Überarbeitung und Lektorat: Mäandern

Der Mäander (heute: Büyük Menderes) ist ein Fluss in Anatolien und war in der Antike berühmt, weil sich seine Mündung in unendlich viele Flussarme aufteilte.
Bei manchen Texten habe ich genau das gleiche Gefühl. Sie teilen sich in unendlich viele Stränge auf, immer neue Details, die eben wegen ihrer Fülle nicht mehr spannend sind.

Es war eine stürmische Nacht, das alte Haus ächzte und stöhnte, vor hundertfünfzig Jahren hatte der berühmte Architekt Marius Maier es entworfen, es kam in die Zeitungen. Marius Maier war eng mit dem letzten deutschen Kaiser befreundet, dem er jedes Jahr zu Weihnachten eine dicke Flasche Champagner schenkte, die zwanzig Jahre in dem Weingut seiner Tante, der Witwe Dupont, gereift war. Er besuchte sie jedes Jahr, um den Champagner abzuholen. Die Witwe war eine große Frau mit groben Händen, die ihn als Kind wegen ihrer Größe immer erschreckt hatten. Aber ihr Mann hatte große Frauen geschätzt, alle seine Geliebten waren auch größer als er. Er wollte Schriftsteller werden, doch dann heiratete er die Witwe Dupont, die damals noch keine Witwe war, und schrieb Bücher über den Champagner-Anbau, die sehr gerne gelesen wurden vom deutschen Bildungsbürgertum, das damals im Kaiserreich immer mehr Einfluss gewann, und …

Wie sich der antike Mäander nicht entscheiden konnte, wie er ins Meer fließen wollte, können sich solche mäandernden Texte auch nicht entscheiden, wohin sie führen sollen.
„Wenn Sie im ersten Akt eine Pistole an die Wand gehängt haben, sollte sie im Folgenden abgefeuert werden. Sonst legen Sie sie nicht dort ab.“ Das hat der russische Schriftsteller Tschechow gesagt.
Was ist im obigen Text das Äquivalent zum Gewehr? Was wird im Laufe der Geschichte Bedeutung gewinnen? Der Architekt? Seine Freundschaft zum Kaiser? Die große Witwe Dupont? Das alte Haus, das bald einstürzt?

Wie erkennt man mäandernde Texte?

Vor allem im literarischen Genre versuchen manche Autorinnen und erst recht Autoren, mit dem Mäandern Tiefe zu gewinnen. Wenn sie Glück haben, wird das im Feuilleton gelobt. Dann liest sie zwar kaum einer, aber sie haben einen Namen.
Wenn Ihre Bücher gelesen werden sollen, dann prüfen Sie sie darauf, ob die Details einen Zusammenhang haben. Oder ob viele unverbunden nebeneinanderstehen. Fragen Sie andere Autoren, was die von dem Text behalten haben. Oder versuchen Sie, Freundinnen kurz zu erzählen, worum es in Ihrem Buch geht.
Scheitert das oder endet im Herumstottern: „Da ist ein altes Haus und der Kaiser und ein Architekt, der es gebaut hat, und eine große Tante …“, dann mäandert Ihr Text.

Was ist spannend?

Zum Glück lassen sich auch mäandernde Texte verbessern und überarbeiten. Fragen Sie sich: Was ist in der Geschichte spannend? Was spricht Sie besonders an? Fragen Sie Kolleginnen, Freunde, welchen der vielen Flussläufe sie weiterlesen wollen.
Oft gibt es in einem mäandernden Text eine Hauptströmung, die aber durch die Vielzahl der mäandernden anderen Textläufen verdeckt wird.

Wie endet die Geschichte?

Wenn Sie die Geschichte bereits geschrieben oder geplottet haben, lohnt sich ein Blick auf den Schluss. Wer oder was spielt da die entscheidende Rolle? Stürzt am Schluss das Haus ein und begräbt die ganze Familie unter sich? In dem Fall können Sie die Freundschaft zwischen Architekt und Kaiser kurz erwähnen, aber die Witwe und der Champagner können raus.
Meist müssen Sie einen solchen Text neu schreiben. Beginnen Sie mit dem Haus. Geben Sie ihm mehr Raum. Und lassen die vielen Details weg.

Mäandern ist Gerüstbau

„Der erste Entwurf ist immer scheiße“, das wusste schon Hemingway. Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben, sich nicht schämen, wenn die Lektorin Ihnen sagt: „Der Text mäandert.“ Das passiert den besten Autoren. Viele müssen sich erst mal einschreiben. Da dient der erste Entwurf als Gerüst, das Halt gibt.
Aber ein Gerüst ist kein Haus. Und ein mäandernder Text kein spannender Roman. Da hilft nur: neu schreiben.

Übung 1

Nehmen Sie sich obigen mäandernden Text vor. Lesen Sie ihn noch mal. Dann sagen Sie, ohne lange zu überlegen, was Sie fasziniert. Nur eine Sache. Nicht lange nachdenken. Und dann schreiben Sie dazu eine Szene.
Wie fühlt sich der neue Text an, wenn Sie ihn laut lesen?

Übung 2

Nehmen Sie das Champagner-Weingut. Dort wird ein Mord geschehen. Jetzt schreiben Sie obigen Text neu, mit dem Wissen, dass er auf einen Mord zusteuert. Ohne den Leser mit der Nase darauf zu stoßen.

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