nicht sagen, zumal ich vor allem kürzere Geschichten bearbeite.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektorin geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?

JH: Das lief bei mir tatsächlich ganz nach Plan. In der 9. Klasse habe ich ein Praktikum im Kinderbuchlektorat des S. Fischer Verlags gemacht (das war ein Preis für meine besonders leidenschaftliche Teilnahme an einer Kinderbuchjury) – von da an stand mein Berufswunsch fest. Ich habe den Deutsch-Leistungskurs gewählt, Germanistik (mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendbuchforschung) studiert und schließlich ein Praktikum und ein Volontariat in verschiedenen Verlagen gemacht. Anschließend wurde ich bei Fischer Schatzinsel als Lektorin angestellt. Nach der Geburt meines Sohnes habe ich mich dann selbstständig gemacht – eine Entscheidung, die ich nie bereut habe.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

JH: Eine Autorin, deren Texte ich gerne mag und die ich von ihren ersten Schreibversuchen bis zu ihrer ersten Veröffentlichung begleitet habe, ist Stefanie Neeb. Der S. Fischer Verlag hat ihr Jugendbuch „Und wer rettet mich?“ herausgebracht und bald erscheint ein weiteres Werk von ihr in einem anderen Kinder- und Jugendbuchverlag – als Spitzentitel!

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

Julia Hanauers Homepage   aus tempest 12/19
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Ich mache Vorschläge und versuche sie gut zu begründen

Interview mit Ursula Hahnenberg

Ursula Hahnenberg lektoriert und coacht Autorinnen und Autoren in der Büchermacherei. Ihre Krimis „Teufelsritt“ und „Wolfstanz“ sind bei Goldmann erschienen.

HPR: Ursula, welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

UH: Ich lektoriere fast alle Texte, die zu mir kommen, Krimis, historische Romane, Liebesromane, Sachtexte, Ratgeber und vieles mehr. Dabei versuche ich jeweils zu erfassen, was der Autor oder die Autorin mit ihrem Text bewirken will, und gebe mein Bestes, um zu helfen, den Text in diese Richtung zu entwickeln.

HPR: Wie sieht der typische Ablauf eines solchen Lektorats aus? Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

UH: Normalerweise mach ich zuallererst ein Probelektorat. Das heißt, ich sehe mir den Text an und lektoriere die ersten Abschnitte oder Seiten, um festzustellen, was genau zu tun ist. Dann verschicke ich ein Angebot. Wenn du das annimmst, einigen wir uns auf einen Termin zur Bearbeitung. Wenn der dann gekommen ist, überarbeite ich (meist in Word, aber auch in Papyrus, pages, pdf, oder anderen Textprogrammen) mit der Funktion Änderungen verfolgen den Text. Dabei achte ich auf den roten Faden, die Perspektive und die Figuren, auf Sprache und Stil (beides sollte einheitlich, konsistent sein und zum Zielpublikum passen), aber auch auf Rechtschreibung und Zeichensetzung. Außerdem mache ich Kommentare mit Vorschlägen. Dann schicke ich dir das Manuskript zurück und du überarbeitest es selbst noch einmal. Wenn du möchtest, weil zum Beispiel viel umzuschreiben oder zu ergänzen war, machen wir einen zweiten Durchgang.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

UH: Ich lektoriere alles, was meine Kund*innen brauchen. Dazu gehören natürlich auch Exposé und Klappentext. Ich erstelle aber auch Literaturgutachten, mit denen man einen Überblick über den Text bekommt (was ist zu tun, was muss verbessert werden) oder man kann sie auch nutzen, um sich bei einer Agentur oder einem Verlag zu bewerben.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die du erhältst, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen, die du immer wieder überarbeiten musst?

