Die Text-Qualität erkennen professionelle Lektoren nach ein paar Seiten

Interview mit Michael Lohmann

Michael Lohmann hat eine Vergangenheit, und zwar eine Chefredakteurs-Vergangenheit in deutschen Großverlagen. Außerdem betreibt er seit acht Jahren unabhängig von seiner Lektorentätigkeit das Blog deutschmeisterei.de, in dem er täglich aufspießt, was einem so alles aufstößt im täglichen Kampf um gutes Deutsch. Nicht zu vergessen, er hat eine ganze Phalanx erfolgreicher Autorinnen und Autoren lektoriert, von Béla Bolten bis hin zu Patrizia Prudenzi.

Hans Peter Roentgen: Michael, welche Texte lektorierst du? Und was machst du in so einem Lektorat?

Michael Lohmann: Vor allem Romane, ein paar Sachbücher, wenn mich das Thema interessiert. Biographien auch mal, aber nur, wenn die Schreibenden wirklich etwas zu sagen haben. Kurz: Einer mit dreißig sollte sich von Biographischem fernhalten. Das langweilt nicht nur den Lektor.

Im Laufe der Jahre hat sich eine gewisse Nähe zu Krimis ausgebaut, zu Thrillern, zu Abenteuergeschichten – und zu Frauenliteratur. Vor allem aber arbeite ich immer wieder gern mit denselben Autoren zusammen. Ich bin in der glücklichen Lage, ablehnen zu können – und ziehe bekannte Gesichter vor. Und Geschichten, die mich beim Anlesen aus den Socken hauen.

HPR: Mal angenommen, ich schicke dir einen Text, welche Schritte passieren dann, bis das Lektorat beendet ist?

ML: Ich gehöre zu denen (ich glaube: zu den wenigen), die Probelelektorate kostenlos machen. Zwanzig, fünfundzwanzig Normseiten bearbeite ich, als hätte ich mit dem Autor schon ein Vertragsverhältnis. So lerne ich den Text kennen (ja, die Text-Qualität erkennen professionelle Lektoren nach ein paar Seiten!), und der Autor lernt, wie ich den Text angehe.

Ich telefoniere leidenschaftlich gern. Nach dem Anlesen steht ein langes Telefonat über Wünsche und Ziele an. Dann mache ich einen Kostenvoranschlag, einen verbindlichen. Kommt man sich näher, fange ich unter fester Terminvorgabe an. Vor den Text stelle ich eigene zwei Seiten mit einer Art Glossar der Kürzel, mit denen ich meine Anmerkungen kommentiere: INQ steht für böse Inquits [Verben des Sagens – die Red.], KillPass für ein erlegtes Passiv, LE für Loses Ende, Infdump für Info-Dump. Und so weiter. Das spart mir die Mühe, jede meiner Anmerkungen immer zu begründen. Ich lese jeden Text zwei Mal.

Nach dem ersten Lesen ist der Autor dran; er muss sich mit meinen Anmerkungen befassen. Das zweite Lesen ist dann oft ein gänzlich neues. In der Regel sehe ich die Geschichte anders und mache tiefer gehende Anmerkungen, was den Plot anbelangt: lose Enden, Unstimmigkeiten, Charakter-Entwicklung. Der Text zum zweiten Lesen geht parallel – in meinem Seitenpreis inbegriffen – an eine Korrektorin, mit der ich seit drei Jahren zusammenarbeite. Ihre Fundstücke (auf 300 Seiten bestimmt noch mal 30 bis 40, die der Autorin und mir entgangen sind) baue ich in das zweite Lesen ein.

HPR: Bietest du unterschiedliche Lektoratsformen an (Exposé, Klappentext, Manuskriptgutachten), oder sind es immer vollständige Texte?

ML: Ich biete das gängige Lektorat an, dazu gehört für mich auch der Klappentext. Parallel dazu arbeite ich viel (und sehr gern) auch an Exposés bis zur Marktreife. Diese Anforderungen nehmen deutlich zu. Auf meine Lektorenseite worttaten.de habe ich zu „Exposé“ einen eigenen Registerpunkt gestellt.

HPR: Müssen die Texte ein bestimmtes Niveau haben, damit du sie lektorierst? Oder lektorierst du alles?

ML: Darf ich die Frage streichen? Oder auch nicht. Ja, müssen sie. Ich will Spaß bei der Arbeit haben, Lesen ist mein Leben. Nein, das streichen wir wirklich. Ich lese für mein Leben gern. Texte, die ich erst auf ein akzeptables, marktfähiges Niveau trimmen muss, werden so teuer, dass es sich der Autor nicht mehr leisten kann, es sei denn, er ist Investmentbanker. Dann reden wir über Ghostwriting.

HPR: Was gehört zu deinem Lektorat? Grammatik, Rechtschreibung? Stil? Was noch?

ML: Ja, all das sowieso. Faktengenauigkeit, ich checke jede Tatsachenbehauptung. Charakterentwicklung. Aufbau des Werks. Und ganz besonders: Würde das Werk mich so weit reizen, dass ich nach zwanzig Seiten den Knopf zum Kauf drücken würde? In meinen Augen gewinnt oder stirbt das Werk auf dieser Kurzdistanz. Anders herum: Ich schlage dem Autor (und natürlich auch der Autorin) Eingriffe oder Umstellungen vor. Und telefoniere auch direkt darüber, wenn ich meine, dass ich zu sehr eingreife.

