Der Absatz – das unbekannte Wesen

Die Hälfte der Texte, die ich zur Korrektur bekomme, hat zu wenig Absätze. Selbst viele Textprofis leiden oft unter dem, was Mediziner die „chronische Absatzscheu“ nennen. Manche legen sogar Texte mit mehreren Seiten ohne jeden Absatz vor.

Die Begründung: „Das ist doch der Job der Lektoren“. So kann man es natürlich auch sehen. Nur darf man sich dann keiner wundern, dass niemand seine Texte zu Ende liest.

Auch in Stilratgebern und Schreibbüchern sucht man Rat zur Absatzgestaltung meistens vergeblich.

Dabei ist es gar nicht so schwierig. Denn es gibt es ein paar Faustregeln. Natürlich sind die nicht in Stein gemeißelt und dienen, wie die Zeichensetzung auch, der einfacheren Lesbarkeit (Ja, ja, ich weiß, die Zeichensetzung dient der Rechtschreibung, den Grammatikregeln, den Kultusministern, laut Günther Grass der deutschen Literatur und erst ganz zum Schluss dann der Lesbarkeit!).

Die Faustregeln:

Absätze werden gemacht:
– Wenn der Sprecher wechselt
– Wenn die Perspektive wechselt
– Vor und nach Flashbacks
– Wenn eine Beschreibung endet und die Handlung einsetzt
– Wenn eine neue Person die Bühne betritt

Wozu Absätze?

Absätze sind wie Sätze, Szenen und Kapitel Gliederungsmöglichkeiten. In der Regel enthält ein Absatz mehrere Sätze und eine Szene mehrere Absätze. Eigentlich ist das selbstverständlich, aber wenn Sie wüssten, was ich schon alles in Texten erlebt habe!

Dabei ist der Absatz als Gliederungselement noch viel wichtiger als der Satz und bietet auch weit mehr Möglichkeiten, als die Lesbarkeit sicher zu stellen. Denn Absätze bestimmen Rythmus und Tempo eines Textes. Sie sind ein ganz wesentliches Element, das den Stil festlegt.

Nehmen Sie sich einfach mal verschiedene Bücher aus eurem Regal, schlagen Sie sie an beliebiger Stelle auf und schauen Sie sich an, wie auf diesen beiden Seiten die Absätze verteilt sind.

Wann soll man Absätze machen?

Auf jeden Fall, wenn der Sprecher wechselt.

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“ Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen.“ „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich. „Ich war das.“, antwortete der Esel.

Das ist einfach schwierig zu lesen und noch schwieriger zu verstehen. Aber ein Absatz hinter dem jeweiligen Sprecherwechsel und schon ist es einfach viel klarer:

Kurz bevor sie bei Thomas ankamen, hörte Josef eine Stimme. „Sei vorsichtig, Thomas will dich reinlegen!“
Erschrocken drehte Josef sich um. Es war niemand zu sehen. „Wer hat das gesagt?“, fragte er ängstlich.
„Ich war das“, antwortete der Esel.

Wohlgemerkt, hier steht kein Absatz nach „Es war niemand zu sehen“. Denn das, was folgt, sagt immer noch Josef. Ein Absatz ist hier nicht nötig.  Macht einmal das Experiment, den Text mit und ohne Absatz zu lesen. Was ändert sich dann am Rythmus, an der Stimmung des Textes? Welche Fassung würdet ihr vorziehen?

Wie beim Sprecherwechsel gehört ein Absatz natürlich immer dorthin, wo die Perspektive oder Handlung wechselt und insbesondere, wenn der Text von einer Beschreibung zur Handlung übergeht.

Die Burg glänzte schwarz, als wäre sie frisch lackiert worden. Der Burgfried ragte so hoch, dass er die Wolken am Bauch kitzeln konnte. Das Tor war verschlossen und verriegelt, die Zugbrücke hochgezogen.
Plötzlich öffnete sich ein Fenster und ein hölzerner Kuckuck schnellte heraus.

Was wäre, wenn man das alles in einem Absatz schreiben würde?

Ganz einfach: Dann würde der Kuckuck längst nicht so überraschend kommen. Mit Absätzen nimmt man auch eine Betonung vor. Generell sollte ein Absatz natürlich überall erfolgen, wo etwas Neues im Text erscheint. Absätze gliedern einen Text und damit die Gedanken, die Erzählung der Autoren.

Wirkung von Absätzen

Je mehr Absätze ein Text hat, desto „aktiver“, „einfacher“ und „temporeicher“ wirkt er. Deshalb haben Actionszenen und Dialoge meist sehr viele Absätze, im Extremfall sogar mit nur einem Satz.

Er rammt den Rückwärtsgang rein.
Stieß zurück, erster Gang, Vollgas.
Die Reifen drehten durch. Fassten endlich.
Das Tor zersplitterte und sie waren durch.

Umgekehrt wirken Texte mit wenigen Absätzen eher „ruhig“ oder „schwierig“. Logischerweise haben Beschreibungen, philosophische Erörterungen etc. auch durchaus mal Absätze mit einer halben Seite. Mehr würde ich einem Leser nur in begründeten Ausnahmefällen zumuten.

Warnung

Bei vielen Wettbewerben gibt es eine Seitenbegrenzung. Bei Überschreitung liegt die Versuchung nahe, einfach Absätze wegzulassen und so den Text auf die Begrenzung zu kürzen.

NEIN! Das sollte man nie, nie, nie tun. Denn dadurch verliert euer Text so viel, dass die Chancen auf den Nullpunkt schwinden. Ein Text mit ungenügender Gliederung, mit zu wenig Absätzen wirkt dilettantisch. Da kann die Geschichte selbst noch so gut sein.

Lieber sich überlegen: Welchen Teil der Erzählung könnte man ganz weglassen?

Womit wir wieder bei der „chronischen Absatzscheu“ wären. Man kann natürlich auf die Lektoren hoffen. Ich halte das für keine gute Idee. Denn Absätze sind ein wichtiges Stilmittel und das sollte kein Autor aus der Hand geben.

Stephen King

Stephen King schreibt in „Das Leben und das Schreiben:

Ich bin der Meinung, dass nicht der Satz, sondern der Absatz die kleinste Einheit eines Textes darstellt, in der Kohärenz entsteht und Wörter die Chance haben, über sich hinauszuwachsen. Wenn es Zeit wird, das Tempo zu erhöhen, geschieht das auf Absatzebene. (S151).

Und dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

Leerzeilen – wann setzen?

 

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Der Absatz – das unbekannte Wesen

7 Gedanken zu “Der Absatz – das unbekannte Wesen

  1. Auch mir ist schon oft beim Gegenlesen anderer Texte aufgefallen, dass kaum, bis keine Absätze vorhanden sind. Für mich ist dann oft schwierig auseinander zu halten, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Es lenkt sogar so ab, dass ich nur noch darauf konzentriert bin und vom Inhalt des Textes nicht mehr mitbekomme. Das macht definitiv keinen Spaß.

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