UH: Ein typischer Fehler, der Anfängern wie auch Profis passiert, ist, nicht in der Perspektive zu bleiben. Oft wird eine personale Perspektive gewählt und dann erzählt man doch etwas, was diese Person nicht wissen kann. Oder Bilder, bzw. Redensarten, die leicht verfälscht werden, zum Beispiel sitzt dann die Taube nicht auf dem Dach, sondern in der Hand. Oder im Text steht, eine Figur solle nicht alles so grau sehen (dabei heißt es natürlich schwarzsehen). Und aus einem ganz anderen Bereich: Oft ist die Zeichensetzung bei der wörtlichen Rede nicht ganz klar.

HPR: Auf deiner Homepage bietest du auch Coaching an. Wie habe ich mir das vorzustellen? Was machst du da?

UH: Beim Coaching ist alles sehr individuell. Am Anfang steht ein Gespräch per Telefon oder Video, bei dem abgeklärt wird, was genau der Bedarf der Kund*in ist. Das geht von der Begleitung beim Schreiben bis zur Unterstützung bei der eigenständigen Überarbeitung. Mancher braucht Hilfe beim Plot oder bei der Perspektive, mal müssen die Figuren etwas anschaulicher werden. Das kann ganz unterschiedlich sein.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

UH: Ich erwarte nicht, dass alles übernommen wird, ich mache schließlich Vorschläge. Aber da ich versuche, meine Anmerkungen und Vorschläge gut zu begründen und ich ein gutes Textgefühl habe, vertrauen mir meine Kund*innen meist.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

UH: Das kann ich nicht, aber meine Kund*innen spiegeln mir, dass sie fast alles übernehmen.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

UH: Nichts. Im Lektorat schlage ich Änderungen vor, von denen ich meine, dass sie den Text im Hinblick auf die Zielgruppe verbessern. Ich schlage sie aber nur vor. Ich bemühe mich immer, den Text in seinem oder ihrem Sinn zu überarbeiten und diese Vorschläge zu begründen. Die Macht über den Text hat im Endeffekt die Kund*in. Sie oder er hat das letzte Wort.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konnten? Was passiert dann?

UH: Nein, wie gesagt. Ich mache Vorschläge und versuche sie gut zu begründen. Wenn mein Kunde oder meine Kundin anderer Meinung ist, dann ist das ihr gutes Recht. Die Texthoheit liegt bei ihm oder ihr.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

UH: Das ist schwer, pauschal zu sagen. Es lohnt sich aber in jedem Fall, einen Text an Testleser*innen zu geben, bevor man eine Lektorin kontaktiert.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

UH: Inhalt, Aufbau, Sprache, Stil und natürlich auch Formales, wie Formatierung, Rechtschreibung und Zeichensetzung, wobei ich gerne betonen möchte, dass ich zwar keine Rechtschreibfehler stehen lasse, aber ein Lektorat keine Schlusskorrektur ersetzen kann.

HPR: Du bietest auch Speedplotting an. Was habe ich mir darunter vorzustellen?

UH: Speedplotting ist eine Methode, bei der man mit vorgegebenen Stichworten mit Hilfe des 7 Punkte-Plans einen Roman plotten kann. Es geht darum, in 45 Minuten an einem Beispiel vorzustellen, wie man mit den richtigen Fragen einen ersten Plotplan erstellen kann.

HPR: Kannst du das an einem Beispiel ausführen?

UH: Dazu am besten einmal auf der BuchBerlin oder zur Leipziger Messe zu einem Kurs kommen oder mich direkt buchen. Speedplotting geht zwar schnell, aber ca. 45 Minuten dauert es eben doch …

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

UH: Ich habe Stundenpreise. Ich erstelle jeweils individuelle Angebote nach Aufwand, den ich versuche nach einem Blick auf die ersten 10 Seiten des Manuskripts und das Exposé oder die Inhaltsangabe abzuschätzen. Seitenpreise für das Lektorat beginnen ab €5,50, für ein reines Korrektorat ab € 2,50, so als Anhaltspunkt, wobei in bestimmten Fällen, unter anderem für regelmäßige Kund*innen, Rabatte möglich sind. Intern rechne ich aber mit Stunden.

