Sieben Tipps für spannende Beschreibungen

Wie beschreibe ich Landschaften, Gebäude und Historie? Beschreibungen können tückisch sein, sie bremsen den Lesefluss. Lektorinnen streichen sie gerne. Aber sie sind notwendig, vor allem in Fantasy und historischen Romanen.

Ich möchte Ihnen hier ein paar Tricks verraten, wie Sie spannende Beschreibungen schreiben können, die Leser nicht überblättern.

1. Was wissen die Leser bereits?

Vermeiden Sie Beschreibungen, die den Leserinnen nichts Neues verraten.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Die Häuser sahen alle gleich aus, mit Balkons und kleinen Vorgärten und Garage. Sie hatten Dachfenster, um den Raum möglichst optimal auszunutzen, und der Garten dahinter hatte eine kleine Hütte für Werkzeug und eine Verandatür …“

Jeder kennt typische Vorortsiedlungen. Wenn Sie obiges Beispiel über eine halbe Seite ausdehnen, haben Sie gute Chancen, dass Leserinnen es überblättern. Oder, falls Sie viele solche Beschreibungen einbauen, dass sie das Buch zuklappen.

2. Mit den Gefühlen des Helden verbinden

Lassen Sie den Leser erleben, was der Protagonist fühlt. Was fällt ihm ein, wenn er den Ort sieht? Das beschreibt ihn viel nachdrücklicher als eine Aufzählung.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Eine typische Vorortsiedlung, die Häuser sahen alle gleich aus, und Kommissar Gronninger schauderte. Die nächste Kneipe war vermutlich zwei Kilometer entfernt und der Bus fuhr nur jede halbe Stunde. Wenn überhaupt.
Aber Killer John würde sich hier wohlfühlen. Er würde seinen Charme sprühen lassen, die Nachbarn würden ihn zu Grillpartys einladen, die Frauen über seine Witze lachen und die Männer ihn mit finsteren Blicken bedenken.“

3. Handlung beschreibt am besten

Statt einfach Elemente des Umfelds aufzuzählen, ist es viel wirkungsvoller, wenn der Ort aus der Handlung heraus beschrieben wird.

„Sie erreichten das Viertel, in das sich Killer John eingemietet hatte. Vor dem Haus bremste Harry, und Kommissar Gronninger sprang aus dem Wagen, bevor er zum Stehen gekommen war. Er machte sich nicht die Mühe, das Gartentor zu öffnen, sondern setzte mit einem Sprung über den ortsüblichen Gartenzahn, rannte durch das Tulpenbeet, die Pistole in der Hand, und lockte so die Oma des Nachbarn ans Dachgeschossfenster, die laut keifend verkündete, sie würde die Polizei rufen, das sei hier eine ordentliche Siedlung und kein Problemviertel.“

4. Kein Lexikonartikel

Beschreibungen, die sich wie Lexikonartikel lesen und alles, aber auch alles aufzählen, sind ein sicheres Mittel, um Leserinnen zu vergraulen.

„Conan ging auf das Tor zu, der Wächter versperrte ihm den Zutritt mit gezückter Hellebarde. Die Hellebarden trugen die Wächter seit der Regierungszeit Alfons des XXI., der die Wache mit dem Privileg ausstattete, mit Schwert und Hellebarde auch im Schloss aufzutreten. Das Schloss wurde von dessen Urgroßvater Alfons dem XVIII. erbaut und der Großvater renovierte es im Tudorstil, was dem Vater Alfons dem XX. nicht gefiel, weshalb er den rechten Flügel abreißen ließ und dort einen Neubau im Remagostil erstellen ließ, der aber so teuer wurde, dass er die Steuern erhöhen musste, was zur ‚Steuerrevolte‘ führte, in der der Neubau abgefackelt wurde …“

5. Aktiv statt Passiv

Gerade Beschreibungen sollten aktiv sein. Also nicht: „Vor ihm befand sich ein Tulpenfeld, rechts ein Teich mit Seerosen, dahinter lag das Bauernhaus. Der Rauch wurde durch ein Feuer im Hof erzeugt und Holz schien von darum herumstehenden Männern ins Feuer geworfen zu werden.“

„befinden, liegen“ und ähnliche statische Verben sowie Passivkonstruktionen bremsen das Tempo. Besser sind Aktiv und aktive Verben.

„Das Tulpenfeld leuchtete in der Abendsonne, im Teich daneben eröffneten die Frösche ihr Konzert, und vor dem Bauernhof flackerte und qualmte ein Feuer, und zwei Männer warfen immer neue Scheite in die Flammen.“

6. Bedeutung erzählen

Einfache Aufzählungen vergisst der Leser schnell wieder. Deshalb ist es besser, wenn klar wird, warum bestimmte Dinge wichtig sind.

Sie galoppierten über die Ebene, der Fähnrich voran. Sie hielten auf eine Wiese mit Blaugras zu. Es wiegte sich im Winterwind, schillerte und leuchtete und war in Garminica überall anzutreffen.

Aber warum ist es wichtig, das in der Geschichte zu beschreiben?

Sie galoppierten über die Ebene, der Fähnrich voran. Plötzlich parierte er sein Pferd durch, das empört schnaubte. Die beiden Besucher hielten neben ihm an.

„Was ist?“, fragte Fred.

„Blaugras.“ Der Fähnrich zeigte nach vorne. Gras wiegte sich im Winterwind, aber es leuchtete nicht grün, sondern im schillernden Blau.

„Na und?“, sagte Fred

„Wir haben Winter. Im Winter kannst du dich damit rasieren, so scharf sind die Kanten. Wenn wir hineinreiten, zerschneidet es den Pferden Hufe und Beine.“

„Wir müssen zurück?“

Der Fähnrich nickte und riss sein Pferd herum.
Doch dann sahen sie am Horizont die Verfolger schnell näherkommen.

Hier hat das Blaugras eine Bedeutung für die Handlung bekommen. Dinge, die keine Bedeutung haben, sollte man in aller Regel streichen.

7. Wann Beschreibungen überarbeiten?

Wenn Sie Ihre Erstfassung geschrieben haben, ist es immer eine gute Idee, die Beschreibungen in Ihrem Werk zu kontrollieren. Welche sind langatmig, welche passiv, welche sind für den Roman irrelevant und damit überflüssig?

Andreas Eschbach schreibt immer wieder Bücher, die ausführliche Schilderungen enthalten. Zum Beispiel „Der Nobelpreis“. Er beschreibt die Zeremonie der Verleihung, die Wahl der Preisträger und vieles mehr über den Nobelpreis. Trotzdem ist es nicht langweilig, denn seine Schilderungen sind aktiv („Dann betritt der König den Saal“) und behandeln detailliert etwas, was die meisten Leserinnen so nicht wissen, was aber alle interessiert.

Wer wissen möchte, wie man Ereignisse, Zeremonien und Beschreibungen baut, die die Leser fesseln, statt zu langweilen, sollte dieses Buch lesen.

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