Überarbeitung und Lektorat: Der erste Absatz

Wenn ich einen neuen Text erhalte, mache ich, was Leserinnen in der Buchhandlung oder beim Online-Händler auch tun: Ich lese den Anfang. Wenn der mich nicht packt, gibt es ein Problem.
Nicht nur der erste Satz ist wichtig. Der ganze erste Absatz sollte den Leser in den Text ziehen. Das heißt: keine Erklärungen der Autorin. Rein in die Handlung. Gebt dem Leser einen Eindruck, was ihn im Buch erwartet. Und was er von der Autorin erwarten kann bezüglich Spannung, Stil, Personen und und und.
Also den oder die ersten Abschnitte überarbeiten?
Kommt darauf an. Dass es so oft Probleme mit dem Einstieg gibt, hat einen einfachen Grund. Autorinnen müssen selbst erst den Einstieg finden. Sie mäandern um ihr Thema, erklären sich selbst ihre Geschichte, um ihr näher zu kommen. Sie bauen zunächst eine Art Gerüst, um dann mit dem Bau der Geschichte beginnen zu können.
Dementsprechend gibt es meist eine einfache Lösung des Problems: Bauen Sie das Gerüst wieder ab, wenn die Geschichte steht. Streichen Sie den ersten Absatz. Möglicherweise auch den zweiten.
Wird der Einstieg damit handlungsreicher? Zieht er den Leser besser in die Geschichte? Vermittelt ihm einen Eindruck, auf welche Art von Buch er sich da einlassen wird?
Manchmal muss man auch zahlreiche Absätze am Anfang streichen. Ein sicheres Zeichen ist es, wenn erst ein späterer Absatz mit der eigentlichen Handlung beginnt. Den nehmen Sie! Denken Sie daran, am Anfang müssen Sie dem Leser nicht alles erklären. Ganz im Gegenteil: Sie müssen ihn neugierig machen. Warum handelt die Person hier so seltsam?
Die gestrichenen Absätze können Sie aufbewahren. Möglicherweise können Sie sie später verwenden. Aber lange Beschreibungen am Anfang wecken keine Neugier.


Es war Frühling, die Blumen blühten, die Bäume schlugen aus, die Hummeln summten und im Café saßen die ersten Gäste, noch in Mäntel gehüllt. Ein Eiswagen fuhr klingelnd vorbei. Enten schnatterten im See, der leichte Wellen schlug. Die Sonne spiegelte sich im Wasser. Frösche quakten.


Was sagt ein solcher Anfang einem interessierten Leser? Rein gar nichts, so ein Frühlingsanfang ist überall gleich. Könnte ein Krimi sein, ein historischer Roman, Liebesroman, Fantasy, …
Wie sähe es anders aus, wenn Sie die erste Handlung wählen:


Lady Gavidia genoss die ersten Sonnenstrahlen auf der Veranda, als ihr Butler Ser Galwan meldete. Der wartete gar nicht die Erlaubnis zum Eintreten ab, sondern drängte James zu Seite und …
Oder der:
Die Lehrerin Gina Botig genoss die Frühlingssonne im ICE-Speisewagen. Plötzlich krachte es. Der Schaffner warf sich auf den Boden …
Oder der:
Immer im Frühjahr überkommt mich die Lust, einen leichten Rucksack zu packen, nur mit einem Paar Unterwäsche zum Wechseln und einem Schlafsack, und durch die Landschaft zu streifen.


Schauen wir uns doch mal zwei Anfänge erfolgreicher Romane an:
Leck mich am Arsch, denkt O, als sie zwischen Chon und Ben auf einer Bank am Main Beach sitzt und potenzielle Partnerinnen für die beiden ausguckt.
»Die da?«, fragt sie und zeigt auf eine typische BB (Baywatch-Blondine), die über die Strandpromenade schlendert.
Chon schüttelt den Kopf. (Don Winslow, Kings of Cool, Suhrkamp)


Das ist der Beginn eines Hardcore-Thrillers, er beginnt mit Handlung. Aber nicht mit Action. Und weckt Neugier. Warum guckt eine Frau für Ihre zwei Begleiter mögliche Partnerinnen aus? Ganz unauffällig ist in die Handlung eine Beschreibung eingewebt: Wir sind an einem Strand in den USA.
Zeruya Shalev schreibt keine Hardcore-Thriller, sondern Bücher über Beziehungen. So fängt ihr neuestes Buch »Schicksal« an:


Schweigend stand sie vor der geschlossenen Tür. Wozu noch klingeln oder klopfen, seine Mutter hatte sie ja schon lange gehört. Hinter dem offenen Küchenfenster gewahrte sie den Schatten einer Bewegung, lautlos wie ein Augenzwinkern. Ein riesiger Topf köchelte auf dem Petroleumkocher, bestimmt versteckte sich dahinter die klein gewachsene Frau mit dem Holzlöffel in der Hand …

Ein ganz anderer Anfang, ein ganz anderes Buch, ein ganz anderer Stil und andere Personen.
Und doch haben beide etwas gemeinsam. Sie beginnen mit Handlung, in die kurz (kurz!) und unauffällig eingewebt ist, wo wir uns befinden.
Fazit:
Schauen Sie sich bei der Überarbeitung Ihren Beginn genau an. Fangen Sie mit Beschreibungen oder Erklärungen an? Dann streichen Sie diese bis zum ersten Absatz, der eine Handlung enthält.
Sie müssen dem Leser doch noch erläutern, wer die Personen sind? Wo die Geschichte spielt?
Nein, müssen Sie nicht. Jedenfalls nicht am Anfang. Werfen Sie den Leser in die Handlung, soll er sich doch fragen, wer da vor verschlossener Tür steht oder wer da für zwei Freunde Partnerinnen aussucht. Denn dazu muss er weiterlesen. Und genau das möchten Sie ja erreichen.

Überarbeitung und Lektorat: Der erste Absatz

Ein Gedanke zu “Überarbeitung und Lektorat: Der erste Absatz

  1. Silke Heß schreibt:

    Hallo Herr Röntgen, vielen Dank für den Artikel. Nach Ihrem Buch „Vier Seiten für ein Halleluja“ (sehr zu empfehlen), welches ich vor ein paar Monaten gelesen habe, ist dieser Beitrag zur Auffrischung super.
    Als Neuling war für mich die Frage beim ersten Absatz „Beschreibung oder Erklärung?“ sehr wertvoll. Ich, für mein Empfinden, kann jetzt zu jedem Satz meines ersten Absatzes genau sagen, wieso ich den Satz nicht streichen muss. Dank ihren Ratschlägen passiert etwas wesentliches in meinem Manuskript jetzt schon auf der ersten halben Seite und nicht erst auf der dritten Seite. Ich bin mir sicher, mein Text hat, dank Ihnen, sich sehr verbessert. Vielen Dank!

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