HPR: In welchem Bereich bewegt sich der durchschnittliche Aufwand für ein Manuskript eines Taschenbuchs mit 300 Seiten? Gibt es da Grenzen, maximal, minimal?

UH: Das kommt total auf den Text an. Muss erst noch inhaltlich und am Aufbau gearbeitet werden oder geht es eher um kleiner Anpassungen, die viel schneller erledigt sind? Genau deswegen sehe ich mir jedes Lektorat individuell an und mache meine Angebote auf Basis eines konkreten Texts. Ich bekomme Texte, da sind 300 Seiten in 15 Stunden und einem Durchgang erledigt und andere, da kann es doppelt so lange dauern. In meinem Angebot versuche ich, die benötigten Stunden zu schätzen. Überschätze ich den Aufwand, rechne ich nur die verbrauchten Stunden ab, unterschätze ich ihn, rechne ich trotzdem nicht mehr als den Angebotsbetrag ab. Das Risiko liegt also bei mir.

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

UH: In den fünf Jahren sind eine Menge guter Texte, spannende Krimis und Romane, aber auch Sachbücher zusammengekommen. Am besten einfach mal einen Blick auf die Veröffentlichungen unserer Kunden werfen, die wir auf der Website der Büchermacherei regelmäßig aktualisieren.

HPR: Herzlichen Dank für das Interview.

aus: Tempest 11/2019

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Was dem Lektorat auffällt: Handlung statt Infodump

Beardmore Gletscher, Antarktis

(C) Leo Aldan

Die Temperatur hätte niedriger sein müssen. Georgina Finley registrierte es mit einer gewissen Unruhe. Ihre Sinne stellten sich scharf. Es war immer das Wetter, das die Außeneinsätze in der Antarktis gefährdete. Jederzeit konnte es umschlagen.­

Georgina raste mit ihrem Schneemobil den im Schatten liegenden Beardmore Gletscher hinauf. Ohne vom Gas zu gehen, nahm sie eine Hand vom Lenker und wischte mit ihrem dicken Handschuh die Tropfen von ihrer Schneebrille. Sie taxierte den kristallklaren Himmel. So weit sah es ganz gut aus, aber hinter den weißen Bergspitzen der Supporters Gruppe zu ihrer linken schimmerte die Luft in mattem Gelb.

»Mir gefällt das nicht.« Camilles spröde Stimme kam aus dem Helmlautsprecher.

Georginas Assistentin hatte schon ein gutes Dutzend Male in der Antarktis gearbeitet. Sie und die Laborantin Nicky fuhren versetzt neben ihr und zogen Fahnen aufgewirbelten Schnees hinter sich her.

»Mir auch nicht«, sagte Georgina.

Camille lachte humorlos. »Sollen wir umkehren?«

Und die Mission so kurz vor dem Ziel abbrechen? Georgina hatte einen Verdacht. Über hundert Vulkane gab es unter dem Eispanzer der Antarktis. Vor ihrem inneren Auge explodierte das Eis. Der Krakatau wäre dagegen harmlos wie ein Feuerwerksböller. Sie schüttelte die Vorstellung ab. Sie brauchte Daten, die Aufzeichnungen aller Seismographen. Fehler konnte sie sich nicht leisten. Sie war die jüngste Teamleiterin der McMurdo-Station. Sie checkte das GPS: S84°49’55,2″ E163°35’42,8″ – Höhe 1768 Meter über Normalnull. Der Umkehrpunkt war bereits überschritten. Entschlossen drehte sie den Gasgriff bis zum Anschlag, der Motor heulte auf und das Schneemobil sprang über die Bodenwellen. »Wir fahren weiter zum oberen Camp.«

»Dort werde ich mir erst mal die Finger wärmen«, hörte sie Nicky aus dem Helmlautsprecher.