HPR: Gibt es typische Probleme in den Texten, die immer wieder auftreten? Kannst du uns drei typische Beispiele nennen?

ML: (1) Die Ansicht, der Duden liefere so etwas wie ein Vorschlagswerk aus. Für ein allgemeines Verständnis von Text beuge ich mich den Regeln und erwarte das auch von den Schreibern.

(2) Adverbien, die nach wörtlicher Rede die Stimmungslage des Sprechenden noch mehr betonen sollen („Ich vertraue dir nicht“, sagte er misstrauisch). Die Schreiber misstrauen (!) der Wörtlichkeit, die sie selbst erschaffen haben!

(3) Sätze mit mehr als einem Relativsatz. Ich frage mich dann immer, an welchem Glied dieses Satzes die Leserin zum nächsten Absatz springt. Über meiner Arbeit steht ein Satz des geschätzten, sprachkonservativen Wolf Schneider: „Einer muss sich quälen: der Autor oder der Leser.“ Der Autor möge sich bitte quälen. Sonst tue ich es.

Und ja, (4) Kaputte Perspektiven. Kommt häufiger vor, als man denkt. Ich merke das nur an. Die Neuformulierung überlasse ich dem Autor.

HPR: Übernehmen deine Kunden alle deine Änderungen? Erwartest du, dass alles übernommen wird?

ML: Nein, das erwarte ich nicht. Überhaupt nicht. Ich empfinde mich – das mache ich auch im ersten Telefonat klar – als Dienstleister. Ich mahne, merke an, verbessere. Was die Autorin damit macht, ist ihre Sache, sie ist im Lektoratsprozess die Bossin, die mich Tag und Nacht behelligen darf.

HPR: Kannst du einen Durchschnittswert sagen, wie viel Prozent deiner Änderungen übernommen werden?

ML: Über 90 Prozent.

HPR: Was geschieht, wenn der Kunde sagt: Nein, so wie du das geändert hast, will ich das nicht haben?

ML: Dann bekommt er seinen Willen. Ich bin in dieser Beziehung vollkommen uneitel. Und ich verabscheue, auch im Alltag, ausufernde Diskussionen über Geschmäcklerisches. Über falsche „dass / das“ und „sie / Sie“ indes kann man nicht streiten.

HPR: Gab es auch schon mal Fälle, in denen du und der Kunde euch nicht einigen konnten? Was passiert dann?

ML: Ja, es gab den Fall, dass der Kunde nach dem ersten Lesen begründen konnte, dass ich neben der Kappe lag. Peinlich für mich. Wir haben uns dann finanziell geeinigt. Asche auf mein Haupt! So etwas klebt lange in der Weste.

HPR: Kommen wir zum heikelsten Thema, den Preisen. Hast du feste Preise für bestimmte Leistungen, zum Beispiel pro Normseite? Oder wonach berechnest du den Preis deiner Leistungen?

ML: Ich weiß nach dem Probelektorat, wie groß mein Aufwand sein wird. Bin ich unsicher, lese ich noch mal die Seite 199 bis 209, 299 bis 309 und so weiter. Es sind Erfahrungswerte aus der Anzahl der Eingriffe pro Seite. Danach lege ich einen Preis pro Normseite fest für den Kostenvoranschlag, der auch nicht diskutiert wird. In dem steht alles, auch das Zahlungsziel. Es gab in meiner Praxis erst zwei Mal den Fall, dass Autoren nicht bezahlt haben. Dann werde ich sauer und juristisch.

HPR: Wie bist du eigentlich Lektor geworden? Wie sah dein Berufsweg aus?.

ML: Nach dem Studium Volontariat bei der Badischen Zeitung in Freiburg. Dann schnell in den Journalismus, als Chefredakteur einiger Publikumszeitschriften in Hamburg, unter anderem TV Spielfilm, TV Movie und Hörzu. Danach habe ich zwei Jahre lang eine Zeitschrift herausgebracht, die sich mit der deutschen Sprache beschäftigte, den Deutschen Sprachkompass. Der Zufall wollte es, dass ich in dieser Zeit sehr viel selbstverlegte Bücher las und mich über die Qualität ärgerte, die dramaturgische und die sprachliche. Ich habe dann aus einer Laune heraus einen der Autoren angeschrieben. Mit dem arbeite ich heute noch. Freiberuflich war ich in der Zeit sowieso schon, ein Lektorat ergab das nächste. Heute kann ich mich über Aufträge nicht beklagen und ich lebe sehr gut davon – vor allem aber: Es ist das Erfüllendste, das ich beruflich jemals gemacht habe.

Studiert habe ich Islamkunde und Germanistik

HPR: Gibt es einen mittlerweile veröffentlichten Text aus deinen Lektoraten, den du uns besonders empfehlen würdest?

ML: Die Bücher von Victoria Suffrage und Elsa Rieger, die Krimis von Béla Bolten und die Wegner-Reihe von Thomas Herzberg, die Bücher von Lily Ashby alias Karen Scharmann. Alles von Patrizia Prudenzi. Die zwei irrsinnig fitzeligen Karten-Quartett-Spiele (Opern und Orgeln), die jetzt in der Elbphilharmonie verkauft werden. Gott, wem trete ich hier gerade auf die Füße?

HPR: Lieber Michael Lohmann, danke für das Interview!

aus: Tempest 10/2019

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