Prologe – Wann sie nützen, wann sie schaden

„Die kleinen Jungs waren die Ersten, die zum Richtplatz kamen“ beginnt der Prolog zu „Die Säulen der Erde“. Ein wunderbarer Roman, ein spannender Prolog. Leider sind längst nicht alle Prologe so eindrücklich. Im Gegenteil, 90% derer, die ich lesen muss, wären besser weggelassen worden.

Gehe ich durch meine Bücher, so stelle ich fest: Die Romane aus den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigen haben selten Prologe. Horst Pahlke hat dies in seinem Blog beschrieben.

Aber heute haben Romane fast immer einen Prolog, zumindestens Genreromane. Von den fünf Finalisten des Amazonbuchpreises Storyteller glänzen drei mit einem Prolog, einer mit einem Vorwort. Nur einer springt direkt in die Geschichte. Es ist der Beste der Leseproben – meint Malte Bremer vom Literaturcafe und ich meine das auch. Die anderen haben ihren Werken mit dem Prolog nichts Gutes getan. Ganz im Gegenteil. Wohlgemerkt: Wir beide haben nur die Leseproben gelesen, den Anfang der Geschichten.

Was ist eigentlich ein Prolog? Ganz einfach: Etwas, das lange vor der eigentlichen Geschichte passiert ist, aber Einfluss auf diese hat. Der Prolog aus „Die Säulen der Erde“ ist ein Musterbeispiel. Und er zeigt auch, was ein Prolog haben muss, damit er den Leser fesselt. Handlung und Spannung.

Wann ist ein Prolog sinnvoll?

Wenn Sie eine Szene oder ein Ereignis haben, das vor der eigentlichen Geschichte liegt, das den Leser fesseln kann, dessen Bedeutung sich aber erst im Laufe der Geschichte zeigt, dann kann ein Prolog sinnvoll sein.

Welche Prologe sind abschreckend?

Viele Autoren glauben heute, dass sie einen Prolog schreiben müssen, sonst sei das Buch nicht gut. Irrtum. Und damit sind wir gleich bei der ersten Sorte von Prologen, die Sie besser streichen sollten:

  • Wenn Sie sich verzweifelt überlegen, was für einen Prolog Sie schreiben sollten
    Das ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass Ihre Geschichte keinen braucht. Lassen Sie ihn also weg. Es gibt unendlich viele hervorragende, erfolgreiche Romane ohne Prolog.

Natürlich gibt es auch eine ganze Reihe weiterer Fälle, bei denen die Delete Taste für den Prolog das Mittel der Wahl ist:

  • Wenn der Autor glaubt, er müsse dem Leser vorab etwas zur Geschichte erklären.
    Eine Geschichte muss sich selbst erklären. Tut sie das nicht, taugt sie entweder nichts oder muss so überarbeitet werden, dass sie ohne Voraberklärungen des Autors den Leser in Bann zieht.
  • Wenn der Autor ein Vorwort schreiben will
    Vorworte sind eigentlich keine Prologe, aber dennoch ist manches, wo „Prolog“ drübersteht, ein Vorwort. Viele glauben, dass ihr Roman mit einem Vorwort besser und bedeutungsvoller wird. Das stimmt für Sachbücher. Nicht für Romane. Wie Sie auf die Idee zu Ihrer Geschichte gekommen sind, warum Sie sie geschrieben haben, welche historische Hintergründe der Roman hat, weiterführende Literatur: All das dürfen Sie in einem Nachwort erläutern. Denn wenn den Lesern eine Geschichte gefallen hat, dann interessieren sie sich brennend für den Autor, die Entstehungsgeschichte, die Hintergründe.
    Aber erst dann. Solange Ihre Leser die Geschichte nicht kennen, langweilen alle diese Informationen. Also packen Sie diese Infos in ein Nachwort und streichen Ihren Prolog bzw. Ihr Vorwort.
  • Wenn der Autor die Geschichte mit Bedeutung aufladen will
    Deutschlehrer lieben es, die Bedeutung einer Geschichte ausführlich zu diskutieren. In Aufsätzen werden Schüler darauf gedrillt. Also sollte Ihre Geschichte auch Bedeutung haben und schon setzen Sie sich hin und formulieren all das, an das Sie sich aus dem Deutschunterricht noch erinnern können, in Ihrem Prolog. Da werden bedeutungsschwangere Sätze gedrechselt, bombastische Formulieren sollen die Geschichte mit Bedeutung aufladen. Oft produziert so etwas unfreiwilligen Humor. Und verbessert ihre Geschichte nicht, sondern qualifiziert sie ab. Schauen Sie sich die Verrisse von Malte Bremer von vier Finalisten des Amazon Preises mit Prologen an. Genüsslich zerfetzt er Zitate – fast alle stammen aus solchen Prologen.
    So manche gute Geschichte wurde durch einen solchen Versuch schon verhunzt. Der Leser stieg aus, bevor er zu dem spannenden Text in Kapitel 1 gelangen konnte.
  • Wenn der Autor seiner Geschichte nicht traut
    Autoren zweifeln gerne an Ihren Geschichten. Und dann wollen sie auf Nummer sicher gehen und schreiben einen Prolog. Aber wenn die Geschichte den Leser nicht fesselt, nützt der beste Prolog nichts. Dagegen kann ein schlechter, langweiliger Prolog einer guten Geschichte erheblich schaden.
  • Der Prolog soll in die Geschichte einführen
    Mit einem Prolog will der Autor den Leser in die Geschichte einführen, ihm die Schwierigkeiten und Persönlichkeit des Helden vorstellen. Aber den Held und sein Umfeld erfährt der Leser durch die Handlung, die Dialoge der Geschichte. Das ist viel spannender.
    Denken Sie daran: Eine gute, alte Schreibregel vieler erfolgreicher Autoren lautet:
    So spät wie möglich in die Geschichte einsteigen und den Leser sie erleben lassen. Nicht erklären.
    Sol Stein sagt in seinem Standardwerk „Über das Schreiben“, Kap 2: „Wer auf die Veröffentlichung seines Werks Wert legt, ist gut beraten, eine Szene an den Anfang zu stellen, die sich der Leser plastisch vorstellen kann. An welcher Stelle lässt man diese Szene beginnen? So dicht wie möglich an ihrem Höhepunkt“ (Kap 2)
    Wenn ein Prolog ein Infodump ist, hilft nur eins: ran an die Delete-Taste!