»Wenn du glaubst, deine Hände einem Mann unter den Pullover schieben zu können, täuschst du dich«, erwiderte Camille. »Das Camp ist unbesetzt.«

Das war so typisch für die beiden. Wo immer Nicky auftauchte, zog sie mit ihren Mandelaugen und ihrem sexy Körper die Blicke der Männer magnetisch an, was sie gerne ausnutzte. Die hagere Camille McFarland fand selten Aufmerksamkeit.

Georgina wischte die Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf die Piste. Sie suchte den nächsten rotgeflaggten Markierungsstab. Eine halbe Meile vor ihr steckte er im Schnee. Dort verbargen sich Gletscherspalten.

Ein explosionsartiger Knall ließ sie zusammenfahren.

Camille deutete nach links Richtung Mount Bartlett. »Gletscherbruch.«

Das hatte gerade noch gefehlt! Es bedeutete neue Gletscherspalten – unmarkierte. Georgina drosselte die Geschwindigkeit. Das Eis unter ihr erschien ihr nicht mehr sicher. Sie steuerte nach rechts, näher an die Flanke der Skaar Ridge, deren Gipfel im Schein der flachen Sonne matt leuchteten. Sie hoffte, so genügend Abstand zu den Spalten zu bekommen.

Am Himmel zog Dunst auf.

Camille bemerkte es auch. »Da braut sich ein Unwetter zusammen.«

Georgina wünschte, sie könnte schneller fahren. Sie hielt sich so weit wie möglich von den Markierungen fern. Es wurden immer mehr: links dicht wie ein Röhricht, auch rechts kamen sie näher. Georgina fädelte sich klopfenden Herzens hindurch.

Major Healey, Kommandant der McMurdo-Station, hatte sie gewarnt: Letztes Jahr war auf dieser Strecke eines der Kettenfahrzeuge eingebrochen. Die Bergung war schwierig gewesen und einem Teammitglied musste wegen Erfrierungen ein Fuß abgenommen werden. Georgina zog es bei diesem Gedanken den Magen zusammen. Sie ließ kein Auge von der Piste.

Plötzlich registrierte sie eine Bewegung vom Polarplateau, eine Bö schüttelte ihren Schlitten und in Sekunden hüllte sie staubfeiner Schnee ein. Berge und Horizont verschwanden in einem diffusen Weiß, das alles verschluckte. Ein verdammtes White-Out! Ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie musste jetzt die Nerven behalten. Kein abruptes Bremsmanöver, die Gefahr war viel zu groß, dass ihre beiden Mitarbeiterinnen in sie hineinrasten. Aber irgendwo vor ihr klafften Gletscherspalten. Schon hatte sie den Befehl zum Anhalten auf den Lippen, da zeichneten sich die Konturen der Landschaft wieder ab. Georgina nahm einen tiefen Atemzug. Glück gehabt. Wäre sie allein unterwegs, könnte sie mehr riskieren. Aber sie hatte Verantwortung. Sie musste so schnell wie möglich auf die Höhen, bevor es schlimmer wurde. »Bleibt genau auf meiner Spur«, rief sie ins Helmmikrofon und ließ den Motor aufheulen. Sie visierte die abgesteckte Spur an, behielt aber den Himmel im Auge.

Hinter der Skaar Ridge, die das Ende der Queen Alexandra Kette bildete, verließ sie den Beardmore Gletscher und steuerte den steilen Anstieg zum Polarplateau hinauf. Auf der Hochebene blies ihr ein heftiger Wind entgegen. Von Süden rollten schwarze Wolken heran.

Nicky schob sich mit ihrem Schneemobil neben Georgina. »Ist das nicht wunderschön«, rief sie begeistert und deutete auf den Himmel hinter sich.

Georgina drehte den Kopf und erblickte eine linsenförmige Lichterscheinung, die über der gesamten westlichen Bergkette aufzog. Im Zentrum erschien sie dunkellila, an den Rändern ging sie in mattes Gelb über. Unwillkürlich lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. »Hast du so etwas schon mal gesehen, Camille?«

Die schüttelte den Kopf.

Instinktiv zog Georgina die Schultern ein. Unbekannte Wettererscheinungen häuften sich in den letzten Jahren — und meistens brachten sie nichts Gutes. Sie konzentrierte sich wieder auf die Piste. Mit Höchstgeschwindigkeit flogen die Schlitten über das glatte Schneefeld und in weitem Bogen um Mount Wild herum. In einem geschützten Tal dahinter befand sich das Camp und nur unweit davon war der Seismograph verankert. Der letzte, bei dem Georgina Akkus und Datenchips austauschen sollte. Danach war ihre Mission beendet. Mit den Daten von einundzwanzig Seismographen, die vier Jahre lang auf den Puls der antarktischen Vulkane gelauscht hatten, würden sie und ihr Team in die Vereinigten Staaten zurückfliegen. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie beim Gedanken an die Auswertung.

Plötzlich erschien der Schnee vor ihr glatt und glänzend. »Vorsicht! Glatteis!«, schrie sie ins Helmmikrophon. Schon geriet ihr Schneemobil ins Schlingern, der Anhänger verstärkte den Impuls und brachte das Gespann ins Schleudern. Georgina schoss das Adrenalin in die Adern. Im Augenwinkel sah sie Nickys Gefährt auf eine Kante zurutschen.

»Nicky!« Camilles panische Stimme mischte sich im Helmlautsprecher mit ihrer eigenen. »Gegensteuern! Gegensteuern!«

Während sie versuchte, ihr Schneemobil unter Kontrolle zu bringen, kippte Nickys Gespann über den Grat und verschwand.

Georgina stieß einen Schrei aus. »Nicky!« Mit Mühe brachte sie ihren Motorschlitten zum Stehen. Sie sprang von ihrem Sitz und sofort zog es ihr die Füße unterm Körper weg. Reflexartig krallte sie sich an Lenker und Sitzbank fest. »Nicky, melde dich!«, brüllte sie in ihr Helmmikrophon.

Keine Antwort.

Lektorat

Antarktis, drei Frauen mit Schneemobilen unterwegs. Schon das Umfeld sorgt für Spannung. Nach und nach werden die Anzeichen bedrohlicher, wir erleben die Antarktis, sie wird nicht einfach behauptet. Wir ahnen, es wird etwas passieren, wissen aber nicht was. Das erhöht die Spannung zusammen mit den Gefahren, die wir nach und nach kennenlernen.

Handlung statt Infodump oder Erklärbär

Da gibt es die Markierungen der Gletscherspalten, auf die die Drei achten müssen. Es wird nicht gesagt:

In der Arktis gibt es gefährliche Gletscherspalten, auf die Georgina achten musste. Sie waren durch Markierungen rechts und links von der Fahrspur und Georgina musste darauf achten, möglichst weit davon entfernt zu fahren.

Das wäre ein Infodump, den uns die Autorin mit ihrer Autorenstimme erzählen würde. Stattdessen steht dort:

Sie steuerte nach rechts, näher an die Flanke der Skaar Ridge, deren Gipfel im Schein der flachen Sonne matt leuchteten. Sie hoffte, so genügend Abstand zu den Spalten zu bekommen.

Am Himmel zog Dunst auf.

Camille bemerkte es auch. »Da braut sich ein Unwetter zusammen.«

Georgina wünschte, sie könnte schneller fahren. Sie hielt sich so weit wie möglich von den Markierungen fern. Es wurden immer mehr: links dicht wie ein Röhricht, auch rechts kamen sie näher. Georgina fädelte sich klopfenden Herzens hindurch.

Wir denken das, was Georgina denkt, sehen, was sie sieht, fühlen, was sie fühlt. Aber nicht durch Behauptungen (Georgina fühlte ihr Herz klopfen und war besorgt) sonder durch ihre Wahrnehmung (Sie fädelte sich klopfenden Herzens hindurch). Dass sie besorgt ist, dass Situation gefährlich ist, kann der Leser aus dem erschließen, was sie tut .