Sie sehen, ich bin skeptisch, was die Verwendung von Prologen angeht. Aber ich weiß auch, dass es hervorragende Prologe gibt. Nur ist der Prolog ein Handwerkszeug, das man dann verwenden sollte, wenn es passt. Und nicht im Überfluss nach dem Motto: Viel hilft viel.

Der Prologtest

Drucken Sie die ersten beiden Seiten Ihres Prologs und ihres ersten Kapitels aus, aber ohne die Überschrift „Prolog“ oder „1. Kapitel“. Legen Sie ihn Testlesern Ihres Genres vor, die ihren Text noch nicht kennen. Und fragen Sie: „Welcher Text lockt Sie am meisten, weiterzulesen?“

In Buchhandlungen lesen die Kunden die erste Seite, dann klappen sie das Buch zu – und gehen zur Kasse oder legen es weg. Das ist gut untersucht. Im Internet dürfte es nicht anders sein, nur dass dort die Leseprobe gelesen wird.

Natürlich wollen wir alle, dass unsere Texte gelesen werden. Und die entscheidende Frage ist: Lockt der Prolog den Leser? Ich habe oben die Fälle aufgezählt, in denen er das vermutlich nicht schaffen wird.

Wenn der Prolog kein Prolog ist

Im Prolog wird der Mord geschildert aus der Perspektive des Opfers oder des Täters. Kapitel 1 zeigt den Kommissar am Tatort.

Eigentlich ist der Mord kein Prolog, sondern das Ereignis, dass die Geschichte (Wer war der Täter?) in Gang setzt. Dennoch wird gerne das erste Kapitel zum Prolog erklärt, weil Autoren argumentieren, dass der Mord aus einer anderen Perspektive erzählt wird als der Rest der Geschichte.

Aber Leser sind nicht dumm. Zwischen zwei Kapiteln die Perspektive zu wechseln, ist mittlerweile üblich. Gönnen Sie dem Anfang Ihrer Geschichte die Überschrift „Kapitel 1“.

Epilog

Müssen sie einen Epilog schreiben, wenn Sie einen Prolog geschrieben haben?

Und was ist überhaupt ein Epilog?

Ein Epilog ist eine Handlung, die nach der Geschichte stattfindet. Wenn der Showdown vorbei ist, der Held gesiegt oder verloren hat, der Konflikt aufgelöst wurde. Nachdem Kampf zwischen Harry Potter und Voldemort gibt es eine kurze Szene mit dem erwachsenen Harry Potter, der ein ganz normales Familienleben führt und seine Kinder auf den Bahnsteig 9 ¾ begleitet.

Sie dürfen einen Epilog schreiben, ganz egal, ob ihre Geschichte einen Prolog hat oder nicht. Sie müssen aber keinen Epilog schreiben, nur weil am Anfang ein Prolog steht. Und sie können Ihren Roman ganz ohne Prolog und Epilog verfassen.

Dank

gebührt Allen, die in der FB Gruppe Self Publishing über Prologe diskutiert haben. Dieser Artikel wäre ohne eure Beiträge mit Pro und Contra nie entstanden!

Links

Stephan Waldscheidt, So schreiben Sie einen Prolog und so lassen Sie ihn weg
Annika Bühnemann, Kritik an der Kritik
Ken Follett, Die Säulen der Erde, Leseprobe mit Prolog
Die Shortlist von Amazons Buchpreis Storytellers
Das Literaturcafe, Malte Bremer, Ein Blick auf die Shortlist
Sol Stein, Über das Schreiben, Kap 2
Beispiellektorat eines Prolog


Spannung – der Unterleib der Literatur
Die hohe Kunst, den Leser zu fesseln und auf die Folter zu spannen
http://www.hanspeterroentgen.de/spannung-1.html

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Prologe – Wann sie nützen, wann sie schaden

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