Dialog statt Infodump

Und wie erfahren die Leser etwas über das Aussehen?

Auch nicht durch Behauptungen (Georgina war mager, Nicky dagegen sexy), sondern durch einen Dialog:

Entschlossen drehte sie den Gasgriff bis zum Anschlag, der Motor heulte auf und das Schneemobil sprang über die Bodenwellen. »Wir fahren weiter zum oberen Camp.«

»Dort werde ich mir erst mal die Finger wärmen«, hörte sie Nicky aus dem Helmlautsprecher.

»Wenn du glaubst, deine Hände einem Mann unter den Pullover schieben zu können, täuschst du dich«, erwiderte Camille. »Das Camp ist unbesetzt.«

Das war so typisch für die beiden. Wo immer Nicky auftauchte, zog sie mit ihren Mandelaugen und ihrem sexy Körper die Blicke der Männer magnetisch an, was sie gerne ausnutzte. Die hagere Camille McFarland fand selten Aufmerksamkeit.

Wir bleiben in den Gedanken und Handlungen von Georgina, erleben, was sie denkt und tut.

Bleiben wir tatsächlich bei Georgina?

Sehen Sie sich nochmals den Abschnitt an. Gibt es Stellen, wo Sie Georgina verlassen? Wo nicht sie, sondern der Autor zu uns spricht?

Ja, die gibt es: Das war so typisch für die beiden.

Das sagt uns der Autor, nicht Georgina. Kein allzu großes Problem, auch ich habe beim ersten Lesen darüber hinweggelesen, es erst beim zweiten Mal bemerkt. Und es lässt sich leicht ändern, einfach diesen Satz ersatzlos streichen.

Perspektive und Distanz

Wenn es spannend wird, wenn die Szene eine Actionszene ist, sollte man möglichst nahe an den Personen bleiben. Also personale Perspektive. Auch wenn Sie in der auktorialen Perspektive schreiben, lohnt es sich, in solchen Szenen aus der Sicht der Personen zu erzählen. Nein, das ist keine Verletzung der Perspektive. Auch auktoriale Erzähler können ganz nah an ihre Figuren herangehen. Lassen Sie sich da nichts von Perspektiv-Dogmatikern einreden.

Korinthen

Oben habe ich einen Satz entdeckt, bei dem der Text in die Autorenstimme verfällt, die Perspektive Georginas verlässt. Eine Korinthe, sicherlich.

Gibt es noch weitere solche Korinthen?

Übung

Lesen Sie sich den Text noch einmal genauestens durch. Markieren Sie Stellen, in denen die Perspetive Georginas verlassen wird und dem Leser vom Autor etwas mitgeteilt wird, statt ihm das durch die Gedanken oder Wahrnehmungen Georginas das zu erleben.

Korinthen machen auch Mist

Warum reite ich hier so auf diesen Korinthen herum? Die allermeisten Leserinnen und Leser werden das gar nicht bemerken.

Richtig, sie werden es nicht bemerken.

Trotzdem ist es wichtig, dass Sie, liebe Autorinnen und Autoren, sich damit beschäftigen. Dafür gibt es zwei Gründe:

Erstens schult es ihre Textwahrnehmung. Wenn Sie solche Korinthen suchen, schärfen Sie Ihr Auge für Stil, Perspektive und Spannung. Sie werden in Zukunft weniger Korinthen schreiben, sie schneller entdecken.

Zweitens nehmen es Leser zwar nicht wahr, dennoch hat es Folgen. Vielleicht sind sie ein bisschen begeisterter von dem Text, finden ihn einen Tick spannender, ohne begründen zu können, warum das so ist. Und dann erzählen sie einen Tick aufgeregter von dem Buch, die Rezension bei Amazon hat mehr Feuer, lockt mehr Leser, sich das Buch anzusehen,

Alles gute Gründe, Korinthen ernst zu nehmen.

Müssen Sie ein Korinthenkacker werden?

Jedesmal den Text auf jede noch so kleine Korinthe zu prüfen, ist das wirklich nötig? Nein, wenn Sie ein erfahrener Autor sind. Ja, wenn Sie noch am Anfang stehen. Mit Erfahrung und Training werden Ihnen weniger Korinthen unterlaufen. Und wenn die Zahl geringer ist, dann verzeihen das Leser leichter. Zehn Druckfehler auf einer Seite brechen einem Text den Hals, einer auf zehn Seiten nicht. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist so wichtig, dass ich es gar nicht oft genug sagen kann.
Und deshalb sollten Sie trainieren, Korinthen zu entdecken oder gar nicht erst zu schreiben.

Spannung

Spannung ist das wichtigste einer Geschichte. Wenn der Text nicht fesselt, klappt der Leser das Buch zu. Oder, wenn er zur pflichtbewussten Lesergattung gehört, quält sich bis zum Ende durch. Ganz sicher wird er nicht begeistert davon erzählen. Höchstens sorgsam gewählte Worte finden (»ganz nett«, »interessant«). Was glauben Sie, wie viele neue Leser wird die Aussage »ganz nett« generieren? Da ist selbst ein emotionaler Verriss wirkungsvoller.

In die Person verwandeln

Bei Actionszenen müssen Sie sich in Ihre s Heldin, Ihren Held verwandeln, denken wie er, fühlen wie er, sehen, riechen wie er.
Was bedeutet das in der folgenden Textstelle:

Nicky schob sich mit ihrem Schneemobil neben Georgina. »Ist das nicht wunderschön«, rief sie begeistert und deutete auf den Himmel hinter sich.

Georgina drehte den Kopf und erblickte eine linsenförmige Lichterscheinung, die über der gesamten westlichen Bergkette aufzog. Im Zentrum erschien sie dunkellila, an den Rändern ging sie in mattes Gelb über. Unwillkürlich lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. »Hast du so etwas schon mal gesehen, Camille?«

Sie sind eine erfahrene Frau, die die Gefahren der Antarktis kennt, fahren so schnell, wie sie es gerade riskieren können, denn Sie müssen ins Camp. Und auf Spalten, Glatteis und weitere Gefahren achten.

Würden Sie da zurückschauen? Ganz sicher nicht. Vielleicht einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Wenn auf der Autobahn ihr Beifahrer sagt: »Schau mal zurück«, drehen Sie dann den Kopf? Oder sehen Sie in den Seiten- oder Rückspiegel?

Nadine ist Praktikantin, unerfahren, außerdem folgt sie der erfahrenen Leiterin. Gut möglich, dass sie zurückschaut. Georgina würde das nicht tun.

Zusammenfassung

Distanz und Perspektive müssen gerade bei Actionszenen stimmen. Hier passt das meiste, es gibt nur einige wenige Korinthen. Aber es lohnt sich, auch diese zu beachten.

Erstveröffentlichung: Tempest 2/2019

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Klappentextlektorat Oktober 2018

Der Plot

Erste Fassung:

Wie ferngesteuert berühren Max´ Finger die Tastatur. Buchstaben bilden Wörter, Wörter verketten sich zu Sätzen. Sätze, die bereits zwei Menschen den Tod gebracht haben.

Wie viele noch? 

Die Mordopfer in Max´ Auftragskrimi sterben in Wirklichkeit, und er weigert sich, weiterzuschreiben.
Dann verschwindet seine Tochter …

Immer tiefer verstrickt sich Max in das Netz eines unsichtbaren Feindes. Bis ihm klar wird, dass der Horror mit dem letzten geschriebenen Satz nicht endet, sondern erst beginnt.

Lektorat, erste Fassung

Dieser Klappentext beginnt mit einem Zitat aus dem Manuskript. Der Inhalt des Zitats verweist auf den Konflikt – die Sätze von Max bringen Menschen den Tod. Dennoch wirkt das Zitat nicht wirklich gut. Denn dass Buchstaben Wörter bilden, Wörter sich zu Sätzen verketten, ist zwar richtig, wirkt aber nicht spannend. Diesen Teil des Zitats würde ich kürzen.

Im zweiten Teil des Klappentextes wird der Konflikt verschärft. Max weigert sich, weiterzuschreiben. Und dann verschwindet seine Tochter.
Das würde ich schärfer formulieren:

Dann wird seine Tochter entführt.

Der letzte Satz ist lang, enthält Überflüssiges und wirkt deshalb schwach. Kürzer wäre er knackiger:

Doch mit dem letzten geschriebenem Satz endet der Horror nicht, sondern …

 Klappentext, zweite Fassung:

Wie ferngesteuert berühren Max´ Finger die Tastatur. Buchstaben bilden Wörter, Wörter verketten sich zu Sätzen. Sätze, die bereits zwei Menschen den Tod gebracht haben.

Wie vielen noch?

 Der erfolglose Krimiautor Max Delius erhält den Auftrag, einen Bestseller zu verfassen, genau nach vorgegebenem Plot. Noch während er schreibt, sterben die ersten Mordopfer in Wirklichkeit.

Nachdem er sich weigert, weiterzuschreiben, gerät seine Tochter in die Macht eines unsichtbaren Feindes. Max muss das Werk vollenden, sonst stirbt sie.

Beim nächsten Anschlag fliegt unverhofft der Killer auf, und das Unvorstellbare geschieht: Max wird als Hauptfigur in die eigene Geschichte hineingezogen.

Lektorat, zweite Fassung

Auch die zweite Fassung beginnt mit dem Zitat. Danach wird es anschaulicher, weil diese Fassung Max Delius vorstellt und warum er den Thriller schreibt. Ich würde hier das Wort „Thriller“ verwenden, „Bestseller“ ist nichtssagender und sie sind vor allem nicht planbar. bei einem Thriller erwartet jeder Morde – allerdings nur auf dem Papier.

Im zweiten Absatz stört mich die „nachdem“-Konstruktion. Klappentexte lieben kurze Sätze und sollten die Dinge auf den Punkt bringen (außerdem heißt es hochsprachlich „als“). „Gerät in die Macht eines unsichtbaren Feindes“ klingt harmloser als „wird seine Tochter entführt“. Letzteres weckt mehr Emotionen beim Leser.

Der letzte Absatz ist wieder sehr aufgebläht mit Informationen. Der Killer fliegt auf, und Max wird in seine eigene Geschichte hineingezogen. Außerdem ist „das Unvorstellbare geschieht“ inhaltsleer und unanschaulich. Das ginge kürzer und spannender: „Und dann wird Max zur Hauptfigur der eigenen Geschichte …“

Vorschlag neue Fassung

Bei Klappentexten wie bei Romanen gibt es keine „richtige“ und „falsche Lösung“. Man hat immer unterschiedliche Möglichkeiten und kann auswählen, welche am besten zum Buch passt und den Leser reizt, das Buch aufzuschlagen.

Mehrere Fassungen sind immer eine gute Idee, um einen spannenden Klappentext zu schneidern. Hier ist mein Vorschlag, zusammengesetzt aus den beiden Fassungen:

Max´ Sätze haben bereits zwei Menschen den Tod gebracht.

Der erfolglose Krimiautor Max Delius erhält den Auftrag, einen Thriller zu verfassen. Und während er schreibt, sterben die Mordopfer nicht nur auf dem Papier, sondern auch in Wirklichkeit.

Er weigert sich, weiterzuschreiben.

Daraufhin wird seine Tochter entführt.

Max muss sein Werk vollenden, sonst stirbt sie.

Und der Horror endet nicht mit dem letzten geschriebenen Satz.

Hier habe ich die Info, dass er selbst in die Geschichte hineingezogen wird, weggelassen. Das wäre ein zu großer Spoiler. Die Entführung der Tochter und die Morde in der Wirklichkeit bieten genügend Spannung und lassen den Konflikt deutlich werden. Mehr braucht es nicht.

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